Christoph Hein: Frau Paula Trousseau

19. Juni 2009

paula

Vorneweg: ein schönes Buch, ein ernstes, ein fesselndes. So bin ich Anne-Kathrin dankbar, die mich darauf gebracht hat und die es jetzt eventuell interessiert, was ich dazu meine.

Erst einmal zur Geschichte. Aber wie soll man über 530 dichte Seiten eines Romans in eine kurze Besprechung packen? Also nur im gröbsten Überblick: Hein erzählt die Lebensgeschichte der Paula Trousseau, geb. Plasterer. Diese wächst zusammen mit ihrer älteren Schwester und einem durch einen Unfall verkrüppelten Bruder in Leizpig in einem von einem despotischen Vater beherrschten Elternhaus auf. Liebe erfährt sie dort nicht, dem Vater, der die Mutter in den Alkoholismus und versuchte Suizide treibt, sind die beiden Mädchen nicht viel wert. So verwundert es nicht, daß beide Schwestern früh versuchen, diesem Haus durch Heirat zu entkommen. Paula ehelicht den älteren Hans T. und als verheiratete Frau beginnt sie, sich nicht mehr fremden Wünschen zu beugen. Sie will das, was sie in grauen Kindertagen fesselte, jetzt beruflich machen, nämlich malen. Dafür ist sie bereit, gegen jeden Widerstand (und es mangelt wahrlich nicht daran) alles zu opfern. Selbst die übelsten Tricks, der Austausch der Pille gegen Placebos durch Hans und die danach erfolgende Schwangerschaft, bremsen sie nicht.

Sie erweist sich als begabt, bleibt aber Aussenseiterin. Die Ehe zerbricht, ihre Tochter kommt zu ihrem Mann, da sie vor Gericht keine Anstalten macht, ihre Rechte als Mutter wahrzunehmen. Im Gegenteil, ihre Tochter war ihr Belastung geworden, bestimmte ihren Tagesablauf und hinderte sie beim Malen.

Die Liebschaft mit einem ihrer Professoren eröffnete ihr den Zugang zu Künsterkreisen in Berlin. Hier fühlt sie sich wohl, lernt interessante Leute kennen, vor allem aber auch Sibylle, die ihr zur intimen Freundin wird. Aber auch Waldschmidt kann sie nicht halten, als sie merkt, daß er ihr künstlerisch nicht folgt bzw. sie nicht anerkennt, trennt sie sich von ihm.

Sie schafft den Abschluss mit Ach und Krach (weil sie sich eine Menge Feinde geschaffen hat), lebt danach von der Hand in den Mund. Sie bekommt nur kleine Aufträge, lernt aber Jan kennen, einen Schauspieler, der sich hoffnungslose in die schöne Frau Paula verliebt. Ein Kinderwunsch wird wach in Paula, sie läßt sich mit Jan ein und nutzt ihn, um schwanger zu werden. Als dies sicher ist, jagt sie Jan davon. Niemand außer ihr soll das Kind für sich beanspruchen. Jan wird nie erfahren, daß er Vater wird bzw. geworden ist…..

Sie zieht Michael groß und ist glücklich. Langsam bekommt sie kleine Aufträge, sie kann etwas Luft schöpfen, findet irgendwann in Heinrich einen Verehrer. Als sie merkt, wie gerne Michael mit Heinrich zusammen ist, einen Vater vermisst, läßt sie sich auf diesen Mann ein. Mit ihm zieht sie auf´s Land, er, der begabte Handwerker, renoviert ein heruntergekommenes Haus für die „Familie“. Dies geht eine ganze Zeitlang gut, dann hat Paula die Nase voll und schmeisst Heinrich raus.

Aber auch ihr Sohn nabelt sich langsam von ihr ab und so lebt Paula alleine auf dem Land, in ihrem Atelier, wird menschenscheu und hängt ihren Depressionen nach…..


Es ist eine faszinierende Frau, diese Paula T. Was sagt der Klappentext?: „Die Geschichte einer gelungenen Emanzipation…“ . Ist das wirklich so? Ich denke, nein. Derjenige Mitarbeiter der FR, der dies geschrieben hat, verwechselt wahrscheinlich Stärke und Härte. Paula ist ein harte Frau, hart gegen sich und gegen andere. Sie ist bereit, die Konsequenzen dieses Verhaltens zu tragen und kümmert sich kaum und die Folgen, die ihr Verhalten bei anderen hat. Wie sagt es Paula selbst, in Bezug auf ein Bild, an dem sie gerade malt: „Ich würde auch bei diesem Bild kalt und genau bleiben. Paula hatte gelernt, Paula war erwachsen geworden.“ (S. 328) Bezeichnenderweise greift Hein hier zu einem Kunstgriff: er läßt Paula in der Dritten Person Singular reden, in der Sprache eines Kindes, das noch kein Ich-Bewusstsein hat und von sich in der Dritten Person spricht. Und genauso kommt mir Paula vor: hart, aber ohne das nötige Selbstbewusstsein und damit ohne Stärke. Wer eine starke Persönlichkeit ist, der kann auch Kompromisse schließen, auf andere Rücksicht nehmen, auch die Rechte anderer anerkennen. In Paulas Welt gibt es nur ein Zentrum: Paula. Und das macht sie hart und schwach.

Natürlich liegt der Schlüssel dazu im Elternhaus. In einem Kapitel zeigt uns Hein dies ganz deutlich: der Vater erleidet einen Hirnschlag und muss auf Intensiv, die Ärzte machen der Mutter kaum Hoffnungen, daß ihr Mann dies ohne bleibende Schäden überleben kann. Das ist für die Mutter die Befreiung, die vom Leben gebeutelte Frau ergreift die Initiative, verbannt den Alkohol aus dem Haus, ruft den gammelnden Bruder zur Ordnung und hat innerhalb weniger Tage sich und die Familie (im positiven Sinn) im Griff. Und genauso hätte Paula werden können ohne diesen Vater. und dann der Schock: der Vater überlebt, ist nicht behindert. Noch am gleichen Abend betrinkt sich die Mutter wieder…. So hätte Paula auch werden können, malen: ja, natürlich, aber auch lmit Freude eben, die sich bietenden Chancen ergreifen, mit den Menschen leben und nicht gegen sie, sie nicht einfach nur instrumentalisieren, sondern sie akzeptieren und lieben…….

Ganz wenige Momente hat das Buch, in denen Paule sympathisch ist, in denen diese Härte von ihr abfällt, in denen sie die Augen schließt, sich fallen läßt, einfach fallen läßt. Auch hier typisch, daß dies geschieht, wenn sie mit den wirklich starken Menschen zusammen ist, mit Sibylle oder auch mit ihrer Jugendfreundin Kathi. Vor allem Sibylle ist ein Mensch, der in sich ruht, der stark und selbstbewusst ist, der keine Äußerlichkeiten braucht, um sich seines Wertes bewusst zu sein.

Nein, in diesem Sinn seh ich Paula als schwache Frau, die ein Leben lang versucht, diese Schwäche zu kaschieren und die damit letztendlich scheitert.

Hein schreibt diesen Roman aus der Sicht Paulas als Ich-Erzählerin mit Rückblenden in die Kindheit, die aus der Sicht eines Beobachters geschildert werden. Es gibt keine Effekthascherei in diesem Buch, Hein hat eine Geschichte und die erzählt er geradlinig, schnörkellos. Und das verdammt gut. Er belehrt nicht, er bewertet nicht, schweift nicht ab. Er weiß, was er uns sagen will, manches verschweigt er auch, enthüllt es dann nur en passant, quasi im Vorbeigehen wird es erwähnt…

Ein Punkt vielleicht, aber auch dies keine echte Kritik: so ausführlich Hein die ersten Jahre Paulas schildert, die letzten gehen sehr schnell vorbei im Buch. Michael wird schnell erwachsen und die Jahre in Kietz vergehen wie im Fluge und warum Paula letztlich aus der Welt flieht, keine andere sinnvolle Möglichkeit mehr sieht, ist mir nicht klar geworden. Aber vielleicht sind die Eindrücke des Lesens bei mir auch noch zu frisch, um das zu erkennen…..

Facit: ein sehr schönes Buch, empfehlenswert. Und es liest sich viel schneller, als die Seitenzahl vermuten läßt.

Christoph Hein
Frau Paula Trousseau
Verlag: Suhrkamp; Auflage, 2008, 536 S.
ISBN-10: 3518460048
ISBN-13: 978-3518460047

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4 Responses to “Christoph Hein: Frau Paula Trousseau”

  1. Anne-Kathrin Says:

    Du hast ein paar wunderbare Aspekte zu Paula gefunden!
    Ich glaube, ihre Veränderung kommt mit „dieses Kind ist nur meines“ im ersten und mit der Trennung (und das ist dann doch die Emanzipation – ich hatte bei diesem Satz aber auch erst gestutzt) von Heinrich, einhergehend mit dem Tod ihrer Freundin.
    Die Trennung von Heinrich: vielleicht die erste vernünftige Entscheidung. Und vielleicht auch der Schritt dahin zu erkennen, viel falsch gemacht zu haben. Vielleicht auch zu erkennen, gescheitert zu sein. Gefangen in der eigenen Vergangenheit. Emanzipiert vielleicht, aber allein?
    Ich sehe darin jedoch durchaus eine konsequente Weiterführung des Romans bis zu seinem Ende.

    Mich hat dieses Buch unheimlich „ergriffen“. Hatte ich dir eigentlich geschrieben, dass ich irgendwo gelesen hatte, die Paula sei wohl eine konsequente Fortsetzung von „der fremde Freund“ oder „Drachenblut“ (es gibt hier zwei Titel, einer noch aus DDR Zeiten).
    Der letzte Satz dort lautet
    „Ich bin auf alles eingerichtet, ich bin gegen alles gewappnet, mich wird nichts mehr verletzen. Ich bin unverletzlich geworden. Ich habe in Drachenblut gebadet, und kein Lindenblatt ließ mich irgendwo schutzlos. Aus dieser Haut komme ich nicht mehr heraus. In meiner unverletzbaren Hülle werde ich krepieren…“

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    • flattersatz Says:

      Danke für dein Lob, es freut mich sehr!

      Es ist seltsam, gerade mit der Beziehung zu Heinrich empfinde ich überhaupt keinen Akt der Emanzipation bei Paula, ganz im Gegenteil. Sie hat für meine Begriffe die Gefühle von Heinrich ganz bewusst instrumentalisiert, um für ihren Sohn einen Vaterersatz zu „engagieren“. Daß das neue Haus dann von ihrem Geld umgebaut und renoviert wurde spricht auch eher dagegen, daß sie sich emanzipieren musste, sie hatte wirtschaftlich klar die Hosen an und diese Ausgaben als Investition in die Zukunft von Michael gesehen. Und die Entscheidung, Heinrich in die Wüste zu schicken (schließlich ist es sein Problem und nicht Paulas, wenn er sie liebt und darunter leidet, ein altes Verhaltensmuster von ihr…) und die an eine Exekution erinnernde Art und Weise, in der sie dies macht, nein, das ist meiner Meinung nach einfach nur Härte.

      Wieso soll die Trennung von Heinrich der erste vernünftige Schritt von ihr gewesen sein? Worin lag deiner Meinung nach diese Ratio? Sie hat ihn einfach nicht mehr gebraucht bzw gewollt… wäre die Trennung von Heinrich vernünftig gewesen, sollte man doch erwarten, daß sich ihre Situation – in welcher Weise auch immer – verbessert hätte.

      Wenn ein Akt der Emanzipation in ihrem Leben vorkam, dann war es die Durchsetzung ihrers Willens, in Berlin Kunst zu studieren. Hier musste sie sich in der Tat aus Abhängigkeiten befreien, vom despotischen Vater und von ihrem Ehemann, der das vorzeigbare Heimchen am Herd präferiert hätte. Natürlich musste sie hier auch hart sein, aber sie war auch stark, denn sie hatte gegen massive Unterdrückung anzugehen. Das ist ihr gelungen und so hat sie in der Folge dieses Verhaltensmuster verinnerlicht. Aber leider nur den „Härte“teil, auf den sie immer wieder zurückgreift.

      Die Folge davon ist eben, daß sie keinerlei Freund hat. Wie unendlich traurig die Szene, in der sie die vielen Karten fertigmacht (war das zur Geburt Michaels?) und praktisch niemanden hat, dem sie diese schicken kann….. ja, am Schluß fällt es ihr selber auf, die Menschenscheu, die Einsamkeit, die Isolation. Ihre schüchternen Versuche dagegen anzugehen – fruchtlos. Zu tief eingeprägt die Verhaltensmuster, wahrscheinlich auch ihr ganzer Charakter. Sie hätte Hilfe gebraucht, geduldige Hilfe, Freunde.. so ist sie in eine Abwärtsspirale geraten.. Ja, sie hat gemerkt, daß ihr Leben gescheitert war.

      —-

      Ja, du hattest mir glaube ich sogar empfohlen, dieses Buch als erstes zu lesen, es wäre eine Art Vorläufer. Habe ich natürlich nicht gemacht… hihi…

      Ein so trauriger Satz, dieser letzte Abschnitt. Mir sträuben sich richtig die Nackenhaare, wenn ich ihn lese…. es klingt wie ein angekündigter, (emotionaler) Suizid.

      lg
      fs

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  2. Verehrter flattersatz,

    es ist tatsächlich zu lange her, als dass ich mich noch an Einzelheiten erinnern kann, aber ich habe das Buch ein wenig anders empfunden als du, na, du hast es ja selbst bei mir gelesen. ; )

    Viele Grüße zum Sonntag

    Klappentexterin

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    • flattersatz Says:

      ja, die zeit… aber da war mir meine ausführliche besprechung schon eine hilfe, sie hat mir doch einiges von dem buch wieder vergegenwärtigt…

      liebe grüße in dein bestimmt auch eisiges berlin…
      fs

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