Martin Suter: Small World

koni

Suter scheint sich ja langsam zu einem meiner Lieblingsautoren zu entwickeln…. jedenfalls habe ich mir letzte Woche seine „Small World“ mitgenommen und auch direkt gelesen, denn das Thema „Alzheimer“, das ja einen der Schwerpunkte des Buches ausmacht, interessiert mich.

Suter erzählt die Geschichte des Konrad Lang, eines alkoholabhängigen Mittsechzigers, der von der reichen schweizerischen Industriellefamilie Koch finanziert wird. Wofür und warum bleibt im unklaren, ist weitgehend rätselhaft, denn eine echte Gegenleistung muss er nicht bringen. Im Gegenteil, als Hausmeister der Familie im Anwesen auf Korfu eingesetzt, fackelt er dies ab, weil er in einem Moment geistiger Abwesenheit den Holzstoß neben dem Kamin (anstelle des Holzes im Kamin) mit Brandbeschleuniger versetzt und anzündet. Aber selbst nach diesen erheblichen Schaden, den er verursacht hat, läßt ihn die Familie Koch, allen voran die Matriarchin Elvira, nicht wirklich fallen.

Man erfährt, daß er seinerzeit mit Thomas Koch, dem Sohn von Elvira, zusammen aufwuchs, sozusagen dessen „Haustier“ war. Wechselte Thomas die Schule, ging Konrad natürlich mit. Lernte Tomi Schifahren, bekam auch Koni Stunden, auf gleiche Weise kam Koni zum Klavierspielen, wo er nicht unerhebliche Fertigkeiten zeigte. Hatte Tomi mal keine Lust auf Koni, schob er ihn auf´s Abstellgleis, bis er ihn dann Tage oder Wochen später wieder brauchte. Auch im Internat sorgte Tomi instinktiv mit seinen gleichreichen Freunden dafür, daß die Klassenschranken dicht blieben, Koni wurde allenfalls zum Schmierestehen oder zum Aufpassen mitgenommen.

Dieser Koni also wird von der Familie Koch nach dem Brandfall in Korfu mit einer monatlichen Grundausstattung an Wohnung, Verfügungsmitteln und Taschengeld ruhig gestellt. Er spricht dem Alkohol weiter zu, lernt aber eine attraktive Frau in seinem Alter kennen und verliebt sich. Er schafft es sogar, dem Alk zu entsagen. Einzig die Socken im Kühlschrank, die Tatsache, daß er sich im Supermarkt verirrt und ähnlich seltsam-beunruhigende Erfahrungen trüben das Leben des Paares ein wenig ein.

Die Symptome der Vergesslichkeit werden bei Koni immer schlimmer, Verwirrtheit kommt hinzu, Weglauftendenzen… Rosemarie sorgt sich zunehmend mehr, fragt einen befreundeten Arzt. Verblüffend ist, daß im selben Maß, in dem die Erinnerungen aus dem Kurzzeitgedächtnis verschwinden, ihm Geschehnisse aus früher, immer früherer Jugend einfallen. Eine Tatsache, von der Elvira erfährt und die ihr Sorgen macht.

Gut, ich will hier jetzt nicht den ganzen Roman erzählen. Letztlich will Elvira die Kontrolle über den immer weiter in die Vergangenheit abdriftenden Konrad nicht verlieren, sie richtet ihm auf Betreiben ihrer Schwiegertochter Simone eine Art Privatpflege auf dem Koch´schen Anwesen ein, mit Ärzten, Pflegerinnen, Therapeuten – alles vom Feinsten. Eines dieser therapeutischen Themen ist das Betrachten alter Familienfotos, die Simone sich heimlich bei Elvira besorgen muss, da diese jene wie ihren Augapfel hütet.

Soweit, so gut. Danach wird das ganze dann etwas … nun ja… mir fehlt das richtige Wort. Jedenfalls haben die beiden Ärzte, die Konrad betreuen, über ihre Arbeit Zugang zu Alzheimermedikamenten, die sie an Konrad ausprobieren. Und – Freude, Freude, Freude – sie wirken, langsam, aber stetig… ein schmalziges, unglaubwürdiges Happy End, zumal Suter abschließend noch einen Markennamen für das Medikament präsentiert, das weder ergoogelbar noch erbingbar ist.. (Wen es interessiert hier ist etwas über medikamentöse Alzheimer-Behandlung geschrieben).

Tja, und das Geheimnis um Toni und Koni, Tomikoni und Konitomi wird auch gelöst, es ist aber allenfalls noch en detail eine Überraschung, da man schon relativ früh ahnt, worauf das Ganze hinausläuft.

Wie immer hat auch hier Suter eine klar, nüchterne, präzise Sprache, die nichts beschönigt, nichts wertet. Er beobachtet genau, schildert exakt (hier insbesondere die Eigenheiten im Verhalten eines Alzheimer-Patienten). Seine Akteure sind zum Teil sehr deutlich gezeichnet (Konrad, Elvira), zum Teil noch nicht so in die Tiefe gehend (Rosemarie, Thomas, Urs), was aber angesichts der Dichtes des Romans nicht ins Gewicht fällt. So bleibt einzig das unnötige, unglaubwürdige und schmalzige Happy-End als Kritikpunkt übrig.

Facit: Die ersten 85 % des Buches sind stark, dann wird das Geheimnis gelöst und das Happy-End konstruiert. Das mindert die Freude etwas. Aber nur etwas.

Links:

Das Buch gibt´s auch als Film

Martin Suter
Small World
Diogenes Tb; 323 S.
ISBN-10: 3257230885
ISBN-13: 978-3257230888

8 Kommentare zu „Martin Suter: Small World

  1. Musste das Buch im Rahmen eines Deutschprojekts lesen und war etwas enttäuscht. Kenne Martin Suter als begnadeten Erzähler, der zwar auch in „Small World“ so manch gute Dialoge hinbekommt, letzten Endes aber – wie schon von anderen erwähnt – am Schluss des Romans masslos übertreibt und meiner Meinung nach auch die ganze Geschichte unnötig in die Länge zieht. Die Krankheit an sich ist sehr gut recherchiert und widergegeben, obwohl sie an einer Stelle dem Krankheitsbild eher wider- als entspricht.

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  2. Eines der besten Werke von Suter, auch wenn ich etwas enttäuscht war vom Schluss. Dieser absolut übertriebene Moralanspruch hat dem Werk die Glaubwürdigkeit zum Ende hin genommen. Davor wurde die Krankheit und die gesamte Geschichte absolut authentisch erzählt, doch am Ende wird eine unheilbare Krankheit geheilt, alle bösen werden bestraft und der liebe Konrad spielt so gut Klavier wie noch nie… Naja, etwas zu viel des Guten…

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  3. Ich seh das etwas kritisch… und vielleicht lese ich es genau deshalb.
    Zum Hintergrund bin ich selbst als Abgehörige eines Demenzkranken betroffen und sehe anhand deiner Zusammenfassung vor allem Klischees und ein Happy End bei Alzheimer… :-(
    Es wäre schön, aber bei Demenzen tritt keine Besserung ein. Was weg ist, ist weg.
    Super, dass du auf die Alzheimer Gesellschaft verlinkst. Übrigens ist der Wirkstoff Memantine in letzter Zeit durch fragwürdige Werbung etwas in die Kritik geraten.

    Ach, das Thema ist so traurig…

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    1. Ja, ich stimme dir zu (und ich denke, das geht auch aus meiner Buchvorstellung hervor), wech is wech… und weil ich Alzheimer (?), jedenfalls Demenz auch aus dem engeren Umfeld kenne, habe ich mich über diese unnötige und vor allem so unrealistische Darstellung auch geärgert. Ich denke mal, bei seinem ersten Buch hat sich Suter noch nicht getraut, ohne Happy End zu schreiben. Eine andere Erklärung habe ich dafür eigentlich nicht, denn ich schätze ihn mittlerweile doch als genauen Beobachter und Erzähler sehr.

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  4. Oh, danke fürs Erinnern. Dieses Buch liegt seit einigen Jahren ungelesen in einem Stapel noch zu lesender Bücher, in Insiderkreisen auch SUB genannt.
    Ich musste lachen, dass ich ausgerechnet dieses Buch „vergessen“ hatte. Zufall?
    Elana

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