Zeruya Shalev: Liebesleben

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Ein Buch, zu dem ich nicht sofort ein gutes Verhältnis hatte. Ich habe es mir irgendwann im Sommer gekauft, wahrscheinlich wegen der Kritiken, die überschwänglich waren und mich neugierig machten. Zwei, drei Seiten, dann flog es in die Ecke (übertragener sinn): „Was ist denn das für ein Mist!?“

Jetzt habe ich es vor kurzem wieder rausgefischt und mit mehr Ausdauer gelesen. Es macht es dem Leser erst einmal nicht einfach: die Interpunktion ist gewöhnungsbedürftig, vermisst man als konventioneller Leser doch die Satzenden mit ihren beruhigenden Punkten. Stattdessen endlose Wortaneinanderreihungen, unterbrochen durch Kommata, Punkte nur an den Absatzenden. Wörtliche Rede fehlt, alles wird indirekt wiedergegeben. Aber auch inhaltlich: Handlungen fehlen auch weitgehend, zumindest darf keine „action“ erwartet werden, und wer aus voyeuristischen Gründen liest, zahlt einen hohen Preis für die wenigen Stellen, die zudem alles andere als anregend sind.

Der Inhalt ist schnell erzählt: einer junge, verheiratete Frau, Ja´ara, am Anfang ihrer Universitätslaufbahn, begegnet bei ihren Eltern einem eher unsympathischer Jugendfreund des Vaters. Schon bei der nächsten, zufälligen Begegnung in einem Bekleidungsgeschäft kommt es zu einer sexuellen Handlung und die Hörigkeit der jungen Frau dem Mann gegenüber nimmt ihren Lauf. In vielen Selbstgesprächen wird die Verstrickung und Verwirrung von Ja´ara erzählt, die letztlich zur Zerstörung ihres bisherigen Lebens führt. Erst ganz zum Schluss findet sie die Kraft, sich zu lösen.

Quälend für mich war das Wissen um die Hoffnungslosigkeit der Beziehung der Protagonisten zu diesem Jugendfreund ihrer Eltern. Das Ende ist absehbar und man versteht einfach nicht, wieso Ja´ara ihr bisheriges Leben so zerstört.

Faszinierend für mich war die Darstellung dieser dunklen Macht „Hörigkeit“, gegen die kein Intellekt ankommt, die den Betroffenen so in Beschlag nimmt, daß er sehenden Auges in sein Unglück läuft. Die Gewissensqualen, die Zweifel, die ewig gleichen Gedankengänge, die Selbstverurteilung, der innere Kampf, die Verzweiflung auch, das vergebliche Aufbegehren, das kurze Empfinden von Glück, wenn der Mann sie endlich nimmt.. dieser absolute Widersinn… dessen Darstellung ist faszinierend gewesen.

Deswegen habe ich das Buch diesmal ausgelesen und es hat mich sehr bewegt…

Facit: ein anstrengendes Buch, verstörend auch.

Zeruya Shalev:
Liebesleben
Berliner Taschenbuchverlag (2004)
ISBN-10: 3442760003
ISBN-13: 978-3442760008

Nachtrag Juli 2012: eine schöne Besprechung des Romans ist im blog von caterina zu finden

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6 Kommentare zu „Zeruya Shalev: Liebesleben

  1. „Erst ganz zum Schluss findet sie die Kraft, sich zu lösen“ -> wie meinst du das? Ich habe den Schluss eher als offenes Ende verstanden, nämlich dass es so weitergeht wie bisher, dass nichts entschieden ist. Vielleicht hab ich aber auch was überlesen ;)

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  2. Ähhh…. da muss ich erst nachlesen…. ist schon soooo lange her! *gg* nein, so wie ich mich erinnere, moment…. also, auf S. 366 der 2. Absatz, den interpretier ich schon so, da sie die beiden Männer, Arie und ihren eigenen, zurückläßt. Und dann auf der letzten Seite: „Zum ersten Mal, seit alles angefangen hat, atmete ich erleichtert auf.“ Wie gesagt, rein gefühlsmäßig interpretiere ich das so, daß sie sich von Arie gelöst hat, aber ich kann mich irren, was weiß man schon, wie ein Mensch reagiert… richtig eindeutig ist es ja auch nicht gesagt!

    liebe grüße nach .at
    fs

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  3. Und ich denke rein gefühlsmäßig: Nein, sie schafft es bestimmt auch diesmal nicht, von Arie loszukommen. Dass sie ihren Mann endgültig aufgegeben hat, das dachte ich schon (und die Vorstellung erleichtert mich, der Arme tat mir wirklich leid). Aber ich würde einiges darauf verwetten, dass sie doch wieder zu Arie zurückgeht ;) (ist das nicht eine schöne Vorstellung, dass das Geschehen in den Büchern irgendwo weitergeht, auf einer anderen Ebene? Das ist mir gerade erst bewusst geworden, dass ich das so sehe…)

    Liebe Grüße!
    Eva

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  4. Mag sein, daß sie es nicht schafft.. aus ihrer Geschichte heraus kann man das vermuten, ja… wo sollte sie auch die Kraft hernehmen? Ja, du hast Recht, es ist schön, daß man die Geschichte weiterdenken kann und – wie man sieht – zu unterschiedlichen Lösungen kommt.

    Liegt eigentlich viel Schnee bei euch in Österreich?

    Hier ist mittlerweile schmutzigbraunes Grau wieder vorherrschend. Schade.

    liebe grüße
    fs

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  5. Bei mir hier (Ostösterreich, nieder gelegen) regnet es schon seit Tagen und es ist neblig und grau und ich hab schon ewig keine Sonne mehr gesehen. Richtiges Herbstwetter, weshalb ich auch noch nicht wirklich in Weihnachtsstimmung bin. Aber 2-300 Meter höher schneit es schon. Ich bin ja nicht so ein Fan von Schnee, obwohl ich ihn schön finde, aber beim Autofahren hasse ich es und ich bin leider aufs Auto angewiesen, und deshalb bin ich recht froh immer über schneefreie Winter ;)

    Aber dir wünsch ich noch eine ordentliche Ladung Weiß :)

    Liebe Grüße, Eva

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  6. Ach, ich bräuchte auch keinen Schnee. Morgen früh aufstehen, 15 Grad, laue Frühsommerluft, eine gelbe Kugel am Himmel, die mir den Bauch wärmt – DAS wäre es jetzt. Aber wenn schon Winter, dann sollte er mit Schnee stattfinden, nicht dieses usselige Nieselwetter….

    *lach* träumen ist ja erlaubt…..

    ein schönes Wochenende wünsch ich dir, mit eisfreien Straßen!

    liebe grüße
    fs

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