Ich bin kein Opernliebhaber, das kann ich nicht behaupten. Und auch eine Behauptung derart, ich wäre überhaupt ein Liebhaber von Musik triebe mir als bekennenden Video- und Audioverweigerer die Schamesröte ins Gesicht. Warum also und überhaupt dann auch noch gerade den “Ring der Nibelungen”, diese monumentale Werk, das jährlich in dekadenter Selbstzerfleischung auf den Hügeln Bayreuths zelebriert wird?

Nun, zum einen dem diffus begrifflichem der Allgemeinbildung wegen und zum anderen gehört der Autor Frieling aka Prinz Rupi zu den Blogfreunden, die mir schon seit vielen Jahren bekannt sind, in der schnelllebigen Internetzeit sind dies ja nicht viele… wohlan, schauen wir, ob das Werk gelingt!

Frieling jedenfalls unternimmt in dem kleinen Bändchen den Versuch, das komplexe Libretto des umfangreichen Klangwerks aus der verquasten Kunstsprache Wagners mit ihren vielen Stabreimen herunter zu brechen einerseits auf eine logisch nachvollziehbare Prosageschichte, den roten Faden gewissermaßen, der sich durch die Handlung zieht, andererseits ist es sein Anliegen, die Sprache der heute gebräuchlichen anzunähern, wobei er sich nicht scheut, auch hin und wieder “jungsprech”, meint Umgangssprache, zu verwenden.

Wohlan, Walküren, wie wird wohl des weisen Writers Werk wollbracht?

Aber bevor ich dies verrate – obwohl es schon etwas skurril ist, eine Zusammenfassung noch einmal zu einer Inhaltsübersicht zu straffen – noch einen kurzen Einblick in das, was mir im Hirne haften blieb von der Geschichte….

Ich hab´ den Vater Rhein in seinem Bett geseh´n, in seinem Bett, das Gold, das glänzte schön. Und wird bewacht von den drei Töchtern des Urvaters Rhein, die sich einen Spaß daraus machen, den Schwarzalben Alberich, den gnomigen Herrscher aus der Dunkelheit, der scharf wie Nachbars Lumpi darauf ist, die Girlies  .. (ich greif mal auf Gräfin Gloria zurück): zu schnackseln. Zwar gelingt ihm dies nicht (zu flink sind die glitschigen Mädels in ihrem feuchten Element für ihn), er sieht jedoch den Glanz des Goldes aus der Tiefe des Flusses glitzern, aus dem – so dessen Geheimnis – ein Ring geschmiedet werden kann, ein Ring der Macht verleiht, und zwar dem, der der Liebe abschwört (Fluch 1). Und in seinem Frust unterwirft sich der Schwarzalbe diesem Schwur um der Macht willen, die er gewinnt. Ein Verhalten, das auch in heutigen Zeiten nicht selten ist, für Geld, Gold und Macht wird das zwischenmenschliche nur zu leicht geopfert….

Alberich ist also der neue Besitzer des Goldes und er läßt seinen Bruder, den Schmiede Mime schmieden den Ring und eine Tarnkappe, die den Träger unsichtbar macht und ihm erlaubt, jede Gestalt anzunehmen und blitzschnell von einem Ort zum anderen zu gelangen. Der Gnom glaubt sich am Ziel… doch dann wäre der Ring des Niebelungen ja schon am Ende und das kann nicht sein….

So wie das Geschlecht der Schwarzalben in der Unterwelt, in Nibelheim, existiert, so leben die Weißalben unter Leitung des Göttervaters Wotan im Licht.. wie auch immer, Wotan erfährt von dem Gold und da sein Feind Alberich den Ring hat, sieht er sich und das Geschlecht der Götter (das muss man sich von Reich-Ranicki ausgesprochen vorstellen: den Mund etwas verziehen und dann mit Vervé: derrrr Göttterrrr) in Gefahr, außerdem schimpft Fricka, des Wotans Weib und wahre Herrscherin der Götterschar ihn des Leichtsinns, er muss etwas geschehen! Hurtig also schnappt er sich Kollegen Loge und besucht Alberich. Und in der Tat, sie schmeicheln ihm, sie schmieren ihn Honig um den Bart, sie stacheln seinen Ehrgeiz an und spielen Zäpfchen … aber dann: packen sie ihn, zerren ihm Kappe und Ring vom Leib, den Schatz nehmen sie naturalemente auch mit. Ein erneuter Fluch (Fluch 2), diesmal flucht der Alberich, bestimmt er doch düster und todesschwanger, daß der Träger des Rings fortan dem Untergang geweiht ist. uhaaa…..

Zu Hause erwartet Wotan Ungemach. Fasolt und Fafner, die beiden letzten des Geschlechts der Riesen sind mit ihrer Arbeit fertig, die nichts weniger war als der Bau des Götterburg Walhall. Sie wollen ihren vereinbarten Lohn holen, nämlich Freia, der Fricka schöne Schwester. Porca miseria! Na jedenfalls einigt man sich nach einigem Hin und Her darauf, anstelle der Dame den Schatz als Lohn zu geben – nur muss Freia dazu völlig vom Gold bedeckt sein. Man ahnt es und so kommt es: dieses Ansinnen gelingt nur, wenn auch Tarnkappe und Ring auf den Haufen geworfen werden. Ha! Wotan ist den Ring wieder los, Fafner (Fluch 2!) schlägt seinem Bruder erst einmal den Schädel ein, schleppt das Gold in eine Höhle und dank Tarnkappe wandelt bzw. hockt er fortan als Drache im Höhleneingang und bewacht den Schatz.

Tamtarata … Musik …. Frieling begnügt sich nämlich nicht mit einer reinen Inhaltsangabe, er erzählt auch von der Musik, die die Handlung begleitet, sie führt, sie leitet, untermalt, auch gibt er Kostproben des Wagnerschen Textes in Zitaten. Aber back to the roots, zurück zum Inhalt:

Dem Problem (rettet dem Dativ!) ist, daß jetzt irgendjemand a) Fafner töten muss (Fluch 2!) und b) irgendjemand den Ring holen muss. Sonst geht die Handlung ja nicht weiter…. wir kommen also zu einem zweiten Handlungsstrang.

Zwar ist Alberich als Schwarzalbenkönig etwas derrangiert, aber ebenso wie Wotan hat er dafür gesorgt, daß ein Sohn auf der Erde wandelt (käuflicher Sex, denn der Liebe hat er ja abgeschworen, Fluch 1), der für ihn den Ring wiederholen soll. Das ist der (nicht das!) finstere Hagen. Aber widmen wir uns dem anderen Filius, der einer (Fürstin Gloria!) inzestuöen und heißen Schnackselei zwischen Sieglinde und Siegmund entspringen wird. Vorher sorgt noch ein übler Familienkrach dafür, daß a) Fricka ihren Wotan ordentlich in den Senkel stellt, dieser daraufhin b) seine Tochter, das Walkürchen mit dem hübschen Figürchen Brünnhilde ebenfalls in den Senkel stellt und wegen Gehorsamsverweigerung auf einen flammenumtosten Felsen bannt, wo sie im Tiefschlaf desjenigen harrt, der keine Furcht kennt und die Flammenwand durchschreitet, um sie zu dann erst einmal richtig durchzu…. genau! Man sieht, Wagner wusste, worauf es ankam…

.. aber noch ein Weilchen bis dahin … zuvor bringt Sieglinde den Sproß aus dem Geschlecht der Wälslinge zur Welt, es hilft ihr dabei der verstoßene Mime, und verscheidet. Also stirbt meine ich. Also Sieglinde natürlich. Der kecke Knabe wird erzogen jetzt vom Schmied, sieht sein Leben lang nix anderes als Mime und Bäume, wobei unklar bleibt, womit die feuchten Träume der Pubertät gefüttert werden… na jedenfalls kennt unser Held namens Siegfried weder Angst noch Furcht, er lacht des Mimen Sein und Können, er schmiedet aus dem Stahl des zerbrochenen Notungs, an dem Mime schmählich scheiterte ein neues Schwert, ein drachentötendes. Holladiho! Die Schonzeit für Drachen ist beendet! (Jetzt den Ritt der Walküren imaginieren, los!! tamtarata-taa… da läuft es einem wirklich kalt den Rücken herunter…) Wo bin ich stehen geblieben? Ach ja, also: Drache tot, Siegfried, der natürlich nix peilt, nimmt die Tarnkappe und den Ring, das Gold achtet er gering.

Eins jedoch passiert. Durch dem Drachenblut nämlich kann er die Sprache der Vögel verstehen und so erfährt er von einem Weib in einem Flammenkranz und nix hat er eiligeres zu tun als dortenhin zu fahren, die Maid zu (be)freien und erst einmal zu … genau! Zwei Jungfrauen, die das Regen- und Wasserspiel für sich entdecken, das wird ein spaßiges Gerangel gewesen sein…. aber für´s Publikum schickt Wagner den Vorhang…

Ewige Treue schwören sich Brünnhilde, die Ex-Walküre und Siegfried, der blonde Held. Das ist auch notwendig, da dieser auf dem Rhein treidelt oder stakt, na eher stakt und zu den Gibichungen fährt. Deren König ist der dröge Gunther, sein Berater der finstere Hagen! Man merkt, der Ring schließt sich…. Es wird munter intrigiert, Siegfried peilt wieder nix (wobei man ihm zubilligen muss, daß Hagen sein Gedächtnis per Zaubertrunk ausgeschaltet und die Blondhelden-Penis-Navigation aber zu 100 pro aktiviert hat). Den Rest, glaube ich, kann ich abkürzen: der Held wird hinterrücks ermordet vom Hagen, bei der Feuerbestattung macht Brünnhilde einen auf indisch und springt mit Ring und Pferd ins Flammenmeer, woraufhin Vater Rhein den Scheiterhaufen überschwemmt und die Asche mit Ring zurück in den Rhein spült…

Da nicht nur der Scheiterhaufen brennt, sondern auch der Götter Burg Walhall ist die Macht der Götter gebrochen, ebenso die der anderen Geschlechter. Am Horizont taucht jetzt das Geschlecht der Menschen auf und wird fortan die Geschicke auf Erden bestimmen.

Puhhhh. Klappe zu. Habe fertig. Ring leer.

Vielleicht hat man es meiner Schreibe angemerkt, daß ich Spaß dabei gehabt habe. Und so ist auch das Büchlein von Frieling: unterhaltsam, schnell zu lesen, dabei nicht trivial, weil er wie gesagt auch einiges über die Musik erzählt, über die Wirkung auf das Publikum. Ebenso wird an einigen Stellen etwas zur Entstehungsgeschichte der Oper berichtet, die zwischen 1869 und 1876 in ihren einzelnen Teilen uraufgeführt worden ist. Damit liegt sie natürlich zeitlich weit vor dem Auftauchen des 3. Reichs, in dem die Wagnersche Musik ja eine große Rolle spielte. Angesichts der Nordischen Figurenwelt, der Bedeutung des Blutes, der Geschlechter ist der Sprung zum Mythos der Rasse, wie er ein paar Jahrzehnte geschah, nicht allzu weit, zumal Wagners Antisemitismus kein heimlicher war (vgl. Marcus Dick: Zu Richard Wagners Antisemitismus und dessen Wirkungsgeschichte, marcusdick.net/wagner.htm). Auf diesem Punkt (der auch, wenn man wie Frieling den Inhalt und die Handlung der Oper wiedergeben will, dafür nicht wichtig ist) geht der Autor aber nicht weiter ein, im Nachwort von Horst A. Bruno wird es erwähnt.

Interessant ist natürlich die Frage, inwieweit es legitim ist, ein derartiges Kulturgut auf eine teilweise doch recht lockerer Sprache herunter zu brechen. Deswegen darf man sich nicht täuschen, wenn man das Büchlein gelesen hat, hat man die Handlung des Zyklus parat, vom “Ring….” selber aber noch kein bischen, denn dazu gehören sowohl die Musik als auch die Sprache Wagners. Wenn man sich dies vor Augen hält, ist auch die Reduzierung des komplexen Kunstwerks auf eine schmale Nacherzählung meines Erachtens erlaubt und ganz sicher hilfreich, es ist eine Art Übersetzung, eine Übertragung von etwas nur schwer Verständlichem in den Alltag.

Zusammenfassend kann ich sagen, daß Frielings Versuch, die Ringhandlung in eine allgemein verständlichen Prosafassung zu übertragen, gelungen ist: kurzweilig, zuweilen witzig, unterhaltsam und informativ möbelt der Text wohl fast eines jeden Lesers Allgemeinbildung gehörig auf…

Hoho! Hahei!

Wilhelm Ruprecht Frieling
Der Ring des Nibelungen
Internet-Buchverlag, TB, ca. 192 S., 2013

Eduard Petiška: Der Golem

27. Februar 2013

Golem_and_Loew

Zu der Tatsache, daß ich dieses Büchlein gelesen habe und es mein eigen nennen kann, trugen eine Vielzahl von Zufällen bei. So gab es das Vorhaben verschiedener Buchblogger, die im näheren und weiteren Umfeld von Frankfurt beheimatet sind, sich dort zu treffen. Leider fiel dieses Treffen ins (gefrorene) Wasser, da per Unwetterwarnung ganz Deutschland gelb und orange eingefärbt wurde wg. Blitz- und Glatteiswarnung und viele Absagen eintrudelten – eine Warnung übrigens, die für den Bereich, den ich überschaue, absolut übertrieben war… however, ich sagte daraufhin einer anderen Veranstaltung zu, die ich schon abgeschrieben hatte. Bei dieser nun, einem “literarischen Konzert” war einer der beiden Vorleser wg. Krankheit ausgefallen und die Veranstalterin hat sich tierisch gefreut, daß ich jetzt doch kommen wollte und sofort gefragt, ob ich nicht Lust hätte, da .. usw etc pp… klar. Und so bin ich zu diesen Jüdischen Märchen gekommen….

Die Legenden dieses kleinen Bändchens setzen ein in grauer Vorzeit, mit Libuše, der Fürstentochter, die den Bau der Burg Praha, Prag, befohlen hatte. Bei ihrem Tod hinterließ sie ihrem Sohn eine Weissagung, daß dereinst aus einem Land gen Sonnenaufgang ein Volk zu ihnen gewandert käme, das an einen Gott nur glaube und um Schutz nachsuche. Man solle es aufnehmen, ihr Tun und Handeln würde dem gesamten Fürstentum zu Nutzen gereichen. Und so geschah es vielen Jahren später ihrem Enkel Hostivit. Dieser erinnerte sich der Weissagung seiner Ahnin, beriet sich mit seinen Fürsten und wies den Juden schließlich einen Platz zu, an dem sie siedeln durften. Schon bald gereichte den Menschen dort dieser Platz nicht mehr und sie fragten um einen weiteren, den sie auch bekamen und sie bauten Steinhäuser anstatt der Hütten aus Holz und Synagogen, um ihren Gottesdienst zu feiern….

Zu den bekanntesten der Prager Juden gehört wohl Rabbi Löw. Jener stammt aus Worms am Rhein, einer der drei hochberühmten SCHUM-Städte in Deutschland [4]. Er wurde in der Nacht vor dem Pessach-Fest geboren, in der man jedes Jahr der Befreiung aus dem ägyptischen Joch gedenkt und in der damals ein verdächtiger Mann in der Wormser Judenstadt festgehalten wurde, der einen Sack auf dem Rücken trug, in dem ein Toter gefunden wurde. Diesem Motiv begegnen wir  immer wieder in den Legenden, es zeugt von der tiefsitzenden Angst der Juden einerseits und von der Infamie der Christen andererseits. Soll doch der in der Judenstadt gefundene Tote (oder der in der Synagoge gefundene Kelch voller Blut) bezeugen, daß Juden Christen töten zur Feier ihrer Feste. So wird immer wieder von entführten Kindern erzählt, die für die Feste getötet worden seien und oft nur in letzter Sekunde können die Helden dieser Legenden dieses Gerücht widerlegen, in dem sie die Kinder auffinden und vor Gericht bringen, in dem der aufgewiegelte Mob schon den Tod der Juden fordert und zur Verwüstung (und Plünderung) der Wohnstätten aufruft. Es ist eine latente, aber permanente Bedrohung der Juden durch ihre christlichen Nachbarn, nicht immer kann sie abgewendet werden, zum Teil muss die Erlösung teuer erkauft werden.

Um seine Gemeinde, um die Prager Judenstadt, vor solchen Angriffen und Übergriffen zu schützen, schuf der Rabbi Löw, der sich in den Schriften auskannte wie kein zweiter und der auch die Kabbala studiert hatte, aus Lehm den Golem. Zusammen mit seinen Helfern erweckte er ihn zum Leben, jedoch vermochte der Golem nicht zu sprechen. Stumm harrte er auf der Küchenbank in des Rabbi Haus und wartete auf dessen Weisungen, mit denen er dann durch die Gassen des Viertels streifte, um dreuendes Unheil frühzeitig zu erkennen und abzuwenden. Viele Legenden und Erzählungen ranken sich um diesen Lehmgeschaffenen, sie machen einen Großteil der hier wiedergegebenen Geschichten aus.

Aber Rabbi Löw ist nicht der einzige, um den sich solche Märchen ranken. Viele der Gebäude, insbesondere der Synagogen, haben ihre Entstehungsgeschichte, die oft mit einzelnen Personen verknüpft ist, wie es zum Beispiel die Pinkas- oder die Maiselsynagoge sind. Die Golem_and_Loew-synagogeAltneu-Synagoge [5] dagegen hat natürlich ihren eigenen Mythos…

Die von Petiška hier gesammelten Legenden bilden eine eigene Geschichte des Prager Judentums. Es sind kurze und in sich geschlossene Geschichten, zum Vorlesen hervorragend geeignet, in der Gesamtheit jedoch bilden sie ein Ganzes. Ausgeschmückt mit Märchenhaftem wie Zaubereien und anderem Unerklärlichem, wie es vllt die Mystik der Kabbala vorgibt, spiegeln sie jüdisches Leben, jüdische Freuden und natürlich jüdisches Leid. Nicht immer kommen die historischen Persönlichkeiten, die genannt werden, “gut” darin weg, Wallenstein zum Beispiel wird als Willkürmensch voller Launen und Brutalität geschildert…

Das Büchlein selbst ist ein kleines Schmuckstück. Unscheinbar kommt es daher, aber die einzelnen Kapitel sind mit einleitenden Bildskizzen geschmückt, die Überschriften in einer kindlichen Schreibschrift gehalten. Menschen, die sich besser auskennten wie ich, wüßten sicherlich einen Fachbegriff dafür… Der Autor selbst sieht seine Sammlung als Plädoyer dafür, daß die Liebe zum eigenen Volk nicht dazu verführt, ein anderes zu hassen und zu verdammen. Und ja, dazu sind diese Sagen wahrlich geeignet.

Es ist schön, daß heutzutage praktisch alle Bücher aus der einen oder der anderen Quelle antiquarisch zugänglich sind, so natürlich auch dieses. Und daher habe ich auch keine Scheu, zum Abschluss festzuhalten, daß (zumindest diese Ausgabe des Buches) “Der Golem” den Kauf unbedingt lohnt, ganz einfach, weil er durch Wort und Bild das Herz erfreut!

Links und Anmerkungen:

[1] zum Prager Judenviertel. Auf dieser Website gibt es Bilder aus dem jüdischen Ghetto um die Jahrhundertwende
[2] Wiki-Artikel zum Rabbi Löw (aber Achtung: der Geburtsort wird hier wohl falsch angegeben)
[3] Wiki-Artikel zum Golem
[4] die anderen beiden sind Speyer und Mainz, Wiki-Artikel zu den SCHUM-Städten
[5] Wiki-Artikel zur Altneu-Synagoge, dem auch das Bild entnommen ist
[6] Sicherlich wären diese Anmerkungen unvollständig, würde ich nicht zumindest hinweisen auf den gleichnamigen Roman “Der Golem” von Gustav Meyrink, der – so schreibt es Chatwin in seinem “Utz” – die wohl beste Beschreibung des alten Prager Judenviertels enthalten soll….

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Eduard Petiška
Der Golem
Jüdische Märchen und Legenden aus dem alten Prag
Übersetzt aus dem Tschechischen von Gustav Just
diese Ausgabe: Union Verlag (VOB) Berlin, HC, ca.225 S., 1977

Bei dem Titelbild handelt es sich nicht um das Buchcover. Dessen Wiedergabe wurde aus Urheberrechtsgründen unterlassen. Die Abbildung ist dem Wiki-Artikel über den “Golem” entnommen. Die unten stehende Abbildung der “Staronova Synagoga” stammt von Karel Würbs aus dem Jahr 1836, siehe auch [1]

Vor einigen Monaten kam ich durch einen Nachlass in den Besitz einiger Bücher, Romane zumeist. Es hätten sehr viel mehr sein können (heute ärgere ich mich darüber), aber aus Platz- und anderen Gründen habe ich mich eben auf diese Romane, vllt zwei Umzugskartons voll, beschränkt. Unter diesen Büchern war auch als TB “Der Weltensammler” von Trojanow [4], der seitdem in der engeren Wahl für zu Lesendes stand, an den ich jedoch nicht so recht ran wollte, ein einmaliges Anlesen hatte mir nichts gebracht.

Dann hatte ihn mir jemand empfohlen und ich habe mich doch ein wenig weiter in den Text hinein begeben und – siehe da: er packte mich: farbig, bunt, mitreissend geschrieben blätterte sich ein Schicksal, ein Leben vor mir auf, das seinesgleichen zu suchen schien.

Zum Glück ist der Roman nach Lebensstationen gegliedert, so daß ich, da andere Arbeiten anstanden, nach dem in Indien spielenden Teil des Buches dieses erst einmal beiseite legen konnte. Gott sei dank, weil ich dann einen weiteren Tipp bekam, und zwar vorher mich über die Entstehungsgeschichte des Buches, die wiederum ein eigenes Buch Wert ist, zu informieren. Schließlich hat die siebenjährige Recherche, die Trojanow für seinen “Weltensammler” brauchte, den Autoren fast so abenteuerlich wie sein Subjekt durch die Welt geführt, ihn zum Wanderer, zum Nomaden werden lassen…

Wer würde nicht bei diesem Begriff “Nomade” im Titel sofort an Bruce Chatwin, den rastlosen die Welt bereisenden Schriftsteller und Fotografen denken? Dieser vertrat ja die Ansicht, das Wandern, das Herumziehen, Nomadisieren wäre die wahre Natur des Menschen, erst mit dem sesshaft werden wäre die Aggressivität beim Menschen aufgekommen. Sein Buch “Traumpfade” ist ganz dieser These am Beispiel der Aborigines in Australien gewidmet. Ähnlich wie Chatwin war auch Burton ein Rastloser, ein Wanderer, in einem anderen, übertragenen Sinn sogar noch mehr als Chatwin: Burton [2] wanderte nicht nur geographisch gesehen, er überschritt auch die interkulturelle Grenze, wurde zum Wanderer zwischen den Kulturen, indem er versuchte, sich den Menschen anzugleichen, vllt sogar einer von ihnen zu werden (eine Unternehmung, die prinzipiell zum Scheitern verurteilt ist/war, denn egal, wie sehr er sich in eine andere Kultur hineinbegibt: die Rückkehr in seine angestammte ist ihm – im Unterschied zu den anderen – als allerletzte Möglichkeit nicht zu nehmen). Und auch Trojanow zeigt diesen Zug, diesen Drang, zu wandern… als Wohnorte werden Städte in mehreren Kontinenten angegeben und den Spuren Burtons möglichst an den Originalschauplätzen nachzugehen, ist sicherlich die intensivste Form der Recherche, aber sie setzt diese unbedingte Lust am Reisen, am Ortswechsel voraus.


Das Buch ist schon in seinem Äußeren ein Schmuckstück. Auf 90 gr Papier gedruckt liegt es satt in der Hand, mit einem schönen Schutzumschlag, der ein fast samtiges Gefühl vermittelt, wenn man mit der Hand darüberstreicht. Aufgeschlagen präsentiert es sich im Zweifarbendruck, Zitate Burtons sind in grün gehalten, die Texte Trojanows [3] in schwarz. Sie wechseln sich ab, gehen in einander über, ergänzen sich. Geschickt baut Trojanow seine Berichte um die Burtons herum, vergleicht Erfahrungen, Teile des Textes sind wie im Duett der beiden Schriftsteller komponiert, abwechseln berichten Burton und Trojanow vom gleichen Ereignis, das beide erlebten. An einer Stelle transformiert Trojanow einen Burton´schen Text in die Gegenwart, in dem die alten, damals gültigen Begriffe durch die modernen der Jetzt-Zeit ersetzt werden… Dies alles aufgelockert durch Abbildungen und Skizzen, im “arabischen” Teil des Berichts zieht sich in einem grünen Band quer über alle Seiten die erstmalige Übersetzung eines Gedichtes von Burton (“The Kasidah”).

Der Indus, dieser Gigant unter den Flüssen, an dessen Ufer eine der ältesten Zivilisationen der Menschheit heimisch war, trennt den Sind vom Hind, das westlich von ihm gelegene Land vom östlichen. Die beiden Regionen, grob und mit der heutigen politischen Namensgebung Pakistan und (Nord)Indien, unterscheiden sich auch klimatisch und daher in Fauna und Flora wesentlich: Der Sindh ist eine karge, arme, sandige Wüstenlandschaft, während Indiens Vegetation in überwältigender Pracht wuchert. In Indien läßt Troganow seine Recherche beginnen. Wir begleiten ihn zu einem Archivar in Shimla, einer Stadt in den kühlen Regionen des Vor-Himalaja, ein beliebtes Refugium einstiger Kolonialherren und auch Jetziger, die es sich leisten können. Dort findet unser Autor eine Erstausgabe der von Burton erstmals ins Englische übertragenen Geschichten aus 1001 Nacht – für 10.000 US$ und der Archivar ist nicht auf Handeln aus, die Bücher sind ein Erbstück, das schon lange im Lager steht. Von seinem Bruder besorgt sich Trojanow die geforderte Summe [5] und vom Archivar erhält er eine Kontaktadresse in Goa, der alten portugiesischen Enklave an der Westküste Indiens, in neuerer Zeit ein Fluchtpunkt westlicher Aussteiger und Sinnsucher. Dort soll ihm Carlo de Cunha, alteingesessen, mehr über Burton erzählen können, vor allem aber über seine verschwundenen Notizbücher.

Ich muss jetzt der Versuchung widerstehen, ähnlich wie Trojanow Burtons Weg nachreist, wiederum dem Buch nachzureisen, allzu viel und vor allem allzu ausführlich zu erzählen. In den Finger juckt es ja schon… Jedenfalls geht es von Goa aus zu einer neuen Adresse, einer neuen, diesmal südindischen Sommerresidenz, wo der Autor beim erzwungenen Golfen auch nicht sehr viel Genaueres erfährt und schließlich nach Bombay, vielmehr Mumbai, wo er (auch) wohnt, zurückkehrt. Dort wird er von einem Sexualtherapeuten über das indische Verhältnis zur Erotik  (so frei es früher war, so prüde ist es heute) aufgeklärt, in Baroda, wo Burton seinerzeit als Lt. stationiert war, trifft er einen Maharadscha, mit der er parliert und so weiter und so weiter….

Es sind immer Momentaufnahmen, die dort auf den Leser warten, Gespräche, die sich der politischen, gesellschaftlichen Entwicklung widmen, zu denen als Vergleich Texte von Burton herangezogen werden, Beschreibungen von Landschaften und Städten… Aha-Momente beim Lesen, vieles ist neu, noch nie gehört oder gelesen, sehr interessant und kurzweilig… nach Pakisten (von hier, dem fernen Deutschland ausgesehen) grob dem Sindh entsprechend, in das Burton von Baroda aus ging, kam Trojanow nie: aktuelle politische Entwicklungen machten jeden der drei Anläufe, dorthin zu fahren, zunichte…

Um so interessanter der Abschnitt über Arabien. Trojanow beschreibt eine Hadsch, die er von Bombay aus mit Bekannten unternimmt. Eine Hadsch, die moslemische Pilgerreise nach Mekka, (mit Einschränkungen) eine Pflicht für jeden Muslim, stellt sich als wahres Extremunternehmen heraus, angesichts der Millionen Pilger eigentlich kein Wunder. Immer wieder liest man ja über Tote, die es bei Massenpaniken gibt und wenn man die Darstellungen von Trojanow und Burton, die im Grunde trotz der dazwischen liegenden Zeiten austauschbar sind, betrachtet, verwundert das nicht…. ein desorganisiertes, chaotisches Unterfangen in einem infrastrukturellen und hygienischen Nirwana…

Die nächste Station der Nachreise ist Ostafrika, sie startet in Sansibar, der Insel vor der Küste Tansanias. In dieser Region der Welt (Insel und Festland) haben sowohl Briten als auch Deutsche ihre Spuren hinterlassen, Bauwerke, eine Eisenbahn mit überdimensionierte Bahnhöfen, vieles erinnert an diese Zeit und vor allem an die dazwischen liegenden Zeiträume: der Verfall der Gebäude ist atemberaubend und mit stoischem Gleichmut hingenommen. Verflossene Pracht…. Trojanows begibt sich auf die Spur seines Helden, der sich 1856 auf eine Expedition zur Entdeckung der Quellen des Nils begab und dann anderthalb Jahre später den Tanganjika-See erreichte [1], nicht jedoch die gesuchten Quellen. Die Nachreise war kürzer, 2 Monate war der Autor unterwegs, niemals wirklich in Gefahr, niemals auch nur annähernd so krank wie Burton und sein Begleiter… eine ungeahnte Strapaze trotzdem der Marsch durch Wüstenlandschaften und Dschungel, durch Täler, über Bergketten hinweg und in schmalen Booten auf Flüssen…

Auch hier Begegnungen, Reiseeindrücke, Vergleiche mit Burtons Texten.. vllt war Trojanow Burton nie so nahe wie auf diesem Marsch, vllt sind beide an denselben Baobabs vorbei gekommen…. es sind zum Teil uralte Wege, Pfade, die gegangen werden müssen.. eine Reise auch in die Innerlichkeit, weg vom Lärm der Siedlungen. Es ist nicht so, daß Burton ein Mann ohne Fehler gewesen sei, seine Ansichten über die eingeborene Bevölkerung sind wenig schmeichelhaft.. viele gewachsene Strukturen wurden von der Kolonisation zerstört, Grenzen willkürlich gezogen, bewährte Lebensweisen ausser Kraft gesetzt… es wirkt nach, bis in heutige Zeiten…

Die letzte Station, nein, die vorletzte, liegt in den USA, am Großen Salzsee. Burton hat seinerzeit einen relativ neutralen Bericht über die Mormonen verfasst, er ihn heute noch in deren Augen ehrt. Aber für Trojanow hört die Reise in Salt Lake City auf, er spürt, daß er ein Ende erreicht hat. Die letzte Station für Burton dagegen war Triest, dort war er die letzten zwanzig Jahre seines Lebens offziell auf diplomatischer Mission, in Wahrheit wurde er abgeschoben, da er den Offiziellen in seiner Art unbequem geworden war. In Triest starb er 1890 auch und viele seiner Schriften gingen in einem Autodafé verloren, einer Verbrennung, veranlasst von seiner Frau….

“Nomade auf vier Kontinenten” ist ein wunderbares Buch. Reisen bildet – auch den Leser des Reiseberichts. Vieles wird angesprochen in diesem Text, Hintergründe, Zusammenfassungen, Überblicke, Reminiszenzen, Alltägliches und Skurriles wird erzählt. Ich bewundere und bendeide diese Reisenden mit ihrer Fähigkeit, immer wieder auf interessante Menschen zu treffen, die ihren Horizont weiten und erweitern… und diese Nachreise auf den Spuren eines so bemerkenswerten Mannes wie Burton ist doppelt interessant – und Recht hat sie, die mir den Ratschlag gab, dieses Buch zu lesen bevor ich mich an den “Weltensammler” gebe…..

Anmerkungen:

[1] Hier irrt die wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Tanganjikasee. Burton hält den See nicht für den Quellfluss des weißen Nils, ganz im Gegenteil zerstreitet er sich mit seinem Reisegefährten, der diesen Ruhm der Entdeckung trotz äußerst mangelhafter Faktenlage für sich beansprucht
[2] Wiki-Artikel zu Richard Francis Burton
[3] Ilija Troganow: (i) die Homepage und der Wiki-Artikel
[4] Buchvorstellung von Ilija Troganow: Der Weltensammler auf aus.gelesen (folgt noch)
[5] wie ich aus einer persönlichen Mitteilung einer Hörerin/Leserin weiß, hat Trojanow diese Anektdote auf einer Lesung ausdrücklich als wahr bestätigt

Ilija Trojanow
Nomade auf vier Kontinenten
Auf den Spuren von Sir Richard Francis Burton
diese Ausgabe: Eichborn, Die Andere Bibliothek Bd 296, 440 S., 2007

 

Mit dem neuesten Buch der südafrikanischen Literaturnobelpreisträgerin von 1991 startet der Berlin-Verlag gleichzeitig ein Leseprojekt. Sieben Bloggerinnen und Blogger sind bis jetzt daran beteiligt: Atalante, Bibliophilin, Bonaventura, Buzzaldrin, Klappentexterin, Glasperlenspiel13 und Wortgale­rie, daneben dann noch ich selbst…

Das Projekt soll vor Weihnachten abgeschlossen sein, der “Fahrplan” ist auf dem dazugehörigen Blog: “Gordimer Lesen” zu sehen, dort wird natürlich auch die Leserei und die dazu gehörige Diskussion zu verfolgen sein.

Für mich ist es das erste Leseprojekt, bei dem ich mitmache, daher bin ich schon ziemlich gespannt, was mich erwartet und was sich daraus entwickelt. Die ersten Seiten des Romans habe ich mittlerweile gelesen, uns alle erwartet ein sehr interessanter, aber nicht unbedingt einfacher Stoff ….

Der Suhrkamp-Verlag beauftragte seinerzeit den Frankfurter Schauspieler und Theatermenschen Moritz Stoepel anläßlich des 125jährigen Geburtstages Hermann Hesses, dessen Opus Magnum, das Glasperlenspiel, auf die Bühne zu bringen. Die erste Fassung dieses Unternehmens war fünf Stunden lang, wie Stoepel am Samstag bei der Aufführung in Lahnstein, einem kleinen Städtchen an der Mündung der Lahn in den Rhein, selbst erzählte. Angesichts dieser telefonisch übermittelten Auskunft fiel der Produktionsleiter des Verlages wohl in Scheintöte, jedenfalls herrschte nach dieser Mitteilung am anderen Ende der Telefonleitung absolute Stille. Aber auch die jetzt auf die Bühne gebrachte Fassung des Buches ist noch gute zwei Stunden lang und fordert selbst in diesem Umfang den Zuhörer voll und ganz. Ihm kommt damit, laut Stoepel, der schwierigere Part des Aufführung zu, denn er als Schauspieler auf der Bühne könne sich ja austoben und alles raus lassen, während wir still sitzen und zuhören müssten… ;-)

Veranstaltungort der Aufführung war die wunderschöne, etwas versteckt in der Altstadt Lahnsteins liegende Hospitalkapelle, ein ideales Ambiente für dieses Stück, das bis auf den letzten Platz besetzt war. Den größeren Rahmen für dieses Ereignis bildete die Veranstaltungsreihe “Gegen den Strom” im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz.

Wie bringt man nun dieses recht handlungsarme, gedankenlastige Werk Hesses auf die Bühne? Nun, Stoepel kombiniert dazu alle die Fähigkeiten, die er hat: den Gesang, diverse Musikinstrumente, das Schauspielern, das Rezetieren, seine gesamte Ausstrahlung… zu einem einzigartigen Wort- und Klangteppich, der in die Gedankenwelt des Spiels eintaucht.

Das Buch ist die Geschichte des Magister Ludi Josef Knecht, der schon frühzeitig auf sich aufmerksam macht und der von den Lehrern und Magistern der pädagogischen Provinz Kastilien an ihre Schule genommen und in der Tradition dieser geistigen Bewegung erzogen wird. Das Glasperlenspiel selbst ist kaum erklärbar, vorstellen kann man sich noch die Ursprünge, die in gewisser Weise an die antiken Abaki erinnern, die weiterentwickelten und stets komplexer werdenden Ausformungen entziehen sich der Anschauung und stehen immer mehr nur als Metapher für ein stetig ritueller und spiritueller werdendes Geistesgebäude, in dem die Künste und die Wissenschaften, allen voran die Musik und die Mathematik sich vereinigen und gegenseitig befruchten sollen.

Knecht ist bald einer der hervorragendsten Schüler, nach Beendigung der Schule und dem anschließenden freien Studium wird er vom amtierenden Magister Ludi mit einer Aufgabe betraut, die ihn in die reale Welt außerhalb Kastiliens führt, in ein Kloster. Dort begegnet ihm ein ebenfalls hochgebildeter Mönch, Pater Jakobus, dieser aber ein Bewohner und Verteidiger der realen Welt gegen die Weltfremdheit Kastilien. Die beiden freunden sich an, respektieren sich gegeneinander und wachsen aneinander. Und – so wie es sich später erweisen wird – diese Bekanntschaft legt einen Keim in Josef Knecht, der viele Jahre später reifen wird.

Der Magister Ludi stirbt und trotz seiner jungen Jahre wird Josef Knecht zu seinem Nachfolger berufen. Er nimmt die Verantwortung an und führt sein Amt viele Jahre mit großem Ernst und Erfolg. Aber dann trifft einer seiner alten Mitschüler in Kastilien ein, ein ehemaliger Hospitierender, ein Mensch, der in der äußeren Welt lebt – und leidet. Diese Auseinandersetzung mit Designori, dem alten Freund und Knecht ist der Höhepunkt der Aufführung, hier prallen reale Welt und die geistige aufeinander, der alte Vorwurf, daß Kastilien sich vom richtigen Leben, von den richtigen Menschen losgelöst hat und in einem eigenen Universum abgehoben über allem schwebt, bringt in Knecht den vor langer Zeit gelegten Keim des Zweifels zum Wachsen.. Stoepel führt dieses Zwiegespräch zwischen Designori und Knecht fulminant auf… Designori, der Knecht seine Verzweiflung, aber auch seine Wut entgegenschleudert, Designori, der an der Welt buchstäblich erkrankt ist wird von Stoepel mit großer Sprachgewalt gespielt, er schleudert seine Anklage förmlich ins Publikum bzw. dem nur zögerlich antwortendem Knecht ins Gesicht… dies zweifellos einer der Höhepunkte der Aufführung….

Knecht reist in die richtige Welt außerhalb des auf sich selbst bezogenen Kastiliens, besucht Designori und seine Familie öfter bis der Entschluss reif ist: “Er war entschlossen, sich aus den Fesseln seiner jetzigen Lage zu lösen und für Aufgaben, die er auf sich warten fühlte, frei zu machen. ..” Und so geschieht es. Knecht verläßt Kastilien im Streit, unverstanden von der Behörde und den Meistern und er wird Erzieher des Sohnes von Designori, heiter verläßt er den Ort, der ihm zu eng geworden, dem er nun entwachsen ist, um der lähmenden Gewöhnung zu entrinnen…

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen….

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Dies soll als Kürzestfassung des Inhalts dienen, ich maße mir nicht, so ein Werk weiter zu interpretieren. Stoepel in seiner Aufführung jedoch tut dies, natürlich musste dieser den Roman kürzen, ihn konzentrieren und auch arrangieren. Er liest die Texte nicht, er spielt sie, er ist Knecht, ist Designori, ist Pater Jakobus und auch Alexander, Leiter der kastilischen Behörde. Er läßt die Musik sprechen und die Klänge, schafft Atmosphäre und Dichte, er erschreckt, rüttelt auf und schlägt den Zuschauer/-hörer in Bann. Die Aufführung ist ungeheuer intensiv, und auch Stoepel merkt man nach der Vorstellung die Ergriffenheit und die Konzentration an, die er mit Selbstironie sympathisch überspielt.

Zu kurz noch der langanhaltende Applaus für dieses aussergewöhnliche Ereignis.

Zur Webseite von Stoepel: http://www.moritzstoepel.de/

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