Das Buch war gut, wie wird der Film sein? Das war die Frage, denn mit seinen ca. 700 Seiten bietet das Buch eine solche Fülle an Material, daß der Film sich nur auf einiges konzentrieren kann. Das macht er auch und ich muss sagen: mir hat es gefallen, es ist gut gelungen.

Der Filmplot bricht die ausführliche und teilweise sehr ins Detail gehende Buchhandlung herunter auf einen einzigen Handlungsstrang: Blomquist wird nach seiner beruflichen Niederlage vom Industriellen Vanger beauftragt, das Verschwinden von Harriet Vanger zu untersuchen. Mangels Alternativen nimmt er den Auftrag an. Die Vergangenheit der Familienmitglieder “Vanger” wird nur angedeutet, damit ist schon mal ein großer Teil des Buches aussen vor. Überhaupt bleiben die politischen Aspekte des Buches im Film weitgehend auf der Strecke und sind allenfalls als Hintergrundinformationen präsent: die nationalsozialistische Vergangenheit (und Gegenwart) oder die Wennerström-Affäre.

Die Zeitschiene ist mir etwas unklar geblieben, Blomquist fängt seinen Aufenthalt bei Vangers im Winter an (-22° C), aber schon bald blüht es und ein Frühsommer ist ins Land gezogen. Nun ja, vom Geschehen her findet Blomquist recht schnell den Aspekt, den bis dato noch jeder übersehen hat, die eigentliche Lösung des Falles kommt aber von Lisbeth, die aus der Ferne via Hacken alles mitverfolgt.

Wie im Buch, so im Film ein dramatischer Show-Down und dann ein zuckersüßes Happy-End für alle… Wer ein wenig mehr vom Inhalt wissen will, kann versuchen, das in meiner Buchvorstellung zu erreichen…

Was die Besetzung angeht: Blomquist ist mit Michael Nyqvist nett, aber nicht besonders eindrucksvoll besetzt, Lisbeth wird von Noomi Rapace gespielt, sie bringt den widersprüchlichen, gestörten, hin- und hergerissenen Charakter der Buch-Lisbeth gut rüber (obwohl ich sie mir etwas kachektischer ausgemalt hatte…). Gut gefallen hat mir ebenfalls Peter Haber als Martin Vanger, während die (im Film: Rand)Figur der Erika Berger von Lena Endre sehr blass dargestellt und ihrer Vorlage kaum gerecht wurde.

Haber zeigt als Martin, daß das Böse einfach seine Natur ist, er verhält sich im Keller genauso wie im Erdgeschoss, wenn er als Gastgeber fungiert. Einzig sein intellektuelles Wissen darüber, daß das, was er macht, verboten ist, veranlasst ihn, sein Tun im Geheimen auszuüben. Diese Rolle hat mich an Hopkins erinnert im Schweigen der Lämmer, auch wenn dieser natürlich unerreicht bleibt, aber ähnlich diesem verkörpert Martin einfach nur das Böse, den Hass, den menschlichen Abgrund schlechthin….

Lisbeth ist für mich die eigentliche Hauptperson des Films (ebenso wie der Bücher). In einem gewissen Sinn lebt sie ähnlich wie hier im Film Martin Vanger nach ihren eigenen Regeln. Sie lebt innerhalb der Gesellschaft, aber außerhalb ihrer Normen. Zufall nur, daß sie ihre Fähigkeiten der “guten” Sache zur Verfügung stellt, wäre sie, die offensichtlich ein schlimmes Schicksal hinter sich hat, auf der anderen Seite, wer wollte sie, die so fähig beschrieben wird, stoppen?

Das Verhältnis, das Lisbeth und Michael eingehen… man kann sich Gedanken machen, ob es eine Zukunft hätte. Es scheint, als könnte Lisbeth diesem Mann gegenüber Gefühle zulassen, vielleicht auch, weil Michael bereit ist, Lisbeth so zu akzeptieren wie sie ist…. Eine Beziehungskiste, die das Drehbuch nicht auflöst, sondern offen hält, anders als die Buchvorlage.

Facit: ein intelligenter, spannender und gut gemachter Film.

Links: zur Buchvorstellung
Details zum Film
Die Film Homepage

verbegung

Der dritte Teil der Trilogie von Larsson um den Journalisten Blomquist und Lisbeth Salander ist jetzt endlich auch als TB erschienen, wurde auch Zeit….

Inhaltlich knüpft das Buch an das Ende des mittleren Teils an: Salander, schwerstverletzt, wird in ein Krankenhaus eingeliefert, ebenso der von ihr mit einer Axt gekennzeichnete Zalatschenko. Diese beiden Todfeinde liegen nun beide auf der Intensivstation in benachbarten Zimmern. Unterdessen versucht “draußen” Blomquist nach Möglichkeiten, seine Freundin Salander, die von der Staatsanwaltschaft wegen vieler Anklagepunkte vor Gericht gestellt werden soll, zu entlasten und das hinter allem stehende Komplott aufzudecken. Die Probleme, die der ehemalige russische Agent Zalatschenko dagegen seinen schwedischen Betreuern vom Geheimdienst durch seine wiederholten Eskapaden und der Drohung, auszupacken macht, führen diesen dazu, eine riesige Intrige in Gang zu setzen, die auch vor Morden nicht haltmacht.

In diesen (nur in gröbsten Zügen wiedergegebenen Plot) knüpft Larsson eine Vielzahl weiterer Handlungsstränge und Nebenschauplätze. Die Geschichte von Millenium und Erika Berger ist eine davon, die Liebesgeschichte Blomquists eine andere. Meisterhaft jedoch versteht es der Autor, die einzelnen Handlungsfäden gestrafft, das heißt, spannend zu halten und nie den Überblick zu verlieren.

Die Geschichte, die erzählt wird, ist eine voller Intrigen und Gegenintrigen. Sie spielt mit dem alten Manko jeglicher geheimdienstlicher Tätigkeit: sie macht sich irgendwann selbstständig und löst sich von der realen Welt, mit Tricks und Gewalt muss ein Bild aufrecht erhalten werden, ein Gegner konstruiert werden, der die eigene Existenzberechtigung aufrecht erhält. Es hört nie auf, eine Lüge, einmal in die Welt gesetzt, pflanzt sich fort, muss irgendwann umgelogen werden, schlägt auf ihre Erfinder zurück und potenziert das Unheil, das sie verhindern soll.

Seiner Vita nach war Larsson Experte für Rechtsextremismus und Neonazis. Daher gehe ich davon aus, daß die Schilderungen des Innenlebens der schwedischen (Geheimdienst)Politik nicht erfunden sind, sondern zumindest einen realen Kern haben. Das macht sie natürlich sehr interessant, selbst wenn man die Existenz einer solchen klandestinen Gruppe wie dem Zalatschenko-Club der Fantasie des Autoren zurechnet, möglich wäre es allemal, verwirklicht im einen oder anderen Geheimdienst sicher auch.

Was bleibt sonst noch zum Buch zu sagen? Natürlich, Salander ist wieder einmal (zwar zu treffen), aber unkaputtbar, Blomquist ist clever, intelligent, hat ein gutes Händchen und macht (fast) nichts falsch, es gibt Zufälle en masse und manches wirkt sehr konstruiert – aber trotzdem: für mich der beste Band der Trilogie, unheimlich spannend (auch wenn das Ende natürlich klar ist) und die über 850 Seiten sind ratzfatz aus.gelesen….

Facit: ein MUSS für Krimi/Thrillerfans, und nicht nur für diese

Links

1. Teil: Verblendung: Buchbesprechung
2. Teil: Verdammnis: Buchbesprechung

Stieg Larsson
Vergebung
Heyne Verlag, Mai 2009)
ISBN-10: 3453434064
ISBN-13: 978-3453434066

Stieg Larsson: Verdammnis

19. September 2008

Nach Verblendung der zweite Band der Trilogie um Lisbeth Salander und Mikael Blomquist mit seiner Millenium-Redaktion. Ebenso umfangreich (ca. 750 Seiten), aber auch ebenso schnell gelesen, fast verschlungen.

Die Handlung setzt ein Jahr (nimmt man die einjährige Tour Salanders durch die Welt inclusive eines Klinikaufenthaltes für eine ästhetische Operation) bzw. 2 Jahre (nimmt man die Vertragslaufzeit von Herriet Vanger als Teilhaberin von Millenium als Maß) nach den Geschehnissen des ersten Bandes ein. Als Appetizer (und hier ist er dann doch mal auf Effekte aus) schildert Larsson Salanders letzte Tage in der Karibik, in der er Lisbeth zeigt, wie er sie für seine Bücher geschaffen hat: äußerst zielorientiert in ihren Handlungen und auch bereit, zur Durchsetzung ihrer Ziele Gewalt einzusetzen. Für den weiteren Verlauf der Geschichte ist diese Episode jedoch unerheblich.

Der eigentliche Plot ist schnell erzählt: Auf der Basis der kriminalwissenschaftlichen Dissertation plant Millenium ein brisantes Buch über Frauenhandel in Schweden herauszubringen, in dem auch einige hochrangige Persönlichkeiten mit diesem Verbrechen in Verbindung gebracht werden. Mitten in den abschließenden Recherchearbeiten werden die beiden Journalisten, die die Fakten zusammengetragen haben, brutal ermordet. Auf der Tatwaffe, die Bjurman, dem Betreuer von Lisbeth Salander gehört, sind Lisbeths Fingerabdrücke zu finden, ferner wurde sie eindeutig identifiziert, als sie wenige Minuten vor dem Mord in dem Haus gesehen wurde. Auch Bjurman wird kurze Zeit später erschossen aufgefunden.

Lisbeth ist damit für die Polizei erst einmal die Tatverdächtige für diesen Mord, auch wenn sie – der Leser ahnt es…. – in Wirklichkeit unschuldig ist und selber überfallen wird und offensichtlich getötet werden soll. Sie wird also sowohl von der Polizei als auch von den wirklichen Täter gejagt. An ihre Unschuld glaubt eigentlich nur Blomquist, der auf eigene Faust die Suche nach der Wahrheit aufnimmt.

Diese wird im Lauf des Buches häppchenweise enthüllt und erweist sich als wüste Räuberpistole aus den Wirren des Kalten Krieges, in die Salander, was man gegen Ende des Buches erfährt, unentrinnbar eingewoben ist.

Ebens wie Verblendung ist auch Verdammnis für mich ein kleines Phänomen. In der ersten Hälfte des Buches geschieht nicht allzuviel, es wird im wesentlichen beschrieben: Personen, Handlungen, Motive, Rückblenden. Und trotzdem fesselt das Buch, daß man es nicht aus der Hand legen möchte. Natürlich ist das Spektrum der auftretenden Figuren um Größenordnungen größer als ich es hier beschreibe, es gibt den Verräter, den voreingenommenen Polizisten ebenso wie die objektiven, der medien- und karrieregeile Staatsanwalt fehlt ebenso wenig wie der Freund, der aus dem Nichts auftaucht und ohne zu zögern sein Leben aufs Spiel setzt. Einzig die Liebe kommt ein wenig kurz, dafür spielt uns Larsson einen Namen in die Hand: das Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus nennt er als mögliche Krankheit, mit der Lisbeths Persönlichkeitsstruktur erklärt werden könnte. Womit auch die Fähigkeiten Salanders, die mir ehrlich gesagt doch ein wenig übertrieben erscheinen, im Sinne von Inselbegabungen zumindest eine Erklärung fänden: das fotographische Gedächtnis, der ernstgemeinte Versuch, das Fermat-Problem einfacher zu lösen als Wilson, die Schachbegabung… wahrscheinlich auch die beachtlichen Computerkenntnisse. Ob auch ihre sonstigen Qualitäten als Einbrecherin etc pp damit erklärt werden können.. who knows…. na ja, ein wenig übertrieben scheint mir das schon, ebenso wie ich finde, daß Larsson am Ende auch etwas dick aufgetragen hat. Was Salander da einstecken muss, würde normalerweise den dicksten Elefanten umhauen.. aber freuen wir uns doch einfach auf Band 3 dieser wirklich sehr lesenwerten Trilogie, den es ja nicht gäbe, würde Lisbeth sterben…..

Facit: sehr spannend, fesselnd und empfehlenswert.

Links zum Asperger-Syndrom:


http://www.zeit.de/2004/36/Asperger-Syndrom


http://de.wikipedia.org/wiki/Autismus#Asperger-Syndrom

Angaben zur Biographie Larssons:
http://www.schwedenkrimi.de/stieg_larsson_biografie.htm

Stieg Larsson
Verdammnis
Heyne Verlag, TB, August 2008
ISBN-10: 3453433173
ISBN-13: 978-3453433175


So, die knapp 700 Seiten sind geschafft, das Buch hat sich gut und leicht lesen lassen, in wenigen Tagen war es “durch”. Also auch keine Besorgnis mehr vor demnächst den nächsten beiden Bänden der Trilogie um die Zeitschrift “Millenium”.

Andererseits: als ich ca. in der Mitte des Buches war, also umfangsmäßig dort, wo andere Bücher schon dem Ende zugehen, fragte ich mich: was ist eigentlich bisher geschehen? Viel war es jedenfalls nicht, außer einleitendem Geplänkel, aber immerhin gut lesbar.

Worum geht es in dem Buch? Der integere Wirtschaftsjournalist Mikael Blomquist wird mit einer getürkten Geschichte über einen schwedischen Industriellen hereingelegt und muss nach seiner Verurteilung wegen Verleumdung die Redaktion seiner Zeitschrift verlassen. Arbeitslos geworden wird er von dem Patriarchen einer anderen, auf dem absteigenden Ast sitzenden Industriellenfamilie mit Enthüllungen über seinen Widersacher geködert und nimmt den Auftrag an, vordergründig eine Familienchronik der Vangers zu schreiben, in Wahrheit aber das rätselhafte Verschwinden von Harriet Vanger, daß mittlerweile 40 Jahre zurück liegt, noch einmal, ein letztes Mal zu untersuchen. Aufgrund der besonderen Umstände liegt sogar die Vermutung nahe, daß Harriet seinerzeit von einem Familienmitglied ermordet wurde.

Die Familie Vanger ist eine alteingesessene Familie mit einer Unzahl von Angehörigen, die Larsson uns zum großen Teil vorstellt, auch wenn sie mit der Handlung oder dem Fortgang der Geschichte nichts zu tun haben. Verstrickt in Nazi-Ideologien sind insbesondere die älteren Familienmitglieder keineswegs Sympathieträger, im Grunde ist kaum einer der Vangers als netter Zeitgenosse anzusehen. In diesem Umfeld sichtet Blomquist also die alten Unterlagen.

In einem zweiten Erzählstrang führt Larsson Lisbeth Salander in die Geschichte ein. Salander ist ein anorektisches, sozial inkompetentes Wesen mit erheblichen Defiziten, die unter Betreuung steht und stets unterschätzt wird. Sie arbeitet als freie Mitarbeiterin bei einer Sicherheitsfirma an Ermittlungen, die sie im wesentlichen durch Hacken von Computern, aber eben dadurch sehr erfolgreich, durchführt. Einschränkungen ihrer Arbeit durch Moral, Ethik oder gar das Strafgesetzbuch läßt sie nicht gelten, sie hat nicht nur ein fotographisches Gedächtnis und die Fähigkeit, Strukturen intuitiv zu erfassen, sondern eben auch ihre eigenen Regeln. So autistisch angehaucht Salander auch scheint, und so übertrieben eventuell ihre Fähigkeiten geschildert werden, ist sie für mich jedoch die interessantere der beiden Hauptpersonen.

In der zweiten Hälfte des Buches dann führt Larsson Blomquist und Salander zusammen und beide arbeiten jetzt als Team weiter. Natürlich (wie sollte es anders sein….) entwickelt sich nicht nur eine sexuelle Beziehung, sondern auch eine gegenseitige Sympathie, sogar Salander fängt an, Vertrauen zu Blomquist zu fassen.

Irgendwann findet Blomquist dann tatsächlich ein Detail auf einem alten Foto dieses Tages, das bis dato übersehen worden ist. Er verfolgt diese (und eine weitere) Spur und nach vielen Wirrungen kommt er der Lösung des Rätsels immer näher, bis er es schließlich in einer Art Show-down lüftet.

Und wie endet das Buch? Nun, die Bösen sind böse und verlieren, die Guten dürfen ein wenig böse sein, weil sie sonst die wirklich Bösen nicht fangen könnten, sind aber ansonsten gut und am Ende ist Lisbeth die Verliererin, weil der Larsson für sie kein Happy End vorgesehen hat, sondern sie mit einer Enttäuschung in den zweiten Band seiner Trilogie schickt. Irgendwie schade…

Link: zur Filmvorstellung

Facit: Sehr gut lesbar, kurzweilig und offensichtlich gab und gibt (auf den Kommentar von Karin hin geändert) es auch Schweden Nazis. Warum das Buch Verblendung heißt, tja.. wer weiß das schon?

Stieg Larsson
Verblendung
Heyne, 2007
ISBN-10: 3453432452
ISBN-13: 978-3453432451

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