Cordula Zickgraf: Ich lerne leben, weil du sterben musst

arankak

Die 23jährige Schwesternschülerin Cordula Z. läßt sich vom Hausarzt in die Uniklinik einweisen, um abzuklären, wie ihre Schilddrüsenkrankheit zu behandeln ist. Ihr wird im Krankenhaus ein Mehrbettzimmer zugewiesen. Als sie dieses Zimmer betritt, ist sie geschockt: im Nachbarbett liegt eine sehr junge Frau, vom Krebs zerfressen, vom Tod gezeichnet, die 17jährige Aranka. Cordula kann diesen Anblick kaum ertragen. Das Buch schildert in Tagebuchform die 20 Tage, die Cordula Z. als Patientin in diesem Krankenhaus verbracht hat.

Inhaltlich werden zwei Ebenen dargestellt, zum einen die Beziehung, die sich zwischen Aranka und Cordula entwickelt und ferner die Schilderung der Abläufe in diesem Krankenhaus. Und ganz entgegen der Erwartung liegt der eigentliche Horror des Buches nicht im Miterleben des Sterbeprozesses von Aranka, sondern im täglichen Leben des Krankenhauses. Mehr wie einmal dachte ich: ist die da in einer Metzgerei gelandet? Jedenfalls verläßt Cordula das Krankenhaus nach knapp 3 Wochen deutlich malader und kränker als sie dort angekommen ist. So unmöglich, so diletantisch und unfähig scheinen sich die Ärzte dort aufgeführt zu haben. Nun spielt das Buch Ende der 70er Jahre, Mehrbettzimmer (bis zu 7 Patienten) und „Halbgott-in-Weiß“-Gehabe gibt es wohl nicht mehr oder doch weit weniger, da auch die Patienten mündiger geworden sind. Aber das jetzt nur am Rande..

Zu verfolgen, wie sich Cordula und Aranka anfreunden, wie Cordula erkennt, daß Aranka nicht stirbt, sondern trotz ihres nahen Todes lebt, sich freut, am Leben teilnimmt, anderen Freude bereiten will, Forderungen an ihre Mitmenschen stellt und einfach nur als Mensch, als Frau, behandelt werden will, das bewegt. Sie leidet fürchterliche Schmerzen, die alle 3 Stunden mit Spritzen gedämpft werden müssen, ist körperlich von ihrem Leiden entstellt und hat trotzdem Mut, spricht anderen Trost aus… Zu ihren größten Freuden gehört das Spaghetti-Essen um Mitternacht (gekocht von den Schwestern, die sich sehr liebevoll um sie kümmern), sie bringt Cordula das Backen von Kartoffelpuffern bei und macht sich Sorgen, daß ihr Busen nicht so schön groß ist, wie sie es gerne hätte…..

Das Tagebuch ist ein Plädoyer dafür, Sterbende als Menschen zu behandeln, die leben, auch wenn ihre Lebensspanne nur noch kurz sein sollte. Sie sind nicht aussätzig, müssen nicht abgesondert werden, sie wollen teilhaben, mit uns mitleben. Und sie sind eine Bereicherung für uns selbst, sie lehren uns, unser eigenes Schicksal zu ertragen, geben uns Kraft. Wir müssen uns nur darüber klar werden, daß bis zum Tod jeder Sterbende ein lebendiger Mensch ist.

Cordula Z. wird nach knapp 3 Wochen ohne Diagnose, aber ziemlich geschafft, aus der Klinik entlassen. Sie erfährt, daß ihre Freundin Aranka kurz nach ihrer Entlassung gestorben ist.

Links:

Der Film „Aranka“ hat 1987 den Fernsehpreis des Hartmannbundes erhalten.

Ein paar biographische Daten zu Cordula Zickgraf

Facit: Ein sehr bewegendes Buch, über das man lange nachdenken muss.

Cordula Zickgraf
Ich lerne leben, weil du sterben musst
Buch & Media; April 2001, 156 S.
ISBN-10: 3935284977
ISBN-13: 978-3935284974

Gelesene Ausgabe: Lizenzausgabe des Bertelmann-Club, ca. 1980

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2 Kommentare zu „Cordula Zickgraf: Ich lerne leben, weil du sterben musst

  1. Meine eine Tante war am Sterben und hat ihr Begräbnis vorbereitet. Ich habe darauf bestanden, dass ich sie noch einmal sehen durfte. Ich habe da erkannt, dass ich instinktiv es so machte wie meine Tante es wollte. Ich habe sie behandelt wie immer. Ich habe auch gegenüber meinen Eltern, welche mich deswegen kritisierten/ zurecht wiesen, dass ich mich verhalte habe als sei ich zum Kaffeekränzchen. Ich habe das Gefühl gehabt, dass ich alles richtig machte. Ich möchte auch nicht haben, wenn ich sterbe, dass die anderen traurig dasitzen und weinen anstatt die Zeit mit mir zu genießen in welcher ich lebe. Sie können bei meiner Beerdigung und an meinem Grab immer noch genug weinen.
    So lange ich lebe so lange kann ein Wunder geschehen, wo sich das Blatt/ die Situation sich noch zum Gute wendet.

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    1. liebe petra, habe herzlichen dank für deinen besuch und den schönen kommentar. ich finde, du hast absolut richtig gehandelt, als du deine tante auf diese art beim sterben begleitet hast, es ist sehr schön zu lesen, wie du dies gemacht hast. ich bin davon überzeugt, daß es besten ist, in so einer schwierigen situation (und das ist sie ja nun mal…) nach dem bauchgefühl zu handeln und sich nicht zu überlegen, was ist richtig, was ist falsch, nur keine fehler machen! und warum nicht ‚kaffeekränzchen-style‘? ich war mal im krankenhaus bei einer krebskranken frau zu besuch (ich hatte dort ehrenamtlich besuchsdienste gemacht) und mich eine stunde lang mir ihrem mann (!) über fussball unterhalten. am ende sagte die frau: das war richtig toll, mal endlich was anderes als immer nur tod und sterben! viele meinen, ein sterbender oder sterbenskranker mensch würde kein interesse mehr am leben haben, aber das ist eben oft auch falsch….

      herzliche grüße
      gerd

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