Um das Leben zu verstehen, muss man den Tod begreifen.

I-180-blau.
ch habe neulich zu diesem Sachbuch eine Rezension [1] gelesen, die garnicht mal so schlecht klang. Da der Tod in gewisser Weise ja eins meiner Themen [2] ist, habe ich mir das Buch dann auch sofort gekauft. Und den Kauf nach dem Öffnen des Buches genauso spontan bereut, was dazu führte, daß ich dieses Buch mehr oder weniger oberflächlich durchblätterte. In diesem Sinn stellt meine Besprechung auch keine in die Tiefe gehende Vorstellung des Buches dar, es ist vielmehr eine Sammlung von Eindrücken, die mir bei diesem Blättern auffiel.

“Auch wenn jeder, der das Leben liebt, unweigerlich Angst vor dem Tode hat, …”

So einen “All-Satz” (“jeder”), wie hier im vorliegenden Buch auf S. 19 geschehen, zu formulieren, ist immer ein Risiko, logisch gesehen reicht ja ein Gegenbeispiel, um ihn zu widerlegen. So auch hier. Am selben Tag, als ich auf dem Rückweg von “meiner” Palliativstation in der Buchhandlung das Buch kaufte, hatte ich eine bemerkenswerte Dame im Krankenhaus kennengelernt. In großer innerer Ruhe und ebensolchem Frieden mit sich und der Umwelt wartet sie ohne Furcht auf den Tod, der einzige Wunsch, den sie hat, lautet, daß sie nicht so lange warten muss. Meine eigene Mutter wartet auf den Tod… warum sollte ein gläubiger Christ, für den nach dem Tod die Auferstehung im Ewigen Leben an der Seite Gottes wartet, den Tod fürchten? Nein, es sind bei weitem nicht alle Menschen, die den Tod fürchten! Pikanterweise stellen die Autoren ihrem Kapitel “Ein schleichender Tod” das Bonmot Oscar Wildes, welcher es dem Dorian Gray in den Mund legte, voran: “Ich habe keine Angst vor dem Tod, das Sterben ist´s wovor ich mich ängstige“… eine nette Selbstwiderlegung der Autoren

Abgesehen von diesen eher rationalen Argumenten habe ich mich persönlich über diese Verallgemeinerung sehr geärgert und empfinde diesen Satz als nahezu schon diskriminierend, denn im Umkehrschluss würde er aussagen, daß Menschen, die vor dem Tod keine Angst haben, das Leben nicht lieben. Und zu dieser Absurdität braucht man wohl nichts weiter zu sagen.

Die Spanische Grippe

Diese wird im Kapitel über den “Tod durch Infektionen” erwähnt als Seuchenzug, der in seiner Heftigkeit und Stärke wohl als einziger mit dem der Pest vergleichbar ist. Auf S. 158 wird sie in das Jahr 1918 gelegt, eine Seite später dann in das Jahr 1919. Zudem wird auch noch der Zeitraum von 1918-1920 (wie dies auch sonst in der Literatur gemacht wird) für den Ausbruch dieser Epidemie, die in drei “Wellen” um die Erde zog, angegeben. Diese vielen unterschiedlichen Jahreszahlen sind verwirrend und es ist zumindest erklärungsbedürftig, warum die Autoren dies so different gehandhabt haben.

tja, und dann erkläre mir mal jemand diesen Satz [S. 43]….

Es geht um die Befruchtung der weiblichen Eizelle durch ein männliches Spermium und die dadurch erfolgende “Mischung” der Erbanlagen:

Bei der Entstehung der Keimzellen werden die 23 Chromosomen, auf denen unsere Gene liegen, zufällig verteilt. Von jedem Chromosomenpaar wird eines an eine Eizelle bei der Frau und an ein Spermium beim Mann übertragen. Statistisch gesehen gedeutet diese Verteilung, dass 2 hoch 23 (8 388 608) verschiedene Keimzellen produziert werden können. Denn bei der Befruchtung verschmilzt eines der 8 388 608 möglichen Spermien (??) des Vaters mit einer der 8 388 608 möglichen Eizellen (??) der Mutter zu einem Embryo, das heißt, ein einziges Paar kann 70 000 Milliarden unterschiedliche Kinder zeugen.” Respekt, das nenn ich eine Großfamilie…. dem Satz hätte sicherlich eine Überarbeitung und Umformulierung gut getan, ist das denn keinem aufgefallen?

… und an dieser Stelle habe ich dann das Buch dann zugeschlagen…:

Im Abschnitt “Post-mortem Prozesse” werden u.a. biochemische Vorgänge nach dem Eintritt des Todes erläutert. Auf S. 230 wird gesagt, einer der Bestandteile der im Verwesungsprozess auftretenden extrem übel riechenden Gase sei Schwefelwasserstoff (H2N). Also wirklich, Leute.. ist jetzt Ammoniak gemeint, dann wäre die Formel NH3 richtig gewesen oder doch Schwefelwasserstoff, dann müsste es aber H2S heißen…… hier ist einfach schlampig und oberflächlich gearbeitet worden, anders kann ich das nicht nennen.

*****************

“Der Tod”, dieses Buch der beiden französischen Autoren ist kein Buch über den Tod. Es ist ein Buch über die “technische” Seite des Sterbens, über die vielfältigen Möglichkeiten oder Arten, zu Tode zu kommen. Man kann aber nicht allen Ernstes behaupten, dem Thema “Tod” auch nur annähernd gerecht zu werden, wenn man so wie hier die spirituelle, die philosophische und auch die ganz pragmatische Komponente konsequent ausspart. Die Angst vor dem Tod, den eigenen gar, läßt sich nicht überwinden, nur weil ich weiß, daß es Fugu-Köche gibt, den den Giftfisch so zubereiten können, daß geringe verbleibende Giftdosen im Fleisch ein angenehmes Bizzeln beim Verzehr hervorrufen….

Begriffe wie “ars moriendi” oder “ars vivendi” habe ich im Buch beim Durchblätter nicht gefunden, ein Sachwortverzeichnis gibt es nicht. Dafür erfährt man sehr praxisnah etwas über Zombies und Voodoo-Praktiken… Namen wie Kübler-Ross tauchen nicht auf, selbst wenn man von solchen Phasenmodellen im Sterbeprozeß mittlerweile abkommt, sind sie in der Praxis für den Begleitenden immer noch hilfreich, weil sie Erklärungen bieten, an die er sich halten kann. Wo sind die Abschnitte, die sich mit Verlusterfahrungen, mit Trauer und Trauerprozessen befassen, wo wird dem Begleitendem Hilfe an die Hand gegeben, geschweige denn dem selbst Betroffenen oder auch “nur” einem Wissensdurstigen, der so zumindest erfahren könnte, wo er sich intensiver umschauen könnte? In diesem Buch jedenfalls nicht…

So hat man letztlich ein Druckwerk in der Hand, das (etwas polemisch gesagt) zwischen dem Guiness Buch der Rekorde und Trivial Pursuit zum Thema “Sterben und Gestorben werden” angesiedelt ist. Nach der Lektüre kann man problemlos die drei Foltermethoden angeben, deren Tod am greuslichsten ist (welch eine makabres Ranking, abgesehen davon, daß ich die angeführten Methoden nicht als Folter- sondern als Hinrichtungsmethoden ansehen würde, unabhängig davon, daß das an der Grausamkeit nichts ändern würde); die Frage zu beantworten, von welchem Schlangengift 20000 Mäuse stürben, fiele leicht ebenso wie die Aufzählung von Persönlichkeiten, die der Gabe von Arsenik oder Zyankali zum Opfer fielen. Haben Projektilwaffen wirklich die im Film oft so dramatisch dargestellte “man stopping power” und sind vier Pferde tatsächlich in der Lage, einem Mann beim Vierteilen die Extremitäten abzureißen? Bunt bebildert bis hin zum Stealth-Bomber und dem Blick in einen Revolverlauf, viele Tierfotos von giftigen Schlangen und Fröschen, alles was das Herz, das nach Spektakel lechzt, verlangt… weder sexuell motivierter Kannibalismus noch der “Tanz der Erhängten” wird ausgelassen…. Daß es neben diesen Abschnitten auch solche gibt, die sich mit Physiologischen Fakten befassen, den evolutionären Sinn des Todes erläutern oder die auf den allgemeinen Lebensprozess eingehen, der mit dem Tod dann endet, sei erwähnt.

So kann ich für meinen Teil zusammenfassen, daß dieses Buch allenfalls für solche Leser geeignet ist, die sich überhaupt mal getrauen wollen, das Thema Tod anzuschauen oder für Leser, die ihre Allgemeinbildung zum Thema “Todesursachen” auffrischen wollen.

Wer Rat und Begleitung braucht, weil er entweder selbst durch z.B. eine entsprechende Diagnose mit dem eigenen Tod konfrontiert wird, oder weil er nahestehende Menschen begleiten will (oder muss) oder wer sich ernsthaft mit dem Gesamtkomplex “Sterben und Tod” auseinandersetzen will im Sinne einer “Ars moriendi”, der sollte sich ein anderes Buch kaufen.

Links und Anmerkungen:

[1] Wolfgang Schlott, Nüchterner Blick auf das Ende des Lebens, Spektrum der Wissenschaft April 2013, S. 102, vgl auch hier in der online-Ausgabe
[2] andere Bücher zum Themenkomplex: Sterben/Tod/Trauer hier im blog aus.gelesen

Richard Béliveau, Denis Gingras
Der Tod
Aus dem Französischen übersetzt von Hanna van Laak
Erstausgabe: Montreal, 2010
diese Ausgabe: Kösel-Verlag, 264 S., 2012

brunner

Ein wunderschönes, kleines, absolut weihnachtsgeschenktaugliches Büchlein ist mir neulich durch Zufall in die Hände gefallen, das Handbuch der horizontalen Lebensform von Brunner. Natürlich war sofort die Assoziation zu Paquots “Kunst des Mittagsschlafs” da und hurtig wechselte das Büchlein seinen Besitzer..

Der Titel sagt es schon, es geht um´s Liegen, diese Körperhaltung, in der wir, wenn man grob schätzt, doch ca. ein Drittel unseres Lebens verbringen, und einen großen Teil dieser Zeit wiederum im Schlaf. Auch wenn man diesen in seinen Einzelheiten wissenschaftlich noch nicht bis in alle Details erklären kann (und ihm damit noch einen Teil seines Zaubers läßt…), so ist er doch unverzichtbarer Jungbrunnen unseres Lebens. Ein Leben ohne Schlaf ist nicht denkbar, nach wenigen schlaflosen Tagen treten psychische und körperliche Probleme auf, am Ende steht der Tod.

Überhaupt sind Schlaf und Tod miteinander verwandt, Hypnos und Thanatos Brüder in der Götterwelt der griechischen Mythologie, meist geflügelt dargestellt, mit bekränzten Häuptern und symbolischen Elementen versehen: Thanatos trägt die nach unten gerichtete, verlöschende Fackel, sein Bruder hat gekreuzte Füße wie es hier in der Skulptur zu sehen ist. Jeden Abend vertraut sich der Mensch wieder dem Schlaf an, läßt das bewusste Leben los in der Sicherheit, am nächsten Morgen wieder aufzuwachen, eine tägliche Einübung des letzten, großen Schlafes, des einzigen Besuches, den uns Thanatos gewähren und bei dem er uns auf eine große, endgültige Reise mitnehmen wird.

Wehe dem, der schlecht schläft, unausgeschlafen erwacht, müde den Tag schon mit Gähnen begrüßt und mit Bangen an die vielen vor ihm liegenden Stunden denkt, in denen er trotz Müdigkeit präsent und leistungsfähig sein soll. Welche Gründe hat es, daß der Schlaf nicht erfrischend und wohltuend ist? Und damit schlage ich wieder den Bogen zurück zum Buch, denn solchen Fragen widmet sich Brunner, unter anderen. Der unerquickliche Schlaf  könnte ja zum Beispiel daran liegen, daß das Bett des Schläfers (der Schläferin natürlich auch…) zu weich ist oder zu hart, es falsch im Raum positioniert ist, das Kissen ungünstig zu Verspannungen im Nackenbereich führt, nächtliche Geräusche z.B. von der Straße, immer wieder den tiefen Schlaf an die Oberfläche holen, was im übrigen auch Schlafgeräusche, vulgo beispielsweise das Schnarchen des Partners, anzurichten vermag.

Leistungsfähig: das ist das Stichwort, mit dem Brunner sein Handbuch beginnen läßt. Wird doch das Liegen, zumal am Tag, mit dem Stigma der Faulheit versehen, dem Verweigern von Leistung und Präsenz. Dabei ist es eine wohlfeile Methode der Regeneration, des Kraftschöpfens, der Erholung, eine Erkenntnis, die sich nur sehr langsam in der Arbeitswelt herumspricht, geschweige denn, daß man dem mittagsmüden Arbeitenden Gelegenheit schüfe, sich derart zu regenerieren, die Möglichkeit zum “Power Napping” noch eher ein exotischer Bestandteil der Arbeitsplatzbeschreibung. Ist man jedoch krank, wird das Liegen zur bestimmenden, wenn nicht sogar ausschließlichen Lage, nicht ohne Grund werden Größe und Kapazität von Krankenhäusern auch nach “Betten” bemessen… vllt liegt hier ein kleiner circulus vitiosus begründet: wer krank ist, sollte sich in die Horizontale begeben, so daß, wer liegt, zumal tagsüber, den Eindruck erweckt, wohl krank zu sein …..

Brunners Handbuch ist wohl portioniert in viele kleine Abschnitte unterteilt, in denen er dem Leser eine Vielzahl von teils sehr skurrilen Details erzählt. Aus welcher Zeit zum Beispiel sind die ältesten Betten nachweisbar, wie bettete man sich früher überhaupt, denn das Bett, so wie wir es kennen, vom Boden erhoben mit Matratze und Kissen ist ja ein Luxus, der der Allgemeinheit noch nicht so lange zur Verfügung steht. Die aufgebockte Liegestatt schützt vor der Feuchtigkeit des Bodens und auch vor ungebetenen animalischen Besuchern, die des Nachts umherstreifen, lange Zeit war dies den Reichen und Mächtigen vorbehalten. Das niedere Volk schlief auf Stroh- oder Heulagern, auf Matten, noch früher auf aufgeschüttetem Laub auf der Erde. Auch daß das Bett dem Schlafenden allein gehört ist nicht selbstverständlich, war es doch früher keine Seltenheit, daß in einem Bett mehrere Menschen schliefen, sich auch gegenseitig wärmten. War man unterwegs, konnte es sogar passieren, daß wildfremde Menschen sich zum Schläfer dazu betteten.

Andere Länder, andere Betten. Stammt das zeitweise auch in Europa moderne Futon aus Japan, so praktiziert man in manch entlegenen Gegenden unserer Erde das Schlafen in Hängematten, zum Teil in komplizierten sozialen Codes, die Auskunft geben über den Rang des Schläfers. Natürlich spielt auch auf Reisen eine große Rolle, wie man sich nächtens betten kann, ob Schiff, Zug oder modern das Flugzeug: die Reisen dauern oft Stunden, die man am besten (mehr oder weniger erholsam) im Schlaf verbringt….

Aber nicht nur andere Länder kennen andere Formen des Bettes, im Lauf der letzten Jahrhunderte sind eine Vielzahl von Möglichkeiten erfunden worden, sich in die Horizontale zu begeben und dort entweder anatomisch korrekt gefaltet, schaukelnd, wippend, eingehüllt als Ein-Mann-Sauna zu ruhen, um nur ein paar Beispiele anzuführen. Sinn all dieser Konstruktionen war es, eine gesunde, den körperlichen Bedürfnissen angepasste Liegestatt zu entwickeln, in der der Liegende möglichst viel von seiner Schwere an die Unterlage abgeben und auf der die Muskulatur das höchstmögliche Maß an Entspannung geniessen kann, ferner sollte das Skelett, besonders die empfindliche Wirbelsäule, in möglichst natürlicher Haltung ruhen können….

Dies alles (und noch viel mehr) findet sich in Brunners “Kunst des Liegens” in anekdotenhafter Form, aufgelockert durch viele kleine Abbildungen, Zitaten aus Büchern oder Aphorismen bekannter Persönlichkeiten. Es macht Spaß, dieses Büchlein zu lesen, es entschleunigt die Zeit, es beruhigt einen, daß man als Schläfer kein per se schlechter Mensch ist.

Ein Punkt ist vllt zu erwähnen, weil die “horizontale Lebensform” (wie Brunner an einer Stelle selbst sagt) unwillkürlich an das “horizontale Gewerbe” denken läßt. Darüber jedoch finden wir im Buch nichts, wer solches erwartet, wird enttäuscht werden. Überhaupt ist dieser Aspekt liegender Lebensform weitgehend ausgespart. Zwar wird nicht versäumt, darauf hinzuweisen, daß die Entstehung des (individuellen menschlichen) Lebens ebenso im Bett stattfindet wie sein Ende (cum grano salis), mehr jedoch ist über die Rolle des Bettes im Rahmen der erotischen Ineinandersetzung zweier (oder mehrerer) Menschen kaum enthalten. Schade eigentlich….

… und als letzter Punkt sei noch ein kleiner Wermutstropfen beim Genuss des Buches erwähnt: der letzte Satz des Textes ist einfach kein Schlusssatz eines Buches, das ist ein Satz, der mitten in einem Absatz steht. Er beendet nichts und so wirkt das Buch im letzten Moment des Lesens wie abgehackt, so abrupt beendet wie ein Schlaf aufhört, wenn der Wecker rasselt…. auch das ist schade. Aber abgesehen davon ist das Büchlein ein wirklicher Schatz, zum Selberlesen, zum Verschenken…

Bernd Brunner
Die Kunst des Liegens
Handbuch der horizontalen Lebensform
Verlag Galiani Berlin, ca 164 S., 2012

Einige Tausend Juden überlebten den Zweiten Weltkrieg in Berlin, Kulke [4] spricht von 1.700, die versteckt wurden, andere Quellen reden von 9.000 [7] Überlebenden. Dies zeigt zweierlei: Es war möglich, im Dritten Reich Zivilcourage und Menschlichkeit zu zeigen, und diese stille, leise, oft lebensrettende Art des Widerstands wurde auch geleistet. Viel zu wenig, in viel zu geringem Ausmaß, aber es gab sie. Es war ein Widerstand, der mit hohem persönlichem Risiko verbunden war, der über eine lange Zeit geleistet werden musste und durch den jeder Helfer natürlich selbst in das Schussfeld der Judenjäger geraten ist.

In Berlin war das Netzwerk, das sich um die Blindenwerkstatt von Otto Weidt bildete [siehe auch Lit-Hinweise unter 5], ein herausragendes Beispiel für eine solche Hilfe. Inge Deutschkron berichtet in ihrem Büchern [u.a. in 5] davon, wie sie selbst durch Otto Weidt und seine Mitarbeiter gerettet wurde. Zu den Leuten um Weidt gehörte auch Hedwig Porschütz, der Tuchel seine schmale Broschüre gewidmet hat. Es ist eine späte, verspätete, zu späte Ehrung für Frau Porschütz, die 1977 verarmt starb.

Ich verzichte weitgehend darauf, den Inhalt der Ausführungen wiederzugeben, dieser ist in wesentlichen Teilen dem Artikel der ZEIT [1, aber auch in 2] zu entnehmen, durch den auch ich auf diese Frau aufmerksam geworden bin. Nach einer kurzen Schilderung des Lebenslaufes von Hedwig Porschütz schildert Tuchel im ersten Teil der Broschüre einzelne Fälle, in denen Frau Porschütz Juden geholfen hat, indem sie sie zum Teil in ihrer eigenen Wohnung unterbrachte oder auch in (andere) Verstecke vermittelte. Die Unterbringung von Flüchtlingen bedeutet immer auch deren Versorgung, da diese sich ja Lebensmittel nicht mehr selbst besorgen können. Da kamen Frau Porschütz ihre Schwarzmarktkontakte sehr zugute, auf die noch einzugehen sein wird. Sie beteiligte sich ebenfalls an der Paketaktion Weidts für Juden, die in das Lager Theresienstadt deportiert worden waren.

Worin liegt nun die persönliche Tragik Hedwig Porschützs? Sie liegt, und das darzulegen ist Inhalt des zweiten Teils der Veröffentlichung, darin, dass die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft in vielen Bereichen eine kontinuierliche Fortsetzung der gerade überwunden geglaubten Auffassungen der Hitler-Ära darstellte. Wie oben schon angedeutet, war Hedwig Porschütz Schwarzmarkthändlerin und ist als solche im Oktober 1944 vom Sondergericht Berlin verurteilt worden. Unter den dem Urteil zugrunde gelegten, besonders erschwerenden Begleitumständen war auch, dass Hedwig Porschütz in ihrer Wohnung gelegentlich Freier empfing, also als Prostituierte arbeitete.

Aus diesem “Umgang mit fremden Männern” wurde im Urteil des Sondergerichts ein unsittlicher Lebenswandel abgeleitet, eine Formulierung, die in internen Bemerkungen zu den Anträgen Porschützs zur Anerkennung als Politisch Verfolgte bzw. Stille Heldin von 1956 bzw. 1958 übernommen und durch den Zusatz des Adjektivs “wahllos” noch verschärft wurde. Diese Begründung der Ablehnung, quasi die Unwürdigkeit der Antragstellerin, wurde Hedwig Porschütz nie mitgeteilt. Eine eigenständige Bewertung und Würdigung der Hilfsleistungen von Hedwig Porschütz durch z.B. Befragung von Überlebenden unterblieb, die fixierten Ansichten der Nazi-Sondergerichtsbarkeit wurden unhinterfragt übernommen.

So blieb Hedwig Porschütz zeit ihres Lebens ohne staatliche Hilfe oder Anerkennung. Im Oktober 2010 erfuhr sie endlich durch die Enthüllung einer Gedentktafel an ihrem ehemaligen Wohnhaus eine späte, posthume Würdigung. Wie viele solcher Schicksale von stillen Helfern mögen völlig im Dunkeln verblieben sein?

Links und Anmerkungen:

[1] Artikel in der ZEIT, 19. Juli 2012: Eine Frau in Berlin.
[2] Bericht über Ehrentafel: Neues Deutschland, 22.10.2010: Ehrung für stille Heldin.
[3] Website der Gedenkstätte “Stille Helden” in Berlin.
[4] Ulli Kulke, Welt Online, 15.09.2009: Wo und wie 1700 Juden die Nazis überlebten.
[5] Inge Deutschkron: Ich trug den gelben Stern.
[6] Greifer: Juden verraten Juden. Der Fall Stella Goldschlag als Beispiel (Wiki-Artikel).
[7] Jüdisches Leben in Berlin (Wiki-Artikel).

Johannes Tuchel
Hedwig Porschütz. Die Geschichte ihrer Hilfsaktionen für verfolgte Juden und ihre Diffamierung nach 1945
flexibel, 2010, ca. 110 Seiten
Bezug über die Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Der Beitrag wurde am 15. August 2012 in den “Jüdische Lebenswelten” erstmals veröffentlicht.

Die Autorin Sophie Rosentreter ist Fernsehjournalistin und Redakteurin. Durch die Erkrankung ihrer Oma Ilse wurde sie persönlich mit dem Thema “Demenz” konfrontiert, aus dieser Betroffenheit heraus beschäftigt sie sich seither intensiv mit diesem Thema. In ihrem Buch “Komm her, wo soll ich hin?” fasst sie das Ergebnis ihrer Recherche über das “gesellschaftliche” Phänomen “Demenz” zusammen und kommt zu dem Schluss, daß wir alle Demenz als normalen Teil des Alters begreifen müssen, mit dem wir umzugehen haben und umzugehen lernen müssen.

Es sind in den letzten Jahren eine Reihe von Büchern erschienen, in denen biographische Schicksale von dementiell Erkrankten beschrieben wurden. Demenz ist heutzutage kein gesellschaftliches Stigma mehr, sie wird mehr und mehr öffentlich gemacht. Die Geschichte von Walter Jens, die von seinem Sohn Tilman beschrieben worden ist, ist dafür ein Beispiel, unvergessen auch die Art, wie sich Ronald Reagan 1994 in einem Schreiben an die Amerikaner in die Demenz verabschiedete. Charlton Heston, Inge Meysel, der Geiger Helmut Zacharias, Maggie Thatcher, Herbert Wehner – alles dementiell Erkrankte, denen Millionen nicht Prominenter gegenüberstehen, für die Arno Geigers ergreifendes Buch über das Altersschicksal seines Vaters ein Beispiel sein soll.

Im Gegensatz zu diesen Familien- und Personenschicksalen widmet sich Rosentreter ganz der Frage, welche Probleme und Herausforderung eine Demenzerkrankung für die Betroffenen und ihre Familien, aber auch für Pflegende oder Pflegeeinrichtung darstellt. Demenz ist (ähnlich wie Krebs) eine Krankheit des Alters, mag sie auch in jüngeren Jahren ihren (weitgehend symptomfreien) Anfang haben, sicht- und merkbar wird sie mit dem Altern:

Heute leiden in Deutschland rund 1,3 Millionen Menschen an Demenz. Jeder Zwanzigste in der Altergruppe der 65- bis 69jährigen ist betroffen, danach schnellt die Kurve steil nach oben: Im Alter zwischen 80 und 90 ist es jeder Dritte. Für das Jahr 2030 wird mit 2,5 Millionen Betroffenen gerechnet. [2]

Auch wenn im Alltag die Begriffe “Alzheimer” und “Demenz” weitgehend synonym verwendet werden und Demenzen vom Alzheimer-Typ in der Tat den überwiegenden Teil darstellen, gibt es auch andere Demenztypen, darunter sogar solche, die als Folgeerkrankungen anderer Leiden ggf. behandelt und zurückgedrängt werden können. Deswegen ist eine Untersuchung des Dementen, um was für einen Demenztyp es sich handelt, sinnvoll und notwendig, natürlich wäre hier eine Kalkulation der auf das Gesundheitssystem zukommenden Kosten, würde dies umgesetzt, interessant.

Rosentreter legt Wert darauf, Demenz bzw. Alzheimer nicht nur auf eine biochemische Fehlfunktion im Gehirn zu reduzieren (diese zu untersuchen ist Ziel der häufigsten Forschungsvorhaben mit einem entsprechenden finanziellen Rahmen), sondern sie auch als gesellschaftliches Phänomen zu betrachten. Auch wenn sie heute nicht unbedingt mehr stigmatisiert, so isoliert Demenz doch oft, löst den Menschen und seine Begleiter häufig aus dem vorhandenen Netz der Freunde und Bekannten heraus und vereinsamt sie. Diese Reizverarmung und mangelnde soziale Einbindung wiederum kann die Symptomatik der Erkrankung verstärken, aber auch den Degenerationsprozeß im Hirn.

Daß das Gesundheits- und Pflegesystem nicht jetzt schon an den Kosten der Betreuung dementiell Erkrankter kollabiert, liegt wohl auch daran, daß 70% aller Dementen zu Hause versorgt und gepflegt werden. So begrüßenswert es ist, daß der Familienverbund hier wirksam ist, die Pflege eines Dementen zu Hause ist nicht unproblematisch. Es handelt sich um eine Belastung, die jeden Tag die Woche 24 Stunden lang dauert, die 52 Wochen im Jahr andauert und das vielleicht viele Jahre lang, denn an Demenz stirbt man nicht. Meist sind es Frauen, die sich um die Kranken kümmern, Ehefrauen, Töchter, Schwiegertöchter. Sie sind in den allermeisten Fällen keine ausgebildeten Pflegekräfte, sie müssen für die Pflege oft beruflich zurückstecken mit all den Nachteilen, die dies z.B. für die spätere eigene Rente bringt. Das gesamte Familienleben wird stark beeinflusst, die psychische und physische Belastung ist hoch und führt nicht selten zu gesundheitlichen und familiären Problemen. Arno Geiger beschreibt in seinem Buch sehr deutlich, welche Entlastung es für die Familie war, als der Vater in ein Heim gekommen war, der Vater, der sein Haus schon lange nicht mehr als sein Zuhause erkannt hatte. Die Heimunterbringung muss unter Berücksichtigung aller Parameter nicht die schlechteste Lösung sein, nur müssen auch die Pflegenden bereit sein, ihre Grenzen anzuerkennen und kein schlechtes Gewissen zu entwickeln, wenn ein Familienmitglied ins Heim gebracht wird.

“Hilfe anzunehmen ist also überlebenswichtig. Aber es gibt noch immer viele, die glauben, es sei ein Zeichen von Schwäche oder persönlichem Versagen, wenn sie als Angehörige eines Menschen mit Demenz Hilfe und Unterstützung von anderen annehmen “müssen”"

“Hilfe anzunehmen…” genau hier liegt der große Wert von Rosentreters Buch. Aus ihrer eigenen familiären Betroffenheit heraus hat sie erfahren, wie wichtig es ist, zum einen überhaupt zu sehen im Sinne von wahrzunehmen, daß Oma, Opa oder ein Elternteil möglicherweise dement sind (auch hier ist ein Blick in Geigers Buch sehr aufschlussreich). Darüber muss gesprochen werden, das darf nicht zum Tabu werden. Und dann ist es, wenn “die Situation da ist”, wichtig, informiert zu sein, sich auszukennen, was es überhaupt an Hilfsmöglichkeiten gibt, an Betreuungsmodellen, an verschiedenen Konzepten für die Betreuung von Dementen in Heimen oder anderen Unterbringungsmöglichkeiten. Es gibt eine Vielzahl von Angeboten, auch für Pflegesituationen im häuslichen Bereich, aber sie sind oft unübersichtlich, verstreut und wenn man die richtigen Ansprechpartner nicht findet, für den Laien kaum zu entdecken. Hier bringt Rosentreters Buch eine Vielzahl von Informationen und von Adressen, sie stellt verschiedene Heim- und Betreuungsmodelle vor, schildert ihre Eindrücke von diversen Einrichtungen, die sie besucht hat und gibt so wertvolle Hilfestellungen. Die wichtigsten Punkte sind meist in separaten Infoblöcken zusammengefasst und ermöglichen einen schnellen Überblick.

Nach den einführenden allgemeinen Punkten zur Demenz befasst sich Rosentreter mit Fragen wie z.B. Angehörige mit der Pflege zurecht kommen, welche Betreuungsformen es für Demente gibt, sie durchleuchtet die Situation auch beruflicher Altenpfleger, deren gesellschaftlicher Status weit unter Wert gehandelt wird. An “Sach”fragen bei der Betreuung geht sie auf Fragen zum Essen und zur Ernährung ein, die mögliche oder unmögliche Medikation Erkrankter wird ausgeführt, sie diskutiert das schwierige Thema der “Fixierung” unruhiger Patienten, auch der mögliche Umgang mit dem zum Teil unverblümt auftretende Wunsch nach Sexualität wird beschrieben sowie der Tod, der am Ende des Lebensweges steht…

Über allen Ausführungen Rosentreters steht die Erkenntnis, daß auch und gerade der Demente durchaus sein persönliches “Glück” finden kann, wenn er eine entsprechende Betreuung hat. Niemand kann ihm seine Krankheit nehmen, aber akzeptieren wir als Gesunde sie, gehen wir auf sie ein, haben wir die nötigen Informationen und die notwendige Liebe, dann können wir zusammen mit den Erkranken eine Vielzahl von Glücksmomenten erleben. Niemand kann wirklich sagen, was ein Dementer fühlt oder empfindet, weil die Kommunikation mit ihm immer weniger möglich ist. Sein Befinden muss aus seinem Verhalten geschlossen werden, sein Befinden wird im Wesentlichen über Gefühle bestimmt, ihn über Kognition anzusprechen ist sinnlos und frustriert ihn zusätzlich, ev. mit der Folge aggressiven Verhaltens. Dies umzusetzen ist nicht immer einfach, auch weil wir als Verwandte ja immer auch Betroffene sind mit eigenen Gefühlen, seien es nun Traurigkeit, Angst, Frustration oder Verzweiflung. Gelingt es uns aber, den kranken Menschen in seiner jetzigen Welt zu akzeptieren, ihr dort wahrzunehmen und abzuholen, so bereichert diese Beziehung auch unsere Welt. Das soll nicht bedeuten, daß es keine Probleme gäbe und Schwierigkeiten, aber, daß wir mit den entsprechenden Hilfen, Informationen und Kenntnissen in die Lage versetzt werden, mit dieser Krankheit umzugehen und aus dem Kontakt mit dem Erkrankten für uns selber etwas Positives zu gewinnen.

Rosentreters Buch schließt mit einer Beschreibung verschiedener Modellvorhaben und Modelleinrichtungen zum Thema Demenz, ferner enthält es einen umfangreichen Teil mit Anmerkungen, Adressen und Ansprechpartnern.

So gibt “Komm her, wo soll ich hin?” dem Leser, ev. auch dem betroffenen Leser, ein umfangreiches Kompendium an Informationen an die Hand, was heute schon in der Betreuung Dementer möglich ist und wohin die Entwicklung die nächsten Jahre möglicherweise gehen wird. Natürlich und leider sind dies im wesentlichen singuläre Projekte, die (noch) nicht flächendeckend angeboten werden. Es bleibt aber zu hoffen, daß sich von ihnen ausgehend – wie an Kristallisationskeimen – die Gesamtsituation stetig bessern wird, wenn nicht, wird unsere Gesellschaft das Phänomen “Demenz” kaum in den Griff bekommen können.

Links und Anmerkungen:

[1] Facebook-Seite der Autorin: “Ilses weite Welt“, Homepage zu Ilses weiter Welt
[2] so erschreckend dieser Prozentsatz von einem Drittel bei den alten Menschen ist, er bedeutet andererseits aber auch, daß zwei Drittel aller “Alten” ihren Lebensabend ohne Demenz verbringen.
[3] Biographische und fiktionale Bücher zum Thema “Demenz” in meinem Blog:
- Gudrun Seidenauer: Aufgetrennte Tage
- Tilman Jens: Demenz: Abschied von meinem Vater
- Martin Suter: Small World
- Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Sophie Rosentreter
Komm her, wo soll ich hin?
Warum alte und demenzkranke Menschen in die Mitte unserer Gesellschaft gehören
Westend, HC, 240 S., 2012

Zu hören, daß jemand “Krebs” hat, ein Verwandter, Freund oder Bekannter, selbst jemand, den man vllt nur vom Hörensagen kennt, ist immer ein Schock, nicht zu reden vom Zusammenstürzen der eigenen Welt, wenn die Diagnose einen selbst betrifft. Die Diagnose “Krebs” ist eine Zäsur. Krebs hat einen in seinem Scherengriffen mit der Gewissheit, daß er das Leben bedroht und diese Bedrohung nur mit viel Mühe angewendet werden kann – wenn überhaupt. Für viele Betroffene wird die Krankheit so übermächtig, daß sie buchstäblich zu ihrem Leben wird.

Das vorliegende Buch des jungen amerikanischen Onkologen Mukherjee widmet sich dieser Krankheit in aller Ausführlichkeit. Dabei kommt ihm das zugute, was amerikanische Autoren oft auszeichnet: er versteht es, den teilweise anspruchsvollen Stoff gut lesbar und spannend aufzubereiten. Teilweise wie eine Wissenschaftsreportage geschrieben fesselt er geradezu, vor allem in der zweiten Hälfte des Buches, in der die recht stringent historisch gehaltene Abfolge der Kapitel die Jetzt-Zeit behandelt und damit die möglicherweise eigene  Betroffenheit berührt.

Krebs ist eine junge Krankheit insofern, als daß es nur wenige historische Zeugnisse gibt, die zeigen bzw. darauf hindeuten, daß er schon in früheren Jahrhunderten bzw. Jahrtausenden existierte. Das beeindruckenste Zeugnis dürfte von Herodot überliefert sein und die persische Königin Atossa betreffen, die sich ihre (höchstwahrscheinlich) an Krebs erkrankte Brust von einem kundigen Sklaven amputieren liess [1]. Krebs ist eine langsame Krankheit, sie eilt nicht, sie schleicht über viele Zwischenstufen von der ersten betroffenen, prämalignen Zelle bis zur ersten Tumorzelle, dieser Prozess kann viele Jahre dauern. So nimmt die Häufigkeit von Krebserkrankungen und auch -toten konsequenterweise mit der steigenden Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten stark zu und hat  ”klassische” Todesursachen wie Herz- und Kreislauferkrankungen in der Häufigkeit fast schon erreicht [2].

“Krebs leugnet die Möglichkeit eines Lebens ausserhalb und nach ihm, er subsummiert alles Leben. Der Alltag eines Patienten wird so ausschließlich von der Krankheit bestimmt, daß die Welt in den Hintergrund tritt. Die dauernde Beschäftigung mit ihr verschlingt den letzten Rest Energie, den er neben der Therapie noch hat.”

Krebs, dieser Gedanke geht mir gerade durch den Kopf, nimmt den Körper in Besitz, okkupiert ihn, zerstört ihn. Er besetzt ihn, von seinem Ursprung aus, dem Primärtumor, besiedelt er den ganzen Organismus, bildet Kolonien in anderen, entfernten Organen: er metastasiert. Er vernichtet den Körper, so wie die Demenz das Wesen, das “Eigentliche” des Menschen zerstört, vllt liegt es daran, daß wir vor diesem beiden Erkrankungen wohl am meisten (auch unbewusste) Angst haben: sie machen uns nicht nur krank, sie zerstören uns.

Aber zurück zum Buch. Wie schon erwähnt, geht Mukherjee recht konsequent historisch vor, beschreibt frühe Zeugnisse von Erkrankungen, die (nach heutiger Nomenklatur [3]) Krebserkrankungen gewesen sein könnten, widmet sich den frühen medizinischen Theorien, wie der der Körpersäfte von Galen, die zum Teil über Jahrhunderte das medizinischen Wissen und damit Diagnostik und Therapie beeinflussten und bestimmten. Die Behandlungsmethoden des Mittelalters gegen die Auswüchse der schwarzen Galle Galens, der man die Verursachung von Krebs zusprach, waren, wie nicht anders zu erwarten, wenig effektiv: Froschblut, Bleiplatten oder Ziegenkot waren durchaus üblich, frei von Kenntnissen aber mit ungebrochenem Selbstbewusstsein wurde auch zu Skalpell und Messer gegriffen…

“Viel hilft viel”: dieser populäre Spruch scheint das Motto der chirurgischen Herangehensweise an die Behandlung von Brustkrebs gewesen zu sein, wie sie am Beginn der neuzeitlichen Krebstherapien praktiziert wurde. Um 1900 entwickelte der Chirurg Halstedt in den USA die “radikale Mastektomie”, bei “..der nicht nur das Karzinom großräumig herausgeschnitten, sondern auch die tiefen Brustmuskeln und Lymphknoten in den Achselhöhlen und das Schlüsselbein entfernt ...” wurden [4]. Es war eine Verstümmelung der betroffenen Frauen, bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde sie noch vorgenommen, Susan Sontag, die bekannte amerikanische Schriftstellerin und Intellektuelle (der ich mich in Kürze in einem Buch widmen werde) unterzog sich ihr noch 1975 [5]. Später kamen dann Strahlentherapien als Instrument der Krebsbehandlung dazu, intensiv widmet sich Mukherjee auch der Darstellung über die Erforschung und Entwicklung der Chemotherapie.

Auch hier herrscht die Hoffnung: viel hilft viel. Was der Autor beschreibt, ist zum Teil erschreckend. Das “Problem” bei zum Beispiel der chemischen Behandlung von Krebs ist, daß alle Mittel, die Krebszellen töten, natürlich auch normale Zellen töten. Die Behandlung mit Zytostatika bzw. zytotoxischen Substanzen ist also immer ein Drahtseilakt zwischen Zuviel (sprich untragbare Nebenwirkungen, wobei sich beim Lesen (und der Autor bestätigt dies durchaus) der Eindruck breit macht, die einzig untragbare Nebenwirkung war der direkte Tod durch die verabreichten Mittel) und Zuwenig (keine ausreichende Wirkung). Dazu kommt, daß die akute Krebserkrankung oft nur zurückgedrängt werden konnte und früher oder später wieder auftrat, diesmal aber resistent gegen den Wirkstoff. Das Erschreckende ist die Art und Weise, wie die Ärzte in dieser Periode gegen die Krankheit vorgehen, ohne überhaupt auf den Patienten zu sehen. Die klinische Chemotherapie dieser Zeit ist ein einziger Menschenversuch, Mukherjee drückt dies vornehmer aus, indem er von “Humanexperiment” redet. Solange der Patient nicht an den verabreichten Chemikalien starb, war nur das mögliche Zurückdrängen des Tumors ein Kriterium. So sind in dieser Periode der Krebstherapie die vielen ungenannten Hunderte, Tausende von Patienten, die dies über sich ergehen ließen, die wahren Helden, wobei auch nicht verschwiegen werden darf, daß im “heilungsversessenen” Amerika dieser Zeit die Patienten nach solchen radikalen Methoden verlangten [5a]. Der Palliativgedanke ist kein amerikanischer Gedanke….

Das große Problem lag bzw. liegt darin, daß man Krebs nicht verstand. Man wusste nicht, was ihn auslöste, wusste nicht, was in der Zelle geschah, wenn sie zur Krebszelle entartete, einer Zelle mit unbegrenzter Teilungsfähigkeit und quasi unsterblich. Daher wurde eine ursächliche Therapie prinzipiell erst möglich, nachdem die genetischen und vor allem molekulargenetischen bzw. -biologischen Vorgänge in Zellen sukzessive entschlüsselt wurden (und noch werden). Wie dies geschah und noch geschieht und welche Auswirkungen diese Kenntnisse ggf. auf die Tumortherapie haben können, schildert Mukherjee ausführlich. Leider, so betont er immer wieder, ignorieren viele Kliniker neue Forschungsergebnisse und bleiben lieber beim Althergebrachten, hier wären sicherlich Verbesserungen möglich.

Es ist müßig, zu versuchen, den Inhalt des Buches in Gänze wiederzugeben, deswegen hier nur noch ein paar Stichworte. Ausführlich geht der Autor auf die Forscher und Kliniker ein, die bei der Krebsbekämpfung eine wichtige Rolle gespielt haben, wobei man feststellen muss, daß – nimmt man den Inhalt dieser Biographie zum Massstab – Krebserforschung bzw. -bekämpfung ausserhalb der USA praktisch nicht stattgefunden zu haben scheint. Die Aussagen Mukherjees sind sehr USA-lastig, nur wenn es nicht garnicht vermeiden läßt, wird mal ein ausseramerikanischer Forscher oder Arzt genannt. Das ist ganz sicher zu einseitig. Trotzdem ist es natürlich sehr interessant, zu sehen, wie lange die Krebsforschung in Amerika zu kämpfen hatte, bis sie etabliert war, mit ausreichenden Finanzmitteln bestückt und durch unermüdliche Lobbyarbeit zum nationalen Projekt erhoben wurde.

Mukherjee greift immer wieder auf spezielle Karzinomarten zurück (und in diesem Zusammenhang auf einzelne Fallgeschichten, was für den Leser eine sehr persönliche Komponente im Buch schafft), um Sachen aufzuzeigen. Einer davon ist das Lungenkarzinom, bei dem zwar überaus überzeugend der Zusammenhang mit dem Rauchen dargelegt werden kann, was aber keineswegs automatisch dazu führte, daß das Rauchen oder der Tabakgenuss allgemein geächtet oder gar verboten wurde [8]. Das Mammakarzinom und die verschiedenen Arten der Leukämie spielen immer wieder eine große Rolle. Am Hodenkrebs der zu deren Reinigung durch die Schornsteine kriechenden Kinder im frühindustriellen England konnte gezeigt werden, daß eine Krebsart dann verschwindet, wenn die Exposition zum auslösenden Agens nicht mehr da ist. Die große Rolle der statistischen Auswertung von Untersuchungsergebnissen, Sinn und ggf. fehlender Sinn von Screening-Methoden werden diskutiert (Brustuntersuchung bei Frauen, Prostata bei Männern) und natürlich immer wieder die Frage: Was ist Krebs überhaupt, was passiert da im Körper und welche Chance haben wir, dagegen vorzugehen?

“Krebs” hat auch eine metaphysische Komponente. Krebs ist unsere dunkle Seite, ist das zweite Gesicht des Januskopfes “Leben”, unser böser Zwilling. Wo Lebensprozesse normal verlaufen, können sie auch unnormal, entartet verlaufen, so wie dies in der Krebszelle passiert. Sie nutzt die gleichen (bio)chemischen Vorgänge wie eine normale Zelle, an ganz wenigen Stellen nur gibt es eine Veränderung, eine Mutation, die dazu führt, daß ihre Teilungsfähigkeit unbegrenzt ist und die Zelle als Zelle unsterblich geworden ist. Krebszelllinien sind noch aktiv, wenn ihre Spender schon lange gestorben sind, unabhängig davon, ob am Krebs oder an einer anderen Ursache. Im Krebsgeschwür sind wir uns selbst zum Alien geworden, sind okkupiert worden von einer aggressiven Macht, die aber nicht von aussen in uns eingedrungen ist wie die Figur aus R. Scotts genialen Film, sondern die Fleisch von unserem Fleisch ist. So gesehen könnte man sagen: verstehen, wie Krebszelle funktioniert, haben wir vllt den Schlüssel für ein längeres Leben in der Hand… und es ist die “Tragik” der Krebszelle, daß sie gerade durch ihre eigene Unsterblichkeit zum Tode verdammt ist, da sie uns, in dem sie wächst und dessen Körper sie zerstört, tötet.

Mukherjee schreibt an einer Stelle, mit einer gewissen Verstörung, daß die Krebszelle mit ihren Eigenschaften imponiert… Krebs entsteht aus einer einzigen Zelle, die durch eine Mutation zu unbegrenzter Teilung fähig geworden ist. Sie vermag die normalen Lebensprozesse für sich nutzbar zu machen, sich zu ernähren, sich im Körper zu bewegen, auszubreiten. Jeder Krebs ist individuell wie sein Träger.. vllt erklärt sich aus dieser Charakteristik einer zerstörerischen Perfektion der (mir) etwas seltsam anmutende Titel des Buches “Der König aller Krankheiten”, verbindet man mit dem Begriff “König der/aller…” doch eigentlich immer ein positive Hervorhebung. Sehen wir den König also eher als Fürst der Hölle, denn von Krebs befallen zu sein ist eine Hölle….

Ein solcher Werk ist für einen Laien inhaltlich kaum zu beurteilen. Sicherlich wird es der Verständlichkeit geschuldet Vereinfachungen geben, und das ist gut so. An zwei Stellen jedoch habe ich aufgemerkt, zum einen bei der Behauptung, Paraffin sei kanzerogen, was so wohl nicht stimmt[6], kanzerogen sind die Verunreinigungen in technischem Paraffin. Bei der anderen Bemerkung ist mir das Blut ins Stocken geraten, im Zusammenhang mit der nach dem 2. Weltkrieg in Anlehnung an das “Manhatten Project” lautgewordenen Forderung, nach mehr programmatischer Forschung (i.e. Forschung mit definierter Zielsetzung und konzentriertem Einsatz von Mitteln) führt Mukherjee als Beispiel für die Erfolge solcher Militärforschung u.a. die biologische Forschung zur Höhenverträglichkeit und zur Salzwassertoleranz an, Fragestellungen, bei denen einem sofort die Menschenversuche der Nazis einfallen [7], deren “Ergebnisse” die Amerikaner nach dem Krieg ja auch übernahmen… diese Bemerkung des Autors ist m.M. nach zumindest sehr unsensibel.

So bleibt trotz der marginalen Kritik nach dem Lesen der Eindruck eines sehr informativen, hervorragend geschriebenen Sachbuches über ein Thema, das in der einen oder anderen Weise wahrscheinlich jeden im Lauf des Lebens tangieren wird.

Links und Anmerkungen:

[1] Jutta Hoffritz:Der Schmertz kam sehr heftig“, DIE ZEIT, 3.3.2011 Nr. 10
[2] eine etwas differenzierte Darstellung der Todesursachenhäufigkeit auf europäischer Ebene ist (für 2006) hier zu finden: Elodie Niederlaender: Die Todesursachen in der EU
[3] Der Begriff “Krebs” wurde von griechischen Ärzten des Altertums geprägt, die sich durch die sich durch das Fleisch unter der Haut durchfressende Geschwulst an Krebse erinnert sahen, die unter dem Sand entlang krochen [1]
[4] eine im wesentlichen sinnlose Operation: bei noch nicht metastasierten Karzinomen hätte eine weniger radikale OP gereicht, bei bereits metastasierten Karzinomen konnte auch die radikalste Brustamputation nicht helfen.
[5] Daniel Rieff: Tod einer Untröstlichen, Fischer TB 2011
[5a] Daniel Rieff zitiert einen Arzt seiner Mutter folgendermaßen: “Da lag sie [i.e. die Frau des Arztes], praktisch ein Skelett, und unterhielt sich mit mir noch darüber, dass sie besser in Form kommen müsse, um stark genug für die nächste experimentelle Behandlung zu sein.” ebenda, S. 138
[6] Karzinogenität von Paraffin: Shoda T, Toyoda K, Uneyama C, Takada K, Takahashi M.: Lack of carcinogenicity of medium-viscosity liquid paraffin given in the diet to F344 rats
zur Karzinogenität der Verbrennungsprodukte: http://www.care2.com/greenliving/which-candles-emit-carcinogenics.html#13450323581701&action=collapse_widget&id=7011274, http://www.imedo.de/medizinlexikon/paraffinkrebs
[7] z.B. hier zu den Höhenversuchen Dr. Raschers: http://de.wikipedia.org/wiki/Sigmund_Rascher#H.C3.B6henversuche bzw. Versuche der Luftwaffe zur Salzwassertoleranz: http://de.wikipedia.org/wiki/Menschenversuche_in_nationalsozialistischen_Konzentrationslager, siehe auch diesen kurzen Beitrag in den “Jüdischen Lebenswelten”: “… die Versuchspersonen brüllen, wenn sie sehr frieren…
[8] eine der makabren Skurrilitäten menschlichen Verhaltens. Eine Gesellschaft, die z.b. Lebensmittel, Kinderspielzeug oder Baustoffe auf mögliche Kanzerogene im ppb-Bereich untersucht (und jeder Fund eine Schlagzeile wert ist), konsumiert hier freiwillig eins der stärksten krebserregenden Mittel im Großmassstab und tut sich unendlich schwer, dies einzudämmen…. Hier eine aktuelle Meldung über die Beschränkungen für die Tabakindustrie in Australien: http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2012-08/zigaretten-einheitspackung-australien.
Ähnlich absurd, wenn auch nicht ganz so extrem ist es ja, daß sich viele Hundertausende von Menschen zur so genannten Urlaubszeit für viel Geld in engen Flugzeugen dorthin fliegen lassen, wo sie eine “Garantie” dafür haben, daß sie sich krebserregender UV-Strahlung aussetzen können, alles für ein bischen Bräune…
[9] Ergänzend zu Mukherjees Diskussion um Sinn und Unsinn von Screening-Verfahren (Mamma-Screening) folgender Hinweis auf eine kritische Würdigung der Sinnhaftigkeit des PSA-Screenings (Prostata-Krebs) in Spektrum der Wissenschaft, 10/2012, S. 28, online hier: http://www.spektrum.de/alias/medizin/streit-um-die-prostatakrebs-frueherkennung/1165307

Siddhartha Mukherjee
Der König aller Krankheiten
Krebs – eine Biografie
aus dem Englischen übersetzt von Barbara Schaden
Dumont Buchverlag, HC, 670 S., 2012

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 143 Followern an

%d Bloggern gefällt das: