Wolfgang Michal: Des Kaisers Heiliger Krieg

27. Oktober 2008

Auf meinen Reisen als Student durch Asien bin ich überall freundlich aufgenommen worden, im Gegensatz zu den Jungs aus Amerika, die sich manchmal schon einiges gefallen lassen mussten, und wenn es nur eine vorgetäuschte Verständigungsschwierigkeit war. Da die Umgangssprache damals (und wohl auch heute noch) Englisch ist, und der gemeine sagen wir mal Afghane die unterschiedlichen Nationalitäten wohl kaum an der Aussprache unterscheiden kann, gab es ein probates Mittel für uns Deutsche: wir haben in Läden oder wenn wir jemanden angequatsch haben, erst mal deutsch geredet und sind danach ins Englische übergewechselt. Aus Deutscher war man eigentlich überall gut gelitten, besonders auch in Afghanistan. Wieso dies so war, nun, das wurde mit bei der Lektüre dieses Aufsatzes klar.

Der im übrigen gut passt zu den anderen Beiträgen von mir, die sich mit zwei literarischen Auseinandersetzungen mit diesem wilden Land am Hindukusch befassen (Buchhändler, Drachenflieger).

Die Historie, die hier beschrieben wird, betrifft einen exotischen Nebenschauplatz des 1. Weltkrieges. Entgegen der Erwartung des Kaisers ist England in den Krieg eingetreten. Eine diesbezügliche Notiz des Kaisers ist erhalten:

Unsere Konsuln in der Türkei und Indien, Agenten usw. müssen die ganze mohammedanische Welt gegen dieses verhasste, verlogene, gewissenlose Krämervolk zum wilden Aufstande entflammen; denn wenn wir uns verbluten sollen, dann soll England wenigstens Indien verlieren.“

Mit anderen, modernen Worten: Kaiser Wilhelm plante, eine Glaubenskrieg, einen Djihad, anzuzetteln. Mit der Türkei, dem damaligen „kranken Mann am Bosporus“ wurde ein geheimes Militärbündnis geschlossen, mit dessen Hilfe die Türkei ein großtürkisches Reich errichten wollte. Eine Expedition nach Afghanisten, um den dortigen Emir zu überreden, an der Seite der Türkei zu kämpfen, war Bestandteil des Paktes.

Volksaufstände in Indien, Ägypten und dem Kaukasus seien zu entfachen, um den Gegner von innen zu schwächen. Es sei eine Maßnahme der Selbstverteidigung, den Islam auszunutzen und nach Kräften zu stärken [3]: durch Bestechung, politische Versprechen, Agitation, Waffenschmuggel, Banküberfälle, Anschläge und Mordkomplotte. Der Orient sollte in ein Pulverfass verwandelt werden, um das islamische Hinterland des Feindes zu destabilisieren.

In diesem Geiste wird von der „Nachrichtenstelle für den Orient“ (NfO, [3]) eine im wesentlichen durch ihre „praktische Ahnungslosigkeit“ charakterisierte Expertengruppe zur Planung eines solchen Unternehmens zusammengestellt.

Michal beschreibt im folgenden die Durchführung und das Schicksal der Expedition unter Waßmuß, Niedermayer und von Hentig, die, anders kann man es nicht sagen, absolut unprofessionell und stümperhaft verlaufen. Niedermayer und von Hentig sind sich spinnefeind, streiten und trennen sich, marschieren dann auf getrennten Wegen weiter nach Afghanistan. Die körperlichen Strapazen, die die Expeditionen auf sich nehmen, als sie das persische Innenland durchqueren, sind mörderisch, im wahrsten Sinne des Wortes, die Verluste bei Mensch und Tier hoch. Von 160 Menschen und 280 Tieren sind bei der Ankunft in Herat 37 Menschen und 79 Tiere übrig.

In Afghanistan selbst ist der Empfang freundlich, aber die beiden kommen nicht weiter. Emir Habibullah versteht es, die Deutschen hinzuhalten, er taktiert, da er von den Engländern, die von der Expedition der Deutschen erfahren haben, vorgewarnt und instruiert worden ist. Erst spät ist er zu einem Vertragsabschluss mit dem deutschen Reich bereit, der ihm umfangreiche Waffenlieferungen garantiert, jedoch ohne Gegenleistung seinerseits.

Die Deutschen machen sich in der Zwischenzeit in Kabul „nützlich“: sie modernisieren die einzige Waffenmanufaktur des Landes, Reorganisieren die Armee und Helfen beim Bau eines Krankenhauses. Ihre eigentlichen Pläne, einen Aufstand anzuzetteln, erreichen sie jedoch nicht – unter anderem auch, weil die Engländer die Zahlungen an den Emir großzügig verdoppelt haben, der mit seiner Rolle als Taschengeldempfänger [4] völlig zufrieden ist….. Jedenfalls sind die deutschen Einflüsse und Impulse auf die Modernisierung Afghanistans groß [4] und haben sich, wie Michal schreibt, „ins kollektive Gedächtnis“ gebrannt. Und deswegen, hier schließt sich dann der Kreis, war man (und ist man) als Deutscher in Afghanistan gut gelitten.

Die Deutschen verlassen im Mai 1916 das Land ohne Erlaubnis und in ebenso abenteuerlicher Weise, wie sie dorthin gekommen sind. 1919, unter dem Nachfolger des ermordeten Habibullah marschieren die Afghanen in Indien ein und rufen den Heiligen Krieg aus. Am 8. August gewähren ihnen die kriegsmüden Engländer die Unabhängigkeit.

Der Bericht Michals liest sich gut, ist spannend und unterhaltsam geschrieben. Verwunderlich ist jedoch, was er schreibt: Zufällig stieß [er] in den Archiven des Auswärtigen Amtes auf die „Revolutionierung des Orients““. Wenn ich mir überlege, was ich in der wenigen Zeit, die ich ein bischen nachrecherchiert habe, an Quellen gefunden habe über dieses Thema… natürlich nicht die Originalquellen, aber trotzdem.. bizarr mag die Geschichte sein, unbekannt aber nicht… egal, ich habe ein paar Sachen erfahren, die ich vorher nicht wusste. Ist doch was!

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[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Niedermayer-Hentig-Expedition

[2] http://daserste.ndr.de/panorama/media/djihad100.html

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Nachrichtenstelle_für_den_Orient

[4] http://www.heise.de/tp/r4/artikel/14/14080/1.html

Ein (leider nicht richtig funktionierender Link zu alten Fotos aus Afghanistan… gibt aber trotzdem einen Eindruck vom Land wieder):
historische Fotos aus Afghanistan

Das Buch von Niedermeyer:
Unter der Glutsonne Irans – Kriegserlebnisse der deutschen Expedition nach Persien und Afganistan
gibt es wohl in verschiedenen Ausgaben bei verschiedenen Verlagen…

Das Buch von Otto von Hentig: Meine Diplomatenfahrt ins verschlossene Land. Ullstein-Kriegsbücher
erschien 1918 wohl zum ersten Mal, das von den Amerikaner 1945 konfiszierte Original-Tagebuch wurde 2003 erstmals publiziert (ISBN 3909081371: Otto von Hentig: Von Kabul nach Shanghai: Bericht über die Afghanistan-Mission 1915/16 und die Rückkehr über das Dach der Welt und durch die Wüsten Chinas (Gebundene Ausgabe))

Wolfgang Michal
Des Kaisers Heiliger Krieg
GEO 11/2008
ISSN 0342-8311

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