Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

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Zwei etwas schrullige alte Herren treffen sich in Berlin. Der eine muss aus der Provinz anreisen, es ist die einzige auswärtige Übernachtung, die er in den letzten 27 Jahren seines Lebens tätigt. Hypochondrisch und schlecht gelaunt ob der Umstände der Fahrt, ist ihm der Aufenthalt in Berlin sichtlich kein Vergnügen. Sein Name ist Carl Friedrich Gauss, der „größte Mathematiker der Welt“ (so Laplace als Antwort auf eine Frage von Humboldt). Der andere, in Berlin wohnhaft bei Hof, ist Alexander von Humboldt, der berühmte Naturforscher und Reisende.

Das Büchlein erzählt das Leben der beiden anhand ausgewählter Stationen und Abschnitte. Beide Forscher/Wissenschaftler sind auf ihrem Gebiet Genies, leisten unsterbliches bei der Vermessung der Welt. Gauss neben seinen mathematischen Genie auch ganz praktisch als Geodät, der die Wissenschaft von der Erdvermessung weitertreibt, Humboldt, der auf seinen Reisen alles misst und protokolliert, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Und selbst das ist nicht sicher vor ihm.

Die Erlebnisse Humboldts speziell hier auf seinen Reisen durch Südamerika (und später noch mal auf Einladung des Zaren durch Russland) bieten dem Erzähler mehr Stoff für seinen Roman als das eher ruhige und beschauliche Leben von Gauss, dessen Dramatik mehr durch private Ereignisse (den Tod seiner ersten Frau Johanna, die Enttäuschung über die eigenen Kinder) denn durch seine Arbeit geprägt ist. Das nach aussen hin aufregendste Moment bei Gauss ist fast noch die Entdeckung seines mathematischen Talents in der Schule seines prügelverliebten Lehrers Büttners, als er innerhalb kürzester Zeit das Ergebnis der Aufsummierung der ersten 100 Zahlen präsentieren konnte. In diesem Moment macht Büttner seine Vergehen an all seinen Schülern wett, indem er erkennt, daß hier jemand vor ihm steht, der in der Mathematik höchstes leisten kann, er Gauss seinen Möglichkeiten entsprechend fördert.

Humboldt, wie gesagt, führt die farbigeren Erlebnisse ins Feld. Ob nun im Selbstversuch die Wirkung von Zitteraalen erforschend (was sind schon drei Tage Lahm- und Taubheit in den Gliedmassen) oder der Versuch, welche Wirkung ein Schluck Curare hat, ob er sich an Seilen in Vulkankrater hängen läßt (..und nach Stunden grün im Gesicht, leicht verwirrt, ansonsten aber bei guter Laune wieder mit unzähligen Messwerten bereichert herausgezogen wird) oder vor Schiffsbuge, um die Wellenhöhe zu bestimmen (von dort dann aber nach Stunden eher rötlich gefärbt ins Schiff zurückgezogen wird), Humboldt scheint auf seiner Reise ein schier unfassbares Mass an körperlichen Unbilligkeiten ertragen zu können all dies verwebt Kehlmann zu einer gut lesbaren, kurzweiligen Reisebeschreibung. (Interessant ist es, so Gelegenheit ist, Episoden, die Kehlmann erzählt mit den Aufzeichnungen von Humboldt selbst zu vergleichen, wie man sie z.B. in seinem Büchlein „Ansichten der Natur“ findet. Dazu ein Beispiel weiter unten.)

Gauss kommt in dem Büchlein etwas kurz davon, das mathematische Genie wird im Grunde nur unzureichend gewürdigt, eher scheint (fälschlicherweise) anzuklingen, als hätte er nach dem Erscheinen seiner „Disquisitiones Arithmethicae“ (Gauss war knapp 20 zu diesem Zeitpunkt) der Mathematik nicht mehr allzuviel beigesteuert. Intensiver noch wird auf seine astronomischen Arbeiten eingegangen, die ihm – zugegeben – in Lohn und Brot setzen und damit zu leben ermöglichen. In Ansätzen werden seine Beiträge zur Theorie des Elektromagnetismus und Erdmagnetismus gewürdigt, letzteres ein Gebiet, auf dem er mit Humboldt zusammenarbeitet und Deutschland mit einem Netz von Messstationen überzog. Auch als Erfinder war er hochbegabt, mit einem Mitarbeiter kommunizierte er bei der Vermssung des Erdmagnetfeldes (mit selbstentwickelten Apparaturen) über einen von ihm selbst entwickelten elektrischen Telegraphen.

Beide genialen Forscher sind im täglichen Leben eher schrullig und skurril, ihre Erfüllung finden sie an ihrem Arbeitsplatz, Gauss an seinem Schreibtisch und Humboldt draußen, in der Natur. Aber im Alter fällt alles schwerer, und besonders Humboldt – in der Darstellung der Russlandreise durch Kehlmann – droht, eine leicht tragische Figur zu werden, deren Erkenntnisse von den Nachrückenden jungen Forschern überholt werden.

Facit: Ein nettes, gut lesbares Büchlein, das einem zwei Genies näherbringt. Weswegen es offensichtlich so ein Welterfolg ist, das verschliesst sich mir aber leider. Nichtsdestotrotz eine lohnende Lektüre dessen, wie es vielleicht gewesen sein könnte…

Daniel Kehlmann
Die Vermessung der Welt
Rowohlt 2008 (TB-Ausgabe)
ISBN-10: 3499241005
ISBN-13: 978-3499241000

Im Buch findet sich ab S. 120 Kehlmanns Ausschmückung des Humboldt´schen Versuchs, aus einer Grabhöhle im Regenwald einige Skelette zu bergen und nachher nach Europa mitzunehmen. Dies führt zu Disputen, den Missionaren gegenüber behauptet Humboldt, es seien Knochen von Seekühen… des öfteren tauchen diese Skelette im weiteren Verlauf des Buches auf.

Wie Humboldt selbst diese Aktion darstellt, ist hier niedergeschrieben, ein Auszug, der auch die Art der Humboldt´schen Prosa, die – so sagt er in seinem Vorwort – leicht in einen dichterischen Stil abgleitet…

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Links:

zur Biographie von Gauss: http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Friedrich_Gauß
zur Biographie von Humboldt: http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_von_Humboldt

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Ein Kommentar zu „Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

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