Armistead Maupin: Stadtgeschichten

7. März 2009

maupink

Jetzt am Freitag kam in der Buchhandlung meines Vertrauens wieder einmal eine der Damen zu mir: „Herr F., ich hätte hier die Stadtgeschichten, das wäre bestimmt was für Sie!“. Nun, ich musste das gutgemeinte Angebot ausschlagen: „Ach, Maupin…“ (wie sag ich es ihr jetzt?), „.. das haben Sie jetzt aber gut geraten, den les ich nämlich im Moment.. Das nenn ich ein Zusammentreffen!“

Und in der Tat, auch Maupin ist mir vor einiger Zeit wieder unter die Finger gekommen, nachdem er ja lange Jahre unbeachtet sein Dasein gefristet hat. Und ich bin begeistert, herrliche Geschichten, wunderbar kurzweilig geschrieben, mit viel Humor…

Worum geht es in dem Buch (bzw. in den Büchern, denn insgesamt sind es ja 6 Bände)?

Das Buch ist 1978 erschienen. Die vergangenen Jahrzehnt brachten in den westlichen Teilen der Welt eine gesellschaftliche Revolution zustande: Woodstock, sexuelle Revolution, Flower Power sind nur einige Schlagworte, die die positiven Seiten ansprechen, für uns in Deutschland ist der Begriff Baader-Meinhof ein Symbol für die negativen Aspekte dieser gesellschaftlichen Umwälzung. Ab Mitte der 60er Jahre haben sich die jungen Leute nicht mehr widerspruchslos in ihre traditionelle gesellschaftliche Rolle gefügt, sie wurden selbstbewusst, rebellierten, versuchten, sich eine eigene Welt zu schaffen. Oft naiv und blauäugig, in viele verschiedene Richtungen, aber geeint in der Sicherheit, daß sie „so“ nicht weiterleben wollten. Und überall in der Welt war man sich im Protest gegen den Vietnam-Krieg der Amerikaner einig, ein Protest, der die Jugend vielleicht mehr zusammenschweisste als es ein positives Leitbild vermocht hätte. Und all diese Ideale einer jungen, unbeschwerten, friedlichen Gegenkultur fanden ihr Symbol in San Francisco, denn bekannterweise galt, „..it never rains in southern California..“ (helft mir mal, wie heißt denn dieser rattenscharfe Moderator noch mal? ich komm einfach nicht mehr auf den Namen…..).

Na ja, jedenfalls sammelte sich in San Francisco jeder, der irgendwie sein Glück suchte. Denn – so jedenfalls wird Oscar Wilde zitiert – : „Es ist merkwürdig, aber von jedem, der verschwindet, heißt es, er sei hinterher in San Francisco gesehen worden.“ Die Hippie-Bewegung war zwar Ende der 70er langsam abgeklungen, aber gerade die Gay/Lesbenszene hatte in dieser Stadt ein enormes Selbstbewusstsein entwickelt. Und genau in dieser Atmosphäre spielen die Geschichten von Maupin um eine Vielzahl von Personen, die mehr oder weniger locker miteinander verbunden sind.

Es sind kurze, fast ausschließlich in Dialogform geschriebene Skizzen, die von der Einsamkeit der Großstadt handeln, von den Schwierigkeiten, einen Partner für eine Nacht zu finden, geschweige denn, fürs Leben. Die Luft ist grasgeschwängert und Mrs Madrigal, so etwas wie ein Zentrum der Geschehnisse erscheint unerschütterlich für alles Menschliche offen. In dieser Welt versuchen sich Mary Ann aus Cleveland (die einzige (?) „normale“) ebenso zurecht zu finden wie der schwule Michael und seine Freunde, Brian, der auf der Suche nach Opfern ist ebenso wie Jon, der das Problem hat, daß man als schwuler Gynäkologe eher schlechte Karte hat…. Aber auch die Oberschicht lebt nicht problemfrei, denn vom gelben Botenjungen geschwängert zu werden, wo doch der eigene Mann (der beim Betrügen immerhin nicht die Hautfarbe wechselt) rein weiß ist….

Es ist ein oberflächliches Leben, daß Maupin uns vorführt, mit Menschen, getrieben von den eigenen Sehnsüchten, immer auf der Suche nach dem Glück, und wenn es auch nur einen Moment andauern sollte. Echte Freundschaften sind selten, Bekanntschaften ja, Lieben für eine Nacht, die dann am Morgen mit dem ersten Tageslicht erlöschen und einen schalen Geschmack hinterlassen. Nun ja, kein Wunder, wenn man merkt, daß die Frau letzten Monat die Tochter der Königin der heutigen Nacht war….. Amusant zu lesen, aber traurig zu verstehen, wie einsam diese Menschen im Grunde sein müssen….

So malt Maupin mit schnellen Strichen ein Sittengemälde einer Zeit im Umbruch, in der Umwertung der Werte, in der Neuorientierung einer punktuellen Gesellschaft, nämlich der in San Fransisco. Denn außerhalb dieser Stadt ist das Leben bei weiten noch nicht so weit. „… Keine Angst, Mama, der ist schwul. Du weißt, was das ist, Mama. Man zeigt sowas heute sogar schon im Fernsehen!“ so Mary Ann zu ihrer darob verstummenden Mutter in Cleveland, um zu erklären, mit wem sie im Zimmer gerade ihren Tee trinkt…. Nein, Cleveland ist noch nicht so weit, aber auf Dauer kann sich kein „Cleveland“ dieser Hemisphäre diesem Sog, der hier in San Francisco angefangen hat, entziehen….

Wenn ich es mir recht überlege, wieviel hat sich doch tatsächlich verändert die letzten 30 oder 40 Jahre…. schön. Gut so! (So ein Blick zurück in die (bundes)deutsche Vergangenheit nach dem Krieg ist übrigens sehr interessant, erst in diesem direkten Vergleich merkt man, wieviel sich verändert hat, obwohl einem alles so ewig gleich erscheint. Es gibt auf dem Büchermarkt mittlerweile einiges an gut lesbarer Erinnerungsliteratur zum Thema…)

Facit: ein sehr kurzweiliges Buch, ein interessanter Rückblick in eine Zeit des Umbruchs. Erster Band von insgesamt 6 Büchern.

Armistead Maupin
Stadtgeschichten 1
Rowohlt Tb, 2005, 352 S.
ISBN-10: 3499239698
ISBN-13: 978-3499239694

Von mir gelesene Ausgabe: Wunderlich TB, 1999, ISBN 3499261812

Band 2: Mehr Stadtgeschichten

Wunderlich TB, 1999, 3499262002

Der Einfachheit halber ergänze ich die nächsten Bände hier in diesem Beitrag, ohne jeweils einen neuen Post aufzumachen.

Was passiert?

Nun, Mona fährt nach Winnemucca und arbeitet dort als Empfangsdame in einem Puff, in dem sie mit der Puffmutter eine besondere Beziehung eingeht. Das Geheimnis von Mrs Madrigal wird gelöst, Michael wird schwer krank, aber auch wieder gesund und Mary Ann trifft jemanden für ihr Herz, der aber so seine Probleme mit Rosen hat. DeDe bekommt ihre Kinder während ihr Mann das Kentucky Fried Chicken gibt….

Na ja, so in etwa, die Kurzform… ;-)

Band 3: Noch mehr Stadtgeschichten

ca. 4 Jahre sind vergangen. DeDe ist nach der Geburt der Zwillinge mit D´Or nach Guayana in die Sekte von Jones gegangen, erfuhr aber rechtzeitig von dessen Massenselbstmordplänen und die vier konnten rechtzeitig fliehen. Für DeDe nimmt der Schrecken aber kein Ende, da sie sich in SF von einem Psychopathen verfolgt sieht, der ihrer Meinung nach….. Sie will mit einer Sensationsstory an die Presse und wendet sich an Mary Ann, die inzwischen für das Fernsehen arbeitet.

Mary Ann und Brian sind mittlerweile ein Paar und wollen heiraten, Michael ist immer noch auf der Suche, die Beziehung zu Jon hat nicht gehalten.

Die Barbary Lane 28 mit Mrs Madrigal existiert natürlich auch noch, mit der nach wie vor liebenswerten, etwas schrulligen Vermieterin.

Die Geschichten sind zum Teil weit hergeholt, insbesondere spielt der Zufall eine große Rolle, da immer wieder die gleichen Personen auftauchen, sich treffen, miteinander bekannt sind. Als ob SF ein kleines Dorf wäre, in dem es kaum noch andere Menschen gibt… Trotzdem, ein wunderbares Portraits sowohl einer Zeit als auch von Personen, mit denen man mittlerweile schon eine ganze Reihe von Jahren verbracht hat….

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2 Responses to “Armistead Maupin: Stadtgeschichten”


  1. Ich finde leider gar nicht, dass sich seit der Zeit, zu der dieses Buch spielt, so viel verändert hat. Bin eher der Meinung, dass die gesamte Handlung genau so in der heutigen Zeit spielen könnte.

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    • flattersatz Says:

      Meinst du wirklich? Mal abgesehen davon, daß das Buch natürlich in SF spielt und von daher eh eine besondere Stadt beschreibt, kann ich in der heutigen Zeit nichts mehr von dieser weitgehend sorglosen Stimmung mehr erkennen, die seinerzeit herrschte. Spätestens mit dem Aufkommen von AIDS war doch damit Schluss. Oder täusch ich mich?

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