Landestheater Detmold spielt Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame

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Gestern gastierte das Landestheater Detmold [1] in der neuen Stadthalle in Boppard mit dem Dürrenmatt-Stück: Der Besuch der alten Dame [3].

Der Halle in Boppard ist nagelneu, sehr hell, alles in weiß gehalten, macht einen freundlichen Eindruck. Auch das Innere mit den Lichtern (unteres Bild) ist sehr stimmungsvoll. Aber es ist natürlich kein Theatersaal, der vielleicht sogar leicht ansteigt und so hat die Bestuhlung den Nachteil, daß man immer irgendwie den Kopf des/r Vordermannes/frau im Blick hat. Ich habe an manchen Stellen erst gemerkt, daß noch jemand auf der Bühne war, wenn ich die Stimme gehört habe… und wie man so am Getuschel hören konnte, war ich nicht der einzige, dem es so ging. Zumindest mein/e Hintermann/frau wird diese Probleme auch gehabt haben, da ich ja mit meinen Kopf hin- und herwackelte, um die Sichtlücke zu suchen….

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Das Bühnenbild war einfach, aber passte gut zum Stück, es konnte auch für die einzelnen Szenen gut umgebaut werden. Die Umbaupausen wurden mit Klanggeräuschen gefüllt (ein anderes Wort fällt mir dazu nicht ein), die mir aber gut gefallen haben. Dagegen waren die Zuggeräusche am Anfang des Stückes teilweise recht laut…

Von den Schauspielern hat mir die Claire sehr gut gefallen [4], auch der Bürgermeister hat den opportunistischen Lokalpolitiker gut rübergebracht [2]. Claire bricht wie eine Naturgewalt über Güllen hinein, sie kennt keine Widerstände, fegt alles hinweg. Die Anbiederungen der Güllener um ihres Geldes willen müssen sie anekeln, mit stoischer Verachtung nimmt sie die Huldigungen des Chores, der Redner und des Turners in seinem kurzen Leibchen entgegen. Einzig menschlich scheint sie im Schmerz der Erinnerung an die Vergangenheit zu werden, der Schmerz, der nicht vergangen ist, der sie dazu trieb, den Ort zu vernichten. In diesen Momenten wird ihre Miene weicher, die Augen blicken nicht mehr ganz so kalt, sind nach innen gewandt. Eiskalt dagegen erscheint sie, wenn sie die Güllener sieht, die die ganzen Jahre wie Käfer unter einer Lupe lebten, nicht wissend, daß sie, Claire, sie in der Hand hatte, sie jederzeit endgültig vernichten konnte. Kaum ein Trost, daß ihre Ehemänner derselben Verachtung ausgesetzt sind. Rücksicht oder Mitleid, diese Regungen fand man nie im Gesicht der Claire Zachanasian.

Den Ill dagegen, die zweite Hauptrolle, fand ich persönlich nicht so toll. Irgendwie stach er aus der Gruppe der Schauspieler heraus, aber vielleicht sollte dies auch so sein, denn zum Schluss steht er ja als Einziger für seine Überzeugung ein, während alle anderen sich als käuflich erwiesen haben.

Obwohl ich das Stück ja zur Vorbereitung gelesen hatte, ist es doch etwas völlig anderes, es gespielt zu sehen. Vieles wird klarer, deutlicher, auch der Sinn mancher Sachen kommt besser heraus. Das ist eben die schauspielerische Leistung, die dort oben gebracht wird. Wobei sich die Detmolder Inszenierung nicht um eine spezielle Interpretation des Stückes bemühte oder es an moderne(re) Zeiten anpasste, sondern sich eng an die Vorlage von Dürrenmatt hielt.

Zum Schluss war es (jetzt hätte ich fast geschrieben, wie im richtigen Leben) dann so, wie Dürrenmatt es uns auf´s Banner geschrieben hat: Claire suchte Gerechtigkeit und übte einfach nur Rache: Wenn man genug Geld hat, hat man die Macht, den Einfluss, beides zusammentreffen zu lassen: eine Strafe für Ill wäre gerecht gewesen, diese spezielle war jedoch einfach nur Rache. Durch die sich Claire selber schuldig gemacht hat genauso wie die Bürger von Güllen.

Facit: trotz der kleinen Abstriche ein schöner Abend, der Lust auf mehr Theater gemacht hat!

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Links:

[1] Landestheater Detmold: Homepage
[2] Landestheater Detmold: Besetzung des Stückes/ Zeitungsbesprechung
[3] habe ich hier schon vorgestellt
[4] Gaby Blum als Darstellerin der Claire, hier noch mehr über sie…

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