Charles Bukowski: Das Leben und Sterben im Uncle Sam Hotel
10. Dezember 2011

Zwölf Kurzgeschichten, Stories, von Bukowski, geschrieben zwischen 1968 und 1972. Es sind typische Bukowskis, von der Bandbreite, die das Leben zu bieten hat, widmet er sich dem Teil, der beim Normalbürger ein eher defensives Zurückweichen hervorruft. Die Junkies, die Huren, Penner, die sich auf der Wettbahn herumtreiben und ein paar Dollar setzen mit der Hoffnung auf ein paar Dollar mehr für die nächste Flasche, Typen, denen kein Essen mehr vertragen, aber einen Drink immer, und fällt er noch so oft wieder aus dem Gesicht. Gelegenheitsjobs, die bei der ersten Gelegenheit wieder hingeschmissen werden, Beziehungen, die nur dazu dienen, zu zweit anstatt allein unterzugehen und die zu Ende sind, wenn etwas vermeintlich besseres an der nächsten Kreuzung steht. Reduktion des Lebens auf eine pure Triebbefriedigung, Fressen (eher weniger), Saufen, Vögeln. Kotzen, um Platz zu schaffen für eine neue Runde.
Mitleid, auch Selbstmitleid fehlt in den Stories. Bukowski ist ein guter Beobachter und guter Erzähler, er weiß die Pointen zu setzen, daß man – und wenn die Situation noch so tragisch ist – unwillkürlich lachen muss. Er sitzt mit Linda in irgendeinem billigen Hotel, schaut aus dem Fenster und ein Typ fliegt an ihm vorbei, auf der Straße zerplatzt er wie eine Tomate…. “.. Ich setzte mich hin und trank meinen Wein. Bald danach hörte ich den Krankenwagen. Was die da unten wirklich brauchten, war die Stadtreinigung. Naja, zum Teufel damit, wir hatten alle unsere Probleme. …“
Bukowskis Welt ist eine Gegenwelt, ein Sammelbecken für die, die aus der Welt der Normalbürger ausgesondert worden sind oder sich ausgekoppelt haben. Es ist aber auch ein Spiegel, den Bukowski uns vorhält, ein Bild, wie wir selbst auch wären, würden wir uns der Konventionen entledigen, der gesellschaftlichen Zwänge und dem Ehrgeiz, “etwas erreichen” zu wollen, wenn es nur noch ums überleben, den nächsten Tag ginge. Was erreichen zu wollen, vllt eine Chance nutzen, wenn sie sich bietet … das haben die Protagonisten der Stories längst aufgegeben, ihre Erfahrungen haben sie nicht ermutigt und so haben sie ihren Zeithorizont auf das Warten bis zum nächsten Suff, den nächsten F*ck oder die nächste Wette zurückgeschraubt.
Der Autor, der sich gegen seinen eigenen Erfolg letztlich garnicht wehren konnte (wie er es selbst so schön in seinem Buch “Hollywood” beschreibt … und der als Künstler natürlich auch immer eine gewisse Narrenfreiheit hatte) kennt die Schicksale, von denen er schreibt, aus eigenem Erleben. Daher wirft er niemandem etwas vor, die Dinge sind so, wie sie sind, er schildert sie mit einer Art poetischer Zärtlichkeit und Sympathie, er läßt seinen Figuren, mag ihr Schicksal noch so brutal auf sie einknüppeln, immer auch einen Rest von Selbstbestimmtheit und Würde.
Mehr von Bukowski bei aus.gelesen:
- Das Liebesleben der Hyäne
- Hollywood
Charles Bukowski
Das Leben und Sterben im Uncle Sam Hotel
Fischer TB, 128 S., 2009
Erstausgabe: 1990





