Charlotte Roche: Feuchtgebiete

Ein 18jähriges Mädchen, Scheidungskind, muss in ein Krankenhaus zu einer Operation. Während sie nach der OP gelangweilt und schmerzgeplagt im Krankenzimmer liegt, kommt ihr die Idee, ihre geschiedenen Eltern an ihrem Krankenbett wieder zusammenzuführen und zu versöhnen. Die langen Stunden, die sie liegend und mit Beschwerden im Bett verbringen muss, läßt sie in ihren Gedanken ihr bisheriges Leben vorüberziehen.

Das ist jetzt ein Plot, der nicht unbedingt einen Bestseller verspricht. Daß es trotzdem einer geworden ist, ist wohl im wesentlichen auch folgenden Randbedingungen zu verdanken:

– Frau Roche betont immer wieder in ihren Interviews, daß sie es liebt, in Bereiche, die der Normalbürger gerne hinter Zäunen versteckt, das volle Licht zu halten. Damit umschreibt sie schlicht und einfach, daß sie den Tabubruch liebt und welche Tabus sind größer als die, die sich um Sex und Körperausscheidungen ranken, möglichst vielleicht sogar noch in Kombination.

– last not least wähnt sich die Autorin als Kämpferin wider den Hygienezwang, was sich in diesem Werk durch explizite Darstellungen möglichst unhygienischer Vorlieben und Praktiken äußert.

Das Buch beschäftigt sich im wesentlichen mit Körperausscheidungen, was man mit ihnen machen kann und wie man sie in Sexspiele autoerotischer und anderer Natur einbauen kann. Nur haben Tabubrücke leider einen Nachteil, sie wirken nur das erste Mal, danach wird es langweilig. Sind also erst einmal alle Körpersekrete, -ausscheidungen und -flüssigkeiten, angefangen von (Menstruations)Blut, Eiter, Mitessern, Erbrochenem über Wundschorf, Smegma und selbstverständlich auch Urin und Kot von der Hauptperson bzw deren Sexualpartner wieder inkorporiert worden, fängt man kopfschüttelnd an zu gähnen und fragt sich: „Was soll das?“. Muss man, um als moderner, aufgeklärter Mensch dazu stehen, solches gut finden? Oder gar mutig, wie R. Willemsen auf dem Cover zitiert wird?

Natürlich ist die Übertreibung immer auch ein Stilmittel, um Missstände oder Fehlentwicklungen (hier meint Roche durchaus nachvollziehbar die ihrer Ansicht nach übertriebenen Hygieneansprüche unserer Zeit) anzuprangern und zu verdeutlichen. Aber die Übertreibung, die ein einen Exzess umschlägt, und das geschieht in der Geschichte, die sie hier erzählt, ist kontraproduktiv, sie ruft ein: „bevor ich jede Bahnhofsklobrille mit der Muschi abwische, dusch ich doch lieber zweimal täglich…“ hervor…. und verfehlt damit das Ziel.

Die gedanklichen Rückblenden der Heldin in die Sphären ihrer Körperselbsterfahrung werden locker durch eine Rahmenhandlung verbunden, den Bemühungen um eine Wiederversöhnung der Eltern einerseits und eine sich anbahnende Beziehung zwischen ihr und ihrem Pfleger Robin. Letztere schildert Roche hoffnungsvoll, während die Familienzusammenführung scheitert.

Geschrieben ist das Buch zwar flott und gut lesbar, aber die Sprache orientiert sich sehr am gesprochenen Wort bzw am Schreibstil, wie man ihn in vielen Foren, Blogs oder Chats findet. Für die Entwicklung von halbwegs fundierten Gedankengängen ist diese Art zu Schreiben, kaum geeignet.

Welche Botschaft übermittelt das Buch, will es übermitteln? Ich weiß es nicht. Ich gebe auch zu, daß der reine Unterhaltungswert des Buches für mich gering war, geschweige denn, das es in irgendeiner Art und Weise einen „erotischen“ Kitzel auf mich ausübte.

Mein Facit also: die 14,90 € nehmen, die das Buch kostet, die Partnerin/den Partner schnappen und ab in die Eisdiele (oder, um die Buchhändlerin meines Vertrauens nicht zu verärgern, ein anderes Buch mitnehmen…..)

Charlotte Roche
Feuchtgebiete
Dumont, 2008
978-3832180577

Eine (willkürliche) Auswahl von Interviews mit Frau Roche zum Buch:

http://www.gq-magazin.de/articles/unterhaltung/buch/Charlotte+Roche/2008/03/06/07562
http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~E7BE1D30BD6184D68BD8B373CD6E02080~ATpl~Ecommon~Scontent.html
http://www.swr.de/kultur/buch/charlotte-roche/-/id=3260/nid=3260/did=3313770/rfofyw/index.html

…. und noch ein paar Anmerkungen von mir…

5 Kommentare zu „Charlotte Roche: Feuchtgebiete

  1. Ja, ist mir bekannt, in Englisch und in weiteren 24 Sprachen…. Aber wir wissen ja alle, daß Erfolg nichts über Qualität aussagt und auch daß (vorhandene oder nicht vorhandene) Qualität nichts darüber aussagt, ob etwas gefällt oder nicht. Deswegen habe ich überhaupt kein Problem damit, wenn jemand das Buch gut findet, nur mir gefällt es eben nicht…

    Im übrigen muss die Übersetzung des Werkes eine rechte Herausforderung sein, immerhin tingelt Tim Mohr damit durch viele Medien…. und holt sich damit auch noch einige Brosamen vom Ruhm der Helen Memel….

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  2. …warum auch nicht, meine Meinung dazu ändert sich auch nach dem mehrmaligen Lesen einiger Passagen und nach fast einem Jahr eben nicht ;-) Update: Feuchtgebiete erscheint jetzt auch auf Englisch: „Wetlands“!

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  3. … und offensichtlich wird dieser eine Satz von dir, Birtschi, mittels copy and paste jetzt in jedem feuchtgebiete beitrag verbreitet… sex sells….

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  4. Unverblümt und ungeniert, wortgewandt und witzig, temporeich und bildlich bekommt der Leser hier eine Geschmacks- und Geruchslektüre, die ihresgleichen sucht, ohne dass bislang jemand danach gesucht hätte!

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