Heinz Strunk: Die Zunge Europas

Das Buch schildert 7 Tage im Leben des 34jährigen Markus Erdmann, der sein Brot als Gagschreiber für seinen Freund Sven verdient, welcher selber völlig humorlos als Comedian mehr oder mittlerweile meist weniger erfolgreich auf der Bühne steht. Der Ich-Erzähler selbst erarbeitet sich seine Gags hart, sie unterschreiten meist jegliches Grenze des guten Geschmacks: „Nutten sind die Neger Bulgariens“ (oder umgekehrt, das ist nicht ganz klar…). Aber ich will ihm nicht unrecht tun, bei einigen Sachen, die er so von sich gibt, kommt man schon ins Grinsen oder auch Lachen, zu abstrus und grotesk sind seine Einfälle. Und die erfundene Krankengeschichte auf Seite 135 ist… doch ja, hat was recht groteskes…. (Stichworte: expansive Grünbäuchigkeit, Harnstottern, einseitige Spermenkranzbelastung, Apostelwahn….)

Wie gesagt, 7 Tage im Leben. Die geprägt sind von Routine (der sonntägliche Besuch im Café, danach zu Omi und Opi Mittagessen, aber auch werktags sieht es nicht viel abwechselungreicher aus), von selbstmitleidigem Schmonzes, Initiativlosigkeit und einer selten drögen Beziehung zu Sonja, die lahmer kaum noch werden kann..

Das Selbstbild des Erzählers ist, gelinge gesagt, unterentwickelt, im Gegensatz zu seinen Fettpölsterchen, die er akribisch registriert und weniger als halbherzig bekämpft….. Treiben läßt sich Erdmann, ohne Ziel und klare Richtung. Seine Umwelt nimmt er im vorwiegend durch einen „gag-geeignet“-Filter wahr, aus dem er sich dann selbst befreien muss á la „… was denk ich nur wieder für einen Blödsinn….“. Jobangebote sabotiert er mit einem gesunden Masochismuss, da ihm eh nicht klar ist, warum gerade er geeignet sein solle. So sitzt er eben im Sandpark, streitet sich mit Sven (der momentan Probleme hat, weil er 19 nicht von 15 unterscheiden konnte und dies beim Aufreissen der weiblichen Abendbegleitung doch eine nicht unwesentliche Rolle spielen sollte), über seine Gags und Svens Auftritte. Und trinkt Bier. Denn es ist gerade ein mörderheißer Hitzesommer. Macht alles nur noch schlimmer.

Schwitzschwitzruckelruckeloinkeroinker.

Mit solchen Wortgebilden, die einem des öfteren begegnen, illustriert Strunk die Seelenlage oder die momentane Verfassung seines Helden. Comicartig hängen sie wie Sprechblasen im Text … plop boing deng oinker…. und.. tja, was eigentlich? Keine Ahnung. Hängen einfach da.

An einer Stelle schlägt plötzlich Ernsthaftigkeit durch, als Strunk nämlich über seine (d.h. Erdmanns) Karriere als Gagschreiber erzählt und damit eine Generalkritik an der deutschen Comedylandschaft verbindet: „Erbrochenes. Spastiker des Witzes, die mit blutig gebissener Zunge die immer gleichen Fertigteilsprache ausspeien, Zombies, deren kaputtes, krankes, ausgezehrtes Vokabular zusammen mit den ausgeschalgenen Zähnen kraftlos aus dem Maul sappscht.„. Ein deprimierendes Resumee, als Therapie wäre ihm ein Jobwechsel zu empfehlen…

Erdmanns großes Vorbild ist sein Onkel, nämlich jene sagenhafte „Zunge Europas“, DER legendäre Kaffeeverkoster, nebenher auch noch als leidenschaftlicher Verbreiter von Sprüchen wie „Ich koche gern – aber nicht vor Wut“ oder Erfinder von Witzen: „“Warum gehst du denn immer auf den Balkon, wenn deine Frau singt?“ – „Damit alles sehen, daß ich sie nicht schlage.““. Nun ja. Auch Witze haben ihr Niveau. Oder eben auch nicht. Erdmann selber beurteilt seinen Humor anders als den seines Onkels, er erfindet Sachen wie „Betriebswirtschaft modern – Höschen runter, Ärmel hoch“…

Im Ganzen gesehen kann man Erdmanns Leben also eine gewisse Erfolglosigkeit nicht absprechen, es dümpelt so vor sich hin auf niedrigem Standard. Was ist daran so interessant, daß man ein Buch über dieses Thema lesen sollte?

Nun, zum einen ist es einfach gut zu lesen, teilweise wirklich witzig geschrieben und verblüfft (zumindest mich als notorischen und konsequenten Verweigerer aller TV-Comedy) durch abstruse Wort- und (Un)Sinnkombinationen. Zum anderen, in den reflektorischen Momenten des Erzählers, erkennt man vielleicht auch die eine oder andere Situation oder Gegebenheit, in der man selbst mal gesteckt hat – oder noch steckt. Nicht, daß einem die Erdmann´schen Gedanken dazu dann wirklich helfen, aber der „aha-Effekt“: klar, kenn ich doch, zeigt einem, man ist nicht alleine…..

Bliebe dann nur noch die Frage zu klären, was mit ihm und Janne wird…. nun ja, jedenfalls verbringen beide eine lange Nacht von Freitag auf Samstag, ohne die Schleife ganz zu schaffen…. Mehr wird nicht verraten.

Freitag und Samstag, diese beiden letzten Tage der Erdmann´schen Woche, weichen etwas von den ersten Kapitel ab. Lädt Strunk den Leser am Freitag ein, ihn beim Beobachten der Menschen um ihn herum zu beobachten, ohne daß er intensiver auf die Befindlichkeiten seiner Hauptperson eingeht, erlebt Erdmann am Samstag dann einen persönlichen Durchbruch. In einem leisen, anrührenden und sehr nachdenklichen Akt findet jener die Kraft und den Willen, einen Abschnitt seines Lebens zu beenden, einen notwendigen Schritt, den tun zu müssen ihm so lange nicht klar war.

Facit: Die Geschichte eines immer kurz vor dem Scheitern stehenden Gagschreibers von teilweiser brachialer Komik, trotzdem amüsant zu lesen. Das die Geschichte gegen Ende des Buches nachdenklicher, nüchterner wird, ist ein gewisser Bruch im Buch, aber ein Gewinn. Habe den Kauf nicht bereut.

Links:

http://www.heinzstrunk.de/

Heinz Strunk
Die Zunge Europas
Rowohlt, Oktober 2008
ISBN-10: 3498063987
ISBN-13: 978-3498063986

3 Kommentare zu „Heinz Strunk: Die Zunge Europas

  1. Ja, so richtig hoch schlagen die Wellen der Begeisterung nicht. Einerseits amüsant zu lesen, andererseits über weite Strecken eben auch nicht mehr. Entspannungslektüre, einschiebbar zwischen „Krieg und Frieden“ und den Börsennachrichten aus NY…..

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