Das ganze Land war von einem Gedenkfieber befallen,
und je mehr es seiner Toten gedachte,
desto weniger kümmerte es sich um die,
die diesen Krieg überlebt hatten.

Der Erste Weltkrieg, ein menschenfressendes Monstrum, das nach vier Jahren Dauer Millionen von jungen Männern an der Front und Menschen allen Alters im übrigen Land das Leben kostete, sie körperlich und/oder seelisch verkrüppelte. Dieser Roman des Franzosen Pierre Lemaitre, der bislang mehr unter die Krimi- und Thrillerautor zu zählen war, geht zurück in diese Zeit, er setzt heute, zum Zeitpunkt, da ich diese Besprechung online stelle, vor 96 Jahren ein, am 2. November des Jahres 1918…

lemaitre-cover

Wieder einmal wabern an der Front die Gerüchte, der Krieg sei bald vorbei, es werde ein Waffenstillstand verhandelt – es ist nicht das erste Mal, daß man davon hört. Doch dieses Mal scheint es nicht völlig aus der Luft gegriffen, der Krieg geht vielleicht wirklich bald seinem Ende zu…. nur jetzt nicht noch eine Kugel fangen, nur jetzt nicht noch verletzt werden, nachdem man vier Jahre durchgehalten hat… und doch: es gibt auch noch den aggressiven, unterschwelligen Wunsch, jetzt, wo es noch möglich ist, es den “Boches” zu zeigen, sie noch einmal zu schlagen, sie zu töten….

Im Frontabschnitt 113 wird ein Spähtrupp ausgesandt, dann hört man Schüsse, die Späher liegen tot auf dem Feld. Wut brandet auf, unbändige Wut: ein Angriff wird geplant und die Männer stürmen unter dem Befehl von Lt. Pradelle auf die deutschen Linien zu. Unter diesen Soldaten sind auch Éduard Péricourt und Albert Maillard… wenn Albert nur nicht so weit rechts nach vorne gestürmt wäre, ein wenig weiter links.. aber so hetzt er im Beschuss an den beiden Leichen des Spähtrupps vorbei und (Albert ist nicht der Schnellste im Kopf, er braucht immer ein wenig Zeit) stutzt ein paar Schritte später, irgendwas stimmt nicht, so wie sie da liegen… er kehrt um, sieht die beiden toten Kameraden und bemerkt, daß sie die Einschüsse im Rücken haben…. aber da ist auch schon Lt. Pradelle da, ein schöner, gut aussehender Mann, der, um sein Ziel zu erreichen, über Leichen geht. Er rammt Albert mit der Schulter, dieser stürzt in den Einschlagkrater einer Granate, nicht sonderlich tief, aber des schlammigen Bodens und des seit Tagen strömenden Regens wegen glatt wie Schmierseife, die Wand nicht zu erklimmen.. und von oben schaut Lt. Pradelle nach unten, er ist zufrieden mit dem, was er sieht und geht…. dann hebt ein ungeheuerer Schlag den Boden an, läßt alles erzittern, ein Granatanschlag in unmittelbarer Nähe… Albert schaut noch oben und sieht sie kommen, eine Flutwelle nasser, schwerer, lehmiger Erde, die sich auf ihn stürzt, ihn begräbt, ihn ersticken, ihn töten wird…

In letzter, allerletzter Sekunde wird er von dem selbst durch die Granate schwer verletzten Èduard, der die aus dem Boden ragende Bajonettspitze von Alberts Gewehr gesehen hat, gerettet…. diese Geschehnisse sind der Beginn einer besonderen Beziehung zwischen drei Menschen, die in den nächsten Jahren immer wieder miteinander zu tun haben werden: Albert und Èduard auf der einen, Lt. Henri d´Aulnay-Pradelle, der des erfolgreichen Sturmangriffs wegen zum Hauptmann befördert werden sollte, auf der anderen Seite.

Es sind drei sehr unterschiedliche Männer. Albert ist eher schüchtern, zurückhaltend, ohne großes Selbstvertrauen und mit Hang zur Angst. Es ist auch ein Erbe seiner Mutter, die nicht viel von ihm hielt, ihn immer klein machte, ihn nie lobte. Die Kindheit von Èduard dagegen war von den äußeren Verhältnissen völlig anders, man hatte im Hause des wohlhabenden Bankiers und Unternehmers Marcel Péricourt Geld, man redete nicht drüber. Dagegen – die Mutter verstarb früh und der Vater hätte sich weiß Gott einen anderen Sohn gewünscht, einen, der nicht so viel Spaß gehabt hätte am Zeichnen (und seine meisterhaften Zeichnungen – schon beim sehr jungen Èduard, das musste man zugeben – hatten es in sich, sorgten auch ob der deutlichen Sexualität, die zu sehen war, für kleine Skandale), am sich Schminken und Verkleiden, am Schauspielern und Deklamieren. Es war kein richtiger Sohn für Marcel Pèricourt, er beachtete ihn praktisch nicht, hatte ihn aufgegeben… Der Dritte, Lt. bzw. Hauptmann Pradelle war letzter Sproß eines kleinen, alten Adelsgeschlechts, das am verschwinden war. Was ihn auszeichnete, war seine absolute Ziel- und Ergebnisorientiertheit, er war skupellos, was er sich in den Kopf gesetzt hatte, versuchte er mit allen Mitteln zu erreichen. Dies gelang ihm meist, auch die Damen flogen ihm nur so zu, schön und ausdauernd, wie er war…. Der alte, heruntergekommene Familiensitz: es war sein Ziel, ihn zu renovieren und wieder herzurichten, seinen Sohn dort groß werden zu lassen…..

Dies ist in etwa die Grundkonstellation dieses Romans, den weiteren Gang will ich nur grob skizzieren.

“Freilich war der Krieg blutiger gewesen, als man je gedacht hätte. Wenn man sich aber auf das P0sitive besann, hatte er auch große Fortschritte im Bereich der Gesichtschirurgie gebracht.” (Prof. Maudret, Arzt, siehe auch hier [2])

Èduard hat durch den Granatenbeschuss eine extreme Gesichtsverletzung erlitten, für ihn ist nur noch der Tod eine Perspektive, er verweigert die folgenden Monate jede wiederherstellende Behandlung, bald schon ist er morphinabhängig, das einzige Mittel, das halbwegs gegen seine Schmerzen hilft. Albert pflegt ihn wie eine Mutter, er sorgt für ihn im Lazarett und später im Krankenhaus und er befreit ihn aus den Intrigen Pradelles. Der nämlich sieht in Albert und Èduard zwei, die ein Geheimnis kennen, das ihm gefährlich werden könnte… doch seine Pläne schlagen fehl, weder gelingt es ihm, den Abtransport Èduards in eine Krankenhaus zu verhindern, noch kann er Albert vor das Kriegsgericht bringen. Letzterer wächst in dieser Situation schier über sich hinaus… er verschafft Èduard sogar eine falsche Identität und schreibt an dessen Elternhaus, daß der Sohn im Feld gefallen ist, denn zu seinem Vater will Èduard auf keinen Fall zurück.

Das nächste Mal treffen sich die drei im Demobilisierungslager, bei der völlig chaotisch ablaufenden Entlassung der Soldaten aus dem Militär. Hptm Pradelle kommt in Begleitung einer vornehmen Dame, die sich als Madeleine Pèricourt, die Schwester Èduards, vorstellt, auf Albert zu und hat “leichtes” Spiel, diesen zu einem nicht ganz legalen Vorhaben zu “überreden”. Den Erfolg dieser Mission nutzt der gute Hauptmann zu einer persönlichen “Attacke” auf die Dame: kaum ein halbes Jahr später heiraten die beiden, Pradelle ist im Geldadel angekommen, sitzt mit diesem Schwiegervater im Netz der Beziehungen wie eine Spinne, wobei er nicht glaubt, daß die wachsende Verachtung, die ihm von Seiten Marcel Péricouts entgegenschlägt, hindern wird….

Albert und Èduard wohnen in einer billigen Absteige in Paris, Albert muss – da sich Èduard nicht nach draußen begibt – für alles sorgen: Geld für das Zimmer, Essen, Geld für das Morphium… es ist hart, die Straßen sind voll von Kriegsversehrten und Behinderten, die alle auf der Suche nach Überleben sind…. da entwickelt Èduard einen Plan, ein wahnsinniges Vorhaben, einen ungeheuerlichen Betrug, zu dem er Albert anfangs nicht überreden kann, erst ein äußerst Angst einflößendes Ereignis läßt diesen dann umdenken….

Zur gleichen Zeit wird auf viel höherer Ebene beschlossen, ein Problem anzugehen. Die Regionen, in denen der Stellungskrieg tobte, sind voll mit Leichen, die auf die Schnelle vergraben, verscharrt, eingebuddelt worden waren. Jetzt stören sie zum Beispiel beim Bestellen der Felder… und außerdem ist es würdelos, sie dort liegen zu lassen, die Familien wollen eine würdevolle Bestattung ihrer gefallenen Helden, einen Ort, an dem sie trauern können. So wird eine riesige Exhumierungs- und Umbettungsaktion ins Leben gerufen und für Pradelle sieht dies aus wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Er ergattert große Aufträge, die ihm viel Geld einbringen und mit ein wenig Kreativität kann es noch viel, viel mehr Geld werden…..

Während dies alles geschieht, geht in dem früher so harten und gefühllosen Vater Èduards eine Wandlung vonstatten. Er, der seinen Sohn immer verachtete, versucht jetzt, wo er im Feld gefallen ist, ihm näher zu kommen, zu ergründen, was er für ein Mensch gewesen war und er ist verzweifelt, daß er ihn seinerzeit so schlecht behandelt hat, sich nicht um ihn gekümmert hat: Marcel Péricourt macht eine Zeit der inneren Reifung durch. Und wer könnte ihm was von seinem Sohn erzählen, wenn nicht der Kamerad, der ihm und seiner Tochtger seinerzeit von seinem Tod berichtete: so wird Albert zu den Pèricourts, in das Haus auch, in dem sein Feind Pradelle lebt, zum Essen und zum Berichten eingeladen….

Lemaitre läßt diese drei Handlungsstränge (den Plan Èduards, Pradelles Aktivitäten und die Wandlung von Èduards Vater) im Verlauf des Romans parallel laufen und entwickelt sie weiter. Natürlich hat jeder dieser Schauplätze auch noch seine Nebenhandlungen, in denen die jeweiligen Charaktere und Persönlichkeiten der Protagonisten deutlich herausgearbeitet werden. Die eigentliche Handlung nimmt jedoch unerbittlich ihren Lauf und endet – und das ist das Verdienst von Joseph Merlin, der Ungeliebtesten aller Figuren dieses Romans, dem nichts Positives mitgegeben wurde bis auf seine moralische Standfestigkeit – so, wie sich das der Leser aufgrund der Sympathien, die er für die Personen entwickelt, wünschen mag. Wenn schon im wahren Leben die Guten nicht immer gewinnen und die Bösen nicht immer verlieren, so doch wenigstens im Roman….


Lemaitres Roman hat den Ersten Weltkrieg zum Thema, bis auf die Eingangskapitel jedoch nicht die Kampfhandlungen des eigentlichen Krieges (wenngleich er die in diesen Abschnitten drastisch schildert), sondern er konzentriert sich auf die anschließende Nachkriegszeit mit ihrem Elend für viele der aus dem Feld zurückgekehrten Soldaten, die ohne ausreichende Versorgung oft auf der Straße stehen, die in kümmerlichen Unterkünften leben müssen und sich jeden Tag auf´s Neue irgendwie ein wenig Geld zum Überleben verdienen müssen. Auf der anderen Seite beschreibt er die (Nach)Kriegsgewinnler, die völlig skurpellos die aufbrandende Welle patriotischer Gefühle für die Gefallenen für sich ausnutzen, der von Pradelle inszenierte Betrug bei den Militärexhumierungen beruht nach Lemaitre auf einem realen Skandal, der 1922 publik geworden war.

Der Roman erzählt, er erzählt vom Elend der Menschen im und nach einem Krieg: eine ganze Generation wurde zum Abschlachten geschickt und die Zerfetzten, die zurückgekommen sind, an Leib und/oder Seele auf´s Tiefste verwundet, sie wurden als störend empfunden, abgeschoben in die dunklen Ecken der Stadt, die sie nicht gebrauchen konnte. Das ist kein Einzelphänomen, man denke nur in neuerer Zeit an das Schicksal vieler Vietnamveteranen in Nordamerika… die Toten waren einfacher zu behandeln: man konnte als Kollektiv, als Gesellschaft um sie trauern, sie hatten keine Bedürfnisse mehr, wollten keine Arbeit haben, brauchten kein Essen noch Unterkunft…. man raffte man sie aus den Notgräbern zusammen und konnte sie auf einige wenige zentrale Soldatenfriedhöfe konzentrieren. In den Gemeinden stellte man Mahnmale für die gefallenen Söhne auf, legte Kränze nieder und beweinte sie, die gefallenen Helden. Die überlebenden Söhne der Nation, sie taugten dagegen deutlich weniger zum Helden, zeigten jedem, der sie sah, wie scheußlich der Krieg wirklich gewesen war, sie ließ man darben….


…noch ein Wort zum Menschlichen im der Geschichte. Albert und Èduard wurden durch das Schicksal so etwas wie aneinander gebunden. Albert “diente” die moralische Schuld, die er vielleicht verspürte, an Èduard ab, dieser hatte ihm sein Leben gerettet und brauchte nun selbst jemanden, der ihm – auf andere Art und Weise zwar – ebenfalls das Leben rettete. Diese Aufgabe nahm Albert trotz aller Ängste, die damit verbunden waren und die er hasste, an, es entwickelte sich eine enge Beziehung zwischen beiden, fast wie bei einem alten Ehepaar…. Albert läßt für Èduard sogar die einzige wirkliche Chance, die sich ihm auftat, ungenutzt: er hätte in ein normales, gutes Leben einsteigen können für einen “Verrat” an Èduard, der selbst weitaus egoistischer in seinen Handlungen war als der treue Albert….

Èduards Vater, Marcel, wird von Lemaitre anfangs als patriarchalischer Bankbesitzer und Unternehmer geschildert, der jede Situation beherrscht, der seine Gefühle unter Kontrolle hat, so sehr sogar, daß er um Gefühle gar nicht mehr weiß. Hier spielt auch der frühe Tod der Frau, den er so sehr verdrängt hat, daß er sich kaum noch an diese Zeit erinnert, eine große Rolle. Erst durch den Tod seines ungeliebten Sohnes wird diese Gefühlslosigkeit erschüttert. Madeleine, die Tochter, spürt dies, sensibel geht sie darauf ein, legt die alten Zeichenhefte Èduards hin, so daß der Vater unauffällig danach greifen kann – sie werden bald eine Art Reliquie für ihn werden. Auf diese Art läßt der Autor den ehemaligen Patriarchen sich wandeln, die Geschäfte werden unwichtiger für ihn, er erwischt sich, daß er Sitzungen früher verläßt und Aufgaben an andere abgibt. Einzig im Kräftemessen mit seinem Schwiegersohn bleibt er hart und unerbittlich, so wie er früher war.


Lemaitres Roman ist hoch ausgezeichnet worden in Frankreich, mit dem “Prix Goncourt” wurde ihm der höchste Literaturpreis des Landes verliehen – für ein geringes Preisgeld ein garantierte Verkaufserfolg. Und der Roman hat ihn verdient. Er ist spannend erzählt, man merkt die “Herkunft” des Autoren aus dem Thrillergenre. Er schont seine Landsleute keineswegs, klagt deutlich die falschen Gewichtungen an, die seinerzeit gelegt wurden, zeigt deutlich, daß es immer wieder nur ums Geld und um den Profit geht, beschreibt auch die Ineffizienz und Korrumpierbarkeit der zuständigen Behörden. Ein Netz von Beziehung ist alles, kannte man die richtigen Leute, war alles möglich. Und letztlich hat man immer die Fragen im Hinterkopf: “wie ist es heute” und “wie sieht es bei uns aus?”. Es ist bezeichnend, daß ausgerechnet die unsympathischste Figur des Romans der moralisch integerste aller ist.

Kurzum: “Wir sehen uns dort oben” ist ein spannender und intensiver Roman über die Zeit direkt nach dem 1. Weltkrieg in Frankreich, der sich gut und schnell liest, der sich aber auch im Kopf festsetzt, denn was Lemaitre so schonungslos beschreibt, ist keine leichte Kost.

Links und Anmerkungen:

[1] Kurzbio des Autoren auf der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Lemaitre
[2] Ronald D. Gerste, Blut, Leid und neue Therapien – Medizin im Ersten Weltkrieg; in: http://www.nzz.ch/wissenschaft/uebersicht/blut-leid-und-neue-therapien-1.18260600
[3] “Missing Sons: Ein Jahrhundert der Trauer”: Ausstellung in der Bonner Kunsthalle, Website mit Bilden, Missing Sons: Ein Jahrhundert der Trauer; http://www.dw.de/missing-sons-ein-jahrhundert-der-trauer/g-17229703
Weitere Buchvorstellungen mit dem Thema “1. Weltkrieg” auf aus.gelesen:

Pierre Lemaitre:
Wir sehen uns dort oben
Übersetzt aus dem Französischen von Antje Peter
Originalausgabe: Au revoir là-haut, Paris, 2013
diese Ausgabe: Klett-Cotta, HC, ca. 520 S., 2014

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars

Dulce et decorum est pro patria mori (Horaz, carmina 3,2,15) Bildquelle: www.stahlgewitter.net

Dulce et decorum est pro patria mori
(Horaz, carmina 3,2,15)
Bildquelle: http://www.stahlgewitter.net

Größer könnte der Gegensatz kaum sein zwischen dem Titel des Buches, angelehnt an einen Spruch des römischen Philosophen Horaz [1] und der bitteren Realität, die der Autor dann in seinem Roman aufbereitet.

Avi Primor, ehemaliger Botschafter des Staates Israel in Deutschland [2], legt mit “Süß und ehrenvoll” einen Anti-Kriegsroman vor, der sich mit der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt: dem 1. Weltkrieg. Dieser Krieg, den niemand vorhergesehen hatte und dessen auslösendes Ereignis, das Attentat auf den Thronfolger Franz Ferdinand, anfänglich eher als minder bedeutend eingestuft worden war [3], führte ab Mitte 1914 dazu, daß der Kontinent an zu brennen anfing.

Und es brannten auch die Herzen der Menschen in allen involvierten Staaten vor Patriotismus, vor Kriegsbegeisterung. Kritische Stimmen wurden nicht gerne gehört, Begeisterung, Jubel war angesagt und in Deutschland sah eine gesellschaftliche Gruppe von Menschen in dem Krieg sogar eine Chance, sich zu beweisen: als Deutsche, als echte, patriotische Deutsche. Es waren die assimilierten Juden, die sich zwar als Deutsche fühlten, die aber von außen immer noch als fremd nicht dazu gehörig angesehen wurden [13]. Jetzt jedoch konnten sie sich beweisen: durch herausragende Tapferkeit, durch auch finanzielle Großzügigkeit. Wenn dieser Krieg erst gewonnen ist, in ein paar Wochen also, würde niemand mehr zweifeln, daß Juden Deutsche sind, der häßliche Antisemitismus würde endgültig verschwinden.

Süß und ehrenvoll” beschränkt sich in seiner Handlung auf den Zeitraum des Krieges, also auf die vier Jahre von 1914 bis 1918. Primor schildert zwei Handlungsstränge, die parallelen Geschichten zweier junger jüdischer Männer, die so ähnlich sind, daß sie fast ausgetauscht werden könnten. Es ist dies zum einen der junge französische Jude Louis Naquet aus Bordeaux, der gerade vor dem Abitur steht. Die Eltern betreiben eine Bäckerei, in der er gerne und viel hilft. Es ist ein harmonisches Familienleben und das einzige, was das momentane Glück etwas trübt, ist die Tatsache, daß Louis zum Wehrdienst muss, der drei Jahre dauert.

Das deutsche Pendant zu Louis ist Ludwig Kronheim, er ist Sohn eines jüdischen Arztes in Frankfurt am Main. Auch ihn lernen wir als Abiturienten kennen. Im Gegensatz zu Louis erfährt Ludwig aber den mehr oder weniger unterschwelligen Antisemitismus in Deutschland am eigenen Leib. Überhaupt ist die Atmosphäre in Deutschland martialischer, Primor beginnt seinen Roman mit der Schilderung des Nachspielens der Schlacht von Sedan [4] in der Schule Ludwigs.

Auch Ludwig schafft sein Abitur sehr gut, er geht nach Heidelberg zur Uni, lernt dort ein Mädchen kennen, lernt dieses Mädchen zu lieben, beide sind glücklich miteinander. Daß Ludwig Jude ist und das Mädchen Christin ist für die beiden selbst überhaupt kein Problem, für die Eltern ist es noch kein wirkliches Problem, man ist modern und aufgeschlossen… Im August 1914 fährt Ludwig mit den Eltern nach Berlin, sie jubeln dort dem Kaiser zu, eine Stadt im Ausnahmezustand des gerade beginnenden Waffengangs, Ludwig und seine Eltern machen da keine Ausnahme. Aber schon in diesem Moment zeigen sich die dunklen Seiten des Krieges: Friede, eine gute Freundin von Karoline, erhält von der Front die Todesnachricht ihres Verlobten…

A German trench occupied by British Soldiers near the Albert-Bapaume road at Ovillers-la-Boisselle, July 1916 during the Battle of the Somme. The men are from A Company, 11th Battalion, The Cheshire Regiment. Quelle [5]

A German trench occupied by British Soldiers near the Albert-Bapaume road at Ovillers-la-Boisselle, July 1916 during the Battle of the Somme. The men are from A Company, 11th Battalion, The Cheshire Regiment.
Quelle [5]

Sie ziehen in den Krieg, Ludwig und Louis. Und wie ähnlich ist er für beide… erst die schnellen Bewegungen des Krieges, Eilmärsche mit vollem Gepäck, 30 kg schwer. Es gab keine Pausen, die Notdurft im Marschieren, dreckig, besudelt, stinkend marschieren sie, ständig in der Gefahr, beschossen zu werden, hungrig und durstig. Der Bewegungskrieg geht im Sinne der Deutschen erst zügig nach vorne, ist siegreich, bevor er durch das “Wunder an der Marne” [6] gestoppt wurde: der Krieg verliert an Tempo, wandelt sich an der Westfront in einen Stellungskrieg [5].

Es wird geschanzt, Schützengräben werden ausgehoben, Laufgräben, zum Teil liegen nur wenige -zig Meter zwischen den Stellungen der Deutschen und der Franzosen. Alles Leben spielt sich im Graben ab, die Uniformen kamen wochenlang nicht vom Körper, ebenso die Stiefel. Ratten durchstreiften die Gräben, wenn es regnete, versank alles im Schlamm. Unregelmäßig die Versorgung durch die Etappe, immer auf dem Sprung, immer bereit zur befohlenen Attacke, die immer spätestens im zweiten feindlichen Schützengraben ihr Ende fand. Zwischen den Gräben die Leichen, die eigenen, von denen des Feindes in der Dunkelheit, wenn die Kameraden versuchen, sie zu bergen, oft nicht zu unterscheiden. Abgerissene Gliedmaßen, Arme, Beine, Gedärm hängen in den Stacheldrahtverhauen….. alles geht in Verwesung über, ein unerträglicher Gestank wabert durch die Gräben. Das Bergen der Gefallenen – es ist nur unter Lebensgefahr möglich, Scharfschützen nehmen alles auf´s Korn, was sich bewegt…

Halt bieten die Briefe nach und von zu Hause, die Briefe, die Ludwig seiner Karoline schreibt, in der er ihr seine Liebe versichert, von dem, was er täglich erlebt, kann er nur wenig schreiben… Heimaturlaub ist selten und er ist kompliziert. Beide Elternteile, die dachten, die geduldete Freundschaft würde sich durch die lange Trennung lösen, verbieten jetzt die Beziehung der beiden, die sich anstatt auseinander zu brechen, zu festigen scheint. Es kommt zum Bruch. Als Soldat (er hat wegen seiner Tapferkeit das Eiserne Kreuz verliehen bekommen) wird Ludwig in der Heimat herumgereicht, aber er versteht die Heimat nicht mehr, was dort geredet wird und was er in den Gräben erlebt hat – es ist nicht die gleiche Welt, die sich da zeigt! Aber noch immer glaubt er, der Krieg würde den Antisemitismus ausrotten… Karoline ist da sehr viel realistischer.

Louis geht es nicht viel besser, auch er muss durch die Unmenschlichkeit des Krieges hindurch, liegt in den gleichen Gräben wie sein Gegenüber, von dessen Existenz er nichts weiß. Primor läßt sich die beiden begegnen, in jener legendenartigen Weihnachtsszenerie des spontanen Waffenstillstand an dem Frontabschnitt, des gemeinsamen Singens von Weihnachtsliedern, des Moments, in dem jeder sah, daß der andere, der Feind, auch nur ein Mensch war… ein Jude, ein Gedanke, den sich weder Louis noch Ludwig gemacht hatten, daß hier und jetzt Juden gegen Juden kämpfen und sich töten….

So begleiten wir beide Protagonisten durch den Krieg. Hat Ludwig schon seine Karoline, die eisern zu ihm steht, so lernt Louis seine Elise auf Heimaturlaub kennen, sein Schicksal ist gnädiger: auch Elise ist Jüdin. Verfolgen wir Ludwig, so kommen wir auch an die Ostfront, hier ist noch Bewegungskrieg, auch werden die deutschen, insbesondere die jüdischen Soldaten von der einheimischen Bevölkerung freundlich empfangen, hier lernt der aufgeklärte, deutsche Jude das osteuropäische Judentum kennen.

Louis  erleben wir bei Kämpfen in Italien, das auf der Seite der Entente in den Krieg eingetreten ist – gegen seine Bündnispartner…

Der Gaskrieg in den Stellungen, die fürchterlichen Verätzungen, die lebensgefährlichen Verletzungen, die er zufügt… beide, Louis und Ludwig zeichnen sich durch Tapferkeit und Umsicht in kritischen Situationen aus, beide werden befördert, Louis letztlich sogar bis zum Hauptmann, Ludwig zum Feldwebel. Ungewöhnlich dies, steht Juden im Militär doch keine Aufstiegsmöglichkeit offen. Aber die meisten Kameraden, die normalerweise befördert werden würden, sind schlicht und einfach tot.

Primor konzentriert sich auf das Detail, die große Kriegsführung läßt er beiseite. Er schildert die Schrecken des Krieges, die Abstumpfung der Soldaten, die Entfremdung zwischen Heimat und Front. Was für die Frontsoldaten ein wunderbares Ereignis war, die erwähnte Weihnachtsepisode, war für die Daheimgebliebenen Experten eine todesstrafenwürdige Verbrüderung mit dem Feind….

Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!
(Wilhelm II.)

Die Desillusionierung: Im Jubel des Kriegsausbruchs fühlen sich die deutschen Juden als voll anerkannte Deutsche und sie wollen sich als würdig beweisen. Mitten im Krieg aber wird 1916 von der kaiserlichen Armee eine Judenzählung durchgeführt mit dem Ziel, nachzuweisen, daß der Jude ein Drückeberger ist, ein Schmarotzer, einer, auf den nicht zu zählen ist. So wurden zum Beispiel verletzte jüdische Soldaten, die im Lazarett lagen, als “abwesend von der Front” registriert… Die Ergebnisse der Zählung wurden im Krieg geheim gehalten, erst nach der Niederlage gab es Veröffentlichungen von Ergebnissen [7], die das Vorurteil der “Drückebergerei” zu bestätigen schienen. Ludwig, selbst schwer verwundet im Lazarett, der mit Kameraden darüber diskutiert, wird in seinem Patriotismus unsicher, dieser schwankt, aber er fällt nicht…

Offensichtlich war es Primor wichtig, einzelne Vorkommnisse mit ein seinen Roman einzubauen, auch wenn sie mit der Handlung nur beiläufig zu tun hatten. So schiebt er ein kurzen Abschnitt ein über den Suizid von Clara Immerwahr, der Ehefrau von Fritz Haber, der den Einsatz von Gas als Kriegswaffe mit Macht entwickelt und forciert: “Im Frieden der Menschheit, im Krieg dem Vaterland“, so lautet seine Maxime.” Was er als vaterländische Pflicht ansieht, empfindet sie [i.e. Clara Immerwahr] als Perversion der Wissenschaft. Mit Entsetzen verfolgt sie, wie ihr Mann die Entwicklung einer neuen, schrecklichen Waffe forciert: Giftgas. „Wenn du wirklich ein glücklicher Mensch wärst, dann könntest du das nicht machen“, sagt sie ihm. Doch sie predigt tauben Ohren. Clara Immerwahr, eine der ersten weiblichen promovierten Wissenschaftlerinnen in Deutschland, suizidiert sich am Abend des Tages, an dem Fritz Haber einen Empfang gibt anläßlich des ersten verheerenden deutschen Giftgasangriff bei Ypern am 22. April 1915. [8]

Mit einer weiteren Mär will Primor aufräumen: mit der vom tapferen Frontsoldaten Adolf Hitler mit seinen Auszeichnungen [9], die dieser später sehr wirksam in der Öffentlichkeit einsetzte. Er schildert in einer Szene, wie sein Vorgesetzter, der (jüdische) Leutnant Gutmann, Regimentsadjudant, sich bei seinem Kommandeur vehement dafür einsetzt, Hitler das EK1 zu verleihen, obwohl die Verleihungsvoraussetzung, die Tapferkeit vor dem Feind nämlich, nicht gegeben war, da Hitler als Melder vorwiegend in der Etappe agierte. Die Verleihung solle den introvertierten Menschen, der keine Freunde hat und um den Orden förmlich gebettelt habe, anspornen….

So begleiten wir die beiden Protagonisten durch den Krieg, durch das wechselnde Schlachten”glück”, das sich letztendlich dann völlig gegen Deutschland gewendet hat. Sie überleben alles, das große gegenseitige Abschlachten, das unsinnige Anrennen gegen die Stellungen des Feindes, das Niedermähen der stürmenden Soldaten durch die ratternden MG-Salven, das Gas…. Bis zum Schluss stehen sie zu ihrer Überzeugung, lassen sich von Aufständen nicht verführen, verurteilen die zunehmenden Desertionen ….in einem schon fast kindlich anmutendem Szenario treffen die beiden dann noch einmal aufeinander: sie leiten in der Endphase des Krieges jeweils einen Spähtrupp, lauschen wie die Indianer mit den Ohren am Boden, ob der Feind zu hören ist… er ist es nicht und im dichten Nebel über dem See ist er kaum zu sehen…

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Primors Buch erinnert natürlich an den Klassiker der Anti-Kriegsliteratur überhaupt, an Remarques: Im Westen nichts Neues [10] und erweitert ihn um den Aspekt des “Jüdischen”: das z.T. blinde Vertrauen vieler Juden darauf, durch “Leistung” ihr Deutschsein unter Beweis stellen zu können und endlich auch im Herzen aller Deutschen als Deutsche anerkannt zu werden, sprich: den latenten und offenen Antisemitismus zu besiegen. Bezeichnenderweise bedeutet “Leistung” nicht, intellektuelle, technische oder zivilisatorische Fortschritte für den Staat, die Nation zu erbringen, sondern es bedeutet: sich zu opfern, bereit sein, sich töten zu lassen (wie weiland Abraham bereit war, seinem G*tt Isaac zu opfern…). Fritz Haber, dieser so zwiespältige Mensch, der ganz herausragende wissenschaftliche Leistungen vollbrachte und der sich dennoch in den Dienst des Tötens stellte, wurde bezeichnenderweise und die Perversion dieses skizzierten Gedankens offenlegend, als Belohnung für seine Arbeiten zum Einsatz von Gas zum Hauptmann befördert, etwas, was einem Juden sonst praktisch nicht möglich war. In ihm, Fritz Haber, kulminiert dieses hoffnungsfrohe (wir werden endlich anerkannt und akzeptiert werden), aber letztlich die Realität völlig ignorierende Motiv der assimilierten deutschen Juden wohl am offensichtlichsten. Und auch die Blindheit der Juden: der durch ihn ausgelöste Suizid seiner Frau läßt Haber völlig kalt, er fährt noch am gleichen Tag wieder an die Front, zu seinem Gas.

Der zweite das Jüdische betreffende Aspekt ist die Tatsache, daß im 1. Weltkrieg Juden gegen Juden kämpften, sich töteten, sich ermordeten, sich abschlachteten. Auf deutscher Seite, wie oben geschrieben, um endlich anerkannt zu werden, auf französischer Seite zog man gerne in den Krieg, um seine Dankbarkeit zu beweisen, dem französischen Volk endlich zurückzahlen, was es für ihn getan hat. Söhne des verfolgten Volkes, des auserwählten, auf beiden Seiten, ein besondere Art des Brudermordes, die letztlich keiner Seite gedankt wird: in Deutschland wird zwei Jahrzehnte später die Shoah wüten, und Frankreich wird ihr zuarbeiten [11]…

Eigentlich müsste man sich noch den Frauenbildern widmen, die Primor in seinem Roman zeichnet. Es sind (wie oft im richtigen Leben auch) nämlich diese Frauen, die den Blick behalten für die Realität, während die Männer ihren Träumen nachjagen und blutige Spiele spielen, es sind die Frauen, die das Leben aufrechthalten und weitergeben, es sind die Frauen, die bereit sind, für das Menschliche menschengemachte Regeln zu brechen während die Männer lieber die Regeln einhalten und die Menschen zerbrechen…..

Deprimierend wirkt auf mich die letzte Szene, die Primor schildert: Trost und Aufrichtung finden Karoline, Friede und Selma, Ludwigs Mutter, ausgerechnet in der Begegnung mit Hindenburg, im Militärischen also….

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“Süß und ehrenvoll” ist keine reine Fiktion. Primor setzt die Lebensläufe seiner Protagonisten vor dem historischen Hintergrund des 1. Weltkrieges aus vielen, sehr vielen echten Briefen zusammen, die von der Front in die Heimat und von der Heimat an die Soldaten geschickt wurden. Es ist ihm zu danken, daß er diese Briefe der ungenannten, vergessenen Soldaten ehrt, in dem er sie so verwendet und ihnen damit eine Stimme gibt. Über die Entstehungsgeschichte des Romans ist das im Deutschlandfunk erschienen Interview von [12].

Primors Roman bringt über die besondere Grausamkeit dieses Krieges nichts wirklich neues – wer könnte dies schon nach Remarques Buch. Aber er macht noch einmal deutlich, wie wenig der Mensch damals zählte, wie verblendet, wie verbohrt er von der militärischen Führung als Kanonenfutter verheizt worden ist. Und in seinen (manchmal etwas unvermittelten) Abschnitten über Gegebenheiten, die vllt nicht so geläufig sind (der Suizid Clara Immerwahrs, die Ordensverleihung an den Gefreiten Hitler) macht er den Leser auf eben diese Tatsachen aufmerksam und verführt ihn dazu, sich eingehender damit zu beschäftigen. Und verdienstvoll ist es in jedem Fall, den Aspekt des jüdischen Brudermordes zu beleuchten und die Vergeblichkeit und Blindheit mit der in Deutschland die Juden auf Anerkennung durch ihren besonderen Eifer im Krieg hofften….

Süß und ehrenvoll” ist ganz sicher ein Roman, der das Tagesgeschäft überleben wird. Und das ist gut so.

Links und Anmerkungen:

[1]  “Der Ausspruch, daß es süß und ehrenvoll sei, für das Vaterland zu sterben, kann nur als Zweckpropaganda gewertet werden. Der Abschied vom Leben fällt immer schwer, im Bett wie auf dem Schlachtfeld, am meisten gewiß jungen Menschen in der Blüte ihrer Jahre. Nur Hohlköpfe können die Eitelkeit soweit treiben, von einem leichten Sprung durch das dunkle Tor zu reden,und auch dies nur, solange sie sich weit ab von de letzten Stunde glauben. Tritt der Knochenmann aber an sie selbst heran,dann nehmen sie den Schild auf den Rücken und entwetzen wie des Imperators feister Hofnarr bei Philippi, der diesen Sprucher sann” (So äußert sich Brecht 1915 in einem Schulaufsatz, der beinahe zu seinem Verweis von der Schule geführt hätte. Zitiert nach: Hildebrecht Hommel: Dulce et dedorum in http://www.rhm.uni-koeln.de/111/Hommel.pdf. Es bedarf in der Tat schon großer Sophistik, diesem Spruch Horaz´ Gültigkeit zuzubilligen….)
[2] Wiki-Artikel zu Avi Primor: http://de.wikipedia.org/wiki/Avi_Primor
[3] Brigitte Hamann zitiert in ihrem Buch: Hitlers Edeljude – Das Leben des Armenarztes Eduard Bloch (München, 2008. Bloch war der jüdische Hausarzt der Mutter Hitlers) aus dem Tagebuch Arthur Schnitzlers: Die Ermordung F.F.s [i.e. des Thronfolgers Franz Ferdinand] nach der ersten Erschütterung wirkte nicht mehr stark nach. Seine ungeheure Unbeliebtheit.” Der Kaiser habe, was die Trauerfeiern betraf, auch gesagt: “Will, das alles möglichst schnell erledigt werde.” Ungehaltener war der Kaiser darüber, daß das Burgtheater gesperrt wurde.” … Erst einen Monat nach dem Attentat, am 28. Juli 1914, erklärte der Kaiser Serbien den Krieg. [Hamman, S. 104/5]. Durch Bündnisverpflichtungen, verbunden mit durchgehend falschen Einschätzungen der eigenen Stärke und der vermeintlichen Schwäche potentieller Feinde breitete sich dieses im Grunde eher lokale Kriegsereignis wie ein Flächenbrand über Europa und darüber hinaus aus.
[4] Bei Sedan wurde 1870/71 der entscheidende Sieg über Frankreich errungen, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Sedantag
[5] Wiki-Artikel zum Stellungskrieg: http://de.wikipedia.org/wiki/Stellungskrieg
Bild: John Warwick Brooke [Public domain], via Wikimedia Commons
[6] Wiki-Artikel zur Schlacht an der Marne: http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_an_der_Marne_(1914)
[7] Wiki-Artikel zum Thema “Judenzählung”:  http://www.hagalil.com/archiv/2010/10/11/judenzaehlung/
Wie Saul Friedländer ausführt, war ironischerweise gerade die Tatsache, daß Juden im Krieg vermehrt in Offiziersränge aufstiegen, Anlass für das düpierte Offizierskorps, in antisemitischen Kreisen nach Hilfe zu suchen, diesen Beförderungen ein Ende zu bereiten. So war die Zählung mehr als die Initiative einiger böswilliger Beamter, es war “.. realer Ausdruck einer realen Stimmung: daß wir fremd waren, daß wir daneben standen, besonders rubriziert und gezählt, aufgeschrieben und behandelt werden müssten.” Rathenau schrieb an einen Freund: “.. Je mehr Juden in diesem Krieg fallen, desto nachhaltiger werden ihre Gegner beweisen, daß sie alle hinter der Front gesessen haben, um Kriegswucher zu treiben. Der Hass wird sich verdoppeln und verdreifachen.” (zitiert nach Paul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden – Die Jahre der Verfolgung 1933 -1939, München, 1998, S. 87ff)
[8] Volker Ullrich: Die Zerstörung einer Frau http://www.zeit.de/1993/23/die-zerstoerung-einer-frau/komplettansicht
[9] Hitler bekam im 1. Weltkrieg insgesamt 3 Orden verliehen: Dez. 1914 das Eiserne Kreuz II. Klasse, Mai 1918 das Regimentsdiplom wegen Tapferkeit vor dem Feind und im August 1918 das Eiserne Kreuz I. Klasse: “Ein konkreter Anlaß für diese Auszeichnung ist allerdings bis heute nicht ausfindig gemacht worden, Hitler selbst hat nie darüber gesprochen, vermutlich und das Eingeständnis zu vermeiden, daß er die Auszeichung dem Vorschlag des jüdischen Regimentsadjudanten Hugo Gutmann verdankte. …” schreibt schon Fest in seiner Hitler-Biographie (Joachim C. Fest, Hitler, Propylän, 1981, S. 103). Wie Primor berichtet, wurde Gutmann später von den Nazis inhaftiert, alte Regimentsfreunde konnten ihn jedoch befreien und er floh in die USA, wo er sich unter dem Namen “Grant” niederließ.
vgl auch: Sven Felix Kellerhoff: Adolf Hitler war im Ersten Weltkrieg ein Feigling;   http://www.welt.de/kultur/article9673138/Adolf-Hitler-war-im-Ersten-Weltkrieg-ein-Feigling.html
[10] vgl hier: Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues; http://radiergummi.wordpress.com/2011/08/25/erich-maria-remarque-im-westen-nichts-neues/
[11] was Frankreich angeht kann man z.B. hier ein wenig nachlesen:
- Tatiana de Rosnay: Sarahs Schlüssel
- Lion Feuchtwanger: Der Teufel in Frankreich
- Irène Némirovsky: Suite française
- u.a.m.: http://na2weho.wordpress.com/autorenverzeichnis/
[12] Tanya Lieske: Avi Primor: “Süß und ehrenvoll”; http://www.deutschlandfunk.de/antikriegsroman-avi-primor-suess-und-ehrenvoll.1202.de.html?dram:article_id=277710 (mit Audiodatei)
[13] Nach Jahren relativer Ruhe suchte sich gerade in dieser Zeit der latente Antisemitismus wieder öffentliche Sprachrohre wie den 1912 gegründeten Verband gegen die Überhebung des Judentums: “Eine der höchsten Prioritäten war es, die jüdische “Rasse” aus dem öffentlichen Leben der Nation auszuschließen.” (nach Friedländer, a.a.O., S. 91)
Wiki-Seite zum “Verband…”: http://de.wikipedia.org/wiki/Verband_gegen_die_Überhebung_des_Judentums

Avi Primor
Süß und ehrenvoll
übersetzt aus dem Hebräischen von Beate Esther von Schwarze
diese Ausgabe: Quadriga, HC, 384 S., 2013

Kurze Zeit nach der Veröffentlichung seines Erfolgsromans “Im Westen nichts Neues” wurde dieser vom inhaltlichen her zeitlich anschließende Roman publiziert. Ernst Birkholz, der Ich-Erzähler, liegt mit seinen Kameraden noch in Frankreich auf dem Gefechtsfeld, in der durch Bomben und Granaten umgepflügten Landschaft, in den Gräben und Trichtern. Das Gerücht vom unmittelbar bevorstehenden Kriegsende beflügelt die Phantasie der Männer, endlich wieder das lang vermisste Essen, Wärme, die Familie, die Heimat, die Berührung einer Frau. Melancholisch (und hungrig) schauen sie einem Schwarm Gänse nach, die hoch am Himmel unantastbar davon ziehen. Jetzt nur nicht noch erwischt werden, nachdem man all die Schlachten mehr oder weniger unbeschadet überstanden hat!

Das Kriegsende steht bevor, aber er Krieg ist noch nicht aus. Wie ungewohnt der Frieden sein wird, schildert Remaraque gleich am Anfang seines Buchs. Es ist der Moment, in dem Stille herrscht auf dem Gefechstfeld, keine Schüsse zu hören sind, nichts explodiert. Diese unerklärliche Stille vermittelt den Eindruck von Gefahr, sie ist neu, niemand fühlt sich wohl in ihr, die Beklemmung verschwindet erst, als die normale Geräuschkulisse des Krieges wieder einsetzt.

Schließlich ist es soweit, der Deutsche Reich hat kapituliert, die Männer können nach Hause. Vorher sammeln sie sich, von den 500 Soldaten der Kompanie sind 32 noch am leben, sieben Chefs hat die Kompanie in den letzten zwei Jahren gehabt… Der Kaiser ist nach Holland geflohen, und dafür sollen sie solange im Dreck gelegen und verreckt sein? Erste Wut zieht auf.. zu Hause angekommen, werden sie gleich von der ausbrechenden Revolution empfangen – mit Prügeltrupps, weil sie ihrem Leutnant die Epauletten nicht abgezogen haben. Aber sie sind alte Frontschweine und behalten die Oberhand, verprügeln ihrerseits die Revolutionäre.

“Viele liegen da von uns, aber bislang haben wir es nicht so empfunden. Wir sind ja zusammengeblieben, sie in den Gräben, wir in den Gräben, nur durch ein paar Handvoll Erde getrennt. Sie waren uns nur etwas voraus, denn täglich wurden wir weniger und sie mehr – und oft wussten wir nicht, ob wir schon zu ihnen gehörten oder nicht. Aber manchmal brachten die Granaten auch sie wieder herauf zu uns, hochgeschleuderte zerfallende Knochen, Uniformreste, verweste, nasse, schon erdige Köpfe, die im Trommelfeuer noch einmal aus ihren verschütteten Unterständen in die Schlacht zurückkehrten. Wir empfanden es nicht als schrecklich; wir waren ihnen zu nahe. Aber jetzt gehen wir ins Leben zurück, und sie müssen hierbleiben.”

Sie kommen zurück in ihre Häuser, aber sie empfinden es nicht mehr als zu Hause. Das, was sich schon beim Heimaturlaub von Ernst (siehe: Im Westen nicht Neues) zeigt, trifft hier in noch viel größerem Umfang zu: es sind nicht mehr die Jungs, die von der Schulbank weggeholt in den Krieg geschickt wurden. Zurückgekommen sind Soldaten, die eine völlige Umwertung aller Werte erfahren haben. Menschen, die jahrelang keine Zukunft gehabt haben, die nicht mehr geplant haben über den Moment hinaus weil sie in der nächsten Minute schon tot sein konnten, erschossen, zerfetzt, erschlagen. Die Bücher, die sie zuhause finden, sagen ihnen nichts mehr, die Themen, über die man sich unterhält, interessieren sie nicht. Sie kennen sich nicht mehr aus im Frieden, an der Front wussten sie Bescheid, wie sie sich zu verhalten hatten, auf was zu achten war. Hier, in der Heimat, sind sie Fremde, mit anderen Werten, mit anderen Verhaltensmustern. So suchen sie die Nähe der alten Kameraden, war Kameradschaft doch das einzige, was ihnen im Feld Halt gab.

Doch auch die hat keinen Bestand. Das Militär, die Front, war ein Gleichmacher, jeder lag im gleichen Dreck, fraß den gleichen Fraß, jeder konnte der Nächste sein im MG-Feuer. Jetzt im Frieden, treten die Unterschiede wieder zutage. Mancher findet zurück in seine alte Welt, streift mit der Uniform auch das militärische ab, wird vllt Schieber und Schwarzhändler und kann das Geld bald mit vollen Händen ausgeben. Andere, Handwerker, kleine Arbeiter zumeist, tragen ihre alte, blutbefleckte, geflickte Uniform weiter, finden keinen Anschluss und auch die Verbundenheit mit den anderen, die jetzt wieder so anders aussehen, bröckelt.

Nur widerwillig kehren die Jungs wieder auf die Schulbank zurück, wo sie mit leerem Pathos, mit Worthülsen und Phrasen über ihren Mut und ihre Tapferkeit empfangen werden. Die Schulbank drücken, die Autorität von Lehrern anerkennen, die nie gehört haben, wie Kameraden im Todeskampf schreien – das ist einfach lächerlich für die Heimkehrer, sie revoltieren gegen den stupiden Versuch, die Zeit zurückzudrehen und sie als Schüler zu behandeln….

Stille ist tödlich. Sie erlaubt den Gedanken, den Erinnerungen, wieder zu erscheinen. Alpträume suchen Ernst heim, er sieht die Toten, sieht den englischen Hauptmann, dem er mit einer Handgranate die Beine vom Körper wegsprengt. Er bewegt sich wieder, der Totgeglaubte, läuft auf den Stümpfen hinter ihm, dem die Beine versagen, her, näher.. näher… bekommt ihn fassen, würgt ihn mit den wie Fahnen im Wind wehenden Gamaschenwickeln.. Schreie, wildes Umsichschlagen, bis Ernst wieder wach ist und nicht glauben kann, daß er zu hause im Bett liegt…. Ein Krankheitsbild, das man in der Folge des Vietnam-Krieges als “posttraumatische Belastungsstörung” bezeichnet, damals war es noch namenlos, wenn es überhaupt als Krankheit aufgefasst wurde….

Umsonst, umsonst… schon fangen die Menschen wieder an, den Schrecken des Krieges zu verklären. Beim Spaziergang im Wald begegenen ihnen Jugendliche, die Krieg “üben”, militärisch gedrillt werden, sprung auf, marsch marsch….

Der durchgängige Tenor des Buches ist grau und schwarz. Ist erfüllt von Sinnlosigkeit, von Überflüssigkeit, von Ausgestossenheit. Für was und wen wurde dieser Krieg geführt, warum die vielen Menschen abgeschlachtet? Die Rückkehrer – keiner will sie so richtig, sie sind Aussenseiter, die man nicht versteht, mit denen man sich nicht mehr unterhalten kann, die nicht lustig sind, sondern krank. Sie, die sie so lange mit dem Tod in enger Nachbarschaft lebten, können sich in die Unbefangenheit des zivilen Lebens kaum einfügen, mit den Regeln, die hier gelten, wären sie draußen schnell zum Opfer geworden.

Ein verlorener Haufen sind solche Rückkehrer, damals wie heute. Als Väter (und mit anderen Schicksalen auch als Mütter) geben sie diese Erfahrungen bzw. die Folgen der Erfahrungen an ihre Kinder weiter, tradieren sie. “Ein Junge weint nicht” oder “Ein Indianer kennt keinen Schmerz” sind Sprüche, die ich in meiner Kindheit noch viel gehört habe und die sich auf solche seelischen Verhärtungen zurückführen lassen.

War bei “Im Westen nichts Neues” der Frieden noch die große Hoffnung aller, so desillusioniert uns Remarque mit diesem Folgeband. Einzig seine Hauptperson läßt er gegen Ende des Buches etwas Zuversicht schöpfen, andere haben dagegen den Suizid gewählt, sind in der Irrenanstalt oder im Gefängnis gelandet. Die Heimkehrer von der Front kehren nicht wirklich heim, sie sind fremd geworden zu hause, Eindringlinge mit anderen Werten, anderen Erwartungen, anderer Sprache. Schwer nur ist eine Verständigung mit den Daheimgebliebenen möglich, die das, was den Frontsoldaten geprägt hat, nicht kennen….Nur wenige der Heimkehrer können sich in einem halbwegs “normalen” Leben einrichten, zufrieden, wenn es genug Essen gibt….

Erich Maria Remarque
Der Weg zurück
Erstveröffentlichung (als Buch) 1931
diese Ausgabe:
KiWi, Tb, 286 S. 2009

“Im Westen nichts Neues” ist einer der Klassiker der Kriegsliteratur, oder besser gesagt, der Anti-Kriegsliteratur. Veröffentlicht wurde er 1929, schon schnell hatte das Buch Millionenauflage erreicht und wurde in viele Sprachen übersetzt. Einiges zur Entstehungsgeschichte, um die sich ein gewisser Mythos rankt, ist diesem Beitrag des Deutschlandfunks [1] zu entnehmen.

Es geht, man sieht es am Veröffentlichungsdatum, um den 1. Weltkrieg. Dieser Krieg ist, was die Kriegstechnik angeht, eine Zäsur. Der bis dato dominierende “Kampf” Mann gegen Mann wird immer mehr “zugunsten” einer technisierten, nichtsdestotrotz weiterhin äußerst grausamen Kriegsführung, zurückgedrängt. Die Soldaten üben immer noch den Kampf mit Bajonett und Seitengewehr und belächeln anfangs die gepanzerten Tanks, die sich im Lauf der Jahre aber durch ihre Fähigkeit, über alles einfach hinwegzurollen, Respekt erwerben. Auf den Schlachtfeldern tobt der Gaskrieg und fordert grausamst seine Opfer, die mit blauen Köpfen in den Schützengräben und Granattrichtern verreckt sind. Luftminen pusten die Soldaten förmlich aus den Uniformen und zerstäuben ihre Leiber in blutige Fetzen, die von den Ästen der Bäume hängen…

Quälend sind die Beschreibungen des hin- und hertobenden Kampfes, des vor und zurück, des Niedermähens der Leiber durch die MGs, des Zerfetzen der Körper durch die Granaten und die umherfliegenden Splitter, das elendige Ersticken und Verrecken derjenigen, die ihre Maske nicht schnell genug überziehen konnten oder auch zu früh wieder abnahmen. Besonders die jungen Soldaten, beinahe Kinder noch, mit denen die Lücken gefüllt werden sollen, die der Tod der altgedienten riss, sterben. Zu unerfahren, noch kein Instinkt, zu ängstlich: dem Tod geweihte, nein, besser: dem Verrecken ausgeliefertes Kanonenfutter.

“Wir sehen Menschen leben, denen der Schädel fehlt; wir sehen Soldaten laufen, denen beide Füße weggefetzt sind; sie stolpern auf den splitternden Stümpfen bis zum nächsten Loch; ein Gefreiter kriecht zwei Kilometer weit auf den Händen und schleppt die zerschmetterten Knie hinter sich her; ein anderer geht zur Verbandstelle, und über seine festhaltenden Hände quellen die Därme, wir sehen Leute ohne Mund, ohne Unterkiefer, ohne Gesicht….”

An anderer Stelle sagt Remarque, daß man das wahre Gesicht des Krieges im Lazarett betrachten kann, wo sich die, die man noch von den Schlachtfeldern retten konnte, sammeln…..

Genug damit. Und denke keiner, heutzutage sei der Krieg nicht mehr so grausam, nur weil man ihn aus Videospielperspektive in der Tagesschau miterleben kann…

Remarque schildert uns den Krieg, wie er durch seine Hauptperson, den jungen Paul Bäumer gesehen wird. Dieser gehört zu einer Gruppe von Schülern, die von ihrem Lehrer mit begeistertem Überreden zum Militär gebracht wurden. Dort erwartete sie stupider, schikanöser Dienst, Ausbildung genannt, die aber – trotz aller Sinnlosigket, oder vllt auch gerade deswegen – hilft, dem Grauen des täglichen Krieges stand zu halten. Paul reflektiert sehr genau, wie der Krieg ihn ändert, kurzfristig im Verlauf einer Schlacht, aber auch langfristig als menschliches Wesen. Aus Menschen, so sagt er, werden vor Angst beim Angriff dem Wahnsinn Nahe, Tiere, die nur noch töten wollen, sie werden zu Automaten, die nur noch funktionieren, die nicht mehr denken, nicht mehr fühlen bis sie dann zum Schluss wie gefühllose Tote übers Schlachtfeld irren, um an nächsten Tag, an dem vllt Ruhe herrscht, mit Blödsinn und Albenheiten wieder in´s “Leben” zurück zu finden. Manch einer schafft es nicht, bekommt einen Koller, rennt mitten in der Schlacht hinaus, ohne Deckung in die MG-Salven…

Heimaturlaub, endlich. Doch Paul kann sich nicht einfinden in die Heimat, die feisten, Reden schwingenden Gesichter nicht ausstehen, die von der Ehre reden, der Nation, dem Stolz und das Verrecken nicht kennen. Er fühlt sich unwohl, steht wie ein Fremder vor den Büchern in seinem Zimmer, die er sich vor garnicht so langer Zeit erst vom Mund abgespart hat. Wie nichtssagend, wie unwichtig, nichts haben sie ihm mitgeben können für das, was er jetzt erlebt. Er, der kaum zwanzig ist, kennt vom Leben nur den Tod, die Verzweifelung – und die Kameradschaft derjenigen, die ihm in dieser seelischen Hölle Gesellschaft leisten, die in der gleichen Lage sind. Der Augenblick zählt, ein paar Minuten später kann man bereits tot sein…. Nur die Kameraden, die dasgleiche wie er erleben, können sich gegenseitig verstehen, vor ihnen gibt es keine Scham, keine Schwäche, weil alle dasgleiche fühlen, dasgleiche erleiden.

Der Krieg, jeder Krieg, hinterläßt Krüppel. Menschen, die lernen müssen, ohne amputierten Gliedmaßen oder andere Gebrechen durchs Leben zu kommen. Aber auch Menschen, deren Seele Schaden genommen hat so wie Remarque es uns in seiner Hauptfigur Paul so deutlich vor Augen führt. Es war eine verlorende Jugend, die dort auf den “killing fields” des 1. Weltkriegs herangezogen wurde, eine Jugend, die keine Zukunft mehr sieht, die, selbst wenn sie sich äußerlich mit dem Leben nach dem Krieg wieder arrangieren kann, innerlich zutiefst verletzt und verwundet ist. Und diese seelischen Verwundungen, die verdrängten Kriegserlebnisse mit ihren Folgen werden tradiert auf die nächste Generation. Durch die Art, wie diese ehemaligen Kriegsteilnehmer ihre Kinder erziehen, übertragen sie die Folgen des Krieges auf sie, abgemildert vielleicht, aber deutlich. Wie sollten sie es auch anders können? Im Keller der Seele tobt der Krieg weiter, bis er dann im Alter, bei manchem in der Demenz wieder offen zu Tage tritt, in der Erinnerung, schmerzhaften meist, in der die Ängste wieder hervorkommen, das Zittern, das Grauen. Ich hatte hier im Ort einen älternen, nein: alten Herrn, sehr liebenswürdig, aber nur ein Thema: der Krieg. Man hatte immer das Gefühl, er wäre schon leipzig/einundleipz im U-Boot vor Paris dabei gewesen… und auch der eigene Vater: immer wieder der Krieg, die Ostsee, die Russen, das zerbombte Eis um die Flüchtlinge herum, die es im Winter über das Meer versuchten… die Nachkriegsliteratur ist voll von Figuren, Frauen wie Männern, die unter den seelische Folgen des Krieges leiden … nach dem Vietnam-Krieg prägten die Amerikaner den Begriff der PTBS, der “Posttraumatischen Belastungsstörung”, einer psychischen/psychosomatischen Erkrankung des Menschen nach traumatischen Erlebnissen. Der Begriff ist neu, die Krankheit so alt wie der Krieg, wie die Menschen….

Der Roman ist in zwölf Kapitel unterteilt, die insgesamt einen Zeitraum von 3 Jahren überdecken. Eine Kurzübersicht über den Inhalt gibt der entsprechende Wiki-Artikel [2], die einzelnen Abschnitte widmen sich typischen Situationen des Soldatenlebens im Krieg, die nüchtern und ohne Polemik dargestellt werden. Immer wieder auch die Gedanken und Überlegungen Paul Bäumers, der, je weiter der Krieg fortschreitet, immer mehr spürt, wie er sich selbst fremd wird, wie ihm der Krieg sein Leben raubt, seine Jugend, seine Zukunft. Ein Kamerad nach dem anderen stirbt, wird getötet, mit den neuen kann er gegen Ende des Krieges nichts anfangen, selbst diese sind ihm schon zu weit entfernt, als daß er eine Verbindung zu ihnen spüren würde. So bricht ihm auch noch das letzte, was ihn aufrecht gehalten hat, weg, die Kameradschaft, die Freundschaft auf Leben und Tod. Er ist einsam zum Schluss, inmitten aller Menschen, die der Tod übrig gelassen hat. Und so bleibt zum Schluss der Eindruck, das Ende sei ihm garnicht so schlimm geworden….

Ein paar Jahre vor Remarques Klassiker erschien 1924 ein Buch von Ernst Friedrich: “Krieg dem Kriege”, das den 1. Weltkrieg in Bildern zeigt. Es ist wie eine Illustrierung des Romans, das kleine Bildchen, das ich oben hineingestellt habe, ist diesem Buch entnommen , die google-Bildersuche führt zu weiteren Bildern. Es ist ein erschütternder Aufruf gegen das Morden, das Abschlachten der Menschen durch den Menschen im Krieg. Wer “Im Westen nichts Neues” liest, sollte sich dieses kleine Büchlein auch besorgen….

Facit: Zwar haben sich die Kriege, zumindest die von unserer Gesellschaft geführten, geändert gegenüber diesem Krieg, die Sinnlosigkeit und das Verbrechen, das jeder Krieg an den Menschen ausübt, sind jedoch geblieben. Und so hat Remarques Roman über das Schicksal von Paul Bäumer nichts an Aktualität verloren.

Erich Maria Remarque
Im Westen nichts Neues
Erstausgabe: 1929
diese Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch, 1984

Ernst Friedrich
Krieg dem Kriege
Erstausgabe 1924
diese Ausgabe: zweitausendeins, 1981

[1] Beitrag des Deuschlandfunks/909792/ zum 80jähren Jahrestag der Erstveröffentlichung
[2] zum Wiki-Artikel über den Roman mit weiterführenden Links

der Folgeband: “Erich Maria Remarque: Der Weg zurück” bei aus.gelesen

Auf meinen Reisen als Student durch Asien bin ich überall freundlich aufgenommen worden, im Gegensatz zu den Jungs aus Amerika, die sich manchmal schon einiges gefallen lassen mussten, und wenn es nur eine vorgetäuschte Verständigungsschwierigkeit war. Da die Umgangssprache damals (und wohl auch heute noch) Englisch ist, und der gemeine sagen wir mal Afghane die unterschiedlichen Nationalitäten wohl kaum an der Aussprache unterscheiden kann, gab es ein probates Mittel für uns Deutsche: wir haben in Läden oder wenn wir jemanden angequatsch haben, erst mal deutsch geredet und sind danach ins Englische übergewechselt. Aus Deutscher war man eigentlich überall gut gelitten, besonders auch in Afghanistan. Wieso dies so war, nun, das wurde mit bei der Lektüre dieses Aufsatzes klar.

Der im übrigen gut passt zu den anderen Beiträgen von mir, die sich mit zwei literarischen Auseinandersetzungen mit diesem wilden Land am Hindukusch befassen (Buchhändler, Drachenflieger).

Die Historie, die hier beschrieben wird, betrifft einen exotischen Nebenschauplatz des 1. Weltkrieges. Entgegen der Erwartung des Kaisers ist England in den Krieg eingetreten. Eine diesbezügliche Notiz des Kaisers ist erhalten:

Unsere Konsuln in der Türkei und Indien, Agenten usw. müssen die ganze mohammedanische Welt gegen dieses verhasste, verlogene, gewissenlose Krämervolk zum wilden Aufstande entflammen; denn wenn wir uns verbluten sollen, dann soll England wenigstens Indien verlieren.”

Mit anderen, modernen Worten: Kaiser Wilhelm plante, eine Glaubenskrieg, einen Djihad, anzuzetteln. Mit der Türkei, dem damaligen “kranken Mann am Bosporus” wurde ein geheimes Militärbündnis geschlossen, mit dessen Hilfe die Türkei ein großtürkisches Reich errichten wollte. Eine Expedition nach Afghanisten, um den dortigen Emir zu überreden, an der Seite der Türkei zu kämpfen, war Bestandteil des Paktes.

Volksaufstände in Indien, Ägypten und dem Kaukasus seien zu entfachen, um den Gegner von innen zu schwächen. Es sei eine Maßnahme der Selbstverteidigung, den Islam auszunutzen und nach Kräften zu stärken [3]: durch Bestechung, politische Versprechen, Agitation, Waffenschmuggel, Banküberfälle, Anschläge und Mordkomplotte. Der Orient sollte in ein Pulverfass verwandelt werden, um das islamische Hinterland des Feindes zu destabilisieren.

In diesem Geiste wird von der “Nachrichtenstelle für den Orient” (NfO, [3]) eine im wesentlichen durch ihre “praktische Ahnungslosigkeit” charakterisierte Expertengruppe zur Planung eines solchen Unternehmens zusammengestellt.

Michal beschreibt im folgenden die Durchführung und das Schicksal der Expedition unter Waßmuß, Niedermayer und von Hentig, die, anders kann man es nicht sagen, absolut unprofessionell und stümperhaft verlaufen. Niedermayer und von Hentig sind sich spinnefeind, streiten und trennen sich, marschieren dann auf getrennten Wegen weiter nach Afghanistan. Die körperlichen Strapazen, die die Expeditionen auf sich nehmen, als sie das persische Innenland durchqueren, sind mörderisch, im wahrsten Sinne des Wortes, die Verluste bei Mensch und Tier hoch. Von 160 Menschen und 280 Tieren sind bei der Ankunft in Herat 37 Menschen und 79 Tiere übrig.

In Afghanistan selbst ist der Empfang freundlich, aber die beiden kommen nicht weiter. Emir Habibullah versteht es, die Deutschen hinzuhalten, er taktiert, da er von den Engländern, die von der Expedition der Deutschen erfahren haben, vorgewarnt und instruiert worden ist. Erst spät ist er zu einem Vertragsabschluss mit dem deutschen Reich bereit, der ihm umfangreiche Waffenlieferungen garantiert, jedoch ohne Gegenleistung seinerseits.

Die Deutschen machen sich in der Zwischenzeit in Kabul “nützlich”: sie modernisieren die einzige Waffenmanufaktur des Landes, Reorganisieren die Armee und Helfen beim Bau eines Krankenhauses. Ihre eigentlichen Pläne, einen Aufstand anzuzetteln, erreichen sie jedoch nicht – unter anderem auch, weil die Engländer die Zahlungen an den Emir großzügig verdoppelt haben, der mit seiner Rolle als Taschengeldempfänger [4] völlig zufrieden ist….. Jedenfalls sind die deutschen Einflüsse und Impulse auf die Modernisierung Afghanistans groß [4] und haben sich, wie Michal schreibt, “ins kollektive Gedächtnis” gebrannt. Und deswegen, hier schließt sich dann der Kreis, war man (und ist man) als Deutscher in Afghanistan gut gelitten.

Die Deutschen verlassen im Mai 1916 das Land ohne Erlaubnis und in ebenso abenteuerlicher Weise, wie sie dorthin gekommen sind. 1919, unter dem Nachfolger des ermordeten Habibullah marschieren die Afghanen in Indien ein und rufen den Heiligen Krieg aus. Am 8. August gewähren ihnen die kriegsmüden Engländer die Unabhängigkeit.

Der Bericht Michals liest sich gut, ist spannend und unterhaltsam geschrieben. Verwunderlich ist jedoch, was er schreibt: Zufällig stieß [er] in den Archiven des Auswärtigen Amtes auf die “Revolutionierung des Orients””. Wenn ich mir überlege, was ich in der wenigen Zeit, die ich ein bischen nachrecherchiert habe, an Quellen gefunden habe über dieses Thema… natürlich nicht die Originalquellen, aber trotzdem.. bizarr mag die Geschichte sein, unbekannt aber nicht… egal, ich habe ein paar Sachen erfahren, die ich vorher nicht wusste. Ist doch was!

————————–
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Niedermayer-Hentig-Expedition

[2] http://daserste.ndr.de/panorama/media/djihad100.html

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Nachrichtenstelle_für_den_Orient

[4] http://www.heise.de/tp/r4/artikel/14/14080/1.html

Ein (leider nicht richtig funktionierender Link zu alten Fotos aus Afghanistan… gibt aber trotzdem einen Eindruck vom Land wieder):
historische Fotos aus Afghanistan

Das Buch von Niedermeyer:
Unter der Glutsonne Irans – Kriegserlebnisse der deutschen Expedition nach Persien und Afganistan
gibt es wohl in verschiedenen Ausgaben bei verschiedenen Verlagen…

Das Buch von Otto von Hentig: Meine Diplomatenfahrt ins verschlossene Land. Ullstein-Kriegsbücher
erschien 1918 wohl zum ersten Mal, das von den Amerikaner 1945 konfiszierte Original-Tagebuch wurde 2003 erstmals publiziert (ISBN 3909081371: Otto von Hentig: Von Kabul nach Shanghai: Bericht über die Afghanistan-Mission 1915/16 und die Rückkehr über das Dach der Welt und durch die Wüsten Chinas (Gebundene Ausgabe))

Wolfgang Michal
Des Kaisers Heiliger Krieg
GEO 11/2008
ISSN 0342-8311

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