Sally Nicholls: Wie man unsterblich wird
Oktober 25, 2009
Sam und Felix sind zwei dicke Freunde. Sie hängen den ganzen Tag über zusammen rum, planen ihre Zukunft und träumen. Sie haben mit ihren 11 bzw 13 Jahren nur ein Problem, nämlich (so antwortet Sam einmal genervt und unwirsch auf die entsprechende Frage, nach dem, was er hat): „sphärische Globuli“.

Kennengelernt haben sich Sam und Felix auf der kinderonkologischen Abteilung eines Krankenhauses. Sam, die Hauptperson des Buches, leidet nämlich (ebenso wie Felix) an Krebs, an Leukämie. Er hat Chemos hinter sich, die nur kurzfristig angeschlagen und auch die Medikamente, die er jetzt nimmt, können ihm allenfalls Aufschub gewähren. Und diese Zeit wollen die Jungs nutzen.
Sie machen Pläne, stellen Listen auf mit Sachen, die sie unbedingt noch machen oder erleben wollen, sie, deren Leben kaum begonnen hat. Forschen wollen sie, Bücher darüber schreiben, mindestens einen blöden Weltrekord aufstellen und einen Horrorfilm (FSK ab 18) schauen. Natürlich wollen sie typische Teenager-Sachen erleben: rauchen, trinken und ein Mädchen küssen…. eine Luftschifffahrt steht auf der Liste, ein Raumflug und (einfacher zu verwirklichen): einmal eine Rolltreppe verkehrt herum laufen….
Sam und sein Freund und Vorbild Felix haben gute und haben schlechte Tage. Sie brauchen nicht mehr in die Schule, Sam wird zu Hause unterrichtet, er sitzt viel vorm Computer und stillt seinen Wissensdurst durch googeln. Er sammelt Infos, stellt Listen auf und fängt an, ein Tagebuch über sein Leben und das, was er weiß und was er an Fragen hat, zu schreiben. Und am Ende des Buches wird er tatsächlich alles an Vorhaben, die er skizziert hat, durchgeführt haben, in der einen oder anderen Art und Weise.
Seine Eltern haben schwer zu kämpfen mit dieser Situation. Übervorsichtig und -aufmerksam schnürt die Mutter Sam zum Teil die Luft zum Leben ab, der Vater stürzt sich in die vermeintliche Normalität des Alltags und seines Berufes. Er verdrängt, in dem er die Routine aufrecht erhält. Ella, die junge Schwester von Sam, geht noch am unbefangensten mit der Lage um. Doch irgendwann im Lauf der Zeit akzeptieren auch die Eltern das Schicksal ihres Sohnes, sie helfen ihm, sein Leben zu leben und lernen dadurch, ihre eigenen Ängste zu überwinden. So haben alle noch eine (gemessen an den Umständen) schöne Zeit. Die andauert, bis Sam entscheidet, keine Medikamente mehr zu wollen.
In einer seiner Listen (um das bestdokumentierteste Sterben aller Zeiten zu schaffen) hat er für seine Eltern eine Protokollvorlage (Achtung: das Protokoll verrät natürlich etwas über das Buchende… ) entworfen, die diese, wenn die Zeit gekommen ist, ausfüllen sollen.
Nicholls beschreibt sehr einfühlsam, daß Sam und Felix trotz ihrer Krankheit, über die sie sich keine Illusionen machen, normale Jungs sind, mit ner Menge Blödsinn im Kopf und ebenso einer Menge Fragen, die ihnen keiner beantworten kann. Im Grunde gehen sie viel unbefangener mit ihrer Lage um, als die Eltern und viele Erwachsene, deren Verhalten von großen Ängsten, von Unsicherheit und Befangenheit geprägt ist. „Wie man unsterblich wird“ ist ein gelunges Protokoll eines letzten Lebensquartals, mit viel Traurigkeit, aber auch viel Lachen, mit fröhlichen Momenten und Augenblicken, die im tiefsten Innern anrühren.
Facit: Nicholls widmet sich einem ähnlichen Thema wie Schmitt auf etwas unterschiedliche Art und Weise, aber gleich gelungen.
.. noch ein paar Gedanken zum Thema: wenn Kinder sterben….
Sally Nicholls
Wie man unsterblich wird
Broschiert: 200 Seiten
Hanser Belletristik, 2008, brosch., 200 S.
ISBN-10: 3446230475
ISBN-13: 978-3446230477
Jürgen Leinemann: Das Leben ist der Ernstfall
September 23, 2009
Bei Jürgen Leinemann [JL; 1] wurde am 8. Mai 2007 ein Larynx-Zungen-Karzinom [2] diagnostiziert. JL ist nicht irgendwer, er gehört zu den profiliertesten Journalisten Deutschlands, einer der wenigen, die man mit halbwegs ausgeprägter Allgemeinbildung auch als Laie kennt, der „Leinedingsda oder wie er heißt vom Spiegel“. Die Behandlung seiner Krebserkrankung erfolgte mittels Bestrahlung, der Tumor wurde dadurch erst einmal zerstört, die Nebenwirkungen waren enorm.

Aber JL litt nicht nur unter den Nebenwirkungen, auch andere Erkrankungen, zum Teil auch Folgen der Behandlung, peinigen ihn: Diabetis, Herzinsuffizienz, Lungenentzündung und diverses andere … langweilig ist sein Patientendasein jedenfalls nicht.
Die Erkrankung erschüttert das Leben des erfolgsverwöhnten und mächtigen Journalisten auf das heftigste, bis kurz vor einen Suizidwunsch. Über dieses Buch sagt er selbst: „Von einer schriftlichen Auseinandersetzung mit meiner Krankheit versprach ich mir also einen gewissen selbsttherapeutischen Nutzen.“ [S. 196]. Ein sehr guter, vernünftiger Entschluss, denn nur so konnte die „… Rekonstruktion s[m]einer Identität… “ [S. 205] gelingen, denn JL war „.. noch der, der er [ich] vorher war, und (ich) hatte mich zugleich verändert – die Krankheit und ihre Folgen waren zum Bestandteil s[m]einer Lebensführung geworden.“ [S. 214]. Diese aktive Trauerarbeit, die im den Buch ausführlich dargelegt wird und alles Stufen umfasst (Wut, Zorn, Resignation, Hoffnung, Akzeptanz, Gleichgültigkeit, Optimismus) beschränkt sich nicht nur auf die aktuelle Situation des Autoren, sondern umfasst im Rückblick sein gesamtes Leben, das – wie er beschreibt – durch Brüche gekennzeichnet ist, durch seinen Alkohlismus, den er seit Jahrzehnten überwunden, aber nicht vergessen hat, durch seine Kindheit. Ist Krankheit Schuld, ist der Erkrankte schuld an seiner Krankheit? Eine Frage, die JL anfänglich quält, so seltsam sie auch einem Aussenstehenden erscheinen mag. Ist sein Tumor letztlich eine Folgeerscheinung, eine Rechnung, die sozusagen das Leben ihm schrieb, seines früheren Lebenswandels, geprägt durch Arbeit, Alkohol, Stress und Unruhe? Es ist im Grunde diese vermaledeite Frage „Warum überhaupt, warum gerade ich?“, auf die es oftmals keine Antwort gibt, auch wenn es so aussieht, als sei vieles plausibel und wahrscheinlich.
So zwingt die Krankeit JL dazu, sein gesamtes Leben zu überdenken, in Frage zu stellen und zu bewerten, ja, die Werte neu zu setzen und sich – wie oben schon zitiert – neu zu rekonstruieren. Wobei Rekonstruieren ja eigentlich nicht zutrifft, was JL jetzt schaffen muss, ist ein neues Leben mit neuen Inhalten und einer neuen Sinnsuche.
JL geht in seinem Buch sehr detailliert auf seine Krankheit ein, es ist z.T. ein wahres Martyrium, was er erdulden muss. Und auch die Medizin bzw. einige der Krankenhäuser (die er zur Genüge kennenlernt) kommen nicht gut weg, er macht die Erfahrung, daß es Häuser gibt, in denen Kranke behandelt werden und welche, in denen Krankheiten behandelt werden…. mag sich jetzt jeder selbst überlegen, worin der Unterschied (und ja, er ist wichtig!) liegt….
Halt und Unterstützung findet JL in seiner Familie, auch in seinen Freunden, obwohl in hier die Unsicherheit belastet, inwieweit Freundschaft unter so extremen Bedingungen halten, sich bewähren kann. Vor allem aber seine Frau und seine Tochter stützen ihn, halten und begleiten ihn. Sie sind es, die ihm immer wieder Lebensmut geben, ihm immer wieder vermitteln, du gehörst zu uns, immer und immer….
Wegen des auf Vollständigkeit angelegten Rückblicks auf sein Leben enthält das Buch auch einiges Interessante zur politischen Entwicklung in Deutschland, einige Episoden, die JL mit Politikern erlebt hat und die bislang hinter den Kulissen verborgen waren. Insofern ist das Buch auch ein Stück Zeitgeschichte der Bundesrepublik.
Und trotzdem: fast hätte ich das Buch in der Mitte beendet und weggelegt. Warum? Diese Stelle macht es vllt deutlich: auf S. 104 schreibt JL: „Häufig war ich ratlos, verzweifelt und zornig.„. Tja. Davon bin ich auch ohne diesen Satz ausgegangen, schlimm genug spielte ihm das Schicksal ja mit. Interessant wäre es dagegen gewesen, die Gefühle, die hinter dieser nüchternen Beschreibung steckten, zu erfahren: wie äußert sich seine Verzweifelung, was denkt er, welche Bilder sieht er in seinem Kopf, was macht diese Verzweifelung mit ihm…. Aber JL ist Journalist, er hält auch zu sich selbst Abstand, analysiert mehr als das er versucht, Gefühle zu übermitteln. So hat mich das Buch seltsam kalt gelassen, abgesehen vom weitgehend unpersönlichen Mitleid, das ich natürlich ob dieses Schicksals empfinde. Es ist damit ein krasser Gegensatz zum Bericht von Diez über seine sterbende Mutter, welchen ich kürzlich hier vorgestellt [3] habe. In dieser Hinsicht ist das Buch eine Aneinanderreihung der weitgehend analysierenden Beschreibung von Schicksalsschlägen unterbrochen durch Rückblicke auf frühere Lebensepisoden. Aber eben immer mit einem Abstand, die ein tief empfundenes Mitfühlen, Mitleiden bei mir nicht hervorgerufen haben.
Andererseits ist das natürlich auch eine Stärke des Buches: hier hat jemand, der es gewohnt ist, Menschen und ihre Schicksale fair und ausgewogen darzustellen, sein eigenes Fatum analysiert, sich mit ihm auseinandergesetzt und dies intellektuell nachvollziehbar beschrieben.
JL begreift seine Erkrankung auch als Chance für ihn, sein Leben zu überdenken und neu zu orientieren, er zeigt, wie er trotz aller Rückschläge mit der Begleitung durch seine Familie den Krankheits- und Trauerprozess erlebt und sich ihm stellt, wie sich nach den Phasen, in denen er sich ein Sterben wünschte, langsam aber sicher der Lebenswille wieder hervorkam. Würde man sich die Mühe machen, könnte man sicher wie im Lehrbuch die Trauerphasen z.B. nach Kast [5] herausarbeiten.
Facit: In der Summe ein sehr offenes, persönliches, beeindruckendes Buch über ein schweres Schicksal.
Links:
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Jürgen_Leinemann
[2] http://www.meb.uni-bonn.de/cancernet/deutsch/201519.html
[3] http://radiergummi.wordpress.com/2009/09/02/georg-diez-der-tod-meiner-mutter/
[4] ein interessanter Artikel in der ZEIT, der sich auch des Buches von JL annimmt.
[5] http://www.lacrima-muenchen.de/service-wissen/hintergrundwissen/trauerphasen-nach-verena-kast.html
Jürgen Leinemann
Das Leben ist der Ernstfall
Hoffmann und Campe, 2009, HC, 240 S.
ISBN-10: 3455501222
ISBN-13: 978-3455501223
Georg Diez: Der Tod meiner Mutter
September 2, 2009

Der Tod, dieses unausweichliche Ende jeglichen Lebens, dieses geradezu definitorische Element des Lebens (den nur dadurch, daß individuelles Leben endlich ist, kann überhaupt „Leben“ sein) ergreift den Einzelnen ohne erkennbaren Plan und Sinn und stürzt ihn und seine Nächsten in eine der größten Krisen, die denkbar ist, denn die Endgültigkeit des Todes zwingt uns, wollen wir nicht daran verzweifeln, zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Leben vor dem Tod.
Georg Diez arbeitet in seinem Buch das Verhältnis zu seiner Mutter auf. Bei dieser wurde von 12 Jahren Krebs diagnostiziert, 2005/6 tritt die Krankheit immer stärker in das Leben von Hannelore Diez ein und fängt an, es zu beherrschen. In dieser Phase, in der seine Mutter immer mehr an Selbstbestimmung verliert und den Bedingungen, die die Krankheit definiert, unterworfen ist, beginnt Georg Diez, sich intensiv um seine Mutter zu kümmern, sie zu begleiten. Da Hannelore Diez in München wohnt und ihr Sohn in Berlin arbeitet, kann dies nicht kontinuierlich geschehen, Georg fliegt oft von Berlin nach München.
Das Buch ist nicht parallel in der Zeit entstanden, die es beschreibt, sondern in der Nachschau auf die Ereignisse. Entsprechend wenig „authentisch“ ist es, vielmehr ist es sehr analytisch-reflektierend. Diez leistet mit der Niederschrift eigene Trauerbewältigung, er arbeitet sein, des Sohnes, Verhältnis zu seiner Mutter auf, er sieht, ruft sich ins Gedächtnis die Mutter mit all ihren Eigenschaften, den Brüchen in ihrem Leben, der Art und Weise dieses Leben in aller Konsequenz zu leben, mit der Bereitschaft, einen hohen Preis zu zahlen, Einsamkeit….
„… Und so hatte sie gelernt, Schritte zu gehen, die für sie stimmten, die für sie richtig waren, die konsequent waren und die manchen weh taten, manchmal auch ihr selbst, vielleicht mehr, als sie zeigte. Aber sie wusste, daß alles ander falsch war.
Sie sah die Krankheit als einen weiteren neuen Abschnitt ih ihrem Leben, und sie wollte auch diesen Teil so weit selbst bestimmen, wie es ging. … Sie fand eine neue Rolle, sie fand die Kraft, Abstand zu nehmen von ihrem alten Leben udn ein neues zu beginnen“ [S.69]
Diez läßt in seinem Buch zwei Ebenen erscheinen: im Rückblick auf seine Kindheit, das frühere Leben seiner Mutter beschreibt er die 60/70er Jahre mit ihrem kleinbürgerlichen Ambiente, dem Muff, der herrschte und dem Aufbruch, der Rebellion der Jugend dagegen. Neue Lebensformen, Emanzipation, Möglichkeiten, Chancen: all dies entdeckte Hannelore Diez für sich und lebte es konsequent aus. Anders dagegen ist schon wieder das Leben ihres Sohnes (wieso eigentlich Adidas-Generation? ist die Generation Golf schon wieder abgelöst oder soll mal jemand anderes von der garnicht so unterschwelligen Werbung profitieren??) strukturiert: die bürgerliche Kleinfamilie hat sich zurück gemeldet, die Karriere, die berufliche Sicherheit hat die Risikofreude abgelöst…
Mich haben aber mehr als dieser zeitgeschichtliche Hintergrund die Vorgänge um die sterbende Mutter und den sie begleitenden Sohn interessiert. Wie schon gesagt, war für die Mutter die Krebsdiagnose ein Moment, ihr Leben noch einmal neu zu gestalten, die Krankheit in das Leben zu integrieren. Jetzt, im Endstadium übernimmt jedoch die Krankheit in ihr das Regiment, ihr Körper wendet sich gegen sie, raubt ihr die Möglichkeiten, sich zu entfalten, die sie ein Leben lang so intensiv nutzte. Sie ist wütend auf diese Einschränkung, zornig… sie muss fremden Menschen den Schlüssel zu ihrer Wohnung geben, um sich versorgen zu lassen, ist von anderen abhängig geworden. Immer weiter weicht (ohne daß sie im „klassichen“ Sinnn verwirrt ist) ihre Realität, ihre Wahrnehmung der Welt von der der anderen ab. Dann die Erniedrigung, sich von der Pflegekasse in eine bestimmte Pflegeversicherung beurteilen und einstufen zu lassen. Natürlich strengt sie sich an und will sich keine Blöße geben….
Der Tod macht ihr Angst, sie hat nichts, was ihr Trost spenden kann. Ihren Zorn läßt sie an den Menschen aus, die ihr helfen wollen. Ein, so schreibt Diez, falscher Satz und sie trennt sich von ihnen, kompromisslos.
„Ihre Wut steigerte sich, je näher der Tod rückte. Ihre Wut kam und ging, mit den Tagen. .. Ihre Wut zeigte, daß sie noch da war, daß sie kämpfte, daß sie nicht gehen wollte. .. Sie war wütend auf Freunde, auf mich, auf sich, auf das Leben, auf die Krankheit. [S.172]„
… und nach der Wut die Resignation….
Diez beschreibt, wie diese Stimmungen auch schnell wechselten, wie sie Dankbarkeit für die Hilfe, die ihr angediehen wurde, zeigte und er vermutete, daß seine Mutter mehr wusste, als sie zeigte.
„Es war das, was es war, und dann war es vorbei.
Am Ende flachte ihre Wut ab.
Am Ende war sie nur noch einsam.
Und irgendwann hat sie sich aufgegeben.
Sie hatte entschieden, nicht mehr zu kämpfen.
Dann ging es sehr schnell. [S. 173]„ [ vgl. 1]
Georg Diez beschreibt in seinem Buch natürlich auch seine eigene Rolle in diesem Sterbeprozess seiner Mutter. Sie ist vor allem geprägt von Unsicherheit, von Angst, auch von den äußeren Bedingungen, da er diese Begleitung der Mutter in seinen „normales“ Alltag zwischen Beruf (er muss viel reisen) und Familie (das Kind, das er und seine Frau erwarten, die rosa Prinzessin, wie sie die Mutter nennt….) integrieren muss. Er erlebt, wie die Welt seiner Mutter immer kleiner wird, schrumpft auf ihr Zimmer mit dem Bett und dem Bild an der Wand, wie Dinge, die ihr früher wichtig waren, unwichtig geworden sind, sie nicht mehr interessieren. Im Gegensatz dazu all die vielen „das-letzte-Mal“ ganz bewusst wahrzunehmen, denn alles, was er mit der Mutter macht, wenn er sie im Rollstuhl durch die Straßen schiebt, kann das letzte Mal sein: der Besuch in der Konditorei, das Treffen mit Freunden, das Anschauen von dies und jenem.
So richtig, scheint mir, hat er keinen Zugang zu seiner sterbenden Mutter mehr gefunden. Gespräche, eventuell Aussprachen, klärende, helfende Gespräche – von denen erzählt er nicht. Viel wird geschwiegen zwischen beiden, aber es scheint mir nicht das Schweigen zu sein, das Menschen noch einmal verbindet. Er schreibt ja auch, wie einsam es um seine Mutter wird, ist wohl selbst nicht in der Lage, diese Einsamkeit durch seine Nähe zu durchbrechen. In einer Szene berichtet er, daß eine Freundin der Mutter in den letzten Tagen deren Hand hält und streichelt. Als die Mutter, die dabei schlief, aufwachte, entzog sie der Freundin ihre Hand sofort…. und selbst im Tod… ihr ehemaliger Mann, der Vater von Georg Diez hätte so gerne von der Verstorbenen Abschied genommen, doch der Sohn untersagte es ihm im Namen der Mutter, sie hätte es nicht gewollt. Wie unendlich grausam diesem Mann gegenüber….
Das Buch endet mit der Trauerfeier um Hannelore Diez. Nach der Feier wird noch einmal in die alte Wohnung gefahren und – erst zögerlich, dann immer entspannter – jeder nimmt sich aus der Wohnung Sachen, die er haben möchte, gebrauchen kann, mit nach Hause. Das fand ich schön, denn, wenn man gestorben ist, lebt man nur noch in der Erinnerung, aber Erinnerung braucht etwas, an das sie sich heften kann…. und in dem jeder etwas mitgenommen hat, hat auch jeder Erinnerungen an Hannelore Diez mitgenommen.
Facit: ein sehr intensives Buch, dem man Zeit widmen muss, das diese Zeit aber lohnt!
Links:
[1] Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden
[2] Besprechung in der taz
Georg Diez
Der Tod meiner Mutter
Kiepenheuer & Witsch; August 2009, geb., 199 S.
ISBN-10: 3462041428
ISBN-13: 978-3462041422
Hans-Christoph Piper: Gespräche mit Sterbenden
August 4, 2009

Im Gegensatz zu Kübler-Ross, die ihre „Interviews mit Sterbenden“ in „gestellten“ Situationen vor Publikum (Studenten) geführt hat, stellt Piper hier eine Sammlung von „echten“ Gesprächen vor, die so in Krankenhäusern stattgefunden haben. Das Buch ist nicht neu, die mir vorliegende Ausgabe stammt von 1980, von daher sind einige der dargestellten Situaionen nicht mehr aktuell für unsere Zeit, aber die in den Gesprächsanalysen herausgearbeiteten Probleme der Seelsorger im Gespräch mit den Sterbenden dürften trotzdem weiterhin gültig sein.
Es ist erstaunlich, wie wenige der Gespräche sich nachher in den Analysen als „gelungen“ erweisen. In den meisten Fällen reden die Partner aneinander vorbei, der Seelsorger bleibt an der Oberfläche, erfasst nicht das symbolhafte der Sprache des Sterbenden oder ist auch von den Emotionen überwältigt und weiß ihnen nicht begegnen. Oft stockten die Gespräche, sobald der Seelsorger versuchte, sie in eine bestimmte Richtung zu lenken. An vielen Stellen sprechen die Seelsorger davon, daß sie unsicher geworden sind, Ängste aufgetreten sind oder sie einfach nicht mehr wussten, wie sie reagieren sollten.
Ein weiterer „Grund“fehler“ ist ganz offensichtlich, daß überhaupt so viel geredet wird. Es scheint oft angebrachter, einfach zuzuhören und teilnzunehmen, als auf eine interaktive Unterhaltung abzuzielen. Sterbende wollen sich nicht mehr unterhalten, sie wollen die letzten Dinge regeln, noch einmal (auch verbal) Ordnung schaffen und brauchen jemanden, der sie dabei ernst nimmt und der auch ihre Situation akzeptiert.
Was ich ein wenig schade fand, war, daß ich mich beim Lesen so ein bischen fühlte wie beim Arzt, der mir zwar eine Diagnose stellt, aber keine Therapie anbietet. Soll heißen, daß in den Gesprächsanalysen zwar beschrieben wird, was dies und jenes bedeutet und was hie und da wohl ungünstig gelaufen ist, aber leider wird kein Vorschlag gemacht, wie man adäquater hätte reagieren können. An manchen Stellen wäre das (für mich) hilfreich gewesen.
Das Buch wird von einem Aufsatz Pipers zu den Problemen bei der Begleitung Sterbender abgeschlossen, die nach Piper im wesentlichen Kommunikationsprobleme sind, weil es uns oft nicht gelingt, zu verstehen, was uns Menschen „mit abnehmender Lebenserwartung“ mitteilen wollen [vgl auch hier].
Links: Das Buch ist sehr intensiv in den Gesprächen und den Analysen. Glücklich, wer jemanden hat, mit dem er darüber diskutieren kann.
Über den Autoren: http://www.v-r.de/de/autoren/433638/
In memoriam H.-Ch. Piper: http://www.pastoralklinikum.de/formulare/in%20memoriam.pdf
Hans-Christoph Piper
Gespräche mit Sterbenden
Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen; 1977, 166 S.
ISBN 3525621639

Kinder und Tod – kaum scheinen Begriffe weiter auseinander liegen zu können. Doch auch Kinder, die das Leben noch vor sich haben, kommen mit dem Sterben, der Endlichkeit des Seins in Berührung, sei es das geliebte Haustier, ein Familienmitglied, gar Vater, Mutter oder Geschwister. Und natürlich durchlebt, durchleidet ein Kind in diesen Situationen ähnliche Gefühle wie wir Erwachsenen, wahrscheinlich sogar direkter, da noch nicht so durch Konventionen verstellt, es spürt Unverständnis, Wut, Angst, Trauer, Erleichterung und vieles mehr – je nach Situation und momentaner Verfassung.
Es ist so wichtig, Kinder in diesen Situationen nicht alleine zu lassen, sie ernst zu nehmen, sie zu begleiten, sie ev. in den eigenen Trauerprozess mit einzubeziehen – oder auch sich auf die Kinder einzulassen, die auf viele der komplizierten Fragen mitunter einfache Wahrheiten finden, die auch uns Erwachsenen helfen.
Das kleine Büchlein von Tausch-Flammer und Bickel ist sehr praxisbezogen, es zeigt an vielen Beispielen, wie Kinder auf Sterben und Tod reagieren und wie man sie in dieser Reaktion begleiten und akzeptieren kann. Voraussetzung dazu ist allerdings, daß der Erwachsene sich auf den Themenkreis „Tod und Sterben“ einläßt, sich mit ihm befasst, möglichst schon in Zeiten, in denen das Thema nicht akut ist. Dazu gibt der erste Teil des Buches viele praktische Hilfen, zeigt Fragestellungen auf und weist auf Antworten aus allen Kulturkreisen hin.
Im zweiten Teil des Buches werden einfacher Zeichnungen und Aufgaben Materialien für Kinder angegeben, mit deren Hilfe sich Kinder spielerisch ausdrücken können, ihre Gefühle darstellen und beschreiben lernen.
Facit: Ein sehr hilfreiches Buch zu einem (nicht nur für Kinder) schwierigen Thema.
Daniela Tausch-Flammer, Lis Bickel
Wenn Kinder nach dem Sterben fragen
Ein Begleitbuch für Kinder, Eltern und Erzieher
Herder, Tb, Freiburg, 2008, 176 S.
ISBN-10: 3451048825
ISBN-13: 978-3451048821
Freya v. Stülpnagel: Ohne dich
Mai 30, 2009

Wohl jeder kennt dieses belastende Gefühl der eigenen Unsicherheit, wenn man einen Freund hat, einen Bekannten, dem Schlimmes widerfahren ist, dessen Seele verletzt wurde, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wurde und der in tiefer Traurigkeit, Trauer sich befindet. Wie soll man so einem Menschen, der vielleicht seine(n) Liebste(n) verloren hat, vielleicht sein Kind oder einen nahen Freund, die Eltern, begegnen, was soll man sagen? Soll man überhaupt was sagen oder ihn in Ruhe lassen?
Diese Woche hatte ich selbst eine solche Frage vor mir stehen. Ich hatte bei einer entfernt bekannten Familie, die schon vor längerem ein schweres Schicksal heimsuchte, zu tun und grübelte, ob ich nun fragen sollte, wie es dem *** denn jetzt ginge. Würde ich damit etwas aufrühren oder einfach nur (was der Wahrheit entsprach) das Interesse am Schicksal von *** zeigen?
Genau von diesen Fragen handelt Stülpnagels Büchlein und was sie hier schreibt über die Begleitung von Trauernden nach Sterbefällen läßt sich auch ohne weiteres übertragen auf die Begleitung von Menschen, denen durch andere Ereignisse der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.
Stülpnagel schreibt auch aus der Sicht einer Betroffenen. Eines ihrer eigenen Kinder, Benny, hat sich das Leben genommen und dieser Suizid hat das Leben der gesamten Familie beeinflusst, geändert. In einfachen, unaufgeregten Sätzen und Beispielen beschreibt sie, was in Trauernden vorgeht, wie sich Trauer überhaupt äußern kann (äußerst unterschiedlich), was Trauernde brauchen, um die Trauer, das Verlustgefühl in ihr Leben integrieren zu können. Vehement wehrt sie sich (wie viele andere auch) gegen den Terminus: „-verarbeitung“, denn die Trauer wird nie verarbeitet, sie muss als Bestandteil des eigenen Lebens akzeptiert und eingebunden werden.
„In der Trauer„, so schreibt sie, „sind wir allein und müssen unsere eigenen Schritte machen, aber wenn wir Glück haben sind wir nicht alleingelassen.
Ganz am Anfang gerade bei einem plötzlichen Tod ist es ganz besonders wichtig, dass es wenigstens einen Menschen gibt, der einfach da ist. Er muss nicht viel reden, er muss nicht trösten, denn im Moment gibt es für den Hinterbliebenen keinen Trost, er muss nichts zu erklären versuchen, sondern das emphatische Mitfühlen und Dasein ist das Entscheidende.“ [S. 25]
In diesem Zitat kommt eigentlich die ganze Botschaft ihres Buches hervor: den Trauernden nicht allein lassen, ihm den Raum lassen, damit er seine eigene Art zu trauern findet und eher zuwenig als das falsche sagen, den falschen Trost oder platte Weisheiten wie: „Das Leben geht weiter“ zum Beispiel. Hier gibt Stülpnagel auch eine ganze Reihe von Vorschlägen, wie man als als Freund/Bekannter/Verwandter konkret handeln kann, wie man auf einen Trauernden eingehen, auf ihn zugehen kann und wie man eventuell reagieren kann auf dessen Bedürfnisse. Ganz wichtig ist es, diese oben von mir erwähnte Scheu zu überwinden, überhaupt auf einen Menschen zuzugehen, der in seiner Trauer verzweifelt ist.
Ach ja, meine eigene Frage vom Anfang des Beitrags: ich habe dann einfach gefragt und kaum war die Frage draußen, kamen auch schon die Antworten und das Erzählen ging los. Es war, als ob +++ darauf gewartet hätte, daß er endlich mal reden könnte, weil er auch gefragt worden ist. Gut so. Das gab/gibt auch mir Sicherheit.
Facit: ich halte das Buch für sehr gut, weil man merkt, daß die Autorin all das, was sie beschreibt, selbst durchlitten hat und ihre Ratschläge daher sehr angemessen und praxisnah sind. Durch die vielen Geschichten und Gedichte, die es enthält, könnte ich mir vorstellen, daß es auch Trauernden selbst viel Hilfe geben könnte.
Freya v. Stülpnagel
Ohne dich
Kösel, Januar 2009, 143 S.
ISBN-10: 3466368537
ISBN-13: 978-3466368532
p.s.: als ich diesen Text gestern schon angefangen hatte zu schreiben, bekam ich die Nachricht, daß ein (hochbetagter) Nachbar von mir gestorben ist…..

Callanan und Kelley sind zwei Krankenschwestern, die sich aus dem Bereich Notfallmedizin und Pflege kommend in der Hospizbewegung engagiert haben.
Ihre Arbeit kreist um den Begriff des „Todesbewusstseins“, mit dem sie das außergewöhnliches Wissen um den Prozess des Sterbens meinen, daß sich bei Menschen entwickelt, die langsam sterben und die wissen, was sie brauchen, um in Frieden sterben zu können.
Ein wesentlicher und schwieriger Punkt ist die Kommunikation zwischen dem Sterbenden und den ihn pflegenden Menschen. Da der Sterbende oft andere Kommunikationsformen entwickelt, als wir sie gewohnt sind, kommt es hier oft zu Missverständnissen, da man sein Verhalten, seine Äußerungen als verwirrt, durcheinander oder konfus deutet. Dabei redet er oft einfach nur in einer symbolischen Sprache (alles was mit „R(r)eisen“ zu tun hat (Koffer packen, Taxi rufen, Fahrkahrten kaufen) kann z.B. darauf hindeuten, daß sein Tod (= die letzte Reise) unmittelbar bevorsteht, die Suche nach Plänen, Karten oder Grundrissen kann bedeuten, daß er noch Ordnung schaffen will, aufräumen will (hat er in seinem Leben Streit gehabt mit z.B. Geschwistern?) etc pp. Wichtig sind auch Träume und Traumbilder, in den der Sterbende seine Wünsche verpackt, Gesten mit denen er bedeutet, was ihm fehlt, was er vermisst. Oft sieht er Personen, die ihm im Leben wichtig waren und fühlt sich von ihnen behütet und geborgen, während die Umstehenden nichts wahrnehmen.
Das Buch ist sehr praxisnahe gehalten. Nach dem einleitende Kapitel über das „Todesbewusstsein“ erläutern die beiden Autorinnen die einzelnen Faktoren, die für dieses Bewusstsein eine Rolle spielen an einer Vielzahl oft sehr zu Herzen gehender Fälle aus ihrer täglichen Arbeit. Sie zeigen deutlich, wie man sich als Begleiter, Verwandter oder Pflegender auf diese symbolhafte Sprache des Sterbenden einlassen muss und auch oft die eigenen Begrenztheiten erkennen und überwinden muss. Die meisten der Beispiele enden positiv, d. h., der Sterbende geht in Frieden und hinterläßt Verwandte, die Trost in diesem friedlichen Sterben finden. Aber es gibt auch Beispiele, in denen sie zeigen, daß es den Pflegenden nicht immer möglich ist, die Wünsche des Sterbenden zu erkennen oder – wenn sie sie erkennen – ihnen nachzukommen. In der Regel wird der Sterbeprozess dadurch verlängert und unfriedlich, der Sterbende ist unruhig, aufgewühlt, gequält, die Pflegenden (Verwandten) sind verzweifelt, oft von Schuldgefühlen geplagt.
„Mit Würde aus dem Leben gehen“ ist kein Buch zum Durchlesen, oft muss man nach ein paar Seiten wieder aufhören, um das Gelesene zu verarbeiten. Der Tod ist der radikalste Übergang, den ein Wesen zu bewältigen hat, radikaler noch als die Geburt, die uns zwar alle auf die Welt gebracht hat, die aber auch gleichzeitig unabänderlich bedeutet, daß wir diese welt wieder verlassen werden und wir damit den Übergang ins Leben wieder rückgängig machen. Diese Unwiderruflichkeit des Todes, das Nichtwissen über das, was uns nach diesem Übergang erwartet, verlangt uns große Kraft ab. Die beiden Autorinnen zeigen mit ihren Fallbeispielen, daß wir, wenn wir uns auf diese Begleitung Sterbender einlassen, von diesen lernen können, um die Bedeutung unseres eigenen Lebens zu erkennen und uns mit der eigenen Sterblichkeit auseinander zu setzen.
Maggie Callanan, Patricia Kelley
Mit Würde aus dem Leben gehen
Droemer Knaur, Tb, 1993, 298 S.
ISBN-10: 3426840219
ISBN-13: 978-3426840214

Die 23jährige Schwesternschülerin Cordula Z. läßt sich vom Hausarzt in die Uniklinik einweisen, um abzuklären, wie ihre Schilddrüsenkrankheit zu behandeln ist. Ihr wird im Krankenhaus ein Mehrbettzimmer zugewiesen. Als sie dieses Zimmer betritt, ist sie geschockt: im Nachbarbett liegt eine sehr junge Frau, vom Krebs zerfressen, vom Tod gezeichnet, die 17jährige Aranka. Cordula kann diesen Anblick kaum ertragen. Das Buch schildert in Tagebuchform die 20 Tage, die Cordula Z. als Patientin in diesem Krankenhaus verbracht hat.
Inhaltlich werden zwei Ebenen dargestellt, zum einen die Beziehung, die sich zwischen Aranka und Cordula entwickelt und ferner die Schilderung der Abläufe in diesem Krankenhaus. Und ganz entgegen der Erwartung liegt der eigentliche Horror des Buches nicht im Miterleben des Sterbeprozesses von Aranka, sondern im täglichen Leben des Krankenhauses. Mehr wie einmal dachte ich: ist die da in einer Metzgerei gelandet? Jedenfalls verläßt Cordula das Krankenhaus nach knapp 3 Wochen deutlich malader und kränker als sie dort angekommen ist. So unmöglich, so diletantisch und unfähig scheinen sich die Ärzte dort aufgeführt zu haben. Nun spielt das Buch Ende der 70er Jahre, Mehrbettzimmer (bis zu 7 Patienten) und „Halbgott-in-Weiß“-Gehabe gibt es wohl nicht mehr oder doch weit weniger, da auch die Patienten mündiger geworden sind. Aber das jetzt nur am Rande..
Zu verfolgen, wie sich Cordula und Aranka anfreunden, wie Cordula erkennt, daß Aranka nicht stirbt, sondern trotz ihres nahen Todes lebt, sich freut, am Leben teilnimmt, anderen Freude bereiten will, Forderungen an ihre Mitmenschen stellt und einfach nur als Mensch, als Frau, behandelt werden will, das bewegt. Sie leidet fürchterliche Schmerzen, die alle 3 Stunden mit Spritzen gedämpft werden müssen, ist körperlich von ihrem Leiden entstellt und hat trotzdem Mut, spricht anderen Trost aus… Zu ihren größten Freuden gehört das Spaghetti-Essen um Mitternacht (gekocht von den Schwestern, die sich sehr liebevoll um sie kümmern), sie bringt Cordula das Backen von Kartoffelpuffern bei und macht sich Sorgen, daß ihr Busen nicht so schön groß ist, wie sie es gerne hätte…..
Das Tagebuch ist ein Plädoyer dafür, Sterbende als Menschen zu behandeln, die leben, auch wenn ihre Lebensspanne nur noch kurz sein sollte. Sie sind nicht aussätzig, müssen nicht abgesondert werden, sie wollen teilhaben, mit uns mitleben. Und sie sind eine Bereicherung für uns selbst, sie lehren uns, unser eigenes Schicksal zu ertragen, geben uns Kraft. Wir müssen uns nur darüber klar werden, daß bis zum Tod jeder Sterbende ein lebendiger Mensch ist.
Cordula Z. wird nach knapp 3 Wochen ohne Diagnose, aber ziemlich geschafft, aus der Klinik entlassen. Sie erfährt, daß ihre Freundin Aranka kurz nach ihrer Entlassung gestorben ist.
Links:
Der Film „Aranka“ hat 1987 den Fernsehpreis des Hartmannbundes erhalten.
Ein paar biographische Daten zu Cordula Zickgraf
Facit: Ein sehr bewegendes Buch, über das man lange nachdenken muss.
Cordula Zickgraf
Ich lerne leben, weil du sterben musst
Buch & Media; April 2001, 156 S.
ISBN-10: 3935284977
ISBN-13: 978-3935284974
Gelesene Ausgabe: Lizenzausgabe des Bertelmann-Club, ca. 1980
Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden
Januar 27, 2009

(nur stichpunktartige Zusammenfassung)
Die Ärztin und Psychaterin Elisabeth Kübler-Ross war die erste, die sich wissenschaftlich intensiv mit dem Sterbeprozess todkranker Menschen auseinandersetzte. Sie unterteilt diesen Prozess (und diese Unterteilung in verschiedene Phasen, die der Betroffene durchläuft, läßt sich auf alle schweren Krisen, die Menschen durchleiden, übertragen) in 5 verschiedene Phasen:
1) Die 1. Phase: Nichtwahrhabenwollen und Isolierung
2) Die 2. Phase: Zorn
3) Die 3. Phase: Verhandeln
4) Die 4. Phase: Depression
5) Die 5. Phase: Zustimmung
Die 1. Phase: Nichtwahrhabenwollen und Isolierung
„Nein, nicht ich“ als Kennmal dieser Phase. Oder (so heute in einem Roman gelesen, die Frau, der die Nachricht von der Ermordung ihres Freunde überbracht wird: „Nein, das kann nicht sein. Mein Freund hieß Andy, nicht Andrew!“. Isolierung: Aufsplittung der Empfindung in dem Sinn, daß der Kranke von seiner Krankheit redet, als beträge dies einen anderen Menschen.
Die 2. Phase: Zorn
„WARUM ICH???“ oder „WARUM JETZT???“ Willkürlicher Zorn auf alles und jedes, Unmutsäußerungen, „schlechte Laune“, ungerecht, schimpfend, unzufrieden, aufgebracht. Der ungerichtete Zorn des Betroffenen wird oft persönlich genommen, dabei ist es Zufall, wen er trifft….
Die 3. Phase: Verhandeln
eine stille, ruhige Phase, die auch fast unmerklich verlaufen kann. „wenn ich noch bis/dies oder das/, dann mach ich auch ohne zu murren, jenes….“ Kann sich an Gott richten, an den Arzt, an jeden, der einen Wunsch erfüllen kann. In dieser Phase werden oft auch Sachen erledigt, Testamente, Übergaben etc.
Die 4. Phase: Depression
Der Widerstand ist vorbei, es ist die „Ja, ich…“-Phase. 2 Arten von Depression möglich:
- wegen des aktuellen Verlustes bei z.B. Amputationen, künstl. Darmausgang, Bewegungsunfähigkeit. Die äußeren Bedingungen belasten ihn: Geldsorgen, Arbeitsplatzverlust u.ä.
- Trauer um das, was in der Zukunft nicht mehr erlebt werden kann: der Totalverlust von Allem durch den Tod. (Vorbereitungsschmerz)
Die 5. Phase: Zustimmung, Akzeptanz
Das sich Einfügen in das Schicksal, das Akzeptieren, daß das eigene Leben an sein Ende gekommen ist. Der Erkrankte wird ruhig und in sich gekehrt, er nimmt sein Schicksal an und läßt sich drauf ein (positiv). Auch die negative Ausprägung als Resignation ist möglich. Auf Angehörige achten, mit einbeziehen!
Hoffnung
Hoffnung ist wesentlich und an keine Phase gebunden, sie ist immer da und darf nicht zerstört werden: Glauben an ein neues Medikament, daß die Behandlung anschlägt, etc pp. Auch die ev. Hoffnung auf eine andere Existenz nach dem Tod ist wichtig, eine wesentliche Stütze für den sich auf den Tod Vorbereitenden. Der Glaube prinzipiell auch als Hoffnugn auf Gottes Güte, Barmherzigkeit etc pp: wichtig. Problematisch kann werden, wenn Angehörige noch hoffen, obwohl sich der Betroffene schon in sein Schicksal gefügt hat.
Links:
Interview mit Frank Geerk als Beispiel für so einen Prozess.
Eine ausführliche Zusammenfassung gibt es hier
Weitere Bücher zum Thema „Sterbegleitung„
Elisabeth Kübler-Ross
Interviews mit Sterbenden
Droemer Knaur, 2001, 364 S.
ISBN-10: 3426870711
ISBN-13: 978-3426870716
Das Buch ist in vielen Ausgaben erschienen, das von mir gelesene Exemplar: GTB Sachbuch 960, Gütersloh, 1990
Karina Kopp-Breinlinger/Petra Rechenberg-Winter: In der Mitte der Nacht beginnt ein neuer Tag
Dezember 21, 2008

Leben ist ein steter Wandel, und dies bedeutet auch Veränderung mit dem Dazugewinn von Neuem und dem Verlust von Liebgewonnenem. Dieser Verlust greift den Menschen in seinem Innersten an, seine Seele ist verwundet, er trauert, muss diesen Schmerz, diesen Verlust, mit all seinen Folgen bewältigen. Leider ist in unserer auf Erfolg gepolten Gesellschaft Verlust und Trauer abgedrängt worden, wer kennt nicht die „Indianer-kennt-keinen-Schmerz“-“Kopf hoch“-“Augen zu und durch“-“Es muss ja weitergehen“-Sprüche, die Legion sind. Aber ebenso wie körperliche Wunden, die man zwar mit einem Pflaster abdecken kann, die aber, wenn sie nicht mit Luft in Berührung kommen, unter der Oberfläche weiterschwären, genauso kann arbeitet die Traurigkeit in der Seele weiter, wenn es nicht gelingt, sie in die eigene Persönlichkeit zu integrieren und sie zu einem Bestandteil des Lebens zu machen.
In diesem sehr schönen, teilweise sehr anrührenden Buch der beiden Autorinnen, die beide als Trauerbegleiterinnen und Therapeutinnen viel Erfahrung haben wird sowohl für Betroffene als auch für „Begleiter“ (und darunter sind auch Verwandte, Freunde zu verstehen) aufgezeigt, welche Funktion die Trauer im Menschen hat, wie sie sich äußert, äußern kann, wie man damit umgehen kann. An Beispielen werden Hilfsmittel an die Hand gegeben, Gedichte und Geschichten verbildlichen vor allem die komplexen seelischen Vorgänge im Trauerprozess.
Was wir besitzen
ist nur geborgt:
worin wir wohnen,
was wir haben,
wer wir sind.
Die wir lieben,
sind nur geborgt,
Wann sie gehen,
entscheiden wir nicht
Wir entscheiden,
ob wir die Erinnerung
als Geschenk annehmen wollen.
Der Begriff Trauer umfasst im Buch ein weites Spektrum, nicht nur die Gefühle beim Tod eines nahen Mensche löst sie aus, auch andere Verluste wie Trennungen, Scheidungen, Jobverluste, bei Kindern vllt auch einfache Ereignisse wie zeitweise Abwesenheiten von Eltern(teilen). All dies sind Einflüsse, die das gewohnte Leben durcheinander wirbeln und gefühlsmäßige Aufarbeitung notwendig ist. Man muss erkennen, daß Trauer nichts krankhaftes ist, seine Zeit braucht, sich in verschiedensten Gefühlen wie Zorn, Wut, Ärger, Verzweifelung äußern kann:
„Trauer ist der Weg einer bewussten Auseinandersetzung mit diesen Erfahrungen und erfordert innehalten und weitergehen, sich öffnen und schützen, zurück- und nach vorne, nach außen und ebenso nach innen blicken.“
Sie ist die Kehrseite unserer Liebes- und Bindungsfähigkeit.
Das Büchlein ging an mich, es rührt vllt an Wunden, die man selbst mittlerweile im Lauf des eigenen Lebens gesammelt hat. Trauer ist ja etwas, was wir gerne vor anderen verstecken, was uns u.U. sogar peinlich ist zu sehen und mitzuerleben (denkt man z.B. an Bilder von Klageweibern/klagenden Frauen, wie sie in südlichen Kulturen, die viel ausgeprägtere Trauerrituale haben, zu sehen sind.). Beherrschung wird bei uns als wichtiger eingestuft als die Äußerung von Trauer. Aber Angst fressen Seele auf und Trauer ebenso: Wir müssen Trauer begreifen, begreifbar machen, um sie in unser Leben einzubinden und gesund weiterleben zu können. Jeder, der mal verzweifelt war und jemanden gefunden hatte, bei dem er einfach mal reden oder schweigen konnte, wird dies bestätigen. Aber manchmal braucht man mehr Hilfe, und da ist dieses Buch wertvoll.
Facit: Da ich glaube, daß sich jeder Mensch mal mit diesem Thema auseinandersetzen sollte (jeder wird früher oder später auf die eine und die andere Art und Weise davon betroffen sein), bin ich froh, dieses Buch gefunden zu haben.
Karina Kopp-Breinlinger/Petra Rechenberg-Winter
In der Mitte der Nacht beginnt ein neuer Tag
Kösel-Verlag, Mai 2007, 216 S.
ISBN-10: 3466366194
ISBN-13: 978-3466366194


