V-01or einigen Wochen lasen wir in meinem Lesekreis von Modick: “Sunset” [6], einen Roman über den Tag im Leben des Lion Feuchtwanger, an dem er in seinem Exil in Kalifornien die Nachricht vom Tod seines Freundes Berthold Brecht übermittelt bekam. Die Besprechung des Buches führte zu einem Hinweis auf ein kleineres Werk Feuchtwangers (seine bekannten Romane sind allesamt dicke “Schinken”) mit dem etwas mysteriösen Namen: “Der Teufel in Frankreich”. Dieses Buch wird von Feuchtwanger selbst als “Erlebnis”(bericht) bezeichnet, er schildert darin die Zeit, die er während seines französischen Exils in Lagern verbrachte.

Ein Schauspieler, ein Regisseur, ein Künstler allgemein, eben auch ein Schriftsteller ist im Dritten Reich ins Exil gegangen. Man liest dies ja häufig, es klingt, wenn man diesen Satz nicht auf seine reale Durchführung befragt, erst einmal nicht viel dramatischer als eine etwas überhasteter Aufbruch mittels Last-Minute Angebots eines Flughafens. Gut, sicher, man muss seine Sachen zurücklassen, seine Wohnung, sein Haus eventuell, beim Nachdenken fällt einem so etwas dann ein. Die Freunde, eventuell die Familie, wenn diese nicht auch flieht… Man sollte nicht vergessen, daß der Flucht unter Umständen Wochen, Monate mit Schikanen, Bedrohungen, Gefängnisaufenthalten u.ä. vorangingen, bis man bereit war, die Heimat zu verlassen. Manche, so wie Feuchtwanger, sind im Ausland von Entwicklungen in Deutschland überrascht worden und konnten garnicht mehr zurück und sind direkt im Ausland geblieben.

Und die Zielorte? Keineswegs herrschte dort immer eitel Freude über die Flüchtlinge (Exil oder Emigration ist ja nur ein Art Euphemismus für das Faktum, daß man – wenngleich aus guten Gründen, um sein Leben zu retten nämlich! – geflohen ist), die oftmals ohne finanzielle Mittel kommen mussten. Sie fallen zur Last, ganz praktisch, müssen wohnen, essen, leben, wollen oftmals arbeiten. Auch politisch kann es heikel werden, zu Verstimmungen führen. Es mag sogar im Zielland ähnliche Stimmungen geben, unterschwellig vllt, wie im Fluchtland…. bei jüdischen Flüchtlingen führte all dies z.B. zu starken Einreisebeschränkungen. Irgendwann war – soweit ich weiß – nur noch Shanghai bereit, jüdische Flüchtlinge ohne Bedingungen aufzunehmen…..

Kann man demjenigen trauen, der sein Land verläßt und damit auch in gewissem Sinne verrät? Wird er vllt das Land, in dem er jetzt Aufnahme sucht, auch verraten? Oder ist die Flucht nur Deckung, Tarnung, um sich in das Vertrauen einzuschleichen? Keineswegs war es die Regel, daß Exilanten ohne Misstrauen aufgenommen wurden.

Da man im Kreise der linksgerichteten Oppositionellen davon ausging, daß sich das Hitlerregime nicht allzu lange halten würde, suchten viele der Emigranten in deutschen Nachbarländern Unterschlupf. Dies wurde ihnen dann nach Ausbruch des Krieges zum Verhängnis: die deutsche Armee holte sie einfach ein und die Staatsgewalt des Aufnahmelandes ging dazu über – entweder freiwillig unter Vorschub von fadenscheinigen Gründen oder auch gezwungenermaßen – die Exilanten festzusetzen. So erging es, und damit komme ich zu dem hier vorzustellendem Büchlein, Feuchtwanger.

Für das Verständnis der von ihm beschriebenen Vorgänge ist es aber sinnvoll, noch diesen kleinen Vorspann einzuschieben, in dem in ganz groben Strichen der Westfeldzug Hitlers mit einigen Randdaten skizziert wird:

10. Mai 1940 Beginn der Westoffensive (Fall Gelb)
15. Mai 1940 Kapitulation der Niederlande
20. Mai 1940 Hitlers Panzertruppen erreichen die Kanalküste bei Abbéville
28. Mai 1940 Kapitulation Belgiens
05. Juni 1940 Zweite Phase des Westfeldzuges (Fall Rot)
14. Juni 1940 kampflose Besetzung von Paris
22. Juni 1940 Waffenstillstandsabkommen zwischen Frankreich (Marschall Petain) und Hitler-Deutschland. Zweiteilung Frankreichs in den besetzten Norden und dem Etat Francais, der südlichen Hälfte

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Feuchtwanger wurde 1933 auf einer Vortragsreise in den USA von der Entwicklung in Deutschland, die Alfred Kantorowicz [3] mit dem “Aufbrechen eines Pestgeschwürs” vergleicht, überrascht: 1933 war die Machtübernahme der Nazi, am 10. Mai fand die unsägliche Verbrennung der Bücher jüdischer und anderer missliebiger Autoren statt. Feuchtwanger stand (nicht nur als Jude) mit seiner entschiedenen Absage an den Nationalsozialismus, die er in seinen Romanen deutlich formulierte, an prominenter Stelle auf der Liste derjenigen, mit denen die Nazis auf ihre Weise abrechnen wollten.

Feuchtwanger ließ sich in Südfrankreich nieder, in Sanary-du-Mers, unweit von Toulon, an der Riviera in der Nähe des Rhone-Deltas. Es ist eine schöne Gegend dort, Feuchtwanger liebt sie, der auch finanzielle Erfolg seiner Romane ermöglicht ihm ein relativ bequemes Leben, er richtet sich dort ein, schreibt und arbeitet, baut sich erneut eine bemerkenswerte Bibliothek auf (durch seine alte in Berlin-Dahlem stampften 1933 die Stiefel der Schergen…). Durch ihn wird der kleine Ort eine Begegnungsstätte für deutsche Exilliteraten, Männer wie Heinrich Mann, Franz Werfel, Arnold Zweig, aber auch Berthold Brecht besuchten ihn dort oder siedelten sich dort (wie Werfel-Mahlers) an. Noch empfand der französische Staat die Anwesenheit dieser Intellektuellen Anti-Faschisten als Ehre und hieß sie Willkommen….

Es begann an einem Abend, Mitte Mai, nach Sonnenuntergang.  .. Ich war allein, lag auf der Ottomane und hörte die Meldungen des Rundfunks. Es stand nicht gut, weder in Belgien noch in den Niederlanden. .. Da, auf einmal, hieß es, alle im Bezirk von Paris ansässigen deutschen Staatenlosen im Alter von siebzehn bis fünfundfünfzig Jahren, Männer und Frauen, hätten sich an dem und jenem Tage da und dort einzufinden, um interniert zu werden. .. Es war schon niederträchtig. Seit drei Vierteljahren jetzt saß ich hier in dieser Mausefalle Frankreich und konnte keine Erlaubnis zur Ausreise kriegen. Und jetzt werde ich also ein zweites Mal das Konzentrationslager schmecken müssen.” [5]

Warum ist Feuchtwanger nicht rechtzeitig aus Frankreich in die USA gegangen? Er analysiert die Gründe dafür, und findet in der Hauptsache diese (menschlich allzu verständlichen): (i) er hat immer gesagt, Hitler könne man nur durch einen Krieg wieder entfernen. Könne er sich jetzt, wo der Krieg da war, einfach so in Sicherheit bringen? (ii) er hat es wohl nicht übers Herz gebraucht, sein schönes Anwesen in Sanary zu verlassen und (iii) fürchtete er, der eine große Scheu vor Behörden hatte, die bürokratischen Hürden…. ein gewisser Fatalismus war Feuchtwanger eigen, ebenso wie eine gewisse Bequemlichkeit, die noch des öfteren das Ausharren im Status quo (gegen bessere Gründe, diesen aufzugeben) rationalisieren sollte…. Er selbst sieht ihn als “logische Folge schlechter Erfahrungen mit der konsequenten Anwendung des Verstandes.”, womit er meint, daß nach logischen Grundsätzen durchgeführte Planungen oft das Gegenteil von dem erreichen, was sie sollen….

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Paris ist weit, noch hat man Hoffnung, daß diese Anweisungen auf ihrem Weg in den Süden in den Irrungen der französischen Bürokratie versanden. Aber der Befehl kommt, mit maximal den erlaubten 30 kg Gepäck hat sich Lion Feuchtwanger innerhalb von 48 Stunden im Lager zu melden, das er am 21. Mai, 17:02 Uhr im Taxi erreicht.

“Ich habe in meinem Leben mancherlei Ehrungen empfangen. Dies war die höchste.”

In der Nähe von Aix en Provence liegt der Ort Les Milles, in dessen Nähe wiederum gab es eine alte Ziegelei, die heute eine Gedenkstätte ist [1, 2]. Das Gebäude, das für die Internierten vorgesehen ist, ist eng, es ist staubig, hat kaum Fenster: Ziegel brauchen kommen damit zurecht, Menschen leiden darunter. Es gibt keine Zimmer, keine Einrichtungsgegenstände, die Männer [4] müssen sich einen Platz auf dem Boden suchen und ihn gegen die anderen mit Ziegeln oder ihrem Gepäch abgrenzen. Es ist so eng, daß man sich des Nachts häufig gegenseitig tritt. Toiletten gibt es genauso wie Wasser wenig, die hygienischen Verhältnisse der 2000 Internierten sind schlecht, Durchfallerkrankungen häufig. Die oben zitierte “höchste Ehrung” bestand darin, daß man ihn, als er als ca zwanzigster in der Schlange vor der Latrine stand, bedeutete, er solle als erster auf den Abtritt gehen…

Es ist für uns heute etwas irritierend, daß Feuchtwanger den Begriff “Konzentrationslager” für diese Internierungslager verwendet. Aber bei der Niederschrift seiner Erinnerungen noch zu Kriegszeiten in New York war dieser Begriff noch nicht mit dieser speziellen Bedeutung belegt. Diese Internierungslager jedenfalls waren nicht durch Sadismus geprägt, es wurde nicht geprügelt, es gab keine nennenswerten Strafen. Im Gegenteil waren viele Wärter freundlich und drückten auch mal das eine oder andere Auge zu. Trotzdem war es ein quälender Aufenthalt: das Essen eintönig und meist mies, alles von Staub bedeckt, dem die Männer nicht entkommen konnten. Die Überbelegung führte dazu, daß die Intimsphäre praktisch aufgehoben war, alles, von der Nahrungsaufnahme bis hin zur Ausscheidung verlief öffentlich, vor aller Augen. Außerdem gab es keinen Flecken, an dem man mal alleine sein konnte, speziell dies machte Feuchtwanger zu schaffen. Dazu noch das Fehlen sinnvoller Betätigung, die Hitze Südfrankreichs, die Angst vor der Zukunft, um die Frauen, von denen man nicht wusste, was mit ihnen geschehen war…..

Sein Fatalismus half Feuchtwanger bei aller innerer Unruhe nach außen hin Ruhe auszustrahlen und Sicherheit zu vermitteln. Schnell war er Mittelpunkt und wurde zum “Sorgenonkel”, dessen Meinung und Rat gefragt war. Er fand auch immer wieder Männer, die dem unpraktischen Schriftsteller halfen, Besorgungen für ihn machten und ähnliches, fast wie Kammerdiener.

In seinen Erinnerungen charakterisiert Feuchtwanger eine Vielzahl von Mitgefangenen, ihr Bemühen, die alten Formen zu wahren auch unter diesen radikal anderen Umständen. Die Beispiele, die Feuchtwanger nennt, entbehren nicht einer gewissen Absurdität.. Auf der Latrine hockend und stöhnend erkundigte man sich nach dem werten Befinden: “Wie fühlen Sie sich heute, Herr Professor?” – “Wie geht es ihnen heute, Herr Geheimrat?” – “Wie haben Sie heute Nacht geschlafen, Herr Ministerialdirektor?”

Warum war man eingesperrt, diese Frage trieb um. Die offizielle Version war, daß man die Internierten einer erneuten, scharfen Sichtung unterziehen wollte, mit der man verdeckte Freunde der Nazis herausfiltern wollte, deren Fünfte Kolonne. Niemand glaubte dies wirklich, die angekündigte Sichtung, die immer erwartet wurde, erfolgte auch nie. In Wahrheit, so Feuchtwanger, war die Internierung ein Schauspiel, ein Manöver für die Bevölkerung, die derart vom Versagen und von Fehlschlägen abgelenkt werden sollten. Später dann vermutete Feuchtwanger, daß die weitgehend wahllose Internierung aller Nicht-Franzosen (es wurden ja sogar hochdekorierte Fremdenlegionäre, die für Frankreich in den Krieg gezogen waren, die französische Familien hatten, interniert) ein Werk von Gesinnungsgenossen der Nazis in der französischen Verwaltung war, die derart die Oppositionellen vernichten wollten.

Im Moment aber noch, in Les Milles, geht Feuchtwanger nicht davon aus, daß – wie er es nennt – der Teufel, der hinter all dem steckt, ein bösartiger ist, es ist vielmehr “..der Teufel der Schlamperei, der Gedankenlosigkeit, der Herzensträgheit, die Ponvention, der Routine, eben jener Teufel, den die Franzosen mit dem guten Wort “Je-m`en-foutisme” bezeichnen.

Da die Internierten recht willkürlich zusammengesetzt sind und nicht zum Beispiel aus vorwiegend politisch Gefangenen, organisiert sich das Lager auch nicht, es bleibt auch auf Seiten der Eingesperrten chaotisch, Partikularinteressen herrschen vor. Vollends chaotisch wird es, als klar wird, daß die Hitlertruppen Frankreich überrennen und es zu erwarten steht, daß sie in Kürze auch im Süden des Landes auftauchen und das Lager dann übernehmen werden.

Die Männer bedrängen den Lagerkommandanten, sich dafür einzusetzen, daß man das Lager auflöst, zumindest die Internierten an einen “sicheren” Ort bringt, Feuchtwanger ist einer ihrer Sprecher. Und tatsächlich, kaum noch erhofft, steht eines Morgens ein Zug vor dem Lager.. die Männer werden in die Waggons gepfercht, die äußeren Bedingungen unterscheiden sich nicht all zu sehr von denen, unter denen die Judendeportationen in den Osten vor sich gingen: Platznot, Luftnot, Wassermangel, Schlafmangel, Angst, Gestank… Quälend langsam fährt der Zug, immer wieder haltend läßt er andere Züge passieren. Kurz vor dem Ziel kommt das Gerücht auf, die Nazis hätten Bayonne erobert.. der Zug kehrt um, einige Männer verlassen den Zug, ohne Passierschein und ohne Papieren ein riskantes Unternehmen… es geht dieselbe Strecke zurück, erst kurz vor Les Milles biegt der Zug in eine andere Richtung ab, Richtung Nimes…

Dort müssen die Männer lange laufen, bis sie weit außerhalb an einem verlassen Gutshof ankommen, an dem sonst nichts ist. Sie bekommen Stacheldraht, um das Gelände einzuzäunen und weiße Spitzzelte als Unterkünfte. Im Lauf der Tage richten sich die Männer ein, die Bewachung wird immer nachlässiger, man kann in die Stadt gehen, dort Handel treiben, Tauschwaren ins Lager bringen, am Ende können sogar die Frauen, die den Männern nachreisten, ins Lager kommen, in die Zelte. Das Lager selbst erinnert eher an einen Mittelaltermarkt als an ein Lager: Caféhäuser, Marktstände, Theateraufführungen… und alles umgeben von einen Wall aus Gestank, da auch hier die hygienischen Verhältnisse der Gedankenlosigkeit der Franzosen gedankt, unsäglich sind…

Auch Martha, Feuchtwangers Frau ist vor Ort, trifft ihren Mann kurz nachdem dieser eine lebensgefährliche Typhusinfektion überlebt hat. Sie kann sich frei bewegen, es gelingt ihr, die Flucht Lions nach Marseille zu organisieren. Bei einem “Ausflug” bugsiert sie ihn in ein bereitstehendes Auto und gibt ihm einen Frauenmantel zum Überziehen. Von Marseille aus ging es dann nach Monaten über Spanien und Portugal in die USA, wo er diesen Text, noch in New York, niederschreibt.

“Der Teufel in Frankreich” ist ein weitgehend nüchterner Erlebnisbericht einer dramatischen Zeit. Es war kein Spaß, Feuchtwanger wäre in den Händen der Nazis verloren gewesen, er war einer ihrer Lieblingsfeinde. Um so quälender war die Situation, daß ausgerechnet der Staat, der sie seinerzeit noch freudig als Widerständler begrüßt hatte, sie nun konzentriert, einsperrte und nur sehr zögerlich bereit war, sie vor den heranstürmenden Nazihorden in Sicherheit zu bringen, wobei einem das Wort “Sicherheit” etwas schwer in die Tastatur rutscht… Es ist unbestritten, daß in Frankreich ein hohes Maß an Kollaboration mit den Nazis stattgefunden hat, wie de Rosnay [vgl. 7] es romanhaft beschrieben hat, ist das Zusammentreiben der Juden in Paris für die Transporte durch französische Polizisten erfolgt…. und außer diesem molluskenhaften, nicht greifbaren Teufel der Gedankenlosigkeit, den Feuchtwanger etwas gestelzt formulierend postuliert vermutet er ja auch in seinem Schicksal das Wirken nazifreundlicher Stellen in der französischen Verwaltung…

Die Stationen, die Feuchtwanger durchlitt, waren nicht typisch für Lager. Es ist sehr offensichtlich, daß es keine übergeordente Organisation der Lager gab, daß man nach dem Zusammentreiben der Leute alles ziemlich schleifen ließ. Kantorowicz hat dies in seinem lesenswerten Nachwort zum Buch ausgeführt.

Für Feuchtwanger selbst muss diese ganze Situation noch quälender gewesen sein, da er nicht sehr geschickt war, etwas tapsig, manchmal geradezu rührend hilflos. Aber er konnte sich (und fand diese auch) immer wieder Menschen an sich binden, die ihm halfen und unterstützten. Ansonsten kommt ihm seine Beobachtungsgabe bei der Beschreibung der verschiedenen Typen von Männern, auch der einzelner Persönlichkeiten sehr zugute, man trifft eine Menge bekannter Namen, die im Nachwort von Kantorowicz entschlüsselt werden (bei Feuchtwanger gibt es nur die Anfangsbuchstaben, um die Personen zu schützen).

Das Buch ist ein Zeitdokument, es beschreibt eine singuläre Situation, erlaubt aber Rückschlüsse auf größere Zusammenhänge. Ich bedaure es ein wenig, daß ich es nicht vor “Sunset” gelesen, denn es verrät mit den diversen selbstreflektierenden Passagen viel über den Autor, aber ich bin dennoch froh, daß ich überhaupt auf diese Erinnerungen Feuchtwangers aufmerksam geworden bin. Und wer die Gelegenheit hat, der sollte sich das Büchlein durchaus zu Gemüte führen, es liest sich gut und schnell, unterhaltsam kann man ja wohl nicht sagen….

Links und Anmerkungen:

[1] Der Teufel in Frankreich: Künstlerlager wird zum Mahnmal, news.de 16.09.2012
[2] Offizielle Webseite der Gedenkstätte Site mémorial du Camp des Milles
[3] Alfred Kontorowicz, dt. Schriftsteller (1899-1979), war mit Feuchtwanger im Lager Les Milles interniert, vgl Biographie hier
[4] Les Milles und später Nimes waren reine Männerlager. Die Frauen, soweit sie unter die Anweisungen fallen, werden selbstverständlich auch interniert
[5] Feuchtwanger war direkt nach Kriegsausbruch schon einmal interniert worden, kam aber  nach englischen Protesten schnell wieder frei.
[6] Klaus Modick: Sunset. Besprechung hier im blog
[7] Buchempfehlungen: Weitere Bücher hier im blog zum Thema Frankreich im 2. Weltkrieg:
- Pierre Assouline: Die Kundin
- Robert Bober: Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen
- Erich Schaake: Bordeaux, mon amour
- Odile Kennel: Was Ida sagt
- Tatiana de Rosnay: Sarahs Schlüssel
- Irène Némirovsky: Suite française

Lion Feuchtwanger
Der Teufel in Frankreich
mit einen Nachwort von Alfred Kantorowicz
diese Ausgabe: Greifenverlag zu Rudolfstadt, HC, ca. 260 S., 1954

Pierre Assouline: Die Kundin

18. November 2012

Pierre Assouline taucht mit diesem Roman ein in das “Goldene Zeitalter der Denunziation”, das in Frankreich unter der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg ausgebrochen war. Diese Zusammenarbeit der Franzosen, sowohl staatlicher Stellen wie auch der von Privaten, mit den Deutschen, ist ein dunkles Kapitel der französischen Geschichte, ein Abschnitt, an den sich zu erinnern den Franzosen auch heute noch schwerfällt. Sie muss ein erhebliches Ausmaß angenommen haben, so daß die deutschen Behörden schon garnicht mehr alles lasen, denn der Erzähler in Assoulines Geschichte findet bei seinen Recherchen massenhaft ungeöffnete Briefe von Franzosen an die Besatzungsbehörden [1].

Mit “Die Kundin” fiktionalisiert der Autor persönliche Erlebnisse. Assouline, ein bekannter französischer Biograph und Schriftsteller [2], recherchiert für eine Biographie eines bekannten Schriftstellers [3] und findet bei dieser Recherche einen Hinweis darauf, daß Désiré Simon, wie er ihn im Roman nennt und den er für einen Lügner per excellence hält, im Krieg als Jude denunziert worden sei: “Simon, Schimon, Schalom, alles das gleiche…” bekommt jener seinerzeit bei der Vernehmung zu hören. Vierzehn Tage hätte er damals Zeit gehabt, das Gegenteil zu beweisen. Das Interesse, die Neugier des Biographen ob auch dies erfunden sei oder doch wahr, ist geweckt, er bohrt nach, will mehr wissen, sucht, recherchiert – und findet in den Unterlagen den Namen von Verwandten, den Fechners, die seit Generationen ein Kürschnergeschäft betreiben, Francois, der Sohn des alten Henri, die das Geschäft zusammen betreiben, ist sein Schwager.

Dieser Fund schockiert den Erzähler aufs Tiefste. Wer? Wer hat damals die Familie Fechner angezeigt bei den Behörden, hat sie denunziert, hat die Verantwortung für den Tod fast der gesamten Sippe, für das Auslöschen einer Familie, wer? Kannte der-/diejenige die Fechners und wie gut kannte er sie?  Wer konnte nach dem Krieg mit diesem Wissen weiterleben, wie konnte er es, wie konnte er den Überlebenden ins Gesicht sehen? Konnte er, konnte sie es? Und es ein Brief unter Tausenden, vielen Tausenden, die ebensoviele, nein viel mehr Menschen nach Drancy [4] schickten, der Verladestation zur Hölle auf Erden.

“Ich habe die Ehre, Ihnen folgende Tatsache zur Kenntnis zu bringen: ….”

Der Erzähler fängt an zu suchen, als Biograph ist ihm die Arbeit in Bibliotheken, in Archiven vertraut. Es ist eine Aufgabe herkulaneischen Ausmaßes, in 3000 km Akten sucht er den einen, für ihn entscheidenden Brief. Es wirf für ihn eine Reise ins Herz der Finsternis, ins Zentrum menschlichen Versagens und er findet dort – die Normalität menschlichen Lebens. Man denunziert aus Eifersucht, weil man das Geschäft übernehmen will, weil man noch ein Hühnchen zu rupfen hat, weil es so verlangt wird, weil man glaubt, sich selbst damit schützen zu können.. es wird offen denunziert und anonym, es wird aus persönlichen Motiven angezeigt und allgemeiner Gesichtspunkte eines patriotischen Anliegens wegen… der eiserne Besen der Säuberung hat viele, die mit ihm kehren, alles nach Drancy schaufeln und von dort aus, man will es gar nicht so genau wissen, entsorgen… Menschen, mit denen man unter Umständen jahrelang Tür an Tür lebte…

Je weiter ich auf meiner Reise vorankam, desto tiefer tauchte ich in die Dunkelheit ein. Aus dem Wald hörte ich Schmerzensschreie. Das Wasser des Flusses transportierte Leichen und Skelette, die es hier und da am Ufer ablud. Ich war mit dem stinkenden Teil der Geschichte konfrontiert.”

Um es abzukürzen.. der Erzähler findet heraus, wer die Fechners damals anzeigte und verriet, eine Kundin, eine gute Kundin war es, zweifelsfrei. Vergeltung, Rache: danach schreit jetzt die Seele.. aber nicht die der Fechners, sondern die des Erzählers. Denn dieser hat sich im Lauf seiner Suche verändert, der Schmutz, in dem er wühlte, färbte ab auf ihn.. das, was anfänglich Neugier war, wurde drängender, wurde zur Fixierung, zur Obsession, besetzte ihn, übernahm die Kontrolle über ihn…. niemandem im entsprechenden Alter konnte er mehr begegnen ohne sich zu fragen: was hast du damals gewusst, was hast du gemacht, wie hast du dich verhalten?

Eines Tages erblickte ich .. mein Gesicht im Spiegel. … Ich musterte mich noch einmal. Wächserner Teint, fahle Gesichtsfarbe, scharfe Konturen. Ich wirkte wie jemand, der an Halluzinationen leidet. … Mittlerweile hatte ich weniger das Gefühl, Akten zu prüfen, als ein tiefgefrorenes Tier auszuweiden. .. Ich veränderte mich in dem Maße, wie ich bei der Untersuchung des toten Fleisches auf dem Seziertisch vorankam.

Er schmiedet Rachepläne und setzt sie um, immer ähnlicher wird er denen, die er verurteilt, er schmeichelt sich ein, täuscht, agiert aus der Anonymität heraus, bevor er die offene Konfrontation mit seinem Opfer sucht und als er schließlich auch die zweite Hälfte des Dramas der damaligen Vorgänge um die Fechners erfährt, kommt es zum tragischen Ende….

Assoulines Buch ist eine sehr intensive Auseinandersetzung mit dem Thema der französischen Kollaboration unter der Nazi-Besetzung und deren Verdrängung nach dem Krieg. Es ist auch die Frage, was passiert, wenn Aufklärung um der Aufklärung willen betrieben wird. Bezeichnenderweise läßt der Autor ja nicht die Opfer des damaligen Verrats nach Rache rufen, sondern einen erst später und dann am Rande und nur indirekt Betroffenen. Diesen aber wiederum stürzt er bedingungslos hinein in eine Reise in die Finsternis, in die Verdrängung der Schuld durch die Überlebenden, in die Dokumente des Hasses, der Gier, der Gleichgültigkeit und der Verblendung.. die Suche des Erzählers gleitet immer stärker ins Pathologische hinüber, er wird stellvertretend für die Überlebenden, die gelernt haben, mit ihrem Schicksal zu leben, zur Erinnye, er macht sich deren Sache – so wie er glaubt – zur eigenen. Kaum kann er noch erfassen, wie ähnlich er denjenigen wird, die er verachtet…

Bedrückend schon der Anfang des Romans, das erste Kapitel, in dem Assouline seinen Erzähler bei der Arbeit, der Recherche für eine neue Biographie, beobachtet und dann, mit einem Mal, ihm den Punkt liefert, an dem seine Welt aus den Angeln gehoben wird. Die Schilderung seiner sich entwickelnden Obsession, der Fixierung auf nur noch diese eine Frage, das immer weiter Eintauchen in die Dokumente, in die Archive, bis er dann schließlich die Erlaubnis hat, auch den Bodensatz, der geeignet ist, eine Gesellschaft zu sprengen, zu sichten: das ist eine intensive, dichte und faszinierende Achterbahnfahrt durch einen sich immer weiter auf nur eine einzige Frage verengenden Geist.

Es steht mir nicht an (und ist mir natürlich schlechterdings auch gar nicht möglich), eine Antwort auf die Frage zu geben, wie mit diesem vergifteten Erbe einer Kollaboration mit einem verbrecherischen Regime umzugehen ist. Auch Assouline kennt darauf keine Antwort, sein Buch endet nicht mit einer Auflösung dieses Dilemmas, das seinen Helden selbst beschädigt und für die Opfer keine Genugtuung bringt. Wenn dieser Roman, eine fiktionalisierte wahre Geschichte, eine Lehre gibt, dann die, daß – so verständlich sie sein mögen – persönliche Gefühle als Motiv für eine Art Rachefeldzug nur zu weiterem Unglück führen…

Links und Anmerkungen:

[1] auch Némirovsky schildert in ihrer “Suite française” Szenen, in denen den deutschen Truppen beim Einmarsch die Dörfern als erstes Packen mit Denunziationsbriefen übergeben werden…
[2] Wiki-Artikel zu Pierre Assouline
[3] dem angehängten Nachwort nach der von George Simenon
[4] Internetseite der Gedenkstätte “Drancy”. In Tatiana de Rosnay Buch: Sarahs Schlüssel wird dieser Zusammentrieb französischer Juden durch französische Polizisten eindringlich beschrieben, eine Buchbeschreibung kann man hier in diesem blog finden:

Pierre Assouline
Die Kundin
Aus dem Französischen übersetzt von Marianne Schönbach
Persona Verlag, HC, 208 S., 1999

So hatte ich keine Erinnung mehr an meinen Vater, erinnerte mich aber an den Vater meines Bruders, der wiederum selbst keine Erinnerung an seinen Vater hatte.

Bernard Appelbaum ist der Sohn von Jacques Appelbaum, der früher Yankel hieß und als solcher die Hanna Horovitz geheiratet hat. 1939 flohen sie aus dem kleinen polnischen Przytyk nach Paris, der Sohn, den Joseph zu nennen sie sich ob der Zeiten nicht trauten, wurde 1940 geboren. Aber auch Frankreich gab ihnen keinen Sicherheit, 1942 verließen sie Hals über Kopf ihre Wohnung [2], um sich zu verstecken. Einige Dokumente waren noch aus der alten Wohnung zu holen, über die Dächer schlich sich Yankel dorthin. Ist er verraten worden oder war er unvorsichtig? Niemand weiß es, nur soviel ist sicher, irgendwann im Sommer 1942 wurde er in irgendeinem der deutschen Lager verbrannt.

Nach dem Krieg traf Hannah Leizer wieder, der eine eintätowierte Nummer auf dem Arm hatte und den sie aus ihrem Heimatort kannte. Ein Jahr später wurde der kleine Axel geboren und noch ein Jahr drauf wollte Leizer seine Schwester Esther in Amerika besuchen. Sein Flugzeug stürzte über den Azoren ab [2].

Und so lebt Hanna Zygelman, verw. Appelbaum, geb. Horovitz zusammen mit ihren Söhnen und auch noch der Schwiegermutter, aber ohne einen der Männer, die sie in ihrem Leben liebte, in einer kleinen Wohnung in Paris.

Anfangs der 60er Jahre trifft der nun 21jährige Bernard durch Zufall seinen ehemaligen Betreuer aus dem Jugendlandheim, in das er als Kind immer fuhr, Robert, wieder. Dieser streift mit einer Kamera ausgerüstet durch die Straßen der Stadt. Man begrüßt sich, kommt ins Gespräch und Bernard erfährt, daß Robert als Assistent von Truffaut arbeitet und sich nach möglichen Drehorten für den Film “Jules und Jim”, der Geschichte  von drei Menschen, deren Schicksal tragisch miteinander verknüpft ist umschaut [3]. Das Angebot, selbst als Statist mitzuwirken, nimmt Bernard natürlich an….

Nach der Premiere schauen sich Bernard und seine Mutter den Film natürlich an. Die für Bernard wichtigste Szene, die drei Küsse mit Laura, die er heimlich aber unerwidert liebt, ist zwar gestrichen worden, aber trotzdem wird dieser Film sein Leben entscheidend ändern. Denn das Schicksal dieser drei Filmfiguren baut seiner Mutter nach all den vielen Jahren eine Brücke, über die diese mit ihrem eigenen Schicksal, das mit Yankel verknüpft ist sowie in gleicher Weise mit Leizer, gehen kann. Zum ersten Mal ist sie in der Lage, ihrem Sohn ihre Geschichte, die ja auch die seine ist, zu erzählen….

Die Geschichte von Jules, Jim und Catherine .. war wie das Echo der Geschichte, die meine Mutter erlebt hatte. Und als hätte das Gefilmte sie wiederbelebt, begann sie ihre Erzählung damit, wie sie meinem Vater und Leizer bei der Protestkundgebung gegegenet war, die auf das Pogrom von Przytyk folgte. 

… was wäre gewesen, wenn damals, als die drei zum Tanzen verabredet waren und Leizer nicht kommen konnte, weil ihm ein Ungeschick passiert war und so Yankel den ganzen Abend mit Hannah zusammen war und tanzte, wenn also an diesem Abend Yankel nicht hätte kommen können und statt dessen Leizer….

Später lesen wir im Buch von Bernard, dessen Beruf uns nicht verraten wird (ist er möglicherweise Student, denn es wird berichtet, daß er Vorlesungen hört?) daß er eben eine solche Vorlesung gehört hat, in der es um die “Gelegenheit” des Augenblicks geht, um die Magie, die Schicksalshaftigkeit, die ein Moment, ein Wimpernschlag im Leben haben kann für das große Ganze. Der Moment, in dem dem Anderen die eigene Liebe zu ihm offenbart wird, “die verzauberte Minute, in der ein Blick einen anderen kreuzt“, das Ereignis der Geburt eines Kindes aber auch der Anruf, der einem Gefahr verkündet und zur Flucht veranlasst…. Was wäre passiert, wenn Bernard damals nur ein paar Minuten später durch die Straßen flaniert wäre und Robert nicht getroffen hätte? Hätte er dann nie erfahren, wie das Schicksal mit seinen Eltern spielte?

Bobers Roman, in der er sich selbst als Nebenfigur einführt, ist ein wunderbares Stück Literatur. Er ist leise, nachdenklich, poetisch, einfühlsam, sensibel, melancholisch, er erzählt vom Glück der Menschen, ihrer Tragik, er verschweigt nicht das große Morden, das geschah und das Wegschauen, das es ermöglichte, er läßt uns einen jungen Menschen begleiten, der durch einen Augenblick, durch einen Zufall auf die Spur des eigenen Lebens, der eigenen Herkunft gebracht worden ist und der dieser jetzt nachgeht. Es ist die Frage nach der Erinnerung, nach deren Vergänglichkeit, nach der Möglichkeit, sich die Erinnerung auch anderer anzueignen und zu eigenen zu machen und nach der Zwangsläufigkeit auch, mit der Erinnerungen verblassen, ineinanderlaufen, unscharf werden und täuschen können.

Und nebenher ist es eine Liebeserklärung an ein Paris, das es so heute vielleicht gar nicht mehr gibt. Wir streifen mit Bernard durch die Gassen der Stadt, wir lesen Texte von Chansons, die es schon damals nicht mehr gab,  wir begleiten ihn in sein Lieblingsbistro, in dem er seinerzeit Laura küssen durfte, musste sogar, denn ob sie ihn ohne diesen “Zwang” auch hätte küssen wollen, darf ausgeschlossen werden, in dem er sitzt, sich unterhält, die Zeitung liest. Madame Rayda sitzt an ihrem Fenster, ein Foto zeigt sie uns, sie hat den Arm auf das Gitter gelegt, welches sie vor dem Herausstürzen schützt, sie schaut die Straße herunter, der Pelz des Kragens ihres Mantels, den sie trägt, streichelt und umschmiegt ihren Hals und direkt neben dem Fenster sehen wir die verwitterte Holztafel, auf dem sie ihre Dienste anpreist: Tarot, Kartenlegen.. in die Zukunft schauen. Oft kommt Bernard an diesem Fenster vorbei…

“The answer, my friend, is blowing in the wind,
 The answer is blowing in the wind. (Bob Dylan)”

Links und Anmerkungen:

[1] Damit ist die Zusammentreibung und Deportation von über 13000 Juden in Velodrome d´Hiver gemeint, die de Rosnay in ihrem ergreifenden Roman “Sarahs Schlüssel” beschrieben hat
[2] Wiki-Artikel über diesen Flugzeugabsturz
[3] Wiki-Artikel zum Film “Jules und Jim”, Trailer zum Film auf youtube

Robert Bober
Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen
aus dem Französischen übersetzt von Tobias Scheffel
Kunstmann, HC, 254 S., 2011

“Vendue à l´ennemi!”
“Putain à boches!”
“Poule à boches.”
“Elle a couché avec les sales boches!”
“Alors, ça baise bien, un boche?”
“Non, je ne regrette rien.”
“Tondez la salope!”

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Erich Schaake schildert in diesem Roman das Schicksal des Marineunteroffiziers Heinz Stahlschmidt, der in der Zeit der deutschen Besatzung im 2. Weltkrieg in Bordeaux stationiert war. Der Roman versucht sich an zweierlei: zum einen erzählt er die Geschichte einer Liebe, die sich zwischen zwei Menschen entwickelt, die durch die Politik zu Feinden gemacht wurden, zum anderen schildert er, wie die Bordeaux durch den deutschen Wehrmachtssoldaten vor großen Zerstörungen bewahrt worden ist.

Am 30. Juni 1940 marschieren deutsche Truppen in Bordeaux ein, die Besetzung sollte über 4 Jahre, bis zum 27. August 1944 dauern. Der bedeutende Atlantikhafen der Stadt wurde zu einem wichtigen Stützpunkt der Marine ausgebaut, die 12. U-Boot Flotte wurde hier stationiert. Mit dieser Besetzung war natürlich auch die Umsetzung der nationalsozialistischen Politik verbunden, wie in anderen besetzten Gebieten wurden auch in Bordeaux strenge polizeiliche Verfügungen erlassen (Ausgangsbeschränkungen, Bezugsscheine, (sexuelle) Kontaktverbote zwischen Soldaten und französischen Frauen etc pp, es gab zusätzliche Schikanen für Juden, die Gestapo führte viele Razzien durch). Auch in Bordeaux wurden Deportationen vorgenommen, auch hier wie in anderen Regionen, von französischen Behörden [1].

Die Franzosen richteten sich mehr oder weniger gut unter dieser Besatzung ein. Die umfangreichen Baumaßnahmen beim Hafenausbau führten dazu, daß viele französische Betriebe für die Deutschen arbeiteten und gutes Geld verdienten, ebenso konnten die vielen Winzer und Weinhandlungen nicht klagen, selten war der Weinabsatz besser. Daß den unwissenden Deutschen auch so mancher Fusel als hochklassiger Mouton Rothschild angedreht wurde, war eine eher sanfte Form des subversiven Widerstands…. der kämpfende Arm des Widerstands dagegen, die Resistance, war offensichtlich in verschiedene Gruppierungen gespalten, zum Teil von Spitzeln durchsetzt und erscheint in der Schilderung Schaakes als wenig effektiv. Aquitanien, der Süden Frankreichs also, war relativ unberührt von Kampfhandlungen, bis zur Invasion der Aliierten wurden nur selten Bombenangriffe gegen die Stadt geflogen. Auch der Widerstand der Zivilbevölkerung war gering, hin und wieder gab es Unmutsäußerungen oder despektierliche Gesten gegen die Deutschen. Attentate oder körperliche Angriffe auf Deutsche wurden von diesen mit äußerster Brutalität durch willkürliche Erschießungen von Menschen ge”rächt”. So hatten die deutschen Soldaten im Gegensatz zu ihren Kameraden an anderen Frontabschnitten ein Leben, das dem des sprichwörtlichen Gottes in Frankreich über lange Zeit ziemlich gerecht wurde.

Aber natürlich konnten all diese Anordnungen nicht verhindern, daß sich die Menschen trafen, sie sich begegneten. Und zwischen Männern und Frauen auch Funken übersprangen. Schließlich waren die deutschen Soldaten zum großen Teil junge, gut gewachsene Männer, die noch nicht allzuviele Entbehrungen des Krieges zu ertragen gehabt hatten. Sie waren als Sieger nach Frankreich gekommen, mit der entsprechenden Aura…. However, Heinz Stahlschmidt traf auf die junge Henriette, die sich im Sperrbezirk am Fluss aufhielt, um die durch die Flut zurücklaufende Wasserwelle der Gironde zu beobachten. Auch wenn zwischen beiden nichts geschah außer einer Begrüßung, beide konnten sich nicht vergessen. Und so entwickelte sich eine Liebesbeziehung zwischen beiden, die alle Warnungen der Vernunft in den Wind schlug. Da Stahlschmidt zwar Soldat, aber keineswegs ein verbohrter Nazi war und recht gut französisch sprach, akzeptierten auch Henriettes Eltern (mit großer Angst um ihre Tochter) diese Verbindung.

Spätestens mit der Invasion (“D-Day“, “Operation Overlord“) der aliierten Streitkräfte war es mit der relativen Ruhe der Deutschen auch im Süden Frankreichs vorbei, Rückzugsszenarien wurden geplant. So wurde auch festgelegt, daß bei einem Rückzug die Hafenanlagen gesprengt werden sollten. Die dazu eingesetzte Sprengstoffmenge würde aber auch große Teile der angrenzenden Stadt zerstören und tausende Franzosen töten. Die Resistance, die von diesen Plänen erfuhr, nahm Kontakt zum Sprengmeister, jenem Heinz Stahlschmidt, auf, den sie als den Franzosen freundlich gesinnt einstufte, um von ihm Pläne und Schlüssel zum Munitionslager zu bekommen. Der ursprüngliche Sabotageplan zerschlug sich aber und so musste Stahlschmidt selber die Sprengung des Munitionsdepots durchführen.

Stahlschmidt wurde danach von der Resistance versteckt und mit falschen Papieren ausgestattet. Ein paar Tage später zogen die Deutschen aus Bordeaux ab, aber bis zum Schluss rollten die Deportationszüge… Henriette und Heinz heirateten 1949, Stahlschmidt blieb in Frankreich, arbeitete als Bombenentschärfer. Seine Tat wurde ihm erst sehr spät anerkannt, der Erfolg hat viele Väter und lange Jahre waren das französische Resistancekämpfer.

Dieser Sabotageakt war eine Gewissensentscheidung gegen die eigenen Leute. Insgesamt kamen ca. 15 Wachleute bei der Explosion des Depots ums Leben. Wie Schaake im Nachspann, der die Begegnung mit dem Heinz und Henriette schildert, andeutet, wurde Heinz Stahlschmidt sein Leben lang durch den durch ihn verursachten Tod seiner Kamerade belastet.

Zum Buch selbst: Die Schilderung Bordeaux, der deutschen Besatzung dort, des Lebens dort sind interessant und gut geschrieben. Konzentriert sich Schaake dagegen auf die Liebesgeschichte, konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, in einen seichten Liebesroman, ein Heft, geraten zu sein. Da hüpft in guten Momenten schon mal das Herz in der Brust, da wird sich angeschmiegt und den gleichmäßigen Atemzügen gelauscht.. diese Stellen fallen gegen den Rest des Textes doch ab. Informativ sind die “Infoseiten”, die Schaake vor einzelne Kapitel setzt und in denen er journalistisch (Schaake ist gelernter Journalist) aufbereitet Infos über die allgemeine Situation gibt.

Ich habe meiner Besprechung französische Stellen aus dem Eingangsabschnitt des Buches vorangestellt. Der Autor schildert dort eine Art Hexenprozess, mit dem die Franzosen nach dem Abzug der Deutschen gegen viele Frauen vorgehen, die ein Verhältnis mit einem “boche” hatten. Aller Frust, aller Ärger, aller Zorn und aller Hass, der sich über Jahre angestaut hat, entlud sich auf den armen Frauen, von denen -zig Tausende mit kahlgeschorenen Köpfen von einer Meute durch die Straßen gejagt wurden…. aber wer sich dafür interessiert, den verweise ich auf  Odil Kennel, bei der dieser Aspekt des Frankreichfeldzuges deutlich tiefgründiger dargestellt ist als Schaake.

Was Stahlschmidt 1944 gemacht hat, erscheint uns eine heldenhafte Gewissensentscheidung. Es ist aber eine schwere Entscheidung, an der man lange trägt. Es ist die Entscheidung, ob ich ein Leben gegen das andere aufwiegen kann. Darf ich ein Leben opfern, um ein anderes, zehn andere, tausend andere zu retten? Darf ich einen Attentäter foltern, um zu erfahren, wo er die Bombe im Flugzeug versteckt hat? Darf ich einen Kindesentführer Folter androhen, um zu erfahren, wo das entführte Kind ist? Gibt es ein höheres Ziel, um dessen Willen der Tod eines Menschen in Kauf genommen werden kann? Und setzt der Krieg tatsächlich Moral ausser Kraft, die in Friedenszeiten gilt? Wer wollte auf diese Fragen eine Antwort geben…. Heutzutage jedenfalls gilt das “Verbot der Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung” (Art 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention) absolut, wie z.B. bei der Verhandlung gegen den Frankfurter Polizeipräsidenten Daschner wieder festgestellt wurde. Spontan mag es Konstellationen geben, bei denen man anders empfindet….

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß “Bordeaux …” eine interessante und bis dato wohl weitgehend unbekannte Geschichte aus dem 2. Weltkrieg erzählt, mit der ein Mann geehrt wird, dessen Wirken erst spät anerkannt worden ist. In weiten Teilen gibt es auch einen Einblick in das Leben im Krieg an einer Ecke der Front, an der Kampfhandlungen erst sehr spät stattfanden.

Links und Anmerkungen:

[1] Jochen v. Lang: Das Eichmann-Protokoll, Berlin 1982, S. 117: “… Erst als die SS in Frankreich an Boden gewann konnten Danneker als Beauftragter für die Judenfrage und sein Vorgesetzter Eichmann die französische Polizei auf “Judenjagd” schicken, und als die Gestapo Polizeikommandos aus französischen Antisemiten und Faschisten aufstellte, stiegen die Deportationszahlen. 1940 fuhren nur drei Judenzüge nach dem Osten, 1941 waren es neunzehn, 1942 einhundertvier und 1943 zweihundertsiebenundfünfzig Transporte.” vgl auch: Tatiana de Rosnay: Sarahs Schlüssel

Erich Schaake
Bordeaux, mon amour
Eine Liebe zwischen Wehrmacht und Résistance
List Taschenbuch, 240 S., 2011

Odile Kennel: Was Ida sagt

20. November 2011

Es ist Ende der 80er Jahre, Louise lebt seit gut 11 Jahren in Berlin, damals hat sie ihre Familie in einem kleinen Ort in der Normandie verlassen, insbesondere mit ihrer Mutter Poulette hatte sie sich nie verstanden. Auf die Karten und Einladungen, die ihr die Mutter im Lauf der Jahre schickte, unpersönlich gehalten und formal, reagierte sie nie. Jetzt aber sieht sie auf der Todesanzeige für ihre Großtante Adrienne den Namen einer ihr völlig unbekannten Frau, Ida Kempf, einer Tochter der Verstorbenen, von der sie nichts weiß, obwohl doch in ihren Kindertagen die Großtante oft zu Besuch war bei ihnen. Kempf, ein deutscher Name… es verwirrt Louise und sie beschließt, zu dieser Beerdigung zu fahren, in der Hoffnung, die unbekannte Großcousine vllt zu treffen. Es ist die erste Rückkehr in ihre alte Heimat, der erste Besuch nach all den Jahren. Daß sie ihn beruflich mit einer Forschungsarbeit verknüpfen kann hilft ihr, über diese Grenze zu gehen, denn das es ein Grenzübertritt ist, zurück in ihre Vergangenheit, ist ihr (zumindest unterbewusst) klar.

Kurzgeschoren, aus einer Laune heraus kaum Haare auf dem Kopf, steht sie auf dem Friedhof in Belay, ihrem alten Heimatort. Sie spürt, wie jemand ihren Hinterkopf streichelt, die kurzen Stoppeln und sie wird auf Deutsch angeredet. Schneller als erwartet hat sie die Gesuchte getroffen…. Mit Poulette, ihrer Mutter, wechselt sie dagegen kaum ein Wort, nachdem diese sie ohne Willkommen wegen ihrer Kurzhaarigkeit angefahren hat. Nichts scheint sich bei ihr verändert zu haben.

Zusammen mit Ida verläßt Louise die Beerdigung, die beiden Frauen fahren zusammen an die Küste, übernachten dort auch. Ida erzählt (“ida á dit” ein schönes Wortspiel, das im Buch erklärt wird..) von der Vergangenheit, von ihrem Leben und dem Poulettes, mit der sie als Kind über viele, viele Jahre lang Blutsschwesternschaft hatte… es ist eine Familiengeschichte, die 1925/26 einsetzt, es ist eine Geschichte, in der Väter unbekannt bleiben, hinter solch unbezwingbaren Lügen verschwinden, daß diese schon fast wieder wahr werden, es ist eine Geschichte, in der Männer diese Frauen mit ihren Kindern heiraten, es ist eine Geschichte liebevoller Großeltern und liebloser Mütter, eine mit belanglosen Vätern, die sich hinter Zeitungen verschanzen, eine Geschichte, die im zweiten Weltkrieg tragisch und folgenschwere Liebe umfasst, die zwei Freundinnen entzweit, von denen die eine nach Deutschland geht und die andere an ihrem Kummer, an ihrer Trauer krank wird und sich in sich selbst zurückzieht…

Kaum etwas ist Louise bekannt von dem, was ihr Ida erzählt und sie merkt, daß sie bislang unwissend auf der Oberfläche ihres Lebens gefahren ist so wie ein Boot auf einem See treibt und kein Sicht hat in die Tiefe. Ab und an läßt Kennel ihre Louise sich die Frage stellen, ob sie hier, in ihrer Heimat, wo sie geboren ist und groß geworden, nach den Jahren der Abwesenheit, ob sie jetzt, wo sie wieder da ist, als Touristin anzusehen ist oder als Einheimische. Es ist diese Frage, die sich auch auf anderer Ebene stellt, hört Louise Ida nur zu bei einer Geschichte, als Besucherin sozusagen, in der zufällig auch ihr Leben involviert ist oder begibt sie sich selbst hinein und begreift sich als Bestandteil, als Angehörige ihrer Familie? Sie schwankt, ist noch nicht entschlossen, aber sie spürt, daß sie eigentlich keine Wahl hat, haben will.

Es sind viele Personen, die Kennel uns in ihrer Geschichte vorstellt, die Auflistung auf der Innenseite der Umschlagklappe hilft ein wenig bei der Orientierung. Und es ist ein sehr behutsamer, intensiver Text, voll mit einfühlsamen Bildern und Beschreibungen, voll mit Landschaften, mit Wolken und Meer .. mit Stimmungen, ein Text, der auch die Macht des Schicksals beschwört, der Unplanbarkeit des Lebens, das ein Mädchen, dem die Zukunft offen zu stehen scheint, in eine Sackgasse ihres Lebens manövriert, während es einem anderes, dem alles ohne große Perspektive vorgezeichnet scheint, auf einmal das Tor zu einer eigenen Welt öffnet.

Louise merkt in diesem Erzählen von Ida, auch in der unerwarteten Begegnung mit einem Jugendfreund, daß man sich aus der eigenen Geschichte nicht abkoppeln kann, auch wenn man sie augenscheinlich verläßt, in dem man geht. Die Geschichte läuft trotzdem weiter, man ist trotzdem immer Teil der Familie, der alten Freunde und nie wirklich vergessen. Alles, was der Familie geschieht, ändert auch den Status des Weggegangenen, selbst, wenn dieser das nie erfahren sollte.

Was mich als Leser traurig gemacht hat, ist die Tatsache, daß Kennel die tragischste Person ihrer Familiegeschichte auch zum Schluss nicht “erlöst”, obwohl sie sie auf diese Hand, die ihr wieder zurück hilft, die die Mauer um sie herum löst, warten läßt, sehnsüchtig warten läßt. Aber weder Ida noch Louise kommen auf den Gedanken, den letzten unbekannten Puzzlestein ihres Lebens zu suchen und Poulette damit zu erlösen…..

Der historische Hintergrund des zentralen Teils der Familiengeschichte ist die Besatzung Frankreichs durch die Deutschen im 2. Weltkrieg, die zu zahlreichen Liebschaften und Lieben zwischen den Feinden, die immer auch Menschen waren, führte und damit auch zu Kindern, ungeliebten Kindern, ca. 200.000 “les enfants de Boches”. Nach dem Krieg bzw. der Befreiung ließen viele Franzosen ihre Wut, ihren Hass an diesen Frauen aus und in einem archaischen Akt der Ausstoßung aus der Gemeinschaft und der Stigmatisierung schoren sie sie kahl und trieben sie durch die Straßen…. Die beiden Links unten geben eine erste Einführung in dieses traurige Thema.

Facit: “Was sagt Ida” ist ein sehr schönes, stilles und nachdenkliches Buch mit einem großen Einfühlungsvermögen in eine schwierige Familiengeschichte, geschrieben in einer bildreichen und behutsamen Sprache.

Links und Anmerkungen:

Wiki-Artikel zur “Horizontalen Kollaboration” (was ein fürchterlicher, häßlicher, diskriminierender Begriff….)
Bericht über die femmes tondues nach der Befreiung mit Bildern

Odile Kennel
Was Ida sagt
dtv, brosch. 316 S., 2011

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