bücher.leben: das Sachbuch

Oktober 14, 2009

alle Jahre wieder.. ich bin gestern und heute mal durch die Literaturbeilage der ZEIT gegangen und habe mit einem lachenden und einem weinenden Auge dasselbe feststellen müssen wie schon so oft: die Abteilung „Sachbuch“ ist es, die dies bei mir hervorruft.

ZEIT

Das lachende Auge ob der Ignoranz, die sich – zumindest für meine Begriffe – bei der dort zu findenden Titelauswahl breitmacht und

das weinende Auge: genau aus demselben Grund…..

Wir leben – und wer wollte dies bestreiten – in einer Welt, die stark durch Technik und Naturwissenschaft bestimmt wird: ob nun Elektronik, Raumfahrt, Medizin, Biotechnologie… es ließen sich noch -zig von Begriffen finden, in denen technische Entwicklungen ihren Niederschlag finden. Und selbst in Gebieten, die auf den ersten Blick kaum dafür prädestiniert sind wie z.b. Demoskopie, Demographie, Versicherungswesen: sie alle haben Einfluss auf unser tägliches Leben (und sei es nur über die zu zahlenden Versicherungsprämien..). Wie gut und sinnvoll wäre es da doch, wüssten wir etwas mehr über die Grundlagen dieser Fachgebiete und wie wichtig wären da gute Bücher, die uns einen ersten oder auch vertieften Einblick gäben.

btw: ich muss gerade an die letzten 5 Minuten einer Sendung im TV denken, in die ich neulich vor den Nachrichten reingeschaut habe. Es wurde ein junges Mädel, die gerade von ihrem Friseur nach 14 Tagen Probe entlassen worden war (Stichwort: Lehrstelle), gebeten, den Unterschied zwischen senkrecht, waagerecht und diagonal mal darzustellen. Sagen wir es positiv: die Hand von oben nach unten zu bewegen und das mit dem Begriff „senkrecht“ zu benennen, hat sie geschafft…. kein weiterer Kommentar. Hätte dem Mädel man irgendjemand ein Buch über die drei Dimensionen im Raum und ihre Benennung geschenkt… (vorausgesetzt, sie kann überhaupt lesen…immerhin jeder 40. (!) kann es ja offensichtlich nicht…. )

… aber zurück zum Thema, der ZEIT-Literaturbeilage. Wäre es nicht verdienstvoll, uns, dem vor der Fülle der Erscheinungen leicht den Mut verlierenden Leser, eine Auswahl von Büchern zu nennen, die uns diese Einblicke zum Beispiel in die Gentechnik, in das Wesen erneuerbarer Energien oder auch in die Grundlagen oder Probleme der Reproduktionsmedizin (um nur drei Fachgebiete zu nennen) geben? Doch was finden wir: Elaborate (verdienstvoll und mit Sicherheit auch bedeutend) über

- die Geschichte einer Himmelsrichtung (des Südens nämlich)
- den gesellschaftlichen Nutzen einer Religion, ferner bieten die vorgestellten Autoren:
- einen bunter Reigen von Motiven, die sich von Darwin bis hin zu Jim Knopf ziehen lassen
- eine Untersuchung über Wirken und Wirkung von Stefan George,
- es wird die Frage beantwortet (?), wieviel Musik ein Mensch braucht und abgeschlossen wird die Präsentation mit
- einer Sammlung von Rezepten, Essgeschichten, Rätseln und Gedichten unter dem Motto: Das Kochbuch, das jeder braucht…

… tja…. und dann sind wir schon in der Abteilung „Kinder- und Jugendbuch…..“

Und ich sitz hier und frag mich etwas ratlos: Ist diese Auswahl an Büchern, die die ZEIT-Literaturredaktion unter dem Obertitel „Sachbuch“ präsentiert, wirklich DIE Auswahl an Sachbüchern, die relevant ist, die uns weiterhilft bei Fragen und im Verständnis… oder ist mein Verständnis, was unter einem Sachbuch zu verstehen ist, so daneben?

Kommentare erwünscht!! ;-)

Auf meinen Reisen als Student durch Asien bin ich überall freundlich aufgenommen worden, im Gegensatz zu den Jungs aus Amerika, die sich manchmal schon einiges gefallen lassen mussten, und wenn es nur eine vorgetäuschte Verständigungsschwierigkeit war. Da die Umgangssprache damals (und wohl auch heute noch) Englisch ist, und der gemeine sagen wir mal Afghane die unterschiedlichen Nationalitäten wohl kaum an der Aussprache unterscheiden kann, gab es ein probates Mittel für uns Deutsche: wir haben in Läden oder wenn wir jemanden angequatsch haben, erst mal deutsch geredet und sind danach ins Englische übergewechselt. Aus Deutscher war man eigentlich überall gut gelitten, besonders auch in Afghanistan. Wieso dies so war, nun, das wurde mit bei der Lektüre dieses Aufsatzes klar.

Der im übrigen gut passt zu den anderen Beiträgen von mir, die sich mit zwei literarischen Auseinandersetzungen mit diesem wilden Land am Hindukusch befassen (Buchhändler, Drachenflieger).

Die Historie, die hier beschrieben wird, betrifft einen exotischen Nebenschauplatz des 1. Weltkrieges. Entgegen der Erwartung des Kaisers ist England in den Krieg eingetreten. Eine diesbezügliche Notiz des Kaisers ist erhalten:

Unsere Konsuln in der Türkei und Indien, Agenten usw. müssen die ganze mohammedanische Welt gegen dieses verhasste, verlogene, gewissenlose Krämervolk zum wilden Aufstande entflammen; denn wenn wir uns verbluten sollen, dann soll England wenigstens Indien verlieren.“

Mit anderen, modernen Worten: Kaiser Wilhelm plante, eine Glaubenskrieg, einen Djihad, anzuzetteln. Mit der Türkei, dem damaligen „kranken Mann am Bosporus“ wurde ein geheimes Militärbündnis geschlossen, mit dessen Hilfe die Türkei ein großtürkisches Reich errichten wollte. Eine Expedition nach Afghanisten, um den dortigen Emir zu überreden, an der Seite der Türkei zu kämpfen, war Bestandteil des Paktes.

Volksaufstände in Indien, Ägypten und dem Kaukasus seien zu entfachen, um den Gegner von innen zu schwächen. Es sei eine Maßnahme der Selbstverteidigung, den Islam auszunutzen und nach Kräften zu stärken [3]: durch Bestechung, politische Versprechen, Agitation, Waffenschmuggel, Banküberfälle, Anschläge und Mordkomplotte. Der Orient sollte in ein Pulverfass verwandelt werden, um das islamische Hinterland des Feindes zu destabilisieren.

In diesem Geiste wird von der „Nachrichtenstelle für den Orient“ (NfO, [3]) eine im wesentlichen durch ihre „praktische Ahnungslosigkeit“ charakterisierte Expertengruppe zur Planung eines solchen Unternehmens zusammengestellt.

Michal beschreibt im folgenden die Durchführung und das Schicksal der Expedition unter Waßmuß, Niedermayer und von Hentig, die, anders kann man es nicht sagen, absolut unprofessionell und stümperhaft verlaufen. Niedermayer und von Hentig sind sich spinnefeind, streiten und trennen sich, marschieren dann auf getrennten Wegen weiter nach Afghanistan. Die körperlichen Strapazen, die die Expeditionen auf sich nehmen, als sie das persische Innenland durchqueren, sind mörderisch, im wahrsten Sinne des Wortes, die Verluste bei Mensch und Tier hoch. Von 160 Menschen und 280 Tieren sind bei der Ankunft in Herat 37 Menschen und 79 Tiere übrig.

In Afghanistan selbst ist der Empfang freundlich, aber die beiden kommen nicht weiter. Emir Habibullah versteht es, die Deutschen hinzuhalten, er taktiert, da er von den Engländern, die von der Expedition der Deutschen erfahren haben, vorgewarnt und instruiert worden ist. Erst spät ist er zu einem Vertragsabschluss mit dem deutschen Reich bereit, der ihm umfangreiche Waffenlieferungen garantiert, jedoch ohne Gegenleistung seinerseits.

Die Deutschen machen sich in der Zwischenzeit in Kabul „nützlich“: sie modernisieren die einzige Waffenmanufaktur des Landes, Reorganisieren die Armee und Helfen beim Bau eines Krankenhauses. Ihre eigentlichen Pläne, einen Aufstand anzuzetteln, erreichen sie jedoch nicht – unter anderem auch, weil die Engländer die Zahlungen an den Emir großzügig verdoppelt haben, der mit seiner Rolle als Taschengeldempfänger [4] völlig zufrieden ist….. Jedenfalls sind die deutschen Einflüsse und Impulse auf die Modernisierung Afghanistans groß [4] und haben sich, wie Michal schreibt, „ins kollektive Gedächtnis“ gebrannt. Und deswegen, hier schließt sich dann der Kreis, war man (und ist man) als Deutscher in Afghanistan gut gelitten.

Die Deutschen verlassen im Mai 1916 das Land ohne Erlaubnis und in ebenso abenteuerlicher Weise, wie sie dorthin gekommen sind. 1919, unter dem Nachfolger des ermordeten Habibullah marschieren die Afghanen in Indien ein und rufen den Heiligen Krieg aus. Am 8. August gewähren ihnen die kriegsmüden Engländer die Unabhängigkeit.

Der Bericht Michals liest sich gut, ist spannend und unterhaltsam geschrieben. Verwunderlich ist jedoch, was er schreibt: Zufällig stieß [er] in den Archiven des Auswärtigen Amtes auf die „Revolutionierung des Orients“". Wenn ich mir überlege, was ich in der wenigen Zeit, die ich ein bischen nachrecherchiert habe, an Quellen gefunden habe über dieses Thema… natürlich nicht die Originalquellen, aber trotzdem.. bizarr mag die Geschichte sein, unbekannt aber nicht… egal, ich habe ein paar Sachen erfahren, die ich vorher nicht wusste. Ist doch was!

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[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Niedermayer-Hentig-Expedition

[2] http://daserste.ndr.de/panorama/media/djihad100.html

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Nachrichtenstelle_für_den_Orient

[4] http://www.heise.de/tp/r4/artikel/14/14080/1.html

Ein (leider nicht richtig funktionierender Link zu alten Fotos aus Afghanistan… gibt aber trotzdem einen Eindruck vom Land wieder):
historische Fotos aus Afghanistan

Das Buch von Niedermeyer:
Unter der Glutsonne Irans – Kriegserlebnisse der deutschen Expedition nach Persien und Afganistan
gibt es wohl in verschiedenen Ausgaben bei verschiedenen Verlagen…

Das Buch von Otto von Hentig: Meine Diplomatenfahrt ins verschlossene Land. Ullstein-Kriegsbücher
erschien 1918 wohl zum ersten Mal, das von den Amerikaner 1945 konfiszierte Original-Tagebuch wurde 2003 erstmals publiziert (ISBN 3909081371: Otto von Hentig: Von Kabul nach Shanghai: Bericht über die Afghanistan-Mission 1915/16 und die Rückkehr über das Dach der Welt und durch die Wüsten Chinas (Gebundene Ausgabe))

Wolfgang Michal
Des Kaisers Heiliger Krieg
GEO 11/2008
ISSN 0342-8311

Von Zeit zu Zeit, zu besonderen Anlässen, findet man entweder Rückschauen in die Vergangenheit oder Ausblicke in die Zukunft, die natürlich besonders interessant sind bzw. auch werden, wenn man sie in einigen Jahren an der realen Entwicklung misst. Da fällt mir immer eine Sache ein. Als ich noch ein kleiner Junge war, gab es so Sammelbildchen, die man dann in ein Album einkleben konnte. Welches mir besonders im Gedächtnis blieb – obwohl ich wirklich noch klein gewesen sein muss – war ein Bild mit kürbisgroßen Tomaten oder die Entwicklung kreuzungsfreier Schnellstraßen. Besonders die Tomaten hatten es mir angetan [4]… wie ich heute weiß, es war damals die Zeit, in der nach den Schrecken des zweiten Weltkrieges, besonders den Atombombenabwürfen der Amis in Japan, versucht wurde, dem Militär im allgemeinen (remember the herrlichen Jack-Arnold-Movies, in denen in aussichtsloser Lage zum Schluss immer das Militär kam und ein, zwei unerschrockene Piloten oder Fahrer oder was auch immer das Ruder noch mal rumrissen und die Tarantulas oder Riesenameisen oder Killerchampignons besiegten….) und der Atomenergie im besonderen [1] ein positives Image zu geben. Unvergessen auch John Wayne, der einen seiner Filme in einem atomaren Testgebiet drehte. Wie fast die gesamte Filmcrew erkrankte er später an Krebs [2]. Derart war in den 50er Jahren die Stimmung, im Rückblick kaum glaublich…. Ich ärger mich immer noch, daß ich dieses Einklebesammelalbum nicht mehr besitze, das ist so schade…..

Ich schweife ab, denn im Grunde wollte ich nur auf das neueste Heft der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ hinweisen, in welchem anläßlich des 30jährigen Bestehens eine Ausgabe sich nur mit den „..neuen Welträtseln“ beschäftigt [3]. Natürlich sind die Überschriften wieder mal zu reisserisch: „Wird der Mensch unsterblich?“ oder „Wesen aus der Retorte“, nichtsdestotrotz sind die Aufsätze, die sich dahinter verbergen, sehr interessant.

Es ist ja leider ein Charakteristikum unserer Zeit, daß sich nur wenige Menschen wirklich mit Fragen der Technik oder Naturwissenschaften auseinandersetzen, obwohl wir doch alle in hohem Maße von Technik und Wissenschaft abhängig sind und auch – und sei es nur über die von uns gezahlten Steuern – viel Geld für Forschung und Entwicklung ausgeben. Insofern ist es eine gute Gelegenheit, in solchen Zusammenstellungen auch mal einen Einblick zu bekommen in das, was momentan geforscht und entwickelt wird.

Mich persönlich interessieren sehr die Entwicklungen in der Kosmologie und in der Teilchenphysik, auch wenn ich nicht behaupten kann, ich verstünde, was da passiert. Aber die Tatsache, daß die Wissenschaft vom denkbar Allergrößten, dem Universum (oder den Multiversen?) und die Wissenschaft vom Allerkleinsten, von Teilchen, gegen die Atomkerne riesig sind, zusammentreffen, ja -fallen, je weiter man in der Zeit zurück geht, dieser Gedanke allein fasziniert mich. Zwar glaube ich nicht an den Urknall, den „Big Bang“, (diese Singularität stört einfach mein ästhetisches Empfinden (was immer das auch wert sein kann), auch wenn man wahrscheinlich irgendwann einmal beliebig nahe an diesen Punkt „Null“ heranrechnen kann, erreichen wird man ihn nie….). Und ich kann nicht verhehlen, daß ich die Theorien der Physiker über die Art unserer -Versen, seien es nun eins oder quasi unendlich viele, oft lächenld den Kopf schüttel. Sie erscheinen mir kaum unterschiedlich zu sein den Bekenntnissen mancher Glaubenssystemen, Religionen, die auch in sich konsistent sind, aber deren Richtigkeit man nicht prüfen kann, die man eben glauben muss. So glauben auch die Physiker, je nach „Glaubens“richtung, daß Strings unsere Welt erklären, oder Branes oder es ein Universum gibt oder unendlich viele Multiversen…. Schon die Dunkle Materie, von der man nicht besonders viel weiß, außer, daß man sie braucht, um Unstimmigkeiten, die man sonst nicht erklären kann, zu deuten, scheint mir noch recht suspekt.. aber vielleicht führt uns ja der LHC in Genf, so er im nächsten Frühjahr (hoffentlich!) wieder den Betrieb aufnimmt, in das gelobte Land der Erkenntnis…… Das Heft widmet diesem Thema jedenfalls einige Seiten.

LHC – sicherlich ist bei solchen Riesenmaschinen immer das Geld, was die Kosten, ein Totschlagargument. Andererseits – in der Finanzkrise, die wie im Moment haben, ist -zig mal mehr Geld vernichtet worden und jeder Euro, der in die Forschung gesteckt wird, wird nicht für Rüstung ausgegeben….. Insofern habe ich überhaupt kein Problem mit dem vielen Geld, was solche Grundlagenexperimente kosten. Der Mensch, das zeichnet ihn eben aus: er ist neugierig, will alles wissen, alles entdecken.. er ist seinerzeit in Afrika losgewandert und untersucht heute den Mars, ach, was schreib ich, Io, Europa und Titan.. mindestens!

Ein schöner Beitrag über Quantenphänomene, die sich langsam, aber sicher vom atomaren Bereich in den nicht mehr ganz so atomaren Bereich (große Moleküle) vor“tasten“. Dieses wie Zauberei anmutende Phänomen der „Verschränkung“ weist Zeilinger als Koryphäe auf diesem Gebiet nach, erklärt es (es ist immerhin schon auf viele Hundert Meter Distanz, also im technischen Maßstab nachweisbar) und erläutert die Wichtigkeit für z.B. Kryptographise Verfahren. Hochinteressant und wichtig, leider auch sehr schwierig….

Ebenfalls interessant fand ich die Übersicht über die Bemühungen, „synthetisches“ Leben zu schaffen, also Organismen, die nach einem bestimmten Bauplan konzipiert werden und dann später bestimmte Eigenschaften aufweisen sollen. Noch stehen hier die Entwicklungen am Anfang, aber spätestens nach der Aufschlüsselung des genetischen Codes beim Menschen weiß man, in welchem Tempo hier Fortschritte gemacht werden. Immerhin fällt der Preis für eine DNS-Synthese alle 32 Monate um die Hälfte, eine Art „Moore´sches Gesetz“ für diese Wissenschaft. Gene mit 1000 Basenpaaren sind heute für 1000 Dollar innerhalb einer Woche im Fachhandel erhältlich…. Ein Fachgebiet, bei dem man irgendwann wahrscheinlich staunend und ängstlich vor den Ergebnissen der Forschung steht, die man in der Öffentlichkeit so einfach nicht wahrnimmt.

Natürlich gibt es auch andere Themen, ein Interview z.b. mit Svante Pääbo, der über Genanalysen an Neandertalerfunden versucht, deren Anteil an der „Menschwerdung“ nachzuweisen oder die schöne Aufsatz, der sich mit der Entwicklung der Intelligenz befasst. Auch hier bringen neue Erkenntnisse das dem Schein nach gesicherte Wissen ins Wanken.

Was sonst noch im Heft behandelt wird, das kann man dem Link [3] entnehmen, das beschreib ich hier nicht extra. Ich habe mich auf die Sachen beschränkt, die mich jetzt besonder interessierten. Aber das Heft ist eine gute Gelegenheit, sich über einige wichtige Themen einen Überblick zu verschaffen. Und ich werd es sicher aufheben und vllt denke ich ja in ein paar Jahren dran und schaue mal nach, was denn so der Vergleich Prognose vs Realität macht…. ;-)

Spektrum der Wissenschaft
Die neuen Welträtsel
Heft 11/08
ISSN 0170-2971

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[1] „Peaceful Uses of atomic Energy“ eine von der UN organisierte große Konferenzreihe, in der alle möglichen Anwendungen der Kernenergie von der Energiegewinnung über die Lebensmittelbestrahlung (sic! Riesentomaten!!) bis hin zur Entkeimung von Abwasser, Desinfestation von Getreide oder auch eine Vielzahl technologischer Einsatzmöglichkeiten propagiert wurde. Diese Konferenzen sind mittlerweile nur noch Insidern bekannt, es gibt wohl noch nicht einmal einen Wiki-Artikel darüber….
[2] http://www.kabeleins.de/film_dvd/starlexikon/w/00558/
[3] http://www.spektrum.de/artikel/965496
[4] Ich seh dieses Bild noch vor mir.. das Gewächshaus, davor die Frau, eine typisch amerikanische Frau der 50er mit hellem Rock, gelocktem Haar, leicht geröteten Wangen, rosa Haut, ein Lächeln auf den Lippen als ob sie Kochwaschmittel gekauft hätte….. und eben diese RIESENtomate…. warum z.B. vergisst man die Telefonnummer von wichtigen Menschen und erinnert sich an so einen Scheiß? Weiß das jemand? Bitte melden!

Dieser Tage kommt man, so man sich auch nur ein klein wenig für Bücher interessiert, um türkischer Literatur kaum herum: klar, die Türkei ist Schwerpunktland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Und türkische Literatur personalisiert sich zu einem hohen Prozentsatz in einem Namen: eben Orhan Pamuk. Ich habe bei der Gelegenheit auch mal in meinem Bücherschrank nachgeschaut, wenn ich mal von Kelek absehe steht dort als einziger türkischer Romancier Yasar Kemal mit seinem „Memed der Falke„. Ansonsten bin ich nicht fündig geworden, aber ich nehme an, so geht es wohl den meisten, die sich nicht auf Literatur aus dem islamischen Kulturraum spezialisiert haben.

Aber ich schweife ab. Oder auch nicht, denn in der zur Buchmesse von der ZEIT herausgegebenen Literaturbeilage ist ein sehr schöner Aufsatz Pamuks abgedruckt, in dem er in der ihm eigenen, ruhigen und nachdenklichen Art von der Entstehung und dem Wachsen seiner eigenen Bibliothek erzählt.

Pamuk, der in einem westlich orientierten bürgerlichen istanbuler Elternhaus aufgewachsen ist, konnte von der Buchbegeisterung seines Vaters profitieren, von dessen Bibliothek, die er sich so langsam, aber sicher einverleibte. So wie er schreibt, war bis in die 70er Jahre hinein in der Türkei die Lyrik die anerkannte Literaturform, der Roman galt wenig. Dies hat sich mittlerweile geändert, es hat sich auch in den letzten Jahren ein entsprechendes Verlagswesen herausgebildet.

Er beschreibt, wie ihn die Literatur beeindruckte, die sich mit den türkischen Gefängnissen befasste und schreibt dazu:

Aus den Berichten türkischer Intellektueller über ihre Gefängnisaufenthalte läßt sich alleine schon eine Bibliothek zusammenstellen.

Ein Satz, der eine Vorstellung gibt vom Ausmass der Repression gegen Literaten in der Türkei, die auch heutzutage wohl noch keineswegs Vergangenheit ist, wie Pamuk in seiner aktuellen Rede in Frankfurt wieder anklagt.

Pamuk hat den Hang, Bücher unter einen auch wie er es nennt, utilitaristischen Gesichtspunkt zu sehen, sie sollen auf das Leben vorbereiten. So ist es nicht verwunderlich, daß er sich eine bunten Katalog von Büchern aus allen Wissensgebieten zulegt, für die Zeitspanne von 1970 bis 90 bezeichnet er das Kaufen von Büchern als neben dem Lesen seine wichtigste Tätigkeit.

Was eine schöne Aussage:

Hinter meinem Kaufwahn steckte vielleicht der geheime Wahn, einmal alle diese [i.e. die in der Türkei erschienen] Bücher bei mir zu Hause zu haben. Ich kauft Buch für Buch, so wie man Stein für Stein ein Haus baut.

Ein verwegener Plan, immerhin schätzt er selbst die Zahl auf ca. 100.000 seit dem Übergang auf die lateinische Schrift 1928…… aber ein schöner Gedanke….

Diese weitgehend undifferenzierte Haltung zerschellte, so beschreibt Pamuk, an „unguten“ Tagen an dem Gedanken, daß der Welt das alles wenig bedeuten würde, der Eindruck der Vergeblichkeit, das Gefühl, dem Zentrum der Welt weit entfernt zu sein. Endgültig schmerzte dann diese Erkenntnis beim Kontakt mit der Welt der Literatur im Ausland, so wie ihn der 30jährige dann in den USA erlebte, die Wahrnehmung, wie unbedeutend die Türkei und ihre Literatur in der Rezeption der Welt war. Auf der anderen Seite half es ihm aber auch, seine eigene Bibliothek zu bewerten, marginales von wesentlichem zu unterscheiden und zu ordnen.

In dieser Atmosphäre, geleitet von Büchern und ihren Schriftstellern entwickelt sich auch der Romancier Pamuk zu dem, was er heute ist: ein Wortemaler, der uns das Leben in der Türkei, in seinem Istanbul näher bringt, indem er die Menschen dort zeichnet, beschreibt, liebt….

Ein schöner Aufsatz eines nachdenklichen, reflektierenden Autors. Ein Autor, der nicht schreibt, um Effekte zu erzielen, sondern um seine Leser in seine Gedankenwelt zu entführen.. und das gelingt ihm leicht, fürwahr!

Orhan Pamuk
Wie meine türkische Bibliothek entstand
ZEIT-Literatur Beilage Oktober 2008

… anläßlich eines Beitrages in dem ZEIT-Magazin „Leben“ von dieser Woche (Nr. 22 vom 22. Mai 2008 ). Dort wird Frau Roche (in der Pose u.a. Cranachs Lucretia ähnelnd) als „messy girl“ abgelichtet, die voll frohen Mutes eine Capri Sonne aus dem Bach fischt und mit dem dort gleich miterfischten Strohhalm mit hörbarem Genuss einschlürft.

Ihr Buch Feuchtgebiete, DER „deutschsprachige Hämmorrhoiden-Roman“ schlechthin, diese „mastdarmfixierte Stellenprosa“ par excellence, ist ja nun wirklich ein Phänomen. Literarisch kaum mit Qualitäten gesegnet, befindet sich das Werk nun seit Wochen auf Platz eins der Spiegel-Liste und auch bei Amazon lag es als erstes deutsches Werk an Platz 1 der Hitliste der verkauften Bücher. Das ist schon eine Leistung.

Liest man aber das Porträts Roches in der ZEIT, bekommt aber doch das Gefühl, Frau Roche wird der Erfolg, oder besser, die Folgen des Erfolges, langsam unheimlich. Von den anfänglich kolportierten 70 % biographischen Anteil, die der Roman haben sollte, ist nicht mehr die Rede, als biographisch werden jetzt nur noch Einzelheiten anerkannt. Zwar kann man jetzt die Aussage glauben, die man glauben will, aber letzteres scheint mir persönlich doch wahrscheinlicher, macht Frau Roche, wenn man sie sieht, doch einen durchaus „gepflegten“ Eindruck, und der von Helen so favorisierte Intimgeruch auch durch die Kleidung hindurch wurde wohl bei Frau Roche noch nicht gerochen, ich bin sicher, dies wäre nicht unerwähnt geblieben. Außerdem und sogar soll sie – so steht geschrieben – epiliert sein, sich also selbst durchaus den von ihr angeprangerten Zwängen einer auf schön, hygienisch und jung gestylten Gesellschaft unterwerfen.

Also doch alles nur eine extrem erfolgreiche PR-Kampagne?

Es steht zu vermuten. Nach er sehr erfolgreichen (Kult)Lesung der Dissertation eines Münchner Urologen: (hier auch Berichte über die Lesung) „Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern“ hat sie wohl ihr Thema gefunden, Tabuthemen ohne jedes Zögern anzugehen. Und folgerichtig schuf sie Helen, ihre Romanheldin, die geradezu ihr Selbstbewusstsein daraus schöpft, daß ihr nichts peinlich ist.

Der Vermarktung und der Werbung kommt Frau Roche zugute, daß sie über ihren Mann zum Dunstkreis von Raab, Pocher und Engelke gehört, zumindest die ersten beiden ja durchaus auch kämpferisch, was Fettnäpfe angeht. Auftritte in Shows waren also kein Problem und zusammen mit dem Ekelfaktor und der Tatsache, daß es hier eine Frau ist, die mühelos jedes Niveau unterschreitet (man stelle sich mal vor, Harald Schmidt oder unser Haribo-Werber hätten das Buch geschrieben….), wurde das Buch quasi zum Selbstläufer. Mit ihren erfolgreichen Lesungen hält sie die Flamme unter dem Bucherfolg leise, aber stetig am Köcheln.

Daß „Feuchtgebiete“ gerade von jungen Frauen oft nicht abgelehnt wird, mag damit zusammen hängen, daß man in eine Art Trotzreaktion „Hier ist eine, die es euch zeigt“ gerät, daß wirklich das Lebensgefühl einer 20 jährigen abgebildet wird, weigere ich mich einfach, zu glauben.

Schreibt man einen Fussballroman, so wird man sein Publikum vorwiegend unter Fussballfreunden finden, thematisiert man die Rosenzucht, werden Rosenliebhaber der bevorzugte Käuferkreis sein. Doch wer – außer einigen begeisterten Intellektuellen á la Willemsen – fühlt sich durch eine solch sekret- und Körperflüssigkeitenfixierte Literatur angesprochen? Offensichtlich (auch) das Klientel, dessen Fanbriefe Frau Roche nicht sehen will, die man ihr garnicht erst zeigt. Mich würde mal interessieren, was da so drin steht. Oder – eigentlich will ich es auch wieder garnicht wissen, meine Vorstellung, was das sein könnte, reicht mir im Grunde schon. Frau Roche ist, so ihr Verleger, mit der Veröffentlichung des Buches ein großes Risiko eingegangen. Ob ihr das vorher klar war?

Zu meiner Buchbesprechung

Ergänzung am 01. Oktober 2008:

Offensichtlich sind die „Feuchtgebiete“ auch außerhalb Deutschlands ein Erfolg. So schreibt der Guardian:

…In Germany, there’s little room for celebrities or light-hearted works, with philosophical tomes Wer bin Ich? and Ein Mann – Ein Buch selling well. But the biggest success story this year is Feuchtgebiete, which has topped the fiction charts since March and is incredibly graphic. The novel was the talk of the London Book Fair earlier this year, and UK rights were eventually snapped up by Fourth Estate after a fierce bidding war.

I’m not sure you’ll want to know what Feuchtgebiete means, or indeed what it reveals about Germany.

(Gefunden auf Planet 9)

Nachtrag vom 19.03.2009: Zusammenfassung der Rezeption in der englischen Presse (aus der FAZ):

„Musil schuf den „Mann ohne Eigenschaften“, Roche bringt uns die „Frau ohne Unterhosen“, spottete der „Observer“.“

Nachtrag vom 05. Januar 2009

Döpp gewinnt dem Elaborat von Roche erkennbar wenig Wert ab, seiner Meinung nach (der man sich leicht anschließen kann) pervertiert Roche eine pervertierte Ordnung, nämlich die der steril, aseptischen hygienisierten Heidi-Klum Welt. Sie pervertiert sie, in dem sie in einen psychosexuellen Infantilismus zurückfällt, Ausdruck einer Regression auf ein frühes anal-narzisstisches Stadium. Das Buch als Ausdruck eines postfeministischen Protestprogramms zu bezeichnen (wie es die öffentliche Kritik zum Teil gemacht hat) grenze an Frauenverachtung.

Hans-Jürgen Döpp: Sexuelle Freiheit als Ideologie (Von der Erodisierung des Erotischen) in: Der erotische Blick, konkursbuch 47, konkursbuchverlag Claudia Gehrke, Dez. 2008, S. 163 ff