Erica Jong: Angst vorm Fliegen

fly-k

Das Buch, 1973 in Amerika erschienen, machte seinerzeit Furore, wurde ein echter Bestseller. Der Wiki zufolge sollen bislang über 15 Mio Exemplare über den Ladentisch gewandert sein, einer Besprechung des Buches im Spiegel nach allein in den USA in den ersten 3 Jahren nach Erscheinen über 7 Mio. Ob und wie beide Zahlen zusammenpassen sei dahin gestellt, ist letztlich auch egal. Zum Kauferfolg beigetragen haben wird jedenfalls die Adelung der Autorin als „weiblicher Henry Miller“ [1], auch wenn jeder der 15 Mio potentieller Leser, der hier ein Werk á la „Opus Pistorum“ oder „Stille Tage…“ erwartet, bitter enttäuscht sein gewesen sein dürfte.

Denn zwar zögert Jong nicht, das F-Wort zu verwenden (im Gegensatz zu mir, der ich google fürchte, welches mir noch mehr Verwirrte auf meinen blog leiten würde…. ), im Gegenteil, häufig und lustvoll wird es gebraucht und es ist nicht der einzige Begriff aus dem Umkreis volksnaher Begriffe aus dem Reich der Sexualität. Aber trotzdem ist das Buch im Grunde eher eine handlungsarme Parforcejagd durch die Psyche der Schriftstellerin Isadora Wing, Jüdin aus NY, 29 Jahre alt, in zweiter Ehe verheiratet mit einen Psychiater chinesischer Abstammung. Das Buch setzt mit dem Flug des Ehepaares nach Wien zu einem Psychoanalytikerkongress ein, und zwar in Begleitung von weiteren 116 Analytikern, von denen sie bei immerhin 6 (excl. ihres Mannes) schon als Patientin war.

Das Thema der Isadora ist ihre Selbstwahrnehmung, ihre Selbstfindung, die ewigen Zweifel, das Auseinanderklaffen zwischen dem, was man hat und dem, was man sich wünscht. Die Unfähigkeit, sich zu entscheiden, die ewige Frage: warum muss ich das eine aufgeben, um das andere zu bekommen? Warum kann ich nicht verheiratet sein und trotzdem den Spontanf*** suchen und geniessen: Eine Traumnummer von äußerster Reinheit, da ohne jede Nebenabsicht. Es findet kein Machtkampf statt, der Mann „nimmt“ nicht, die Frau „gibt“ nicht…. der Spontanf*** ist das sauberste, was es gibt.“ Und genau dieser Traumnummernmann begegnet ihr im Wiener Hotel in Gestalt eines leicht hippiemäßig angehauchten Engländers Adrian, der ihr beim Einchecken spontan den Hintern greift und damit den letzten klaren Gedanken raubt.

Adrian Goodlove zieht sie in ihren Bann, mir Hirn und M*se denkt sie nur noch an diesen Mann, wie ein Magnet zieht er sie an sich und mit vielen inneren Kämpfen von ihrem Ehemann weg. Zusammen fahren Isadora und Adrian meist alkoholbenebelt durch halb Europa, haben sich im Grunde immer weniger zu sagen, die existenzialistische Grundeinstellung von Adrian, wird immer brüchiger und zerstäubt endgültig, als er Isadora sitzen läßt, weil er zu einem schon lange verabredeten Treffen mit seiner Frau und den Kindern weiterfährt. Die Illusion reißt und Isadora fühlt sich (zurecht) verraten, sie geht zu Bennett, ihrem Mann zurück. Ob nun geistig gereift oder nicht, das wird vllt der Nachfolgeband zeigen.

Unterbrochen wird diese dünne und nicht sonderlich originelle Handlung durch retrospektive Ausflüge in die Kindheit der Heldin mit ihrer bemerkenswert neurotischen Familie, durch die Schilderung ihrer ersten Ehe mit dem superintelligenten Brian, der aber leider, leider dem Wahn anheim fällt, eine Inkarnation von Jesus zu sein. Auch Charly, ihr nächster Freund (etwas waschfaul) erweist sich schlussendlich nicht als Prinz der Träume und alle hinterlassen Spuren in der Psyche unser Heldin. Das alles ist flott geschrieben, deutlich ausformuliert mit viel Witz, auch wernn er manchmal im Hals stecken bleibt. Wie ihr Alter ego hat auch die Autorin einige Jahre in Heidelberg gewohnt, ihre Meinung über die Deutschen, die sie hier so unverblümt wie alles andere äußert, ist nicht sonderlich hoch (die über die Österreicher auch nicht), modifiziert sich dann aber im Laufe der Zeit.

Facit: Mit einem Facit tu ich mich jetzt schwer. Ich ersönlich habe mir das Buch ganz gern noch mal vorgenommen (vor einigen Jahren hatte ich es schon mal gelesen) und da es schon allein aufgrund der Verkaufszahlen und des Bekanntheitsgrades eine Art moderner „Klassiker“ geworden ist, ist es kein Fehler, wenn man es kennt, es wird schließlich heute noch als feministisches Kultbuch angepriesen.

Da es außerdem frech und flott geschrieben ist, die Spannung auf das, was als nächstes passiert, hochgehalten wird, doch ja, sollte man vllt doch kennen, auch wenn es schon älter ist.

Nachtrag vom 17.07.2011:

wer aktuelleres von Jong zum Thema „Frauen, Sex und Ehe“ (in den USA) sucht, sei auf einen Beitrag bei „fuckermothers“ verwiesen…

Erica Jong
Angst vorm Fliegen

aktuelle TB-Ausgabe:
Ullstein Tb; 2004, 472 S.
ISBN-10: 3548258417
ISBN-13: 978-3548258416

von mir vorgestellte Ausgabe:
Fischer TB, 1983, 359 S.
ISBN: 3596220807

2 Kommentare zu „Erica Jong: Angst vorm Fliegen

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