Michael de Ridder: Wie wollen wir sterben?
4. April 2010
Sterben und Tod gehören zu den unabänderlichen Attributen unseres Lebens. Sie sind Teil unseres Menschseins und unser Leben besteht in der fortwährenden Herausforderung, unser Leben zu gestalten.
Michel Montaigne

Der Autor Michael de Ridder ist Arzt und befasst sich in diesem Buch mit den Aspekten ärztlichen Handelns bei Patienten, die sich entweder im Sterbeprozess befinden oder die sich aufgrund anderer Umstände in einem gesundheitlichen Zustand befinden, in dem nach landläufiger Sicht ein menschenwürdiges Leben nicht mehr möglich ist. Das Buch ist insofern interessant, als daß es für eine “neue Sterbekultur” aus ärztlicher Sicht eintritt, meistens wird der Themenkreis Sterben bzw. Tod ja aus entweder pflegerischer oder seelsorgerischer, spiritueller Sicht betrachtet. Mit diesem Ansatz habe ich ja schon das eine oder andere Buch hier vorgestellt [1].
Ich denke, Ridders Ansatz läßt sich wie folgt zusammenfassen:
Seit einigen Jahrzehnten haben die medizinische Forschung und parallel dazu auch die apparativen Möglichkeiten der Medizin einen ungeahnten Erkenntniszuwachs bzw. eine enorme Erweiterung der Möglichkeiten zur Eingriffen bei Patienten erfahren. Verbunden damit war und ist eine sich immer weiter auffächernde Spezialisierung der Mediziner in -zig Fachgebiete. (Jeder, der schon mal mit Beschwerden zum Hausarzt gegangen ist, dort eine Überweisung zum Orthopäden erhält, von diesem zum Radiologen geschickt wird und zur Abklärung internistischer Daten noch mal zum Hausarzt oder Internisten bevor er wieder beim Orthopäden auftauchen darf, weiß, was gemeint ist…. und das ist nur ein harmloses Beispiel aus eigener Erfahrung…). Das ist Ausdruck der Tatsache, daß in der modernen Medizin das kranke Organ im Mittelpunkt der Heilungsbemühungen steht, während der kranke Mensch als Individuum immer stärker in den Hintergrund gerückt ist.
Ziel des ärztlichen Handelns ist das Behandeln, das Heilen der diagnostizierten Krankheit. Über Jahrhunderte hinweg war dies auch ein vernünftiger Ansatz (selbst wenn die angewendeten Methoden brachial waren, der Begriff “Heroica” hat sich mir eingeprägt….), denn aufgrund der geringen Kenntnisse und fehlenden technischen Möglichkeiten war das krankheitsbestimmte Sterben des Patienten bei entsprechend schwerer Erkrankung die Regel. Das Sterben, der Tod waren das akzeptierte, natürliche und nicht weiter beeinflussbare Ende vieler Krankheiten und Unfälle.
Mit dem Möglichkeiten der modernen Medizin ist es das jedoch nicht mehr. Menschen, die früher eines “natürlichen” Todes infolge einer Krankheit gestorben wären, kann man heutzutage oft über einen langen Zeitraum am Leben halten. Und diese rein technische Entwicklung hat zudem stattgefunden in einer Entfremdung zum Patienten als selbstbestimmten Individuum und ohne die althergebrachte ärztliche Ethik dem anzupassen. Noch immer ist in aller Regel auf ärztlicher Seite der Erhalt des Lebens um jeden Preis Ziel der Bemühungen. Ob dies auch zum Wohl des Patienten geschieht, wird nicht betrachtet.
Daß die ärztliche Ethik, die es ja damit auch sehr einfach macht, in dem sie ohne Nachdenken die vorhandenen medizinischen Möglichkeiten einfach stur anwendet, damit nicht unbedingt im gesellschaftlichen Konsens steht, zeigt die bei vielen, vllt sogar den meisten Menschen vorhandene Angst, irgendwann einmal hilflos an Schläuchen und Apparaten zu hängen und nicht sterben zu dürfen. Und jeder kann sich wohl an Fälle erinnern, in denen Patienten das Recht auf ihren Tod in langwierigen Prozessen hoch- und höchstrichterlich durchsetzen mussten (siehe z.B. Beiträge in dieser Übersicht [6]).
Ridder stellt in seinem Buch folgende Begriffsfelder in den Mittelpunkt:
- Selbstbestimmtheit des Menschen, auch und gerade wenn sein Wille von außen betrachtet unvernünftig zu sein scheint
- den Blick auf die Entität Mensch als ganzheitliches Individuum anstatt auf einzelne Funktionen und Organe und damit eng verbunden
- das Wohl des Patienten auch im Sinne der Menschenwürd als oberste Handlungsmaxime des behandelnden Arztes
- eine Anpassung der überholten ärztlichen Ethik an die Möglichkeiten und Gefahren der modernen Medizin insbesondere auch im Hinblick darauf, daß am Ende eines Lebens ein krankheitsbedingter, natürlicher Tod zu akzeptieren ist
- es ist ferner (im Sinne der Selbstbestimmtheit) zu akzeptieren, daß auch im Leben jedes Menschen Zustände eintreten können, die diesem individuell ein Weiterleben qualvoller gestalten als der erwünschte Tod (“Sterbehilfe”)
Ausführlich geht Ridder u.a. auf folgende Punkte ein:
Definition des Todes (Bedeutung des Begriffes Hirntod)
Ernährung am Lebensende
Schmerztherapie (mit Opiaten [4])
Wachkoma [vgl. 6]
Sterbehilfe
Patientenverfügung
Auf den Inhalt dieser Kapitel gehe ich jetzt nicht im Einzelnen ein, Ridder diskutiert die Punkte ausführlich und gut verständlich (aber nicht trivial!). Besonders interessant, weil für jeden aktuell, sind natürlich seine Ausführungen zur Patientenverfügung, für die ja seit letztem Jahr eine eindeutige gesetzliche Grundlage geschaffen worden ist [2]. Trotzdem hat es mich immer wieder erstaunt, wenn darauf hingewiesen wurde, wievieles schon seit Jahren höchstrichterlich im Sinne der Betroffenen entschieden worden war, ohne daß dies von den unteren Ebenen (auch der Justiz) zur Kenntnis genommen worden wäre und so Betroffene immer wieder gezwungen worden sind, ihr Recht nicht nur zu haben, sondern auch gegen massive Widerstände durchzusetzen…. Und – wie schon gesagt – der Blick auf die eigene Verfügung ist mit Ridders Aussagen im Hinterkopf vllt auch ganz interessant….
Links:
[1] im Blog vorgestellte Bücher zum Themenkreis: Sterben, Tod und Trauer
[2a] 3. Betreuungsänderungsgesetz, “Stünker-Entwurf” aus 2009
[2b] Patientenverfügung: Broschüre des BMJ
[3] Porträts von M. de Ridder im Deutschen Ärzteblatt
[4] Über die sehr interessante Geschichte des Heroins hat de Ridder ein eigenes Buch geschrieben
[5] Spiegel-Interview mit de Ridder
[6] Fallbeispiele “Wachkoma“
[7] Verlagsseite zum Buch mit Interviews etc.
[8] ein neuerer Beitrag Ridders in der ZEIT zum Thema “Palliativmedizin” und “Sterbehilfe”
Hinweis:
Ebenfalls sehr empfehlenswertes Buch zum Thema: Wanzen, Glenmullen: Gut Sterben
Facit: Sehr empfehlenswert! Ach was, eigentlich ein Muss…..
Michael de Ridder
Wie wollen wir sterben?
Deutsche Verlags-Anstalt, 2010, HC, 320 S.
ISBN-10: 3421044198
ISBN-13: 978-3421044198

Die 23jährige Schwesternschülerin Cordula Z. läßt sich vom Hausarzt in die Uniklinik einweisen, um abzuklären, wie ihre Schilddrüsenkrankheit zu behandeln ist. Ihr wird im Krankenhaus ein Mehrbettzimmer zugewiesen. Als sie dieses Zimmer betritt, ist sie geschockt: im Nachbarbett liegt eine sehr junge Frau, vom Krebs zerfressen, vom Tod gezeichnet, die 17jährige Aranka. Cordula kann diesen Anblick kaum ertragen. Das Buch schildert in Tagebuchform die 20 Tage, die Cordula Z. als Patientin in diesem Krankenhaus verbracht hat.
Inhaltlich werden zwei Ebenen dargestellt, zum einen die Beziehung, die sich zwischen Aranka und Cordula entwickelt und ferner die Schilderung der Abläufe in diesem Krankenhaus. Und ganz entgegen der Erwartung liegt der eigentliche Horror des Buches nicht im Miterleben des Sterbeprozesses von Aranka, sondern im täglichen Leben des Krankenhauses. Mehr wie einmal dachte ich: ist die da in einer Metzgerei gelandet? Jedenfalls verläßt Cordula das Krankenhaus nach knapp 3 Wochen deutlich malader und kränker als sie dort angekommen ist. So unmöglich, so diletantisch und unfähig scheinen sich die Ärzte dort aufgeführt zu haben. Nun spielt das Buch Ende der 70er Jahre, Mehrbettzimmer (bis zu 7 Patienten) und “Halbgott-in-Weiß”-Gehabe gibt es wohl nicht mehr oder doch weit weniger, da auch die Patienten mündiger geworden sind. Aber das jetzt nur am Rande..
Zu verfolgen, wie sich Cordula und Aranka anfreunden, wie Cordula erkennt, daß Aranka nicht stirbt, sondern trotz ihres nahen Todes lebt, sich freut, am Leben teilnimmt, anderen Freude bereiten will, Forderungen an ihre Mitmenschen stellt und einfach nur als Mensch, als Frau, behandelt werden will, das bewegt. Sie leidet fürchterliche Schmerzen, die alle 3 Stunden mit Spritzen gedämpft werden müssen, ist körperlich von ihrem Leiden entstellt und hat trotzdem Mut, spricht anderen Trost aus… Zu ihren größten Freuden gehört das Spaghetti-Essen um Mitternacht (gekocht von den Schwestern, die sich sehr liebevoll um sie kümmern), sie bringt Cordula das Backen von Kartoffelpuffern bei und macht sich Sorgen, daß ihr Busen nicht so schön groß ist, wie sie es gerne hätte…..
Das Tagebuch ist ein Plädoyer dafür, Sterbende als Menschen zu behandeln, die leben, auch wenn ihre Lebensspanne nur noch kurz sein sollte. Sie sind nicht aussätzig, müssen nicht abgesondert werden, sie wollen teilhaben, mit uns mitleben. Und sie sind eine Bereicherung für uns selbst, sie lehren uns, unser eigenes Schicksal zu ertragen, geben uns Kraft. Wir müssen uns nur darüber klar werden, daß bis zum Tod jeder Sterbende ein lebendiger Mensch ist.
Cordula Z. wird nach knapp 3 Wochen ohne Diagnose, aber ziemlich geschafft, aus der Klinik entlassen. Sie erfährt, daß ihre Freundin Aranka kurz nach ihrer Entlassung gestorben ist.
Links:
Der Film “Aranka” hat 1987 den Fernsehpreis des Hartmannbundes erhalten.
Ein paar biographische Daten zu Cordula Zickgraf
Facit: Ein sehr bewegendes Buch, über das man lange nachdenken muss.
Cordula Zickgraf
Ich lerne leben, weil du sterben musst
Buch & Media; April 2001, 156 S.
ISBN-10: 3935284977
ISBN-13: 978-3935284974
Gelesene Ausgabe: Lizenzausgabe des Bertelmann-Club, ca. 1980





