Catherine Millet: Das sexuelle Leben der Catherine M.

Ist schon witzig, was die Feuchtgebiete so alles nach sich ziehen…. *grins*. Beim Wegstellen in mein Regal gehören sie halt thematisch in eine bestimmte Ecke und dort – steht auch die Millet, ein Buch, das zu seinem Erscheinen auch eine Menge Wellen schlug, weil es – zumindest darin den Feuchtgebieten ähnlich – sich um Tabus, gesellschaftliche Konventionen, moralische Kategorien nicht scherte. Und von einer Frau geschrieben war.

Um das Jahr 2000 herum schwappte aus dem französischen Raum eine ganze Welle von Büchern, die sich in verschiedener Art und Weise mit Sexualität befassten und von Frauen geschrieben waren: Baise Moi von Virginie Despentes (auch als Film), „Hure“ von Nelly Arcan, von Sarah: Ich bin gekommen, von Annie Ernaux: Sich verlieren oder eben das „Sexuelle Leben“ von Catherine Millet. Das sind die Bücher, die mir jetzt so spontan einfallen, ich bin sicher, es gibt noch mehr, die in diese Aufzählung gehören, wie beispielsweise das schon ein paar Jahre früher erschienene Büchlein „Das Unwetter“ von Deforges.

Ich erinnere mich noch gut, als ich mir das Buch seinerzeit (aus ähnlichen Motiven wie kürzlich das Werk von Roche) kaufte, las ich ein paar Seiten und das war es dann, das Buch, der Inhalt war einfach uninteressant. Jetzt, ein paar Jahre später, hat mich das Buch ich will nicht sagen, in seinen Bann gezogen, aber doch in gewisser Weise fasziniert (im übrigens finde ich keineswegs, wie Frau Millet sagt, daß dies ein Buch ist, das man mit einer Hand liest…).

Vielleicht ist das schon ein guter Einstieg in meine Eindrücke, dieses Buch betreffend. Nein, mit einer Hand lesend, das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Zu nüchtern, distanziert, neutral sind die Schilderungen, zu beobachtend, analysierend und auch zu offen. Die Sachlichkeit, mit der Frau Millet ihre sexuellen Erlebnisse darstellt, läßt automatisch die Frage auftauchen, inwiefern sie überhaupt Lust empfunden hat bei ihren Aktivititäten, selbst die Abschnitte, die sich mir ihrer Lust befassen, sind so analysierend-neutral, daß es schwer fällt, dahinter ein erlebtes Gefühl zu sehen. Millet beschreibt ohne jegliches (zumindest denke ich das) Verschweigen die Entwicklung ihres sexuellen Lebens von früher Jugend an. Ich denke, man kann dieses Sexleben als exzessiv bezeichnen, was Umfang, Intensität und Häufigkeit und welche Randbedingungen man noch nennen wollte, einstufen.

Anonymer Sex mit mehreren, nein vielen Männern, auf Partys, in Clubs, im Park, auf Parkplätzen, auf Ladeflächen von LKWs, an allen möglichen Stellen, stundenlang, und Millet als Hauptperson wie die Spinne im Netz sich darbietend und männerverzehrend. In dieser Rolle, die ihrer natürlichen Schüchternheit entspricht (so schreibt sie, weil sie zu schüchtern war, mit ihrem männlichen Gegenüber zu reden, ergriff sie die sexuelle Initiative), ihrer Ansicht, Nacktheit sei ihr wahres Kleid, scheint sie zu versinken, ihre Erfüllung zu finden. Es gibt einzelne Szenenbeschreibungen in diesem Buch, bei denen ich unwillkürlich den Eindruck hatte, daß sie einen meditativen Akt darstellen, in dem die Hauptperson in der Konzentration auf ihre Körperöffnung und in der stundenlangen rythmischen Bewegung versinkt. An einer Stelle im Buch bezeichnet Millet ihr Verhalten selbst als Suche nach dem heiligen Gral der Sexualität.

Das Buch hat keine Handlung und auch keinen Fortschritt, es sein denn, man nimmt den zeitlichen Verlauf mit seinen Entwicklungen als solchen. Wie schon erwähnt, ungeheuer distanziert und nüchtern beschreibt Millet ihre Erlebnisse, versucht ihre Beweggründe zu analysieren, sie in Bezug auf die Bedeutung für ihr Leben einzuordnen. Vom Stil des Geschriebenen geben die Antworten der Autoren, wie sie in den verlinkten Interviews wiedergegeben sind, einen guten Eindruck. Eine einzige Passage des Buches, in der sie ihre Erlebnisse bei Spaziergängen im Süden Frankreichs schildert, vermittelt ansatzweise mehr als die rein deskriptive und analytische Aufzählung von Akten.

In der Summe übersteigt, ich muss es zugeben, das Beschriebene ein wenig das, was ich nachvollziehen kann, ich kann es nur glauben und akzeptieren, daß es Menschen gibt, die so fühlen und handeln. Es ist ein enormes, e-normes, also außerhalb der Norm liegendes Verhalten, das Millet mit großer Präzision beschreibt, welches auch, zumindest bei mir, den Impuls einer moralischen Wertung ob seiner Außergewöhnlichkeit und der Art der Darstellung garnicht erst aufkommen ließ.

Facit: „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ ist kein Buch, das mir im eigentlichen Sinn gefallen hat. Ich bin trotzdem froh, daß ich es jetzt im zweiten Anlauf gelesen habe, denn es eröffnet den Blick auf eine außergewöhnliche Persönlichkeit und auf Motive, Beweggründe für ein ansonsten wahrscheinlich völlig unverständliches „sexuelles Leben“.

Nachtrag vom 06. Januar 2009:

Eine sehr interessante Analyse des Buches ist bei Döpp (s.u.) nachzulesen:

Anhand vieler Textbeispiele und Zitate aus dem Buch attestiert er Millet eine durch Leere, Langeweile und Einsamkeit geprägte Beziehungsphobie, alle Kontakte sind auf der Körperliche reduziert, das sie ohne eigene Initiative erträgt. Sexualität sei ihr eine Quelle der Selbst- und Seinsvergewisserung, ein Sieg über ihre Lebensangst, ein Mittel durch die Berührung von außen zur realen Selbstwahrnehmung zu kommen. Einiege wenige Äußerungen von Millet lassen Döpp vermuten, daß sie in früher Kindheit in eine Missbrauchssituation gekommen sein könnte: „Es waren die sie missbrauchenden Erwachsenen, die, ohne sie nach ihrem Einverständnis zu fragen, die Initiative ergriffen. Und immer wieder rekonstruiert sie, ein Leben lang, die gleiche Situation, liefert sich ihr aus, um im Triumpf des Orgasmus sich zu retten, zu heilen, zusammenzufügen, was vorher zerbrochen war.
„Das sexuelle Leben der Catherine M.“ schildert die Sexualität eines missbrauchten Kindes, das einen Weg gefunden hat, durch eine exzessive Sexualität sich über ein früh erlittenes Trauma hinwegzuretten. …“

Hans-Jürgen Döpp: Sexuelle Freiheit als Ideologie (Von der Erodisierung des Erotischen) in: Der erotische Blick, konkursbuch 47, konkursbuchverlag Claudia Gehrke, Dez. 2008, S. 163 ff

Links:

Ein interessantes Chat-Gespräch mit C. Millet:
http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/tips/28121/index.html

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=4719&ausgabe=200203

Catherine Millet
Das sexuelle Leben der Catherine M.
Goldmann, Januar 2001
ISBN-10: 3442309646
ISBN-13: 978-3442309641

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