Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden

Der 15jährige Kevin Khatchadourian (KK) gehört zu der kleinen, aber aufsehenerregenden Gruppe von Jünglingen, die eines Tages beschließen, mit ihrer Handfeuerwaffe in ihre Schule zu gehen, um dort Leben zu vernichten. Mal sind es mehr, mal weniger Tote, durch Kevin starben 11 Menschen. Im Verlauf des Buches erfährt man wieviele solcher, mehr oder weniger blutiger Massaker von Schülern in den USA verübt worden sind (ich gehe einfach davon aus, daß diese Angaben im Buch Fakten sind und keine Fiktion der Autorin)

Diese jungen Menschen vernichten das Leben derjenigen, die sie töten, sie zerstören auch das Leben der Verwandten der Ermordeten, der überlebenden Schüler, ihr eigenes Leben und auch das ihrer Eltern, ihrer eigenen Familie.

KK (Amerikaner tun sich schwer mit komplizierten fremdländischen Namen und lieben Abkürzungen) ist einziger Sohn von Franklin Pratchett und Eva Khatchadourian, die Familie ist gebildet, wohlhabend, Kevin war ein Wunschkind und die Eltern tun alles, um ihrem Kind eine gute Elternhaus zu geben.

In Briefen an ihren Ehemann analysiert Eva ihr eigenes Leben und das ihrer Familie. Sie versucht, Ursachen zu finden, Erklärungen, sie sucht nach einem Grund für die Ereignisse, sie fühlt sich schuldig und verzweifelt daran, daß sie nicht weiß, wieso.

Obwohl sich Eva ein Kind wünscht, ist sind die Muttergefühle bei der erfolgreichen Unternehmerin (Reisebücher für Globetrotter) wenig ausgeprägt, die Schwangerschaft verläuft zwar komplikationslos, aber nicht harmonisch, da sich bei ihr keine Freude auf ihr Kind einstellt und sie es schon vor der Geburt als Beschränkung ihres eigenen Lebens spürt. Und auch ihr Sohn scheint nicht wirklich auf die Welt zu wollen (so reizt es einen, seine 14tägige Verspätung zu interpretieren), die Geburt ist langwierig und schmerzhaft und von der ersten Sekunde an sind Sohn und Mutter verfeindet: Eva empfindet keine Muttergefühle und Kevin weigert sich, an ihr zu trinken.

Es ist nicht so, als ob Eva sich keine Mühe gegeben hätte, eine gute Mutter zu sein, im Gegenteil, aber Kevin verweigert im Grunde alles. Ein völlig apathisches Kind, das weder spielen noch essen will, das boshaft ist (kein Kindermädchen kann auf Dauer gehalten werden, die meisten verlassen die Familie schon am nächsten Tag), das nicht sprechen lernen will und mit 6 Jahren noch in die Hosen macht. Dabei ist Kevin hochintelligent, nach tagelangem Bemühen von Eva, ihm das Zählen beizubringen („eins, zwei…Kevin?“ – „acht“) wird es ihrem Sohn langsam langweilig und er zählt ihr von 1 bis 100 in einem gleichförmigen Geleier alle Zahlen vor.

Für Kevin ist die Welt die materialisierte Sinnlosigkeit. Seine Existenz ist sinnlos, die Existenz der Welt hat keinen Sinn und daraus folgt für ihn, daß keine Handlung einen Sinn hat, kein Mensch – es existiert kein Sinn. Und wenn es keinen Sinn gibt, gibt es auch keine Grenzen, dann ist alles möglich, weil alles in der Sinnlosigkeit gleich ist. Dies ist in etwa Kevins Ansicht. Kevin kann z.B. nicht „bestraft“ werden: ein Kind, das stundenlang das weiße Rauschen im TV anschaut (weil es für ihn genauso sinnvoll ist wie irgendein anderes Programm) ist gegen TV-Entzug resistent, das Wort „Lieblings-“ (buch, essen, kleidung, freund, fernsehsendung, getränk etc pp) existiert für Kevin nicht, seine Welt wird durch das Wort „egal“ definiert.

Je älter Kevin wird, desto schwerwiegender die Folgen des Destruktiven und Bösen in ihm. Derart steuert die Entwicklung von Kevin scheinbar unaufhaltsam auf eine Katastrophe hin. Hätte man diese Entwicklung erkennen können, stoppen können? Dies ist eine der Grundfragen, die sich Eva immer wieder stellt.

Eva Khatchadourians Einstellung zu Amerika ist infolge ihrer armenischen Abstammung kritischer als die ihres Mannes Franklin, der im realen Amerika immer die dahinter stehende Idee von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sieht. In gleicher Weise entschuldigt, verdrängt und rationalisiert er auch jede der Taten seines Sohnes, der ihn – auf seine ganz eigene Art und Weise – sein Leben lang zum Narren hält. Im Gegensatz zu seiner Mutter, die ihn durchschaut, täuscht er seinen Vater perfekt. Indem Shriver diese gegensätzliche Einstellung von Eva und Franklin an vielen Stellen herausarbeitet, weist sie deutlich die Bruchstellen der amerikanischen Realität hin. Dabei ist Evas Einstellung zu Amerika, die sie immer wieder durch ihre Erfahrungen in anderen Ländern überprüfen konnte, keineswegs durch Hass oder Abneigung geprägt, einzig dort wo ihr Mann einen naiven Idealismus zeigt, sitzt bei ihr ein kritischer Realismus.

KK sitzt zum Zeitpunkt des Briefeschreibens im Jugendgefängnis, Eva besucht ihr regelmäßig. Eine Annäherung der beiden bei diesen 14tägigen Terminen ist nicht zu sehen, im Gegenteil, Kevin scheint seine Berühmtheit zu geniessen, er nimmt in der Hierarchie unter all den gefangenen Jugendlichen eine hohe Rang ein. So enden die Gespräche zwischen ihm und seiner Mutter regelmäßig mit großer Frustration von Eva.

Das Buch ist kein einfaches, so fesselnd es zum Lesen ist, braucht man viele Pausen, um das Gelesene zu verarbeiten, zu verdauen. Es ist spannend geschrieben, wird keine Sekunde langweilig, dabei zeigt Shriver an manchen Stellen einen Sarkasmus, der einem das Lachen im Hals steckenbleiben läßt. Die Geschichte steuert für den Lesen unabänderlich auf ihr schreckliches Ende hin und auf den letzten Seiten, wenn Eva ihrem Mann in ihren Briefen dieses Ende schildert, ahnt man nicht, daß das Schlimmste für Eva noch aussteht – sofern das Grauen eines systematischen, planvollen Ermordens von Mitschülern noch zu „übertreffen“ ist.

Wenn ich eine Kritik an dem Buch hätte, dann die, daß ich einfach nicht in der Lage bin, zu glauben, daß es ein Kind wie Kevin, das von der ersten Sekunde an sein Leben und seine Umwelt aktiv bekämpft, geben kann. So extrem ist Kevin, das personifizierte Böse, ich mußte an mehr als einer Stelle des Buches unwillkürlich an das von Linda Blair dargestellte Kind denken… es ist im Buch nicht erkennbar, ob die Figur des Kevin auf einer realen Gestalt beruht oder ob sie einfach Charakteristika solcher Attentäter unter einer Figur subsummiert, was ich abe eher vermute.

Facit: Ich wüsste nicht, wann mich das letzte Buch, das ich gelesen habe, so gepackt hätte wie dieses. Absolut empfehlenswert.

Hinweis: ein ebenfalls sehr lesenswertes Buch mit gleichem Thema:

Jodi Picoult: Neunzehn Minuten

Lionel Shriver
Wir müssen über Kevin reden
List, Juli 2007
ISBN-10: 354860742X
ISBN-13: 978-3548607429

5 Kommentare zu „Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden

  1. Am schlimmsten fand ich die Stelle, als Eva Kevin fragt, warum er sie nicht auch getötet habe, und er antwortet, wenn man ein Schauspiel inszeniere, töte man doch nicht sein Publikum … Das hat mich richtig geschockt. Überhaupt hat mich das ganze Buch schwer mitgenommen. Richtig umgeworfen hat es mich in seiner Brutalität, und auch ich möchte nicht glauben, dass es solche Menschen/Kinder wie Kevin geben kann, die von Anfang an so böse sind.

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  2. Ich denke das Buch ist ein klarer Fall von ‚unzuverlässiger Erzähler‘. Eva will, dass ihr Mann Kevin als das Monster sieht, als das sie ihn wahr nimmt. Obwohl die Anhaltspunkte dafür lediglich darauf basieren, was sie in Situationen und Verhaltensweisen hinein interpretiert.

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    1. liebe bücherphilospin, hab dank für deinen kommentar!

      hmmm… in so einer lebensbeichte ist natürlich immer ein stück selbstrechtfertigung enthalten, weil – unterstelle ich – es unmöglich ist, absolut neutal zu erzählen und zu berichten. außerdem nehmen wir alle (ein großes philosphisches thema) die welt nur durch unsere interpretation von sinneseindrücken war, d.h. die eine wahrheit gibt es sowieso nicht, jeder hat seine eigene und (sofern nicht absichtlich gelogen oder unabsichtlich vergessen wird) ist auch jede davon richtig, und die objektive Welt läßt sich unter umständen aus vielen solchen individuellen wahrheiten rekonstruieren. insofernt bin ich über das „lediglich“ in deinem kommentar etwas gestolpert.

      die funktion von evas mann im roman müsste man mal genauer betrachten, ich kann mich noch gut erinnern, wie geschockt ich beim lesen über sein schicksal war….. insofern weiß ich auch nicht, ob sie die bericht wirklich an ihren mann schreibt oder nicht an sich selbst…

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