Bruce Chatwin: Traumpfade

chatwincovk

Das Buch steht schon eine ganze Weile bei mir im Regal, immerhin solange, daß diese Covergestaltung im Internet nicht mehr zu finden ist. Jahre also, in denen es auf´s Lesen wartete….

Bruce Chatwin war ein Reisender, einer, der es an einem Ort nie lange aushielt. Seine Reiseeindrücke verarbeitete er in verschiedenen Büchern, „Traumpfade“ [1] („Songlines“) ist eins davon. In diesem Buch, als Roman bezeichnet, beschreibt er in Form eines Tagesbuches seine Reise ins Innere Australiens, auf der er einen Berater der Eisenbahngesellschaft begleitet. Dessen Aufgabe ist es, zwischen den Aborigines, deren mythische „Songlines“ durch die Baumassnahmen gestört werden und der Eisenbahngesellschaft zu vermitteln und Konflikte zu vermeiden.

Chatwin jagte einer Theorie hinterher, nach der das Nomadisieren der ursprüngliche, angemessene Zustand des Menschsein sei und aus dem Sesshaftwerden sich die Probleme wie Aggressivität ergäben. Deswegen will er in Australien die legendären „Traumpfade“ der Eingeborenen erkunden, herausfinden, was es mit diesen gesungenen Wegen und Landschaften auf sich hat:

„Chatwin instinctively believed that true rest could only be found in motion: he spent years accumulating data (antrhoplogical, archaeological, philosophical, geographical, historical, scientific, metaphysical, mythical) in order to construct a framework to support this feeling and establish it as a theory. Some of his discoveries and arguments went into „The Songlines“….“

wie es Francis Wyndham in seinem Vorwort zu „Far Journeys“ [5] beschreibt.

(„Bewiesen“ hat Chatwin diese Hypothese nicht, das geplante, abschließende Buch dazu wurde nie geschrieben. Analogien zeigt er im Verhalten, in den Sitten und Gebräuchen, den Traditionen zwischen Völkern verschiedener Erdteile….)

Auf dieser Reise ins Innere Australiens spricht Chatwin mit Aborigines und Weißen, versucht ihr Vertrauen zu erringen, um mehr über diese Songlines zu erfahren, die Australien in alles Richtungen durchqueren. Sie sind die Spuren der mythischen Vorfahren der Aborigines, die die Welt erschaffen haben, in dem sie sie benannten und besangen. An diesen Liedern, in denen offensichtlich die Landschaft Australiens codiert ist, orientieren sich die Aborigines noch heute bei ihren Wanderungen durch den Kontinent. Mehr will ich zum Inhalt garnicht schreiben, in den Links [3a-c] sind zum Teil ausführliche Inhaltsangaben gemacht.

Deshalb nur noch ein paar Anmerkungen:

(i) Engländer scheinen im Inneren Australiens in keiner besonders hohen Rangordnung zu stehen. Das hat mich an die Ausführungen von Twain in seinem „Dem Äquator nach“ erinnert, wo er ja zum Teil recht detaillierte Schilderungen der Aktionen der Engländer gegen die Eingeborenen gibt, die … nun ja, dieses niedrige Ansehen durchaus rechtfertigen:

„… Er [Der Eingeborene] beschränkte die Bevölkerungszahl sorgfältig und bewusst, …. Nachdem der Weiße gekommen war, brauchte er diese … Maßnahmen nicht mehr anzuwenden. Der Weiße kannte Mittel, eine eingeborene Bevölkerung in zwanzig Jahren um achtzig Prozent zu verringern. Die Eingeborenen hatten so etwas Hervorragendes noch nicht erlebt.“ [6]

(Twains Buch ist an manchen Stellen was das nachbarschaftliche Verhältnis Weiße vs. Aborigines betrifft, leicht zynisch, muss man einfach zugeben….)

(ii) Chatwin wird ja immer als Werbeträger für die berühmten „Moleskine“ Tagebücher verwendet, er selbst schreibt in seinen „Traumpfaden“ ja auch darüber. In “Far Journeys” [5] sind auch ein paar Seiten fotographisch wiedergegeben. Doch Poganatz räumt in der SZ [4] gründlich mit dieser Fama auf, glaubt man ihm, so ist alles nur Werbung, obwohl ich nicht ganz verstehe, wie da die Ausführungen von Chatwin hineinpassen….

(iii) Auch wenn man am Ende bezüglich der Songlines nicht wirklich klüger geworden ist (die Denkstruktur ist eben völlig anders als bei uns), lohnt sich das Buch. Es sind Momentaufnahmen Australiens,  seiner Ureinwohner, ein schillerndes Kaleidoskop an Menschen unterschiedlichsten Temperaments, unterschiedlicher Schicksale, Wünsche und Träume. Es sind Rückblicke und Vergleiche, Spekulationen, Beschreibungen, Gedanken. Schicksale findet man als Leser hier, von Menschen und Landschaften….. Ein wenig von der inneren Ruhe, der Gelassenheit und der Eingebundenheit der (weisen) Aborigines in die Welt täte uns hier manchmal auch ganz gut…..

Facit: Ein Klassiker der Reiseliteratur mit einem mythischen Thema: „Nur was benannt werden kann, existiert auch“. Ein Motto, das mir momentan in anderem Zusammenhang des öfteren über den Weg gelaufen ist…..

Nachtrag vom 20.12.2008:

Im heutigen Spiegel 52/2008, S. 126 beschreibt Volker Schlöndorff in der kleinen Kolumne „Das Buch meines Lebens“ die Wirkung, die Chatwins Traumpfade auf ihn gehabt haben: „… dieses Buch hat mich in Bewegung gesetzt: kurze Strecken erst, dann Marathon und schließlich tage- und wochenlanges Trekking durch Zentralasien…“ Songlines hat er dabei zwar nicht gefunden, aber das Laufen scheint ihm ein meditativer Akt geworden zu sein…..

Links

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Traumpfade_(Roman)
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Bruce_Chatwin
[3a] http://www.die-leselust.de/buch/chatwin_bruce_traumpfade.htm
[3b] http://www.dieterwunderlich.de/Chatwin_traumpfade.htm#cont
[3c] http://cicerossongs.blogspot.com/2007/04/songlines.html
[4] Zum Thema „Moleskin-Tagebücher“: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/376/316261/text/
[5] Bruce Chatwin: Far Journey, Viking Penguin, 1993, S. 13. (Ein Buch mit zum Teil wunderschönen Fotographien verschiedener Chatwin-Reisen durch Afrika und Afghanistan)
[6] Mark Twain: Dem Äquator nach; hier: Lizenzausgabe Bertelsmann, S. 89

Bruce Chatwin
Traumpfade
Fischer TB, 1996
ISBN: 3596103649

2 Kommentare zu „Bruce Chatwin: Traumpfade

  1. Gerade wollte ich unter Ihre Utz-Besprechung, lieber Flattersatz, diesen Text schreiben, da entdeckte ich noch rechtzeitig, daß Sie dieses Buch ja schon den Leserinnen und Lesern hier empfohlen haben. Deswegen als Zusatz nur ein kleines Zitat aus einer Besprechung von Rolf Vollmann, das ist der mit dem Romanverführer, in der FAZ vom 10.4.1990 (mein Gott, 23 Jahre her):
    „als er dieses Buch veröffenticht hatte, und als auch „Utz“ fertig war, ging Chatwin in den letzten Monaten seines Lebens daran, ….kleine Arbeiten für eine Publikation zusammenzustellen. Die Sammlung sollte den Titel What I am doing here* (*unter dem sie auch erschienen ist) tragen. Das ist ein Satz von Rimbaud aus einem Brief nach Hause aus Äthopien. Chatwin zitiert diesen Satz in „Traumpfade“….noch einmal sieht man in der Art wie Chatwin ein solches Wort aufnimmt, etwas von der Eleganz, von jener im unablässigen Wandern erworbenen Leichtigkeit, die uns in allen seinen Büchern, nirgends aber wie in diesen Songlines, so -romantisch beinahe – bezaubert.“
    Ich finde, alle Chatwinbücher haben etwas, das verzaubert, man muß nur bereit sein, mit ihm auf Reisen zu gehen, sich seinen Eindrücken und Assoziationen auszuliefern.Und man reist nicht nur in fremde Länder, sondern erfährt auch viel von früheren Reisenden.
    Das Buch „Was mache ich hier“ , das ja eine Art Vermächtnis ist, kann ich auch nur empfehlen.
    Und wenn Sie vor hätten, auch einen seiner wunderbaren Bildbände zu besprechen, dann ist die Vorfreude darauf schon groß……

    Chatwin zitiert in den Traumpfaden viele Zitate von Rimbaud und ich schließe mit einem von Verlaine über Rimbaud (S. 232):
    „L’homme aux semelles de vent“ Der Mann mit den Fußsohlen aus Wind…
    es trifft auch auf Chatwin zu….

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    1. liebe sternschnuppe,

      sie kennen das büchlein viel besser als ich. es ist jetzt schon ein paar jahre her, daß ich es las und diese besprechung schrieb… in der zeit, in der ich lesen lernte… heutzutage würde meine vorstellung der „traumpfade“ sicherlich ganz anders aussehen, dem buch vllt auch eher gerecht werden. deswegen danke ich ihnen auch für ihren kommentar, der meinen text ergänzt, verbessert und das büchlein viel besser charakterisiert als ich es damals tat.

      fusssohlen aus wind… bei hermes waren es noch flügel an den füßen, die sein eilen ermöglichten… ;-) ein phantasievolles bild, das sich rimbaud dort einfallen ließ…

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