Graham Greene: Der dritte Mann

greene

In der Grabbelkiste gefunden, ein paar Meter vor dem Wartezimmer, in das ich mich gleich setzen würde. Vom Umfang her nicht so stark, vom Titel her bekannt, vom Preis her tragbar… also gab es keinen Grund, das Büchlein nicht mitzunehmen….

„Der dritte Mann“ [1] wurde 1949 mit Orson Welles, Joseph Cotten und Alida Valli in den Hauptrollen gedreht. Auch wenn der Film wohl bekannter ist als das Buch, liegt ihm eben jenes zugrunde. Dem Vorwort Greenes zufolge (und er muss es ja wissen), ist seine Erzählung sogar nur entstanden, weil er kein Drehbuch schreiben kann, ohne den Stoff vorher als Erzählung formuliert zu haben, da jeder Stoff Charaktere braucht, Stimmungen und Atmosphäre, die sich in dürren Drehbuchzeilen nicht gestalten lassen. So wurde dieses Buch „….nicht geschrieben, um gelesen, sondern um gesehen zu werden.

Die Handlung ist nicht allzu kompliziert: Harry Lime lädt seinen alten Schulfreund Rollo Martins ins vom Krieg verwüstete und von den 4 Besatzungsmächten verwaltete Wien der Nachkriegszeit ein. Es ist Winter und Rollo kann bei seiner Ankunft nur noch dem Begräbnis von Harry Lime zuschauen. Die Polizei konfrontiert ihn damit, daß Lime Dreck am Stecken gehabt haben soll. Rollo Martin kann sich dies nicht vorstellen und klappert der Reihe nach die Freunde und Bekannten von Harry ab, von denen er weiß oder erfährt. Im Lauf dieser Suche kommen starke Zweifel in ihm auf, ob der vorgebliche Unfall Harrys sich wirklich wie dargestellt abgespielt hat. Insbesondere verstört ihn der ominöse „dritte Mann“, von dem ihm Harrys Hausmeister erzählt. Als dieser dann kurz danach tot aufgefunden wird, gerät Rollo in Panik, zumal Rollo des Nachts einen Schatten vor sich fliehen sieht, in dem er den toten Harry zu erkennen glaubt.

Die Polizei klärt Rollo jetzt über die Schiebereien Limes auf, der üble Sachen mit dem damals völlig neuen Penicillin anstellt, das offiziell nicht erhältlich war [5]. Daraufhin stellt sich Rollo als Lockvogel zur Verfügung, um Harry Lime aus seinem Versteck zu locken und zu fassen. Bei dieser Jagd wird Lime dann erschossen und das Buch endet wie es angefangen hat: mit der Beerdigung von Harry Lime.

Es ist unglaublich, wie Greene in seinem sehr nüchtern und weitgehend emotionslos geschilderten Erzählung innerhalb weniger Absätze, Zeilen sogar, die düstere Stimmung eines von einer leichten Schneedecke überzogenen, durch den Krieg verwüsteten, leidenden, frierenden Wien zeichnet. Der Friedhofsboden muss mit Presslufthämmern aufgebrochen werden, um ein Grab auszuheben, ein wunderbar starkes Sinnbild dafür, wie hart das Leben in der Stadt gewesen sein muss. Ebenso einfach und anschaulich stellt sich bei ihm dar, wie in der besetzten Stadt Engländer, Franzosen und Amis auf der einen, die Russen auf der anderen Seite immer direkter gegeneinander agierten, sozusagen die Geburtswehen des Kalten Krieges, die er uns hier mit auf den Weg gibt.

Hunger und Not herrschen in der Stadt, in den schummerigen Bars sitzen die Gäste im Wintermantel, da zum Heizen die Kohlen fehlen. Außer diesen Bars scheint einzig das Riesenrad im Prater noch als Freizeitvergnügen für die Menschen vorhanden zu sein. Aus der Not heraus wird verschoben und getrickst, mit Lebensmitteln, Autoreifen, allem möglichen – und eben auch mit Medikamenten. Und was heute aus der Drogenszene bekannt ist, hat Lime damals schon praktiziert: den „Stoff“ gestreckt, verschnitten, verwässert, mit grausamen Folgen…..

Facit: Eine atmosphärisch sehr dichte, spannende Erzählung.

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[1] Link zur Filmbeschreibung in der Wiki
[2] die berühmt Zithermelodie, das Harry-Lime-Thema
[3] die original Filmmusik gibt es hier als mp3: http://www.lupi.ch/ (unter Filmmusik)
[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Penicillin
[5] Penicillin wurde zwar schon Ende der 20er Jahre von Fleming entdeckt, ein einsatzfähiges Medikament wurde jedoch erst gegen Ende des 2. Weltkrieges in den USA entwickelt. [4] Geliefert wurde es für die Militärangehörigen, zivile Stellen hatten keinen offiziellen Zugriff auf Penicillin.

Graham Greene
Der dritte Mann
Süddeutsche Zeitung / Bibliothek 2004
ISBN-10: 3937793305
ISBN-13: 978-3937793306

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