Markus Zusak: Die Bücherdiebin

11. Oktober 2009

buchdieb

Ende der 30er Jahre des 20. Jhdts in Deutschland. Eine junge Frau reist mit ihrer jungen Tochter und dem noch jüngeren Sohn in der Bahn nach Molching, ein Städtchen in der Nähe von München. Es ist Winter und der Erzähler aus dem Off schildert, wie der kleine Junge stirbt, tot auf dem Bahnsteig liegt, wegtransportiert wird. Der Junge wird in diesem namenlosen Dorf begraben und im Schnee findet das Mädchen ein Buch, das Handbuch für Totengräber. Sie nimmt es an sich, es wird bald ihr wertvollster Schatz werden.

Mutter und Tochter müssen weiterfahren zu ihrem Ziel, der Familie Hubermann, Hans und Rosa, bei denen die Tochter die nächsten Jahre als Pflegetochter leben wird. Die Mutter – man erfährt nichts mehr über sie, außer daß sie Kommunistin war, wie der Vater auch. Ende der 30er Jahre braucht man nicht viel Fantasie um sich auszumalen, welchem Schicksal sie entgegenging.

Nach diesem einleitenden Kapitel schildert das Buch das Schicksal der Liesel Meminger, der Bücherdiebin, des Saumenschen, und das ihrer Pflegeeltern, ihrer Freunde und vieler anderer Menschen in der Himmelsstraße in Molching. Und es schildert einen Abschnitt im Leben des Max Vandenburg, eines Juden Ende der 30er Jahre in Deutschland, dem Hans Hubermann durch ein viele Jahre zuvor abgelegtes Versprechen verpflichtet ist.

Es ist müßig, die Geschichte des Buches zu erzählen. Es ist zum einen die ganz normale Geschichte eines Kindes in diesen Zeiten, das draußen auf der Straße Freunde hat, aber auch Feinde, das zu Hause mitarbeiten muss, um den kärglichen Lebensunterhalt aufzubessern. Es ist aber auch die Geschichte von Menschen in einem kleinen Städtchen, in dem der Nationalsozialismus einen immer größeren Anteil vom täglichen Leben beherrscht. Die Mädchen gehen in den JM, die Jungen in die Hitlerjugend. Bücher werden verbrannt (und gestohlen) und Liesel erhält eine, die einzige Ohrfeige von ihrem Pflegevater, die ihr beibringt, daß sie in der Öffentlichkeit nie, unter keinen Umständen, Kritik an irgendetwas äußern darf. (Oh, hätte sich Hans H. doch später selber daran erinnert….). Es ist angeraten, den Geburtstag von Hitler zu kennen, Rudi, der starrköpfige, unbeugsame Freund von Liesel kann davon ein Lied erzählen….

Juden… Juden werden durch das Städtchen .. getrieben muss man sagen, nach Dachau („… um sich dort zu konzentrieren…“ welch ein bitter Sarkasmus in dem Satz….). Ausgemergelte, des Laufens kaum noch fähige Gestalten, die gepeitscht und geprügelt werden von jungen Männern, fast noch Jungen, die sich zu Schergen gemacht haben. Soll einer sagen, er hätte von nichts gewusst…. und doch, ja, auch hier gibt es (selbstmörderischen) Widerstand…

Bombennächte und die Willkür des Todes, des Sterbens. Hunger, Angst, Schrecken. All das und noch viel mehr…. Soldaten sterben in der Kälte Russland, deutsche Städte werden in Schutt und Asche gelegt, die häßliche Fratze des Krieges wendet sich Deutschland zu. Und der Tod hat viel zu tun, sehr viel, manchmal wird es ihm zuviel. -zig Tausend Seelen muss er in manches Mal in wenigen Stunden abtransportieren, an vielen Orten wird er gebraucht, von manchem Verzweifelten wird er erwartet, herbeigefleht….

Lesen wir das Buch, wissen wir dies ganz genau, denn der Erzähler ist niemand anderes als der Tod selbst, der – auf seine Art – Liesel Meminger lieb gewonnen hat und ihr Leben verfolgt und beobachtet. Nicht, daß er sie bzw. ihre Lieben verschonen würde, nein, das tut er wahrlich nicht. Aber Liesel selbst und ihr Buch, darauf achtet er. Und ganz am Ende, am Ende des Buches und auch dem von Liesel, als er sich mit ihr trifft, um sie zu sich zu holen, da gibt er ihr ihr altes, in Kindertagen geschriebenes Buch zurück……

(Ich muss es zugeben, für diese letzten Seiten des Buches habe ich etwas länger gebraucht. Die Wort verschwommen zum Teil, die Buchstaben zerrannen vor meinen Augen als ob Wellen Wasser aufwühlen würden und der Untergrund zu verschwimmen anfängt…. doch, die Art und Weise, wie Zusak hier das Leben und das Leid schildert, ist sehr berührend.)

Was also ist das für ein Buch? Erst einmal ein dickes, vielleicht zu dick für Jugendliche, denen ich es sehr empfehlen würde. Nicht so sehr Faktenwissen, aber das Leben in Deutschland unter Hitler kann man dort nachlesen, in all seiner Nazi-Häßlichkeit aber ohne tumbe Verallgemeinerung. Es wird klar, daß jeder, der die Augen aufgemacht hat, was wissen konnte. Vielleicht hat er nie ein KZ gesehen, aber die Bücher hat er brennen gesehen, die Züge mit den deportierten Juden, die Judenkarawanen in die Lager, die zerschmissenen Scheiben jüdischer Geschäfte und die Sanktionen gegen alle, die bei der Judenhatz nicht mitmachten. Denn auch die gab es und Zusak beschreibt sie: die nicht mitmachten, die Juden versteckten, die sich lieber prügeln ließen, als Speichel zu lecken, die ganz einfach Mensch blieben in diesen Zeiten.

Das Buch verzichtet wie gesagt praktisch auf die Aufzählung von Fakten, es beschreibt Gefühle, Stimmungen, Emotionen und prägt sich daher viel stärker ein als es reine Daten können. Es ist einfach geschrieben, aber nicht primitiv, zum Teil schafft Zusak wunderschöne Sprachbilder („… Sie sang ein Lied, aber so leise, daß Liesel es nicht verstand. Die Noten wurden in ihrem Atem geboren und starben auf ihren Lippen. …„). Der Text ist sehr lesefreundlich strukturiert und die Idee, den Tod als Erzähler auftreten zu lassen, ist einfach nur genial. Mein …

Facit: also wird niemanden überraschen: ein tolles Buch, gerade auch für Jugendliche, für die sogar eine Extra-Buchausgabe existiert.

Markus Zusak im Interview: http://www.boersenblatt.net/189489/ ….
…und hier kann man, wenn es klappt, die ersten Seiten des Buchs lesen…

Markus Zusak:
Die Bücherdiebin
in verschiedenen Ausgaben
TB bei cbt oder im Blanvalet Taschenbuch Verlag, September 2009
ISBN-10: 3570306275 (3442373956)
ISBN-13: 978-3570306277 (978-3442373956)

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7 Responses to “Markus Zusak: Die Bücherdiebin”

  1. Myriel Says:

    Tolle Rezi, die ich nur unterschreiben kann. Und so wie es Dir mit der letzten Seite ging, so ging es mir beinah einem Viertel des Buches. Sehr emotional geschrieben!

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    • flattersatz Says:

      Danke, Myriel, für deinen Besuch und deinen lieben Kommentar!
      Ja, es gibt Bücher, die in einem nachklingen, die etwas anrühren und das finde ich das Wunderbare an Literatur: obwohl sie erst einmal über das Lesen und Verstehen geht (nicht so wie die Musik, die direkt das Gefühl beeinflusst), wirkt sie weit darüber hinaus…. es ist das, was Fforde in seinen Büchern ins Extreme schreibt: man lebt, man fühlt in diesen geschriebenen Welten….

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  2. sbr Says:

    Hallo,

    es ist wirklich ein wunderbares Buch, dem ich sehr viele Leser wünsche. Ich würde mich sehr freuen, wenn es den Deutschen Jugendliteraturpreis bekommt – nominiert ist es ja…

    LG sbr

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    • flattersatz Says:

      Danke für den Hinweis (wieder was dazu gelernt, bei mir im Kopf hiess das noch Jugendbuchpreis…). .. Österreich ?? habe ich da was überlesen? …. Die Liste ist übrigens interessant, eins der anderen Bücher habe ich mir auch gerade geordert…. mal schauen…
      lg
      fs

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  3. […] 9, 2010 von Shidave Es gibt Bücher, die zwingen einen zum Reflektieren. „Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak ist so ein […]

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