Almudena Grandes: Lulú. Die Geschichte einer Frau

lulu

Nach Francos Tod 1975 entwickelte sich die Gesellschaft in Spanien neu, sowohl, was die politische Landschaft anging also auch die kulturelle Vielfalt, die sich nach der Ära der Diktatur immer freier entwickeln konnte.

Andeutungsweise gibt der Roman von Grandes diesen Umbruch wieder, denn die Ich-Erzählerin Lulú erlebt ihre Kindheit noch unter Franco und den Repressalien seines Regimes, erlebt hinterher aber mit, wie vormals Verfolgte gesellschaftlich reüssieren.

Aber ich will niemanden auf eine falsche Fährte locken, Politik ist wirklich nicht das Hauptthema dieses wunderschönen Romans. Zwar profitiert sicherlich auch Grandes von den Freiheiten der neuen spanischen Gesellschaft (unter Franco wäre dieser Roman wahrscheinlich nicht möglich gewesen), aber das Buch handelt schlicht und einfach von den Erlebnissen, und zwar den sexuellen, der Protagonistin. Angefangen im Schulalter bis hin zur etwas 30 jährigen Frau mit einer kleinen Tochter, erzählt Grandes episodenhaft und in vielen Rückblicken, auf gegeneinander verschobenen Zeitebenen.

Lulú wird als junge Schülerin von Pablo, einem 27jährigen Studenten, auf ein politisch heikles Konzert mitgenommen, weil ihr Bruder krank und damit verhindert ist. An diesem Abend verliert sie in mehrfacher Hinsicht ihre Unschuld und sie verliert sich an Pablo, dem sie zeit ihres Lebens in einer Art Hörigkeit verbunden bleibt. In der Freiheit der Nach-Franko-Ära kosten die beiden dann alle Möglichkeiten, die ihnen in Madrid aufstehen, aus. Pablo leitet und führt Lulú in immer weitere, teilweise auch exzentrische Abenteuer, die Grandes in deutlichen Worten schildert, wobei sie aber nie vulgär wird oder platt, sondern eine prickelnd-erotische Stimmung aufbaut.

Nachdem Pablo einige Jahre in den USA als Literaturprofessor gelesen hat, kehrt er nach Spanien zurück, bald darauf heiraten die beiden. Jedoch trennen sie sich nach einigem Jahren wieder, Lulú lebt danach mit ihrer Tochter Ines zusammen. Ohne Pablo, der sie immer geschützt hat, ihr bei allen wie auch imme gearteten Abenteuern Geborgenheit und Sicherheit vermittelt hat, läßt sie sich in der Folge auf immer extremere Konstellationen ein. Sie scheint abzugleiten auf der Suche nach etwas, was sie nicht finden kann. Sie ist wie eine Süchtige, die immer mehr Stoff braucht, um sich zu betäuben und nachher wie mit einem Kater wieder aufzuwachen. Bald ist sie in ihrem Revier, in dem sie sich herumtreibt, bekannt wie ein bunter Hund und die Typen, mit denen sie verkehrt, werden immer gefährlicher. Gerettet (und es scheint, als ob sie sich nur in Gefahr begeben hat, um dies zu erreichen) wird sie am Schluss dann wieder von ihrem Pablo…. Dieser letzte Teil des Buches ist leider vom Inhalt und auch von der Stimmung her viel dunkler, düsterer als der erste Teil, der eine fröhliche, lustbetonte Erotik vermittelt.

Ein sehr offener, plastischer, nichts scheuender, aber auch zarter und einfühlsamer erotischer Roman, der die erotischen Szenen nicht als Selbstzweck benutzt, sondern um in der Tat die Entwicklung dieser Frau vom jungen Mädchen bis hin zur reifen (?) Frau aufzuzeigen.

Das Buch wurde mit dem spanischen Literaturpreis Premio_La_Sonrisa_Vertical (Das vertikale Lächeln) ausgezeichnet, wie ich finde, zurecht.

Almudena Grandes
Lulú. Die Geschichte einer Frau
Galgenberg; Auflage: 3. Aufl. (1990)
ISBN-10: 3925387730
ISBN-13: 978-3925387739

(hier vorgestellt nach der Lizenzausgabe des Bertelmann Buchclubs.)

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