Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes

2. Februar 2009

windschatten

Vor kurzem habe ich von Carlos Ruiz Zafon das Spiel der Engel gelesen und war ja begeistert von dem Buch. Selbstredend war dann auch sein Erstling bald bei mir und den habe ich mir jetzt einverleibt. Gespannt war ich, denn die Kritik war ja allgemein so, daß das zweite Buch nicht ganz so gut sei wie der Schatten des Windes.

Aber bevor ich mich dazu auslasse, ein wenig über das Buch.

Den Inhalt kann man kaum wiedergeben, zu viele Personen, Handlungen, Beschreibungen. Die Geschichte, die Ruiz Zafón erzählt, spielt um Daniel Sempere, den Sohn eines verwitweten Buchhändlers in Barcelona. Dieser wird von seinem Vater eines Nachts zum Friedhof der vergessenen Bücher geführt. Den Regeln entsprechend sucht er sich eines der dort wartenden Bücher aus und von nun an dafür verantwortlich.

Dieses Buch, “Der Schatten des Windes” wurde von einem völlig unbekannten Autoren, Julián Carax, geschrieben. Daniel, der es förmlich verschlungen hat, will mehr von Julian wissen und gemeinsam mit seinem Vater, der ihm nicht helfen kann, wird ein stadtbekannter Antiquar gefragt. Dieser erkennt den Wert des Buches, denn ein Geheimnis rankt sich darum: alle Bücher des Autoren wurden von einem Unbekannten, egal, ob in Buchhandlungen oder bei Privatleuten, verbrannt, so daß Daniels Exemplar die vielleicht einzige noch existierende Ausgabe eines Werkes von Carax ist. Und Ruiz Zafóns Buch erzählt uns jetzt die Geschichte der Nachforschungen von Daniel und seinen Freunden, die unbedingt das Geheimnis, das hinter Julian Carax steckt, ergründen wollen. Daß sie damit eine Ereigniskette lostreten und eine Vergangenheit wecken, die besser vergessen worden wäre, ahnen sie nicht. Die Geschichte des Buches und Daniels eigenes Leben scheinen sich immer mehr ineinander zu verweben, bis sie schließlich zusammenfallen.

Im Buch läßt Ruiz Zafón eine Vielzahl äußerst liebenswerter, tragischer aber auch böser Charaktere auftreten wie den guten Fermín, der einem richtig ans Herz wächst, Bea, Clara, Tomas, aber auch Nuria und Isaac oder schwarzseelene Figuren wie Jorge und Fumero. Sie alle haben ihre eigene Geschichte und ihr eigenes Schicksal zu tragen, Freundschaften, Lieben aber auch Todfeindschaften entstehen und wachsen. Ferner scheint es mir, daß Ruiz Zafón in vielen Passagen, die er um seine Figuren rankt, ebenfalls reale Geschehnisse und Ereignisse aus dem Spanien nach dem Bürgerkrieg und dem Zweiten Weltkrieg einfliessen läßt.

In jedem Fall ein wunderschönes Buch, 624 amazon-Kundenrezensionen mit einer gemittelten Bewertung knapp unter 5 Sternen (Stand am 02.02.2009) können kaum irren: Das muss man erst mal erreichen! Und trotzdem gefällt mir sein zweites Buch besser, ganz gegen den Trend.

Warum?

Ähnlich wie im Spiel des Engels mit Andreas Corelli ein leibhaftiger Luzifer im Buch auftritt, führt er mit Lain Coubert auch hier eine ähnliche Figur in die Handlung ein. Diesem fantastischen, geheimnisvollen Element nimmt er leider am Ende des Buches sein Geheimnis, indem er es ganz rational auflöst. Und auch wenn die Figur weiterhin in gewisser Weise unfassbar bleibt, so ist doch aus dem Geheimnis durch die Auflösung einfach nur Mitleid geworden. Gut, daß der Autor im Spiel des Engels mehr Mut hatte und seine Figur einfach so stehenließ, wie er sie anfänglich schuf. So bleibt als märchenhaftes des Buches nur der “Friedhof der vergessenen Bücher”, der Rest ist eine Geschichte, die rational klar ist, kaum Fragen offenläßt (na ja, ein paar kleine vielleicht) und daher die Phantasie nicht so anspricht wie das Engelsspiel, das – wie es einem Märchen ansteht – einiges offen läßt und so daß jeder diese Fragen auf seine Art beantworten kann.

Was mich gestört hat, war der lange Brief von Nuria an Daniel, den dieser von Isaac erhält. Ja, Potzblitz, dachte ich mir, warum les ich denn das ganze Buch, wenn der Autor hier alles haarklein erklärt?? Es erinnerte mich ein wenig an Filme, bei denen am Showdown nicht geschossen oder gehandelt wird, sondern erst mal endlos geredet, die Handlung des Filmes zusammengefasst und die Erklärung für alles möglichst noch in zweifacher Ausfertigung geliefert wird, damit auch der letzte kapiert, was Sache ist. Ähnliches macht Ruiz Zafón hier auch, wenn er Nuria alles erzählen läßt, zumindest alles, was Julian angeht. Gottseidank hat das Buch aber dann doch noch ein wenig mehr zu bieten, so daß man nicht den Fehler machen sollte, diese Textstelle mit dem Brief zu suchen, um sich den Rest zu sparen….

Facit: ein Buch der Art, das man anfängt zu lesen und nach einigen Stunden Zeit, einigen Tüten Chips und unter Umständen einem Fläschchen Wein ausgelesen aus der Hand legt und sich wundert, wie die Stunden verflogen sind.

Carlos Ruiz Zafón
Der Schatten des Windes
Insel Verlag; Sonderausgabe, November 2008, 565 S.
ISBN-10: 3458174443
ISBN-13: 978-3458174448

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3 Responses to “Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes”

  1. Forsch Says:

    Sic! Wie wir alten Lateiner so sagen ;-)
    Eine märchenhafte Welt, die die Lesezeit aufsaugt. Sehr schön und genau das Richtige für einen Kakao oder ein Glas ordentlichen Rotwein.

  2. Flüge USA Says:

    Danke für diese überzeugende Beschreibung des Werkes von Carlos Ruiz Zafón. Habe das Buch geschenkt bekommen und schiebe es schon seit Wochen vor mich her damit anzufangen. Bin nun aber sehr neugierig geworden.
    Werde mir gleich erst einmal eine Flasche Rotwein besorgen… ;)

    • flattersatz Says:

      Ich sehe, du hast die Anregung deines Vorkommentators aufgenommen…. ;-)

      (ich hätte auch den Roten genommen und nicht den Kakao…)


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