T.C. Boyle: Zähne und Klauen

Katastrophen hören nicht einfach auf. Sie haben ein unbewegtes, unerschütterliches Zentrum, das fortwährend neue Desaster gebiert.“

Dieser Satz steht quasi als Motto über den 15 Erzählungen von Boyle, die in diesem Buch zu finden sind. Sie handeln meist von Menschen, die auf der schattigen Seite des Lebens stehen und die, mal langsamer, mal schneller, wie auf einer schiefen Ebene immer weiter nach unten rutschen, beschleunigt von Schicksalsschlägen und dem eigenen Unvermögen.

Die einzelnen Geschichten, die Boyle erzählt, sind sehr unterschiedlich. Am besten hat mir die „Windsbraut“ gefallen. Es ist eine traurige Geschichte, die auf den sturmumtosten Shetland-Inseln spielt. Dorthin reist eine Vogelforscherin, die direkt bei ihrer Ankunft vom starken Wind auf die Straße vor ein Auto geweht wird und gerade noch im letzten Augenblick gerettet werden kann. Aus den beiden, dem bis dahin in seinem Leben völlig unauffälligen Retter und der Forscherin wird ein Paar. Dann, eines Tages, zerstreiten sie sich, als Robbie ihr einen Antrag macht und sie diesen ablehnt.

Sie bleibt draußen, während Robbie zurück in den Ort fährt. Es ist dies die Nacht, in der ein Orkan über die Insel fegt. Junie, die Forscherin, sitzt in ihrem Steinhaus, irgendwo an den Klippen. Sie hört, wie der Sturm den Schornstein knickt, wie er ihr das Dach nimmt, die Steine, aus denen das Haus gebaut wurde, werden wie Sandkörner davongeweht und zum Schluss ist nichts mehr da, an dem sie sich festhalten kann….. und Robbie kommt zu spät, um sie zu retten, kann mit knapper Not und Mühe selbst überleben.

Schön auch die Erzählung von der Kynologin, die das Sozialleben einer Hundemeute in der Vorstadt einer typischen amerikanischen Siedlung erforscht. Stift und Papier hat sie beiseite gelegt, sie wird immer mehr zum Mitglied des Rudels, nimmt die hündischen Verhaltensweisen an, wechselt in ihren Vorlieben und Wünschen von der menschlichen Gesellschaft über in die hündische, die ihr interessanter, ehrlicher erscheint.

Nicht alle Geschichten haben mir gleich gut gefallen. Ausgerechnet die titelgebende Erzählung war für mich eine der schwächsten. Hier gewinnt ein Looser in einer Wette eine Serval, den er mit in seine Wohnung nimmt. Eine Bedienung aus seinem Stammlokal hilft ihm dabei, er verliebt sich in sie, aber sie ist schon vergeben.

Skurril auch die Geschichte vom Weltrekordversuch im „Wachbleiben“, den der Moderator einer Radioshow unternimmt, bedrückend dagegen die Schilderung der Gefühle eines Elternpaares, dem durch die Polizei der Tod ihrer Tochter gemeldet wird.

So unterschiedlich die Themen der Erzählungen sind, in allen zeigt Boyle die Ausgeliefertheit des Menschen gegenüber seinem Schicksal, den Naturgewalten, den Dingen, die einfach größer und mächtiger sind als Menschen. Klein sind wir, die Menschen, in den Erzählungen Boyles, hin- und hergeworfen, ohne Einfluss, egal, wie wir strampeln. Wir befinden uns immer auf dem absteigenden Ast.

Facit: Auch wenn mir nicht alle Geschichten gleich viel gesagt haben, die Erzählungen sind durchweg spannend geschrieben, ein einem lakonisch-resignierten Tonfall, sie sind gut zu lesen und bringen einen mehr als einmal zum Nachdenken.

Links: eine Rezension in der FAZ online:
http://www.faz.net/s/Rub79A33397BE834406A5D2BFA87FD13913/Doc~EB3362D8B26EB4A698C1BC6ACAE57C42F~ATpl~Ecommon~Scontent.html

T.C. Boyle
Zähne und Klauen
Hanser, 2008
ISBN-10: 3446209956
ISBN-13: 978-3446209954

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