Der Spiegel (Hrsg): Abschied nehmen
26. Mai 2013
Man liest es so häufig, daß “Sterben” und “Tod” ein Tabuthema unserer Zeit seien, daß man schon fast der Meinung sein möchte, daß diese Aussage eher zur Eingangsfloskel geworden ist, mit dem man sich eine Art Rechtfertigung schaffen will, daß man sich gerade genau mit diesem Thema auseinandersetzen möchte. Sollte es aber tatsächlich so sein, daß diese Themen (noch) ein Tabu darstellen, ist dieses Heft aus der Spiegel-Reihe “Wissen” sicher geeignet, sich dieser Frage zu nähern.
Es gibt kein Lebensalter, in dem man nicht auf einmal (oder auch absehbar) mit Sterben und Tod konfrontiert werden kann, in vielerlei Rollen, in die man auf einmal gestellt ist. Eine ärztliche Diagnose oder ein schwerer Unfall und man ist vllt gezwungen, sich mit dem eigenen Sterben auseinanderzusetzen – unabhängig vom Alter. Nahe Verwandte, geliebte Menschen, gute Bekannte können betroffen sein und wir, die wir ihnen nahe stehen, mit ihnen. Mag sein, daß wir gezwungen sind, Verantwortung zu übernehmen, weil wir Entscheidungen, schwerwiegende Entscheidungen zu treffen haben… vllt sind wir “nur” als Begleiter von Sterbenden oder Trauernden gefragt, eine zutiefst mitmenschliche Aufgabe, die aber oft nicht angenommen wird.
Sterben ist ein Teil des Lebens ist, wenn auch der letzte (folgerichtig geht man zum Beispiel nicht in ein Hospiz, um zu sterben, sondern um bis zum Tod dort zu leben). Um ihn herum gibt es eine Reihe von Themen, Fragen, Problemen, mit denen man sich einmal frühzeitig befassen sollte, bevor sie dann in einer Stresssituation, womöglich in Eile und dringlich, entschieden werden müssen. Patienentverfügung und Betreuungsvollmachten gehören dazu, natürlich auch Testamente oder Festlegungen (möglicht unter allen Beteiligten), was die äußere Form des Begräbnisses angeht.
“Abschied nehmen” widmet sich vielen einzelnen Fragen (vgl. das Inhaltsverzeichnis), es sind jeweils kurze, zwei- bis dreiseitge Aufsätze, die das Thema natürlich nicht in Gänze oder in der Tiefe behandeln können. Aber sie bieten einen guten Einstieg, mit dem man sich, da auch weiterführendes angegeben wird, bei Interesse tiefer in ein Thema einarbeiten kann.
Folgende Kapitel enthält das Heft:
- Am Ende des Lebens: Ausätze über das Sterben, das Begleiten Sterbender und auch über Trauer
- Tod als Beruf: hier wird z.B. die Arbeit des Bestatters beschrieben, aber auch von Notare (Testamente) und Sterbebegleitern. Da ich dies ehrenamtlich selbst mache, ist natürlich die Frage wichtig: wie sage ich einem Menschen, daß jemand, der ihm sehr nahe stand, gestorben ist….
- Krankheit und Sterblichkeit: hier sind Stichworte: Hospize, Palliativmedizin, Kinder und Tod, wann ist man überhaupt tot?
- Suizid und Sterbehilfe: man muss sich vor Augen halten, daß durch (“erfolgreiche”) Suizide in Deutschland mehr Menschen sterben als durch AIDS, Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen und Drogenmissbrauch zusammen, ungeachtet der versuchten Suizide oder nicht als Suizide erkannten Todesfälle…
- Kultur und Rituale: Beiträge rund ums den Komplex “Umgang mit dem Verstorbenen und eigene Trauerarbeit”
Für besonders interessant halte ich die Interviews z.B. mit dem bekannten Palliativmediziner Gian Borasio über Sinn (und auch Unsinn) medizinischer und pflegerischer Massnahmen am Lebensende, einen schwierigen Punkt, über den mit einer etwas anderen Perspektive, nämlich der Durchsetzung von in Patientenverfügungen festgelegten Willensbekundungen, der Medizinrechtler Wolfgang Putz befragt wird: “Sterben lassen ist kein Töten”.
Insgesamt denke ich, daß das Heft den gesamten Themenkomplex rund um “Sterben und Tod” gut abdeckt und auch – oder gerade? – wenn man sich momentan ganz weit weg davon sieht, eine gute Gelegenheit ist, sich ihm unbefangen zu nähern.
Links und Anmerkungen:
- das Bild ist nicht dem Heft entnommen, sondern stammt aus dem eigenen Bestand
- mehr zum Thema “Krankheit, Sterben und Tod” im themenblog: Sterben, Tod und Trauer
Der Spiegel (Hrsg)
Abschied nehmen
Vom Umgang mit dem Sterben
aus der Reihe: Wissen, Heft 4/12
Michaela Seul: Hospizarbeit und Palliativbetreuung
23. Oktober 2011
Sterben ist nicht ungesund.
Ein Satz, an dem man hängenbleibt, über den man stolpert, der zum Nachdenken anregt. In diesem Sinn sei er meiner kurzen Vorstellung des schmalen Büchleins von Seul vorangestellt.

Ausgehend von England, wo (die spätere Lady) Cicerly Saunders 1967 das erste Hospiz gründete, nachdem sie einige Jahre zuvor nachweisen konnte, daß zur Schmerzbehandlung eingesetztes Morphium keine Suchtprobleme macht und den Patienten ein normales Leben ermöglicht, breitete sich der Hospizgedanke auch auf dem Kontinent aus. In Deutschland gibt es momentan (2009) 151 Hospize.
Seul begreift das Hospiz nicht nur als stationäres Haus, in dem Menschen unter bestimmten Voraussetzungen ihre letzten Tage bis zum Tod leben können, sondern als Gedanken, als ein Gesamtkonzept für die Betreuung und Begleitung von Sterbenden und ihrer Familien. Dieser hospizliche Gedanke umfasst die Palliative Care/palliativmedizinische Betreuung bzw. den palliativ-geriatrischen Dienst genauso wie Sozialarbeit, Seelsorge und spirituelle Begleitung und ist nicht auf ein stationäres Hospiz angewiesen. Diese die Würde und Integrität des Sterbenden wahrende Begleitung und Betreuung kann ebenso im Krankenhaus wie im Alten-/Pflegeheim oder zuhause stattfinden, der ehrenamtliche Dienst ist gerade in der Sterbebegleitung eine starke Komponente des Systems.
In Seuls Darstellung des hospizlichen Gedankens spielt die palliative Versorgung der Patienten eine große Rolle. Die Möglichkeiten palliativmedizinischer Betreuung sind noch nicht allgemein bekannt, erst seit 1994 existiert in Deutschland eine Gesellschaft für Palliativmedizin. In der Palliativmedizin wird der “austherapierte” Patient, der Kranke also, dessen Krankheit nicht mehr curativ (d.h. heilend) behandelt werden kann (oder nach Patientenwillen soll) symptomatisch behandelt mit dem Ziel, die Lebensqualität zu verbessern, um ihn dann – sofern er stationär versorgt wird – wieder nach Hause entlassen zu können. Ein typischer Palliativpatient ist z.B. ein Krebserkrankter, bei dem eine erneute Chemotherapie einfach keinen Sinn mehr macht oder er diese sogar explizit und im Wissen um die Konsequenz ablehnt.
Um in der letzten Lebensphase ein würdiges Leben zu ermöglichen, ist meist eine adäquate Schmerzbehandlung unabdingbar. Hier gibt es in Deutschland oft immer noch Vorbehalte, das medizinisch mögliche auch umzusetzen. Da weitgehende Schmerzfreiheit jedoch Voraussetzung ist für eine entsprechende Lebensqualität, widmet Seul diesem Aspekt einen ausführlichen Teil ihrer Ausführungen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, daß der Wille des Patienten, der ja nicht immer ansprechbar ist oder diesen noch äußern kann, klar festgelegt ist. Dazu ist es sehr hilfreich (auch für die behandelnden Ärzte), wenn eine Patientenverfügung vorliegt, möglichst verbunden mit einer Vollmacht für eine Person, die im Namen des Patienten sprechen und entscheiden kann. Ist dies nicht der Fall, bedeutet es, daß unter Umständen auf das ganze Spektrum lebenserhaltender Massnahmen zurückgegriffen wird, ohne daß diese mehr als biologische Funktionen aufrecht erhalten. Das Festlegen seiner Vorstellungen in einer Patientenverfügung ist unabhängig vom Lebensalter, auch junge Menschen können schwer erkranken, von Unfällen oder Unglücken ganz zu schweigen.
Ein weiterer wichtiger Punkt, auf den Seul ausführlich eingeht, ist die Ernährung sterbender bzw. todkranker Menschen. Ist hier nichts weiter geregelt, besteht die große Gefahr, daß über die PEG (Magensonde) eine künstliche Ernährung vorgenommen wird, die zum einen auch wieder, wenn nicht auf die sich ändernden Bedürfnisse eines sterbenden Körpers Rücksicht genommen wird, zu zusätzlichen Komplikationen führen kann und die u.U. ähnlich wie die “Apparatemedizin” das Leben als rein biologische Funktion einfach nur sinnlos verlängert. Auch für diese Frage sind eindeutige Aussagen in der Patientenverfügung wichtig.
Dieser ganze Themenkomplex kann in so einem kleinen Buch natürlich nicht zur Gänze behandelt werden. Aber Seul legt das Wesentliche sehr klar und verständlich dar. Viele ihrer Ausführungen illustriert sie durch Praxisbeispiele, die überhaupt sehr anschaulich zeigen, wie hospizliche Arbeit in der Praxis aussehen kann und wie hilfreich sie für den Sterbenden und seine Angehörigen sein kann, bis über den Tod hinaus, wenn sie – soweit gewünscht – in eine Trauerbegleitung übergeht. Wesentlich für die hospizliche Begleitung ist, und darauf legt Seul viel Wert, daß sie sich selbst immer zurücknimmt, im Mittelpunkt und ausschlaggebend ist einzig und allein der Wille und der geäußerte Wunsch des/r Begleiteten. Werturteile, eigene Vorstellungen, was gut und richtig ist, sind unwichtig und werden zurückgestellt.
Die Umsetzung des hospizlichen Gedankens in die Praxis ist ohne das Engagement von Ehrenämtlern nicht möglich. Und dieses Engagement erfolgt, weil die Begleitung Sterbender auch dem Begleitendem unendlich viel gibt. Dies ist etwas, was man vllt nicht glauben mag, aber aus eigener Erfahrung kann ich das bestätigen.. bei einem todkranken Menschen z.B. am Bett zu sitzen, ihm zu sagen: “Schlafen Sie ruhig, ich bleib hier bei Ihnen und pass auf Sie auf!” und dann zu sehen, wie er einschläft, wie sich sein Gesicht entspannt, wie die Hand, die man hält, ruhig wird… das gibt sehr viel Ruhe in der eigenen Seele…. (natürlich, das darf nicht verschwiegen werden, gibt es auch schwierige, belastende Situationen….) Trotzdem: dieses Büchlein ist daher auch für alle, die sich ev. für die ehrenamtliche Hospizarbeit interessieren, geeignet, einen ersten Eindruck zu bekommen.
Seul verweist in ihrem Buch oft auf den Christopherus-Hospiz Verein in München. Die Situation in Großstädten dürfte allgemein, was den Entwicklungsstand des palliativ-hospizlichen Netzes angeht, deutlich weiter sein als im ländlichen Bereich, in dem dies zum Teil erst in Ansätzen vorhanden ist. Hier wird sicherlich gerade auch in Zeiten der Diskussion um die Kosten des Gesundheitssystems noch einige Arbeit geleistet werden müssen. Insofern ist manches, was Seul beschreibt, insbesondere organisatorisches und die Zusammenarbeit der Helfer betreffendes, wohl nicht ohne weiteres in jede Region des Landes übertragbar und allgemeingültig. Dies mag von Betroffenen etwas Eigeninitiative verlangen, sich die entsprechenden Informationen und Ansprechpartner selbst zu suchen, eine geringe Mühe, die sich aber in jedem Fall auszahlen wird.
Michaela Seul
Hospizarbeit und Palliativbetreuung
Knaur, TB, 2009, 205 S.
(Erstveröffentlichung unter dem Titel: Ein Abschied in Würde)
Sidney Wanzer, Joseph Glenmullen: Gut sterben
9. April 2010

Das Buch “Gut sterben” der amerikanischen Ärzte Wanzer und Glenmullen entspricht in weiten Teilen dem (etwas neueren) Buch von de Ridder: “Wie wollen wir sterben“, das ich letzte Woche hier vorgestellt habe. Geht de Ridder die Frage nach einem menschenwürdigen Sterben mehr von der ärztlichen Seite an, bzw. über die Probleme, die von ärztlich-medizinischer Seite aus in dieser Hinsicht bestehen, so wird die Argumentation in diesem Buch “pragmatischer” und mehr aus der Sicht der Betroffenen her geführt.
Das Ergebnis beider Ansätze ist vergleichbar: Spricht Ridder von einem Wechsel im Behandlungsziel, so nennen es Wanzer und Glenmullen: den ersten Wendepunkt. Beide meinen damit aber dasgleiche: der Ziel des ärztlichen Wirkens darf ab einem bestimmten Stadium, welches durch die Offensichtlichkeit, den vorab geäußerten und in einer Patientenverfügung niedergelegten Patientenwillen oder durch den mutmaßlichen Willen des Betroffenen bestimmt ist, nicht mehr auf Therapie, also Heilung, ausgerichtet sein, sondern es darf sich ausschließlich und nur noch mit der Linderung der Schmerzen des Betroffenen befassen (Wechsel vom curativen zum palliativen Behandlungsziel). Der durch diesen Wechsel des Behandlungsziels eventuell früher eintretende Tod ist als natürliches Ereignis zu akzeptieren. Für einen der Autoren war das Schicksal seiner eigenen (schon dementen) Mutter prägend: dieser wurde – trotz gegenteiliger Patientenverfügung – noch im Alter von 92 Jahren ein Herzschrittmacher eingepflanzt, der ihr weitere 5 Jahre Siechtum und Dahindämmern bescherte…..
Die Autoren behandeln die Fragen einer ausreichenden Schmerztherapie, die bis auf ganz wenige Ausnahmen praktisch immer möglich ist, aber von Ärzten oft nur halbherzig durchgeführt wird. Starke Schmerzmittel (Opiate) können auch die Lebenszeit verkürzen, also den Todeszeitpunkt vorverlegen, ein Faktum, welches man wissen muss, wenn man die Verabreichung solcher Mittel im Vorab verfügen will.
Das Buch nimmt wie schon angedeutet, oft die Sicht eines Betroffenen ein, wobei als Betroffene nicht nur die Patienten gesehen werden dürfen, sondern auch alle Menschen im direkten Umfeld, die den Krankheits- bzw. Sterbeprozess auf die eine oder andere Weise begleiten. In einem ausführlichen Abschnitt werden die Rechte des Sterbenden diskutiert, auch wenn dies sich auf amerikanische Verhältnisse bezieht, sind sie meiner Meinung nach auch gut auf deutsche übertragbar. Ebenso sinnvoll ist der Abschnitt, in dem die Autoren darauf eingehen, was man als Betroffener von seinen Arzt erwarten darf und kann, wie man ihm gegenüber treten sollte und welche Fragen im Vorab zu klären sind. Mehr als einmal wird dazu geraten, unter Umständen auch den Arzt zu wechseln, wenn der behandelnde nicht die notwenigen Garantien geben kann, im Sinn des Sterbenden zu agieren. Natürlich werden auch Fragen zur Patientenverfügung, zu Vorsorgevollmachten etc pp praxisnah behandelt.
Nennen die Autoren den Wechsel vom Curativen zum Palliativen den ersten Wendepunkt, so deutet das schon darauf hin, daß es nach ihrer Ansicht auch einen zweiten Wendepunkt gibt. Für den Fall, daß lindernden Maßnahmen der palliativen Medizin nicht wirken und der Sterbende unter unerträglichen Schmerzen leidet, kann es sein, daß der Entschluss reift, daß der Tod diesem Leben vorzuziehen ist. Es entsteht der Wunsch, das Sterben zu beschleunigen. Im Vergleich zu Ridder, der dieses Thema zwar auch anschneidet und diskutiert, gehen Wanzer und Glenmullen ausführlicher darauf ein, inclusive einer Beschreibung und Bewertung von Methoden, das Leben zu verkürzen (so die etwas beschönigend klingende Übersetzung, “to Hasten Death” im Englischen). Dieses Thema um aktive/passive Sterbehilfe, eventuell auch bei Menschen, die sich nicht akut im Sterbeprozess befinden, sondern wegen anderer Gründe ein (subjektiv und darauf kommt es an) menschenunwürdiges Leben führen müssen bzw auch bei Dementen (deren Problemen wird ein ganzer Abschnitt gewidmet), ist emotional aufgeladen, nicht nur in Deutschland. Die beiden Autoren beziehen für sich ganz eindeutig Stellung, die immer – soweit gewisse Bedingungen erfüllt sind – den Willen, die Selbstbestimmheit, des Patienten in den Mittelpunkt stellt.
Facit: Ein sehr informatives und praktisch gehaltenes Buch zu der Frage, was man unternehmen soll und kann, wenn man für sich ein würdevolles Sterben sicherstellen will.
Sidney Wanzer, Joseph Glenmullen
Gut sterben
Zweitausendeins, 2009, TB, 264 S.
ISBN 978-3-86150-895-3
Michael de Ridder: Wie wollen wir sterben?
4. April 2010
Sterben und Tod gehören zu den unabänderlichen Attributen unseres Lebens. Sie sind Teil unseres Menschseins und unser Leben besteht in der fortwährenden Herausforderung, unser Leben zu gestalten.
Michel Montaigne

Der Autor Michael de Ridder ist Arzt und befasst sich in diesem Buch mit den Aspekten ärztlichen Handelns bei Patienten, die sich entweder im Sterbeprozess befinden oder die sich aufgrund anderer Umstände in einem gesundheitlichen Zustand befinden, in dem nach landläufiger Sicht ein menschenwürdiges Leben nicht mehr möglich ist. Das Buch ist insofern interessant, als daß es für eine “neue Sterbekultur” aus ärztlicher Sicht eintritt, meistens wird der Themenkreis Sterben bzw. Tod ja aus entweder pflegerischer oder seelsorgerischer, spiritueller Sicht betrachtet. Mit diesem Ansatz habe ich ja schon das eine oder andere Buch hier vorgestellt [1].
Ich denke, Ridders Ansatz läßt sich wie folgt zusammenfassen:
Seit einigen Jahrzehnten haben die medizinische Forschung und parallel dazu auch die apparativen Möglichkeiten der Medizin einen ungeahnten Erkenntniszuwachs bzw. eine enorme Erweiterung der Möglichkeiten zur Eingriffen bei Patienten erfahren. Verbunden damit war und ist eine sich immer weiter auffächernde Spezialisierung der Mediziner in -zig Fachgebiete. (Jeder, der schon mal mit Beschwerden zum Hausarzt gegangen ist, dort eine Überweisung zum Orthopäden erhält, von diesem zum Radiologen geschickt wird und zur Abklärung internistischer Daten noch mal zum Hausarzt oder Internisten bevor er wieder beim Orthopäden auftauchen darf, weiß, was gemeint ist…. und das ist nur ein harmloses Beispiel aus eigener Erfahrung…). Das ist Ausdruck der Tatsache, daß in der modernen Medizin das kranke Organ im Mittelpunkt der Heilungsbemühungen steht, während der kranke Mensch als Individuum immer stärker in den Hintergrund gerückt ist.
Ziel des ärztlichen Handelns ist das Behandeln, das Heilen der diagnostizierten Krankheit. Über Jahrhunderte hinweg war dies auch ein vernünftiger Ansatz (selbst wenn die angewendeten Methoden brachial waren, der Begriff “Heroica” hat sich mir eingeprägt….), denn aufgrund der geringen Kenntnisse und fehlenden technischen Möglichkeiten war das krankheitsbestimmte Sterben des Patienten bei entsprechend schwerer Erkrankung die Regel. Das Sterben, der Tod waren das akzeptierte, natürliche und nicht weiter beeinflussbare Ende vieler Krankheiten und Unfälle.
Mit dem Möglichkeiten der modernen Medizin ist es das jedoch nicht mehr. Menschen, die früher eines “natürlichen” Todes infolge einer Krankheit gestorben wären, kann man heutzutage oft über einen langen Zeitraum am Leben halten. Und diese rein technische Entwicklung hat zudem stattgefunden in einer Entfremdung zum Patienten als selbstbestimmten Individuum und ohne die althergebrachte ärztliche Ethik dem anzupassen. Noch immer ist in aller Regel auf ärztlicher Seite der Erhalt des Lebens um jeden Preis Ziel der Bemühungen. Ob dies auch zum Wohl des Patienten geschieht, wird nicht betrachtet.
Daß die ärztliche Ethik, die es ja damit auch sehr einfach macht, in dem sie ohne Nachdenken die vorhandenen medizinischen Möglichkeiten einfach stur anwendet, damit nicht unbedingt im gesellschaftlichen Konsens steht, zeigt die bei vielen, vllt sogar den meisten Menschen vorhandene Angst, irgendwann einmal hilflos an Schläuchen und Apparaten zu hängen und nicht sterben zu dürfen. Und jeder kann sich wohl an Fälle erinnern, in denen Patienten das Recht auf ihren Tod in langwierigen Prozessen hoch- und höchstrichterlich durchsetzen mussten (siehe z.B. Beiträge in dieser Übersicht [6]).
Ridder stellt in seinem Buch folgende Begriffsfelder in den Mittelpunkt:
- Selbstbestimmtheit des Menschen, auch und gerade wenn sein Wille von außen betrachtet unvernünftig zu sein scheint
- den Blick auf die Entität Mensch als ganzheitliches Individuum anstatt auf einzelne Funktionen und Organe und damit eng verbunden
- das Wohl des Patienten auch im Sinne der Menschenwürd als oberste Handlungsmaxime des behandelnden Arztes
- eine Anpassung der überholten ärztlichen Ethik an die Möglichkeiten und Gefahren der modernen Medizin insbesondere auch im Hinblick darauf, daß am Ende eines Lebens ein krankheitsbedingter, natürlicher Tod zu akzeptieren ist
- es ist ferner (im Sinne der Selbstbestimmtheit) zu akzeptieren, daß auch im Leben jedes Menschen Zustände eintreten können, die diesem individuell ein Weiterleben qualvoller gestalten als der erwünschte Tod (“Sterbehilfe”)
Ausführlich geht Ridder u.a. auf folgende Punkte ein:
Definition des Todes (Bedeutung des Begriffes Hirntod)
Ernährung am Lebensende
Schmerztherapie (mit Opiaten [4])
Wachkoma [vgl. 6]
Sterbehilfe
Patientenverfügung
Auf den Inhalt dieser Kapitel gehe ich jetzt nicht im Einzelnen ein, Ridder diskutiert die Punkte ausführlich und gut verständlich (aber nicht trivial!). Besonders interessant, weil für jeden aktuell, sind natürlich seine Ausführungen zur Patientenverfügung, für die ja seit letztem Jahr eine eindeutige gesetzliche Grundlage geschaffen worden ist [2]. Trotzdem hat es mich immer wieder erstaunt, wenn darauf hingewiesen wurde, wievieles schon seit Jahren höchstrichterlich im Sinne der Betroffenen entschieden worden war, ohne daß dies von den unteren Ebenen (auch der Justiz) zur Kenntnis genommen worden wäre und so Betroffene immer wieder gezwungen worden sind, ihr Recht nicht nur zu haben, sondern auch gegen massive Widerstände durchzusetzen…. Und – wie schon gesagt – der Blick auf die eigene Verfügung ist mit Ridders Aussagen im Hinterkopf vllt auch ganz interessant….
Links:
[1] im Blog vorgestellte Bücher zum Themenkreis: Sterben, Tod und Trauer
[2a] 3. Betreuungsänderungsgesetz, “Stünker-Entwurf” aus 2009
[2b] Patientenverfügung: Broschüre des BMJ
[3] Porträts von M. de Ridder im Deutschen Ärzteblatt
[4] Über die sehr interessante Geschichte des Heroins hat de Ridder ein eigenes Buch geschrieben
[5] Spiegel-Interview mit de Ridder
[6] Fallbeispiele “Wachkoma“
[7] Verlagsseite zum Buch mit Interviews etc.
[8] ein neuerer Beitrag Ridders in der ZEIT zum Thema “Palliativmedizin” und “Sterbehilfe”
Hinweis:
Ebenfalls sehr empfehlenswertes Buch zum Thema: Wanzen, Glenmullen: Gut Sterben
Facit: Sehr empfehlenswert! Ach was, eigentlich ein Muss…..
Michael de Ridder
Wie wollen wir sterben?
Deutsche Verlags-Anstalt, 2010, HC, 320 S.
ISBN-10: 3421044198
ISBN-13: 978-3421044198





