Christian Sprang/ Matthias Nöllke: Aus die Maus

11. September 2009

todanz

Gestern abend noch auf einen kurzen Sprung in meine Buchhandlung und sofort sah ich im Bereich „Neu“ das obige Büchlein. Natürlich sprach es mich sofort an, und kaum aufgeschlagen, musste ich schon schallend lachen.

Welcher Anzeigentext es genau war, kann ich schon garnicht mehr sagen, zu viele davon:

Ich war der Bottich
Du drin der Hering.
und das Salz zwischen uns war die Liebe.

So die frischgebackene Witwe in der Anzeige. Und daß Gott ab und an auch einen Steinhäger zu sich nimmt, ist mir gestern auch klar geworden. Noch einen Leckerbissen aus der Kategorie: Knapp vorbei ist auch daneben:

Gott, dem Herrn, hat es gefallen, unsere geliebte Mutter

……………………….Ilse von Hinten

………………………………………………………zu sich zu nehmen.

 

 

 

Nun ja, seinen Namen kann man sich nicht aussuchen und eigene Textvorschläge auch nicht mehr einbringen…. aber trotzdem… der Hintersinn hätte eigentlich irgendjemandem auffallen sollen…

Abgesehen von dieser durch ihren Inhalt oder die Wortspiele frei- oder auch unfreiwilligen Komik spiegeln sich in vielen Anzeigen wie in einem Brennglas Schicksale. Aus den wenigen Zeilen geht nicht nur Trauer hervor, sonder auch Wut („Meinem leiblichen Vater XY, den ich suchen musste, da er nichts von meiner Existenz wusste, und den ich .. schwerkrank vorfand….„), zerrüttete Familienverhältnisse und Erleichterung („Jetzt wird gefeiert!„). Schuld wird verteilt, alte Rechnungen beglichen oder in die Öffentlichkeit getragen („Zum Tod von Dr. med. XY fällt mir nur ein Wort ein: Danke! Ein Patient.“), zum Teil bricht der schiere Hass durch, wenngleich aus rechtlichen Gründen um Verbrämung bemüht („Mein Schwiegervater … die Personifizierung geistigen Hochmuts und menschlichen Versagens.. ist gestorben…„). Von wegen, über Tote redet man nicht schlecht…. wenn im Leben nicht, dann vielleicht gerade jetzt, bei dieser letzten Gelegenheit, die Ungerechtigkeit, die einem im Leben vom Verstorbenen widerfahren ist, herauszulassen.

Facit: Trotzdem (oder gerade auch deswegen): wer ein wenig das Makabre, Skurrile mag, der ist mit diesem Buch sehr gut aufgehoben. Die Komik überwiegt dann doch die Tragik deutlich. Ich werde mir jedenfalls noch ein oder zwei ins Regal legen, zum Verschenken!

Ein letztes Zitat, weil es so schön ist:

Wie im Leben: Oma rief – Opa kam.

Und übrigens: „Ich bin dann mal wech…“ Das Zitat hat ja fast das Zeug zum Klassiker im Bereich der selbstformulierten (Umzugs)Anzeigen (Neue Adresse: XY-Friedhof……

Link: es geht auch etwas billiger als über das Druckwerk, eine Vielzahl der Anzeigen ist nämlich auf dieser Site zu bewundern:

http://www.todesanzeigensammlung.de/

Christian Sprang/ Matthias Nöllke
Aus die Maus
Kiepenheuer & Witsch, August 2009, Tb., 208 S.
ISBN-10: 3462041576
ISBN-13: 978-3462041576

Nachtrag:

von der Sammlung gibt es jetzt auch einen zweiten Band:

Christian Sprang, Matthias Nöllke:
Wir sind unfassbar
Kiepenheuer & Witsch, 2010, Tb., 220 S.

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