Petros Markaris: Der Großaktionär

6. Juni 2009

gross

“Wir wollen keine Werbung mehr! Wir wollen keine Verarschung mehr! Wir wollen nicht länger von Lügnern und Betrügern an der Nase herum geführt werden!”

Das ist jetzt mal ein ganz neuer Plot: Es gibt jemanden in Griechenland, dem die (nervtötende) Werbung in TV-Sendungen nicht gefällt und der die Werbeindustrie in die Knie zwingen will, indem er Menschen aus der Branche umbringt.

Aber bevor Kostas Charitos, der Athener Kommissar, dahin kommt, hat er einen etwas weiter gespannten Umweg zu nehmen. Seine Tochter Katerina, frisch promoviert und ebenso verliebt will nach der Prüfung mit ihrem Freund Urlaub machen. Und genau diese Fähre, mit der sie auf die Insel übersetzen wollen, wird von Terroristen entführt. Natürlich hält Charitos nichts mehr in der Stadt, er fliegt nach Kreta und steht mehr oder weniger hilflos und tatenlos im Einsatzzentrum herum, bis er von seinem Chef zurückbeordert wird, weil eben ein mysteriöser Mord an einem “Werbe”star verübt worden ist.

Charitos findet kaum Verwertbares, dann geschieht ein zweiter Mord und die Vermutung, ein Serienmörder ginge um, verfestigt sich. Die einzig heiße Spur ist die Tatwaffe, eine uralte deutsche Pistole, die unter normalen Umständen kein Grieche besitzen kann. Nachdem noch weitere Morde geschehen, kommt Charitos mangels anderer auf die kühne Idee, der Mörder könnte in irgendeinem Zusammenhang stehen mit … nun gut, daß verrate ich jetzt nicht, sonst ist vielleicht die Spannung weg.

Soweit zur groben Inhaltsangabe des Romans. Was macht ihn nun lesenswert? Ich würde sagen, das griechische im Buch. Ob man nun in realiter einen hochrangigen Polizeibeamten unbedingt mit einem altertümlichen Mirafiori (Höchstgeschwindigkeit immerhin noch gute 60 km/h) durch das Land fahren lassen muss, sei dahingestellt, aber nach Lektüre des Buches hat man schon einen guten Überblick über das Athener Straßennetz. Wer selbst schon einmal in dieser Stadt war und sich unter Syntagma- und Omoniaplatz was vorstellen kann (und auch den Verkehr kennt), für den sind diese Passagen sehr anschaulich und von hohem Wiedererkennungswert. Mit der gleichen Liebe zum Detail schildert Markaris das Familienleben der Charitos´, ihre kulinarischen Vorlieben und ihr gegenseitiges Miteinanderumgehen. Und auch Kostas Ch. selbst wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert, an einer Stelle des Buches heißt es, daß jeder, der lange genug bei der Polizei ist, irgendwo Dreck am Stecken hat.

Durch die Tatwaffe hat Markaris einen Aufhänger gefunden, griechische Geschichte in all ihren Widersprüchen und Brüchen vom 2. Weltkrieg an bis in die Jetztzeit anzureißen. Ich erinnere mich noch, daß ich seinerzeit, am Ende der Junta, auf einer Fahrt in die Türkei durch Nordgriechenland gekommen bin. Bei der ersten Einreise war noch der Junta-Stempel im Pass, auf der Ausreise war das Junta-Symbol herausgebrochen und auf der Rückfahrt dann ein neuer Stempel…. Bewegte Zeiten, in denen Charitos seinerzeit bei der Polizei angefangen hatte……

Sehr anschaulich und auch glaubhaft schildert Markaris auch die polizeiinternen Grabenkämpfe und Eifersüchteleien, die Konflikte mit den publicitysüchtigen Ministern und die Konkurrenz einzelner Dienste bei der Entführung des Schiffes im ersten Teil des Buches.

Ein wenig gewöhnen musste ich mich anfänglich an die vielen Gedanken, die Markaris seine Hauptperson im Kopf wälzen läßt. Dadurch erschien mir der Schreibstil etwas holprig, weil man immer wieder die Ebenen wechselte. Aber nach einer gewissen Eingewöhnung war das kein Problem mehr.

Ach ja, einen gewissen unterschwelligen Humor an der Grenze zum Sarkasmus, mit dem kann das Buch auch aufwarten. Ein weiterer Pluspunkt, würde ich sagen….

Facit: ein kurzweiliger, interessanter und gut geschriebener Krimi, auch wenn der Plot mir an manchen Stellen etwas weit hergeholt scheint.

Petros Markaris
Der Großaktionär
Diogenes TB, Dezember 2008, 477 S
ISBN-10: 3257237871
ISBN-13: 978-3257237870

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One Response to “Petros Markaris: Der Großaktionär”


  1. Habe ich gelesen und kann ich auch nur empfehlen.
    lg
    Franz


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