Fred Vargas: Die dritte Jungfrau

Das Buch von Vargas hat mehrere Handlungsstränge, die im Lauf der Geschichte zusammengeführt werden. Es sind vor allem zu nennen die beiden toten Pariser (ich weiß, ich weiß…), die mit Erde unter den Fingernägeln gefunden werden und daher die Frage aufwerfen, wo sie nach was gegraben haben. In der Provinz stößt die Hauptfigur, Kommissar Adamsberg, dann zufälligerweise auf ein rätselhaftes Hirschmassaker, Jugenderlebnisse leben wieder auf und bringen den Kommissar in Gefahr. Und es gibt Schatten, überall Schatten, die umherschleichen…. und wie das alles und noch viel mehr mit einem mittelalterlichen Buch und dort enthaltenen Anweisungen zusammenhängt, nun, das ist die relativ komplizierte Geschichte, die in diesem Buch erzählt wird.

Ich habe das Buch von einer Bekannten bekommen und natürlich sofort reingeschaut. Nach ca. 60, 70 Seiten überlegte ich mir, daß ich ja auch eine Kategorie „weg.gelegt“ habe und dieses Buch doch eigentlich ein Kandidat dafür sei. Aber da es spät am Abend war, ich keine Lust hatte, noch ein anderes Buch anzulesen, habe ich eben doch weitergeblättert und irgendwann habe ich dann den Bogen gefunden, mit dem ich es doch lesen konnte: ich habe es einfach nicht mehr als Kriminalroman angesehen, sondern als eine Art Märchen mit starken Elementen aus dem Mittelalter. Wie nennt man dieses Genre, in dem Mönche/Nonnen ein Rolle spielen, alte Überlieferungen und Schriften, die zu interpretieren sind, diese ganze Hermes-Trismegistos-Sauce eben? Ist auch egal…. jedenfalls geht es darum….

Natürlich spielt hier die persönliche Erwartung an die Gattung „Krimi“ eine Rolle, mir liegen die realistischen, lakonischen, trockenen Krimis á la Paretsky, Giovinazzo oder auch Klönne mehr. Geschmackssache eben. Aber hier? Ein mehr oder weniger durch die Szenerie irrlichternder Kommissar, der nichts weiß, aber intuitiv alles richtig macht, eine Ermittlungstruppe, die nach eigenen Worten aus Mitarbeitern besteht, die entweder beschränkt und gewalttätig sind, linkisch und ergeben, dem Ernährungswahn verfallen, immerzu gegen den Schlaf ankämpfend, Anhänger des Tragischen und energietransformierend – ein wunderlicher Haufen. Dazu Nonnen, die auf Dächern spuken und eine mordende Krankenschwester auf der Suche nach den Zutaten für ein mittelalterliches Rezept zur Erlangung der Unsterblichkeit. Oh – fast hätte ich es vergessen: einer der Ermittler spricht nur in Versen…. eine alte Familiensache. Völlig normal, oder?

Für Franzosen mögen die Anspielungen auf landsmännische Besonderheiten („Sperre nie zwei Gascogner in einen Raum“) amüsant sein, für mich waren sie weitgehend unverständlich, wenngleich Vargas durch stete Wiederholung dafür sorgt, daß man immer wieder drauf gestoßen wird.

Was fand ich noch bemerkenswert? Ja, genau: die Bürokatze wird als Spür“hund“ eingesetzt. Die überfettete, lethargische Bürokatze (bezeichnenderweise die „Kugel“ genannt) sucht 3 oder 5 Tage (so genau weiß man das nicht) nach dem Verschwinden ihres Hauptdosenöffners mitten in Paris deren Spur. Mitten in Paris, quer über die Ringautobahn etc pp. Und wird dabei von einem Hubschrauber aus beobachtet und verfolgt. Insgesamt 11 Stunden….. Hätte Vargas, die (lt. Cover) „Königin des französischen Kriminalromans“ doch wenigstens einen Hund mit dieser Aufgabe betraut……. Aber eine Katze.. Vielleicht ist es ein Zeichen der Zeit, in der der Strom aus der Steckdose kommt, die Milch aus der Tüte und die Kühe Lila sind, daß man Katzen eine derartiges Verhalten, derartige Fähigkeiten zutraut, ich weiß es nicht….

Und etwas peinlich erschienen mir die vereinzelten Fussnoten, in denen bei inhaltlichen Andeutungen im Text auf frühere Romane von Vargas verwiesen wird, in denen das offensichtlich eine Rolle spielte. Hat die Autorin dies nötig?

Dem Temperament Adambergs entsprechend ist das Tempo der Erzählung ruhig, erst gegen Ende überschlagen sich ein wenig die Ereignisse, ein Verdächtiger jagt den nächsten und wie deus ex machina wird dann der wahre Mörder gefangen – gefangen, aber nicht unbedingt auch überführt… positiv ist zu vermerken, daß damit aber auch dann Schluss ist, der Roman hört wieder mit dem spanischen Nachbarn auf, der im Klappentext, im ersten und jetzt im letzten Kapitel zu Wort kommt…. lassen wir es damit gut sein, hombre….

Facit: Es ist glaube ich nicht verborgen geblieben, daß ich den Roman nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbüchern zähle. Ein typisches Buch für eine längere Bahnfahrt, in der das Lesezeichen verloren geht und man einfach wieder irgendwo anfangen kann, ohne überschlagene Seiten zu sehr zu vermissen….

Fred Vargas
Die dritte Jungfrau
Aufbau Taschenbuch Verlag, 2008
ISBN-10: 374662455X
ISBN-13: 978-3746624556

besprochen von mir nach der im „Weltbild-Verlag“ erschienen Lizenzausgabe 2008

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