I have AIDS. I am surprised that I do. … ….. ….. I have AIDS and must die. There it is. …. Really, I can say nothing further at this point. Pray for me.. [1]

Im Frühsommer 1993 leidet der amerikanische Schriftsteller und Journalist Harold Brodkey unter einer schweren Bronchitis, die er lange verschleppt. Schließlich erleidet er einen Zusammenbruch und wird durch die Ambulanz in ein Krankenhaus eingeliefert: “So endete mein Leben. Und mein Sterben begann.” [7] Die Tests im Krankenhaus ergaben, daß Brodkey unter eine Aids-typischen Form der Lungenentzündung litt; die Diagnose war, daß er an Aids leidet.

Harold Brodkey verstarb im Herbst 1995. In der Zeit zwischen Diagnose und seinem Tod führte er ein Tagebuch, das posthum unter dem Titel “Die Geschichte meines Todes” publiziert wurde. Diese Aufzeichnungen sind sehr genau, analysierend, sezierend vielleicht sogar, es ist der Versuch, sein Leben auch in der Rückschau dem Wesen nach, auch den Ursachen und Wirkungen nach, zu erfassen.

Ich habe dieser Buchvorstellung diesen Satz Brodkeys: “Ich habe Aids. Ich bin erstaunt darüber.”, mit dem auch das Buch beginnt, vorausgestellt. Er gibt meiner Ansicht nach zweierlei gut wieder: Zum einen ist es ein wirklich grandioses Understatement, 1993 war die Bekämpfung von Aids ja bei weitem noch nicht so weit vorangeschritten wie heutzutage und die Diagnose ein sicheres Urteil darüber, daß der Tod in nicht allzu ferner Zukunft eintreten wird. Wahrlich ein Grund, erstaunt zu sein. Zum anderen deutet der Satz schon daraufhin, daß Brodkey versucht, sich herauszunehmen, alles aus einer gewissen Distanziertheit heraus zu betrachten und zu erleben. Soweit dies möglich ist, denn die Beschwerden, die Symptomatik, unter der der Autor leidet, muss enorm gewesen sein, körperliche Schwäche bis hin zur Auszehrung, absolute Atemnot gehören zu den Begleitumständen dieser opportunistischen Infektion [4].

Die Infektion selbst liegt wohl viele Jahre zurück, Brodkey terminiert sie auf die 60er und 70er Jahre, jedenfalls vor 1977, einer Periode, in der er zeitweilig homosexuelle Beziehungen hatte, bevor er 1978 dann die Schriftstellerin Ellen Schwamm heiratete (die er aber nicht infizierte) und mit der er eine Tochter hatte. Ellen pflegt ihn die Zeit bis zum Tod aufopferungsvoll, obwohl man manchmal aus dem Beschriebenen nicht erkennt, inwieweit dies dem Kranken recht ist, sieht er sich doch als Sterbenden, der einen Gesunden Menschen an sich bindet und vom Leben abschneidet. Sterben und Tod sind wie eine Scheidung, so in etwa steht es an einer Stelle im Buch. Aber Ellen ist und wird im Lauf der Zeit immer mehr sein Bindeglied in die Welt der Lebenden.

Die Diagnose Aids stößt Brodkey in ein Zwischenreich, der sicher eintretende Tod, vllt nach noch zwei, drei guten Jahren ist so etwas wie ein “Alleinstellungsmerkmal”, daß ihn aus der Menge der Bekannten und Verwandten heraushebt. Ist der Kampf gegen das Sterben sinnvoll, ist der Tod eventuell sogar ein Freund, der manchen Stunden eine überwältligende Schönheit verleiht? Oder ist er der große Langweiler, der Schritt für Schritt näher kommt, unspektakulär, einfach so…? Die Einstellung zum Tod wechselt, ist stimmungsabhängig, abhängig vom körperlichen Befinden.

Brodkey kann kaum atmen, kaum Luft holen. Nur langsam bessert sich sein Zustand, nimmt er wieder etwas zu. Er läßt sich aus dem Krankenhaus entlassen, will unbedingt nach Hause. Barry, sein Arzt, rät ihm ob der Schwäche ab, kann sich aber auf Dauer diesem existentiellen Wunsch nicht verschließen. Entgegen dem Rat Barrys geht Brodkey offensiv mit seiner Aids-Erkrankung um [1] und gibt im New Yorker, für den er oft schreibt, Eindrücke und Berichte über sich wieder. Natürlich erfährt er die Stigmatisierung eines Aids-Kranken (damals war schließlich noch der Begriff “Schwulenseuche” geläufig…), nicht jeder kann mit dieser Offenheit umgehen.

Die Gärtnerarbeit im Landhaus macht ihm Spaß, mit Ellen verbringt er dort viel Zeit. Fernsehen wird wichtig für ihn, die Ablenkung… Er schreibt sein Tagebuch, reist damit zurück in sein Leben, das in diesem Buch veröffentlich ist. Wir erfahren von seiner Kindheit, der Verkauf des kleinen Harold an die Cousine seines Vater, Doris und ihrem Mann Joe Brodkey, die den Kleinen adoptieren. Von Joe Brodkey wird er sexuell bedrängt und misshandelt, die Kindheit kann nicht sehr harmonisch verlaufen sein, zumal beide Adoptiveltern oft krank waren. Er schildert seine homosexuellen Beziehungen, die von seiner Seite aus eher eine Art Geschäft auf Gegenseitigkeit zu sein schienen als wirkliches Schwulsein. Mit Ellen traf er dann seine große Liebe (über seine erste Ehe hat er nichts berichtet), die für ihn den großen Sprung aus ihrem bisherigen Leben wagte. Der Schriftsteller Brodkey – natürlich läßt er auch einiges an Anmerkungen zu seinen Kollegen, zum Beruf, fallen, für uns in Deutschland ist seine Reise nach Venedig (1994, schon sehr geschwächt) interessant, auf der er seinen deutschen Verleger trifft sowie Kritiker und Übersetzer [5]. Am Ende merkt er, wie ihm das Leben langsam aus den Händen rinnt, er immer mehr abgeben muss, weil er zu immer weniger imstande ist.. so kann er irgendwann Ellen nur noch zuschauen beim Pflanzen der Blumen, beim Graben .. beim Zusammenrechen des Laubes…. nicht erst der Tod, schon das Sterbern löscht das aus, was ihn ausmachte, seine Identität.

Trotz all dieser Details stellte sich beim Lesen kaum tiefgehende Anteilnahme für Brodkey ein. Der Abstand, den er durch seine sehr intellektuelle Art des Umgangs schafft, verhindert persönliche Gefühle. Manches, was er schreibt, wirkt eingebildet bis arrogant, manche Abschnitte müsste man wohl zwei- bis dreimal Lesen, bis man versteht, was er meint. Oft meint man, Widersprüche in seinen Aussagen zu entdecken, vllt spiegeln sich hier die emotionalen Berg- und Talfahrten angesichts der ausweglosen Situation, die durch nichts zu beschönigen ist und die ihm täglich, stündlich durch seine körperlichen Einschränkungen bewusst gemacht wird.

Brodkey schreibt wenige Wochen vor seinem Tod folgende Zeilen:

“… Die Welt erscheint mir noch immer wie in großer Ferne. Und jeden dahingleitenden Moment höre ich wispiern. Und doch bin ich glücklich, sogar überdreht, richtig närrisch. Aber glücklich. Welch sonderbare Vorstellung, daß man den eigenen Tod genießen könnte! Ellen hat begonnen, über dieses Phänomen zu lachen. Wir sind grotesk, das wissen wir, aber was können wir schon tun? wir sind glücklich.”

Eine Lebens- bzw. Sterbensgeschichte mit dieser Prämisse: “Du wirst noch zwei, drei Jahre leben und dann sterben” bringt einen automatisch dazu, sich selbst in diese Situation zu versetzen, wie würde man selbst auf so eine Ankündigung reagieren? Es ist keine unmögliche Situation, völlig unabhängig vom Alter kann das Schicksal den eigenen Lebensfaden jederzeit kürzen, stark kürzen. Sobald man geboren wird (in Wirklichkeit noch früher) ist man alt genug zum Sterben. Findet man bei alten Menschen oft eine gewisse Lebenssattheit (die nichts mir Verzweifelung oder ähnlichem zu tun hat), die einfach sagt, ich war jetzt 80, 90 Jahre auf der Welt, ich habe hier nichts mehr zu erwarten, es wird Zeit, daß der liebe Gott mich holt, ist das bei jüngeren Menschen kaum der Fall. Auch Brodkey hatte sich als “Minimalziel” das Erleben des neuen Jahrtausends gesetzt, er wäre erst siebzig gewesen…. Was also würde man selber fühlen? Panik? Sicher, allein der Gedanke an all die Menschen, die Dinge, die einem viel bedeuten und die man zurückläßt, schnüren das Herz zu… auf wen würde sich der Zorn, die Wut, die unbändige Wut richtigen, daß man sterben muss? Und wie würde sie sich wieder mäßigen, könnte man sich selbst abfinden mit seinem Schicksal, den “..eigenen Tod geniessen..” lernen, glücklich sein gar? Niemand weiß das und niemand kann das im Vornherein sagen….

Brodkeys Aufzeichnungen sind auch ein Versuch, den Sinn, die Essenz [6] des Todes, des eigenen Todes aufzuspüren. Es ist ein Buch, das man auf sich wirken lassen und wahrscheinlich mehr wie einmal lesen muss, um all das, was es enthält, zu erfassen. Beim ersten Lesen hält Brodkey uns auf Abstand, seine die eigenen Befindlichkeiten und die Ereignisse mit großer sprachlicher Genauigkeit erfassende Art zu berichten, lässt mehr (.. ließ für mich mehr…) nicht zu. Trotz dieser Einschränkung ist es ein absolut interessantes, lesens- und nachdenkenswertes Dokument eines Menschen, der sich selbst beim Sterben beobachtet.

Links und Anmerkungen:

[1] Harold Brodkey: To my Readers, The New Yorker, June 21, 1993
[2] Wiki-Artikel zu Harold Brodkey
[3] Autorenseite seines deutschen Verlages
[4] http://www.hivbuch.de/opportunistische-infektionen-oi.html
[5] Abstract des Berichts im New Yorker
interessanter Text zum Thema “Angst vor dem Tod
[6] Verena Lueken im FAZ Feuilleton

[7] Nachtrag: ich lese gerade noch einmal den artikel und stolpere über das erste zitat: “So endete mein Leben. Und mein Sterben begann.” eine durchaus plakative feststellung, aber ein irrtum… sterben ist ein teil des lebens und es hilft sehr, es als solchen zu begreifen. (16.1.2012)

Harold Brodkey

Die Geschichte meines Todes
übersetzt von Angela Praesent
Rowohlt, HC, 192 S., 1997

Der Mediziner Nuland veröffentlichte 1993 sein Buch: “How to Die”, das ein Jahr später in deutscher Übersetzung erschien. Soweit ich mich erinnere (ich habe mir das Buch schon damals, direkt nach dem Erscheinen gekauft) war das seinerzeit schon ein wenig aufsehenerregend, wie in dieser Deutlichkeit Krankheitsverläufe und Sterbeprozesse beschrieben wurden. Mittlerweile hat dieses Thema gottseidank weitgehend seinen Tabucharakter verloren, Institutionen und Einrichtungen wie die Hospizbewegung, Patientenverfügung, Betreuungsvollmachten, das Aufkommen der Palliativmedizin haben dazu ebenso beigetragen wie die inzwischen mehr wie zahlreichen Publikationen zum Thema.

Ich erinnere mich noch gut, daß ich das Buch von Nuland damals nicht zu Ende gelesen habe, mir waren diese expliziten Schilderungen, was einmal (auch mit mir) geschehen wird, zu belastend. Da ich mich aber heutzutage viel mit diesem Thema auseinandersetze (im Blog habe ich ja schon einige Bücher zu diesem Themenkomplex vorgestellt), habe ich mir auch “Wie wir sterben” noch einmal aus dem Regal geholt.

Ausgehend von seinen eigenen Erfahrungen als Mediziner untersucht Nuland das Thema unter zwei Aspekten: zum einen dem rein medizinischen Aspekt: was passiert im Körper bzw. ist passiert, wenn der Mediziner diese oder jene Krankheit diagnostiziert. Welchen Schaden hat sie angerichtet, wie ist sie zustande gekommen, was kann man dagegen tun, welche Aussichten bestehen. (Selbstverständlich ist das Buch, das vor 17 Jahren erschient, bzgl der medinzinischen Seite nicht mehr Stand der Technik, diese hat sich was Diagnostik und auch Therapie angeht sehr viel weiterentwickelt.) Und es ist nicht immer schön, was das Alter für den Menschen bereit hält, Phillip Roth hat es ja (wenngleich auch nicht unwidersprochen [2]) als “Massaker” [1] bezeichnet….. Ausführlich geht Nuland auf folgende Krankheiten ein: den Herzinfarkt, den Schlaganfall, Krebs, Alzheimer und Aids (wobei diese Krankheit damals noch relativ “neu” war). Ferner bespricht er allgemeine Alterungsvorgänge beim Menschen, ein Abschnitt beschäftigt sich mit Unfall, Selbstmord und Sterbehilfe. In diesen Kapiteln arbeitet er anhand von Einzelfällen allgemeine Charakteristika der jeweiligen Krankheiten heraus und stellt diese klar, deutlich und verständlich dar.

Das Buch hat den Untertitel “Ein Ende in Würde?”, wobei das Fragezeichen wichtig ist, denn es ist schon eine Frage, was unter der Würde eines Kranken, Sterbenden zu verstehen ist. Der körperliche Verfall eines Menschen, dieses angesprochene “Massaker”, kann (und garnicht mal so selten) zu Zuständen führen, bei denen man schwerlich von würdig reden kann. Inkontinenz, geistige Verwirrung, Orientierungslosigkeit, völlige Hilflosigkeit, Sprachverlust und damit der Verlust an Eigenständigkeit stellen eine so große Einbuße dar, daß darunter auch das gesamte Bild des Menschen leidet.

Was also heißt es, die Würde des Sterbenden zu wahren, sozusagen den kontinuierlichen Übergang zur Totenwürde [3] zu meistern? Es heißt im Grunde, auch den Sterbenden in seinem Menschsein zu achten, ihn in seinen reduzierten und jetzt sehr spezifischen Bedürfnissen ernst zu nehmen, ihn nicht allein zu lassen, ihn zu begleiten. Es heißt, ihm gegenüber wahrhaftig zu sein, ihm keine Hoffnung machen (die er, der Sterbende unter Umständen sowieso nicht glauben wird), wo keine ist, die eigene Unsicherheit zugeben, wo sie vorhanden ist, fähig sein, mit ihm über Tod und Sterben zu reden, ihn zu fragen, was er braucht, um eventuell Frieden zu finden. Nuland führt ein langes Zitat aus Tolstois Novelle: Der Tod des Iwan Iljitsch an, in dem dieser bitterliche Klage darüber führt, warum ihn jeder anlügen würde ob seines Zustandes und niemand mit ihm redete: “Das, was Iwan Iljitsch am meisten quälte, war die Lüge….” [4]

Vor allem auch appelliert Nuland an seine Berufskollegen, den Tod eines Patienten nicht länger als Niederlage der ärztlichen Kunst aufzufassen, sondern als das natürliche Ende eines jeden Lebens, eines jedes Lebewesens, das existiert. Sind die Lebensspannen auch noch so unterschiedlich wie zwischen Eintagsfliege und Mammutbaum, alles lebende wird sterben, muss sterben. Deshalb, so Nuland (und an diesen Forderungen hat sich auch Jahre später nichts geändert, vgl. Ridder [5]) sollte der Arzt immer auch den Menschen und sein Wohl im Auge haben und sich nicht nur auf die Krankheit konzentrieren. Sinnloses Behandeln, daß weniger Leben verlängert als eher das Sterben verhindert, lehnt er deutlich ab, auch aus den eigenen Erfahrungen und Fehlern seines Berufslebens heraus.

Daß diese Forderungen im Grundsatz heute noch genauso an die Ärzteschaft gerichtet werden müssen [5], bedeutet natürlich auch, daß Nulands Appell sich zumindest noch nicht allgemein durchgesetzt hat, daß verbreitet immer noch behandelt wird um der Behandlung willen, und nicht um des Patientenwohls willen. Eine Behandlung muss “vernünftig” sein, daß heißt, eine akzeptable Chance auf Verbesserung bieten. Was akzeptabel ist, das haben Arzt und Patient gemeinsam festzulegen [6], vor allem unter dem Gesichtspunkt des Patientenwohls.

Facit: Hier hat sich ein Arzt Gedanken gemacht um seine Tätigkeit und auch aus Fehlern gelernt. Immer noch sehr lesenswert.

Anmerkungen und Links:

[1] Interview mit Philipp Roth im Spiegel
[2] H.J. Vogel in der FAZ
[3] vgl. zu diesem Begriff: Uden R.: Wohin mit den Toten? Totenwürde zwischen Entsorgung und Ewigkeit, Gütersloh 2006
[4] hier kann in Auszügen die Textstelle nachgelesen werden
[5] Michael de Ridder: Wie wollen wir sterben? zur Buchbesprechung
[6] in diesem Zusammenhang sind die “Diktate über Sterben und Tod” von Peter Noll (Piper, 1984) interessant, der nach einem diagnostizierten Blasenkarzinom jegliche Behandlung verweigert – obwohl die Überlebenschancen anfänglich mit 50 % angegeben werden (S.9). Noll spricht an anderer Stelle (S. 26) sogar davon, daß “der Lebenszwang einfach nicht so stark sein [darf], dass du all dies [Apparate, Kanülen in jeder Körperöffnung etc pp] über dich ergehen läßt. Der Lebenswille muss sich dem entgegensetzen.”
Vllt. sollte ich das Buch doch mal weiterlesen, ich habe es nach mehreren Anläufen immer wieder beiseite gelegt. Es sind zu viele allgemeine Betrachtungen in diesen Diktaten, die mich nicht so interessieren….

Sherwin B. Nuland
Wie wir sterben
Kindler, 1994, HC, 400 S.
ISBN-10: 3463402114

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