Karina Kopp-Breinlinger/Petra Rechenberg-Winter: In der Mitte der Nacht beginnt ein neuer Tag

21. Dezember 2008

trauer1

Leben ist ein steter Wandel, und dies bedeutet auch Veränderung mit dem Dazugewinn von Neuem und dem Verlust von Liebgewonnenem. Dieser Verlust greift den Menschen in seinem Innersten an, seine Seele ist verwundet, er trauert, muss diesen Schmerz, diesen Verlust, mit all seinen Folgen bewältigen. Leider ist in unserer auf Erfolg gepolten Gesellschaft Verlust und Trauer abgedrängt worden, wer kennt nicht die „Indianer-kennt-keinen-Schmerz“-„Kopf hoch“-„Augen zu und durch“-„Es muss ja weitergehen“-Sprüche, die Legion sind. Aber ebenso wie körperliche Wunden, die man zwar mit einem Pflaster abdecken kann, die aber, wenn sie nicht mit Luft in Berührung kommen, unter der Oberfläche weiterschwären, genauso kann arbeitet die Traurigkeit in der Seele weiter, wenn es nicht gelingt, sie in die eigene Persönlichkeit zu integrieren und sie zu einem Bestandteil des Lebens zu machen.

In diesem sehr schönen, teilweise sehr anrührenden Buch der beiden Autorinnen, die beide als Trauerbegleiterinnen und Therapeutinnen viel Erfahrung haben wird sowohl für Betroffene als auch für „Begleiter“ (und darunter sind auch Verwandte, Freunde zu verstehen) aufgezeigt, welche Funktion die Trauer im Menschen hat, wie sie sich äußert, äußern kann, wie man damit umgehen kann. An Beispielen werden Hilfsmittel an die Hand gegeben, Gedichte und Geschichten verbildlichen vor allem die komplexen seelischen Vorgänge im Trauerprozess.

Was wir besitzen
ist nur geborgt:
worin wir wohnen,
was wir haben,
wer wir sind.
Die wir lieben,
sind nur geborgt,
Wann sie gehen,
entscheiden wir nicht
Wir entscheiden,
ob wir die Erinnerung
als Geschenk annehmen wollen.

Der Begriff Trauer umfasst im Buch ein weites Spektrum, nicht nur die Gefühle beim Tod eines nahen Mensche löst sie aus, auch andere Verluste wie Trennungen, Scheidungen, Jobverluste, bei Kindern vllt auch einfache Ereignisse wie zeitweise Abwesenheiten von Eltern(teilen). All dies sind Einflüsse, die das gewohnte Leben durcheinander wirbeln und gefühlsmäßige Aufarbeitung notwendig ist. Man muss erkennen, daß Trauer nichts krankhaftes ist, seine Zeit braucht, sich in verschiedensten Gefühlen wie Zorn, Wut, Ärger, Verzweifelung äußern kann:

„Trauer ist der Weg einer bewussten Auseinandersetzung mit diesen Erfahrungen und erfordert innehalten und weitergehen, sich öffnen und schützen, zurück- und nach vorne, nach außen und ebenso nach innen blicken.“

Sie ist die Kehrseite unserer Liebes- und Bindungsfähigkeit.

Das Büchlein ging an mich, es rührt vllt an Wunden, die man selbst mittlerweile im Lauf des eigenen Lebens gesammelt hat. Trauer ist ja etwas, was wir gerne vor anderen verstecken, was uns u.U. sogar peinlich ist zu sehen und mitzuerleben (denkt man z.B. an Bilder von Klageweibern/klagenden Frauen, wie sie in südlichen Kulturen, die viel ausgeprägtere Trauerrituale haben, zu sehen sind.). Beherrschung wird bei uns als wichtiger eingestuft als die Äußerung von Trauer. Aber Angst fressen Seele auf und Trauer ebenso: Wir müssen Trauer begreifen, begreifbar machen, um sie in unser Leben einzubinden und gesund weiterleben zu können. Jeder, der mal verzweifelt war und jemanden gefunden hatte, bei dem er einfach mal reden oder schweigen konnte, wird dies bestätigen. Aber manchmal braucht man mehr Hilfe, und da ist dieses Buch wertvoll.

Facit: Da ich glaube, daß sich jeder Mensch mal mit diesem Thema auseinandersetzen sollte (jeder wird früher oder später auf die eine und die andere Art und Weise davon betroffen sein), bin ich froh, dieses Buch gefunden zu haben.

Karina Kopp-Breinlinger/Petra Rechenberg-Winter
In der Mitte der Nacht beginnt ein neuer Tag
Kösel-Verlag, Mai 2007, 216 S.
ISBN-10: 3466366194
ISBN-13: 978-3466366194

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