Tom Rob Smith: Kind 44

Smith greift in seinem Buch „Kind 44“ den Fall des russischen Massenmörders Andrei Romanowitsch Tschikatilo auf, der von 1978 an bis zu seiner Verhaftung 1990 mindestens 53 Morde begangen hat. Im Mittelpunkt des Buches – und damit ist das Buch keine Rekonstruktion des Falles oder der Verbrechensaufklärung, sondern wird zu einer fiktiven Geschichte – steht jedoch nicht der Mörder oder seine Taten, sondern die Geschichte des Geheimdienstoffiziers Leo Demidows. Smith schildert die Wandlung Demidows vom linientreuen Offizier zum vom Staat mit allen Mittel gejagten Dissidenten, dies alles ausgelöst durch seine, der offiziellen Doktrin widersprechenden Überzeugung, daß es sich bei vielen offiziell aufgeklärten Morden, die bestimmte gemeinsame Tatmerkmale aufweisen, um die Taten eines einzelnen Täters handeln muss.

Die Handlung verlegt der Autor zeitlich zurück in die Endphase der Herrschaft Stalins mit dem Übergang zur Aera Chruschtschow (diesen Kunstgriff braucht er wohl, um halbwegs plausibel ein Happy End konstruieren zu können, das unter dem Regime Stalins mitnichten möglich gewesen wäre). Ferner fügt er der Geschichte auch noch eine persönliche Komponente hinzu, die aber erst auf den letzten Seiten deutlich wird.

Viel Mühe verwendet Smith darauf, die absurde Logik des Staates unter Stalin zu beschreiben. Es ist ein Staat, in dem Grausamkeit eine Tugend ist, in dem jeder erst einmal schuldig ist (schon ein unruhiger Schlaf kann darauf hindeuten, daß man Geheimnisse verbirgt und damit eine Denunziation nach sich ziehen). Es ist ein Staat, in dem man (wie Brodsky im Lauf des Romans sagt), vor der Polizei nicht wegläuft, weil man schuldig ist, sondern man wird schuldig, weil man wegläuft. Und weglaufen muss man, denn jede Festnahme ist gleichzusetzen mit Verurteilung und eine Freilassung aufgrund erwiesener Unschuld unmöglich, wäre es doch das Eingeständnis, daß der Staat sich bei der Festnahme geirrt hat. Und der Staat irrt sich per definitionem nie.

Da es in der sowjetischen Gesellschaft der Stalinzeit offiziell keine Verbrechen gibt, erst recht keine Massenmörder, wird der Verdacht Demidows als direkter Angriff auf den Staat gewertet. Er soll seine Loyalität beweisen, indem er seine Frau, deren Namen auf einer erpressten Geständnis auftaucht, denunziert. Dies verweigert er, mit den entsprechenden Konsequenzen: Degradierung und Verbannung in die Provinz. Aber auch dort stößt er auf „aufgeklärte“ Morde nach bekanntem Muster und beginnt, so gut es geht, mit seinen Ermittlungen, was wiederum dem Geheimdienst und insbesondere seinem persönlichen Feind dort willkommenen Anlass gibt, ihn zu jagen. Und so flieht Demidow (einem Mr Kimble ähnlich) von einem Ort zum anderen, findet aber immer wieder Menschen, die ihm helfen und letztlich findet er den Täter. Und da mittlerweile Chruschtschow an der Macht ist und sich vieles geändert hat und die alten Kader alle ausgetauscht sind, darf Demidow am Ende sogar überleben und wird rehabilitiert.

Facit: Das Buch ist ein gut lesbarer Thriller, der sich bemüht, die innere Logik eines totalitären Unterdrückungsappartes zu beschreiben. Gegen Ende überstürzt sich alles ein wenig, auch das Happy End erscheint etwas konstruiert. Nichtsdesttrotz lohnt sich das Buch, spannend ist es allemal.

Tom Rob Smith
Kind 44
DuMont 2008
ISBN-10: 3832180567
ISBN-13: 978-3832180560

Links:

http://de.wikipedia.org/wiki/Andrei_Romanowitsch_Tschikatilo

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