Qiu Xiaolong: Rote Ratten

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Der vierte Fall von Oberinspektor Chen aus Shanghai, für mich das zweite Buch mit ihm. Im Grunde gilt für diesen Roman genau dasgleiche, was ich schon für den ersten von mir gelesenen (Schwarz auf Rot) schrieb, daß es sich bei diesen Krimis eher um Romane handelt, die sich mit den Strukturen der modernen chinesischen Gesellschaft auseinandersetzen denn um Geschichten, die Krimispannung vermitteln könnten.

Natürlich hat dieser Roman seine ihn zum Krimi adelnden Elemente: mehrere Tote, den handelnden Oberinspektor mit seinem Gehilfen und ein gehöriger Batzen Wirtschaftskriminalität. Letzterer ist das das gesamte Buch hindurch ziehende Motive Xiaolongs: die enorme Korruption, die in China herrscht und die bis in die höchsten politischen Kreise hineinreicht, weswegen sie auch nicht effektiv bekämpft wird, sondern nur mit einzelnen Aktionen, um das Volk zu beruhigen, während im Hintergrund alles so weiterläuft wie immer.

Oberinspektor Chen, ein aufstrebender, aber nicht blind linientreuer Parteikader, erhält den mit weitreichenden Vollmachten versehenen Auftrag, einen umfangreichen Korruptionsskandal aufzudecken, dessen Drahtzieher sich in die USA abgesetzt und dort politisches Asyl beantragt hat. Chen nimmt diesen Auftrag ernst und ist mit seinen Nachforschungen so erfolgreich, daß er gewissen Kreise nervös macht. Diese bewirken dann, daß er sehr kurzfristig als Leiter einer Schriftstellerdelegation in die USA reisen muss. Aber auch dort versucht er, vermeintlich im Sinne seiner Auftraggeber, weiter zu ermitteln. Erst ganz zum Schluss erkennt er, daß ihm nur die Hauptrolle in einer Show zugedacht war, die nie ernsthaft darauf ausgerichtet war, etwas aufzuklären.

Der Roman hat wenig Höhepunkte, die Handlung plätschert so vor sich hin. Einige Beschreibungen über die Korruption in China sind interessant Glaubt man dem Autor, ist ist wohl so, wie man es sich in seinem Vorurteil immer vorstellt: ohne Bestechung, kleinere oder größer Geschenke, ohne Insiderwissen läuft nichts. So leben Parteikader und Geschäftsleute in einer Art Symbiose: ohne den politschen Einfluss lassen sich keine Geschäfte durchziehen, ohne das Geld der Geschäftsleute können die Kader im Wildwuchs der kapitalistischen chinesischen Gesellschaft nicht ihren Ansprüchen gemäß überleben.

Der erste Teil des Buches, der in Shanghai spielt, hat noch einige kurzweilige Momente, die den geschilderten Lebensumständen in China zu verdanken sind, der zweite Teil, der in den USA spielt, ist langatmig, um nicht zu sagen, in weiten Bereichen langweilig….. so bleibt für mich als…

Facit: kein Muss, als Krimi allenfalls Mittelmaß, als Beschreibung eines Aspekts des chinesischen Alltags interessant.

Qiu Xiaolong
Rote Ratten
dtv, April 2009, 384 S
ISBN-10: 3423211288
ISBN-13: 978-3423211284

3 Kommentare zu „Qiu Xiaolong: Rote Ratten

  1. Ausserhalb Chinas spielen die beiden von mir erwähnten Romane nicht. Da scheint sich tatsächlich thematisch einiges geändert zu haben, was vielleicht daran liegen mag, dass Qiu Xiaolong in den USA lebt – und vor dort seinen Erfolg startete.

    Ich wollte eigentlich auch die weiteren Romane von Qiu Xiaolong lesen, habe ihn dann aber aus den Augen verloren. Insofern ist deine Besprechung ein Anstupser, für den ich danke.

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  2. Vom Autor haben ich zwei andere Werke gelesen »Das Mädchen mit dem roten Herzen« und »Tod einer roten Heldin«. Im Prinzip komme ich zu ähnlichen Ergebnissen wie du, allerdings habe ich die Bücher mit Begeisterung gelesen und empfehle sie auch, allein schon, weil sie einen selten deutlichen Einblick in das chinesische Alltagsleben und das Netz der Korruption geben. Auffällig ist auch die Belesenheit des Hauptkommissars, der gern Bezüge zur klassischen chinesischen Literatur herstellt. Wer diese wiederum kennt, wird doppelt erfreut. http://is.gd/wwV3

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    1. Du hast Recht, ich hätte diesen Aspekt, daß man kenntnisreiche Schilderungen des chinesischen Alltagslebens geliefert bekommt, vllt positiver darstellen sollen. Aber auf der anderen Seite spielt die Hälfte dieses Romans eben in Amerika…. da kann man sich höchstens daran delektieren, wie schwer sich manche Chinesen mit den Eigenheiten dieser fremden Kultur tun… Ja ja, der gute, alte Chen mit seinen literarischen Ambitionen…. für jede Situation das passende Gedicht. Aber es stimmt schon, im Gegensatz zu den doch meist sehr pragmatisch agierenden Personen in westlichen Krimis ist diese Rückversicherung eigener Gedankengänge und Handlung in die philosophische Tradition des Landes etwas ungewohntes, aber reizvolles.

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