Masuji Ibuse: Schwarzer Regen

6. August 2009

rain-klein

„Now, I am become Death, the destroyer of worlds.“
(Robert Oppenheimer, aus der Bhagavadgita)

Am 6. August 1945 warfen die Vereinigten Staaten von Amerika über Hiroshima die erste Atombombe ab, 3 Tage später folgte der zweite Abwurf einer Bombe durch eben denselben Staat auf Nagasaki. Am 15. August kapitulierte Japan.

Der Roman von Ibuse spielt in der Zeit zwischen der Bombadierung Hiroshimas und der Kapitulation Japans. Er ist in eine Rahmenhandlung gebettet: Shigematsu beherbergt seine Nichte Yasuko, die er zu verheiraten sucht. Dies gelingt ihm aber nicht, da jeder Heiratskandidat befürchtet, Yasuko, die sich zur Zeit des Abwurfs in Hiroshima aufhielt, sei strahlenkrank. Da kommen Shigematsu und seine Frau auf die Idee, der Heiratsvermittlerin das Tagebuch Yasukos aus dieser Zeit mitzugeben. Da sich die Nichte einige Kilometer vom Explosionsort entfernt aufgehalten hat, glauben sie, so den schädlichen Gerüchten entgegentreten zu können. Als Untermauerung und um die Kontrast hervorzuheben, geben sie auch das Tagebuch von Shigematsu, der sich sehr nahe am Explosionsort befand, bei.

Das Buch gibt nun im wesentlichen Shigematsus Aufzeichnungen wieder, streut an der einen oder anderen Stelle auch Tagebucheinträge anderer Opfer ein, wie dies die fiktive Handlung erfordert. Die Tagebucheinträge selbst beruhen weitgehend auf originalen Aufzeichnungen von Menschen, die Ibuse im Buch zum Teil nur leicht verändert auftreten läßt.

Textprobe01

Die neun Handlungstage des Romans beschreiben eine Reise durch das Inferno, durch die Hölle. Was dort geschehen ist, ist für die Menschen unfassbar. Die Bombe hat nicht beschreibbares Leid gebracht, nicht fassbares, nicht verstehbares. Ibuse wird dieser Ungeheuerlichkeit gerecht, indem er praktisch jede Emotion vermeidet. Eine einzige Stelle habe ich mir markiert, in der er seinen Helden mal aus sich herausgehen läßt. Beim Anblick eines Toten, aus dessen Augen, Mund und Nase Heerscharen von Maden kriechen, fällt ihm eine Zeile eines Dichters ein, in der es heißt: „O Wurm, Freund Wurm!“ Textprobe02 und er ereifert sich: „Zu welcher Idiotie kann man nur fähig sein. Er [i.e. der Dichter] hätte hier sein sollen um 8.15 uhr, am sechsten August, als sich alles erfüllte: als der Himmel zerriss von oben bis unten, die Erde brannte und Menschen starben. …. Am liebsten hätte ich mein Bündel in den Fluss geschleudert. Ich haßte den Krieg. Was machte es letzten Endes aus, welche Seite siegte. Wichtig war nur, alles so schnell wie möglich zu beenden. Lieber einen ungerechten Frieden als einen „gerechten“ Krieg!„. Die nüchterne Distanz, aus der Ibuse ansonsten seinen Helden das Grauen schildern läßt, kann man hier beispielhaft an zwei beliebig herausgegriffenen Textstellen sehen.

Es geht, wenn die Menschen überhaupt noch denken können, ums nackte Überleben – Essen und Wasser. Ärzte und Medikamente werden gebraucht, die Schmerzen sind ohne Ende. Die Haut schält sich, alles schwillt an, nacktes Fleisch an allen Körperteilen. An jeder Ecke Tote, so viele, daß sie einfach im Flussbett zusammengetragen und verbrannt werden. Niemand weiß, was geschehen ist, was das für eine Bombe war. Verwandte werden gesucht, die Familien sind oft auseinander gerissen. Wo schläft man die Nacht, wo und wie versorgt man sich? Zielloses Herumirren allenthalben. Man hat zusätzlich noch Angst vor dem Militär, aber auch dessen Strukturen sind zerstört. Erst nach zwei, drei Tagen beginnt langsam wieder ein etwas organisierteres Leben: Kranke und Überlebende werden gesammelt, in notdürftigste Lazarette gebracht. Man braucht Kohlen, um Fabriken am Laufen zu halten, muss Beerdigungen organisieren, das Überleben sichern……

Was soll ich hier noch weiterschreiben, es ist das Grauen schlechthin.

Im Gegensatz zu anderen Grausamkeiten des Krieges (z.B. die Feuerstürme in Hamburg oder auch Desden) hat der Abwurf der Atombomben durch die Strahlenkrankheit langfristige Folgen für die Menschen ganz neuer Art. Dies deutet Ibuse in seiner Rahmenhandlung an: es ist schwierig, einen Ehepartner zu finden, da Strahlenkranke sich nicht anstrengen können, dürfen sie nicht arbeiten und werden sozial als Faulenzer geächtet…. man hat schnell vergessen, was die Ursache ist für die Betroffenen…..

Der geschichtliche Fortgang ist bekannt. Diese zwei Bomben sind die einzigen, die je eingesetzt worden sind. Jedoch ist die Zahl der Staaten, die über Atombomben als Waffen verfügen, stetig gewachsen… USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien, Israel, Pakistan, Indien, Nordkorea… zumindest.. vielleicht noch einige mehr. Und was sagt einem der gesunde Menschenverstand? Irgendwann…… nein, ich will es nicht denken, aber irgendwann wird es wieder so sein.

Facit: ein erschütterndes Buch.

Masuji Ibuse
Schwarzer Regen
Fischer TB, 1985, 372 S.
ISBN: 3596258464

Links:

Natürlich findet man mit einer Suchmaschine (ich mach jetzt keine Reklame für irgendeine…) eine Unzahl von Quellen zum Thema „Atombombenabwurf“, ebenso natürlich gibt es Gedrucktes zuhauf in Form von Büchern, Zeitschriftenartikeln etc pp…

einen Überblick mit sehr vielen weiterführenden Links gibt (wie so oft) die Wiki

Was ich mir persönlich jetzt noch notiert habe, sind ist dieser Link:

http://www.aktivepolitik.de/hiroshima.htm

hier ist u.a. der Einsatzbefehl wiedergegeben und eine Fotostrecke verlinkt, die einen optischen Eindruck von dem gibt, was Ibuse in seinem Roman in Worte gefasst hat.

Natürlich führt auch die Bildersuche nach „Hiroshima Opfer“ zu einem (erschütterndem) Ergebnis…

Ibuses Buch wurde auch verfilmt.

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3 Responses to “Masuji Ibuse: Schwarzer Regen”

  1. tinius Says:

    Es ist eine Schande – oder auch einfach kläglich -, daß das Buch seit langem nicht mehr lieferbar ist. LG tinius

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    • flattersatz Says:

      Ja, da gebe ich dir recht, es gibt Bücher, die sollten einfach immer erhältlich sein, wie es die Klassiker ja auch sind.

      Aber gottseidank gibt es ja noch den antiquarischen Buchhandel, z.b. das ZVAB…. :-)

      Dank dir für deinen Kommentar!
      lg
      fs

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  2. […] als das Organische. Tatsächlich aber blieben auch Steine nicht unverletzt; in Masuji Ibuses Roman Schwarzer Regen wird ein Stein beschrieben, dessen Haut sich gerade abgeschält hat. Manche der detaillierten […]

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