Georg Schwickart: Die 100 wichtigsten Fragen zu Tod und Sterben
Oktober 22, 2009

Nur selten und auch nur die wenigsten beschäftigen sich ohne Anlaß mit Tod und Sterben. Entsprechend viele Fragen und Unsicherheit tauchen auf, wenn ein Todesfall eingetreten ist. Und das dann in einer Zeit, in der man oftmals durch große Trauer sowie kaum handlungsfähig ist. In diesem Fall aber kann einem das Buch von Schwickart, das zu den ganz praktischen Fragen Antworten gibt, hilfreich sein.
Der Aufbau des Buches ist einfach, wie schon im Titel genannt: 100 Fragen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen (von „Was muss ich machen, wenn jemand zu Hause gestorben ist?“ über „Welche Kosten verursacht eine Bestattung?“ und „Wie läuft eine Trauerfeier ab“ bis hin zu „Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich nicht traure?“ um aus jedem der vier Kapitel ein Beispiel für die Art der behandelten Fragen zu nennen) werden knapp, klar und verständlich beantworten. Wenngleich natürlich in der Knappheit der Antworten immer auch eine Verallgemeinerung steckt, die sich dann im konkreten Fall (z. B. bei den Kosten) anders gestalten kann, so bekommt man doch solide Antworten und braucht sich dem ganzen Geschehen um den Trauerfall herum nicht mehr so hilflos ausgesetzt fühlen.
Facit: Ein Ratgeber der besonderen Art, aber doch einer, den man sich ins Regal stellen sollte, damit man sich, wenn der Fall eintritt, orientieren kann.
Georg Schwickart
Die 100 wichtigsten Fragen zu Tod und Sterben
Gütersloher Verlagshaus, 2008, 152 S.
ISBN: 978-3-451-32450-5
Sigrid Neudecker: Wie war ich?
August 24, 2009
Sigrid Neudecker ist keine Unbekannte. Sie schreibt in der ZEIT Wissen-Redaktion und, manche mögen sie von daher noch eher kennen, sie betreibt den ZEIT Sex-Blog, weil sie „der festen Überzeugung [ist], dass es keinen Grund gibt, das Thema Sex nicht genauso offen zu behandeln wie andere Alltäglichkeiten“. Recht hat sie. Auch wenn sie damit als kleiner Multiplikator genau das macht, was sie im ersten Kapitel ihres Buches durchaus eloquent und zustimmungsfähig anprangert: nämlich langsam aber sicher die Schamgrenze senken und die Privatsphäre auslöschen.

Aber eins nach dem anderen. Der Untertitel des Buches lautet: „Der Mythos vom perfekten Sex“. Bevor sie aber zu diesen Thema kommt, führt sie einen unterhaltsamen Rundumschlag gegen die gesellschaftliche, vor allem durch das Fernsehen, in den letzten Jahren dann auch durch das Internet festzustellende Tendenz, Privates zugunsten des öffentlichen aufzulösen. [1]
Als einen der Initialpunkte erwähnt sie den (den älteren unter uns vielleicht noch bekannten) Auftritt von Leonie Stöhr 1970 bei „Wünsch dir was“, der seinerzeit zu heller Empörung im bundesdeutschen Feoulleton führte. Ein paar durch Kleidung sichtbare Brüste.. was ist das schon gegen den Pen.isbru.ch von Dieter B. oder auch Jürgen Drews… Der Knackpunkt, den Neubauer anführt, wird vllt noch deutlicher, wenn man ein paar Jahre zurück geht: Hildegard Knef zeigte sich 1950 in „Die Sünderin “ nackt. Deutschland tobte. Aber im Gegensatz zu Stoehr war Knef eine Schauspielerin, der Auftritt von Stoehr war ein Auftritt von jemandem wie dir und mir. Und – so unscheinbar das seinerzeit angefangen hat – so fulminant und vehement erodierte die Schamgrenze. Bei Tutti Frutti (das keiner schaute, aber jeder kannte….) strippten die Teilnehmerinnen selbst und ließen die Hüllen fallen, in Sendungen wie „Wahre Liebe“ oder bei Erika Berger wurde sich auch verbal kaum noch Hemmung auferlegt. Und der Daily Talk am Nachmittag, das Schmidt´sche Unterschichtenfernsehen, ließ dann endgültig jede Beschränkung ausser acht: dort tobten sich herr und frau nachbar für eben dieselben aus.
So erodierte (nach Neudecker, und wer wollte ihr widersprechen) im Lauf weniger Jahre vor allem durch das Fernsehen, aber auch durch Printmedien, die natürliche Scham der Menschen: was die da oben können, kann ich auch! Das Mitteilungsbedürfnis, wer wann mit wem wie oft und warum in welcher Stellung gemacht hat, wuchs weiter und weiter, was vom Wesen her privat und intim ist, durfte dies nicht bleiben. Und über das, was heutzutage auf immer und ewig in facebook, in blogs und foren an Daten und Einzelheiten verbreitet ist (und kaum einer stört sich drum, daß er oftmals mit den AGB´s auch die Rechte an den veröffentlichten Daten/Bildern abgibt)…. wer 1985 den Aufstand über die Volkszählung miterlebt hat, schüttelt eh nur den Kopf…..
Neudecker versucht in diesem einleitenden Kapitel folgende Kausalkette plausibel zu machen: Die Ablösung der exotische Figur „Schauspieler“ oder „Darsteller“, der von seiner Rolle lebt, durch den Mann/die Frau von nebenan, also durch jemanden wie uns, die Zuschauer selbst führt zu dem Effekt, daß langsam aber sicher, daß, was in den entsprechenden Darbietungen geschildert, gezeigt wird, als normal angesehen wird. Dies koppelt jetzt wieder rück auf die Medien, indem sich der Gedanke festsetzt, was überhaupt dort geschrieben steht, muss die Wahrheit sein. Und dies wird jetzt verallgemeinert auf alle Medien, ob Ratgeber in Buchform oder Frauen-/Männerzeitschriften, seien es TV-Reportagen oder Meldungen und Beiträge im Internet: Der Mythos entsteht und setzt sich in den Köpfen fest.
Und diese Mythen, und damit sind wir endlich beim Untertitel, entlarvt sie in den folgenden Kapiteln ihres Buches. Zum Beispiel in „Pimp my body“: Wie sieht der erstrebenswerte Körper von Männlein und Weiblein im Bild der Medien aus? Sixpackig, siliconbrüstig, knackärschig und symmetrisch-labig (womit gemeint ist, es gibt auch asymmetrisch ausgeformte Labien, was natürlich (sic!) korrigiert werden kann. btw: daß Neudecker in ihrem Aufzählung der Skurrilitäten garnicht auf das Anal-Bleaching eingegangen ist.. nicht, weil mich das besonders interessiert, aber ich hätte gerne gelesen, wie sie das niederschreibt….). [2] Ebenso und genau die Frage: „Wie sieht der perfekte Sex aus?“, wann, wo, wie, mit wem warum und wie oft? Und überhaupt….
Neudeckers Buch ist kein wissenschaftliches Elaborat mit entsprechendem Vokabular über das Thema, es ist mehr ein persönlicher Appell an den gesunden Menschenverstand des Lesers, all das, was ihm die Medien vergaukeln, beiseite zu schieben und sich darüber klar zu werden, was ER denn SELBST will und mag. Brüste unterliegen eben natürlicherweise der Schwerkraft, Penisse sind nicht immer eisenhart und Haare wachsen auch nicht nur auf dem Kopf…. Wenn ihm/r einmal vögeln im Monat reicht und er/sie damit zufrieden ist, dann sollte man sich durch Geschwätz nicht einreden lassen, zum perfekten Sex gehöre 3 mal die Woche mit 5 unterschiedlichen Stellungen….. Zur Selbstbestimmung zurückfinden, das ist ihre Aufforderung an uns alle.
Das Buch liest sich sehr unterhaltsam, auch wenn ich sagen muss, daß Neudecker so ein klein wenig ihrer eigenen Feststellung, daß die Schamgrenze immer weiter gesenkt wird, auf den Leim geht. So hält sie beim Weiblein zwar an der „Vagina“ fest, das männliche Pendant bezeichnet sie aber oft ungebremst als Sch*anz, Schni**edel, Ständer… f*cken ist auch so ein Wort, das kennt natürlich jeder und es mag Situationen geben, in denen es (und nur es) angebracht ist, aber in einem Buch, was ernst genommen werden will, hat es m.E. nach nichts zu suchen. So unterhalten sich die Menschen, die ich kenne, auch nicht. Es mag in der großen Stadt anders sein, vllt ist dort die Schamgrenze wirklich so weit abgetaucht, wie Neudecker es suggeriert, das kann ich nicht beurteilen. Aber trotz dieses Einwands ist ihrer These, daß das, was man täglich im TV, in der Werbung, im Internet an Sex sieht und hört und was dadurch öffentlich gemacht wird, die allgemeine Empfindlichkeit gesenkt hat und das, was früher privat war, jetzt öffentlich wird, zuzustimmen. Und ihrer Aufforderung, sich wieder selbst auf die eigenen Bedürfnisse zu besinnen und sich nicht fremdbestimmen zu lassen, sowieso….
Facit: ein unterhaltsames Buch über ein ernstes Thema, bei dem man an vielen Stellen anfängt zu sagen: ja, das stimmt, da hat sie recht!
Link zu einen podcast (Interview mit Neudecker bei swr1. einen besseren habe ich leider nicht gefunden….)
Sigrid Neudecker
Wie war ich?
Fischer Tb, August 2009, 247 S.
ISBN-10: 3596182328
ISBN-13: 978-3596182329
————-
[1] Zufälle… mir ist beim Aufräumen das Buch von Domian/von Sinnen: „Jenseits der Scham“ in die Hände gefallen (ich habe es noch in einer anderen Ausgabe als der verlinkten, mit Doppeltitel: Extreme Leben/Jenseits der Scham). Das war ja auch schon so ein früher Versuch, den Mann/die Frau von der Straße als voyeuristisches Objekt für den Zuhörer/-schauer zu präsentieren. Natürlich ging man damals, 1994, im immerhin öffentlich-rechtlichen Bereich etwas schamhafter vor, aber das ist nur das Feigenblatt. Motiv für die Sendung war, so Fritz Pleitgen (Intendant) in seinem Vorwort: „Dem Radio des WDR ging das junge Publikum stiften. Mit aller Kraft [soll wohl heißen, egal wie....] sollte der böse Trend gestoppt und umgekehrt werden.“ Nun ja, jenseits der Scham (aus dem Inhaltsverzeichnis): Fisten, Jung und lesbisch, Der Schwanz, Sodomie, Kindesmissbrauch, Inzest, Alt und schwul, Autofellatio (nein, das ist kein Autotest), Päderasten etc pp…. ich muss zugeben, einen gewissen Unterhaltungswert kann man den einzelnen Beiträge nicht absprechen….. Jenseits der Scham eben…
[2] Mein Zahnarzt, bei dem ich heute saß, parlierte ein wenig mit mir (wahrscheinlich um das Kreischen des Bohrers zu übertönen…] und erzählte, daß er am Wochenende die Praxis eines befreundeten Kollegen besucht hätte, der nur noch High-End-Behandlungen macht und sich auf das Spritzen von Botox spezialisiert hätte….. die Nachfrage nach starren Mienen ist wohl da….
Guy Deutscher: Du Jane, ich Goethe
August 18, 2009
Sprache ist ja für mich etwas faszinierendes, daß mich immer wieder fesselt. So war es kein Wunder, daß Deutschers Buch, von dem ich seinerzeit eine gute Kritik gelesen hatte, schnell seinen Weg zu mir fand. Das war es dann aber auch erst einmal, bis letzte Woche lagerte es fein in der KuB ab… Dann aber…

Deutscher, ein in Holland forschender und lehrender israelischer Linguist behandelt in seinem Buch nicht mehr und nicht weniger als die Entwicklungsgeschichte der Sprache(n) ausgehend von einer Stufe kurz oberhalb der Grunzlaute. (Hach, schon wieder nur Metaphern… hihi.. wer das Buch liest, weiß was ich meine…). Und trotz dieses trocken klingenden Sujets: es ist ein unheimlich spannendes Buch, sehr unterhaltsam, aber ohne trivial oder einfach zu sein, im Gegenteil, fesselnd geschrieben und es führt zu manchem „Aha“-Effekt beim Leser.
Sehr amüsant ist der Vergleich der Klagen über den Zustand der Sprache, die ja bekanntlich verlottert, verludert, an Reinheit und Strenge verliert, von Anglizismen überschwemmt unaufhaltsam ins Chaos abschmiert. Und dann kommt die verblüffende Auflösung: Diese Kritiken gibt es mit gleichem Inhalt seit hunderten von Jahren, man kann noch nicht einmal von vornherein sagen, welche Kritik aus welchem Jahrhundert ist, so gleichen sich die Klagen…. sehr amüsant und sehr erhellend.
Sprache ist was lebendiges, das sich täglich weiterentwickelt. Drei Triebfedern für diese Weiterentwicklung macht Deutscher deutlich:
- Ökonomie: die Bemühung, zu sparen, es sich einfacher zu machen (Abkürzungen (er habet –> er hat, wir haben –> wir ham)
- Expressivität: der Versucht, den Äußerungen größere Wirkung zu verleihen: nicht –> ganz und gar nicht
- Analogie: das Aufstellen von Regeln für die Sprache
Einer der „Aha“-Effekte für mich war, daß wir mitten drin sind in diesem Entwicklungsprozess. In meiner Schulzeit lernte man noch „backen, buk, gebacken“. Ein korrekter Satz hätte damals also gelautet: „Mutter buk einen Kuchen“. Heute hat sich „Mutter backte einen Kuchen“ durchgesetzt („Analogie“), aber meistens würde man sogar sagen: „Mutter hat einen Kuchen gebacken“ („Expressivität“). (Übrigens: von bellen, salzen oder pflegen lauteten die alten Formen : boll, sielzt, pflag…). Und diese „Langform“ einer Aussage ist jetzt wieder der Erosion, der Ver“schluderung“ ausgesetzt, umgangssprachlich ja schon voll im Gange: „Mutter hat´n Kuch´n geback`n“.. (weil es mir gerade beim Schreiben einer mail unterkam: „du last mir gestern den Brief vor.“ Ist das noch verständliches deutsch?)
Die Sprachökonomie, ein Beispiel habe ich ja oben schon gegeben: „hamwa“ bzw „wir ham“. Sieht völlig ungewohnt und falsch aus, aber in der dritten Person Singl. ist das schon lange Usus: „er habet“ ist schon lange durch „er hat“ ersetzt und über kurz oder lang wird es also heißen: ich habe, du hast, er hat, wir ham, ihr habt, sie ham.
.. und (meine wilde Spekulation) das „ich habe“ erodiert und wird zum „ich hap“ (das stimmlose „p“ ist ökonomischer als das stimmhafte „b“ , dann setzt zum zweiten mal die Grimm´sche Lautverschiebung ein (auch hier ist ein „f“-Laut ökonomischer als ein „p“ ..) und es wird heißen „ich haf“. .. und vllt zieht dann irgendjemand die beiden worte zu einem zusammen und..und..und… aber – leider, leider, leider – verliert dann der Term aufgrund seiner Kürze an Ausdruckskraft und muss wieder durch Anfügen von Gott weiß was für einem Wort verlängert werden, so daß der ganze Prozess wieder von vorne beginnen kann ……
also, ich find das wahnsinnig interessant.
Apropos wahnsinnig. Daß das deutsche Wort „schlecht“ früher mal „gut“ bedeutete, ist recht verwirrend, wird im Buch aber plausibel erklärt, auch wenn es mehr als verblüffend ist. Aber in der Jetztzeit geht es uns mit den Begriffen „wahnsinn(ig)“ oder „irre“ ja genauso. Ursprünglich für „Verrückt“ stehend, können sie heute Ausdrücke für etwas sehr positives, beeindruckendes („Expressivität“) sein. So kann es etwas völlig unterschiedlichen bedeuten, ob zwei ältere Frauen oder zwei junge Mädchen über einen Typen sagen: „Der ist ja irre!“…. . Herrlich übrigens, wie Martenstein diesen Vorgang in einer seiner Kolumnen dargestellt hat….
Das soll an Beispielen reichen.
Natürlich ist eine Sprachevolution zu komplex, um sie im Rahmen eines solchen für die Allgemeinheit geschriebenen Buches darzustellen. Entsprechend häufig sind Analogieschlüsse zu finden, die nicht belegt werden (können), werden Voraussetzungen in den Raum gestellt, die man akzeptieren muss und manches klingt erst einmal nach reiner ad-hoc-Hypothese. Aber das ist keine Negativkritik, das sind einfach die Kompromisse, die man machen muss, wenn man so ein vielschichtiges Phänomen wie Sprache allgemeinverständlich darlegen will.
Das Buch enthält natürlich noch viel, viel mehr, als ich hier andeuten kann und im letzten Kapitel „Die Entfaltung der Sprache“ geht Deutscher daran, aus einem absolut minimalen Wortschatz ohne grammatische Strukturen durch die vorher dargelegten Prozesse der Sprachentwicklung eine grammatikalisch durchstrukturierte Sprache zu entwickeln, deren Entwicklungsgang zumindest plausibel zu machen.
Facit: wer sich ein bischen für Sprache interessiert: ein MUSS. Ich jedenfalls bin begeistert.
Guy Deutscher (und Martin Pfeiffer als Übersetzer)
Du Jane, ich Goethe
C.H.Beck; August 2008, HC, 416 S.
ISBN-10: 3406578284
ISBN-13: 978-3406578281
Gottfried Kiesow: Kulturgeschichte sehen lernen (Band 2)
Juli 12, 2009

Wer meinen Fotoblog vielleicht schon mal angesehen hat, der weiß, daß ich, bin ich mal in einer Stadt oder sonst einem steinernen Zeugnis unserer Kultur, eifrig meine Kamera zücke und dieses und jenes ablichte. Nun, meist geht es mir wie einem laienhaften Weintrinker („schmeckt, schmeckt nicht“), ich kann nur sagen: „oh ja, das gefällt mir, das ist interessant, das fällt aus dem Rahmen, das lohnt sich…“ Warum, das kann ich meist nicht, aber ich denke, da bin ich auch in „guter“ Gesellschaft, den meisten wird es so gehen.
Deswegen habe ich mir das Büchlein von Kiesow besorgt. Kiesow, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Denkmalspflege, hat hier in kurzen Stichworten (man sieht es ja schon am Umfang) einige Themen, die auch einen Laien interessieren, herausgegriffen und erläutert: Wie sich eine Stadt im Spaziergang erschließt, was an FAchwerkfassaden zu entdecken ist und welche Einblicke mittelalterliche Kirchen gewähren. Ausserdem läßt er Steine sprechen, deutet Tiermotive und sagt, was sich hinter Zahlen verbirgt. Beim Lesen der Kapitel hatte ich so manches „Aha“-Erlebnis, so weiß ich jetzt zum Beispiel, was es mit der roten Farbe am Limburger Dom auf sich hat und was die Löcher, die man ab und an im Mauerwerk alter Gebäude sieht, bedeuten.
Facit: ein dünnes Buch mit großer Wirkung.
Gottfried Kiesow
Kulturgeschichte sehen lernen (Band 2)
Deutsche Stiftung Denkmalschutz; Dezember 2004, 104 S., geb.
ISBN-10: 3936942145
ISBN-13: 978-3936942149
Freya v. Stülpnagel: Ohne dich
Mai 30, 2009

Wohl jeder kennt dieses belastende Gefühl der eigenen Unsicherheit, wenn man einen Freund hat, einen Bekannten, dem Schlimmes widerfahren ist, dessen Seele verletzt wurde, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wurde und der in tiefer Traurigkeit, Trauer sich befindet. Wie soll man so einem Menschen, der vielleicht seine(n) Liebste(n) verloren hat, vielleicht sein Kind oder einen nahen Freund, die Eltern, begegnen, was soll man sagen? Soll man überhaupt was sagen oder ihn in Ruhe lassen?
Diese Woche hatte ich selbst eine solche Frage vor mir stehen. Ich hatte bei einer entfernt bekannten Familie, die schon vor längerem ein schweres Schicksal heimsuchte, zu tun und grübelte, ob ich nun fragen sollte, wie es dem *** denn jetzt ginge. Würde ich damit etwas aufrühren oder einfach nur (was der Wahrheit entsprach) das Interesse am Schicksal von *** zeigen?
Genau von diesen Fragen handelt Stülpnagels Büchlein und was sie hier schreibt über die Begleitung von Trauernden nach Sterbefällen läßt sich auch ohne weiteres übertragen auf die Begleitung von Menschen, denen durch andere Ereignisse der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.
Stülpnagel schreibt auch aus der Sicht einer Betroffenen. Eines ihrer eigenen Kinder, Benny, hat sich das Leben genommen und dieser Suizid hat das Leben der gesamten Familie beeinflusst, geändert. In einfachen, unaufgeregten Sätzen und Beispielen beschreibt sie, was in Trauernden vorgeht, wie sich Trauer überhaupt äußern kann (äußerst unterschiedlich), was Trauernde brauchen, um die Trauer, das Verlustgefühl in ihr Leben integrieren zu können. Vehement wehrt sie sich (wie viele andere auch) gegen den Terminus: „-verarbeitung“, denn die Trauer wird nie verarbeitet, sie muss als Bestandteil des eigenen Lebens akzeptiert und eingebunden werden.
„In der Trauer„, so schreibt sie, „sind wir allein und müssen unsere eigenen Schritte machen, aber wenn wir Glück haben sind wir nicht alleingelassen.
Ganz am Anfang gerade bei einem plötzlichen Tod ist es ganz besonders wichtig, dass es wenigstens einen Menschen gibt, der einfach da ist. Er muss nicht viel reden, er muss nicht trösten, denn im Moment gibt es für den Hinterbliebenen keinen Trost, er muss nichts zu erklären versuchen, sondern das emphatische Mitfühlen und Dasein ist das Entscheidende.“ [S. 25]
In diesem Zitat kommt eigentlich die ganze Botschaft ihres Buches hervor: den Trauernden nicht allein lassen, ihm den Raum lassen, damit er seine eigene Art zu trauern findet und eher zuwenig als das falsche sagen, den falschen Trost oder platte Weisheiten wie: „Das Leben geht weiter“ zum Beispiel. Hier gibt Stülpnagel auch eine ganze Reihe von Vorschlägen, wie man als als Freund/Bekannter/Verwandter konkret handeln kann, wie man auf einen Trauernden eingehen, auf ihn zugehen kann und wie man eventuell reagieren kann auf dessen Bedürfnisse. Ganz wichtig ist es, diese oben von mir erwähnte Scheu zu überwinden, überhaupt auf einen Menschen zuzugehen, der in seiner Trauer verzweifelt ist.
Ach ja, meine eigene Frage vom Anfang des Beitrags: ich habe dann einfach gefragt und kaum war die Frage draußen, kamen auch schon die Antworten und das Erzählen ging los. Es war, als ob +++ darauf gewartet hätte, daß er endlich mal reden könnte, weil er auch gefragt worden ist. Gut so. Das gab/gibt auch mir Sicherheit.
Facit: ich halte das Buch für sehr gut, weil man merkt, daß die Autorin all das, was sie beschreibt, selbst durchlitten hat und ihre Ratschläge daher sehr angemessen und praxisnah sind. Durch die vielen Geschichten und Gedichte, die es enthält, könnte ich mir vorstellen, daß es auch Trauernden selbst viel Hilfe geben könnte.
Freya v. Stülpnagel
Ohne dich
Kösel, Januar 2009, 143 S.
ISBN-10: 3466368537
ISBN-13: 978-3466368532
p.s.: als ich diesen Text gestern schon angefangen hatte zu schreiben, bekam ich die Nachricht, daß ein (hochbetagter) Nachbar von mir gestorben ist…..

Callanan und Kelley sind zwei Krankenschwestern, die sich aus dem Bereich Notfallmedizin und Pflege kommend in der Hospizbewegung engagiert haben.
Ihre Arbeit kreist um den Begriff des „Todesbewusstseins“, mit dem sie das außergewöhnliches Wissen um den Prozess des Sterbens meinen, daß sich bei Menschen entwickelt, die langsam sterben und die wissen, was sie brauchen, um in Frieden sterben zu können.
Ein wesentlicher und schwieriger Punkt ist die Kommunikation zwischen dem Sterbenden und den ihn pflegenden Menschen. Da der Sterbende oft andere Kommunikationsformen entwickelt, als wir sie gewohnt sind, kommt es hier oft zu Missverständnissen, da man sein Verhalten, seine Äußerungen als verwirrt, durcheinander oder konfus deutet. Dabei redet er oft einfach nur in einer symbolischen Sprache (alles was mit „R(r)eisen“ zu tun hat (Koffer packen, Taxi rufen, Fahrkahrten kaufen) kann z.B. darauf hindeuten, daß sein Tod (= die letzte Reise) unmittelbar bevorsteht, die Suche nach Plänen, Karten oder Grundrissen kann bedeuten, daß er noch Ordnung schaffen will, aufräumen will (hat er in seinem Leben Streit gehabt mit z.B. Geschwistern?) etc pp. Wichtig sind auch Träume und Traumbilder, in den der Sterbende seine Wünsche verpackt, Gesten mit denen er bedeutet, was ihm fehlt, was er vermisst. Oft sieht er Personen, die ihm im Leben wichtig waren und fühlt sich von ihnen behütet und geborgen, während die Umstehenden nichts wahrnehmen.
Das Buch ist sehr praxisnahe gehalten. Nach dem einleitende Kapitel über das „Todesbewusstsein“ erläutern die beiden Autorinnen die einzelnen Faktoren, die für dieses Bewusstsein eine Rolle spielen an einer Vielzahl oft sehr zu Herzen gehender Fälle aus ihrer täglichen Arbeit. Sie zeigen deutlich, wie man sich als Begleiter, Verwandter oder Pflegender auf diese symbolhafte Sprache des Sterbenden einlassen muss und auch oft die eigenen Begrenztheiten erkennen und überwinden muss. Die meisten der Beispiele enden positiv, d. h., der Sterbende geht in Frieden und hinterläßt Verwandte, die Trost in diesem friedlichen Sterben finden. Aber es gibt auch Beispiele, in denen sie zeigen, daß es den Pflegenden nicht immer möglich ist, die Wünsche des Sterbenden zu erkennen oder – wenn sie sie erkennen – ihnen nachzukommen. In der Regel wird der Sterbeprozess dadurch verlängert und unfriedlich, der Sterbende ist unruhig, aufgewühlt, gequält, die Pflegenden (Verwandten) sind verzweifelt, oft von Schuldgefühlen geplagt.
„Mit Würde aus dem Leben gehen“ ist kein Buch zum Durchlesen, oft muss man nach ein paar Seiten wieder aufhören, um das Gelesene zu verarbeiten. Der Tod ist der radikalste Übergang, den ein Wesen zu bewältigen hat, radikaler noch als die Geburt, die uns zwar alle auf die Welt gebracht hat, die aber auch gleichzeitig unabänderlich bedeutet, daß wir diese welt wieder verlassen werden und wir damit den Übergang ins Leben wieder rückgängig machen. Diese Unwiderruflichkeit des Todes, das Nichtwissen über das, was uns nach diesem Übergang erwartet, verlangt uns große Kraft ab. Die beiden Autorinnen zeigen mit ihren Fallbeispielen, daß wir, wenn wir uns auf diese Begleitung Sterbender einlassen, von diesen lernen können, um die Bedeutung unseres eigenen Lebens zu erkennen und uns mit der eigenen Sterblichkeit auseinander zu setzen.
Maggie Callanan, Patricia Kelley
Mit Würde aus dem Leben gehen
Droemer Knaur, Tb, 1993, 298 S.
ISBN-10: 3426840219
ISBN-13: 978-3426840214
Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden
Januar 27, 2009

(nur stichpunktartige Zusammenfassung)
Die Ärztin und Psychaterin Elisabeth Kübler-Ross war die erste, die sich wissenschaftlich intensiv mit dem Sterbeprozess todkranker Menschen auseinandersetzte. Sie unterteilt diesen Prozess (und diese Unterteilung in verschiedene Phasen, die der Betroffene durchläuft, läßt sich auf alle schweren Krisen, die Menschen durchleiden, übertragen) in 5 verschiedene Phasen:
1) Die 1. Phase: Nichtwahrhabenwollen und Isolierung
2) Die 2. Phase: Zorn
3) Die 3. Phase: Verhandeln
4) Die 4. Phase: Depression
5) Die 5. Phase: Zustimmung
Die 1. Phase: Nichtwahrhabenwollen und Isolierung
„Nein, nicht ich“ als Kennmal dieser Phase. Oder (so heute in einem Roman gelesen, die Frau, der die Nachricht von der Ermordung ihres Freunde überbracht wird: „Nein, das kann nicht sein. Mein Freund hieß Andy, nicht Andrew!“. Isolierung: Aufsplittung der Empfindung in dem Sinn, daß der Kranke von seiner Krankheit redet, als beträge dies einen anderen Menschen.
Die 2. Phase: Zorn
„WARUM ICH???“ oder „WARUM JETZT???“ Willkürlicher Zorn auf alles und jedes, Unmutsäußerungen, „schlechte Laune“, ungerecht, schimpfend, unzufrieden, aufgebracht. Der ungerichtete Zorn des Betroffenen wird oft persönlich genommen, dabei ist es Zufall, wen er trifft….
Die 3. Phase: Verhandeln
eine stille, ruhige Phase, die auch fast unmerklich verlaufen kann. „wenn ich noch bis/dies oder das/, dann mach ich auch ohne zu murren, jenes….“ Kann sich an Gott richten, an den Arzt, an jeden, der einen Wunsch erfüllen kann. In dieser Phase werden oft auch Sachen erledigt, Testamente, Übergaben etc.
Die 4. Phase: Depression
Der Widerstand ist vorbei, es ist die „Ja, ich…“-Phase. 2 Arten von Depression möglich:
- wegen des aktuellen Verlustes bei z.B. Amputationen, künstl. Darmausgang, Bewegungsunfähigkeit. Die äußeren Bedingungen belasten ihn: Geldsorgen, Arbeitsplatzverlust u.ä.
- Trauer um das, was in der Zukunft nicht mehr erlebt werden kann: der Totalverlust von Allem durch den Tod. (Vorbereitungsschmerz)
Die 5. Phase: Zustimmung, Akzeptanz
Das sich Einfügen in das Schicksal, das Akzeptieren, daß das eigene Leben an sein Ende gekommen ist. Der Erkrankte wird ruhig und in sich gekehrt, er nimmt sein Schicksal an und läßt sich drauf ein (positiv). Auch die negative Ausprägung als Resignation ist möglich. Auf Angehörige achten, mit einbeziehen!
Hoffnung
Hoffnung ist wesentlich und an keine Phase gebunden, sie ist immer da und darf nicht zerstört werden: Glauben an ein neues Medikament, daß die Behandlung anschlägt, etc pp. Auch die ev. Hoffnung auf eine andere Existenz nach dem Tod ist wichtig, eine wesentliche Stütze für den sich auf den Tod Vorbereitenden. Der Glaube prinzipiell auch als Hoffnugn auf Gottes Güte, Barmherzigkeit etc pp: wichtig. Problematisch kann werden, wenn Angehörige noch hoffen, obwohl sich der Betroffene schon in sein Schicksal gefügt hat.
Links:
Interview mit Frank Geerk als Beispiel für so einen Prozess.
Eine ausführliche Zusammenfassung gibt es hier
Weitere Bücher zum Thema „Sterbegleitung„
Elisabeth Kübler-Ross
Interviews mit Sterbenden
Droemer Knaur, 2001, 364 S.
ISBN-10: 3426870711
ISBN-13: 978-3426870716
Das Buch ist in vielen Ausgaben erschienen, das von mir gelesene Exemplar: GTB Sachbuch 960, Gütersloh, 1990
Christoph Gutknecht: Ich mach’s dir mexikanisch
Januar 1, 2009

„Ich mach´s dir mexikanisch“ ist genau so wenig ein Hinweis auf eine Rezeptsammlung wie der Satz „Ich liebe französisch“ bedeuten muss, daß man auf ein Gespräch aus ist. Und genau darum geht es in diesem Buch: die so phantasievolle Sprache der Erotik, des Sexes und auch der Po.rno.grafie vorzustellen. Und es sind beiliebe ja nicht nur die dritte und vierte Kategorie der Dichter und Denker, die sich literarisch dort tummeln, auch die Koryphäen wie Goethe haben durchaus deftiges auf´s Papier gebracht, dafür bringt Gutknecht einiges an Beispiel. „Alle Menschen werden prüder“: nein, wenn man sich dieses Büchlein durchliest, weiß man, daß das nicht stimmt. Eher hat schon der Schüttelreim „Nicht selten liest die prüde Rosa im Bette heimlich rüde Prosa“ Geltung…..
Zum Inhalt des Buches kann ich hier wenig sagen (außerdem könnt ich es eh nicht besser als der Link weiter unten), weil praktisch ein Rundumschlag geführt wird durch die Literatur, die Etymologie, es werden Synonyma erläutert, historisch-gesellschaftliche Zusammenhänge erklärt und das alles in einem wunderbar lockeren leichten Ton, der nichts peinlich wirken läßt. So kann man das Büchlein nicht nur als Informationsquelle über das Thema sehen, sondern als sehr unterhaltsame Lektüre für .. zwischendurch… wann immer das auch ist….
Facit: Selten findet man Seriösität und Spaß an der Freude so nah beisammen, denn (um ein Zitat aus dem Buch zu bringen):
Es ist der Menschheit guter Brauch
was sie vermehrt, das freut sie auch
und nicht allein, daß man es tut
schon drüber lesen tut so gut.
(Herman Mostar)
Links:
bei google.books gibt es Auszüge zu lesen:
http://books.google.com/books?id=vK3cSK3hfX8C&pg=PA7&hl=de&source=gbs_toc_r&cad=0_0
Christoph Gutknecht
Ich mach’s dir mexikanisch
Beck, September 2004, 244 S.
ISBN-10: 340651099X
ISBN-13: 978-3406510991
Eva-Gesine Baur: Dessous
Dezember 23, 2008

Eva-Gesine Baur, die in München lebt, hat schon eine Menge schöner Bücher geschrieben und sich hier in der kleinen dtv-Reihe über Passionen wohl ihrer eigenen Leidenschaft frönend mit Unterwäsche, bzw (und entschuldigung) Dessous befasst.
Nun ja, spätestens seit Christo als Verpackungskünstler aufgetreten ist und Deutschland mit dem Reichstag für kurze Zeit in eine lebensfrohe, auf sich selbst stolze Republik verwandelt hat oder – die älteren werden es noch wissen – Fassbinder seine Hanna als Maria Braun auf die Leinwand schickte (siehe auch [1]), ist es (fast) jedem geläufig: das Anziehen, die Verpackung des Geschenks, die Aufmachung.. das macht den Reiz aus. Plumpe Nacktheit, die nichts verbirgt, sondern nur nötigt, immer tiefer zu schauen, um entdecken zu können, ist langweilig. Wie interessant jedoch wird auch das schon bekannte dadurch, daß ich es anders drappiere, anders verpacke und darbiete…
Apropos: der Pont neuf ging es ja auch nicht anders, eingepackt und herausgeputzt, geheimnisvoll und verführerisch, sah sie schön und begeh(r)enswert aus wie nie….
Dies ist die Grundthese von Baurs wunderbar leichtem Buch über Dessous, das sie ironisch, kenntnisreich und mit vielen persönlichen Anekdoten gewürzt, geschrieben hat. Ob nun Strümpfe, Strapse, BHs, Korseletts in schwarz, rot oder weiß: sie weiß alles zu deuten und in den Zusammenhang zu stellen, der da lautet: schau, wie begehrenswert ich bin und das nur für dich! Erober mich, ich warte drauf, sing die Melodie, die meine Dessous dir sagen, einfach weiter…. Natürlich ist auch manches Faktische dabei, auch Männer kommen vor, wenngleich hier die Möglichkeiten der Ausgestaltung doch geringer sind, aber sie sind auch bei ihnen da…..
Hier ist übrigens eine kleine Leseprobe.
Facit: ein wunderbar leichtes Buch, das bei mir immer irgendwo auf einem Regal liegt. Im Vorbeigehen mal zwei, drei Seiten gelesen.. herrlich „erfrischend“, anregend.. wie ein Glas Sekt am Morgen…
————————–
[1] Szenenfotos aus dem Film, passend zum Thema…
Eva-Gesine Baur
Dessous
dtv, Kleine Philosophie der Passionen (1999)
ISBN-10: 3423202653
ISBN-13: 978-3423202657
Karina Kopp-Breinlinger/Petra Rechenberg-Winter: In der Mitte der Nacht beginnt ein neuer Tag
Dezember 21, 2008

Leben ist ein steter Wandel, und dies bedeutet auch Veränderung mit dem Dazugewinn von Neuem und dem Verlust von Liebgewonnenem. Dieser Verlust greift den Menschen in seinem Innersten an, seine Seele ist verwundet, er trauert, muss diesen Schmerz, diesen Verlust, mit all seinen Folgen bewältigen. Leider ist in unserer auf Erfolg gepolten Gesellschaft Verlust und Trauer abgedrängt worden, wer kennt nicht die „Indianer-kennt-keinen-Schmerz“-“Kopf hoch“-“Augen zu und durch“-“Es muss ja weitergehen“-Sprüche, die Legion sind. Aber ebenso wie körperliche Wunden, die man zwar mit einem Pflaster abdecken kann, die aber, wenn sie nicht mit Luft in Berührung kommen, unter der Oberfläche weiterschwären, genauso kann arbeitet die Traurigkeit in der Seele weiter, wenn es nicht gelingt, sie in die eigene Persönlichkeit zu integrieren und sie zu einem Bestandteil des Lebens zu machen.
In diesem sehr schönen, teilweise sehr anrührenden Buch der beiden Autorinnen, die beide als Trauerbegleiterinnen und Therapeutinnen viel Erfahrung haben wird sowohl für Betroffene als auch für „Begleiter“ (und darunter sind auch Verwandte, Freunde zu verstehen) aufgezeigt, welche Funktion die Trauer im Menschen hat, wie sie sich äußert, äußern kann, wie man damit umgehen kann. An Beispielen werden Hilfsmittel an die Hand gegeben, Gedichte und Geschichten verbildlichen vor allem die komplexen seelischen Vorgänge im Trauerprozess.
Was wir besitzen
ist nur geborgt:
worin wir wohnen,
was wir haben,
wer wir sind.
Die wir lieben,
sind nur geborgt,
Wann sie gehen,
entscheiden wir nicht
Wir entscheiden,
ob wir die Erinnerung
als Geschenk annehmen wollen.
Der Begriff Trauer umfasst im Buch ein weites Spektrum, nicht nur die Gefühle beim Tod eines nahen Mensche löst sie aus, auch andere Verluste wie Trennungen, Scheidungen, Jobverluste, bei Kindern vllt auch einfache Ereignisse wie zeitweise Abwesenheiten von Eltern(teilen). All dies sind Einflüsse, die das gewohnte Leben durcheinander wirbeln und gefühlsmäßige Aufarbeitung notwendig ist. Man muss erkennen, daß Trauer nichts krankhaftes ist, seine Zeit braucht, sich in verschiedensten Gefühlen wie Zorn, Wut, Ärger, Verzweifelung äußern kann:
„Trauer ist der Weg einer bewussten Auseinandersetzung mit diesen Erfahrungen und erfordert innehalten und weitergehen, sich öffnen und schützen, zurück- und nach vorne, nach außen und ebenso nach innen blicken.“
Sie ist die Kehrseite unserer Liebes- und Bindungsfähigkeit.
Das Büchlein ging an mich, es rührt vllt an Wunden, die man selbst mittlerweile im Lauf des eigenen Lebens gesammelt hat. Trauer ist ja etwas, was wir gerne vor anderen verstecken, was uns u.U. sogar peinlich ist zu sehen und mitzuerleben (denkt man z.B. an Bilder von Klageweibern/klagenden Frauen, wie sie in südlichen Kulturen, die viel ausgeprägtere Trauerrituale haben, zu sehen sind.). Beherrschung wird bei uns als wichtiger eingestuft als die Äußerung von Trauer. Aber Angst fressen Seele auf und Trauer ebenso: Wir müssen Trauer begreifen, begreifbar machen, um sie in unser Leben einzubinden und gesund weiterleben zu können. Jeder, der mal verzweifelt war und jemanden gefunden hatte, bei dem er einfach mal reden oder schweigen konnte, wird dies bestätigen. Aber manchmal braucht man mehr Hilfe, und da ist dieses Buch wertvoll.
Facit: Da ich glaube, daß sich jeder Mensch mal mit diesem Thema auseinandersetzen sollte (jeder wird früher oder später auf die eine und die andere Art und Weise davon betroffen sein), bin ich froh, dieses Buch gefunden zu haben.
Karina Kopp-Breinlinger/Petra Rechenberg-Winter
In der Mitte der Nacht beginnt ein neuer Tag
Kösel-Verlag, Mai 2007, 216 S.
ISBN-10: 3466366194
ISBN-13: 978-3466366194


