
Der Fotograf Walter Schels und die Spiegel-Redakteurin Beate Lakotta haben sich vor einigen Jahren für ein Portaitsprojekt der besonderen Art zusammengetan. Sie haben in Berliner Hospizen Menschen besucht, auch begleitet und die Schicksale dieser Menschen in ihren letzten Tagen festgehalten. Auch bildlich natürlich, mit schwarz/weiß-Fotographien [Beispiele in 3, Erlangen] des lebenden, aber auch des toten Gastes im Hospiz.
Herausgekommen ist ein sehr eindringliches, leises, behutsames Werk einer vorsichtigen Annäherung an ein schwieriges Thema, den Tod. Schwierig geworden in den letzten Jahrzehnten, in denen der Tod, dieses uns alle erwartende Schicksal, verbannt worden ist aus dem täglichen Leben hinein in die Krankenhäuser, die Alten- und Pflegeheime (die ihn aber auch nicht immer haben wollen…), abgeschottete Bezirke also, während er früher Alltag war. Philippe Aries beschreibt dies in seinen Studien über die Geschichte des Todes [1], der Sterbende, der früher zu Hause noch einmal die Familie um sich versammelte und jedem etwas zum Abschied mitgegeben hat oder auch – war dies nicht möglich – die Familie, die sich um den Sterbenden versammelte, um Abschied zu nehmen. Natürlich war auch früher der Tod eines Familienmitglieds mit großer Trauer verbunden, aber man wusste besser mit umzugehen, sie zu integrieren in das eigene Leben, auch weil jedem bewusst war (und es für viele zu den geistigen Übungen gehörte, sich dies bewusst zu machen), daß die eigene Sterblichkeit jederzeit durch Krankheit, einen Unfall oder anderes Realität werden konnte.
War es früher üblich, den Toten zu Hause aufzubahren (was auch heute noch möglich ist, was wenige nur wissen), so wird er heute oftmals (so derjenige zu Hause verstorben ist), so schnell wie möglich aus dem Haus geschafft [2]. Wegschieben, Verdrängen ist die Devise, nach der viele Menschen handeln. Dem entgegen zu wirken, ist ein Ziel des Buches von Lakotta und Schels [3].
In ihrem Vorwort findet Lakotta einige schöne Gedanken. So ist mir die hie und da zu hörende Gleichsetzung “Hospiz” gleich “Sterbehaus” immer unangenehm gewesen, ohne daß ich dies so richtig in Worte fassen konnte. Lakotta tat dies für mich, in einem einfachen, wahren Satz: ein Hospiz ist kein Sterbehaus, es ist ein Haus zum Leben für die Sterbenden. Sterben ist ein Teil des Lebens, ein Sterbender lebt noch. Dementsprechend begegnet man im Hospiz diesem Leben auch, vllt sogar (im vollen Bewusstsein seiner drängenden Endlichkeit) intensiver als an anderen Orten des Lebens. Und so ist ein Hospiz auch kein trauriger Ort, es ist ein Ort, in dem Lachen genauso zu Hause ist wie Weinen, in dem es Hoffnung gibt genauso wie - natürlich auch – Verzweifelung. Hoffnung: nicht unbedingt auf ein Wunder oder Heilung (obwohl auch das vorkommt), aber auf Naheliegendes: Schmerzfreiheit, gut schlafen können, den oder diese noch einmal sehen zu können, das oder jenes noch einmal zu erleben….
Die Menschen, denen die Autoren begegnen, erzählen aus ihrem Leben. Es sind normale Leben, wie sie jeder von lebt, mit Höhen und Tiefen, Erfolgen und Misserfolgen. Oft wird jetzt, kurz vor dem eigenen Tod eine Art Bilanz gezogen, ein “ich hätte dies und jenes…” oder “warum habe ich damals…” [4]. Wichtig ist, und das taucht immer wieder auf, ist die Aussöhnung oder die letzte Aussprache, wenn Unausgesprochenes, Streit, Zerwürfnisse zwischen Eheleuten, Eltern und Kindern stehen. Auch ein letztes Mal bekennen, wie wichtig der Sterbende für einen gewesen ist, daß man ihn liebt und daß man selbst auch nach dessen Tod das Leben weiter leben wird, ist wichtig – für den Sterbenden, dem es Ruhe gibt und für den Zurückbleibenden, dem es in der Trauer Trost sein kann, dies noch einmal gesagt zu haben. Der Tod ist endgültig, solche Bekenntnisse zu versäumen, nie wieder gut zu machen. Unter Umständen trägt man an dieser Last ein Leben lang. Und der Tod ist unberechenbar. Er kann morgen kommen oder erst in einer Woche, er kann das Hindämmern vorhergehen lassen, das ein Miteinander kommunizieren nicht mehr erlaubt. Für Zögern und Bedenken, für Scham ist im Hospiz keine Zeit mehr.
Die Bilder zeigen es: im Tod liegt Würde, das Gesicht des Menschen ist entspannt, gelockert. Er hat losgelassen und man sieht es dem Gesicht an: Unwohlsein, Angst, Bedrängungen, all das, was sich in den Gesichtsszügen des Sterbenden unter Umständen noch widerspiegelte, ist verschwunden und hat einem gelösten Eindruck Platz gemacht. Es ist ein Übergang auch in der Wahrnehmung, man hat kein Mitleid mehr mit diesem Menschen, man spürt (ev. ein kaum auszuhaltenes Maß an) Trauer, aber oft auch eine Erleichterung: es ist vorbei, er/sie hat es geschafft, das Leiden ist zu Ende.
Die meisten Hospizgäste sind in dem, was Kübler-Ross [5] als letztes Stadium der Zustimmung, der Akzeptanz, definiert. Der Kampf gegen die Krankheit hat aufgehört, Schmerzfreiheit ist der große Wunsch, der heutzutage gottseidank praktisch immer erfüllt werden kann. Menschlichkeit, Zuwendung, Hilfe bei dem, was noch erledigt werden muss, das sind die Wünsche, die auftauchen. Wie wird die Beerdigung aussehen, wo wird man seine Grabstelle haben, wie sieht es dort aus? Können wir uns das anschauen? Jetzt möchte ich meinen Mann noch einmal sehen, der bis dahin nicht kommen durfte… Meine Tochter ist seit Jahren in Amerika.. nicht immer wartet der Tod auf die Erfüllung, aber erstaunlich häufig erleben Menschen noch, daß solche Wünsche erfüllt werden können, fast so, als würde man das Leben aufgeräumt zurücklassen wollen…
“Noch mal leben vor dem Tod” ist ein stilles Buch, das ganz tief drinnen wirkt. Es macht nachdenklich, denn die Schicksale, von denen wir dort lesen, sind zwar nicht unsere, sie könnten es aber morgen sein, so oder so ähnlich. Unsere eigene Sterblichkeit ist eine uns eigentümliche Eigenschaft wie jede andere auch, das Alter bzw. die Jugend schützt uns nicht davor, die Existenz von Kinderhospizen zeigt dies nur zu deutlich. Man muss nicht täglich darüber meditieren, aber man sollte sich dessen bewusst zu sein, ist wichtig, um bewusst leben zu können. Schels/Lakottas Buch ist dafür ein eindrucksvoller Einstieg.
Links und Anmerkungen:
[1] z.B. Philippe Aries: Studien zur Geschichte des Todes im Abendland, Originalausgabe: Paris 1975
[2] Ich selbst bin schon nachts aus dem Bett geklingelt worden, um die Leichenhalle aufzuschließen, es hatte nicht bis zum Morgen Zeit, die verstorbene Oma aus dem Haus zu schaffen….
[3] ein Projekt, das im übrigen weltweit im Feuilleton vorgestellt wurde, hier z.B. in der NYtimes und das als Ausstellung zu sehen war (hier z.B. 2009 in Erlangen)
[4] die aus dieser Tatsache zu schließende Folgerung wird z.b. bei Sill: Die Kunst des Sterbens, sehr schön ausgeführt.
[5] Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden
Beate Lakotta, Walter Schels
Noch mal leben vor dem Tod
Wenn Menschen sterben
dva, HC, 224 S., 2004
Michaela Seul: Hospizarbeit und Palliativbetreuung
23. Oktober 2011
Sterben ist nicht ungesund.
Ein Satz, an dem man hängenbleibt, über den man stolpert, der zum Nachdenken anregt. In diesem Sinn sei er meiner kurzen Vorstellung des schmalen Büchleins von Seul vorangestellt.

Ausgehend von England, wo (die spätere Lady) Cicerly Saunders 1967 das erste Hospiz gründete, nachdem sie einige Jahre zuvor nachweisen konnte, daß zur Schmerzbehandlung eingesetztes Morphium keine Suchtprobleme macht und den Patienten ein normales Leben ermöglicht, breitete sich der Hospizgedanke auch auf dem Kontinent aus. In Deutschland gibt es momentan (2009) 151 Hospize.
Seul begreift das Hospiz nicht nur als stationäres Haus, in dem Menschen unter bestimmten Voraussetzungen ihre letzten Tage bis zum Tod leben können, sondern als Gedanken, als ein Gesamtkonzept für die Betreuung und Begleitung von Sterbenden und ihrer Familien. Dieser hospizliche Gedanke umfasst die Palliative Care/palliativmedizinische Betreuung bzw. den palliativ-geriatrischen Dienst genauso wie Sozialarbeit, Seelsorge und spirituelle Begleitung und ist nicht auf ein stationäres Hospiz angewiesen. Diese die Würde und Integrität des Sterbenden wahrende Begleitung und Betreuung kann ebenso im Krankenhaus wie im Alten-/Pflegeheim oder zuhause stattfinden, der ehrenamtliche Dienst ist gerade in der Sterbebegleitung eine starke Komponente des Systems.
In Seuls Darstellung des hospizlichen Gedankens spielt die palliative Versorgung der Patienten eine große Rolle. Die Möglichkeiten palliativmedizinischer Betreuung sind noch nicht allgemein bekannt, erst seit 1994 existiert in Deutschland eine Gesellschaft für Palliativmedizin. In der Palliativmedizin wird der “austherapierte” Patient, der Kranke also, dessen Krankheit nicht mehr curativ (d.h. heilend) behandelt werden kann (oder nach Patientenwillen soll) symptomatisch behandelt mit dem Ziel, die Lebensqualität zu verbessern, um ihn dann – sofern er stationär versorgt wird – wieder nach Hause entlassen zu können. Ein typischer Palliativpatient ist z.B. ein Krebserkrankter, bei dem eine erneute Chemotherapie einfach keinen Sinn mehr macht oder er diese sogar explizit und im Wissen um die Konsequenz ablehnt.
Um in der letzten Lebensphase ein würdiges Leben zu ermöglichen, ist meist eine adäquate Schmerzbehandlung unabdingbar. Hier gibt es in Deutschland oft immer noch Vorbehalte, das medizinisch mögliche auch umzusetzen. Da weitgehende Schmerzfreiheit jedoch Voraussetzung ist für eine entsprechende Lebensqualität, widmet Seul diesem Aspekt einen ausführlichen Teil ihrer Ausführungen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, daß der Wille des Patienten, der ja nicht immer ansprechbar ist oder diesen noch äußern kann, klar festgelegt ist. Dazu ist es sehr hilfreich (auch für die behandelnden Ärzte), wenn eine Patientenverfügung vorliegt, möglichst verbunden mit einer Vollmacht für eine Person, die im Namen des Patienten sprechen und entscheiden kann. Ist dies nicht der Fall, bedeutet es, daß unter Umständen auf das ganze Spektrum lebenserhaltender Massnahmen zurückgegriffen wird, ohne daß diese mehr als biologische Funktionen aufrecht erhalten. Das Festlegen seiner Vorstellungen in einer Patientenverfügung ist unabhängig vom Lebensalter, auch junge Menschen können schwer erkranken, von Unfällen oder Unglücken ganz zu schweigen.
Ein weiterer wichtiger Punkt, auf den Seul ausführlich eingeht, ist die Ernährung sterbender bzw. todkranker Menschen. Ist hier nichts weiter geregelt, besteht die große Gefahr, daß über die PEG (Magensonde) eine künstliche Ernährung vorgenommen wird, die zum einen auch wieder, wenn nicht auf die sich ändernden Bedürfnisse eines sterbenden Körpers Rücksicht genommen wird, zu zusätzlichen Komplikationen führen kann und die u.U. ähnlich wie die “Apparatemedizin” das Leben als rein biologische Funktion einfach nur sinnlos verlängert. Auch für diese Frage sind eindeutige Aussagen in der Patientenverfügung wichtig.
Dieser ganze Themenkomplex kann in so einem kleinen Buch natürlich nicht zur Gänze behandelt werden. Aber Seul legt das Wesentliche sehr klar und verständlich dar. Viele ihrer Ausführungen illustriert sie durch Praxisbeispiele, die überhaupt sehr anschaulich zeigen, wie hospizliche Arbeit in der Praxis aussehen kann und wie hilfreich sie für den Sterbenden und seine Angehörigen sein kann, bis über den Tod hinaus, wenn sie – soweit gewünscht – in eine Trauerbegleitung übergeht. Wesentlich für die hospizliche Begleitung ist, und darauf legt Seul viel Wert, daß sie sich selbst immer zurücknimmt, im Mittelpunkt und ausschlaggebend ist einzig und allein der Wille und der geäußerte Wunsch des/r Begleiteten. Werturteile, eigene Vorstellungen, was gut und richtig ist, sind unwichtig und werden zurückgestellt.
Die Umsetzung des hospizlichen Gedankens in die Praxis ist ohne das Engagement von Ehrenämtlern nicht möglich. Und dieses Engagement erfolgt, weil die Begleitung Sterbender auch dem Begleitendem unendlich viel gibt. Dies ist etwas, was man vllt nicht glauben mag, aber aus eigener Erfahrung kann ich das bestätigen.. bei einem todkranken Menschen z.B. am Bett zu sitzen, ihm zu sagen: “Schlafen Sie ruhig, ich bleib hier bei Ihnen und pass auf Sie auf!” und dann zu sehen, wie er einschläft, wie sich sein Gesicht entspannt, wie die Hand, die man hält, ruhig wird… das gibt sehr viel Ruhe in der eigenen Seele…. (natürlich, das darf nicht verschwiegen werden, gibt es auch schwierige, belastende Situationen….) Trotzdem: dieses Büchlein ist daher auch für alle, die sich ev. für die ehrenamtliche Hospizarbeit interessieren, geeignet, einen ersten Eindruck zu bekommen.
Seul verweist in ihrem Buch oft auf den Christopherus-Hospiz Verein in München. Die Situation in Großstädten dürfte allgemein, was den Entwicklungsstand des palliativ-hospizlichen Netzes angeht, deutlich weiter sein als im ländlichen Bereich, in dem dies zum Teil erst in Ansätzen vorhanden ist. Hier wird sicherlich gerade auch in Zeiten der Diskussion um die Kosten des Gesundheitssystems noch einige Arbeit geleistet werden müssen. Insofern ist manches, was Seul beschreibt, insbesondere organisatorisches und die Zusammenarbeit der Helfer betreffendes, wohl nicht ohne weiteres in jede Region des Landes übertragbar und allgemeingültig. Dies mag von Betroffenen etwas Eigeninitiative verlangen, sich die entsprechenden Informationen und Ansprechpartner selbst zu suchen, eine geringe Mühe, die sich aber in jedem Fall auszahlen wird.
Michaela Seul
Hospizarbeit und Palliativbetreuung
Knaur, TB, 2009, 205 S.
(Erstveröffentlichung unter dem Titel: Ein Abschied in Würde)
Dörte Schipper: Den Tagen mehr Leben geben
30. Juni 2010
Nicht dem Leben mehr Tage hinzufügen, sondern den Tagen mehr Leben geben.
Cicely Saunders

“Essen heißt leben”, das ist die Erklärung, die Ruprecht Schmidt dafür hat, daß sich viele, die allermeisten der Gäste im Hamburger Hospiz Leuchtfeuer auf das “Abenteuer” einlassen, sich abseits von Großküchenkost von ihm bekochen zu lassen. Schmidt bietet ihnen täglich neue Menuevorschläge an, freut sich aber besonders, wenn er herausgefordert wird, Lieblingsgerichte, die er vielleicht noch garnicht kennt, zuzubereiten.
Ein Koch im Hospiz? Eine sicher nicht alltägliche Einrichtung, die nur durch Fördermittel und Spenden zu finanzieren ist. Aber es ist nicht nur kochen, was Schmidt an seinem Arbeitsplatz macht. Vielmehr ist das Kochen mit der Erarbeitung des individuellen Speisezettels eine Art therapeutische Massnahme, die den Gast in den Mittelpunkt stellt, ihm Wichtigkeit und Würde gibt, ihn als das nimmt, was er ist: ein Mensch, der auch am Ende seines Lebens das Recht hat, Lebensqualität für sich zu beanspruchen.
Schmidt ist nicht irgendein Koch, sondern er hat in Sternerestaurants in Frankfurt und Hamburg gekocht. Die Arbeit in diesen Häusern hat ihm aber zumeist nicht gefallen, kollegialer Neid und Missgunst, Stress, eine oftmals blasierte Kundschaft.. nein, er war nicht zufrieden und ist ausgestiegen. Und als ihm dann völlig unerwartet und ohne, daß er wusste, was ihn erwartete, die Stelle im Hospiz angeboten wurde, griff er sofort zu. Seit 11 Jahren kocht er nun dort, und obwohl kulinarisch bei weitem nicht so anspruchsvoll wie seine früheren Tätigkeiten ist er hochzufrieden, denn die menschliche Zuneigung und Wärme, die er dort empfindet, wiegt alles andere mehr als auf.
Neben dem beruflichen Werdegang von Schmidt geht Schipper natürlich auch auf Gäste des Hospizes ein. Dies geschieht feinfühlig, sie charkterisiert die Menschen auch mir ihren Fehlern, ohne sie jedoch bloßzustellen. Das Wissen um den Tod, der einen in diesem Haus erwarten wird, bedrückt die Verwandten oft mehr als die Betroffenen. Diese sind – soweit dies in ihrer Möglichkeit steht – oft noch in der Lage, auch die kleinen Dinge, die ihnen noch zugänglich sind, zu geniessen. Ein Bild, das sie mögen, einen neuen Pulli, den sie sich gegönnt haben, eine bis dato noch nie in Erwägung gezogene Klangschalenmassage oder eben das extra für sie zubereitete Essen. Natürlich schwankt auch die Stimmung, manche der Gäste sind noch nicht bereit, loszulassen ebenso wie die Verwandten. Jeder geht anders mit seinem Tod um, von Leugnung bis zu minutengenauen Anweisungen an die Kinder, die Bandbreite der Verhaltensweisen ist groß.
Das Mittagessen steht allen offen, den Gästen so wie den Verwandten. Es ist ein Ort, an dem gesprochen wird, getröstet und genossen, es wird gelacht und für ein paar Minuten wird der Tod vergessen. Es ist eine Zeit, in der aufgetankt werden kann, in der in der Gemeinschaft Kraft geschöpft wird, in der gemeinsamen Freude am Essen, an den Speisen und in der Geborgenheit der Umgebung Stärke entsteht.
Es ist ein Hospiz und so wird auch gestorben in diesem Haus. Manche der Gäste wissen es, sie ziehen sich noch einmal gut an, oder rauchen ihre “letzte” Zigarette, buchstäblich und mit Ansage. Bei anderen dauert es länger, sie haben einen langen Weg, bis der Tod sie zu sich genommen hat. Für alle, die gestorben sind, steht für einen Tag eine Kerze in der Eingangshalle….
Schmidt hat viele solcher Kerzen gesehen in seinen 11 Jahren. Gäste, zu denen er ein engeres Verhältnis gewonnen hatte und solche, die ihm kaum begegneten, da sie nicht mehr aßen und ihr Zimmer nicht verliessen. Er muss den schmalen Weg finden zwischen der Nähe, die sich zu manchen Gästen aufbaut und der Distanz, die es braucht, um das ewige Abschiednehmen selbst unbeschadet zu überstehen. (Dies ist natürlich genau die Situation, in der die institutionalisierte Betreuung der Betreuer einsetzen müsste, etwas, was viel zu selten gemacht wird. Nicht jeder wird so gut mit den Belastungen fertig wie offensichtlich Ruprecht Schmidt)
Schipper ist ein farbiges, lebendiges und auch optimistisches Buch über das Leben in einem Hospiz gelungen. Vielleicht ein wenig zu optimistisch, denn natürlich gibt es auch im Hospiz kritische, schwierige Situatione, Krisen bei den Gästen und ihren Verwandten, die sich mit Essen alleine nicht mehr bewältigen lassen. Über solches berichtet Schipper nicht oder allenfalls andeutungsweise, genausowenig wie anderes Betreuungspersonal ausser dem Koch im Buch vorkommt. Aber vielleicht ist das Buch auch gerade wegen seines Ansatzes und dessen Realisation geeignet, Menschen die Scheu vor einem Hospizaufenthalt zu nehmen.
Facit: Ein gut lesbares Buch über das Leben (weniger das Sterben) in einem Hospiz, in dem das Kochen und damit ein Stück Lebensqualität groß geschrieben wird.
Links:
einige Anmerkungen zu Cicely Saunders, der Gründerin des ersten modernen Hospizes
WebSite des Hospizes Leuchtfeuer
Dörte Schipper
Den Tagen mehr Leben geben
Über Ruprecht Schmidt, den Koch, und seine Gäste
Bastei Lübbe GmbH & Co.KG, Februar 2010, HC 253 S.
ISBN-10: 3785723857
ISBN-13: 978-3785723852

Callanan und Kelley sind zwei Krankenschwestern, die sich aus dem Bereich Notfallmedizin und Pflege kommend in der Hospizbewegung engagiert haben.
Ihre Arbeit kreist um den Begriff des “Todesbewusstseins”, mit dem sie das außergewöhnliches Wissen um den Prozess des Sterbens meinen, daß sich bei Menschen entwickelt, die langsam sterben und die wissen, was sie brauchen, um in Frieden sterben zu können.
Ein wesentlicher und schwieriger Punkt ist die Kommunikation zwischen dem Sterbenden und den ihn pflegenden Menschen. Da der Sterbende oft andere Kommunikationsformen entwickelt, als wir sie gewohnt sind, kommt es hier oft zu Missverständnissen, da man sein Verhalten, seine Äußerungen als verwirrt, durcheinander oder konfus deutet. Dabei redet er oft einfach nur in einer symbolischen Sprache (alles was mit “R(r)eisen” zu tun hat (Koffer packen, Taxi rufen, Fahrkahrten kaufen) kann z.B. darauf hindeuten, daß sein Tod (= die letzte Reise) unmittelbar bevorsteht, die Suche nach Plänen, Karten oder Grundrissen kann bedeuten, daß er noch Ordnung schaffen will, aufräumen will (hat er in seinem Leben Streit gehabt mit z.B. Geschwistern?) etc pp. Wichtig sind auch Träume und Traumbilder, in den der Sterbende seine Wünsche verpackt, Gesten mit denen er bedeutet, was ihm fehlt, was er vermisst. Oft sieht er Personen, die ihm im Leben wichtig waren und fühlt sich von ihnen behütet und geborgen, während die Umstehenden nichts wahrnehmen.
Das Buch ist sehr praxisnahe gehalten. Nach dem einleitende Kapitel über das “Todesbewusstsein” erläutern die beiden Autorinnen die einzelnen Faktoren, die für dieses Bewusstsein eine Rolle spielen an einer Vielzahl oft sehr zu Herzen gehender Fälle aus ihrer täglichen Arbeit. Sie zeigen deutlich, wie man sich als Begleiter, Verwandter oder Pflegender auf diese symbolhafte Sprache des Sterbenden einlassen muss und auch oft die eigenen Begrenztheiten erkennen und überwinden muss. Die meisten der Beispiele enden positiv, d. h., der Sterbende geht in Frieden und hinterläßt Verwandte, die Trost in diesem friedlichen Sterben finden. Aber es gibt auch Beispiele, in denen sie zeigen, daß es den Pflegenden nicht immer möglich ist, die Wünsche des Sterbenden zu erkennen oder – wenn sie sie erkennen – ihnen nachzukommen. In der Regel wird der Sterbeprozess dadurch verlängert und unfriedlich, der Sterbende ist unruhig, aufgewühlt, gequält, die Pflegenden (Verwandten) sind verzweifelt, oft von Schuldgefühlen geplagt.
“Mit Würde aus dem Leben gehen” ist kein Buch zum Durchlesen, oft muss man nach ein paar Seiten wieder aufhören, um das Gelesene zu verarbeiten. Der Tod ist der radikalste Übergang, den ein Wesen zu bewältigen hat, radikaler noch als die Geburt, die uns zwar alle auf die Welt gebracht hat, die aber auch gleichzeitig unabänderlich bedeutet, daß wir diese welt wieder verlassen werden und wir damit den Übergang ins Leben wieder rückgängig machen. Diese Unwiderruflichkeit des Todes, das Nichtwissen über das, was uns nach diesem Übergang erwartet, verlangt uns große Kraft ab. Die beiden Autorinnen zeigen mit ihren Fallbeispielen, daß wir, wenn wir uns auf diese Begleitung Sterbender einlassen, von diesen lernen können, um die Bedeutung unseres eigenen Lebens zu erkennen und uns mit der eigenen Sterblichkeit auseinander zu setzen.
Maggie Callanan, Patricia Kelley
Mit Würde aus dem Leben gehen
Droemer Knaur, Tb, 1993, 298 S.
ISBN-10: 3426840219
ISBN-13: 978-3426840214
Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden
27. Januar 2009

(nur stichpunktartige Zusammenfassung)
Die Ärztin und Psychaterin Elisabeth Kübler-Ross war die erste, die sich wissenschaftlich intensiv mit dem Sterbeprozess todkranker Menschen auseinandersetzte. Sie unterteilt diesen Prozess (und diese Unterteilung in verschiedene Phasen, die der Betroffene durchläuft, läßt sich auf alle schweren Krisen, die Menschen durchleiden, übertragen) in 5 verschiedene Phasen:
1) Die 1. Phase: Nichtwahrhabenwollen und Isolierung
2) Die 2. Phase: Zorn
3) Die 3. Phase: Verhandeln
4) Die 4. Phase: Depression
5) Die 5. Phase: Zustimmung
Die 1. Phase: Nichtwahrhabenwollen und Isolierung
“Nein, nicht ich” als Kennmal dieser Phase. Oder (so heute in einem Roman gelesen, die Frau, der die Nachricht von der Ermordung ihres Freunde überbracht wird: “Nein, das kann nicht sein. Mein Freund hieß Andy, nicht Andrew!”. Isolierung: Aufsplittung der Empfindung in dem Sinn, daß der Kranke von seiner Krankheit redet, als beträge dies einen anderen Menschen.
Die 2. Phase: Zorn
“WARUM ICH???” oder “WARUM JETZT???” Willkürlicher Zorn auf alles und jedes, Unmutsäußerungen, “schlechte Laune”, ungerecht, schimpfend, unzufrieden, aufgebracht. Der ungerichtete Zorn des Betroffenen wird oft persönlich genommen, dabei ist es Zufall, wen er trifft….
Die 3. Phase: Verhandeln
eine stille, ruhige Phase, die auch fast unmerklich verlaufen kann. “wenn ich noch bis/dies oder das/, dann mach ich auch ohne zu murren, jenes….” Kann sich an Gott richten, an den Arzt, an jeden, der einen Wunsch erfüllen kann. In dieser Phase werden oft auch Sachen erledigt, Testamente, Übergaben etc.
Die 4. Phase: Depression
Der Widerstand ist vorbei, es ist die “Ja, ich…”-Phase. 2 Arten von Depression möglich:
- wegen des aktuellen Verlustes bei z.B. Amputationen, künstl. Darmausgang, Bewegungsunfähigkeit. Die äußeren Bedingungen belasten ihn: Geldsorgen, Arbeitsplatzverlust u.ä.
- Trauer um das, was in der Zukunft nicht mehr erlebt werden kann: der Totalverlust von Allem durch den Tod. (Vorbereitungsschmerz)
Die 5. Phase: Zustimmung, Akzeptanz
Das sich Einfügen in das Schicksal, das Akzeptieren, daß das eigene Leben an sein Ende gekommen ist. Der Erkrankte wird ruhig und in sich gekehrt, er nimmt sein Schicksal an und läßt sich drauf ein (positiv). Auch die negative Ausprägung als Resignation ist möglich. Auf Angehörige achten, mit einbeziehen!
Hoffnung
Hoffnung ist wesentlich und an keine Phase gebunden, sie ist immer da und darf nicht zerstört werden: Glauben an ein neues Medikament, daß die Behandlung anschlägt, etc pp. Auch die ev. Hoffnung auf eine andere Existenz nach dem Tod ist wichtig, eine wesentliche Stütze für den sich auf den Tod Vorbereitenden. Der Glaube prinzipiell auch als Hoffnugn auf Gottes Güte, Barmherzigkeit etc pp: wichtig. Problematisch kann werden, wenn Angehörige noch hoffen, obwohl sich der Betroffene schon in sein Schicksal gefügt hat.
Links:
Interview mit Frank Geerk als Beispiel für so einen Prozess.
Eine ausführliche Zusammenfassung gibt es hier
Weitere Bücher zum Thema “Sterbegleitung“
Elisabeth Kübler-Ross
Interviews mit Sterbenden
Droemer Knaur, 2001, 364 S.
ISBN-10: 3426870711
ISBN-13: 978-3426870716
Das Buch ist in vielen Ausgaben erschienen, das von mir gelesene Exemplar: GTB Sachbuch 960, Gütersloh, 1990





