Sam Fuller: Shock Corridor
3. August 2010
Samuel Fuller [1] drehte diesen Film [3] im Jahr 1963. Der Plot läßt sich in der Wiki ausführlich nachlesen [2], deshalb gibt´s den hier nur in der Übersicht: Der ehrgeizige Journalist Johnny Barrett will den Pulitzer-Preis erhalten und recherchiert dazu einen Mord, der in einer psychiatrischen Klinik begangen wurde. Dazu muss er sich selbst in diese Klinik einweisen lassen. Nur mit Mühe kann er seine Geliebte Cathy dazu überreden, sich als seine Schwester auszugeben, mit der er ein inzestuöses Verhältnisch eingehen will. In der Klinik kann er drei “Zeugen” des Mordes identifizieren, die er aushorchen will.
In diesen drei Zeugen konzentriert sich die Kritik Fullers an der amerikanischen Gesellschaft. Diese richtet sich im ersten der Zeugen, einem Mann, der sich für einen Konförderiertengeneral hält, gegen die Militarisierung der Gesellschaft (der Koreakrieg ist noch nicht lange vorbei und
die Veteranen werden von der Gesellschaft nach ihrer Rückkehr schlecht behandelt, ferner wird die Angst vor dem Kommunismus geschürt und instrumentalisiert), gegen die Rassendiskriminierung (der schwarze Patient Trent, ein ehemaliger Student, leidet an der Vorstellung, ein Weißer zu sein, dessen Tochter einen Schwarzen heiratet. Ich denke, die Rassenhass-Monologe, die er im Film von sich gibt, sind wörtliche Zitate aus dieser Zeit, die Figur des Trent, die sich z.B für ein Grundungsmitglied es Ku-Klux-Klan hält, ist am auffälligsten gezeichnet). Im infantilen Physiker Boden, dem letzten der Zeugen, drückt sich die Kritik an der nuklearen Aufrüstung aus.
Barrett gelingt letztlich die Aufklärung des Mordes, aber die Zeit in der Anstalt färbt auf ihn ab, seine Verbissenheit, den Mord aufzuklären, die “medizinische” Behandlung durch die Ärzte (z.B. Elektroschocks) führt dazu, daß er selbst immer mehr Wahnvorstellungen entwickelt. Zum Schluss kann er den Mörder zwar stellen, aber er hat sein eigenes Leben durch seinen Ehrgeiz zerstört.
Der Film spielt im wesentlichen auf dem Flur der Anstalt, nur wenige Szenen sind im Schlafraum bzw. im Behandlungszimmer, daher rührt der Titel des Streifens. Die “Aussenwelt”, repräsentiert durch die Redaktion der Zeitung, für die Barrett arbeitet, ist kalt, abgebrüht und bereit, über Leichen zu gehen. Auf Gefühle, z.B. denen von Cathy, wird keine Rücksicht genommen, das Ziel heiligt jedes Mittel.
Obwohl der Film ja ein ernstes Thema behandelt, ruft er an einigen Stellen ein spontanes Lachen hervor. Zu seltsam sind manche Szenen. An einer Stelle z.B. öffnet Barrett versehentlich die Tür zum Frauentrakt, in dem offensichtlich alle Frauen nymphoman sind. Vor dieser Gefahr wurde Barrett schon vorher gewarnt. Im Gegensatz zum sauberen Flur der Männer sind bei den Frauen auch die Wände mit (für die damalige Zeit) eindeutiger Graffiti, die wohl die erotischen Wünsche der Frauen wiederspiegeln sollen, verziert. Vielleicht ein Bild Fullers für die Doppelbödigkeit der amerikanischen Moral…. jedenfalls wird Barrett von mehreren Frauen in einer Art rituellem Tanz eingekreist, die Frauen nähern sich ihm wie ein Schwarm Piranhas, stürzen sich auf ihn und … also, so wie nachher aussah, waren es eher Kannibalinnen, die sich da auf ihn stürzten und ihn zu Boden rangen. Hoffen wir mal, daß die Damen keinen Appetit auf Hot Dogs hatten…
In gewisser Weise ein Zeitsprung, an dem man doch sehr deutlich die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte festmachen kann, ob sie nun das Verhältnis Mann/Frau betreffen, die Zustände in psychiatrischen Kliniken oder die insgesamt aggressive Stimmung in der Gesellschaft. Natürlich hat sich auch die Art, Filme zu drehen, völlig verändert, auch deswegen oft die unfreiwillige Komik einiger Szenen.
Der Korridor der Anstalt, ein Weg ohne Ziel, ohne Ausgang. Wer einmal dorthin gekommen ist, kommt nicht mehr weg, so wie Barrett, der Journalist. Das Erschrecken der Männer ausserhalb (hier seines Chefs) kommt zu spät, der Frau bleibt nur die Rolle als duldendes, leidendes und hilf- bzw. einflussloses Wesen. Die amerikanische Gesellschaft (der damaligen Zeit): für Fuller eine kranke Gesellschaft in der Sackgasse. Wie würde Fuller das heute sehen?
Links und Anmerkungen:
[1] Wiki-Artikel über Samuel Fuller
[2] Wiki-Artikel zum Film
[3] der Trailer zum Film
[4] Fuller, Kafka, Klasen: Warum, wieso, weshalb?
Sigrid Neudecker: Wie war ich?
24. August 2009
Sigrid Neudecker ist keine Unbekannte. Sie schreibt in der ZEIT Wissen-Redaktion und, manche mögen sie von daher noch eher kennen, sie betreibt den ZEIT Sex-Blog, weil sie “der festen Überzeugung [ist], dass es keinen Grund gibt, das Thema Sex nicht genauso offen zu behandeln wie andere Alltäglichkeiten”. Recht hat sie. Auch wenn sie damit als kleiner Multiplikator genau das macht, was sie im ersten Kapitel ihres Buches durchaus eloquent und zustimmungsfähig anprangert: nämlich langsam aber sicher die Schamgrenze senken und die Privatsphäre auslöschen.

Aber eins nach dem anderen. Der Untertitel des Buches lautet: “Der Mythos vom perfekten Sex”. Bevor sie aber zu diesen Thema kommt, führt sie einen unterhaltsamen Rundumschlag gegen die gesellschaftliche, vor allem durch das Fernsehen, in den letzten Jahren dann auch durch das Internet festzustellende Tendenz, Privates zugunsten des öffentlichen aufzulösen. [1]
Als einen der Initialpunkte erwähnt sie den (den älteren unter uns vielleicht noch bekannten) Auftritt von Leonie Stöhr 1970 bei “Wünsch dir was”, der seinerzeit zu heller Empörung im bundesdeutschen Feuilleton führte. Ein paar durch Kleidung sichtbare Brüste.. was ist das schon gegen den Pen.isbru.ch von Dieter B. oder auch Jürgen Drews… Der Knackpunkt, den Neubauer anführt, wird vllt noch deutlicher, wenn man ein paar Jahre zurück geht: Hildegard Knef zeigte sich 1950 in “Die Sünderin ” nackt. Deutschland tobte. Aber im Gegensatz zu Stoehr war Knef eine Schauspielerin, der Auftritt von Stoehr war ein Auftritt von jemandem wie dir und mir. Und – so unscheinbar das seinerzeit angefangen hat – so fulminant und vehement erodierte die Schamgrenze. Bei Tutti Frutti (das keiner schaute, aber jeder kannte….) strippten die Teilnehmerinnen selbst und ließen die Hüllen fallen, in Sendungen wie “Wahre Liebe” oder bei Erika Berger wurde sich auch verbal kaum noch Hemmung auferlegt. Und der Daily Talk am Nachmittag, das Schmidt´sche Unterschichtenfernsehen, ließ dann endgültig jede Beschränkung ausser acht: dort tobten sich herr und frau nachbar für eben dieselben aus.
So erodierte (nach Neudecker, und wer wollte ihr widersprechen) im Lauf weniger Jahre vor allem durch das Fernsehen, aber auch durch Printmedien, die natürliche Scham der Menschen: was die da oben können, kann ich auch! Das Mitteilungsbedürfnis, wer wann mit wem wie oft und warum in welcher Stellung gemacht hat, wuchs weiter und weiter, was vom Wesen her privat und intim ist, durfte dies nicht bleiben. Und über das, was heutzutage auf immer und ewig in facebook, in blogs und foren an Daten und Einzelheiten verbreitet ist (und kaum einer stört sich drum, daß er oftmals mit den AGB´s auch die Rechte an den veröffentlichten Daten/Bildern abgibt)…. wer 1985 den Aufstand über die Volkszählung miterlebt hat, schüttelt eh nur den Kopf…..
Neudecker versucht in diesem einleitenden Kapitel folgende Kausalkette plausibel zu machen: Die Ablösung der exotische Figur “Schauspieler” oder “Darsteller”, der von seiner Rolle lebt, durch den Mann/die Frau von nebenan, also durch jemanden wie uns, die Zuschauer selbst führt zu dem Effekt, daß langsam aber sicher, daß, was in den entsprechenden Darbietungen geschildert, gezeigt wird, als normal angesehen wird. Dies koppelt jetzt wieder rück auf die Medien, indem sich der Gedanke festsetzt, was überhaupt dort geschrieben steht, muss die Wahrheit sein. Und dies wird jetzt verallgemeinert auf alle Medien, ob Ratgeber in Buchform oder Frauen-/Männerzeitschriften, seien es TV-Reportagen oder Meldungen und Beiträge im Internet: Der Mythos entsteht und setzt sich in den Köpfen fest.
Und diese Mythen, und damit sind wir endlich beim Untertitel, entlarvt sie in den folgenden Kapiteln ihres Buches. Zum Beispiel in “Pimp my body”: Wie sieht der erstrebenswerte Körper von Männlein und Weiblein im Bild der Medien aus? Sixpackig, siliconbrüstig, knackärschig und symmetrisch-labig (womit gemeint ist, es gibt auch asymmetrisch ausgeformte Labien, was natürlich (sic!) korrigiert werden kann. btw: daß Neudecker in ihrem Aufzählung der Skurrilitäten garnicht auf das Anal-Bleaching eingegangen ist.. nicht, weil mich das besonders interessiert, aber ich hätte gerne gelesen, wie sie das niederschreibt….). [2] Ebenso und genau die Frage: “Wie sieht der perfekte Sex aus?”, wann, wo, wie, mit wem warum und wie oft? Und überhaupt….
Neudeckers Buch ist kein wissenschaftliches Elaborat mit entsprechendem Vokabular über das Thema, es ist mehr ein persönlicher Appell an den gesunden Menschenverstand des Lesers, all das, was ihm die Medien vergaukeln, beiseite zu schieben und sich darüber klar zu werden, was ER denn SELBST will und mag. Brüste unterliegen eben natürlicherweise der Schwerkraft, Penisse sind nicht immer eisenhart und Haare wachsen auch nicht nur auf dem Kopf…. Wenn ihm/r einmal vögeln im Monat reicht und er/sie damit zufrieden ist, dann sollte man sich durch Geschwätz nicht einreden lassen, zum perfekten Sex gehöre 3 mal die Woche mit 5 unterschiedlichen Stellungen….. Zur Selbstbestimmung zurückfinden, das ist ihre Aufforderung an uns alle.
Das Buch liest sich sehr unterhaltsam, auch wenn ich sagen muss, daß Neudecker so ein klein wenig ihrer eigenen Feststellung, daß die Schamgrenze immer weiter gesenkt wird, auf den Leim geht. So hält sie beim Weiblein zwar an der “Vagina” fest, das männliche Pendant bezeichnet sie aber oft ungebremst als Sch*anz, Schni**edel, Ständer… f*cken ist auch so ein Wort, das kennt natürlich jeder und es mag Situationen geben, in denen es (und nur es) angebracht ist, aber in einem Buch, was ernst genommen werden will, hat es m.E. nach nichts zu suchen. So unterhalten sich die Menschen, die ich kenne, auch nicht. Es mag in der großen Stadt anders sein, vllt ist dort die Schamgrenze wirklich so weit abgetaucht, wie Neudecker es suggeriert, das kann ich nicht beurteilen. Aber trotz dieses Einwands ist ihrer These, daß das, was man täglich im TV, in der Werbung, im Internet an Sex sieht und hört und was dadurch öffentlich gemacht wird, die allgemeine Empfindlichkeit gesenkt hat und das, was früher privat war, jetzt öffentlich wird, zuzustimmen. Und ihrer Aufforderung, sich wieder selbst auf die eigenen Bedürfnisse zu besinnen und sich nicht fremdbestimmen zu lassen, sowieso….
Facit: ein unterhaltsames Buch über ein ernstes Thema, bei dem man an vielen Stellen anfängt zu sagen: ja, das stimmt, da hat sie recht!
Link zu einen podcast (Interview mit Neudecker bei swr1. einen besseren habe ich leider nicht gefunden….)
Sigrid Neudecker
Wie war ich?
Fischer Tb, August 2009, 247 S.
ISBN-10: 3596182328
ISBN-13: 978-3596182329
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[1] Zufälle… mir ist beim Aufräumen das Buch von Domian/von Sinnen: “Jenseits der Scham” in die Hände gefallen (ich habe es noch in einer anderen Ausgabe als der verlinkten, mit Doppeltitel: Extreme Leben/Jenseits der Scham). Das war ja auch schon so ein früher Versuch, den Mann/die Frau von der Straße als voyeuristisches Objekt für den Zuhörer/-schauer zu präsentieren. Natürlich ging man damals, 1994, im immerhin öffentlich-rechtlichen Bereich etwas schamhafter vor, aber das ist nur das Feigenblatt. Motiv für die Sendung war, so Fritz Pleitgen (Intendant) in seinem Vorwort: “Dem Radio des WDR ging das junge Publikum stiften. Mit aller Kraft [soll wohl heißen, egal wie....] sollte der böse Trend gestoppt und umgekehrt werden.” Nun ja, jenseits der Scham (aus dem Inhaltsverzeichnis): Fisten, Jung und lesbisch, Der Schwanz, Sodomie, Kindesmissbrauch, Inzest, Alt und schwul, Autofellatio (nein, das ist kein Autotest), Päderasten etc pp…. ich muss zugeben, einen gewissen Unterhaltungswert kann man den einzelnen Beiträge nicht absprechen….. Jenseits der Scham eben…
[2] Mein Zahnarzt, bei dem ich heute saß, parlierte ein wenig mit mir (wahrscheinlich um das Kreischen des Bohrers zu übertönen…] und erzählte, daß er am Wochenende die Praxis eines befreundeten Kollegen besucht hätte, der nur noch High-End-Behandlungen macht und sich auf das Spritzen von Botox spezialisiert hätte….. die Nachfrage nach starren Mienen ist wohl da….





