Raymond Queneau: Intimes Tagebuch der Sally Mara

Um 1916 wird in Irland die Sally Mara geboren, die 1934, kurz vor der Volljährigkeit in ihrem Tagebuch von sich feststellen muss: „Ich bin ein jungfräuliches Wesen, das heißt, ich bin noch nie beackert worden“. Wie sie zu ergründen versucht, worin das Wesen des „Ackerns“ liegt, und wie sie selbst diesem Zustand der Jungfräulichkeit entkommen kann, davon erzählt das Büchlein.

Sally kommt aus armen Verhältnissen, ihr Vater ist verloren gegangen, als er Streichhölzer holen wollte, ihr Bruder ist ein Säufer vor dem Herrn, schafft es aber trotzdem, der Haushälterin ein Kind zu machen. Im Haushalt Mara ersetzt Whiskey das Wasser und entsprechend feucht-fröhlich verläuft dort das Leben.

Mara isst gerne Hering in Ingwer, gekochten Lauch und Rollmöpse, bevorzugt sehr kurze Röcke, unter denen sie eine Slip trägt und schlägt auch gerne die Beine übereinander, was in Straßenbahnen dazu führt, daß die gegenüber sitzenden Herren die Zeitung sinken lassen, wie sie aufmerksam feststellt. Sie betreibt Sprachstudien und übt verschiedene Sportarten aus, unter anderem Kraftsport. In ihrer Freizeit besucht sie liebend gerne das Museum, um dort an den wunderschön glatten Alabasterwaden der Herkulesstatuen zu… lecken und im Anschluss den Museumswärter, der sie verjagen will, zu verprügeln. Dem Geheimnis der Liebe will sie mit einer Freundin durch Tierbeobachtung auf die Spur kommen, was ihr dann nach vielen Irrwegen auch gelingt.

Ein nettes Büchlein (wenn man sich nicht daran stört, daß es vielleicht etwas unglaubwürdig ist, daß eine 18jährige mit dieser Herkunft noch nicht weiß, was es mit der „Liebe“ auf sich hat), witzig und amüsant geschrieben. Mara, die immer knapp daneben liegt, nimmt gegenüber ihrem Tagebuch kein Blatt vor den Mund und stolpert von einer in die andere pikante Situation, die sie aber nie als solche erkennt, selbst wenn sie deftig und durchaus derbe sind. „Immer bei der Stange bleiben“ ist ihr Motto, und damit fängt auch das Buch an, mit der trotz winterlich kaltem Wetter so wunderbar warmen Stange, die der hinter ihr gehende Gentleman ihr als Halt in die Hand gibt, damit sie den schwankenden Steg am Hafen sicher überqueren kann….. am Hafen, wo sie ihren Französischlehrer Monsieur Presle verabschiedete, der sie nie berührte, nur ab und zu als Akt der reinen Höflichkeit ihren Popo tätschelte….

Facit: ein kurzweiliges, schön „altmodisch“ geschriebenes, amüsant-frivoles Buch.

Raymond Queneau
Intimes Tagebuch der Sally Mara
Wagenbach 2000)
ISBN-10: 3803123941
ISBN-13: 978-3803123947

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