Steven Galloway: Der Cellist von Sarajevo

sarajewo

Die Stadt Sarajevo [1], Austragungsort der olympischen Winterspiele von 1984, wurde beginnend vom 5. April 1992 bis zum 29. Februar 1996 für insgesamt 1425 Tage von der bosnisch-serbischen Armee belagert und beschossen [2, 6]. In diesem Zeitraum wurden ca. 470.000 Granateinschläge verzeichnet. Am 27. Mai 1992, also noch recht früh gemessen am Zeitraum der Belagerung, schlugen mehrere dieser Granaten in eine Gruppe von Menschen ein, die in einer Schlange anstanden, um Brot zu kaufen. Außer ca. 70 Verletzten starben 22 Menschen bei dieser Attacke.

In den folgenden 22 Tagen spielte der bekannte sarajevoer Cellist Vedran Smailović [3] auf der Straße zum Andenken an diese Ermordeten um 16 Uhr jeweils Albinonis Adagio in g-Moll [7, 8].

Das ist die Ausgangssituation, in der der kanadische Autor Steven Galloway seinen Roman „Der Cellist von Sarajevo“ [3, 4] ansiedelt, um exemplarisch an drei Menschen das Schicksal der Stadt und ihrer Bewohner aufzuzeigen.

Es sind dies „Strijla“, die Scharfschützin, Kenan, der verängstigte Familienvater, und Dragan, der rechtzeitig vor Ausbruch der Belagerung seine Familie ausschleusen konnte. Galloway begleitet die Männer durch die Stadt bei ihren Besorgungen, die sie zu erledigen haben: Kenan muss Wasser holen in der alten Brauerei und Dragan, als Bäcker vom Waffendienst befreit, besorgt Brot, damit er und seine Verwandten, bei denen er lebt, was zu essen haben.

sarajevo-strasse

Wir begleiten sie durch die zerstörte Stadt, nicht auf einem Spaziergang, wie man üblicherweise Besorgungen erledigt, sondern in einem Marsch auf Leben und Tod. Scharfschützen beherrschen die Straßen und Kreuzungen, jedes Verlassen einer Deckung kann den Tod bedeuten. Die Menschen stehen im Schatten ausgebrannter Waggons und warten, bis der erste den Mut hat, zu gehen – um zu sehen, ob sich irgendwo ein Scharfschütze verbirgt, um abzuschätzen, wie groß die Gefahr ist. Das Überqueren der Straßen, der Kreuzungen, der zerstörten Brücken ist ein Spiel auf Leben und Tod, es ist kein russich Roulette, es ist Sarajevo Roulette.

Dieser Zustand entwürdigt die Menschen, sie schauen einander nicht mehr in die Augen, haben sich nichts mehr zu sagen. Sie hoffen, nicht angesprochen zu werden – „Angst essen Seele auf“ fällt mir dazu ein. Aber vielen dieser Menschen gibt der Cellist mit seinem vordergründig sinnlosen Tun Halt, er gibt ihnen Hoffnung (S. 195):

„Kenan starrt den Cellisten an, während er spielt, uns spürt, wie er ruhiger wird, während er sich der Musik hingibt. ……. Kenan sieht, wie die Wunden der Stadt rundum verheilen…“

die Musik ist in der Lage, den Menschen wieder Träume von einer besseren Zukunft zu geben.

Strijla ist eine Scharfschützin, war früher eine junge Frau, die gelacht hat und vor Lebensfreude barst. Jetzt merkt sie, daß sie hasst, daß das Töten ihr nichts mehr ausmacht. In diesem Hass sieht sie den wahren Sieg der Belagerer, aus einer Stadt lebensfroher Menschen haben sie eine Ansammlung hassender Menschen gemacht. Trotzdem hält sie sich an gewisse Prinzipien, zum Beispiel tötet sie keine Zivilisten, sondern nur Soldaten. Für dieses Prinzip zahlt sie einen hohen Preis, aber in diesem Moment gewinnt sie auch ihre Würde, ihr Menschsein wieder: aus Strijla wird wieder Alija. Sie hat keine Angst mehr.

Strijla ist in diesem Roman die Beschützerin des Cellisten, ihre Aufgabe ist es, Scharfschützen, die den Musiker exekutieren wollten, auszuschalten. Während dieser Zeit der Bewachung grübelt sie, was aus ihr und der Stadt, ihren Bewohnern geworden ist, wie die Bestie Krieg die Menschen verändert hat.

Die Sprache Galloways ist ruhig, leise. Aber gerade diese Leisigkeit ist eindringlicher als ein lauter Aufschrei, der von aussen herangetragen wird. Hier entsteht die Wirkung der Worte im Leser selbst, die Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen für Brot, Medikamente oder Wasser ihr Leben aufs Spiel setzen müssen, verbietet lautes Aufschreien: das ist zum normalen Leben Sarajevos geworden, kein lautes Klagen mehr wert. Politik spielt in seiner Geschichte kaum eine Rolle, Galloway konzentriert sich ausschließlich auf die Menschen, die „Politik“ bzw. deren Folgen auszuhalten haben.

Das Erschreckende an diesem Krieg mitten im „zivilisierten“ Europa ist die Tatsache, daß es ihn überhaupt gab, daß er mit seinen ganzen Greueltaten überhaupt möglich war. In gewisser Weise ist es wie eine ins Freiland transformierte Version des berühmten „Stanford Prison Experiment“ von Zimbardo [10], der zwei Gruppen von Studenten aufteilte in Wärter und Gefangene und ihnen situativ die Möglichkeit gab, entsprechend zu handeln. Es ist, so die Erkenntnis von Zimbardo, „…erschreckend einfach, ganz normale Menschen zu den übelsten Taten zu veranlassen. Man muss sie nicht einmal zwingen, es ihnen nicht einmal nahelegen. Sie kommen von selbst darauf und entwickeln sogar eine beängstigende Kreativität – wenn man ihnen die entsprechenden Umstände schafft.“ [11]. Diese Umstände wurden hier geschaffen: ein Gefühl der Bedrohtheit für die Täter, eine übergeordnete Autorität verleiht Legitimität bzw. die Gruppendynamik führt zu Konformität, die Täter bleiben unerkannt, sind nicht identifizierbar, die Opfer sind nicht als Individuen erkennbar. [11]

Eine Frage, die sich auch die Protagonisten in Galloways Buch stellen, weil viele der Soldaten, die auf die Stadt schießen, ja früher hier gelebt haben, als Nachbarn, als normale Menschen. Und so lautet die Schlussfolgerung, die man bei aller gerechtfertigten Abscheu vor den Geschehnissen, ziehen muss, daß fast jeder, wenn die situativen Randbedingungen geschaffen werden, zu solchen Taten fähig ist.

Facit: Ein Buch, das einem beim Lesen traurig werden läßt, daß ohne Effektheischerei mit den Menschen, die damals in Sarajevo lebten, mitleiden läßt. Ein Buch, das gerade weil es so unaufgeregt schildert, eindringlich ist und bewegt, das beide Seiten der menschlichen Natur, die Leidensfähigkeit auf der einen und die Grausamkeit auf der anderen, deutlich macht.

Links:

[1] Wiki-Artikel zu Sarajewo
[2] Wiki-Artikel zur Belagerung von Sarajevo
[3] Wiki-Artikel zu Vedran Smailović
[4] Bild des Cellisten: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/43/Evstafiev-vedran-smailovic-sarajevo1992w.jpg
[5] Zeitartikel über die Zustände in Sarajevo 1992
[6] Sehr empfehlenswert: Bericht über die Belagerung Sarajevos als pdf
[7] mp3 des Adagios
[8] Wiki-Artikel zum Adagio
[9] Quelle
[10] Stanford Prison Experiment
[11] nach Ch. Pöppe: Zimbardo: Die Bedingung des Bösen, Buchbesprechung in: Spektrum der Wissenschaft 12/2008, S. 108 ff
[12] ein interessanter Beitrag der wdr5-Redaktion zum Buch

Das 2. Bild: Overall view of downtown Grbavica, a suburb of Sarajevo [9] .

Steven Galloway
Der Cellist von Sarajevo
Luchterhand Literaturverlag, 2008, 240 S.
ISBN-10: 3630872794
ISBN-13: 978-3630872797

3 Kommentare zu „Steven Galloway: Der Cellist von Sarajevo

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