Regine Deforges: Das Unwetter

Die innere Erfahrung mit der Erotik verlangt von dem, der sie macht, eine nicht weniger große Sensibilität für die Angst, die das Verbot begründet, wie für das Verlangen, das zu seiner Übertretung führt.

(Georges Bataille, „Die Erotik“)

Die erotischen Erzählungen Batailles kamen erst nach dessen Tod ans Licht, wobei für den französischen Surrealisten und Theoretiker nicht die Erotik, sondern mehr der Tabubruch, die durch ihn ausgelöste Obszönität des Sexuellen, das Überschreiten der Grenzen, im Mittelpunkt steht. Batailles verbindet Tod und Trieb zu einer Art rasenden Wahnsinn, der jeglichen Scheu verliert, keine Hemmungen, keine Beschränkungen mehr kennt, Erotik wird bei ihm zum Zwanghaften, Düsteren.

In diesem Sinn und mit entsprechendem Bezug auf Batailles ist das Büchlein von Deforges zu verstehen (es mit seinen 92 kleinen, locker beschriebenen Seiten im Stil eines Tagebuches als Roman zu apostrophieren ist allerdings ein wenig übertrieben…). Ähnlich wie in Batailles „Der Tote“ gerät bei Deforges die junge Witwe in eine Art Wahnzustand, sie redet weiter mit ihrem verstorbenen Mann, besucht ihn nächtlings auf dem Friedhof, beschwört ihr gemeinsames Liebesleben und in ihrem Wahn schläft sie mit ihrem Mann auf dem Grab. Die Rolle, die bei Batailles Pierrot spielt, übernimmt hier bei Deforges Lulu, ein zurückgebliebener junger Mann, der sie bei ihrem Treiben auf dem Friedhof beobachtet. Was bei „Der Tote“ die Wirtschaft ist, ist im „Unwetter“ die Familie Lulus und ebenso wie bei ihrem Vorbild erliegt auch bei Deforges die junge Frau ihrem Fieberwahn und folgt ihrem Mann ins Grab.

Eingebettet ist diese Geschichte mit ihren zum Teil extremen und obszönen Schilderungen in eine kleine Rahmenhandlung, bei der der Neffe bei der Durchsicht der Hinterlassenschaft seiner Tante das versteckte Tagebuch findet, welches er nach langem Zögern veröffentlicht als „einer der schönsten Liebesgeschichten“.

Dadurch, daß Deforges ihre junge Frau in den Wahn schickt und jegliche Begrenzung ihres Verlangens löscht, es unmäßig werden lässt, führt sie vor Augen, wie der Mensch durch Tabus, moralische, ethische Grundsätze in seinen Handlungen eingeschränkt ist und zu was der Mensch bereit ist, wenn er sich über diese Grenzen hinwegsetzt.

Facit: Ein verstörendes Buch, denn wenn man Lust und Erotik mit Leben und Freude daran gleich setzt, bietet diese Geschichte einen vollständig anderen Ansatz.

Regine Deforges
Das Unwetter
Egmont vgs Verlagsgesell. 1997
ISBN-10: 3802525388
ISBN-13: 978-3802525384

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(1) Georges Batailles: Der Tote aus: Das obzöne Werk, Rowohlt-TB

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