Kurze Zeit nach der Veröffentlichung seines Erfolgsromans “Im Westen nichts Neues” wurde dieser vom inhaltlichen her zeitlich anschließende Roman publiziert. Ernst Birkholz, der Ich-Erzähler, liegt mit seinen Kameraden noch in Frankreich auf dem Gefechtsfeld, in der durch Bomben und Granaten umgepflügten Landschaft, in den Gräben und Trichtern. Das Gerücht vom unmittelbar bevorstehenden Kriegsende beflügelt die Phantasie der Männer, endlich wieder das lang vermisste Essen, Wärme, die Familie, die Heimat, die Berührung einer Frau. Melancholisch (und hungrig) schauen sie einem Schwarm Gänse nach, die hoch am Himmel unantastbar davon ziehen. Jetzt nur nicht noch erwischt werden, nachdem man all die Schlachten mehr oder weniger unbeschadet überstanden hat!

Das Kriegsende steht bevor, aber er Krieg ist noch nicht aus. Wie ungewohnt der Frieden sein wird, schildert Remaraque gleich am Anfang seines Buchs. Es ist der Moment, in dem Stille herrscht auf dem Gefechstfeld, keine Schüsse zu hören sind, nichts explodiert. Diese unerklärliche Stille vermittelt den Eindruck von Gefahr, sie ist neu, niemand fühlt sich wohl in ihr, die Beklemmung verschwindet erst, als die normale Geräuschkulisse des Krieges wieder einsetzt.

Schließlich ist es soweit, der Deutsche Reich hat kapituliert, die Männer können nach Hause. Vorher sammeln sie sich, von den 500 Soldaten der Kompanie sind 32 noch am leben, sieben Chefs hat die Kompanie in den letzten zwei Jahren gehabt… Der Kaiser ist nach Holland geflohen, und dafür sollen sie solange im Dreck gelegen und verreckt sein? Erste Wut zieht auf.. zu Hause angekommen, werden sie gleich von der ausbrechenden Revolution empfangen – mit Prügeltrupps, weil sie ihrem Leutnant die Epauletten nicht abgezogen haben. Aber sie sind alte Frontschweine und behalten die Oberhand, verprügeln ihrerseits die Revolutionäre.

“Viele liegen da von uns, aber bislang haben wir es nicht so empfunden. Wir sind ja zusammengeblieben, sie in den Gräben, wir in den Gräben, nur durch ein paar Handvoll Erde getrennt. Sie waren uns nur etwas voraus, denn täglich wurden wir weniger und sie mehr – und oft wussten wir nicht, ob wir schon zu ihnen gehörten oder nicht. Aber manchmal brachten die Granaten auch sie wieder herauf zu uns, hochgeschleuderte zerfallende Knochen, Uniformreste, verweste, nasse, schon erdige Köpfe, die im Trommelfeuer noch einmal aus ihren verschütteten Unterständen in die Schlacht zurückkehrten. Wir empfanden es nicht als schrecklich; wir waren ihnen zu nahe. Aber jetzt gehen wir ins Leben zurück, und sie müssen hierbleiben.”

Sie kommen zurück in ihre Häuser, aber sie empfinden es nicht mehr als zu Hause. Das, was sich schon beim Heimaturlaub von Ernst (siehe: Im Westen nicht Neues) zeigt, trifft hier in noch viel größerem Umfang zu: es sind nicht mehr die Jungs, die von der Schulbank weggeholt in den Krieg geschickt wurden. Zurückgekommen sind Soldaten, die eine völlige Umwertung aller Werte erfahren haben. Menschen, die jahrelang keine Zukunft gehabt haben, die nicht mehr geplant haben über den Moment hinaus weil sie in der nächsten Minute schon tot sein konnten, erschossen, zerfetzt, erschlagen. Die Bücher, die sie zuhause finden, sagen ihnen nichts mehr, die Themen, über die man sich unterhält, interessieren sie nicht. Sie kennen sich nicht mehr aus im Frieden, an der Front wussten sie Bescheid, wie sie sich zu verhalten hatten, auf was zu achten war. Hier, in der Heimat, sind sie Fremde, mit anderen Werten, mit anderen Verhaltensmustern. So suchen sie die Nähe der alten Kameraden, war Kameradschaft doch das einzige, was ihnen im Feld Halt gab.

Doch auch die hat keinen Bestand. Das Militär, die Front, war ein Gleichmacher, jeder lag im gleichen Dreck, fraß den gleichen Fraß, jeder konnte der Nächste sein im MG-Feuer. Jetzt im Frieden, treten die Unterschiede wieder zutage. Mancher findet zurück in seine alte Welt, streift mit der Uniform auch das militärische ab, wird vllt Schieber und Schwarzhändler und kann das Geld bald mit vollen Händen ausgeben. Andere, Handwerker, kleine Arbeiter zumeist, tragen ihre alte, blutbefleckte, geflickte Uniform weiter, finden keinen Anschluss und auch die Verbundenheit mit den anderen, die jetzt wieder so anders aussehen, bröckelt.

Nur widerwillig kehren die Jungs wieder auf die Schulbank zurück, wo sie mit leerem Pathos, mit Worthülsen und Phrasen über ihren Mut und ihre Tapferkeit empfangen werden. Die Schulbank drücken, die Autorität von Lehrern anerkennen, die nie gehört haben, wie Kameraden im Todeskampf schreien – das ist einfach lächerlich für die Heimkehrer, sie revoltieren gegen den stupiden Versuch, die Zeit zurückzudrehen und sie als Schüler zu behandeln….

Stille ist tödlich. Sie erlaubt den Gedanken, den Erinnerungen, wieder zu erscheinen. Alpträume suchen Ernst heim, er sieht die Toten, sieht den englischen Hauptmann, dem er mit einer Handgranate die Beine vom Körper wegsprengt. Er bewegt sich wieder, der Totgeglaubte, läuft auf den Stümpfen hinter ihm, dem die Beine versagen, her, näher.. näher… bekommt ihn fassen, würgt ihn mit den wie Fahnen im Wind wehenden Gamaschenwickeln.. Schreie, wildes Umsichschlagen, bis Ernst wieder wach ist und nicht glauben kann, daß er zu hause im Bett liegt…. Ein Krankheitsbild, das man in der Folge des Vietnam-Krieges als “posttraumatische Belastungsstörung” bezeichnet, damals war es noch namenlos, wenn es überhaupt als Krankheit aufgefasst wurde….

Umsonst, umsonst… schon fangen die Menschen wieder an, den Schrecken des Krieges zu verklären. Beim Spaziergang im Wald begegenen ihnen Jugendliche, die Krieg “üben”, militärisch gedrillt werden, sprung auf, marsch marsch….

Der durchgängige Tenor des Buches ist grau und schwarz. Ist erfüllt von Sinnlosigkeit, von Überflüssigkeit, von Ausgestossenheit. Für was und wen wurde dieser Krieg geführt, warum die vielen Menschen abgeschlachtet? Die Rückkehrer – keiner will sie so richtig, sie sind Aussenseiter, die man nicht versteht, mit denen man sich nicht mehr unterhalten kann, die nicht lustig sind, sondern krank. Sie, die sie so lange mit dem Tod in enger Nachbarschaft lebten, können sich in die Unbefangenheit des zivilen Lebens kaum einfügen, mit den Regeln, die hier gelten, wären sie draußen schnell zum Opfer geworden.

Ein verlorener Haufen sind solche Rückkehrer, damals wie heute. Als Väter (und mit anderen Schicksalen auch als Mütter) geben sie diese Erfahrungen bzw. die Folgen der Erfahrungen an ihre Kinder weiter, tradieren sie. “Ein Junge weint nicht” oder “Ein Indianer kennt keinen Schmerz” sind Sprüche, die ich in meiner Kindheit noch viel gehört habe und die sich auf solche seelischen Verhärtungen zurückführen lassen.

War bei “Im Westen nichts Neues” der Frieden noch die große Hoffnung aller, so desillusioniert uns Remarque mit diesem Folgeband. Einzig seine Hauptperson läßt er gegen Ende des Buches etwas Zuversicht schöpfen, andere haben dagegen den Suizid gewählt, sind in der Irrenanstalt oder im Gefängnis gelandet. Die Heimkehrer von der Front kehren nicht wirklich heim, sie sind fremd geworden zu hause, Eindringlinge mit anderen Werten, anderen Erwartungen, anderer Sprache. Schwer nur ist eine Verständigung mit den Daheimgebliebenen möglich, die das, was den Frontsoldaten geprägt hat, nicht kennen….Nur wenige der Heimkehrer können sich in einem halbwegs “normalen” Leben einrichten, zufrieden, wenn es genug Essen gibt….

Erich Maria Remarque
Der Weg zurück
Erstveröffentlichung (als Buch) 1931
diese Ausgabe:
KiWi, Tb, 286 S. 2009

“Im Westen nichts Neues” ist einer der Klassiker der Kriegsliteratur, oder besser gesagt, der Anti-Kriegsliteratur. Veröffentlicht wurde er 1929, schon schnell hatte das Buch Millionenauflage erreicht und wurde in viele Sprachen übersetzt. Einiges zur Entstehungsgeschichte, um die sich ein gewisser Mythos rankt, ist diesem Beitrag des Deutschlandfunks [1] zu entnehmen.

Es geht, man sieht es am Veröffentlichungsdatum, um den 1. Weltkrieg. Dieser Krieg ist, was die Kriegstechnik angeht, eine Zäsur. Der bis dato dominierende “Kampf” Mann gegen Mann wird immer mehr “zugunsten” einer technisierten, nichtsdestotrotz weiterhin äußerst grausamen Kriegsführung, zurückgedrängt. Die Soldaten üben immer noch den Kampf mit Bajonett und Seitengewehr und belächeln anfangs die gepanzerten Tanks, die sich im Lauf der Jahre aber durch ihre Fähigkeit, über alles einfach hinwegzurollen, Respekt erwerben. Auf den Schlachtfeldern tobt der Gaskrieg und fordert grausamst seine Opfer, die mit blauen Köpfen in den Schützengräben und Granattrichtern verreckt sind. Luftminen pusten die Soldaten förmlich aus den Uniformen und zerstäuben ihre Leiber in blutige Fetzen, die von den Ästen der Bäume hängen…

Quälend sind die Beschreibungen des hin- und hertobenden Kampfes, des vor und zurück, des Niedermähens der Leiber durch die MGs, des Zerfetzen der Körper durch die Granaten und die umherfliegenden Splitter, das elendige Ersticken und Verrecken derjenigen, die ihre Maske nicht schnell genug überziehen konnten oder auch zu früh wieder abnahmen. Besonders die jungen Soldaten, beinahe Kinder noch, mit denen die Lücken gefüllt werden sollen, die der Tod der altgedienten riss, sterben. Zu unerfahren, noch kein Instinkt, zu ängstlich: dem Tod geweihte, nein, besser: dem Verrecken ausgeliefertes Kanonenfutter.

“Wir sehen Menschen leben, denen der Schädel fehlt; wir sehen Soldaten laufen, denen beide Füße weggefetzt sind; sie stolpern auf den splitternden Stümpfen bis zum nächsten Loch; ein Gefreiter kriecht zwei Kilometer weit auf den Händen und schleppt die zerschmetterten Knie hinter sich her; ein anderer geht zur Verbandstelle, und über seine festhaltenden Hände quellen die Därme, wir sehen Leute ohne Mund, ohne Unterkiefer, ohne Gesicht….”

An anderer Stelle sagt Remarque, daß man das wahre Gesicht des Krieges im Lazarett betrachten kann, wo sich die, die man noch von den Schlachtfeldern retten konnte, sammeln…..

Genug damit. Und denke keiner, heutzutage sei der Krieg nicht mehr so grausam, nur weil man ihn aus Videospielperspektive in der Tagesschau miterleben kann…

Remarque schildert uns den Krieg, wie er durch seine Hauptperson, den jungen Paul Bäumer gesehen wird. Dieser gehört zu einer Gruppe von Schülern, die von ihrem Lehrer mit begeistertem Überreden zum Militär gebracht wurden. Dort erwartete sie stupider, schikanöser Dienst, Ausbildung genannt, die aber – trotz aller Sinnlosigket, oder vllt auch gerade deswegen – hilft, dem Grauen des täglichen Krieges stand zu halten. Paul reflektiert sehr genau, wie der Krieg ihn ändert, kurzfristig im Verlauf einer Schlacht, aber auch langfristig als menschliches Wesen. Aus Menschen, so sagt er, werden vor Angst beim Angriff dem Wahnsinn Nahe, Tiere, die nur noch töten wollen, sie werden zu Automaten, die nur noch funktionieren, die nicht mehr denken, nicht mehr fühlen bis sie dann zum Schluss wie gefühllose Tote übers Schlachtfeld irren, um an nächsten Tag, an dem vllt Ruhe herrscht, mit Blödsinn und Albenheiten wieder in´s “Leben” zurück zu finden. Manch einer schafft es nicht, bekommt einen Koller, rennt mitten in der Schlacht hinaus, ohne Deckung in die MG-Salven…

Heimaturlaub, endlich. Doch Paul kann sich nicht einfinden in die Heimat, die feisten, Reden schwingenden Gesichter nicht ausstehen, die von der Ehre reden, der Nation, dem Stolz und das Verrecken nicht kennen. Er fühlt sich unwohl, steht wie ein Fremder vor den Büchern in seinem Zimmer, die er sich vor garnicht so langer Zeit erst vom Mund abgespart hat. Wie nichtssagend, wie unwichtig, nichts haben sie ihm mitgeben können für das, was er jetzt erlebt. Er, der kaum zwanzig ist, kennt vom Leben nur den Tod, die Verzweifelung – und die Kameradschaft derjenigen, die ihm in dieser seelischen Hölle Gesellschaft leisten, die in der gleichen Lage sind. Der Augenblick zählt, ein paar Minuten später kann man bereits tot sein…. Nur die Kameraden, die dasgleiche wie er erleben, können sich gegenseitig verstehen, vor ihnen gibt es keine Scham, keine Schwäche, weil alle dasgleiche fühlen, dasgleiche erleiden.

Der Krieg, jeder Krieg, hinterläßt Krüppel. Menschen, die lernen müssen, ohne amputierten Gliedmaßen oder andere Gebrechen durchs Leben zu kommen. Aber auch Menschen, deren Seele Schaden genommen hat so wie Remarque es uns in seiner Hauptfigur Paul so deutlich vor Augen führt. Es war eine verlorende Jugend, die dort auf den “killing fields” des 1. Weltkriegs herangezogen wurde, eine Jugend, die keine Zukunft mehr sieht, die, selbst wenn sie sich äußerlich mit dem Leben nach dem Krieg wieder arrangieren kann, innerlich zutiefst verletzt und verwundet ist. Und diese seelischen Verwundungen, die verdrängten Kriegserlebnisse mit ihren Folgen werden tradiert auf die nächste Generation. Durch die Art, wie diese ehemaligen Kriegsteilnehmer ihre Kinder erziehen, übertragen sie die Folgen des Krieges auf sie, abgemildert vielleicht, aber deutlich. Wie sollten sie es auch anders können? Im Keller der Seele tobt der Krieg weiter, bis er dann im Alter, bei manchem in der Demenz wieder offen zu Tage tritt, in der Erinnerung, schmerzhaften meist, in der die Ängste wieder hervorkommen, das Zittern, das Grauen. Ich hatte hier im Ort einen älternen, nein: alten Herrn, sehr liebenswürdig, aber nur ein Thema: der Krieg. Man hatte immer das Gefühl, er wäre schon leipzig/einundleipz im U-Boot vor Paris dabei gewesen… und auch der eigene Vater: immer wieder der Krieg, die Ostsee, die Russen, das zerbombte Eis um die Flüchtlinge herum, die es im Winter über das Meer versuchten… die Nachkriegsliteratur ist voll von Figuren, Frauen wie Männern, die unter den seelische Folgen des Krieges leiden … nach dem Vietnam-Krieg prägten die Amerikaner den Begriff der PTBS, der “Posttraumatischen Belastungsstörung”, einer psychischen/psychosomatischen Erkrankung des Menschen nach traumatischen Erlebnissen. Der Begriff ist neu, die Krankheit so alt wie der Krieg, wie die Menschen….

Der Roman ist in zwölf Kapitel unterteilt, die insgesamt einen Zeitraum von 3 Jahren überdecken. Eine Kurzübersicht über den Inhalt gibt der entsprechende Wiki-Artikel [2], die einzelnen Abschnitte widmen sich typischen Situationen des Soldatenlebens im Krieg, die nüchtern und ohne Polemik dargestellt werden. Immer wieder auch die Gedanken und Überlegungen Paul Bäumers, der, je weiter der Krieg fortschreitet, immer mehr spürt, wie er sich selbst fremd wird, wie ihm der Krieg sein Leben raubt, seine Jugend, seine Zukunft. Ein Kamerad nach dem anderen stirbt, wird getötet, mit den neuen kann er gegen Ende des Krieges nichts anfangen, selbst diese sind ihm schon zu weit entfernt, als daß er eine Verbindung zu ihnen spüren würde. So bricht ihm auch noch das letzte, was ihn aufrecht gehalten hat, weg, die Kameradschaft, die Freundschaft auf Leben und Tod. Er ist einsam zum Schluss, inmitten aller Menschen, die der Tod übrig gelassen hat. Und so bleibt zum Schluss der Eindruck, das Ende sei ihm garnicht so schlimm geworden….

Ein paar Jahre vor Remarques Klassiker erschien 1924 ein Buch von Ernst Friedrich: “Krieg dem Kriege”, das den 1. Weltkrieg in Bildern zeigt. Es ist wie eine Illustrierung des Romans, das kleine Bildchen, das ich oben hineingestellt habe, ist diesem Buch entnommen , die google-Bildersuche führt zu weiteren Bildern. Es ist ein erschütternder Aufruf gegen das Morden, das Abschlachten der Menschen durch den Menschen im Krieg. Wer “Im Westen nichts Neues” liest, sollte sich dieses kleine Büchlein auch besorgen….

Facit: Zwar haben sich die Kriege, zumindest die von unserer Gesellschaft geführten, geändert gegenüber diesem Krieg, die Sinnlosigkeit und das Verbrechen, das jeder Krieg an den Menschen ausübt, sind jedoch geblieben. Und so hat Remarques Roman über das Schicksal von Paul Bäumer nichts an Aktualität verloren.

Erich Maria Remarque
Im Westen nichts Neues
Erstausgabe: 1929
diese Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch, 1984

Ernst Friedrich
Krieg dem Kriege
Erstausgabe 1924
diese Ausgabe: zweitausendeins, 1981

[1] Beitrag des Deuschlandfunks/909792/ zum 80jähren Jahrestag der Erstveröffentlichung
[2] zum Wiki-Artikel über den Roman mit weiterführenden Links

der Folgeband: “Erich Maria Remarque: Der Weg zurück” bei aus.gelesen

Auf meinen Reisen als Student durch Asien bin ich überall freundlich aufgenommen worden, im Gegensatz zu den Jungs aus Amerika, die sich manchmal schon einiges gefallen lassen mussten, und wenn es nur eine vorgetäuschte Verständigungsschwierigkeit war. Da die Umgangssprache damals (und wohl auch heute noch) Englisch ist, und der gemeine sagen wir mal Afghane die unterschiedlichen Nationalitäten wohl kaum an der Aussprache unterscheiden kann, gab es ein probates Mittel für uns Deutsche: wir haben in Läden oder wenn wir jemanden angequatsch haben, erst mal deutsch geredet und sind danach ins Englische übergewechselt. Aus Deutscher war man eigentlich überall gut gelitten, besonders auch in Afghanistan. Wieso dies so war, nun, das wurde mit bei der Lektüre dieses Aufsatzes klar.

Der im übrigen gut passt zu den anderen Beiträgen von mir, die sich mit zwei literarischen Auseinandersetzungen mit diesem wilden Land am Hindukusch befassen (Buchhändler, Drachenflieger).

Die Historie, die hier beschrieben wird, betrifft einen exotischen Nebenschauplatz des 1. Weltkrieges. Entgegen der Erwartung des Kaisers ist England in den Krieg eingetreten. Eine diesbezügliche Notiz des Kaisers ist erhalten:

Unsere Konsuln in der Türkei und Indien, Agenten usw. müssen die ganze mohammedanische Welt gegen dieses verhasste, verlogene, gewissenlose Krämervolk zum wilden Aufstande entflammen; denn wenn wir uns verbluten sollen, dann soll England wenigstens Indien verlieren.”

Mit anderen, modernen Worten: Kaiser Wilhelm plante, eine Glaubenskrieg, einen Djihad, anzuzetteln. Mit der Türkei, dem damaligen “kranken Mann am Bosporus” wurde ein geheimes Militärbündnis geschlossen, mit dessen Hilfe die Türkei ein großtürkisches Reich errichten wollte. Eine Expedition nach Afghanisten, um den dortigen Emir zu überreden, an der Seite der Türkei zu kämpfen, war Bestandteil des Paktes.

Volksaufstände in Indien, Ägypten und dem Kaukasus seien zu entfachen, um den Gegner von innen zu schwächen. Es sei eine Maßnahme der Selbstverteidigung, den Islam auszunutzen und nach Kräften zu stärken [3]: durch Bestechung, politische Versprechen, Agitation, Waffenschmuggel, Banküberfälle, Anschläge und Mordkomplotte. Der Orient sollte in ein Pulverfass verwandelt werden, um das islamische Hinterland des Feindes zu destabilisieren.

In diesem Geiste wird von der “Nachrichtenstelle für den Orient” (NfO, [3]) eine im wesentlichen durch ihre “praktische Ahnungslosigkeit” charakterisierte Expertengruppe zur Planung eines solchen Unternehmens zusammengestellt.

Michal beschreibt im folgenden die Durchführung und das Schicksal der Expedition unter Waßmuß, Niedermayer und von Hentig, die, anders kann man es nicht sagen, absolut unprofessionell und stümperhaft verlaufen. Niedermayer und von Hentig sind sich spinnefeind, streiten und trennen sich, marschieren dann auf getrennten Wegen weiter nach Afghanistan. Die körperlichen Strapazen, die die Expeditionen auf sich nehmen, als sie das persische Innenland durchqueren, sind mörderisch, im wahrsten Sinne des Wortes, die Verluste bei Mensch und Tier hoch. Von 160 Menschen und 280 Tieren sind bei der Ankunft in Herat 37 Menschen und 79 Tiere übrig.

In Afghanistan selbst ist der Empfang freundlich, aber die beiden kommen nicht weiter. Emir Habibullah versteht es, die Deutschen hinzuhalten, er taktiert, da er von den Engländern, die von der Expedition der Deutschen erfahren haben, vorgewarnt und instruiert worden ist. Erst spät ist er zu einem Vertragsabschluss mit dem deutschen Reich bereit, der ihm umfangreiche Waffenlieferungen garantiert, jedoch ohne Gegenleistung seinerseits.

Die Deutschen machen sich in der Zwischenzeit in Kabul “nützlich”: sie modernisieren die einzige Waffenmanufaktur des Landes, Reorganisieren die Armee und Helfen beim Bau eines Krankenhauses. Ihre eigentlichen Pläne, einen Aufstand anzuzetteln, erreichen sie jedoch nicht – unter anderem auch, weil die Engländer die Zahlungen an den Emir großzügig verdoppelt haben, der mit seiner Rolle als Taschengeldempfänger [4] völlig zufrieden ist….. Jedenfalls sind die deutschen Einflüsse und Impulse auf die Modernisierung Afghanistans groß [4] und haben sich, wie Michal schreibt, “ins kollektive Gedächtnis” gebrannt. Und deswegen, hier schließt sich dann der Kreis, war man (und ist man) als Deutscher in Afghanistan gut gelitten.

Die Deutschen verlassen im Mai 1916 das Land ohne Erlaubnis und in ebenso abenteuerlicher Weise, wie sie dorthin gekommen sind. 1919, unter dem Nachfolger des ermordeten Habibullah marschieren die Afghanen in Indien ein und rufen den Heiligen Krieg aus. Am 8. August gewähren ihnen die kriegsmüden Engländer die Unabhängigkeit.

Der Bericht Michals liest sich gut, ist spannend und unterhaltsam geschrieben. Verwunderlich ist jedoch, was er schreibt: Zufällig stieß [er] in den Archiven des Auswärtigen Amtes auf die “Revolutionierung des Orients””. Wenn ich mir überlege, was ich in der wenigen Zeit, die ich ein bischen nachrecherchiert habe, an Quellen gefunden habe über dieses Thema… natürlich nicht die Originalquellen, aber trotzdem.. bizarr mag die Geschichte sein, unbekannt aber nicht… egal, ich habe ein paar Sachen erfahren, die ich vorher nicht wusste. Ist doch was!

————————–
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Niedermayer-Hentig-Expedition

[2] http://daserste.ndr.de/panorama/media/djihad100.html

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Nachrichtenstelle_für_den_Orient

[4] http://www.heise.de/tp/r4/artikel/14/14080/1.html

Ein (leider nicht richtig funktionierender Link zu alten Fotos aus Afghanistan… gibt aber trotzdem einen Eindruck vom Land wieder):
historische Fotos aus Afghanistan

Das Buch von Niedermeyer:
Unter der Glutsonne Irans – Kriegserlebnisse der deutschen Expedition nach Persien und Afganistan
gibt es wohl in verschiedenen Ausgaben bei verschiedenen Verlagen…

Das Buch von Otto von Hentig: Meine Diplomatenfahrt ins verschlossene Land. Ullstein-Kriegsbücher
erschien 1918 wohl zum ersten Mal, das von den Amerikaner 1945 konfiszierte Original-Tagebuch wurde 2003 erstmals publiziert (ISBN 3909081371: Otto von Hentig: Von Kabul nach Shanghai: Bericht über die Afghanistan-Mission 1915/16 und die Rückkehr über das Dach der Welt und durch die Wüsten Chinas (Gebundene Ausgabe))

Wolfgang Michal
Des Kaisers Heiliger Krieg
GEO 11/2008
ISSN 0342-8311

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 334 Followern an

%d Bloggern gefällt das: