Amy Sackville: Ruhepol

15. Juni 2013

“Ruhepol” ist ein von der Kritik hochgelobter, mehrfach ausgezeichneter Roman einer jungen britischen Schriftstellerin, Amy Sackville [1]. Diese schildert einen Tag im Leben eines jungen englischen Ehepaares, Julia und Simon, in deren Ehe es aber – dies wird am Anfang des Buches schon deutlich, es fallen Begriffe wie “Gestank” und “hassen” – Klippen gibt, auf die ihre Beziehung zuläuft und an denen sie kentern könnte. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Frau, Julia, die sich an diesem heißen, stickigen Augusttag darin gibt, das Erbe ihres in der retrograden Verklärung zum Helden aufgestiegenen Ahnen Edward Mackley zu sichten, zu ordnen und auszuwerten.

Dieser Edward Mackley, dessen Urgroßnichte Julia ist und in dessen Haus sie und Simon seit kurzem wohnen, war ein berühmter (fiktiver) Polarforscher, der an der Wende des vorletzten Jahrhunderts sein großes Ziel zu erreichen suchte: den Punkt als erster zu erobern, an dem sich die Welt unter den Füßen dreht, den Nordpol. Kurz vor dem Aufbruch zu dieser Expedition heiratete er Emily, eine junge Frau, die – das sah er bei der ersten Begegnung – seine Begeisterung teilen, seinen Ehrgeiz verstehen könnte.. die beiden unternahmen ihre Hochzeitsreise in den hohen Norden, dort, in Vardø verbrachten sie die letzte Nacht zusammen, bevor Emily wieder zurück nach England reiste und Edward sich anschickte, seinem großen Ziel immer näher zu kommen und als erster Mensch den Pol zu erreichen, diesen imaginären Punkt im Eis, der sich durch nichts aus der Landschaft hervorhebt…

Julia also, die Mittdreißigerin, in einer leicht kriselnden kinderlosen Ehe lebend, wird uns als leicht weltfremde, Tagträumen verhaftete junge Frau beschrieben, die ein wenig vergesslich, unaufmerksam – da in abschweifenden eigenen Gedankenwelten versunken – und unkonzentriert ist. Ganz der Gegensatz dazu ist der korrekte (bis hin zum pedantischen) Simon, ein Schmetterlingssammler und -präparator (sicherlich sind die aufgespiessten Schmetterlinge auch viel ordentlicher als die lebenden, erratisch herumflatternden). Symptomatisch für ihn ist, daß er nicht, so wie sein Vater, von dem er diese Leidenschaft übernahm, die bunten, schillernden Tagfalter vorzieht, sondern eher die unscheinbaren Nachtfalter, die nicht mit ihrer Farbfülle, ihren Mustern prahlen, sondern die Nuancen aufweisen, die “etwas” unterschiedliche Färbung, das “etwas” unterschiedliche Muster… Über diese aufgespießten Schmetterlinge haben sie sich seinerzeit übrigens kennen gelernt, eine Begegnung, die den jungen Simon sofort in Liebe entflammen ließ.

Heute jedoch sitzt Simon in seinem Architekturbüro über den exakten Plänen für seine Projekte. Am Abend steht ihm noch ein besonderes Ereignis bevor. Es kam vor ein paar Tagen zu einer unbedachten, spontanen Gefühlsäußerung, lud sich dort die Frustrierung, das aufgestaute, in sich hinein Gefressene der eigenen Ehe ab? Jedenfalls gab es einen Kuss, einen leichten, nicht einen der intimen Art mit der Nachbarin und anstatt das sich vllt jetzt Anbahnende im Keim zu ersticken, ist er heute mir ihr nach Dienstschluss verabredet… ein ihm immer unangenehmer werdender Termin, erkennt er doch beim Grübeln, wie sehr er seine Julia liebt…

.. auch Julia läßt ihre Gedanken schweifen.. sie treiben zurück in die lang vergangene Zeit, in der Emily und Edward ein Paar waren, dem nur wenige Wochen der Zweisamkeit vergönnt waren. Oben, im hohen Norden, gaben sie sich ein Versprechen: “Ich komme zurück.” und “Ich werde warten!” Und Emily wartete… sie wartete sechzig Jahre lang im Haus ihres Schwagers und seiner Ehefrau (dasselbige, in dem jetzt Julia und Simon leben) auf ihren Edward, so lange, bis die Nachricht kam, sein Grab sei gefunden mit einigen Habseligkeiten, die die Zeit überdauert hätten. Einer dieser Gegenstände war das Notizbuch Edwards, die Aufzeichnungen, in denen Emily die Zuversicht und die Verzweiflung, die Sehnsucht und die Ängste ihres Mannes nacherleben konnte, die Aufzeichnungen, die an dem heutigen Tag Julia liest, inmitten der museumsartigen Ansammlung von Exponaten aus der damaligen Zeit, inmitten einer Atmosphäre, auf die sich die Erinnerungen legen wie in anderen Häusern der Staub….

Für Julia sind die beiden Helden, sind Projektionen eigener Sehnsüchte. Emily, die unerschütterlich wartende, die nicht abließ von ihrer Hoffnung, Edward käme zurück und Edward, der männliche Held, unbefleckt von der schnöden Alltagsrealität, der er entschwand, bevor sie ihn auf ein menschliches Mass beschränkte. Und so verschwimmen für die tagträumende Julia die Grenzen, liegt sie auf dem weißen Laken mutiert dieses zum Schnee, durch den Edward stapft auf seinem Weg zur Unsterblichkeit, wird es zum Eis, durch das sein Schiff treibt, über das er mit seinen Hundeschlitten gleitet…

Jäh wird sie aus diesen Vorstellungen, diesen Bilder gerissen, als sie von ihrem zufällig in der Stadt weilenden Cousin Jonathan besucht wird, der im Gespräch mit ihr ein Geheimnis lüftet (ein Geheimnis nur für Julia, sonst hätte Jonathan, der das nicht ahnte, nicht so unbedacht davon gesprochen), das ihr gesamtes Bild von Emily erschüttert und sie unsanft wieder in ihre eigene Realitität, ihre eigene Ehe (denn Emily war mit einem Schlag kein Hafen mehr, an dem sie anlegen konnte) zurück holte….

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Sackville erzählt uns also mehrere, natürlich miteinander verknüpfte Geschichten. Zum einen ist dies die Geschichte dieses einen, besonderen Tages in der Ehe von Julia und Simon, zum anderen nutzt sie das Tagebuch ihres Ahnen, um dessen Fahrt und Expedition zum Nordpol zu schildern. Das sind starke Passagen, die in ihren besten Momenten durchaus an Ransmayr erinnern, die tödliche Schönheit der Eislandschaft, das Licht, die Dunkelheit, der Nebel, die gleissende Sonne, die beissende Kälte, der alles übertreffende Hunger, die Schilderung von Eis und Schnee, von den Löchern angefüllt mit schwappendem, fast sieht es so aus: nach den Männern schnappendem, schwarzem Meerwasser… das anfängliche Hurra und gute Leben, das sie die Expedition auf ihrem Schiff, der Persephone (ein seltsamer Name im Rahmen einer solche Unternehmung, ist Persephone doch eine griechische Göttin der Toten- und Unterwelt), mit ins Eis gebracht hat, verliert sich langsam und der Hunger betritt die Bühne und wird immer mächtiger, der Schmerz, der so stark wird, daß man ihn nicht mehr wahrnimmt, weil man selbst zum Schmerz geworden ist… die Anstrengungen, die unmenschlichen Anstrengungen der vor Dreck und Entbehrung schwarz gewordenen Männern, aus deren hautüberzogenen Totenköpfen milchig gewordene Reste der Augen blinzeln soweit es das verzehrende Licht der gleißenden Sonne zuläßt.. orientierungslos im Nebel, geblendet von der Sonne, mit einem Totentuch bedeckt in der Dunkelheit… nur vier Leute der Mannschaft noch werden viele Monate später aufgelesen und können berichten was geschah und was nur vermutet werden kann…. und Jahrzehnte später dann auf einem umtosten Eiland im eisigen Ozean die zufällige Entdeckung einer behelfsmäßigen Unterkunft mit einer Mumie und vier Gräbern, eins davon das von Edward…

Ist diese Schilderung der Expedition durchweg spannend und packend, hält uns Sackville, konzentriert sie sich auf Julia und Simon, auf Distanz. Es passt durchaus zum Stil des alten viktorianischen Hauses, daß es wie ein Museum wirkt und man wie durch ein Museum geführt wird, trotzdem hat mich diese direkte Ansprache im Stile eines Museumsführers: “Stellen Sie sich vor, daß…”, “Wir folgen ihr…” oder “Denken Sie daran..” irritiert und auf Abstand gehalten. Manchmal sogar gewann ich das Gefühl, wie mit einer Kamerafahrt über der Szenerie zu schweben, die ein allwissendes Off mir en Detail erklärte. So wirkten diese Stellen auf mich etwas gekünstelt und in der Formulierung bemüht. Sehr ausführlich bis hin zu einer gewissen Zähigkeit der Sprache legt die Autorin auch die Gedankengänge ihrer Protagonisten dar…  speziell bei Julia schafft sie immer wieder diese Querverbindungen, mit denen diese quasi in die Rollen Emilys und Edwards schlüpft. Dies wirkt betulich, ist ein wenig ermüdend, soll aber wohl die innere Entwicklung Julias (und Simons) plausibel machen. Wohlmeinender ausgedrückt könnte man sagen, sie bemüht sich, ihre Charktere psychologisch genau zu zeichnen.

Natürlich kommt man um den Versuch nicht umhin, die beiden Geschichten, die beiden Paare Emily und Edward einerseits, Julia und Simon andererseits, zueinander in Beziehung zu setzen.

Zum einen sind Emily und Edwads für Julia zu einer Art idealisiertem Paar geworden, der Sphäre des Alltags mit ihren tödlichen Routinen und Klippen enthoben. Diese dagegen stellen sich dem Paarglück in der Gegenwart entgegen, aber das realisiert Julia erst, nachdem das Bild Emilys zu ihrer großen Enttäuschung zersplittert.

Das gemeinsame Leben beider Paare ist in gewisser Weise an einem Ruhepol angelangt, zwischen den Partnern herrscht eine große Entfernung, geographisch oder im übertragenen Sinn. Es bedarf eines oder mehrerer aufrüttelnder Ereignisse, Julias Selbstfesselung an Emily zu beenden und auch Simon muss erkennen, daß Liebe aktiv am Leben erhalten werden muss. Das aufgelöste Familiengeheimnis und das schlechte Gewissen ob des verbotenen Kusses vermögen dies….

Emilys Schicksal ist tragisch. Es passt im Grunde nicht – für mein Verständnis – zu der Frau, als die sie uns Sackville anfangs vorstellte: eine intelligente, lebhafte, starke Frau voller Gefühl und Begeisterungsfähigkeit. Hatte sie wirklich – wie Sackville eine ihrer Figuren sagen läßt – keine andere Wahl als zu warten? Und auf was hat sie gewartet? Auf Edward sicher nicht…. oder wollte sie nur diesen einen Menschen nicht verlassen? Oder ist der viele Gin die Jahre über die Erklärung für ihr stummes Verharren in der Vergangenheit? Ich weiß es nicht…

Die ganz große Begeisterung über den Roman teile ich nicht, dazu waren mir einige Passagen zu betulich und konstruiert. Da mir aber die Schilderung der Expedition Edwards und deren Schicksal gut gefallen hat, so spannend und anschaulich, wie die Autorin es beschrieb, habe ich das Buch dann doch gerne gelesen und kann es – mit dem obigen Vorbehalt – auch ruhigen Gewissens weiter empfehlen.

weiterführendes:

website der Autorin: 
http://www.amysackville.co.uk/

Amy Sackville
Ruhepol
Übersetzt aus dem Englischen von Eva Bonné
Originalausgabe bei
diese Ausgabe: Luchterhand Literaturverlag, HC, ca. 350 S., 2012

 

Vorneweg: ich muss es bekennen. Erst mit und bei diesem Buch habe ich nach Jahrzehnten realisiert, daß es neben Isaac Bashevis Singer noch einen anderen Singer gab, der wunderbare Bücher schrieb. Und das, nachdem die “Brüder Ashkenasi” friedlich im Regal neben den vielen Romanen des Bruders stehen. Peinlich… aber ich habe wenigstens den schwachen Trost, daß es nicht nur mir so ging, Liisa beschreibt dies ganz ähnlich…. und auch in Braunecks Autorenlexikan: Weltliteratur des 20. Jahrhunderts (in dem ich ab und an blättere) kommt dieser Singer nicht vor, was mir bei diesen Büchern, die ich jetzt von ihm kenne, unverständlich ist….

Die Familie Karnovski also… eine Familiengeschichte über drei Generationen, die Singer bei der letzten Generation ungefähr in dem Alter enden läßt, in dem er mit David Karnovski einsetzt. Jedem der drei (männlichen) Protagonisten widmet der Autor einen Buchabschnitt, wobei aber die Geschichte Georgs, des mittleren die weitaus umfangsreichste ist, da sein Leben als Sohn Davids und Vater Jegors natürlich auch in den beiden anderen Abschnitten geschildert wird.

Das Werk setzt irgendwann in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts im jüdischen Milieu Polens ein (Jahreszahlen kommen im Roman nicht vor, man muss sich die Daten anhand von Ereignissen oder genannten Zeiträumen ableiten). David Karnovski, hochintelligenter, hochbelesener, der streitbaren Diskussion zugeneigter Sproß einer im Holzgewerbe tätigen Familie, wird von “der Tochter des Leib Miller geschnappt, des größten Holzhändlers von Melnitz.” Es dauert nicht lang, da liegt er im Streit mit dem örtlichen Rabbi, den er mühelos in Grund und Boden argumentiert. Doch er übertreibt es, er wird erwischt, daß er beim Synagogenbesuch den Pentateuch des von ihm verehrten Moses Mendelssohn [5] liest, dieses Ketzers mit seinen verdammenswerten Ansichten. Der Streit eskaliert derart, daß David Karnovski beschließt, die engstirnige, bornierte jüdische Gemeinde zu verlassen und mit seiner Frau Lea nach Berlin zu gehen.

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Er hat Erfolg in Berlin, baut sich ein florierendes Geschäft auf, er parliert in geschliffenem Deutsch und findet Zugang zu den Kreisen der dort seit Generationen lebenden, assimilierten Juden, die sich in nichts außer ihrem Glauben von den anderen Deutschen unterscheiden [6]. Sie leben nach dem Motto: “auf der Straße Deutscher, zu Hause Jude” und schauen mit Geringschätzung, ja Verachtung hinab auf die Ostjuden, deren Platz in Berlin vor allem im Scheunenviertel, der “Jüdischen Schweiz” liegt. Repräsentiert wird dieses jüdische Milieu im Roman durch Salomon Burak, der ein Warenhaus für Textilien betreibt und sein Jüdischsein ganz offen vertritt. Er ist der geborene Händler, ein Mensch, der sein Hab und Gut mit allen teilt, der helfen kann und will – und es auch tut. Aber er gehört zu denen, auf die die assimilierten Juden, die Bankdirektoren, die Ärzte, die Rechtsanwälte herunter schauen und so verneint auch David Karnovski hochmütig und in erniedrigender Weise die Frage Buraks, ob nicht Davids Sohn Georg und seine Tochter Ruth, die hoffnungslos in den jungen Mann verliebt ist, verheiratet werden sollten.

Dieser Georg ist lange Zeit das einzige Kind von David und Lea, die nie heimisch werden sollte in Berlin, nie sich in der anderen Sprache sicher fühlen und die immer ihre Melnitzer Heimat vermissen sollte. Hochmut ist ihr fremd und sie fühlt sich wohl im Hause Buraks, wo sie heimlich dessen Frau besucht und wo endlich wieder einmal jiddisch reden kann, wo sie Wärme und Geborgenheit empfindet. Erst viele Jahre nach Georg sollte Lea noch eine Tochter zur Welt bringen, Rebecca.

Georg also der Sohn (Georg auf der Straße, Moses (sein zweiter Vorname) in der Synagoge)…. er ist nicht unbedingt nur der Quell ungetrübter Freude für seine Eltern. Er ist aufsässig, renitent, spielt er gern mit den (christlichen) Schmuddelkindern aus dem Hinterhof, lernt nicht und lehnt sich besonders gegen den Vater auf. In der Pubertät wird dies nicht einfacher, erstaunlicher- (und für die Eltern nicht erklärlicher) weise ändert sich das Verhalten des Jungen aber, nachdem ihn sich die Hausangestellte Emma eines Abends (im nicht nur im metaphorischen Sinne) zur Brust genommen hat. Fiebrigkeit und Unruhe sind wie weggeblasen, sogar in der Schule arbeitet er jetzt mit und schließlich schafft er sein Abitur mit Auszeichnung.

Was nun folgt ist ein durchaus typisches Schicksal dieser Epoche (man denke an Kafka!): der in der Stadt geborenen Generation liegt nichts ferner als in das Geschäft, das der Vater mit viel Mühe und Arbeit aufgebaut hat, zu übernehmen. So weigert sich auch Georg, in das Handelsgeschäft einzusteigen und letztlich fängt er an, Medizin zu studieren, denn er verliebt sich heftig in Elsa Landau, der Tochter eines jüdischen Arztes, eines liebenswerten Kauzes, aus Neukölln. Diese rothaarige, ebenfalls Medizin studierende junge Frau hegt zwar ebenfalls Gefühle für den ansehnlichen Georg, hält ihn aber auf Abstand, ihr ist die Medizin und später dann vor allem ihre politische Tätigkeit bei den Genossen wichtiger und sie ordnet dieser alles unter.

Der Krieg bricht aus, mit Begeisterung zieht das Kaiserreich in den Kampf, auch Georg, mittlerweile Doktor, wird eingezogen und kommt an die Front…. zuhause in Berlin wird mittlerweile die Zweiklassengesellschaft unter den Juden wieder deutlich: die Ostjuden werden verhaftet, so auch David Karnovski. Und all die Freunde aus guten Tagen, die assimilierten Juden, die Deutschen, die zufällig auch hebräischen Glaubens sind, wenden sich ab, wollen nicht helfen, wollen nicht auffallen… erst der beherzte Auftritt des deutschen Leutnants und Frontarztes Georg Karnovski holt den Vater aus der Haft…..

Nach dem Krieg kommt Georg als Hauptmann und erfahrener Chirurg zurück nach Berlin. Der alte Landau, bei dem er Elsa zu finden verhofft, überzeugt ihn, daß jetzt, nach dem Krieg Frauenärzte gebraucht werden, Ärzte, die sich um das kommende Leben, um die vielen Geburten, die jetzt zu erwarten stehen, kümmern…. er vermittelt Georg an die renommierteste Klinik Berlins und Georg fühlt sich dort sehr wohl, bald schon ist er die rechte Hand des Chefs. Elsa hat ihm mittlerweile endgültig klargemacht, daß sie kein Privatleben hat, sondern sich voll und ganz ihrer politischen Arbeit widmen wird… und so entwickelt sich ganz langsam und auf Umwegen eine Beziehung zwischen Georg und Therese, einer schüchternen, unauffälligen, blonden Krankenschwester, die ihn vom ersten Moment an anhimmelt, während Georg sie oft in Verlegenheit bringt und auf den Arm nimmt…. Die Hochzeit der beiden bringt den endgültigen Bruch mit dem Vater David, eine Schickse zu heiraten, wo seinem Sohn doch die besten jüdischen Partien angeboten wurden….

Georg wird Nachfolger seines Chefs in der Klinik, wird zum “bekanntesten Frauenaufschneider” der Stadt, während draußen, auf den Straßen die ersten Boten der Neuen Ordnung aus dem braunen Sumpf kriechen und sich immer stärker bemerkbar machen. Aber noch ist Georg gern gesehener Gast auf den Gesellschaften und auch die dort zu treffenden Weiblichkeit scheint er nicht verschmäht zu haben. Der Ehe mit der farblosen, duldsamen Therese fehlt die Leidenschaft, das Aufregende… ein Sohn, Joachim Georg, genannt Jegor, wird geboren, ein ängstliches, mageres Kind, das mit seiner charakteristischen Nase,der  dunklen Haut und den rabenschwarzen Haaren ganz auf den Vater kommt, nichts von der blonden Mutter hat.

Die Neue Ordnung greift langsam, aber sicher um sich, die Gestiefelten trampeln durch die Straßen. Noch nimmt man sie nicht ernst, in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, kann solch ein primitives Unterfangen nicht lange überleben… doch es überlebt, die Menschen sind die hohlen Worte und Versprechungen leid, haben in der Inflation alles verloren, sie wollen Taten sehen und sie bekommen Taten zu sehen, jetzt, nachdem die Neue Ordnung zur einzigen gewählt worden ist, die zählen soll.

Die (mittlerweile) Reichstagsabgeordnete Elsa Landau wird inhaftiert, der alte Landau muss die Praxis aufgeben, Arier haben dort Zugangsverbot… auch Georg muss seine Praxis ver”kaufen”, darf nicht mehr behandeln. Wieder zeigt sich die Klassengesellschaft unter den Juden Berlins, jeder glaubt, er sei eigentlich nicht gemeint… die assimilierten Juden, weil sie doch Deutsche sind, Juden wie David Karnovski gehen davon aus, daß sie ja fast Deutsche sind und die Schikanen nur die Ostjuden betreffen, die Ostjuden glauben, da sie einen Pass haben, seien nur die gemeint, ohne Pass und diese letztendlich denken, sie könnten sich ja (das 20. Jahrhundert!) jederzeit einen besorgen….

Jegor, der Sohn, macht den Eltern Sorgen. Als kleines Kind ist er ängstlich, fürchtet sich im Dunkeln, er hat keine Freunde, findet keinen Anschluss. In der Schule wird er zum Aussenseiter, versteht nicht, warum ab und an auf ihn gedeutet wird, man über ihn lacht. Manchmal wird er vor die Türe geschickt, weil seine Leute doch damals den Jesus ermordet haben…. alles Sachen, die er nicht versteht. Und endgültig gebrochen wird der Junge, als er dem ehrgeizigen Schuldirektor als lebendiges Anschauungsobjekt dient, mit dem die Minderwertigkeit der Rasse bewiesen werden soll. Die Aula ist voll mit Menschen, als ihm der Schädel vermessen wird und als der Pubertierende schließlich unbekleidet auf die Bühne gezerrt wird, bricht er nicht nur körperlich zusammen.

Die Lebensverhältnisse werden immer schwieriger, immer öfter klirren Fensterscheiben. Burak kommt zu der Erkenntnis, daß sämtliche (bislang erfolgreichen) Bestechungsversuche allenfalls hinauszögern, auch Karnovski entschließt sich, auszuwandern, seiner Familie wegen, die er schützen muss….

Amerika… hat das Land die ersten Flüchtlinge noch mit offenen Armen empfangen, kühlt sich die Stimmung jetzt ab. Das Land braucht die vielen Ärzte, die vielen Koryphäen nicht, die jetzt kommen und den einheimischen Medizinern die Patienten wegnehmen. Folgerichtig werden die Zulassungsprüfungen so ausgelegt, daß möglichst wenige sie bestehen… die Sprache zu lernen ist mühsam… die in Deutschland assimilierten Juden, die Direktoren, Juristen.. was sind sie hier wert? Sie haben ihren Dünkel nicht verloren, auch wenn er sie hier nur behindert. Amerika ist ein Land für Leute wir Burak… er fängt so an wie weiland in Berlin: zieht mit einem Koffer voller Textilien von Tür zu Tür… bald braucht er eine Schubkarre, dann ein altes Auto, das durch ein größeres, neueres ersetzt wird. Ein kleiner Laden zuerst, dann ein größeres Geschäft und bald sieht es bei ihm aus wie seinerzeit in Berlin: ein offenes Haus, in dem jeder Hilfe findet, zu essen bekommt und ein Dach über dem Kopf hat. Es ist seine stille Genugtuung, daß es hier nicht die Ostjuden sind, die die Hilfe brauchen, jetzt sitzen die ehemaligen Direktoren bei ihm, dem Vorsitzenden der Synagoge, der er auch ist, und halten still die Hand auf….. Lea blüht auf, hier findet sie ihr Schtetl wieder, die Herzlichkeit, die Wärme, das Geplapper, das Gekose, die Umarmung, die ihr in Berlin so gefehlt hat….

Nur Jegor wird nicht heimisch, verkriecht sich immer mehr. Wie so viele Opfer gibt er nicht den Tätern die Schuld, sondern sucht sie bei sich selbst: Wäre er kein Jude, wäre das nicht passiert. Und Jude ist er, weil sein Vater Jude ist… wie konnte seine zarte, blonde, arische Mutter diesen Mann nur heiraten! Jegor wird de facto zu einer Art Gesinnungsnazi, hat deren Ideologie verinnerlicht… in Yorkville, in das er durch Zufall eines Tages gerät, endlich fühlt er sich wohl, zu Hause [4], hier wehen die richtigen Fahnen, hier ist das Deutschland, wie er es sucht…

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Es ist für Jegor der Anfang eines langsamen, sich immer weiter beschleunigenden Abstiegs.. er, der von zu Hause weggelaufen ist, fühlt sich hier wohl, geniesst seine Freiheit, die neuen Freunde: er wird anerkannt, zum ersten Mal in seinem Leben, merkt aber nicht wie er ausgenutzt und instrumentalisiert wird… ein Wunsch wird in ihm immer stärker: er will nach Deutschland zurück, in völliger Ignorierung dessen, was ihn dort erwarten würde. Schließlich ist er ein Holbeck und er grüßt zackig wie ein SA-Mann… der Konsularbeamte, an den er sich wendet, requiriert ihn als Spitzel, er soll als Jude, als Insider Informationen über die jüdischen Exilanten sammeln… letztlich versagt er auch hier und es beginnt ein road-movie für ihn, das ihn weit durch die Staaten führt, bis er buchstäblich das letzte Hemd versetzt hat und am Ende ist – und wieder in New York. Hier kommt es dann zu einer Verzweifelungstat…

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Singer läßt seine Familiengeschichte ohne wirkliches Ende ausklingen. Zwar läßt sich so etwas wie die Heimkehr des verlorenen Sohns herauslesen, aber auch das ist nicht sicher. Wegen der fehlenden Jahresangaben ist mir auch nicht ganz klar, ob in Europa zu diesem Zeitpunkt schon der Krieg tobt, veröffentlicht wurde der Roman ein Jahr vor dem frühen Tod des Autoren, 1943. Vielleicht spiegelt sich in diesem unentschiedenen Romanende auch die zu dieser Zeit noch unsichere Kriegslage wieder [1a]…

Sehr deutlich wird in dem Roman, daß das deutsche Judentum keineswegs eine homogene Gesellschaftsschicht war. Es gab die vollständig assimilierten Juden, die Deutsche waren mit zufällig mosaischem Glauben, die durch ihre Intelligenz, ihren Fleiß und ihre Zielstrebigkeit wichtige Positionen in Staat und Gesellschaft einnahmen. Sie gingen ebenso selbstverständlich in den Krieg für Deutschland wie jeder andere Deutsche auch. Und sie schauten herab auf ihre schäbigen Verwandten aus dem Osten, die ärmlich als Hausierer, als Viehhändler oder in anderen niedrigen Berufen ihr Auskommen zu sichern versuchten. Selbst einen David Karnovski, hochintelligent, belesen, in geschliffenem Deutsch redend, beruflich erfolgreich – aber eben ein Pole, selbst so einen Mann duldeten sie nur unter sich, solange es ohne Gefahr für sie war. Draußen ein Deutscher – drinnen ein Jude: sie glaubten, mit dieser Mimikry würden sie ihre Haut retten können.

Es sind wunderhübsche Passagen in dem Buch, in dem die “Jüdische Schweiz” beschrieben wird, die Gegend des Scheunenviertels [7], die in so vielen Aspekten dem osteuropäischen Shtetl ähnelt. Das obige Bildchen (anklicken!) ist von Zille. Die Menschen werden ebenso beschrieben wie die Auslagen der Geschäfte, die Gerücke, die Küchen, die Speisen… Singer, der ja selbst einem polnischen Schtetl entstammt [8] und die Verhältnisse dort kennt, war ja auch in Berlin, ich denke, daß er da auch das entsprechende Lokalkolorit aufgenommen hat.

Man täuscht sich, man will die auf sich zukommende Zukunft nicht sehen. Natürlich, niemand konnte sich vorstellen, mit welcher teilweise selbstzerstörerischer Konsequenz der aufkeimende Nationalsozialismus gegen alles Jüdische vorgehen würde und niemand konnte sich vorstellen, daß die Deutschen (Dichter und Denker!) dies lange dulden würden, eine kurzzeitige Verwirrung eines kultivierten Volkes wollte man aussitzen. Aber es gab nichts auszusitzen: Flucht oder Tod.. die Gerüchte um die Konzentrationslager mit der systematischen Ermordung müsste Singer noch erlebt haben vor Beendigung seines Romans.

Auch Amerika war nicht das gelobte Land – zumindest nicht für alle. Amerika war das Land der Buraks, derjenigen, die die Ärmel hochkrempelten und anpackten. Die Arroganz, die die assimilierten Juden mit über den Ozean brachten und auch hier gegenüber den einheimischen Juden zeigten, führte sie in die Isolierung, es war die späte Genugtuung Buraks, das jetzt alle von ihm abhängig waren, daß er es war, der Geld und Brot verteilte (was er ja auch freigiebig machte…). Es war auch das Land der Leas, die hier wieder aufblühten, ihren ureigenen Bedürfnissen nachgehen konnten – es kümmerte einfach keinen, ob sie jiddisch redeten oder Kinder herzen mussten und für sie selbst war es in Ordnung.

Das Leben – ein Zyklus. Die Ausgewanderten, Exilierten nahmen ihre Vorstellungen, ihr bisheriges Leben mit. Exemplarisch hat Therese ihren gesamten Hausstand aus Berlin mit nach Amerika genommen, die gewohnte Lebensumgebung, die natürlich in den viel kleineren Wohnungen nur Ballast waren. Die Schränke konnten gleich auf der Straße stehen bleiben, amerikanische Wohnungen haben Einbauschränke…. und doch: es wurde die gewohnte Lebensumgebung geschaffen, zum Teil, in dem man sich integrierte (so wie Lea und Burak), zum Teil, in dem man die Einheimischen vertrieb, so wie es in der Synagoge geschah, die schnell von den Neuankömmlingen ursurpiert wurde (was ihnen – zugegebenermassen – durch das Desinteresse der angestammten Juden leicht gemacht wurde).

Aber auch im Privaten sehen wir das Zyklische: Davids Probleme mit seinem Sohn Georg wiederholen sich eine Generation später zwischen Georg und Jegor, nur – den Zeitumständen geschuldet – in noch stärkerer Art und Weise..

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“Die Familie Karnovski” ist ein Buch wie ein Fluss, der den Leser mitnimmt und ihn trägt. Man wird schnell mit den Personen vertraut, lebendig und farbig treten sie einem entgegen, der arrogante David, die warmherzige Lea, der renitente Georg ebenso wie der kauzige Arzt Landau mit seiner der Welt zugunsten der politischen Arbeit entsagenden Elsa… selbst die “kleineren” Figuren wie Johanna, die Hilfe Landaus, sind mit viel Liebe gezeichnet.

Gegen Schluss des Buches, ich habe es schon angedeutet, könnte man meinen, Singer habe nach einem passenden Ende gesucht, aber die Zeitläufe haben ihm keins gegeben… die Handlung war dabei, die Realität einzuholen, vllt läßt er Jegor aus diesem Grund seine etwas langatmige, zum Teil quälend deprimierende Tour durch Amerika absolvieren: Zeit gewinnen, um der Realität einen Vorsprung zu geben… letztlich haben die Karnovskis Amerika erreicht, bleiben aber seltsam unangekommen, ihr Schicksal dort läßt Singer offen…. aber dies macht dem Vergnügen, die Geschichte der Familie Karnovski zu lesen, keinen Abbruch, das Leben ist eine Veranstaltung, die offen ist, deren Ende und Entwicklung nicht abgesehen werden kann  - bis auf das eine, endgültige Ende, das Singer seinen Protagonisten nicht angedeihen ließ, das ihn aber leider ein Jahr nach Veröffentlichung der Geschichte selbst ereilte.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zum Autor Israel Joshua Singer. [1a] Sehr viel ausführlicher und substantieller ist die Darstellung von Anita Norich: Singer, Israel Joshua, in: The YIvO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe
[2] Zum alten Scheunenviertel bzw. der Dragonerstraße in Berlin: Erwin Leiser: The saddest streets in the world: Shimon Attie projects a Jewish past on to present-day Berlin.
Erwin Leiser, himself a child of the Thirties ghetto, explains, The Independent, Sunday 08 May 1994
siehe auch Wiki-Artikel zum Scheunenviertel
[3] Bildquelle “Scheunenviertel”: Hof im Scheunenviertel, Heinrich Zille, wikimedia
[4] Yorkville als “Zentrum” der Nazis in New York: When the Bund marched in Manhattan, in: Ephemeral New York
[5] vgl hier: Britta L. Behm: Moses Mendelssohn und die Transformation der jüdischen Erziehung in Berlin , insbesonder S. 163
[6] Gordon A. Craig beschreibt es in seiner Geschichte der Deutschen so: “Wie Golo Mann einmal schrieb, war der gewöhnliche deutsche Jude, ob getauft oder ungetauft, deutsch in seinen Tugenden, deutsch in seinen Lastern, deutsch in Kleidung, Sprache udn Manieren, patiotisch und konservativ. Es gab nichts Deutscheres als jene jüdischen Geschäftsleute, Ärzte, Anwälte und Gelehrte, die sich 1914 ganz selbstverständlich freiwillig zum Kriegsdienst meldeten.” (zitiert nach der dtv-ausgabe vom April 1985, S. 159/60)
[7] Ekkehard Schwerk gibt hier eine kritische Darstellung der Bezeichnung “Scheunenviertel”: Der Unfug mit dem „Scheunenviertel”, in: augustrasse-berlin-mitte.de
[8] sein Bruder hat darüber ein wunderschönes Büchlein geschrieben: Isaac Bashevis Singer: Eine Kindheit in Warschau, erhältich z.B. bei dtv

Israel Joshua Singer
Die Familie Karnovski
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Dora Winkler
Originalausgabe (auf jiddisch): New York, 1943, auf Amerikanisch: 1969
diese Ausgabe: Berliner Taschenbuch Verlag, ca. 500 S., 2005

Matteo, einst Kardiologe an einem Krankenhaus, hat sich zurückgezogen aus dem Leben der Menschen. Allein haust er einem Eremiten gleich in einer einsamen Schäferhütte am Berg, er lebt von dem, was er selbst anbaut, herstellt und bereitet. Seit ungefähr 15 Jahren lebt er dort in der Hütte, die er damals verfallen kaufte und mit eigenen Händen wieder herrichtete. Ein Schicksalsschlag hat ihn in die Stille getrieben, nur hier fand er die Möglichkeit, wieder zu sich selbst zu finden und zu leben.

Wanderern, die zufällig oder auch mit Absicht zu ihm kommen, bietet er gerne von dem, was er hat, an. Und für jeden von ihnen hat er ein Wort, eine Weisheit, die ihm in den Jahren der Stille und Zurückgezogenheit zugewachsen ist: “Der Weg ist das Leben.” dieser Art sind die Weisheiten und man ist sich beim Lesen jetzt nicht sicher, ob dies wirklich weise ist oder einfach nur unsäglich platt….

Vor vielen Jahren hatte seine Frau Nora einen tödlichen Unfall, in Zwiegesprächen mit ihr breitet der Witwer sein bisherigen Leben vor uns aus. So war sein aus Kroatien stammender Vater schon als Junge unter tragischen Umständen erblindet, die Mutter litt unter einem Sauberkeitswahn, nachdem sie ihrerseits dem Bauernhof ihrer Eltern entkommen war. Bei diesen Großeltern hielt sich dagegen der junge Matteo gerne auf, dort hatte er Freiheiten und das Landleben gefiel ihm.

Matteo studiert Medizin. Als er Nora trifft, weiß er, daß dies der Mensch ist, der den freien, leeren Raum in ihm ausfüllen kann: es ist Liebe auf den ersten Blick. Nora empfindet ähnlich, sie ist die stärkere von beiden, sie ist leicht esoterisch orientiert und weiß ihren Matteo, der eher pragmatischer Natur ist, zu lenken. Das Glück ist vollkommen, als ihnen mit Davide ein Sohn geboren wird.

Der Unfall wirft Matteo aus der Bahn, er ist die völlige Zerstörung seiner Existenz, die er einzig und allein durch die Liebe zu Nora und seines Kindes definiert hat. So ist mit dem Tod der beiden die Basis seines Lebens verschwunden und da er nicht lernt, diesen Verlust in sein eigenes (welches ist das?) Leben zu integrieren, beginnt für ihn ein sich immer weiter beschleunigender Abstieg. Über die Jahre hinweg isoliert er sich, Frauenbekanntschaften bleiben für ihn reine Bettgeschichten, er lügt, wird zum Alkoholiker bis hin zum Rauswurf aus der Klinik. In Larissa tritt eine Frau in sein Leben, die ihn liebt ohne daß er diese Liebe erwidern kann. Zwar entwickelt sich ein (von seiner Seite her sehr brüchiges) “Liebes”verhältnis, aber die Freude Larissas über das in ihr heranwachsende neue Leben kann er nicht teilen. Nur zu gerne erliegt er den Einflüsterungen falscher Freunde, die ihm einreden, Larissa wolle ihn nur ausnutzen, ihn an sich binden. Und so nutzt er seine Stellung als Arzt aus, um Larissa zur Abtreibung zu überreden. Es ist eine absolut widerliche Lüge, die Tamaro ihrem Protagonisten da in den Mund legt, sie stellt den Tiefpunkt einer zerbrochenen menschlichen Existenz dar.

Die Eltern Matteos sterben [1], nach dem Tod des Vaters findet der Sohn einen Brief, in dem der Vater sehr liebevoll, aber deutlich die Leviten liest. Daraufhin ändert Matteo sein Leben, geht in die Berge und findet tatsächlich nach einigen Jahren in der Stille seine Ruhe. Und ganz zum Schluß des Romans gönnt die Autorin ihrem Matteo, dem Tränenlosen, auch noch die erleichternden Tränen, mit denen zwar nicht seine Schuld weg gewaschen werden kann, die aber seine Seele erleichtern.

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Tamaro präsentiert mit “Mein Herz ruft deinen Namen” ein etwas rührseliges Stück, Claudio Campagna benutzt in seiner Buchvorstellung [2] den Begriff der Weinerlichkeit, die den Roman durchzieht. In der Tat ist das dem Protagonisten auferlegte Selbstmitleid manchmal nur schwer zu ertragen, die Romanhandlung durchzieht stetig ein Hauch von Schmerz und Leid, den der Held erst dann lichten kann, nachdem er “ganz unten” angekommen und dort zur Besinnung gelangt ist. In der Stille des einsamen Bergwaldes findet er seine Erkenntnisse, die Menschen im Tal dagegen, die ihn besuchen oder aufsuchen, betäuben sich und ihre Lebenszweifel mit allerlei Ablenkungen und Müßiggang, ja, der weise gewordene Matteo ist manchem von ihnen sogar ein Dorn im Auge und wird beschimpft.

Lese ich solche Geschichten großer Lieben, die nach dem Tod des/r Partners/in (fast) mit einer Katastrophe für den Zurückbleibenden enden (oder auch Biographien wie neulich die tragischen Lebenskatastrophen von Connie Palmen), denke ich oft an Erich Fromm, der in seiner “Kunst des Liebens” [3] auch diese Ausbildung der Liebe zu ausschließlich einem Menschen analysierte. Fehlt diesen Menschen die fundamentale Liebe zu allen Menschen und damit vor allem auch die Liebe zu sich selbst, handelt es sich bei dieser ausschließlichen Liebe zu einem anderen nicht um die wahre Liebe, sondern um die Flucht aus einer Einsamkeit in eine Einsamkeit zu zweit. Wird diese Zweiereinsamkeit zerstört, bedeutet das für den Zurückgebliebenen die Katastrophe seines Lebens, so wie Tamaro es hier erzählt.

Grundlegende Weisheiten sind oft einfach, trotzdem wirken sie hier im Buch in der geballten Häufigkeit, in der die Autorin sie uns auftischt, ein wenig flach bzw. trivial und – da wir ja alle nicht in der Stille des Berges leben – auch aufdringlich, da sich beim Lesen immer das Gefühl einstellt, man sei als Leser selbst angesprochen.

An einer Stelle jedoch des Buches ist Tamaro etwas tiefergehendes gelungen: sie hat ihren Helden erkennen lassen, daß sich im Laufe der Jahre der Schmerz verselbstständigt hat und zum Selbstzweck geworden ist. Matteo hat sich in der Opferrolle eingerichtet, Opfer sein war ihm zum Lebensinhalt geworden. Die Erkenntnis dieser Entwicklung ist vllt der entscheidende Schritt, um den inneren Teufelskreis aus Schmerz und Selbstmitleid zu durchbrechen, weil sie den Blick wieder nach außen, in die Welt hinein, wendet.

So läßt sich als Facit des Romans festhalten, daß die Autorin mit “Mein Herz ruft deinen Namen” ein leicht lesbares, leidlich unterhaltsames, aber leider nicht tiefer gehendes Büchlein geschrieben hat, das an der Oberfläches eines seichten Sees aus Lebensweisheiten dahin dümpelt. Und wieder einmal drängt sich die Frage auf: wie nur kommen die ganzen, zum Teil fast euphorisch klingenden Pressestimmen zustande, die auf dem Portal eines großen online-Versandhamazons aufgelistet sind. Und dem Lesern, den anderen als mir, scheint´s ja auch zu gefallen… nehmen wir´s zur Kenntnis und lassen es dabei bewenden.

Links und Anmerkungen:

[1] Tamaro läßt die Mutter an Knochenkrebs sterben, sie bricht einfach zusammen, danach wird der Krebs diagnostiziert und sie stirbt ein paar Wochen später. Da Knochenkrebs sehr schmerzhaft ist, erscheint mir dieses Szenario, daß er sich unbemerkt entwickelt hat, nicht sehr glaubhaft. Mir sind noch ein paar andere Stellen aufgefallen, an denen ich gestutzt habe, aber ich will hier auch nicht in die Beckmesserei abrutschen…
[2] Claudio Campagna: Lernen in der Einsamkeit, ndr kultur, 18.03.2013
[3] Erich Fromm: Die Kunst des Liebens, Besprechung hier bei aus.gelesen

Susanna Tamaro
Mein Herz ruft deinen Namen
Aus dem Italienischen übersetzt von Maja Pflug
diese Ausgabe: Piper, HC, ca. 224 S., 2013

Dieser Roman de Winters spielt in der nahen Zukunft, im Jahr 2024. Er erzählt die Geschichte des Bram Mannheim, eines Juden aus den Niederlanden, der als 17jähriger nach dem Abitur Ende der 80er Jahre nach Israel ging, wo sein Vater forschte, um dort zu studieren. Dieser Vater, Hartog Mannheim, der selbst nach dem Tod seiner Frau erst nach Israel gegangen war, war ein brillanter Naturwissenschaftler, der sogar den Nobelpreis für seine Erkenntnisse gewann; sein Sohn Bram verlegte sich dagegen auf weniger exakte Wissenschaften. Als Historiker brachte er in seiner Promotion ein paar dunkle Flecken aus der Gründungszeit Israels ans Licht, was ihn ins Rampenlicht rückte und eine steile Karriere versprach.

Die politischen Ansichten von Vater und Sohn gingen weit auseinander. Der Vater, völlig desillusioniert, befürwortet gegenüber den Palästinensern und Arabern eine extrem harte Linie, sein Sohn dagegen setzt auf Verhandlungen und Friedensgespräche. Nach der Abiturfeier des Sohnes führen die beiden seinerzeit eine heftige Diskussion um dieses Thema, bei der Hartog seinem Sohn erzählt, was bei ihm den Paradigmenwechsel ausgelöst hat, denn früher sei er ähnlich ihm in der Einstellung gewesen.

Verheiratet ist Bram mit Rachel, einer Jüdin indischer Abstammung, eine schöne, rassige Frau. Sie haben einen Sohn, Bennie. Alles läuft nach Plan.

Bram – wir schreiben das Jahr 2004 -, inzwischen Professor in Tel Aviv, hat das Angebot, nach Princeton zu gehen, aber er will Israel nicht im Stich lassen und lehnt ab. Es ist einer dieser Abende mit einer langen Sitzung und auf dem nächtlichen Heimweg wird er von drei jungen Männern überfallen. Er kann sich retten, da er eine Waffe bei sich trägt, die die Männer in die Flucht schlägt. Im letzten Moment sieht er die Tätowierung am Arm des Anführers: ein Davidstern. Es sind Juden, die ihn, einen Juden, überfallen haben. Daraufhin überdenkt er seinen Entschluss und geht doch mit seiner Familie in die USA.

Er hat Erfolg in den Staaten, steht aber auch unter Leistungsdruck. Rachel und er haben ein riesiges, altes Haus gekauft, das sie jetzt renovieren und umbauen wollen. Zum Geburtstag ihres Vaters fliegt seine Frau nach Hause, Bram ist allein mit Bennie im Haus. Das Telefon läutet, er nimmt ab, ein alter Bekannter aus Israel, der sich momentan in den Staaten aufhält, ist am Apparat, Bram geht vor das Haus, um sich mit ihm zu unterhalten. Während des Anrufs verschwindet Bennie spurlos.

Brams Welt bricht zusammen, er erliegt Wahnvorstellungen und läuft weg, seine Ehe zerbricht, weil nicht nur er sich, sondern vor allem auch Rachel ihm die Schuld an dem Unglück gibt. Mystische Zahlenspielereien treiben ihn durch die USA. Da die Entführung am 22.08.2008 stattfand, sucht er Erlösung durch die Zahlen “zwei” und “acht”… so beobachtet er zum Beispiel in allen Städten, in die er (auf komplizierten Wegen, da die Straßen natürlich auch 2en und 8en in der Nummerierung haben müssen) Häuser mit entsprechenden Hausnummern 22, 28, 82, 282 etc pp…. er wird zum Obdachlosen, zum Penner… durch einen Zufall wird Bram eines Tages erkannt von einem Mann, der es sich finanziell leisten kann, dem Widerspenstigen mit viel Geduld zu helfen.

Zurück in Israel fokussiert Bram seinen Wahn auf die Recherche nach allem, was bei dem Verschwinden des Sohnes eine Rolle gespielt haben könnte und was bei den offiziellen Untersuchungen unter Umständen nicht genau genug beachtet worden ist. Und in der Tat gelingt es ihm, eine plausible Indizienkette gegen einen Mann aufzubauen, der aufgrund dieser Indizien ein eindeutiges Motiv haben könnte… Bram geht das Problem alttestamentarisch an…

Die von de Winter beschriebene Welt der (Roman)Jetztzeit, i.e. 2024, beschreibt eine andere Welt, als wir sie gemeinhin extrapolieren würden. Polen zum Beispiel ist ein wirtschaftlich sehr starkes Land geworden, das auch fussballerisch in Europa die Führung innehat, in Russland hat Putin einen starken, prosperierenden Staat installiert, den periodischen Wechsel zwischen Präsidenten- und Ministerpräsidentenamt hat er perfektioniert. Im Nahen Osten sind die Palästinenser dabei, Israel zu besiegen, nicht durch Waffen, sondern durch Spermien und Gebärmütter: die demoskopische Entwicklung gefährdet die Existenz Israels von zwei Seiten: zum einen durch die hohe Geburtenrate der Palästinenser und Araber und zum zweiten durch die Tatsache, daß viele der jungen Israelis wenig Kinder haben und vor allen Dingen “die Kurve kratzen”, also ins Ausland gehen. So stehen die Geburtskliniken leer, in der Geriatrik dagegen nimmt Israel einen Spitzenplatz in der Welt ein.

Es ist ein hartogscher, unbarmherziger, illusionsloser Blick, den de Winter auf die Zukunft Israels legt. Dies beschreibt er als zum Ghetto geschrumpft, zu ausgedehnten Stadtzone Tel Aviv, Jerusalem ist Hauptstadt der Palästinenser und in den Checkpoints werden Juden und Araber mittels Gentests unterschieden, da es für Juden charakteristische, über den Vater weitergegebene Geneigenschaften gibt. Das ehemals pulsierende Leben in Israel ist Vergangenheit, die Strände sind leer, die Hotels auch.. eine im Grunde endzeitliche, dystopische Stimmung, die im Land herrscht, immer in Angst vor dem, was passieren könnte.

In diesem Rest-Israel arbeitet Bram mittlerweile beim Magen David Adom, mit seinem Kollegen führen sie Krankentransporte durch, rasen mit Attentatsopfern durch die Straßen, um zu retten, wer noch zu retten ist. Außerdem betreibt er mit einem Freund eine Agentur, die sich auf die Suche nach vermissten Kindern spezialisiert hat.

Eines Tages passiert ein großer Anschlag auf einen Übergang, es gibt viele Tote und Verletzte. Offiziell hat eine Rakete, die sehr spät erkannt worden ist, den Checkpoint zerstört, einer der schwerverletzt Überlebenden hat jedoch etwas anderes gesehen, etwas, was einfach nicht sein darf…. und was Bram, der gelernt hat, mit dem Tod seines Sohnes und seiner “Schuld” daran zu leben, in große Verwirrung bringt….

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Es ist eine erbarmungslos pessimistische Weltsicht, die de Winter seinem Roman zugrunde legt. Es extrapoliert erkannbare Tendenzen der heutigen Gesellschaft und Politik und schreibt sie in eine gar nicht mal allzu ferne Zukunft fort. In manchen Bereichen ist dies sicherlich gut möglich, demoskopische Entwicklungen [1] sind gut in die Zukunft zu extrapolieren – etwas, was Politiker gemeinhin ungern machen, da sie die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen und Handlungszwänge nicht mögen.

Vielleicht ist noch nicht einmal die Vision der genetischen Überprüfung, wie sie de Winter für seine Checkpoints beschreibt, so weit hergeholt. Schließlich ist die Anwendung modernster Techniken für die Israelis eine der wenigen Möglichkeiten, dem äußeren Druck entgegenzuhalten. Aber natürlich ist es eine erschreckende Vision, diese genetische Prüfung auf Jüdischsein… [2]. Wie immer man dazu stehen mag, ist dieser Punkt der Angelpunkt der Geschichte de Winters, ohne ihn würde sie nicht funktionieren.

Auch an der proklamierten nicht änderbaren Feindschaft zwischen Juden und Palästinensern ist schwer zu schlucken. Andererseits geben die Erfahrungen der letzten vielen Jahre kaum Hoffnung, daß sich tatsächlich Friedensgedanken auf beiden Seiten durchsetzen, de Winter läßt im Lauf seiner Geschichte diejenigen Akteure, die für Frieden stehen, ebenfalls auf die “andere” Seite wechseln und läßt sie ihre Hoffnung als Illusion verlieren.

Die israelische Gesellschaft, bzw. das, was von ihr übrig geblieben ist, ist alt, gebrechlich und grau, sie scheint wie in einem letzten Abwehrkampf auf ihr Ende zu warten, behütet und überwacht von Chicken Wings ….

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Mit Bram Mannheim hat de Winter einen tragischen Helden geschaffen. Wenn man sein (und auch das eigene natürlich) Leben betrachtet, kann man ausgehend vom “Jetzt” jeden Zustand als vorläufiges Ende einer Kausalkette betrachten, die man an einem beliebigen Punkt betrachten kann und diesen kann man dann mit Fug und Recht als Punkt/Ereignis oder Ort bezeichnen, an dem die Weichen für das gesamte Leben gestellt werden. Wenn damals das oder das nicht, dann wäre… aber dies funktioniert nur in der Rückschau, wie widersinnig es ist, so zu denken, zeigt die Überlegung, daß eine retrograde Kausalkette im Grunde niemals endet, weil jedes Ereignis als Wirkung eines Grundes gesehen werden kann. Auch die eigene Geburt ist kein Ende der Kette, ist sie doch eindeutig mindestens abhängig von einem (hoffentlich) lustvollen Ereignis, das einige Monate zuvor stattfand.

Für Bram Mannheim fädelt de Winter so eine Kausalkette auf. Wo ist der entscheidende Punkt  in seinem Leben, an dem es aus vorgezeichneten Bahnen geworfen wurde? War es die Entscheidung, zum Studium nach Israel zu gehen oder war es die, den Ruf nach Princeton anzunehmen? Wie wäre sein Leben verlaufen, wenn er Rachel nicht geheiratet hätte? Was wäre passiert, wenn er damals zum Telefonieren nicht aus dem Haus gegangen, sondern im Haus geblieben wäre? Nicht beantwortbare Fragen…. das Leben Mannheims wird zum Spielball äußerer Einflüsse, es wird ausweglos in der (irrigen) Annahme der Schuld, die er auf sich geladen habe und dem daraus folgenden Zwang, es wieder gutzumachen, den Sohn zu finden. Bram verliert sein Leben darüber und schafft sich im Lauf der Jahre allenfalls ein Ersatzleben ohne Liebe, ohne Geborgenheit, Gefühle, denen er erst sehr spät wieder begegnet. de Winter gönnt seinem Protagonisten ein hoffnungsvolles Ende der Geschichte, es ist kein Happy-End, aber es hat das Potential, eins zu werden…

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“Recht auf Rückkehr”, einen Titel, den ich ehrlich gesagt auch nach dem Lesen des Buches nicht richtig verstehe, ist ein sehr, sehr gut geschriebener Roman. Er ist phasenweise unheimlich spannend, er läßt Mitgefühl mit den Protagonisten aufkommen, ohne daß er in Sentimentalitäten verfällt, er malt, ohne auf political correctness Rücksicht zu nehmen, ein durchaus pessimistisches Bild der Zukunft (speziell des Staates Israel), aber leider keins, das man von vornherein als völlig utopisch klassifizieren könnte. Auch wenn de Winter manch seiner Situationen und Ereignisse einfach “setzt”, ohne ihre Entwicklung oder innere Logik zu zeigen, ist das Buch fesselnd bis zum Schluss. Ich habe es mit seinen weit über 500 Seiten jedenfalls schneller gelesen als manch anderes mit schmalerem Umfang…

Links und Anmerkungen:

[1] siehe z.B.
http://www.israelnetz.com/gesellschaft/detailansicht/aktuell/statistik-2016-mehr-palaestinenser-als-juden-im-heiligen-land/#.UZxMOD5qDsM

[2] sieh z.B.
http://www.igenea.com/de/juden

Leon de Winter:
Recht auf Rückkehr
Aus dem Niederländischen übersetzt von Hanni Ehlers
Originalausgabe: Amsterdam, 2008
diese Ausgabe: Diogenes, TB, 549 S., 2010

fabian1

Kästners Großstadtroman “Fabian”, der eine kurze Lebensspanne des Werbetexters und Propagandisten [2] Dr. Jakob Fabian in Berlin zum Thema hat, erschien 1931 im Druck. Werfen wir, bevor wir zum Buch kommen, einen Blick auf diese Zeit, in der der Roman entstanden ist.

1929 zum Beispiel erschien der “Völkische Beobachter”, der in München verlegt wurde, erstmalig in Berlin, Remarques brachte sein “Im Westen nichts Neues” in die Läden, Thomas Mann bekam den Literatur-Nobelpreis verliehen, das Opium-Gesetz, das auch den Genuss von Haschisch verbot, wurde verabschiedet, im Oktober crashte die US-Börse, was zu einer weltweiten Wirtschaftskrise führte und zwischen der aufkeimenden Nazi-Brut und den Kommunisten gab es immer wieder, auch blutige, Zusammenstöße. Reichskanzler war übrigens ein gewisser Hermann Müller.

Im folgenden Jahr 1930 zerbrach die Koalition zwischen der SPS und der DVP, die Weimarer Republik ging ihrem Ende zu, die “rechten” Kräfte wurden immer stärker: bei den Reichstagswahlen wurde die NSDAP zweitstärkste Partei. Fricke von der NSDAP wird Innenminister. Im Januar wird Horst Wessel, Komponist des SA-Kampfliedes, von Kommunisten niedergeschossen und stirbt an den Folgen. In der Haager Schlussakte werden die Reparationszahlungen der Deutschen endgültig geregelt und Ende des Jahres wird die Verfilmung von “Im Westen nichts Neues” uraufgeführt. [1]

Die Entstehungszeit des “Fabian” fällt also in die Endperiode der Weimarer Republik, natürlich hat ein Journalist wie Kästner dies realisiert. Auch wer die vergehende Republik ablöst dürfte sich am Horizont abgezeichnet haben, mit welcher Brutalität dieses neue Regime jedoch zu Werke gehen sollte, war wohl noch nicht absehbar. Andererseits: “Rathenau musste weg, er war ein Jude… ” legt Kästner einer seiner Figuren in den Mund, die Tendenz war deutlich… die wirtschaftlichen Probleme, die Zuspitzung der politischen Lage, die Reparationszahlungen als Folge des verlorenen Krieges 14/18.. dies alles führte zu einer brodelnden Atmosphäre unter den Menschen, Sicherheiten schmolzen dahin, Regeln wurden ausser Kraft gesetzt, die Moral ging vor die Hunde….

Wie konsequent sich die Nazis über die geltenen Regeln zivilisierten Lebens hinwegsetzen wollten, konnte die Welt spätestens 1933 erkennen. Dem 1931 erschienen hatte “Fabian” in Deutschland eine recht kurze Lebensspanne, denn schon diese zwei Jahre später konnte Kästner, der sich dies – als Chronist der Zeiten – persönlich anschaute, das Büchlein, gerade das, brennen sehen, eins unter vielen….

2. Rufer:
Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall!
Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!

Ich übergebe der Flamme die Schriften von
Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.

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Dr. Jakob Fabian, die Hauptperson des Romans, ist ein junger, lediger Mann, der bei einer Zeitung in der Werbeabteilung arbeitet, Slogans und Sprüche fabriziert und im Moment ein Preisausschreiben für die Zigarettenbranche entwickelt. Er ist nicht wirklich mit dem Herzen bei seiner Arbeit, er begegnet ihr so wie seiner gesamten Umwelt mit einem gehörig massiv ausgebildeten Panzer aus Ironie und Sarkasmus, der sich aber im verbalen erschöpft. Er hat ein Zimmer mit Frühstück zur Untermiete (auch bei dieser Vermieterin sind die Zustände keineswegs sittenstreng), sein einziger Freund ist Labunde, ein Idealist, der mit einer literaturhistorischen Arbeit über Lessing habilitieren will und der im Gegensatz zu Fabian politisch aktiv ist.

“Besucht die Exotikbar, Nollendorfplatz 3, Schöne Frauen, Nacktplastiken, Pension Condor im gleichen Haus”  [6] regnen (Werbe)Sterntaler gleich im ersten Kapitel auf ihn herab, die ihm aber nicht wie im Märchen eine sorglose Zukunft in dieser unruhigen, sich immer in Bewegung befindlichen Stadt garantieren. Im Gegenteil, die Vorstellung von oben, von dort, wo die Taler herkommen, auf die Menschenmenge zu schauen, macht ihm deutlich, wie klein er ist und unbedeutend und wie er allen anderen gleicht ohne die Möglichkeit, etwas zu ändern.

Fabian ignoriert das Angebot des Nollendorfplatzes, er hat in dieser Stadt mit dem weltberühmten Nachtleben [5] andere Adressen zur Verfügung und er zögert keineswegs, sich der Dienste der dortigen Damenwelt zu bedienen. Die Bekanntschaften, die er hat (und bei denen jeweils die Frauen die Initiative ergriffen haben), der Sex, erfüllen ihn nicht mit Befriedigung, eher sind sie wie eine Droge für ihn, die ihn kurzzeitig betäubt, mit der er sich abreagieren kann (“Aber nicht wieder beissen” wird er gebeten, als “sie” ihm am Morgen danach noch einmal ihre Brüste anbietet…). Fabian hat Adressen, folgt Empfehlungen, sitzt in Cafes und Bars, durchstreift Berlin zu Fuss und mobil… und mit ihm lernen wie sie kennen [3], die Etablissments, in denen sich einsame Ehefrauen etwas suchen (mit und ohne Genehmigung des Ehemannes), die Bordelle der Stadt, in der es lesbischen Sex gibt ebenso wie Häuser, in denen sich die alten, unansehnlich gewordenen Frauen der Stadt (soweit sie es sich finanziell erlauben können) von jungen Männern “beschlummern” lassen können….

In dem Etablissement, in das Fabian (statt in das am Nollendorfplatz) auf Empfehlung eines Freundes besucht, trifft er auf Irene Moll – oder besser gesagt, wird diese auf ihn aufmerksam. Immer wieder wird Fabian im Verlauf des Geschehens dieser Frau begegnen…. der Nymphomanin, die ihn ganz am Anfang des Romans zu sich nach Hause abschleppt und ihn vor dem geplanten Regen- und Wolkenspiel von ihrem Ehemann begutachten lassen muss, wie es zwischen den beiden Eheleuten für solche Fälle von benötigtem außerehelichen Geschlechtsverkehr vertraglich festgehalten ist. Sie ist für den Protagonisten die Verführung, sie ist sein persönlicher “Satan”, der ihn immer wieder seine Grundsätze vergessen machen will, die ihn mit ihrem Geld (anstatt einem Apfel, der in “Wirklichkeit” ja wohl eher eine Feige gewesen ist und das würde dann schon eher hier ins Bild passen…. ) lockt, mit ihren Möglichkeiten, ihrem warmen und feuchten Schoß. Aber Fabian bleibt standhaft, er, der ein Moralist ist, läßt sie, die keine Moral hat, sondern alles für käuflich hält, einfach stehen.

Fabian ist wie Treibgut in einer Stadt, deren Winkel und schummrigen Ecken er zwar kennt, die ihm aber trotzdem fremd ist. Er ankert nirgends, ein kleiner Stoß und es treibt ihn weiter, ohne daß er einen Plan hat und weiß, wohin. Er ist ein Moralist, Kästner betont dies des öfteren, nicht im oberflächlichen Sinne von “Moral und Anstand”, sondern weil er der Ansicht ist, es müsse möglich sein, ein Leben nicht nach den Prinzipien der Ökonomie, der Gewinnmaximierung zu führen, sondern nach ethischen Grundsätzen. Und weil er ein Moralist ist, muss er zwangsläufig scheitern, denn die Welt, in die er geworfen wurde, ist amoralisch – in jedem Sinne.

Doch zuvor sieht es für Fabian ganz anders aus. Er lernt auf einer seiner Touren Cornelia Battenberg kennen, eine Juristin, die aber Ambitionen fürs Filmgeschäft hat. Man kommt ins Gespräch, findet sich sympathisch, begleitet sich nach Hause und die Frau bittet den Mann noch auf eine Tasse Kaffee mit ins Zimmer… es bleibt natürlich nicht bei dieser Tasse und zum ersten Mal hat Fabian das Gefühl, er könne etwas erreichen, es gäbe etwas, was der Anstrengung lohnt, ein Ziel, einen Wunsch… Aber schon kurz darauf entscheidet sich Cornelia dazu, ihre Filmkarriere durch horizontale Dienstleistungen am Produzenten zu beschleunigen und da ein Unglück selten allein kommt, bekommt Fabian von seinem Chef die Kündigung zugestellt, dem unfähigen Ex-Kollegen wird wegen seiner Preisausschreibenidee dagegen eine Gehaltserhöhung bewilligt und sein bester, sein einziger Freund Labunde erliegt einem dummen Scherz….

Fabian hält es im menschenverzehrenden Moloch Berlin nicht mehr aus und er fährt daher nach Hause, in seine Heimatstadt. Dort fluten ihn beim Anblick der Straßen, Plätze und Häuser Erinnerungen.. mit einem ehemaligen Schulkameraden geht´s auch hier erst mal ins Bordell, selbst in der Provinz hat der allgemeine Verfall eingesetzt, wenngleich er nicht so schrill wirkt, sondern eher kleinkariert und kleinbürgerlich eng. Zum Schluss gibt das Schicksal ihm wieder, so wie in Berlin, als er den Bettler, der aus dem Cafe vertrieben wurde, einlädt und er dem Mädel, das einen Aschenbecher aus dem Kaufhaus mopste, um ihm dem Vater zu schenken, diesen kaufte, eine Gelegenheit zur “guten Tat”: er, der Nichtschwimmer, versucht, einen Jungen, der in den Fluss gestürzt war, zu retten….

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In Fabian versucht Kästner mit den Mitteln der Ironie und der Übertreibung auf die Auflösungserscheinungen einer Gesellschaft aufmerksam zu machen, in deren Schatten sich eine Gegenbewegung aufmacht, die Macht zu übernehmen, zur Not mit Gewalt. In seinem Vorwort, das Kästner nach dem Krieg der Neuauflage voranschickt, schreibt er, daß das Bild, das er von der Großstadt zeichnet, ein Zerrspiegel ist, den der Moralist ihr vorhält, die Überspitzung als legitimes Mittel der Karikatur, der Satire gebrauchend. Aber damit relativiert er die Zustände nicht (“na ja, dann war es ja wohl doch nicht so schlimm…”), sondern er leuchtet sie aus und richtet den Fokus auf sie. Kein Wunder, daß der “Fabian” bald brennen sollte…

Der Roman ist, um noch etwas zum Stil zu sagen, sehr kurzweilig geschrieben, da Kästner, der Journalist, viel mit schnellen, kurzen Dialogen arbeitet; die einzelnen Kapitel, die wie Perlen auf einer Handlungskette sitzen, sind kurz gehalten und in sich weitgehend abgeschlossen, sie erzählen jeweils Episoden, einzelne Szenen. Diese Schnelligkeit, teilweise vllt sogar ein Hauch von Hektik – damit entspricht der Roman der Atmosphäre der Stadt, in der er spielt, eine Stadt, die nie ruht, die nie nachdenkt, die das Hier und Jetzt lebt ohne es zu reflektieren. Fabian ist, wenigstens in der ersten Buchhälfte, nicht unbedingt eine sympathische Figur, seine Schnoddrigkeit, seine Schlagfertigkeit, mit der er andere abfertigt, weisen einen Hauch von Arroganz auf, eigentlich ist es nicht verwunderlich, daß er einsam ist: er will es wohl sein, schützt sich mit diesem Wortpanzer für Gefühlen. Erst als diese mit Cornelia ins Spiel kommen, wird er zugänglicher, auch für den Leser.

Natürlich erkennt man auch einiges von Kästner in der Figur des Fabian wieder. Journalist der eine, Texter der andere, sind beide Beobachter und Akteure. Auch von Kästner ist ja bekannt, daß er sich den weiblichen Reizen, auch den käuflichen, nicht verschlossen hat, die Herzschwäche, unter der er seinen Jakob zeitweise leiden läßt, ist auch ihm eigen, als Erbe des harten Militärdrills, dem er als 17 jähriger unterlag. Die Mutter Ida, zeit seines Lebens seine große Liebe, vllt die einzige wirklich Liebe, findet sich in der fürsorglichen Mutter Jakobs wieder…

So ist “Fabian” zwar ein Zerrspiegel, aber eben doch auch ein Spiegel einer Stadt der Gegensätze: Not und Armut, Arbeitslosigkeit und Verzweifelung, die man tagsüber in den Straßen treffen kann, verkriechen sich mit Einbruch der Dunkelheit und die “Goldenen Zwanziger” kommen hervor mit ihren Vergnügungen und Ausschweifungen…. und, wenn man wollte, konnte man sie schon sehen, die braune Brut am Horizont….

Links und Anmerkungen:

[1] stichwortartige Auszüge nach: Was-war-wann.de
[2] In der Vor-Goebbels-Zeit ist der Begriff “Propaganda” offensichtlich noch nicht so schlecht beleumundet wie nachher…
[3] mit diesem Führer, der im 3. Reich konsequenterweise auch verboten wurde, wäre das wohl retrospektiv heute noch möglich: Weka [d. i. Willi Pröger], Stätten der Berliner Prostitution, Eine Reportage,  Berlin, Auffenberg Verlagsgesellschaft, 1930.
Aus dem Inhalt: Prostitution und Geschlechtskrankheiten – Die Absteige-Quartiere – Am Schlesischen Bahnhof – Mutter und Tochter – Die “Schnelle” – Geschlechtsverkehr im Freien – Prostituierten-Herberge – Das Kind als “Schlepper” – Am Büschingplatz – Die “Freuden-Greisin” – In der Schnelle des Alexanderplatzes – Massenbetrieb in der Dragonerstraße – Das Bordell im Laden – Steinstraße und Mulackstraße – Die Schwangere – Und die Behörden? – Die Gefahr der Ansteckung – Die Freiluft-Prostitution – Stettiner Bahnhof – In dunklen Höfen – Wo die Friedrichstraße beginnt – Passage “Unter den Linden” – Für ein Mittagessen – “Massage” und “Körperkultur” – “Junge Assistentin gesucht” – Eintritt gegen Referenz – Ein Tagbuch – “Pariser Salon” – Maskierung – Das weiße Gift – Am Halleschen Tor – Tiergarten, das Zentrum der homosexuellen Prostitution – “Hotel zur Eisenbahn” – Immer näher zum Westen – Am Bülowbogen – Händler für alles – Kaschemme für “Vornehme” – Wo der Westen beginnt – Rauschgiftzentrale Wittenbergplatz – Hexenkessel Tauentzienstraße – Schlepper – Geheime Salons – Die Minderjährigen – Rund um die Gedächtniskirche – Die Transvestiten – Am Gipfel: Kurfürstendamm – Abwärts.
Von den Elends-Absteigequartieren am Schlesischen Bahnhof und Alexanderplatz zur Luxus-Prostitution der Friedrichstraße und des Kurfürstendamms.” Der Text basiert auf einer Artikelserie, die im “Berlin am Morgen” veröffentlicht wurde und auf große Resonanz stieß. Die Beiträge geben einen umfassenden Einblick in die Orte und Zustände im Prostitutions- und Zuhältermilieu Berlins Ende der 1920er Jahre und sollten auf die herrschenden sozialen und gesundheitlichen Missstände aufmerksam machen. Die Nationalsozialisten setzten das Buch 1938 auf die “Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums”.
[4] Bilder aus dem zeitgenössischen Berlin mit Erläuterungen bei pinterest
[5] eine Ansicht, die der Schriftsteller Joseph Roth im übrigen garnicht teilt und wortgewaltig zu widerlegen sucht, vgl: Mira Miladinovic Zalaznik,Johann Georg Lughofer (Hrsg): Joseph Roth: Europäisch-jüdischer Schriftsteller und österreichischer Universalist, Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2011. Zitiert nach: google.books, S. 134
[6] heute übrigens ein Ärztezentrum… ;-)
[7] Georg Diez: Nach dem Feuer die Dummheit, Spiegel 16/2013, S. 124. Ein zeitgeschichtlicher Beitrag über Kästner und seinen Roman “Fabian”
[8] auch sehr interessant: europe voice, 18. April 2013: Book Burnings: How the Nazis Ruined Erich Kästner’s Career

mehr von Kästner hier im blog:
- Als ich ein kleiner Junge war
- Lyrische Hausapotheke

Erich Kästner
Fabian
Erstveröffentlichung: dva, Stuttgart/Berlin 1931
diese Ausgabe: dtv – Jubiläums-Edition 50 Jahre, flexibler Einband, ca. 260 S., 2011

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