Ausschnitt aus dem Buchcover, vergrößert

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Büchergrüfte mit schwarzem Einband, der Totenkopf mit den gekreuzten Knochen erinnert an die allbekannte Flagge der (seefahrenden) Piraten: morbide soll das Büchersammeln sein und Lesen gar gefährlich – Steinhauer, ein ausgewiesener Fachmann für Bücher und Bibliotheken [1] hat sich der Aufgabe gestellt, die “dunkle Seite” des Buchwesens, sozusagen das Buchunwesen, das Buchverwesen, aufzudecken und ans Licht zu holen.

Uns Bücherfreunden zaubert die erst einmal behauptete Verbindung zwischen dem Morbiden und unseren geliebten Büchern fragende Falten in die Stirn, verbinden wir doch Bücher (selbst wenn sie den Tod zum Thema haben) mit anderen Menschen, mit deren Gedanken und Schicksalen, an denen wir in gewisser Weise durch das Buch beteiligt werden, kurz gesagt: mit Leben. Deshalb  macht Steinhauer in einem einleitenden Kapitel deutlich, was Büchersammlungen überhaupt mit Tod und Verfall zu tun haben. Büchersammlungen, d.h., wir werden nicht nur an das Buch als solches, sondern auch in seine Wohnstatt geführt, womit in den allermeisten Fällen nicht die Kleinstadt oder das Dorf, sprich: die eigene kleine Sammlung – obschon auch hier das Morbide wohnt, wie wir nach der Lektüre des Buches wissen werden – gemeint ist, sondern die Metropolen des Buches, die öffentlichen Bibliotheken  und Sammlungen, und die Leihbüchereien.

Diese sind selbst in ihrer bisherigen Funktion und Form aussterbende Einrichtungen: immer mehr Buchbestände werden aus den Lesesälen entfernt um Platz zu machen für Arbeitsplätze der Besucher, die kaum noch mit den gedruckten Werken, dafür aber mit ihren elektronischen Medien, auf denen Buchinhalte in digitalisierter Form immer reichhaltiger zugänglich sind, arbeiten. Die Bibliothek befindet sich also auf dem Weg von der Institution, die Gedrucktes zur Arbeit, zur Information sammelt und zur Verfügung stellt, hin zu einer Einrichtung, in der man mit im Grunde überall zugänglichen Informationen arbeitet, das aber in entsprechend passender und anziehender Atmosphäre.

Diesem weniger spezifische Zusammenhang mit dem Morbiden (schließlich ändert sich alles im Leben und muss sich auf neue Verhältnisse einstellen und auch für die Bibliotheken ist dies nicht die erste Wandlung ihrer Funktion) läßt der Autor dann eindeutigeres folgen. Ich will dies nur in einigen Stichworten ausführen, die Neugier zu wecken:

  • sowohl gibt es Bibliotheken, in denen Menschen bestattet wurden als auch Bibliotheken, die auf Friedhöfen eingerichtet wurden. Bei allen Bibliotheken oder Buchhandlungen, die sich in ehemaligen Kirchen befinden, ist dies eine starke Vermutung, da im Mittelalter oft Grabstätten in Kirchen angelegt wurden.
  • in diesem Zusammenhang auch die Analogie: ist der Friedhof der Ort, an dem das Körperliche begraben ist und die Grabstelle besucht werden kann, so kann man in der Bibliothek das geistige, intellektuelle Vermächtnis finden: die Bibliothek als Friedhof des Geistes, in dem dann ebenso Vergang ist (Stichwort: Bestandpflege, Aussortierungen, aber auch das Altern der Bücher, ihre eigene “Verwesung”). Kein Buch lebt ewig, die allermeisten Autoren sind trotz Bibliothken dem Vergessen anheim gestellt.
  • es gibt Bibliotheken, die Mumien oder Skelettteile ausstellen. Dies rührt aus der geschichtlichen Entwicklung her, die Trennung zwischen Museum und Bibliothek trat erst in der Periode ein, in der eine (immer detaillierter und anschaulicher werdende) Bildwiedergabe im Buchdruck möglich und daher der Zugriff auf ein real vorhandenes Objekt zur Veranschaulichung der Beschreibung nicht mehr nötig war.
  • ganz offensichtlich wird die Verbindung zum Morbiden, ja: zum Tödlichen, wenn man das Material, aus dem Bücher sind, betrachtet. Der in frühen Zeiten verwendete Papyrus: in unseren Breitengraden aus klimatischen Gründen dem Verfall, der Zersetzung anheim gegeben. Das Pergament, das den Papyrus ablöste: Tierhäute, sprich: Abfallverwertung aus der Schlachterei. Das Papier, das wiederum das Pergament ablöste, einst aus Textilien (Hadern) gemacht (dann haltbarer), später dann aus Holzschliff, der ebenfalls der Zersetzung zuneigte [2].
  • sehr manifest wird der Zusammenhang, wenn man erfährt, daß bei der Herstellung des Hadernpapiers auch Textilien z.B. von Verstorbenen (z.B. Pesttote, Milzbrand: von 1000 Arbeiterinnen starben innerhalb von 10 Jahren 50 an der Hadernkrankheit) verwendet wurden, ebenfalls wurden in den USA Leinenbänder von Mumien, mit denen Infektionserreger übertragen wurden, in der vorindustriellen Papierherstellung eingesetzt (“Fluch der Pharaonen”)
  • der Staub, der Schimmel im Bücherbestand: durchaus gesundheitsgefährdend, zumindest aber als Allergen stark wirksam
  • insbesondere die Leihbücherein sahen sich mit dem Problem konfrontiert, daß Büchern, die möglicherweise von (Infektions)kranken Lesern ausgeliehen worden waren, Keime anhafteten, die ansteckend waren: ein Einfallstor für die (gesundheits)Polizei, die für die öffentliche Ordnung zuständig war, die ggf. auch durch inhaltlich infektiöses Material (sprich: z.B. aufrührerisches Gedankengut) gestört werden könnte: ab in die Verbannung, den Giftschrank.

Der Vampirkult ist in Bibliotheken entstanden, Steinhauer beschreibt, wie aus einer regionalen Erscheinung, örtlich begrenzten Vorkommnissen dadurch ein anerkanntes Phänomen wurde,  daß es von Wissenschaftlern untersucht und vor allem die Ergebnisse dieser Untersuchungen veröffentlicht und in Bibliotheken gesammelt wurde. Auf diese Veröffentlichungen wiederum bezogen sich Epigonen, die nacharbeiteten und darauf wieder etc pp…. ein Kult war geboren. Ebenso wie die Figur des Frankensteinschen Monsters viel mit Büchern zu tun hat – und mit dem schlechten Sommer des Jahres 1816 [3]….

Genug, ich denke, ich habe genügend Andeutungen gemacht, um Interesse für das Büchlein zu wecken. Nur noch kurz zum Schluß des Werkes, in dem sich Steinhauer Gedanken macht um die Zukunft des Buches (um die ihm nicht bange ist, das das Buch so viele Alleinstellungsmerkmale gegenüber dem Digitalen hat, daß es einfach unverzichtbar ist) und die von Bibliotheken allgemein. In diesem Anmerkungen gibt es dann auch die Antwort auf die berüchtigte Frage von Nicht-so-viel-Lesern beim Anblick eines vollen Regales: “Und die hast du alle gelesen?” Welch eine Frage, die von Nichtverständnis zeugt: Natürlich nicht [4], denn mehr als ca 3000 bis 5000 Bücher schafft man einfach nicht in einem Leben [5]…..

Ach, schon wieder viel zu viel geschrieben, aber hoffentlich nicht zu viel verraten…. Das Büchlein ist obendrein noch schön geschrieben und auch wenn hie und da ein Zusammenhang zwischen Buch/Bibliothek und dem Morbiden wenig spezifisch erscheint (schließlich ist alles in welcher Weise auch immer, dem Untergang, dem Vergehen geweiht, so daß sich eine solche gegenseitige Beziehung immer ergibt) lautet mein Rat uneingeschränkt: Kauft es euch auch selber, dieses kleine schwarze, etwas skurrile, sehr interessante, lesenswerte, unterhaltsame Büchlein. Unbedingt!

Links und Anmerkungen:

[1] Vita des Autoren: http://www.steinhauer-home.de/?page_id=4 auf seiner Homepage http://www.steinhauer-home.de
siehe auch hier diese interessanten Links über Eric Steinhauer – Halloween und die Kulturgeschichte des Morbiden: http://eisenhutverlag.wordpress.com/2012/10/24/.…. bzw. Friedhof der Datenträger: http://www.zeit.de/2012/44/Bibliotheksmumien-.….
[2].. wenn ich mir meine rowohlts rotationsromane aus den 50er Jahren anschaue, weiß ich, was Steinhauer meint….
[3] .. siehe z.B. hier: http://www.winterplanet.de/Sommer1816/Jos-Teil1.html
[4] vgl. hier auch im Blog die Buchvorstellung von Klaus Walther: Bücher sammeln.
Steinhauers Überschlagsbetrachtung verstehe ich nicht ganz: ein Regalmeter entspricht nach ihm 38 Büchern (ich habe immer mit 3 cm pro buch kalkuliert, das kommt also gut hin), andererseits spricht er davon, daß pro Regalboden 32 Tage Lesezeit zu veranschlagen sind…. das bringe ich nicht zusammen, denn dies hieße mehr als ein Buch pro Tag und das kann ich mir im normalen Leben nicht vorstellen.
[5] an der eigenen Erfahrung gemessen kommt das cum grano salis hin, ich lese jetzt seit Jahren ziemlich genau hundert Bücher pro Jahr (2 pro Woche), wenn ich das noch eine Dekade “durchhalte” und dann die Bücher rechne, die ich in Jugendjahren las… doch, so in etwa…

Eric W. Steinhauer
Büchergrüfte
Warum Büchersammeln morbide ist und Lesen gefährlich
diese Ausgabe: Lambert Schneider, HC, ca. 144 S., 2014

Freya

Wohl jeder kennt dieses belastende Gefühl der eigenen Unsicherheit, wenn man einen Freund hat, einen Bekannten, dem Schlimmes widerfahren ist, dessen Seele verletzt wurde, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wurde und der in tiefer Traurigkeit, Trauer sich befindet. Wie soll man so einem Menschen, der vielleicht seine(n) Liebste(n) verloren hat, vielleicht sein Kind oder einen nahen Freund, die Eltern, begegnen, was soll man sagen? Soll man überhaupt was sagen oder ihn in Ruhe lassen?

Diese Woche hatte ich selbst eine solche Frage vor mir stehen. Ich hatte bei einer entfernt bekannten Familie, die schon vor längerem ein schweres Schicksal heimsuchte, zu tun und grübelte, ob ich nun fragen sollte, wie es dem *** denn jetzt ginge. Würde ich damit etwas aufrühren oder einfach nur (was der Wahrheit entsprach) das Interesse am Schicksal von *** zeigen?

Genau von diesen Fragen handelt Stülpnagels Büchlein und was sie hier schreibt über die Begleitung von Trauernden nach Sterbefällen läßt sich auch ohne weiteres übertragen auf die Begleitung von Menschen, denen durch andere Ereignisse der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.

Stülpnagel schreibt auch aus der Sicht einer Betroffenen. Eines ihrer eigenen Kinder, Benny, hat sich das Leben genommen und dieser Suizid hat das Leben der gesamten Familie beeinflusst, geändert. In einfachen, unaufgeregten Sätzen und Beispielen beschreibt sie, was in Trauernden vorgeht, wie sich Trauer überhaupt äußern kann (äußerst unterschiedlich), was Trauernde brauchen, um die Trauer, das Verlustgefühl in ihr Leben integrieren zu können. Vehement wehrt sie sich (wie viele andere auch) gegen den Terminus: “-verarbeitung”, denn die Trauer wird nie verarbeitet, sie muss als Bestandteil des eigenen Lebens akzeptiert und eingebunden werden.

In der Trauer“, so schreibt sie, “sind wir allein und müssen unsere eigenen Schritte machen, aber wenn wir Glück haben sind wir nicht alleingelassen.
Ganz am Anfang gerade bei einem plötzlichen Tod ist es ganz besonders wichtig, dass es wenigstens einen Menschen gibt, der einfach da ist. Er muss nicht viel reden, er muss nicht trösten, denn im Moment gibt es für den Hinterbliebenen keinen Trost, er muss nichts zu erklären versuchen, sondern das emphatische Mitfühlen und Dasein ist das Entscheidende.”
[S. 25]

In diesem Zitat kommt eigentlich die ganze Botschaft ihres Buches hervor: den Trauernden nicht allein lassen, ihm den Raum lassen, damit er seine eigene Art zu trauern findet und eher zuwenig als das falsche sagen, den falschen Trost oder platte Weisheiten wie: “Das Leben geht weiter” zum Beispiel. Hier gibt Stülpnagel auch eine ganze Reihe von Vorschlägen, wie man als als Freund/Bekannter/Verwandter konkret handeln kann, wie man auf einen Trauernden eingehen, auf ihn zugehen kann und wie man eventuell reagieren kann auf dessen Bedürfnisse. Ganz wichtig ist es, diese oben von mir erwähnte Scheu zu überwinden, überhaupt auf einen Menschen zuzugehen, der in seiner Trauer verzweifelt ist.

Ach ja, meine eigene Frage vom Anfang des Beitrags: ich habe dann einfach gefragt und kaum war die Frage draußen, kamen auch schon die Antworten und das Erzählen ging los. Es war, als ob +++ darauf gewartet hätte, daß er endlich mal reden könnte, weil er auch gefragt worden ist. Gut so. Das gab/gibt auch mir Sicherheit.

Facit: ich halte das Buch für sehr gut, weil man merkt, daß die Autorin all das, was sie beschreibt, selbst durchlitten hat und ihre Ratschläge daher sehr angemessen und praxisnah sind. Durch die vielen Geschichten und Gedichte, die es enthält, könnte ich mir vorstellen, daß es auch Trauernden selbst viel Hilfe geben könnte.

Freya v. Stülpnagel
Ohne dich
Kösel, Januar 2009, 143 S.
ISBN-10: 3466368537
ISBN-13: 978-3466368532

p.s.: als ich diesen Text gestern schon angefangen hatte zu schreiben, bekam ich die Nachricht, daß ein (hochbetagter) Nachbar von mir gestorben ist…..

leiden

Das Buch von Siri Hustvedt ist ein langsames Buch voller Nachdenklichkeit und Stille. Ich kann mich kaum an eine Passage erinnern, in der voller Lebenslust gelacht wird. An einer Stelle des Buches ist daher auch folgerichtig von der herrschenden Freudlosigkeit die Rede, der Anhedonie. So sind die Personen immerzu am Denken, Reflektieren, Analysieren und auch Deuten, das “normale” Leben mit trivialen Gesprächen, so wie “Du und ich” sie führen, kommt im Buch praktisch nicht vor. Es ist daher ein Buch, das vom Leser viel Aufmerksamkeit erwartet, diese andererseits aber auch Wert ist.

Hauptperson des Buches ist Erik Davidson, ein geschiedener, leicht vereinsamter NewYorker Psychoanalytiker mit norwegischer Abstammung. Zusammen mit seiner Schwester Inga, der Witwe eines berühmten Schriftstellers, sichtet er den Nachlass seines verstorbenen Vaters und stößt in Briefen und Aufzeichnungen des Vaters auf Fragen, die ihn in ihren Bann schlagen und die beide klären wollen.

Die Nachforschungen der beiden führen in die Kindheit von Erik zurück und es wird schnell klar, daß dort auch für Erik selbst im Verhältnis zu seinem Vater Probleme vorhanden sind, die er verdrängt und die jetzt, zum Teil auch in einem internen Wechselspiel mit seinen Patienten, das immer wieder eingschoben wird, zu Tage treten.

Die Eltern von Erik und Inga lebten im ländlichen Amerika, Lars Davidson, der Vater, erlebte den Krieg in Asien mit und kehrt traumatisiert nach Hause zurück. Dort studiert er dann und wird Professor. Aber es gibt Geheimnisse, die nur angedeutet, aber nicht ausgesprochen werden. Eine Person, die mit diesen Geheimnissen zu tun hat, ist eine unbekannte Frau, Lisa, die beide jetzt zu finden versuchen.

Dieses Wechselspiel zwischen den Aufzeichnungen des Vaters, seinen eigenen Träumen und Erinnerungen führt zu einem ständigen Wechsel auch der Ebenen, es zeigt, wieviel Einfluss Träume auf das wirkliche Leben der Personen haben, wie sich in ihnen in symbolhafter Form die Fragen des Lebens manifestieren. Überhaupt finden sich in diesem Roman lange Passagen, die sich mit psychoanalytischen Fragen, oder auch allgemein mit Fragen des Verhältnisses von Realität, Wahrnehmung, Traum und Interpretation befassen, ein Fachgebiet, das der Autorin sehr wichtig ist. Vieles, was sie in diesem Themenkomplex schreibt, ist nachdenkenswert, ich habe mir auch eine Menge Textstellen angemerkt.

Neben diesem Haupterzählstrang gibt es noch eine Vielzahl weiterer Handlungsstränge:

Erik verliebt sich in die unter seine Wohnung zur Miete einziehende Jamaikanerin Miranda, die diese Liebe jedoch nicht erwidert. Sie wird im Gegenteil von ihrem Ex-Liebhaber, einem zum Stalking neigenden besessenen Fotografen, “belästigt”, mit dem sie ein Kind hat. In diesem “Dreiecksverhältnis” erlebt Erik alle Höhen und Tiefen eines unglücklich verliebten Menschen.

Inga, die Schwester, fühlt sich von einer Journalistin verfolgt, die an einer Enthüllungsgeschichte über ihren verstorbenen Mann Max arbeitet. Dieser wiederum, so entdeckt sie, hatte vormals eine Affäre mit einer unbedeutenden Schauspielerin, aus der ein Sohn hervorging. Einige Briefe, die Max dieser Schauspielerin geschrieben hatte, will sie unbedingt zurück haben, aber auch die Journalistin und ein Biograph sind hinter diesen Dokumenten her.

Sonia, Ingas Tochter, hat von ihrem Fenster aus den Anschlag auf die Twin-Towers beobachtet und tut sich schwer, diese Ereignisse zu verarbeiten, genauso wie den Tod ihres Vaters, der für sie ein Ideal ist.

Das das Buch leicht autobiographische Züge hat, ist in den Kritiken häufig genug erwähnt worden. Hustvedt verarbeitet echte Notizen ihres vor 4 Jahren verstorbenen Vaters in der Geschichte, baut um diese Notizen herum ihre Geschichte auf. So geben diese Aufzeichnungen keine fiktive Welt wieder, sondern spiegeln das einfache und auch harte Leben der Einwanderer aus Norwegen in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts wieder.

Das sich das Buch in einem Guss liest, wie mancher Kritiker schreibt, kann ich nicht sagen, dazu ist es zu schwermütig und hat auch zu viele Passagen, die man einfach auf sich wirken lassen muss. Aber gerade diese Nachdenklichkeit des Textes ist es, die mich gefesselt hat, dieses Interagieren der verschiedenen Bewusstseinsebenen.
Etwas albern und weit hergeholt fand ich den “Show-down” um die Briefe von Max, dem verstorbenen Schriftsteller. Aber das ist nur ein ganz klitzekleiner Kritikpunkt, genauso wie die Tatsache, daß in diesem Buch alles bedeutungsschwanger ist, eine Welt ohne triviales…..

Facit: keine leichte, aber eine lohnende Lektüre, trotz der Komplexität der Geschichte geschrieben in einem wunderbar leicht lesbaren Stil.

Siri Hustvedt
Die Leiden eines Amerikaners
Rowohlt Verlag, 2008, 416 S.
ISBN-10 3498029851
ISBN-13 9783498029852

Links:

Übersicht über weitere Rezensionen: http://www.perlentaucher.de/buch/29103.html

Interview mit der Autorin: http://www.rowohlt.de/magazin_artikel/Siri_Hustvedt_Die_Leiden_eines_Amerikaners.07012009.2683659.html

Audio-Beitrag des mdr: http://www.mdr.de/mdr-figaro/literatur/5373267.html

bibelk

Ich bin an dieses zweite Buch von Jacobs mit einigen Vorbehalten herangegangen, sein Erstling hat mir nicht gefallen und allein schon wegen der Ähnlichkeit der Titel erwartete ich ein entsprechend enttäuschendes Buch.

Gut. In gewissem Sinn wurde ich, besser gesagt: wurden meine tief gehängten Erwartungen aber nicht enttäuscht: schon in der Einleitung verkündet Jacobs sein Motiv, dieses Buch zu schreiben:

“…Ich musste die Bibel wörtlich nehmen und streng nach ihren Gesetzen leben. ….muss ich gestehen, daß es mir nicht zuletzt darum ging, vorliegendes Buch zu schreiben… Vor ein paar Jahren habe ich ein Buch über die Encycopaedia Britannica veröffentlicht…. Was sollte ich dem folgen lassen? Das einzige intellektuelle Abenteuer, das da mithalten konnte, schien mit die Auseinandersetzung mit dem einflussreichsten Buch der Welt, dem Bestseller schlechthin, der Bibel.” (S. 13, Unterstreichung von mir)

Bin ich ein Narr, daß ich vermute, der enorme Verkaufserfolg und damit auch finanzielle Erfolg seines Erstlings sei wenigstens ebenso ein Anreiz gewesen, die Bibel zu lesen?

Jedenfalls erscheinen mir die zwei anderen Gründe, die Jacobs an dieser Stelle nennt, ziemlich fadenscheinig:

  • “Ich würde die Religion nicht nur studieren, ich würde sie leben”
  • Ferner will er das Gebiet des “biblischen Literalismus” “beackern” und kennenlernen (biblischer Literalismus: fundamentalistischer Ansatz, die Bibel wörtlich zu nehmen, in den Staaten weit verbreitet, je nach Umfrage sollen sich 33 bis 55 % der Amerikaner dazu bekennen)

Kann man zum Wesen einer Religion durchdringen, in dem man Verhaltensvorschriften einer Gesellschaft befolgt, die vor Jahrtausenden gelebt hat? Den Ansatz kann ich nicht ohne weiteres nachvollziehen, es fällt mir schon schwer, zu verstehen, wie Menschen, die in eine solche Kultur hineingeboren werden (orthodoxe Juden zum Beispiel), danach leben können, aber daß ein moderner Mensch glaubt, die einer Religion innewohnende Spiritualität erfahren zu können, in dem er durch NY läuft und Ehebrecher mit Kieselsteinen bewirft (abgemilderte Form der im AT vorgeschriebenen Steinigung von Ehebrechern), nein, das kann ich nicht verstehen, finde dieses Motiv sogar anmassend.

Entsprechend meines obigen Beispiels ist auch das Buch aufgebaut: Jacobs greift sich vor allem die aus heutiger Sicht skurrilen oder völlig unverständlichen Vorschriften (und es gibt eine Menge davon) aus der Bibel heraus. Ob es nun die Kleidervorschriften sind (Verbot von Mischgewebe, keine Weiberkleider für Männer (Unisex-Klamotten wie T-Shirts z.B. usw), das Tragen von Quasten, von weißer Kleidung), die Ge- und Verbote zu bestimmten Speisen (koscheres Essen), die Hygienevorschriften (die vor allem die Frauen diskriminieren, die doch sehr unrein sind…. vor allem während und nach ihren Tagen, die Unreinheit der Männer nach der Bibel wird geflissentlich unterschlagen, von der berichtet Jacobs dann gegen Ende des Buches kurz), dann natürlich die rein religiösen Vorschriften etc pp….

Der Punkt, an dem ich das Buch fast beiseite gelegt habe, war der Versuch Jacobs, einen Kompromiss zu finden zwischen dem (häufigen Gebot) nach Todesstrafe für bestimmte Vergehen und den Problemen, das in die Tat umzusetzen:

“Die Strafe, die am häufigsten im Tanach Erwähung findet,  ist die Steinigung. Also müsste ich das eigentlich unbedingt mal ausprobieren.” (S. 123)

Natürlich will er in Wirklichkeit niemanden verletzen und so läuft er – wie er meint, listig – durch NY und bewirft Ehebrecher mit kleinen Kieselsteinchen, symbolisch halt. Ich habe mich mal vor geraumer Zeit aus einem anderen Anlass zum Thema Steinigung etwas kundig gemacht (wer es nachlesen möchte, hierlang). Wenn man weiß, was für eine überaus grausame “Strafe” das ist, kann ich es nur als Verhöhnung der ungezählten Opfer empfinden, wenn ein NYer Yuppie, der sich anmaßt, den Kern seiner Religion zu suchen, mit just diesem Ziel steinigungsimitierend durch die Straßen läuft….

Ich habe das Buch dann aber doch weitergelesen, denn auch wenn Jacobs die eher vermarktungsfähigen Aspekte seines Selbstversuches präsentiert, erfährt man doch vieles zu den Hintergründen für diese uns meist unverständlichen Gebote. Schließlich hat er einen religiösen Beraterkreis um sich gescharrt, der ihm mit Rat und Tat zur Seite steht. In der zweiten Hälfte des Buches findet man auch langsam etwas mehr Nachdenklichkeit beim Autor:

“Pass auf, daß du vor lauter Vorschriften und Geboten die wirklich wichtigen Dinge… nicht aus den Augen verlierst.” (S. 147)

Was vorher mehr eine Ansammlung von Anekdoten war wird jetzt doch immer mehr auch die Schilderung eines Selbsterfahrungsversuches:

“Jetzt, nach der Hälfte meiner Reise, wird mir klar, wie sehr meine Geisteshaltung sich verändert hat. Damit hatte ich nicht gerechnet: Ich fühle mich den ultrareligiösen New Yorkern näher als den säkularen. … Das sind meine Brüder im Geist… sie denken von morgens bis abends an ihren Gott, genau wie ich.” (S. 239)

Diese Rückkopplung seiner Befolgung der biblischen Gebote auf sich selbst ist nicht verwunderlich. Jacobs schildert dies, auch die Auswirkungen auf seine Familie (ich bewundere die Geduld seiner Frau…), er läßt uns auch teilhaben an seiner gesamten Familiengeschichte. Die zweite Schwangerschaft (was sagt die Bibel zur in-vitro-Fertilization?? großes Problem!), die zu Zwillingen führt, die Erziehung von Jasper, den kleinen Sohn: in all das fließt seine Beschäftigung mit dem AT ein.

Das letzte Drittel des Buches befasst sich dann mit dem NT, für einen Juden natürlich eine kleine Herausforderung, müsste er doch im Grunde Jesus als seinen Gott anerkennen, denn das ist die Forderung No. 1 des NT. Ansonsten stellt sich das NT ver- und gebotstechnisch als sehr viel einfacher dar als das AT und so berichtet Jacobs sehr interessant über seine Besuche bei verschiedenen fundamentalistischen/konservativen christlichen Kirchen in den USA. Das ist jetzt wirklich lesenswert.

Facit: Das zweite Buch von Jacobs hat bei aller Kritik, die ich an ihm übe, deutlich mehr Substanz. Als Autor einer Publikumszeitschrift versteht er es, flüssig, pointenreich und unterhaltsam zu schreiben, also auch von daher ist es kein Verlust, wenn man das Buch liest.

A. J. Jacobs
Die Bibel und ich
Ullstein, September 2008, 432 S.
ISBN-10: 3550087241
ISBN-13: 978-3550087240

Joyce Carol Oates: Zombie

10. Januar 2009

oates

“Die Psychochirurgie erlangt ihre Erfolge dadurch, daß sie die Phantasie zerschmettert, Gefühle abstumpft, abstraktes Denken vernichtet und ein roboterähnliches, kontrollierbares Individuum schafft.” (Dr. Walter Freeman [1])

“Ein echter ZOMBIE wäre mein für immer. Er würde jedem meiner Befehle gehorchen. “Ja, Meister”, würde er sagen & “Nein, Meister.” Er würde vor mir niederknien & seine Augen zu mir aufheben & sagen: “Ich liebe Euch, Meister, Es gibt keinen außer Euch, Meister.”
So würde es geschehen & so würde es sein. …..

Natürlich würde mein ZOMBIE nicht verurteilen. Ein ZOMBIE würde sagen: “Gott segne Euch, Meister.” Er würde sagen: “Ihr seid gut, Meister. Ihr seid gütig und voller Erbarmen.” Er würde sagen: “*piept* mich in den *piep*, Meister, bis ich blaue Brocken blute.” Er würde um sein Essen bitten & er würde mich um Luft zum Atmen bitten. Er würde mir jederzeit den gebotenen Respekt erweisen. Er wüde mit seiner Zunge lecken, wie ich es ihn heiße. Er würde mit seinem Mund lutschen, wie ich es ihn heiße. Er würde die *piep*backen auseinanderziehen, wie ich es ihn heiße. Er würde teddybärig schmusen, wie ich es ihn heiße. Er würde seinen Kopf an meine Schulter legen wie ein Baby. Oder ich würde meinen Kopf an seine Schulter legen wie ein Baby. Wir würden unter der Decke in meinem Bett im Hausmeisterzimmer liegen, dem Novemberwind lauschen & dem Schlag der Glocken vom Turm des Music College & WIR WÜRDEN DIE SCHLÄGE ZÄHLEN, BIS WIR IM GLEICHEN AUGENBLICK EINSCHLAFEN WÜRDEN.” (Q.P. im Buch “Zomie” [6])

Quentin P., der sich selbst meist Q.P. nennt, ist ein ca. 30 jähriger homosexueller Mann, der wegen einer Sexualstraftat zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden ist. Er erfüllt die Bewährungsauflagen wie Besuche bei seinem Bewährungshelfer und einem Therapeuten lustlos, aber gewissenhaft. Er arbeitet und geht auf die nahe gelegene Hochschule, seine Familie hält zu ihm. Aber hinter dieser Fassade nach außen hin brodelt in Q.P. ein Plan, zu dem er durch einen Aufsatz von Freemann [5] animiert worden ist, sein Plan, seine Wunschvorstellung, sein Ziel beschreibt er wie oben in dem zweiten Zitat wiedergegeben: er will sich eine willenlose Kreatur machen, die ihm bedingungslos gehört und gehorcht.

Durch den Spiegel-Aufsatz [4], den ich schon einmal vor einigen Monaten gelesen habe, wusste ich von dieser Methode, psychisch auffällige Menschen zu behandeln, in dem man im Hirn von außen Nervenbahnen durchtrennt. Ich war damals schockiert, daß ein Arzt sich derartiges einfallen lassen kann, für mich gehört das zum grausamsten und unmenschlichsten, was ich mir vorstellen kann. In den Links, die ich unten angegeben habe [2a, b], kann man sich über diese Methode und ihren Protagonisten mit seinem “Lobomobil” auch per video informieren, da ich mir aber das nicht in toto angetan habe, kann ich weder für die Qualität noch für die Aussage hinter den Filmen (befürwortend/ablehnend) eine Garantie übernehmen.

Q.P. jedenfalls ist von dem Gedanken besessen, durch diese relative “einfache” Methode den Willen eines Menschen, der ihm als ZOMBIE geeignet erscheint, auszuschalten. So besorgt er sich Handwerkszeug (einen Eispickel), bereitet seinen Van vor und geht auf Opfersuche. Was folgt, sind Blutorgien, denn für seine homemade-Lobotomie hat er natürlich keine Übung und Erfahrung (die er aber zu erlangen hofft), ferner verläßt Q.P. regelmäßig die Selbstkontrolle, er kommt zu heftigen Höhepunkten und hat dann seinem Opfer den Eispickel um einige Zentimeter zu weit ins Hirns gerammt. Das sind die Stellen, bei denen ich mir ernstlich überlegt habe, das Buch beiseite zu legen…. eigentlich mag ich so etwas nicht….

Von seinen Opfern sammelt er Andenken, hier ein abgeschnittener und eingelegter Penis, dort einen Goldzahn, die Handschuhe des Dritten, die Mütze des Vierten und ein aus Haaren geflochtenes Armband des Nächsten…..

Q.P. ist krank und böse. Oates beschreibt seine Geschichte aus der Innenschau, man erlebt die Welt des Q.P., die hin und wieder völlig aus ihrer Bahn ausschert, als ob man im Hirn von Quentin sitzt. Daher enthält sich Oates auch jeglicher moralischer Wertung, sie läßt uns einfach diese grauslige Höllenfahrt miterleben, die Ängste von Quentin, seine Planungen, seine Begierden, Hoffnungen, die Art, wie er seinen Mitmenschen etwas vorspielt, wie er in Panik gerät, wenn er Blickkontakt zu jemanden aufnehmen muss (oder angeschaut wird), die Erregung, wenn er einen schönen Jungen oder einen aufregenden Mann sieht, die Ekstase bei seinen Taten, aber auch Enttäuschung und Frustration, weil sich seine potentiellen Zombies gegen ihn wehren oder weil sein Vorhaben mal wieder gescheitert ist…. all das beschreibt Oates unvermittelt direkt aus der Sicht von Quentin. Sie beschreibt es in einer Sprache, für die das obige Zitat ein gutes Beispiel ist: kurze, abgehackte Sätze, als ob Quentin in einem stetigem Selbstgespräch mit sich wäre, Gespräche von Q. mit anderen Menschen beschränken sich meist auf kurze, kürzeste Antworten, ganz anders als seine inneren Monologe.

In gewisser Weise kann man das Buch mit “Kevin” oder mit dem “Fünften Kind” vergleichen, alle drei Bücher handeln von Menschen, die einfach (in unserer Definition) böse sind. Oates jedoch führt uns hier – im Gegensatz zu den beiden anderen Autorinnen – den Bösen als Normalzustand vor: dadurch, daß Q. sich selbst natürlich nicht als böse oder abartig ansieht, wird automatisch die “normale” Aussenwelt für ihn bedrohlich, schon Blickkontakte empfindet er als aggressiv, er leidet darunter, daß er von z.B. seinen Mitstudenten nicht zur Kenntnis genommen wird, daß die Eltern ihn mit Fragen und Besuchen belästigen. Er zieht sich immer weiter in seine Phantasiewelt zurück, zu seinen Planungen, besitzt aber die notwendige Intelligenz, um nach außen hin “normal” zu wirken und auch aktiv dafür zu sorgen, daß er als “normal” wahrgenommen wird.

Nachtrag am 12.01.2008:

Der Figur des Q.P. liegt ein realer Serienmörder zugrunde, der zwischen 1978 und 1991 [9] in den USA 17 Männer ermordete, siehe auch [8]

Facit: Ich weigere mich zu schreiben, mir hätte dieses Buch gefallen. Aber es ist schon faszinierend, wie Oates [7] einen durch die Gedankenwelt eines kranken Hirns führt.

Links:

[1] http://www.lobomobile.de/
[2a] bei youtube sind unter dem Stichwort “Lobotomy” einige Videos unterschiedlicher Art zu finden
[2b] Das volle Lobotomie-Programm: http://www.pbs.org/wgbh/amex/lobotomist/program/
die Videos sind aber nichts für schwache Nerven, ich habe sie mir nicht alle anschauen können.
[3] weitere Rezensionen sind unter http://www.perlentaucher.de/buch/1209.html zu finden, ferner bei D. Wunderlich: http://www.dieterwunderlich.de/Oates_zombie.htm#cont
[4] Spiegel-Bericht über Freeman: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,562025,00.html
[5] Biographische Angaben zur Freeman in der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Freeman
[6] Kapitel 53 (auszugsweise). Das Ge”piep”e dient nur dazu, google fernzuhalten. Die Suchfragen, mit denen mein blog gefunden wird, sind schon so seltsam genug….
[7] Biographische Angaben zu Oates in der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Joyce_Carol_Oates
[8] Videos zu Jeffrey Dahmer: http://www.youtube.com/results?search_query=Jeffrey+Dahmer&search_type=&aq=f
[9] Biographische Angaben zu Dahmer in der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Jeffrey_Dahmer

Joyce Carol Oates
Zombie
Area-Verlag, 2005
ISBN-10: 3899963199
ISBN-13: 978-3899963199

(Das Buch enthält als zweiten Roman “Der Dämon” von Hubert Selby)

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