Freya v. Stülpnagel: Ohne dich

Freya

Wohl jeder kennt dieses belastende Gefühl der eigenen Unsicherheit, wenn man einen Freund hat, einen Bekannten, dem Schlimmes widerfahren ist, dessen Seele verletzt wurde, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wurde und der in tiefer Traurigkeit, Trauer sich befindet. Wie soll man so einem Menschen, der vielleicht seine(n) Liebste(n) verloren hat, vielleicht sein Kind oder einen nahen Freund, die Eltern, begegnen, was soll man sagen? Soll man überhaupt was sagen oder ihn in Ruhe lassen?

Diese Woche hatte ich selbst eine solche Frage vor mir stehen. Ich hatte bei einer entfernt bekannten Familie, die schon vor längerem ein schweres Schicksal heimsuchte, zu tun und grübelte, ob ich nun fragen sollte, wie es dem *** denn jetzt ginge. Würde ich damit etwas aufrühren oder einfach nur (was der Wahrheit entsprach) das Interesse am Schicksal von *** zeigen?

Genau von diesen Fragen handelt Stülpnagels Büchlein und was sie hier schreibt über die Begleitung von Trauernden nach Sterbefällen läßt sich auch ohne weiteres übertragen auf die Begleitung von Menschen, denen durch andere Ereignisse der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.

Stülpnagel schreibt auch aus der Sicht einer Betroffenen. Eines ihrer eigenen Kinder, Benny, hat sich das Leben genommen und dieser Suizid hat das Leben der gesamten Familie beeinflusst, geändert. In einfachen, unaufgeregten Sätzen und Beispielen beschreibt sie, was in Trauernden vorgeht, wie sich Trauer überhaupt äußern kann (äußerst unterschiedlich), was Trauernde brauchen, um die Trauer, das Verlustgefühl in ihr Leben integrieren zu können. Vehement wehrt sie sich (wie viele andere auch) gegen den Terminus: „-verarbeitung“, denn die Trauer wird nie verarbeitet, sie muss als Bestandteil des eigenen Lebens akzeptiert und eingebunden werden.

In der Trauer„, so schreibt sie, „sind wir allein und müssen unsere eigenen Schritte machen, aber wenn wir Glück haben sind wir nicht alleingelassen.
Ganz am Anfang gerade bei einem plötzlichen Tod ist es ganz besonders wichtig, dass es wenigstens einen Menschen gibt, der einfach da ist. Er muss nicht viel reden, er muss nicht trösten, denn im Moment gibt es für den Hinterbliebenen keinen Trost, er muss nichts zu erklären versuchen, sondern das emphatische Mitfühlen und Dasein ist das Entscheidende.“
[S. 25]

In diesem Zitat kommt eigentlich die ganze Botschaft ihres Buches hervor: den Trauernden nicht allein lassen, ihm den Raum lassen, damit er seine eigene Art zu trauern findet und eher zuwenig als das falsche sagen, den falschen Trost oder platte Weisheiten wie: „Das Leben geht weiter“ zum Beispiel. Hier gibt Stülpnagel auch eine ganze Reihe von Vorschlägen, wie man als als Freund/Bekannter/Verwandter konkret handeln kann, wie man auf einen Trauernden eingehen, auf ihn zugehen kann und wie man eventuell reagieren kann auf dessen Bedürfnisse. Ganz wichtig ist es, diese oben von mir erwähnte Scheu zu überwinden, überhaupt auf einen Menschen zuzugehen, der in seiner Trauer verzweifelt ist.

Ach ja, meine eigene Frage vom Anfang des Beitrags: ich habe dann einfach gefragt und kaum war die Frage draußen, kamen auch schon die Antworten und das Erzählen ging los. Es war, als ob +++ darauf gewartet hätte, daß er endlich mal reden könnte, weil er auch gefragt worden ist. Gut so. Das gab/gibt auch mir Sicherheit.

Facit: ich halte das Buch für sehr gut, weil man merkt, daß die Autorin all das, was sie beschreibt, selbst durchlitten hat und ihre Ratschläge daher sehr angemessen und praxisnah sind. Durch die vielen Geschichten und Gedichte, die es enthält, könnte ich mir vorstellen, daß es auch Trauernden selbst viel Hilfe geben könnte.

Freya v. Stülpnagel
Ohne dich
Kösel, Januar 2009, 143 S.
ISBN-10: 3466368537
ISBN-13: 978-3466368532

p.s.: als ich diesen Text gestern schon angefangen hatte zu schreiben, bekam ich die Nachricht, daß ein (hochbetagter) Nachbar von mir gestorben ist…..

2 Kommentare zu „Freya v. Stülpnagel: Ohne dich

    1. Danke für den Kommentar.
      Ich denke, das wertvolle an dem Buch ist, daß hier ganz tiefgehende persönliche Erfahrungen und die „professionelle“ Aspekte ganz eng miteinander verwoben sind, so daß sich eine sehr authentische Beschreibung und Analyse ergibt.

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