Rafael Seligmann: Die Kohle-Saga

Als am Rand des Ruhrgebiets gebürtig war Kohlenstaub und Russ steter Begleiter meiner Kindheit, bin ich auf Kohlenhalden herumgeklettert und -gerutscht, kenn ich die kleinen Bergarbeitersiedlungen mit den Taubenschlägen und eventuell dem Koben für ein, zwei Schweine.. die Kohlelok, die die Schienen entlangschnaufte und der wir immer Steine auf die Gleise legten und voller Bewunderung für ihre Kraft nachher den Staub, den sie hinterließ, anstarrten. Daher ist dieses Buch schon so eine kleine Reise auch in meine ganz persönliche Vergangenheit und ich habe es mit Spannung zu lesen begonnen.

Seligmann stuft sein Buch als „Tatsachenroman“ ein, will also zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: eine Familien“saga“ über drei Generationen wird mit der Geschichte des Ruhrgebiets verknüpft, welche uns der Autor – und ich denke, daß ist Seligmanns Hauptanliegen – erzählen will.

Die Familiengeschichte ist schnell erzählt: Ende des 19. Jhdts wandert aus Schlesien ein junger Bauernjunge (Leo Bialo) ins Ruhrgebiet, weil man dort gutes Geld verdienen kann. Er erweist sich als guter Bergmann, lernt eine Frau kennen, heiratet, bekommt mit dieser Frau 4 Kinder. Diese Kinder heiraten z.T. selbst wieder und bekommen ihrerseits Nachwuchs, insofern also 3 Generationen…. Die Familie durchlebt Höhen und Tiefen, Todesfälle, die Weltkriege, die weithin vergessenen Arbeitskämpfe, diverse Wirtschaftskrisen und all die anderen Kleinigkeiten, die das Leben für uns Menschen bereit hält….. Nimmt diese Familiengeschichte im ersten Teil des Romans noch den meisten Platz ein, tritt sie in der zweiten Hälfte des Romans immer mehr in den Hintergrund zugunsten der Darstellung der geschichtlichen Abläufe im Ruhrpott.

Letztere führt der Autor in einer Art literarischer Guido-Knoppisierung (hach, was ein herrlich polemischer Ausdruck, den ich neulich las und hier gleich anbringe….) durch. Das hat den Vorteil, daß derjenige, der nichts oder nicht viel von dieser Geschichte kennt (so wie ich z.B.) eine groben Überblick erhält, aber auch den Nachteil, daß es eben nur ein grober Überblick ist. Ähnlich, wie man aus einem Flugzeug zwar die Landschaft sehen kann, die Städte, Flüsse, Berge, Seen, Felder aber nicht erkennt, in welcher Beziehung sie untereinander stehen, welche Bedeutung sie für die Menschen haben, so ähnlich tischt Seligmann dem Leser hier eine Überschrift nach der anderen auf, ohne tiefer in das Thema einzudringen.

Ein Beispiel: nach dem Krieg arbeitet Renata, die Tochter Leos, als Hebamme. Sie entbindet eine junge Frau von einem Baby, dem man schon aufgrund der Farbe ansieht, daß es nicht von dem überraschenderweise aus der Gefangenschaft heimgekehrten Mann sein kann. Mit dieser Episode reißt Seligmann Themen an wie Fraternisation, Mischlings/Besatzungskinder, die z.T. sehr schwierigen Familiensituationen mit den heimgekehrten, seelisch oft zerstörten Ehemännern etc pp… aber all das spielt im weitern keine Rolle mehr, Seligmann beläßt es bei den zwei, drei Absätzen, die die Entbindung betreffen.

Ein weiteres Beispiel wäre das Thema „Gastarbeiter“ nach dem 2. Weltkrieg… wenigstens ist klar, wer die erste Pizzeria aufgemacht hat…

Und so hechelt man mit dem Autor durch ein Jahrhundert Geschichte. Das Ruhrgebiet im 2. Weltkrieg wird auf 27 Seiten erzählt, der Wiederaufbau benötigt 20 Seiten und die Darstellung des Wirtschaftswunders 17 Seiten – nur als Beispiel.

Ach ja, irgendwann, in einem Nebensatz, erfährt man, daß Leo Bialo 6 Jahren zuvor gestorben ist….

Im Übrigen waren die Grubenbesitzer immer Ausbeuter, die Kumpels rechtschaffende Kerle, die SPD oft willig, aber meist unfähig. Eine Vielzahl von Stereotypen, die Seligmann präsentiert.

..und der Schluss.. ganz ehrlich, auch wenn ich Renata alles gute gegönnt habe, so ein Schmarrn hätte der Autor mir ruhig ersparen können….

Facit: Auf der Basis von plakativen Überschriften und Schlagworten habe ich durchaus einiges dazugelernt, im Grunde müßte man jetzt aus anderen Quellen zu den Schlagworten die Details raussuchen. Insofern war die Lektüre nicht nutzlos, aber etwas enttäuscht bin ich schon. (Das Bild rechts entstand so Anfang der 60er Jahre vor den Kohlehalden im östlichen Revier, dort, wo ich aufwuchs.)

Rafael Seligmann
Die Kohle-Saga
Piper, Tb, April 2008
ISBN-10: 3492251528
ISBN-13: 978-3492251525

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