Der Spiegel (Hrsg): Abschied nehmen
26. Mai 2013
Man liest es so häufig, daß “Sterben” und “Tod” ein Tabuthema unserer Zeit seien, daß man schon fast der Meinung sein möchte, daß diese Aussage eher zur Eingangsfloskel geworden ist, mit dem man sich eine Art Rechtfertigung schaffen will, daß man sich gerade genau mit diesem Thema auseinandersetzen möchte. Sollte es aber tatsächlich so sein, daß diese Themen (noch) ein Tabu darstellen, ist dieses Heft aus der Spiegel-Reihe “Wissen” sicher geeignet, sich dieser Frage zu nähern.
Es gibt kein Lebensalter, in dem man nicht auf einmal (oder auch absehbar) mit Sterben und Tod konfrontiert werden kann, in vielerlei Rollen, in die man auf einmal gestellt ist. Eine ärztliche Diagnose oder ein schwerer Unfall und man ist vllt gezwungen, sich mit dem eigenen Sterben auseinanderzusetzen – unabhängig vom Alter. Nahe Verwandte, geliebte Menschen, gute Bekannte können betroffen sein und wir, die wir ihnen nahe stehen, mit ihnen. Mag sein, daß wir gezwungen sind, Verantwortung zu übernehmen, weil wir Entscheidungen, schwerwiegende Entscheidungen zu treffen haben… vllt sind wir “nur” als Begleiter von Sterbenden oder Trauernden gefragt, eine zutiefst mitmenschliche Aufgabe, die aber oft nicht angenommen wird.
Sterben ist ein Teil des Lebens ist, wenn auch der letzte (folgerichtig geht man zum Beispiel nicht in ein Hospiz, um zu sterben, sondern um bis zum Tod dort zu leben). Um ihn herum gibt es eine Reihe von Themen, Fragen, Problemen, mit denen man sich einmal frühzeitig befassen sollte, bevor sie dann in einer Stresssituation, womöglich in Eile und dringlich, entschieden werden müssen. Patienentverfügung und Betreuungsvollmachten gehören dazu, natürlich auch Testamente oder Festlegungen (möglicht unter allen Beteiligten), was die äußere Form des Begräbnisses angeht.
“Abschied nehmen” widmet sich vielen einzelnen Fragen (vgl. das Inhaltsverzeichnis), es sind jeweils kurze, zwei- bis dreiseitge Aufsätze, die das Thema natürlich nicht in Gänze oder in der Tiefe behandeln können. Aber sie bieten einen guten Einstieg, mit dem man sich, da auch weiterführendes angegeben wird, bei Interesse tiefer in ein Thema einarbeiten kann.
Folgende Kapitel enthält das Heft:
- Am Ende des Lebens: Ausätze über das Sterben, das Begleiten Sterbender und auch über Trauer
- Tod als Beruf: hier wird z.B. die Arbeit des Bestatters beschrieben, aber auch von Notare (Testamente) und Sterbebegleitern. Da ich dies ehrenamtlich selbst mache, ist natürlich die Frage wichtig: wie sage ich einem Menschen, daß jemand, der ihm sehr nahe stand, gestorben ist….
- Krankheit und Sterblichkeit: hier sind Stichworte: Hospize, Palliativmedizin, Kinder und Tod, wann ist man überhaupt tot?
- Suizid und Sterbehilfe: man muss sich vor Augen halten, daß durch (“erfolgreiche”) Suizide in Deutschland mehr Menschen sterben als durch AIDS, Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen und Drogenmissbrauch zusammen, ungeachtet der versuchten Suizide oder nicht als Suizide erkannten Todesfälle…
- Kultur und Rituale: Beiträge rund ums den Komplex “Umgang mit dem Verstorbenen und eigene Trauerarbeit”
Für besonders interessant halte ich die Interviews z.B. mit dem bekannten Palliativmediziner Gian Borasio über Sinn (und auch Unsinn) medizinischer und pflegerischer Massnahmen am Lebensende, einen schwierigen Punkt, über den mit einer etwas anderen Perspektive, nämlich der Durchsetzung von in Patientenverfügungen festgelegten Willensbekundungen, der Medizinrechtler Wolfgang Putz befragt wird: “Sterben lassen ist kein Töten”.
Insgesamt denke ich, daß das Heft den gesamten Themenkomplex rund um “Sterben und Tod” gut abdeckt und auch – oder gerade? – wenn man sich momentan ganz weit weg davon sieht, eine gute Gelegenheit ist, sich ihm unbefangen zu nähern.
Links und Anmerkungen:
- das Bild ist nicht dem Heft entnommen, sondern stammt aus dem eigenen Bestand
- mehr zum Thema “Krankheit, Sterben und Tod” im themenblog: Sterben, Tod und Trauer
Der Spiegel (Hrsg)
Abschied nehmen
Vom Umgang mit dem Sterben
aus der Reihe: Wissen, Heft 4/12
Richard Béliveau, Denis Gingras: Der Tod
23. März 2013
Um das Leben zu verstehen, muss man den Tod begreifen.
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ch habe neulich zu diesem Sachbuch eine Rezension [1] gelesen, die garnicht mal so schlecht klang. Da der Tod in gewisser Weise ja eins meiner Themen [2] ist, habe ich mir das Buch dann auch sofort gekauft. Und den Kauf nach dem Öffnen des Buches genauso spontan bereut, was dazu führte, daß ich dieses Buch mehr oder weniger oberflächlich durchblätterte. In diesem Sinn stellt meine Besprechung auch keine in die Tiefe gehende Vorstellung des Buches dar, es ist vielmehr eine Sammlung von Eindrücken, die mir bei diesem Blättern auffiel.
…
“Auch wenn jeder, der das Leben liebt, unweigerlich Angst vor dem Tode hat, …”
So einen “All-Satz” (“jeder”), wie hier im vorliegenden Buch auf S. 19 geschehen, zu formulieren, ist immer ein Risiko, logisch gesehen reicht ja ein Gegenbeispiel, um ihn zu widerlegen. So auch hier. Am selben Tag, als ich auf dem Rückweg von “meiner” Palliativstation in der Buchhandlung das Buch kaufte, hatte ich eine bemerkenswerte Dame im Krankenhaus kennengelernt. In großer innerer Ruhe und ebensolchem Frieden mit sich und der Umwelt wartet sie ohne Furcht auf den Tod, der einzige Wunsch, den sie hat, lautet, daß sie nicht so lange warten muss. Meine eigene Mutter wartet auf den Tod… warum sollte ein gläubiger Christ, für den nach dem Tod die Auferstehung im Ewigen Leben an der Seite Gottes wartet, den Tod fürchten? Nein, es sind bei weitem nicht alle Menschen, die den Tod fürchten! Pikanterweise stellen die Autoren ihrem Kapitel “Ein schleichender Tod” das Bonmot Oscar Wildes, welcher es dem Dorian Gray in den Mund legte, voran: “Ich habe keine Angst vor dem Tod, das Sterben ist´s wovor ich mich ängstige“… eine nette Selbstwiderlegung der Autoren
Abgesehen von diesen eher rationalen Argumenten habe ich mich persönlich über diese Verallgemeinerung sehr geärgert und empfinde diesen Satz als nahezu schon diskriminierend, denn im Umkehrschluss würde er aussagen, daß Menschen, die vor dem Tod keine Angst haben, das Leben nicht lieben. Und zu dieser Absurdität braucht man wohl nichts weiter zu sagen.
Die Spanische Grippe
Diese wird im Kapitel über den “Tod durch Infektionen” erwähnt als Seuchenzug, der in seiner Heftigkeit und Stärke wohl als einziger mit dem der Pest vergleichbar ist. Auf S. 158 wird sie in das Jahr 1918 gelegt, eine Seite später dann in das Jahr 1919. Zudem wird auch noch der Zeitraum von 1918-1920 (wie dies auch sonst in der Literatur gemacht wird) für den Ausbruch dieser Epidemie, die in drei “Wellen” um die Erde zog, angegeben. Diese vielen unterschiedlichen Jahreszahlen sind verwirrend und es ist zumindest erklärungsbedürftig, warum die Autoren dies so different gehandhabt haben.
tja, und dann erkläre mir mal jemand diesen Satz [S. 43]….
Es geht um die Befruchtung der weiblichen Eizelle durch ein männliches Spermium und die dadurch erfolgende “Mischung” der Erbanlagen:
“Bei der Entstehung der Keimzellen werden die 23 Chromosomen, auf denen unsere Gene liegen, zufällig verteilt. Von jedem Chromosomenpaar wird eines an eine Eizelle bei der Frau und an ein Spermium beim Mann übertragen. Statistisch gesehen gedeutet diese Verteilung, dass 2 hoch 23 (8 388 608) verschiedene Keimzellen produziert werden können. Denn bei der Befruchtung verschmilzt eines der 8 388 608 möglichen Spermien (??) des Vaters mit einer der 8 388 608 möglichen Eizellen (??) der Mutter zu einem Embryo, das heißt, ein einziges Paar kann 70 000 Milliarden unterschiedliche Kinder zeugen.” Respekt, das nenn ich eine Großfamilie…. dem Satz hätte sicherlich eine Überarbeitung und Umformulierung gut getan, ist das denn keinem aufgefallen?
… und an dieser Stelle habe ich dann das Buch dann zugeschlagen…:
Im Abschnitt “Post-mortem Prozesse” werden u.a. biochemische Vorgänge nach dem Eintritt des Todes erläutert. Auf S. 230 wird gesagt, einer der Bestandteile der im Verwesungsprozess auftretenden extrem übel riechenden Gase sei Schwefelwasserstoff (H2N). Also wirklich, Leute.. ist jetzt Ammoniak gemeint, dann wäre die Formel NH3 richtig gewesen oder doch Schwefelwasserstoff, dann müsste es aber H2S heißen…… hier ist einfach schlampig und oberflächlich gearbeitet worden, anders kann ich das nicht nennen.
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“Der Tod”, dieses Buch der beiden französischen Autoren ist kein Buch über den Tod. Es ist ein Buch über die “technische” Seite des Sterbens, über die vielfältigen Möglichkeiten oder Arten, zu Tode zu kommen. Man kann aber nicht allen Ernstes behaupten, dem Thema “Tod” auch nur annähernd gerecht zu werden, wenn man so wie hier die spirituelle, die philosophische und auch die ganz pragmatische Komponente konsequent ausspart. Die Angst vor dem Tod, den eigenen gar, läßt sich nicht überwinden, nur weil ich weiß, daß es Fugu-Köche gibt, den den Giftfisch so zubereiten können, daß geringe verbleibende Giftdosen im Fleisch ein angenehmes Bizzeln beim Verzehr hervorrufen….
Begriffe wie “ars moriendi” oder “ars vivendi” habe ich im Buch beim Durchblätter nicht gefunden, ein Sachwortverzeichnis gibt es nicht. Dafür erfährt man sehr praxisnah etwas über Zombies und Voodoo-Praktiken… Namen wie Kübler-Ross tauchen nicht auf, selbst wenn man von solchen Phasenmodellen im Sterbeprozeß mittlerweile abkommt, sind sie in der Praxis für den Begleitenden immer noch hilfreich, weil sie Erklärungen bieten, an die er sich halten kann. Wo sind die Abschnitte, die sich mit Verlusterfahrungen, mit Trauer und Trauerprozessen befassen, wo wird dem Begleitendem Hilfe an die Hand gegeben, geschweige denn dem selbst Betroffenen oder auch “nur” einem Wissensdurstigen, der so zumindest erfahren könnte, wo er sich intensiver umschauen könnte? In diesem Buch jedenfalls nicht…
So hat man letztlich ein Druckwerk in der Hand, das (etwas polemisch gesagt) zwischen dem Guiness Buch der Rekorde und Trivial Pursuit zum Thema “Sterben und Gestorben werden” angesiedelt ist. Nach der Lektüre kann man problemlos die drei Foltermethoden angeben, deren Tod am greuslichsten ist (welch eine makabres Ranking, abgesehen davon, daß ich die angeführten Methoden nicht als Folter- sondern als Hinrichtungsmethoden ansehen würde, unabhängig davon, daß das an der Grausamkeit nichts ändern würde); die Frage zu beantworten, von welchem Schlangengift 20000 Mäuse stürben, fiele leicht ebenso wie die Aufzählung von Persönlichkeiten, die der Gabe von Arsenik oder Zyankali zum Opfer fielen. Haben Projektilwaffen wirklich die im Film oft so dramatisch dargestellte “man stopping power” und sind vier Pferde tatsächlich in der Lage, einem Mann beim Vierteilen die Extremitäten abzureißen? Bunt bebildert bis hin zum Stealth-Bomber und dem Blick in einen Revolverlauf, viele Tierfotos von giftigen Schlangen und Fröschen, alles was das Herz, das nach Spektakel lechzt, verlangt… weder sexuell motivierter Kannibalismus noch der “Tanz der Erhängten” wird ausgelassen…. Daß es neben diesen Abschnitten auch solche gibt, die sich mit Physiologischen Fakten befassen, den evolutionären Sinn des Todes erläutern oder die auf den allgemeinen Lebensprozess eingehen, der mit dem Tod dann endet, sei erwähnt.
So kann ich für meinen Teil zusammenfassen, daß dieses Buch allenfalls für solche Leser geeignet ist, die sich überhaupt mal getrauen wollen, das Thema Tod anzuschauen oder für Leser, die ihre Allgemeinbildung zum Thema “Todesursachen” auffrischen wollen.
Wer Rat und Begleitung braucht, weil er entweder selbst durch z.B. eine entsprechende Diagnose mit dem eigenen Tod konfrontiert wird, oder weil er nahestehende Menschen begleiten will (oder muss) oder wer sich ernsthaft mit dem Gesamtkomplex “Sterben und Tod” auseinandersetzen will im Sinne einer “Ars moriendi”, der sollte sich ein anderes Buch kaufen.
Links und Anmerkungen:
[1] Wolfgang Schlott, Nüchterner Blick auf das Ende des Lebens, Spektrum der Wissenschaft April 2013, S. 102, vgl auch hier in der online-Ausgabe
[2] andere Bücher zum Themenkomplex: Sterben/Tod/Trauer hier im blog aus.gelesen
Richard Béliveau, Denis Gingras
Der Tod
Aus dem Französischen übersetzt von Hanna van Laak
Erstausgabe: Montreal, 2010
diese Ausgabe: Kösel-Verlag, 264 S., 2012
Jürgen Domian: Interview mit dem Tod
3. Juli 2012

Jürgen Domian, bekannter Reporter des WDR hat ein recht persönliches Buch geschrieben über seine Gedanken zum Thema Tod und Sterben. Der Verlag kündigt es so an: “In der langen Reihe seiner vielfältigen Talk-Gäste fehlt ihm bislang nur ein ganz besonderer. Dieser ist scheu und meidet die Öffentlichkeit. Er zählt zu den Top-Prominenten dieser Welt, hat tausend Gesichter, aber nur eine Aufgabe. Es ist der Tod.” [1]
Möglicherweise gehört das zum modernen Journalismus und man sollte sich dadurch vielleicht auch nicht abschrecken lassen, aber diese reisserische Werbung, die auf dem Schutzumschlag wiederholt wird, passt einfach nicht zum Ernst des Themas.
Die Frage nach dem Tod, dem Sterben (beide Begriffe werden meiner Meinung nach zu oft und so auch zumindest anfänglich im Buch Domians nicht sauber getrennt) interessiert mich, geht mich an. Ich komme ehrenamtlich mit Betroffenen zusammen, erlebe die Momente, in denen es keine Worte mehr gibt, keinen Trost, einfach nur noch Verlorenheit da ist, selber und muss auch für mich damit fertig werden. Kann mir Domians Buch dabei helfen? Klare Antwort: nein. Warum nicht? Ich will versuchen, es zu analysieren.
Das Buch ist praktisch in zwei Teile aufgesplittet, die ineinander verschachtelt sind. Der eine, wesentlich umfangreichere Part beschreibt die persönliche Entwicklung des Autoren, angefangen von seinem überzeugten Christsein, welches durch die Lektüre von Nietzsche und Feuerbach zertrümmert wurde über seine Beschäftigung mit den Äußerungen verschiedener Philosophen zum Thema Tod und Sterben bis hin zu seinem Bekenntnis zur aktiven Sterbehilfe. Diese Rückbetrachtung stellt einen recht substanzlosen Rundumschlag dar, der kaum über die jeweilige Einsicht hinausgeht, daß dieses und jenes Gedankengebäude (und mag es auch schon seit Jahrtausenden existieren, immer noch bekannt und diskutiert sein, was man vom vorliegenden Buch kaum erwarten kann) für Domian selbst keine Erhellung bringt.
Domian berichtet außerdem von persönlichen Verlusterfahrungen, in denen er selbst erfahren hat, wie unbegreiflich und erschütternd es ist, einen Menschen zu begleiten, der stirbt und nach seinem Tod einfach nicht mehr da ist. Dazwischen werden immer wieder auch Anrufer in seiner Sendung erwähnt, deren Anliegen oder Probleme ihn nachhaltig beschäftigten. Verdienstvoll ist sicher auch die Erwähnung der Palliativmedizin und der Hospize, Einrichtungen, die immer noch nicht allen Menschen geläufig sind. Etwas esoterisch (wenngleich interessant) muten die Hinweise zum Bardo Thödol an, die wohl deshalb eingeflossen sind, weil sie so konkrete Vorstellung der jenseitigen Welt zu vermitteln scheinen. Inwieweit diese uns hier im Europa des 21. Jhdts bei unseren Fragen zum Thema helfen können, sei dahin gestellt…
Der andere, wesentlich schmalere zweite Teil (dessen Grundidee auch nicht neu ist, im Gegenteil…) stellt das besagte Interview mit dem Tod dar. Dieser wird dazu – es geht wohl von der Idee her nicht anders – als Entität dargestellt, eine Hilfskonstruktion, um in einem Frage- und Antwortspiel dem Umkreis um Sterben und Tod behandeln zu können. Diese Personifizierung des Todes hilft natürlich, ihn “fassbarer” zu machen, der große Nachteil solcher Hilfskonstruktionen ist es aber, daß man die eigentliche abstrakte Idee/Frage in den Hintergrund schiebt und immer das Bild vor Augen hat [3], das vom Eigentlichen ablenkt.
Dieses Interview mit dem Tod ist deutlich gehaltvoller als der Teil, in dem der Autor seine persönliche Beschäftigung mit der Erscheinung “Tod” schildert. Es ist erstaunlich, daß derselbe Autor, der die manchmal etwas simplen oder simplifizierenden Ansichten im Rahmen seiner persönlichen Denkerfahrungen geäußert hat, hier die von der Alltagserfahrung teilweise sehr weit entfernten mystischen Wahrheiten nieder geschrieben hat.
Immer wieder betont der interviewte Tod, daß die Erkenntnisfähigkeit des Menschen beschränkt sei auf die Realität seiner Umgebung. Die höhere Wirklichkeit sei nur im mystischen Erlebnis, in der Kontemplation, der Stille erfahrbar, jenseits der Rationalität. Gott sei nur in der inneren Stille, der inneren Leere zu begegnen, weil wir selbst an Gott teilhaben, Teil Gottes sind. Die Ratio, die Vernunft, das Begehren hindere uns, diese höhere Wirklichkeit zu erkennen. Gleiches gelte für die Erscheinung “Tod” und dessen Annahme durch den Menschen. Damit hat Domian als Interviewer (und wohl auch als Mensch, denn er im Klappentext ausdrücklich hervor, wie sehr er sein ganzes Leben lang über dieses Thema der Endlichkeit des Menschen nachgedacht hat…) seine Schwierigkeiten, immer wieder verweist ihn der Tod darauf, das nicht alle Fragen durch Denken, durch die Ratio erfassbar sind….
“Interview mit dem Tod” ist ein erfolgreiches Buch, wahrscheinlich deshalb, weil es die allermeisten Menschen dort abholt, wo sie sind: fragend, zweifelnd, vllt verzweifelt, Antworten suchend aber keine findend. Diese Ratlosigkeit bedient Domian gut, in dem er seinen eigenen weitggehend ergebnislosen Weg des Nachdenkens über das Thema schildert. Ob das Interview selbst mit seiner mystischen Komponente den Lesern weiterhilft – ich wage es zu bezweifeln. Vllt in dem Sinne, daß sie danach wissen, wo sie eine Antwort finden könnten, wenn sie dort suchten – nämlich in sich selbst, in der Achtsamkeit des eigenen Ichs, in der Stille der eigenen Seele, im Überwinden des Rationalen…..
So bin ich etwas enttäuscht von diesem Buch. Es mag sich eignen für jemanden, der sich noch nicht mit dem Themenkreis Sterben und Tod befasst hat, als Einstieg eignen, ansonsten aber sind deutlich fundierter geschriebene Bücher auf dem Markt [2].
Links und Anmerkungen:
[1] Buchtipps Frühjahr 2012: Gesellschaft und Religion, Gütersloher Verlagshaus
[2] ein paar wenige sind hier im blog zu finden (bitte scrollen), aber auch im Versandhandel bringt die Suche nach dem Stichwort “Tod” ausreichend viele Treffer…
[3] Noch deutlicher wird dies z.B., wenn man den Begriff “Gott” nimmt. Als Christ tauchen bei der Erwähnung des Wortes immer die bekannten Bilder auf, Gott als älterer Mann mit weißen Haaren. Die dahinter steckende Idee des Göttlichen an sich, des Numinosen, die völlig unabhängig ist von einer personifizierten Gottheit, verliert sich…
Jürgen Domian
Interview mit dem Tod
Gütersloher Verlagshaus, HC, 176 S., 2012

Der Fotograf Walter Schels und die Spiegel-Redakteurin Beate Lakotta haben sich vor einigen Jahren für ein Portaitsprojekt der besonderen Art zusammengetan. Sie haben in Berliner Hospizen Menschen besucht, auch begleitet und die Schicksale dieser Menschen in ihren letzten Tagen festgehalten. Auch bildlich natürlich, mit schwarz/weiß-Fotographien [Beispiele in 3, Erlangen] des lebenden, aber auch des toten Gastes im Hospiz.
Herausgekommen ist ein sehr eindringliches, leises, behutsames Werk einer vorsichtigen Annäherung an ein schwieriges Thema, den Tod. Schwierig geworden in den letzten Jahrzehnten, in denen der Tod, dieses uns alle erwartende Schicksal, verbannt worden ist aus dem täglichen Leben hinein in die Krankenhäuser, die Alten- und Pflegeheime (die ihn aber auch nicht immer haben wollen…), abgeschottete Bezirke also, während er früher Alltag war. Philippe Aries beschreibt dies in seinen Studien über die Geschichte des Todes [1], der Sterbende, der früher zu Hause noch einmal die Familie um sich versammelte und jedem etwas zum Abschied mitgegeben hat oder auch – war dies nicht möglich – die Familie, die sich um den Sterbenden versammelte, um Abschied zu nehmen. Natürlich war auch früher der Tod eines Familienmitglieds mit großer Trauer verbunden, aber man wusste besser mit umzugehen, sie zu integrieren in das eigene Leben, auch weil jedem bewusst war (und es für viele zu den geistigen Übungen gehörte, sich dies bewusst zu machen), daß die eigene Sterblichkeit jederzeit durch Krankheit, einen Unfall oder anderes Realität werden konnte.
War es früher üblich, den Toten zu Hause aufzubahren (was auch heute noch möglich ist, was wenige nur wissen), so wird er heute oftmals (so derjenige zu Hause verstorben ist), so schnell wie möglich aus dem Haus geschafft [2]. Wegschieben, Verdrängen ist die Devise, nach der viele Menschen handeln. Dem entgegen zu wirken, ist ein Ziel des Buches von Lakotta und Schels [3].
In ihrem Vorwort findet Lakotta einige schöne Gedanken. So ist mir die hie und da zu hörende Gleichsetzung “Hospiz” gleich “Sterbehaus” immer unangenehm gewesen, ohne daß ich dies so richtig in Worte fassen konnte. Lakotta tat dies für mich, in einem einfachen, wahren Satz: ein Hospiz ist kein Sterbehaus, es ist ein Haus zum Leben für die Sterbenden. Sterben ist ein Teil des Lebens, ein Sterbender lebt noch. Dementsprechend begegnet man im Hospiz diesem Leben auch, vllt sogar (im vollen Bewusstsein seiner drängenden Endlichkeit) intensiver als an anderen Orten des Lebens. Und so ist ein Hospiz auch kein trauriger Ort, es ist ein Ort, in dem Lachen genauso zu Hause ist wie Weinen, in dem es Hoffnung gibt genauso wie - natürlich auch – Verzweifelung. Hoffnung: nicht unbedingt auf ein Wunder oder Heilung (obwohl auch das vorkommt), aber auf Naheliegendes: Schmerzfreiheit, gut schlafen können, den oder diese noch einmal sehen zu können, das oder jenes noch einmal zu erleben….
Die Menschen, denen die Autoren begegnen, erzählen aus ihrem Leben. Es sind normale Leben, wie sie jeder von lebt, mit Höhen und Tiefen, Erfolgen und Misserfolgen. Oft wird jetzt, kurz vor dem eigenen Tod eine Art Bilanz gezogen, ein “ich hätte dies und jenes…” oder “warum habe ich damals…” [4]. Wichtig ist, und das taucht immer wieder auf, ist die Aussöhnung oder die letzte Aussprache, wenn Unausgesprochenes, Streit, Zerwürfnisse zwischen Eheleuten, Eltern und Kindern stehen. Auch ein letztes Mal bekennen, wie wichtig der Sterbende für einen gewesen ist, daß man ihn liebt und daß man selbst auch nach dessen Tod das Leben weiter leben wird, ist wichtig – für den Sterbenden, dem es Ruhe gibt und für den Zurückbleibenden, dem es in der Trauer Trost sein kann, dies noch einmal gesagt zu haben. Der Tod ist endgültig, solche Bekenntnisse zu versäumen, nie wieder gut zu machen. Unter Umständen trägt man an dieser Last ein Leben lang. Und der Tod ist unberechenbar. Er kann morgen kommen oder erst in einer Woche, er kann das Hindämmern vorhergehen lassen, das ein Miteinander kommunizieren nicht mehr erlaubt. Für Zögern und Bedenken, für Scham ist im Hospiz keine Zeit mehr.
Die Bilder zeigen es: im Tod liegt Würde, das Gesicht des Menschen ist entspannt, gelockert. Er hat losgelassen und man sieht es dem Gesicht an: Unwohlsein, Angst, Bedrängungen, all das, was sich in den Gesichtsszügen des Sterbenden unter Umständen noch widerspiegelte, ist verschwunden und hat einem gelösten Eindruck Platz gemacht. Es ist ein Übergang auch in der Wahrnehmung, man hat kein Mitleid mehr mit diesem Menschen, man spürt (ev. ein kaum auszuhaltenes Maß an) Trauer, aber oft auch eine Erleichterung: es ist vorbei, er/sie hat es geschafft, das Leiden ist zu Ende.
Die meisten Hospizgäste sind in dem, was Kübler-Ross [5] als letztes Stadium der Zustimmung, der Akzeptanz, definiert. Der Kampf gegen die Krankheit hat aufgehört, Schmerzfreiheit ist der große Wunsch, der heutzutage gottseidank praktisch immer erfüllt werden kann. Menschlichkeit, Zuwendung, Hilfe bei dem, was noch erledigt werden muss, das sind die Wünsche, die auftauchen. Wie wird die Beerdigung aussehen, wo wird man seine Grabstelle haben, wie sieht es dort aus? Können wir uns das anschauen? Jetzt möchte ich meinen Mann noch einmal sehen, der bis dahin nicht kommen durfte… Meine Tochter ist seit Jahren in Amerika.. nicht immer wartet der Tod auf die Erfüllung, aber erstaunlich häufig erleben Menschen noch, daß solche Wünsche erfüllt werden können, fast so, als würde man das Leben aufgeräumt zurücklassen wollen…
“Noch mal leben vor dem Tod” ist ein stilles Buch, das ganz tief drinnen wirkt. Es macht nachdenklich, denn die Schicksale, von denen wir dort lesen, sind zwar nicht unsere, sie könnten es aber morgen sein, so oder so ähnlich. Unsere eigene Sterblichkeit ist eine uns eigentümliche Eigenschaft wie jede andere auch, das Alter bzw. die Jugend schützt uns nicht davor, die Existenz von Kinderhospizen zeigt dies nur zu deutlich. Man muss nicht täglich darüber meditieren, aber man sollte sich dessen bewusst zu sein, ist wichtig, um bewusst leben zu können. Schels/Lakottas Buch ist dafür ein eindrucksvoller Einstieg.
Links und Anmerkungen:
[1] z.B. Philippe Aries: Studien zur Geschichte des Todes im Abendland, Originalausgabe: Paris 1975
[2] Ich selbst bin schon nachts aus dem Bett geklingelt worden, um die Leichenhalle aufzuschließen, es hatte nicht bis zum Morgen Zeit, die verstorbene Oma aus dem Haus zu schaffen….
[3] ein Projekt, das im übrigen weltweit im Feuilleton vorgestellt wurde, hier z.B. in der NYtimes und das als Ausstellung zu sehen war (hier z.B. 2009 in Erlangen)
[4] die aus dieser Tatsache zu schließende Folgerung wird z.b. bei Sill: Die Kunst des Sterbens, sehr schön ausgeführt.
[5] Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden
Beate Lakotta, Walter Schels
Noch mal leben vor dem Tod
Wenn Menschen sterben
dva, HC, 224 S., 2004
Stanislaw Lem: Provokation
29. Februar 2012

Als Band 740 erschien 1982 in der altehrwürdigen Bibliothek Suhrkamp ein kleines Bändchen mit einem Essay des polnischen Gelehrten Stanislaw Lem, in dem dieser das fiktive Werk des (ebenfalls fiktiven) deutschen Anthropologen und Historikers Horst Aspernicus: Band 1: “Endlösung als Erlösung” und Band 2: “Fremdkörper Tod” bespricht. Von diesen beiden Bänden will ich hier kurz auf den ersten eingehen.
Thema der Arbeit Aspernicus ist die Genese und die Einordnung des Völkermords im Allgmeinen und insbesondere der des Nationalsozialismus an den Juden.
Es ist ein schwieriger Text, ich habe es jetzt zweimal gelesen und möchte nicht behaupten, alles verstanden zu haben, um so interessanter natürlich, dieses Büchlein vorzustellen.
Anfänglich analysiert Lem/Aspernicus, aus welchen Motiven heraus Sieger Besiegte töten, selbst wenn der Kampf, die Auseinandersetzung, der Krieg entschieden ist. Dieses oft massenhafte Töten besiegter Feinde gehörte seit altersher zum Brauchtum des Siegers. Zum einen verminderte man dadurch die Zahl potentieller Rächer und künftiger Vergelter, zum anderen stellte man damit auch die eigene Stärke zur Schau. Passte es ins Kalkül, war die Versklavung und Unterjochung des besiegten Volkes eine unblutige Alternative. Wichtig, so legt Lem seinem Autoren in den Mund, ist, daß praktische Gesichtspunkte des Eigennutzes für den Sieger bei seiner Behandlung des Feindes ausschlaggebend waren.
Im Verlauf der Jahrhunderte bildeten sich jedoch langsam Verhaltenskodices heraus, die letztlich dazu führten, daß der militärische/kriegerische Erfolg völlig vom Mord an Besiegten getrennt wurde, modern kodifiziert in der Haager Konvention. Zwar geschahen auch in der Neuzeit noch Akte des Völkermords, jedoch fehlte ihnen – nach Aspercius – der archaische Charakter bzw. das eigennützige Interesse der Urheber. Vielmehr verdeutlicht er, daß das erfolgte Abschlachten notwendig war, um bestimmte Ziel zu erreichen (Landeroberungen, Sklavenjagd etc).
Eine Art Zäsur in der Genese des Völkermords erkennt der Autor in dem Massaker der Türken an den Armenieren (die ja immer noch in der Einordnung als Völkermord heftig umstritten sind, wie die aktuellen Auseinandersetzungen zwischen der Türkei und Frankreich zeigen, Franz Werfes Buch: Die vierzig Tage des Musa Dagh schildern dieses Massaker in aller Breite, Anmerk. d.Verf.), das für die Türken keiner Nutzen oder Gewinn brachte. Damit entspricht er dem nationalsozialistischem Genozid an den Juden: auch dieser hatte für Deutschland keinerlei Nutzen, ganz im Gegenteil, er band erhebliche Mittel an Personal und logistischen Einrichtungen und er wurde vor der Welt mit einer Vielzahl von Euphemismen verheimlicht. Noch in den Lagern selbst wurde den Juden die Hoffnung auf ein Überleben nicht völlig genommen. Je totaler der Mord, um so mehr wurde er mit Geheimhaltung umgeben. Daraus und aus der Tatsache, daß es für die Nazis, die zu diesem Zeitpunkt ja noch an ihr Tausenjähriges Reich glaubten, durchaus effektive, mit weniger Nachteilen verbundene Alternativen zum blutigen Genozid an den Juden gegeben hätte, folgert Apercius, daß aus der 1942 gefällten Entscheidung zur “Endlösung der Judenfrage” reine Mordlust spricht:
“Mit einem Wort, es ging nicht nur um den Nutzen aus dem begangenen Verbrechen, sondern um die Befriedigung, die seine Ausführung verschaffte.”
Über Sieger sitzt niemand zu Gericht. Deshalb widmet sich Aspernicus der Frage, warum – trotz des vermeintlich sicheren Sieges vor Augen – der Völkermord an den Juden so euphemisiert wurde (Endlösung, Umsiedlung, Arbeit macht frei). Als Grund dafür erkennt er den immanenten Widerspruch, der darin liegt, daß er Arier der Erste unter der Menschen sein sollte, der aber in seinem Tun gleichzeitig der Mörder Wehrloser ist. Gerade in der Verleugnung sieht der Autor ein starkes Indiz dafür, wie sehr die Nazis in der christlichen Kultur verankert waren, denn “… in diesem Kulturkreis kann man alles tun, was aber nicht heißt, daß man auch alles sagen kann.” [dem Sinn nach zitiert].
Der nächste Abschnitt des Buches befasst sich mit dem Neonazismus, der trotz drückenster Beweise den Völkermord immer noch leugnet und als Fälschung bezeichnet, er betrachtet auch die Rolle der Philosophie am Beispiel des Philosophen Heidegger und kommt zum Schluss, daß ein Philosoph aus prinzipiellen Gründen zu den Verbrechen der Nazis nicht schweigen darf und daß – noch weiter verallgemeinert – jeder Mitschuld trägt, der “…den Stellenwert dieses Verbrechens in der Ordnung der menschlichen Existenz möglichst niedrig ansetzt.“
Im folgenden lässt Lem seine Aspercius ausführen, daß Deutschland den Krieg nie hätte gewinnen können, sondern ihn nur noch totaler verloren hätte, selbst und gerade wenn es im Osten gegen Russland gewonnen hätte. Dann nämlich hätte sich Amerika auf jeden Fall gezwungen gesehen, die (maßgeblich auch von aus Europa vertriebenen Juden mitentwickelte) Atombombe auch auf Deutschland zu schmeissen, bevor die Nazis selbst (“Uran-Projekt“) diese Bombe herstellen könnten.
Mit Hitler und Himmler charakterisiert Aspernicus zwei der hervorstechendsten Figuren des 3. Reiches. Bei Hitler erkennt er die Zwiespältigkeit seines Charakters, der in persönlichen Dingen keinerlei Ausschweifung kannte, sich im Spiel um die Macht jedoch keinen Regeln unterwarf: “Er war gut zu Hunden, Sekretärinnen, Dienern und Chauffeuren, seine eigenen Generäle aber ließ er wie Schweine am Schlachterhaken aufhängen, Millionen von Gefangenen ließ er verhungern.“. Für Himmler, einen Mann beschränkte Geistes, konstatiert er, daß dieser wie ein aus der Flasche entlassener Ungeist die Möglichkeiten, die ihm seine Stellung gab, ausnutzte und sich austobte. Er war es, der den Mord als Pflicht, als Aufopferung, als Mühe und als Ruhmestat glorifizierte ["Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen daliegen oder tausend. Das durchgestanden zu haben und dabei anständig geblieben zu sein, ist ein niemals geschriebenes Ruhmesblatt unserer Geschichte." nach "Himmler-Projekt"]
Schließlich kommt Aspernicus auf den tiefsten, weil letzten Sinn dieses Völkermord, zu sprechen. Es ist die kitschige Ikonographie des Abschlachtens, die nackten Menschen, die vor den Herrenmenschen an den Graben treten, jetzt im sicheren Wissen um ihren Tod, und erschossen werden. Nackt, wie Gott sie schuf, stehen sie vor ihrem Herrn und Richter (auch wenn das Urteil natürlich feststeht), es ist das Bild des Jüngsten Gerichts. Derart erhöhte sich die Clique der “Lumpenproletarier”, der “ungebildeten Flegel” und “Unteroffizierssöhne”, der “Bäckergehilfen” und “drittklassigen Schreiberlinge” selbst zum Vater über die nackten Menschen, zum Gottvater in seiner Allmacht über Leben und Tod.
Die Juden waren die fixe Idee des Dritten Reiches, ihre Verfolgung und Ausrottung wurde mit geradezu selbstzerstörerischer Konsequenz betrieben, der Jude an sich war für die Nazis die Manifestation des Bösen, so sehr, daß Systemfeinde, die nicht jüdisch waren, als “weiße Juden” bezeichnet wurden. Und das Böse gehört ausgerottet, den Juden sollte das widerfahren, was ihnen nach Recht und Gesetz gebührte und ausersehen, dies durchzuführen, waren in der Ideologie der Nazis die Deutschen, es wurde geradezu zu einer persönlichen Angelegenheit (“Hier liegen MEINE Juden” verscharrt….”). Die Quintessenz seiner Argumentation führt Aspercius zu dieser Schlussfolgerung:
Da die Deutschen Gott nicht töten konnten, töteten sie sein “auserwähltes Volk”, um dessen Platz einzunehmen und nach der blutigen Entthronisierung in effigei zu selbsternannten Auserwählten der Geschichte zu werden….. Der Genozid ist die stellvertretende Exekution Gottes.
die uns radikal und ungewöhnlich erscheint, mit der Lem aber letztlich nicht allein steht, wie man im Artikel von Bauer (s.u.) nachlesen kann.
Der Text Lems ist eine stringente Auseinandersetzung mit der verstörenden Frage, aus welchen Motiven eine politische Klasse (und in der Folge ein großer Teil eines ganzen Volkes) sich ein selbstzerstörerisches, den eigenen Ansprüchen der Auserwähltheit entgegenstehendes Verhalten als politische Maxime zu eigen machen kann. Und das überraschende ist das Ergebnis, daß ausgerechnet die Ideologie des Nationalsozialismus “auf christlich-antijüdischen, albtraumartigen Vorstellungen” [Bauer] beruht.
Links:
http://www.stanislaw-lem.de/buch/provokation.html
http://www.hansschauer.de/html/dir4/ch10t11.html
Yeshua Bauer: Die Schande bleibt, Die ZEIT, 23.03.2005
Die Besprechung wurde am 11.02.2012 in den Jüdischen Lebenswelten erstveröffentlicht





