Die Hauptpersonen Alice und Mattia sind zwei in ihrer Kindheit durch Unglücksfälle schwer traumatisierte Menschen, die Schwierigkeiten haben, im Leben zurecht zu kommen. Giordano schildert ihr Leben angefangen von den Unglücken, die sie prägten über das Sichkennenlernen in der Schule und die sich auseinander entwickelnde Zeit des Erwachsenseins.

Traumatisiert entwickeln beide ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Umwelt und insbesondere zu sich und ihrem Körper. Latent suizidal versucht Alice sich magerer und magerer zu fasten während sich Mattia nur im Schmerz, den er beim Aufschneiden seines Körpers mit allen möglichen scharfen Gegenständen empfindet, noch lebend fühlt. (Nicht zu verstehen natürlich die Eltern, die in unfassbarer Vogel-Strauß-Manier nichts davon wahrhaben wollen und alles geschehen lassen… aber sei es drum, das ist ja nicht das Thema des Romans).

primzahlen

Während Alice als Schülerin und auch später immer noch versucht, sich in ein Leben einzufügen, sei es durch ihren Wunsch, DER Mädchenclique an ihrer Schule anzugehören, oder später durch ihre Arbeit als Fotographin und letztlich auch als Frau von Fabio, setzt Mattia allen Ehrgeiz hinein, ungesehen und unbemerkt durch den Alltag zu gehen. Er gewöhnt sich an, lautlos zu gehen, hat keine Freunde, praktisch nicht eigenes. Das Leben auch Freude heißt, versteht er nicht. Einzig die Mathematik, für die er eine besondere Begabung hat, gibt ihm einen Lebensinhalt.

Diese beiden Kinder also lernen sich in der Schule kennen und sie spüren eine Geistesverwandtschaft, begründet in ihrem vergleichbaren Schicksal. Ohne daß sich nun eine Freundschaft zwischen beiden entwickelt, wie man sie üblicherweise versteht, verbringen sie doch viel Zeit miteinander, denn nur sie, die sie sich in den anderen hineinversetzen können, bringen es fertig, mit dem anderen zusammen zu sein. So bilden ihre Traumata, ihre seelischen Verletzungen, das Zentrum einer Beziehung, die näher nicht werden kann, die nur in Respektieren der Grenzen Bestand haben kann. Ich musste beim Lesen unwillkürlich an Atome denken, die stabil sind, weil die Elektronen auf definierten Bahnen um das Zentrum kreisen, an Fermionen, Teilchen die sich immer in irgendeiner der sie charakterisierenden Quantenzahlen unterscheiden müssen, nie denselben Zustand einnehmen können (die Physiker mögen mir diese Formulierungen verzeihen….). Oder eben an die titelgebenden Primzahlzwillinge, nah aber immer mit Abstand….

Das Buch, das Erstlingswerk des Autoren, hat in Italien den renommiertesten Literaturpreis erhalten, zweifelsohne verdient. Es ist ein gutes Buch, eine sensible, einfühlsame, bilderreiche Sprache, die sich in die verquere Gefühlswelt ihrer Protagonisten hineintastet, nicht wertend, neutral, aber mit Sympathie. Sie erfasst die Probleme Heranwachsender, sich als Individuen zu definieren wo sich sich doch im Übergang befinden und zeigt die Unerbittlichkeit, mit der das Leben Wunden schlagen kann.

Und doch: eine Sache stört mich: Giordano beschreibt ja nicht zwei Jugendliche, die sich aufgrund ihrer Schwächen oder Stärken oder allgemein, ihrer individuellen Eigenschaften, von anderen absetzen, nein, er wählt sich zwei Kranke, seelisch auf Äußerste Verletzte zu seinen Protagonisten. Und über einen Zeitraum von 24 Jahren soll wirklich jeder, der mit ihnen zu tun hatte, die Augen zugemacht haben, kein einziger Versuch, ihnen zu helfen? Alice baut jahrelang zu Hause vor ihren Teller eine optische Wand aus Flaschen, Gewürzstreuern und ähnlichem auf, um dahinter unbemerkt (?) das Essen in ihre Serviette schaufeln zu können, um es dann im Klo zu entsorgen. Und in ihrer Ehe mit einem Arzt (!) führt sie das fort. Und niemand nimmt Anstoß daran, versucht ihr – wie auch immer – zu helfen?? Nein, das ist mir zu dick aufgetragen, das stört mich. Ähnlich bei Mattia, der sich dauern aufschlitzt. Nun ja, Verband drauf und das war es dann…. Nein, auch wenn das nicht das Thema des Buches ist, das kann ich mir so nicht vorstellen. Giordano erzählt hier ein Krankengeschichte und niemand merkt es. In gewissem Sinne missbraucht er seine Hauptpersonen, um ein Bild zu finden für die Einsamkeit des Menschen in seiner Welt, in der er anderen nahe kommen, sie aber nicht erreichen kann. Es ist aber nicht Einsamkeit, die er beschreibt, sondern Krankheit, seelische Verletzung zweier Menschen, die die Unfähigkeit nach sich zieht, wirkliche Nähe zu anderen zu finden. Und daß Alice und Mattia selbst sich zueinander gezogen fühlen, liegt einfach daran, daß sie sich so ähnlich sind und sie sich daher verwandt fühlen in in der Menge der Menschen um sie herum, die ihnen fremd ist. So ähnlich wie man es manchmal erlebt, wenn man weit weg von zu Hause auf Menschen trifft, die (relativ gesehen) aus der Nähe kommen: man hat sofort einen Bezug zu ihnen, mehr jedenfalls als zu den Fremden, unter denen man sich aufhält…..

Facit: „Die Einsamkeit der Primzahlen“ ist ganz sicher ein gutes, lesenswertes, nachdenkenswertes Buch, das für mich aber diesen einen, erwähnten Schönheitsfehler hat, der die Gültigkeit dessen, was Giordano uns sagen will, doch stark relativiert.

Links:
- eine Buchvorstellung im NDR mit Audio
- Wenn jemand ein wenig mehr über Primzahlen erfahren will….

Paolo Giordano
Die Einsamkeit der Primzahlen
Karl Blessing Verlag, August 2009, HC, 368 S.
ISBN-10: 3896673971
ISBN-13: 978-3896673978

Helene Wesendahl kann Realität und Traum nicht mehr unterscheiden, sie ist orientierungslos in Zeit und Raum. Sie hatte ein Aneurysma im Gehirn, die schwere Operation überlebt sie, aber nach dem Aufwachen befindet sie sich in einer Art Zwischenreich ohne Kontrolle über sich, ihren Körper, ihre Erinnerung und ihre Sprache. Sie dämmert oft vor sich hin, muss gepflegt werden und nur ganz allmählich gelingen erste kleine Schritte auf dem Weg zurück in ihre Selbstständigkeit.

nicht sterben

Schmidt schildert in ihrem Buch sehr intensiv, mit einer stark ausdifferenzierten Sprache den Weg Helenes zurück ins Leben. Es ist eine Entdeckungsreise in Helenes Vergangenheit, die sich ihr nur ganz allmählich bruchstückhaft wieder enthüllt, ihr oft urplötzlich beim Anblick von Gegenständen oder ähnlichen Gelegenheiten wieder einfällt.

Matthes, ihr Mann besucht sie regelmäßig und treu. Aber es war was mit ihnen…. wollte sie ihn nicht verlassen, hatten sich nicht ihre Wege getrennt? Und welche Rolle spielte die Transsexuelle Viola für sie? In den langen Stunden im Krankenhaus, in der Klinik versucht sie, ihr Leben zu rekonstruieren, einen Stein nach dem anderen wieder zusammenzusetzen zu einem kompletten Lebenslauf. Doch immer wieder bleiben Lücken, die zu schließen ihr nicht gelingt.

Mühsam ist der Weg zurück, sie kann sich nicht konzentrieren, und auch, als es mit dem Sprechen wieder besser geht, kann sie nur ein, zwei Sätze im Voraus denken, ihr „Kapazitätsproblem“. So läßt sie oft die anderen reden, deren Worte plätschern an ihr vorbei, während sie die Gedanken schweifen läßt oder einfach nur leer, erschöpft ist. Schriftstellerin ist sie, in der Klinik erfährt sie, daß ihr zweites Buch gerade erschienen ist. Ihr zweites Buch und jetzt ist sie sprachlos, muss der Bedeutung der Worte mühsam nachgehen…

Ihr altes Leben – zum Teil ist es ihr fremd. Die Wichtungen haben sich verschoben, auch ihr Verhalten ist nicht mehr das vermittelnde, besänftigende der alten Helene Wesendahl. Selbstbewusster ist sie geworden, auch entschiedener, was ihre eigenen Interessen angeht. Ist sie das noch, deren Leben in der Erinnerung jetzt wieder aufersteht, von ihr seziert wird in seiner Bedeutung?

Den Leser führt Schmidt ganz konsequent und eng durch dieses rekonstuierte Leben, ohne Schnörkel und Umwege, klar und sehr differenziert breitet sie aus, wie ein Mensch, dessen Einheit durch eine Krankheit zerstört wurde, wieder alles lernen muss, essen, laufen genauso wie denken. Nicht Mitleid zu erregen ist ihr Anliegen, sondern einen mitzunehmen, das Geschehen mit“denk“bar zu machen, nachfühlbar. Und so beschreibt sie einfach mit zum Teil wunderschönen Wortbildern, reflektiert und analysiert ohne zu werten.

Aus vielen Augenblicken, die derart erscheinen, setzt sich so langsam der Lebenslauf der alten Helene Wesendahl zusammen, in dem Maße, in dem diese auch ihr neues Leben immer besser meistert, immer selbstständiger wird. Es ist der Prozess einer körperlichen Wiederherstellung und einer seelischen Reifung, den Helene durchläuft und besteht, der angefangen hatte mit diesem komischen Schnippen im Kopf und der Gewissheit, die sie hatte und die sie nicht sonderlich aufregte, daß sie stirbt. Aber sie starb nicht.

Facit: kein einfaches Buch, das man so nebenbei runterlesen kann. Aber ein sehr lohnendes.

Link: Ein Interview mit der Autorin

Kathrin Schmidt
Du stirbst nicht
Kiepenheuer & Witsch; Februar 2009, HC, 347 S.
ISBN-10: 3462040987
ISBN-13: 978-3462040982

Rafael Arozarena: Mararia

Oktober 17, 2009

arozarena

Lanzarote, die Feuerinsel nah der afrikanischen Küste – über Jahre hinweg hatte ich dort Urlaub gemacht, die Insel (soweit es einem Touristen ohne Spanischkenntnisse möglich ist) erkundet und mit dem Rad durchfahren (wer mag, kann sich einige Bilder aus dieser Zeit anschauen. Mittlerweile ist die Seite ziemlich alt und man sieht es ihr an, egal….). So weckt ein Roman, der auf dieser Insel spielt, diese Insel zum Thema hat, seltsame, heimatliche Gefühle in mir. Natürlich, das Lanzarote der 30er Jahre, in denen der Roman spielt, hat wenig zu tun mit dem der Jahrtausendwende. Der Dorfplatz von Femes ist schon längst nicht mehr bloßer Boden, sondern asphaltiert, schaut man vom „Balkon“ hinunter in die Ebene macht es Der Dorfplatz von Femes kaum Mühe, Playa Blanca zu finden, denn mittlerweile erstreckt es sich über die gesamte Südküste und auch am Wochenende kommen kaum noch die Seeleute hoch nach Femes, um den Wein aus Uga zu trinken, sondern es sind die Touristen, die dort einfallen, die aus dem Ausland, aber auch die einheimischen, die auf Lanzarote ihr Wochenende verbracht haben.

Blick auf den Atalaya

(Die beiden Bilder sind aus dem heutigen Femes, aufgenommen am Dorfplatz, an der Kirche….

Die Gaststube, die Arozarena schildert, in der sein Erzähler sitzt und den Geschichten lauscht, ich habe sie vor mir. Natürlich ist auch sie mittlerweile geweißt, eingerichtet und nicht mehr mit der beschriebenen zu vergleichen – aber trotzdem. Vor meinem Auge spielt sich alles hier ab…..

Aber zum Roman… Er spielt wie schon erwähnt, in den 30ger Jahren. Eigentlich würde ich das Buch nicht als Roman bezeichnen, es ist eher einen Sammlung von durch eine sehr lockere Rahmenerzählung zusammengehaltenden und verbundenen Geschichten, Anekdoten, Erinnerungen rund um eine als Person weitgehend im Dunkeln bleibenden Frau, Maria. Diese ist eine Schönheit, weitberühmt und die Männer wollen sie allen für sich erobern. Aber sie erhört keinen, unterwirft sich nicht den Sitten und Gebräuchen. Einen Fremden nimmt sie mit, am Festabend und dieser verläßt erst am nächsten Tag ihr Haus, er wird in Händel verwickelt, die die Eifersucht produziert und kehr nie wieder nach Femes zurück. Einen fahrenden Händler, einen Araber, der ihr den Hof macht, den will sie ein paar Monate später heiraten. Aber dieser überlebt die Eifersucht der jungen Männer im Ort nicht.

Maria hat kein Glück im Leben, die Männer, denen sie sich anvertraut, enttäuschen sie, belügen sie. Auch wenn sie sich zu rächen weiß, für die Menschen wird sie immer mehr zu einer Unheimlichen, eine Räbin, einer Hexe…. niemand weiß, wo sie hingeht, wo sie herkommt, man hört sie nicht gehen, zu schweben scheint sie über dem Boden….

Dies sind die Geschichten, die der Erzähler, und man kann davon ausgehen, daß dieser mit dem Autor identisch ist, im Dorf und auf seinen Spaziergängen hört. Viel tragisches ist darunter, menschliche Schicksale, die aber gottergeben getragen werden. Und in all den Geschichten schwingt eine unheimliche Ebene jenseits der sichtbaren Realität mit. Dies ist nicht verwunderlich, Lanzarote ist heute noch ein stille Insel, ein Ort, der (meidet man die Zentren) dem Wind, der Sonne, dem Sand und den Steinen gehört. Mit diesen muss man sich anfreunden, will man die Insel lieben. Und wie überall, wo die Natur eine gegebene Einsamkeit aufweist und Schroffheit, vermutet man Übersinnliches, verheißt der schwarze Vogel Unglück und ist sowohl die Hand Gottes wie der Atem des Teufels zu spüren. Schatten huschen wie Gespenster durch die Schluchten, Wolken stieben einer Herde wilder Pferde gleich an der Sonne vorbei. Felsen, von Vulkanen geschleudert, teilen sich des Nachts und entlassen geifernde Hunde und wildblickende Katzen in die Freiheit, die den müden Wanderer, der zufällig des Weges kommt, anfallen…..

Arozarena beschreibt und erzählt im schönsten Sinn des Wortes. Er scheut das Blumige nicht, die Ausschmückung, er erweckt die Feuerinsel zum Leben, man meint, die Dürre, die Trockenheit, die Sonne, den Wind, den Mond zu sehen, zu spüren.. Viele der Wege, die seine Figuren gehen bzw. fahren, kenne ich, ich kann sie begleiten, weiß wo sie hinfahren, wie es dort aussieht/-sah (?) Die Schlaglochpisten, mittlerweile fast ausgemerzt, sie haben auch meine Bandscheiben noch malträtiert, den Gang von Playa Blanca hoch nach Femes… diese elend lange Steigung … Die rollenden, vom Wind getriebenen Dornbüsche, die halbverfallenen Ruinen in den Einöden, die Sandstrände im Süden, die Salinen… Eidechsen huschen über die Steine, wenn man Glück hat, sieht man ein Kaninchen rennen und in der Luft einen Greif….

Am Schluss seines Buches sagt der Autor: „Die Insel ist wie eine Frau. Sie ist fruchtbar und diese Fruchtbarkeit muss sie vor dem Teufel verteidigen„. Nun, in diesem Sinne ist Maria ein Bild für die Insel Lanzarote selbst, schroff, unnahbar, abweisend. Aber wer sie liebt (kann man das überhaupt oder verfällt man ihr dann sofort?), der ist bereit, sich ihr hinzugeben, voll und ganz. Und Maria, die Insel, gibt dies zurück… wenn nicht, erschlägt sie einen, vernichtet sie mit ihrer Unnahbarkeit, ihrer Härte und ihrer Unbarmherzigkeit.

Mein durch Subjektivität getrübtes

Facit: eine wunderschön traurige Geschichte, in die man sich fallen lassen kann…..

Links:

lesenwerte Buchvorstellung
Aus den Verlagsangaben
Bilder aus Lanzarote

Rafael Arozarena
Mararia
Konkursbuchverlag Claudia Gehrke, 2009, Klappenbroschur, 256 S.
ISBN 978-3-88769-382-4

auto

Tom Shrift ist ein Versager. IQ-mäßig in Mensa-Regionen angesiedelt, dümpelt sein EQ in eher niedrigen Bereichen herum. Nicht seine Intelligenz und sein Wissen ist sein Problem, sondern seine steten Bemühungen, aller Welt dies ins Gesicht zu sagen, seine Unfähigkeit, mit der, mit seiner Wahrheit etwas zurückhaltend umzugehen. Da er ausserdem ein gewisses Maß von Agressivität für überlebensnotwendig hält (herrlich: dieser Nachbarschaftsstreit von ihm, der ganz im Hintergrund der Geschichte versteckt auftaucht…), wundert es kaum, daß sein Freundeskreis eher klein ist und auch seine berufliche Karriere nicht beispielhaft verläuft.

Auf der anderen Seite steht Jess Podorowski als Gegenfigur. Nach einem tragischen Autounfall ihres Mannes verwitwet, versucht sie alles, sich und ihre behinderte Tochter durchzubringen. So arbeitet sie als Politesse und verbringt einen großen Teil des Tages damit, die Beleidigungen und den Hass der von ihr mit Knöllchen versehenen Autofahrer auf den Straßen Londons in sich hineinzufressen. (Hierbei treffen sich auch Jess und Tom zum ersten Mal…) Sie ist zurückhaltend, schüchtern, das Dulden und Erleiden ist ihr zur zweiten Natur geworden.

Dritter im Bunde ist Hatch Back, Besitzer eines Autohauses, das er von seinem Vater übernommen, aber nicht wie dieser zum Erfolg, sondern mehr oder weniger in den Ruin geführt hat. Ihm fällt als letzten verzweifelten Akt zur Rettung seiner Firma via Aufmerksamkeit und Publicity eine haarsträubende Aktion ein:

Derjenige, der am längsten mit seiner Hand einen von ihm ausgelobten schicken Landrover berührt, bekommt diesen als Belohnung (Konsequenterweise sollte der Roman also eher „Hand aufs Auto“ heißen….).

Soweit in etwa der Plot der Geschichte, die McCarten uns erzählt. Und zwar tierisch gut! Man kann sich denken, daß die von Hatch initiierte Aktion ausser Jess und Tom noch eine ganze Reihe anderer, mehr oder weniger gescheiterter Gestalten anlockt, die sich um das Auto scharren und nach strengen Regeln (alle 2 Stunden 5 Minuten Pause für eins der drei Dixis, Schlafen verboten, eine Hand immer am Auto) ihre Hand an/auf das Blech pressen.

Mehr will ich zum Inhalt des Buches garnicht sagen. Man kann sich ja vorstellen, das der Autor sich ein paar der Figuren herausgreift und sie charakterisiert, den Ex-Soldaten zum Beispiel, den ehemaligen Nachtwächter, auch Matt, den Jungen aus reichem Haus, der endlich mal nichts geschenkt haben, sondern etwas durch eigene Leistung verdienen will…. natürlich: einer nach dem anderen scheidet aus dem „Rennen“ aus, das McCarten über weite Passasen wie eine Art Kammerspiel schildert. Insbesondere der Schlafmangel fordert seinen Tribut, nur mit äußerster Willensanstrengung können ihm die Akteure entgegentreten. Immer stärker werden auch die körperlichen Beschwerden, die Schmerzen in den Gelenken, den Knochen, den Füßen.. Der Sieger bleibt über 5 Tage ohne Schlaf….

Was will der Autor uns mit seinem Buch sagen? Zum einen ist es natürlich spannend zu lesen, wie er diese Geschichte vor uns ausbreitet und entwickelt (der Stoff schreit geradezu nach Verfilmung…). Aber so wie die Schinderei der Protagonisten immer härter wird, so beschreibt er andererseits auch eine Art innerer Läuterung seiner Hauptfiguren Jess und Tom. Diese, durch den Wettbewerb aneinandergekoppelt, können sich nicht ausweichen und geraten immer wieder aneinander, sagen sich bisher ungehörte Wahrheiten. Könnten sie sogar stimmen? Innere Zweifel tauchen auf am bisherigen Selbstbild, die körperlichen Strapazen machen sie bereit, sich selbst in Frage zu ziehen. Ich will die Aktion nicht mit einer z.B. Meditationsübung vergleichen, aber der nach einigen Tagen herrschende absolute Ausnahmezustand, in den sie notwendigerweise geraten, wirft alles bisher als sicher und gegeben erachtete durcheinander und öffnet sie für neue Gedanken, neue Erkenntnisse.

Und ein zweites beschreibt McCarten: wie sich der Mensch, wenn er sich einer (auch einer so blöden Aufgabe wie dieser) verschreibt, selbst in ein Gefängnis begibt. Trotz der Qual, die sie durchstehen müssen, sind die letzten 4 Figuren nicht fähig, sich zu verabreden und gemeinsam den Wettbewerb zu beenden. Sie vertrauen einander nicht und sie sind nicht in der Lage, die Prioritäten neu zu setzen: sie wollen einfach um jeden Preis ihr Ziel erreichen. Ihnen bleibt gar keine andere Wahl. Aber welche Befreiung, wenn sie dann doch über ihren Schatten gesprungen sind, losgelassen haben (kennen wir dies nicht alle in etwas kleinerem Massstab?) Aber vielleicht ist es diese Eigenschaft, diese Hartnäckigkeit, die einige (natürlich nicht alle, wahrscheinlich sogar die wenigsten) Menschen haben, die äußergewöhnliche Leistungen überhaupt erst möglich macht: Weltumsegelungen, in Taucherflossen zum Nordpol und ähnliches….. und manchmal vllt sogar ganz sinnvolle Sachen, die Einzelne gegen den geballten Widerstand der Übrigen durchfechten.

Das sind für mich die beiden großen Themen des Buches. Aber natürlich bietet der Roman auch das „Übliche“: eine zarte Romanze, Lug und Betrug, das Scheitern von Träumen und den schon erwähnten Nachbarschaftsstreit…. gute, gut lesbare Unterhaltung eben. Und auch aus diesem Grund habe ich das Buch fast nicht aus der Hand gelegt und in einem Rutsch durchgelesen.

Facit: ein gutes Buch, spannend geschrieben, eine interessante Studie auch über menschliches Verhalten

Anthony McCarten
Hand aufs Herz
Diogenes, August 2009, HC, 319 S.
ISBN-10: 3257067305
ISBN-13: 978-3257067309

buchdieb

Ende der 30er Jahre des 20. Jhdts in Deutschland. Eine junge Frau reist mit ihrer jungen Tochter und dem noch jüngeren Sohn in der Bahn nach Molching, ein Städtchen in der Nähe von München. Es ist Winter und der Erzähler aus dem Off schildert, wie der kleine Junge stirbt, tot auf dem Bahnsteig liegt, wegtransportiert wird. Der Junge wird in diesem namenlosen Dorf begraben und im Schnee findet das Mädchen ein Buch, das Handbuch für Totengräber. Sie nimmt es an sich, es wird bald ihr wertvollster Schatz werden.

Mutter und Tochter müssen weiterfahren zu ihrem Ziel, der Familie Hubermann, Hans und Rosa, bei denen die Tochter die nächsten Jahre als Pflegetochter leben wird. Die Mutter – man erfährt nichts mehr über sie, außer daß sie Kommunistin war, wie der Vater auch. Ende der 30er Jahre braucht man nicht viel Fantasie um sich auszumalen, welchem Schicksal sie entgegenging.

Nach diesem einleitenden Kapitel schildert das Buch das Schicksal der Liesel Meminger, der Bücherdiebin, des Saumenschen, und das ihrer Pflegeeltern, ihrer Freunde und vieler anderer Menschen in der Himmelsstraße in Molching. Und es schildert einen Abschnitt im Leben des Max Vandenburg, eines Juden Ende der 30er Jahre in Deutschland, dem Hans Hubermann durch ein viele Jahre zuvor abgelegtes Versprechen verpflichtet ist.

Es ist müßig, die Geschichte des Buches zu erzählen. Es ist zum einen die ganz normale Geschichte eines Kindes in diesen Zeiten, das draußen auf der Straße Freunde hat, aber auch Feinde, das zu Hause mitarbeiten muss, um den kärglichen Lebensunterhalt aufzubessern. Es ist aber auch die Geschichte von Menschen in einem kleinen Städtchen, in dem der Nationalsozialismus einen immer größeren Anteil vom täglichen Leben beherrscht. Die Mädchen gehen in den JM, die Jungen in die Hitlerjugend. Bücher werden verbrannt (und gestohlen) und Liesel erhält eine, die einzige Ohrfeige von ihrem Pflegevater, die ihr beibringt, daß sie in der Öffentlichkeit nie, unter keinen Umständen, Kritik an irgendetwas äußern darf. (Oh, hätte sich Hans H. doch später selber daran erinnert….). Es ist angeraten, den Geburtstag von Hitler zu kennen, Rudi, der starrköpfige, unbeugsame Freund von Liesel kann davon ein Lied erzählen….

Juden… Juden werden durch das Städtchen .. getrieben muss man sagen, nach Dachau („… um sich dort zu konzentrieren…“ welch ein bitter Sarkasmus in dem Satz….). Ausgemergelte, des Laufens kaum noch fähige Gestalten, die gepeitscht und geprügelt werden von jungen Männern, fast noch Jungen, die sich zu Schergen gemacht haben. Soll einer sagen, er hätte von nichts gewusst…. und doch, ja, auch hier gibt es (selbstmörderischen) Widerstand…

Bombennächte und die Willkür des Todes, des Sterbens. Hunger, Angst, Schrecken. All das und noch viel mehr…. Soldaten sterben in der Kälte Russland, deutsche Städte werden in Schutt und Asche gelegt, die häßliche Fratze des Krieges wendet sich Deutschland zu. Und der Tod hat viel zu tun, sehr viel, manchmal wird es ihm zuviel. -zig Tausend Seelen muss er in manches Mal in wenigen Stunden abtransportieren, an vielen Orten wird er gebraucht, von manchem Verzweifelten wird er erwartet, herbeigefleht….

Lesen wir das Buch, wissen wir dies ganz genau, denn der Erzähler ist niemand anderes als der Tod selbst, der – auf seine Art – Liesel Meminger lieb gewonnen hat und ihr Leben verfolgt und beobachtet. Nicht, daß er sie bzw. ihre Lieben verschonen würde, nein, das tut er wahrlich nicht. Aber Liesel selbst und ihr Buch, darauf achtet er. Und ganz am Ende, am Ende des Buches und auch dem von Liesel, als er sich mit ihr trifft, um sie zu sich zu holen, da gibt er ihr ihr altes, in Kindertagen geschriebenes Buch zurück……

(Ich muss es zugeben, für diese letzten Seiten des Buches habe ich etwas länger gebraucht. Die Wort verschwommen zum Teil, die Buchstaben zerrannen vor meinen Augen als ob Wellen Wasser aufwühlen würden und der Untergrund zu verschwimmen anfängt…. doch, die Art und Weise, wie Zusak hier das Leben und das Leid schildert, ist sehr berührend.)

Was also ist das für ein Buch? Erst einmal ein dickes, vielleicht zu dick für Jugendliche, denen ich es sehr empfehlen würde. Nicht so sehr Faktenwissen, aber das Leben in Deutschland unter Hitler kann man dort nachlesen, in all seiner Nazi-Häßlichkeit aber ohne tumbe Verallgemeinerung. Es wird klar, daß jeder, der die Augen aufgemacht hat, was wissen konnte. Vielleicht hat er nie ein KZ gesehen, aber die Bücher hat er brennen gesehen, die Züge mit den deportierten Juden, die Judenkarawanen in die Lager, die zerschmissenen Scheiben jüdischer Geschäfte und die Sanktionen gegen alle, die bei der Judenhatz nicht mitmachten. Denn auch die gab es und Zusak beschreibt sie: die nicht mitmachten, die Juden versteckten, die sich lieber prügeln ließen, als Speichel zu lecken, die ganz einfach Mensch blieben in diesen Zeiten.

Das Buch verzichtet wie gesagt praktisch auf die Aufzählung von Fakten, es beschreibt Gefühle, Stimmungen, Emotionen und prägt sich daher viel stärker ein als es reine Daten können. Es ist einfach geschrieben, aber nicht primitiv, zum Teil schafft Zusak wunderschöne Sprachbilder („… Sie sang ein Lied, aber so leise, daß Liesel es nicht verstand. Die Noten wurden in ihrem Atem geboren und starben auf ihren Lippen. …„). Der Text ist sehr lesefreundlich strukturiert und die Idee, den Tod als Erzähler auftreten zu lassen, ist einfach nur genial. Mein …

Facit: also wird niemanden überraschen: ein tolles Buch, gerade auch für Jugendliche, für die sogar eine Extra-Buchausgabe existiert.

Markus Zusak im Interview: http://www.boersenblatt.net/189489/ ….
…und hier kann man, wenn es klappt, die ersten Seiten des Buchs lesen…

Markus Zusak:
Die Bücherdiebin
in verschiedenen Ausgaben
TB bei cbt oder im Blanvalet Taschenbuch Verlag, September 2009
ISBN-10: 3570306275 (3442373956)
ISBN-13: 978-3570306277 (978-3442373956)

Johan Theorin: Nebelsturm

Oktober 9, 2009

sturm

Theorins Buch wird als Kriminalroman bezeichnet, in Schweden sogar ausgezeichnet mit dem Titel des besten Kriminalroman des Jahres. Dies im Hinterkopf stellte sich mir beim Lesen immer deutlicher die Frage: was erwarte ich eigentlich, wenn ich einen Krimi lesen will?

Nun, zuvörderst wohl eine kriminelle Handlung, die auch möglichst als solche zu erkennen ist. Dann sollten Täter da sein, auf deren Motiv, auf deren Seelenlage der Autor eingeht, bzw. wenn es ein whodunnit ist, ein Ermittler, der die Spur aufnimmt zum Täter und ihn jagd, allen Widrigkeiten zum Trotz. Und es sollte in irgendeiner Art und Weise am Ende des Buches eine Auflösung stehen.

Wie nun verhält es sich hier im „Nebelsturm“?
Die kriminelle Handlung, nun ja. Bei dem Todesfall, der auftritt, vermutet man (schließlich ist es ja ein Krimi), daß es vllt doch nicht der Unfall ist, als der er beschrieben wird. Des weiteren, in einem parallelen Handlungsstrang, gibt es noch ein Einbrechertrio, das (leerstehende, aber nicht nur) Häuser aufsucht. Und unsere Hauptperson wohnt in einem Haus, einen einsamen zudem noch. Sollte da etwa…? Wird ferner – gewieft, wie man mittlerweile ist, kann man sich dieser Vermutung kaum verschließen – die Polizistin, die seit neuestem in der Gegend stationiert ist, diese dann treffen, verhaften? Und das am Ende noch während eines titelgebenden Nebelsturms, so ca. 30, 40 Seiten vor Ende des Buches? Beim Zeus: so könnte es sein!

Nein, als Krimi würde ich diesen spannenden und gut geschriebenen Roman nicht bezeichnen, auch wenn der schon erwähnte Todesfall eine durchaus zentrale Rolle spielt. Dieses Buch beschreibt viel eher Menschen und Stimmungen in einer winterlich herben Landschaft, der schwedischen Insel Öland [1, 2], die in diesem Buch, das gegen Ende des Jahres spielt, vor allem durch Wind, Regen und Schnee charakterisiert wird.

Im Zentrum der Geschichte steht der Hof Alluden in der Nähe zweier markanter Leuchttürme. Seinerzeit, als diese gebaut wurden, lief ein großes Segelschiff auf Grund. Alle Seeleute ertranken, aber aus dem Holz, das das Schiff geladen hatte, baute man das große Haus für den Leuchtturmwärter und seine Leute. Kein Wunder, daß es hieß, ein solcher Ort wäre von einem Fluch verfolgt, die Seelen der Seeleute würden keine Ruhe finden und den Hof heimsuchen.

Diesen, einst von vielen Menschen bewohnten und jetzt lange leer stehenden Hof also kauft ein junges Ehepaar, sie ziehen dort mit ihren beiden Kindern ein. Seltsame Träume nisten jedoch sich in den Menschen ein, das unheimliche Gefühl, nicht allein zu sein auf dem Hof. Oben, in der Scheune, finden sie eine Wand, in der die Namen all der Menschen eingeritzt sind, die auf dem Hof schon gestorben sind, und es sind nicht wenige… einen kleinen Andachtsraum finden sie und sie hören von der Sage, daß all die Toten des Hofes an Weihnachten zurück kommen ….. Es fällt schwer, auf dem Hof zu leben, vor allem, nach dem der Tod auch in der Familie Westin Besuch gehalten hat….

In Rückblenden erzählt Theorin uns die Geschichte des Hofes und seiner vielen Bewohner, parallel dazu flicht er mehrere Handlungsstränge (wie oben schon angedeutet), die er dann kunstvoll zusammenführt. Natürlich ahnt man früh, worauf das Ganze hinausläuft, aber trotzdem schafft Theorin es, die Spannung aufrecht zu erhalten und sogar immer weiter zu steigern. Daß dann am Schluss tatsächlich ein Kriminalfall aufgeklärt wurde, im Vorbeigehen sozusagen, spielt eigentlich kaum eine Rolle. Und auch, inwieweit die ganzen Spukgeschichten erfunden oder erlebt sind, läßt der Autor im Dunkeln. Es könnte so sein in den langen, dunklen, kalten Nächten des ölandschen Winters, es muss aber nicht…. denn Licht und Schatten, das Heulen des Windes, das Peitschen der Wellen kann die menschliche Phantasie täuschen….

Facit: ein packender, sauber geschriebener Mix aus Familien- und Spukgeschichte, sehr gut zu lesen. Will man dagegen einen echten Krimi lesen, sollte man zu anderen Bücher greifen.

Links:

[1] Öland – wo liegt es?
[2] was gibt es drüber zu sagen?
[3] Homepage des Autors: http://www.johantheorin.com/

Johan Theorin
Nebelsturm
Piper, September 2009. HC, 446 S.
ISBN-10: 3492050913
ISBN-13: 978-3492050913

volo

Michele und Federico sind seit Schultagen die besten Freunde, mehr als das. Und ihre Freundschaft hat die Zeit überdauert, auch als junge Männer verbringen sie ihre Zeit miteinander, gehen essen, trinken, haben Spaß und verführen Frauen. Doch irgendetwas gärt in Federico und eines Tages bricht es aus ihm heraus: dieses in oberflächlicher Routine ablaufende Leben reicht ihm nicht mehr, er hat das Gefühl, daß er das, was wirklich in ihm steckt, daß, was er wirklich kann, so nie herausfinden wird, weil er sich mit Belanglosigkeiten betäubt. Michele kann mit diesem Ausbruch seiner Freundes nichts anfangen, er versteht ihn nicht und tut ihn als vorgezogene midlife-crisis ab.

Federico ist eines Tages nicht mehr da. Ohne Ankündigung hat er seine Wohnung hinter sich aufgeräumt und ist gefahren, um sich selbst zu finden. Nach einigen Jahren kehrt der dann auf Besuch zurück und die Freunde treffen sich wieder. Federico erzählt von seinen Reisen und von seiner Freundin Sophie, für die er bei einem Juwelier ein Geschenk machen läßt. Er ist noch Federico und doch ist er ein anderer geworden. Das, was er suchte, hat er gefunden.

Kurz vorher lernt Michele Francesca kennen, eine junge Frau, die in einer Bar arbeitet. Er umwirbt sie, sie verlieben sich ineinander und werden ein Paar. Doch Michele kennt das, und er weiß jetzt schon, daß die Liebe zu Francesca schwinden wird, Routine wird einziehen und was wird dann werden? Und er hat recht, genau das passiert, Francesca und er, sie haben sich eines Tages nichts mehr zu sagen, sie trennen sich.

Für Michele läuft das Leben jetzt erst einmal so weiter wie er es gewohnt ist. Erst nach einem schlimmen Erlebnis wird er so aus seiner gewohnten Bahn geworfen, daß auch er alles hinwirft und auf den Spuren seines Freundes Federico einfach losfährt, ohne zu wissen, wie es weitergeht.

Das Buch beschreibt den Weg Micheles, den dieser geht, bis er sich selbst gefunden hat. Es enthält einige sehr schöne Passagen, in denen der Autor oder die Liebe zu sich selbst und zu anderen reflektiert, über Glück und Glücksichsein, über Selbstfindung und Persönlichkeit. Das Rezept dazu, das Volo beschreibt, klingt einfach: man muss nur aufhören, sich selbst etwas vorzumachen, sich selbst zu täuschen und zu belügen und in sich hineinhören, was die eigenen, eigentlichen Bedürfnisse sind. Sich nicht der Uniformität ergeben, sondern seine Individualität finden, Glück bei dem finden, was man macht, und nicht umgekehrt nach dem suchen, was einen glücklich machen kann. Ja, das klingt einfach, aber es ist schwierig umzusetzen, denn es heißt, loszulassen von allem, was einem „lieb“geworden ist, sprich, an was man sich gewöhnt hat, sich aus der Masse lösen, in der man sich gewärmt gefühlt hat und zu erkennen, daß dies alles nur Selbsttäuschung war. Es heißt eben, einfach losfahren und schauen, was man in sich entdeckt…..

Wie gesagt, das Buch von Volo enthält einige sehr schöne Passagen und Gedanken, über die man lange reflektieren kann und über die nachzudenken sich lohnt. Gegen Ende wiederholt er sich dabei für meinen Geschmack etwas zu häufig, manchmal klingt es fast so, als sei ein neuer Siddhartha in die Welt gestiegen…. zumindest fiel mir diese Figur von Hesse ein. Eine vollständige Wandlung der Hauptperson, die das Wesen der Dinge erkannt hat. Ein wenig übertrieben vielleicht, zumindest für meinen Geschmack.

Facit: Das der Autor gegen Schluss etwas zu viel des Guten schreibt, macht er durch die Schilderung der Selbstfindung von Michele mehr wie wett.

Fabio Volo
Einfach losfahren
Diogenes, August 2009, 285 S.
ISBN-10: 3257067321
ISBN-13: 978-3257067323

Wieder mal ein Buch, das sich (ich bekenne, auch durch das schöne Coverbild) wie aus heiterem Himmel in meine Hand verirrt hat und dort geblieben ist. Ein Zufallsfund, weder der Titel noch die Autorin waren mir bekannt. Aber einer dieser Funde, die man weiß Gott nicht bereut.

belli

Und schon mitten im Thema des Buches „Gott“. Belli nimmt sich der Schöpfungsgeschichte an, sie erzählt uns den Inhalt des Buches Genesis bis Kap. 4,16. Liest man diese Verse im AT, so kommen sie einem realitiv nüchtern vor, mehr wie ein Protokoll, eine Beschreibung, die sich an den wesentlichen Fakten aufhält. Belli war jedoch der Meinung, das könne nicht alles sein und hat so diese dramatischen Ereignisse um Adam und Eva ausgeschmückt, interpretiert und hier als Roman vorgelegt.

Die biblische Schöpfungsgeschichte ist wohl jedem bekannt. Gott schuf Himmel und Erde mit allem, was dort existiert und am Schluss den Menschen, Adam. „Und Adam schlug die Augen auf, betastete sich und wusste, daß er ein Mann war, ohne zu wissen, wie er es wusste.“ Adam betrachtet seine Umgebung, die Namen der Wesen, der Dinge ohne daß er weiß, woher er dieses weiß. Er spürt die Anwesenheit des Anderen, der ihn allezeit beobachtet. Frieden herrscht im Garten zwischen den Tieren untereinander und den Tieren und ihm. „Es fehlte ihm an nichts, und auch er schien niemandem zu fehlen. Er fühlte sich einsam.“ Und so schuf der Andere aus ihm heraus ein zweites Wesen wie ihn, ihm ähnlich, aber doch unterschiedlich. „Und er wusste, daß er Adam war und sie Eva. Sie wollte alles wissen.

Mit Eva läßt schafft Gott auch Frage nach dem Sinn, dem Grund. Er gab ihr den Wissensdurst, die Neugier, die Worte: Was und Wie, das Warum, Wieso, Weshalb. Adam akzeptiert das Sein, Eva will wissen, warum das Sein ist. Folgerichtig ist Adam der Ängstliche, der den Verlust fürchtet, das Risiko scheut, wo Eva die Chance sieht, Antworten zu bekommen (für die Adam noch nicht einmal die Frage hat….).

Eva trifft auf ihren Rundgängen ein Wesen, ganz zartgliedrig und groß, das ebenfalls sprechen kann, die Schlange. Sie wird von Belli nicht als das Böse beschrieben, sie ist im Gegenteil ein steter Begleiter von Elohim, wie der Andere jetzt benannt wird. Sie spricht die Wahrheit aus, auch wenn diese nicht immer verständlich ist, sie deutet und interpretiert Elohims Werk (mit durchaus kritischen Anmerkungen dazu), aber auch sie unterliegt seiner Macht – und leidet unter seinen Launen.

Mit der Schlange redet immer nur Eva, nie Adam. Und so wird auch Eva gewarnt vor der einzigen Einschränkung, die Elohim den beiden Menschen im Garten auferlegt hat:

„Was befindet sich außerhalb dieses Gartens? Warum sind wir hier?“
„Wozu willst du das wissen? Du hast doch hier alles, was du brauchst.“
„Warum sollte ich es nicht wissen wollen? Was macht es schon, wenn ich es weiß?“
„Elohim ist der Einzige, der es weiß. Wenn du dem Drang nachgibst, von den Früchten dieses Baumes zu essen, wirst auch du es wissen. Dann wirst du sein wie er. …. “ …. „Es ist ihm lieber, wenn ihr euch ruhig und passiv verhaltet…. Wissen weckt Unruhe und reizt zum Widerstand. Dann nimmt man die Dinge nicht mehr, wie sie sind, sondern versucht, sie zu ändern. ….

Natürlich, wir kennen diese Geschicht, Eva nimmt von der Frucht, die bei Belli übrigens eine Feige ist, kein Apfel. Aber Feige passt auch viel besser zu den Intepretationsmöglichkeiten der Geschichte… Sie hat eine Vision, sie sieht im klaren Wasser des Flusses, eine riesige Spirale sterblicher Wesen, Menschen, die sich vermehren, ausbreiten, Wunderbares schaffen und in Kriegen ohne Ende Blut vergiessen. Und es wird ihr klar, daß sie die Geschichte gesehen hat, die Geschichte, die nach den Worten der Schlange mit ihr beginnt. Denn den Menschen hat Elohim als einzigen Wesen seiner Schöpfung den freien Willen gegeben und die menschliche Geschichte kann erst beginnen, wenn der Mensch von diesem seinem freien Willen Gebrauch macht. Elohim scheute die Verantwortung dafür, alles ins Sein zu rufen, die Geschichte beginnen zu lassen. Elohim wollte, daß sie, Eva, diese Verantwortung übernahm.

Und Adam und Eva, die vom verbotenen Baum der Erkenntnis Feigen pflückte, sie selber aß und sie Adam und den Tieren auch zum Essen gab, wurden aus dem Garten vertrieben, bevor sie auch vom Baum der Unsterblichkeit essen konnten. Ein Erdbeben riss eine tiefe, unüberwindliche Schlucht auf, so daß ihnen die Rückkehr verwehrt blieb. Das Flehen der beiden erhöhrte Elohim nicht, noch liess er sich durch ihre Not erweichen.

Hier, ausserhalb des Gartens mussten sie alles lernen, nichts war mehr wie sie es kannten. Die Tiere flüchteten vor ihnen oder griffen sie an, kein Essen regnete vom Himmel und was sie aßen mussten sie wieder von sich geben und verscharren. Schauten sie sich an, überkam Begehren sie und sie verdeckten ihren Körper mit Blättern und Fellen. Sogar das Töten wurde notwendig zum Überleben. Ab und an sprach Eva noch mit der Schlange, auch sie war von Elohim bestraft worden und musste nun sich am Boden winden, aber da sie sein Begleiter war seit ewigen Zeiten, konnte sie im Gegensatz zu den Menschen darauf hoffen, irgendwann erlöst zu werden.

Der größte Teil des Buches beschreibt nun, wie Adam und Eva sich in ihrer Verbannung lernten zurecht zu finden, wie sie sich, ihre Körper, ihre Umgebung langsam kennen lernen. Sie lernen zu säen und zu ernten, zu jagen, Felle zu gerben, Vorräte anzulegen. Eva wird schwanger und gebiert ein Geschwisterpaar, Kain und Luluwa, kurze Zeit später dann Abel und Aklia. Diese wachsen heran und werden, obwohl von den selben Eltern gezeugt, zu ganz unterschiedlichen Menschen. Die Familie zerbricht Jahre später an Eifersucht und Liebe, die jenigen der Kinder, die ein Paar werden sollen, lieben sich nicht und die, die sich lieben, sollen kein Paar werden. Im Streit erschlägt Kain seinen Bruder und wird dann vertrieben in ein fernes Land … und hier endet das Buch von Belli….

Adam und Eva wurden aus dem Garten, dem Paradies, vertrieben. Nach der ersten Zeit bitterster Not und Kümmernis erkennen sie langsam, daß auch die Erde, auf der sie jetzt leben, eine Art Paradies ist: im Frühjahr wächst alles und gedeiht, alles ist üppig und voller Lebensfreude. Der Anblick ihrer Kinder läßt ihnen vor Liebe das Herz übergehen und all das, was sie schaffen und fertig bringen, füllt sie mit Stolz und Zufriedenheit.

Natürlich läßt das Buch und die Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies mannigfaltige Deutungen zu. Es ist im Grunde die Geschichte des Selbstständigwerdens, die jeder von uns am eigenen Leib, wenngleich in kleinerem Masstab, durchlebt (hat): vom Baum der Erkenntnis zu naschen (wobei das biblische „erkennen“ ja bedeutet, mit jemandem zu schlafen), heißt die Unschuld verlieren, das Kindsein hinter sich zu lassen, Verantwortung zu übernehmen, die eigene Geschichte in Gang zu setzen. Es ist ein notwendiges Ereignis im Leben, nur Paradies ist langweilig, es gibt kein gut und kein böse, nur das ewige Gleichmass. Dies hat Eva mit ihrem Ungehorsam aufgehoben, sie hat – vielleicht gar zur Freude Elohims, der gespannt zuschaut, was seine Schöpfungen (endlich mal eine, die ihn nicht langweilt….) aus ihrer Geschichte machen – gegen ihn aufgelehnt, ihre Unschuld verloren und dafür die Möglichkeit gewonnen, ihr eigenes Leben zu leben.

Facit: ein wunderschönes, poetisches Buch mit sehr vielen Anregungen und Gedanken…

Links: – die Nachkommen von Kain und Luluwa, üblicherweise weist die Genealogie von Adam und Eva immer nur die männlichen Nachkommen aus, mit wem die alle gezeugt wurden, wird nicht behandelt…..
- das Vorwort der Autorin und eine kurze Leseprobe

Gioconda Belli
Unendlichkeit in ihrer Hand
Droemer/Knaur, August 2009, HC, 304 S.
ISBN-10: 3426198525
ISBN-13: 978-3426198520

John Burnside: Glister

September 20, 2009

glister

Burnside entführt uns in seinem Buch in eine Landschaft, über die der Vierte der apokalyptischen Reiter hinweggefegt sein muss. In Schottland, eine Landzunge, in der sich Niedergang, Furcht, Krankheit und Tod angesiedelt haben. Die Wälder stehen voller dunkler, sterbender Bäume, der Boden ist getränkt mit todbringenden Flüssigkeiten, die Luft trägt mit jedem Atemzug das Verderben in die Körper der Menschen.

Was hier so ein wenig mystisch klingt, hat in Burnsides Roman einen ganz „einfachen“ Hintergrund: die Handlung spielt in einer Stadt, in der eine Chemieanlage angesiedelt war. Niemand der Bewohner kann so ganz genau sagen, was dort hergestellt wurde, Düngemittel, Pestizide, vielleicht sogar chemische Kampfstoffe, denn es gab auch Anlagenteile, Räume, von denen niemand wusste, wozu sie dienten. Dienten, weil die Fabrik stillgelegt ist und langsam verrottet und zerfällt. Ohne, daß es jemanden kümmerte, sind über viele Jahre hinweg giftige Substanzen in den Boden eingedrungen, in die Luft abgelassen worden und haben alles verseucht. Früh sterben die Menschen hier, krank werden sie an seltenen Krankheiten, desinteressiert, apathisch, sie resignieren, fallen dem Wahn anheim und „…manche Jugendliche schaffen es nicht einmal bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr.“

Die ehemaligen Chefs des Werkes leben etwas ausserhalb in einer schönen Gegend, die Arbeiter dagegen nahe bei dem ehemaligen Werksgelände. Die Kinder bleiben sich selbst überlassen, streifen in der Gegend herum, bilden Gangs oder bleiben Aussenseiter. Nie aber kommen sie aus ihrer Stadt heraus, sie bleiben in Innertown, so nennt Burnside seine Stadt, wie Fliegen auf einem Klebstreifen gefangen. Und trotz aller Häßlichkeit strahlt die Fabrik eine seltsame Faszination aus, sogar eine Schönheit muss man ihr zubilligen, nicht die Schönheit der Gärten und Häuser reicher Leute, aber die Anlage läßt immer noch erahnen, „..wie herrlich es gewesen sein muss, damals, in der guten, alten Zeit.“

Beherrscht wird diese Region von einem gewissen Brian Smith, der über seine Firma Regierungsgelder, die zur Entwicklung der Stadt fließen, verwaltet – mehr oder weniger korrekt. Aber er hat Macht und Einfluss, er korrumpiert und besticht, er kann seinen Willen durchsetzen und fast jeder ist von ihm abhängig.

In dieser Situation verschwinden dann nach und nach fünf Jugendliche, ohne daß man eine Ahnung hat, warum. Das heißt, Morrison, der Polizist, hat schon eine Ahnung, aber er ist ja abhängig von Smith und so bleibt er schön ruhig und macht nichts und ist sich seiner Feigheit wohl bewusst. Als Erklärung muss das Dürftigste herhalten: die Jugendlichen hätten es nicht mehr ausgehalten und seien einfach fortgegangen, um woanders ihr Glück zu suchen. Niemand, auch die Eltern nicht, stört sich an den Ungereimtheiten dieser faulen Ausrede…. Nur Leonard Wilson, ein Sonderling, 15jähriger Schüler, glaubt nicht an diese Erklärung, weil er weiß, daß sie nicht stimmen kann. Leonard ist anders als die anderen Jugendlichen, er liest für sein Leben gerne und er denkt… gleichwohl ist auch er fasziniert von der Anlage, durchkämmt sie auf seinen Streifzügen und zieht sich in sie zurück.

In großen Teilen des Buches wandern wir durch Leonards Gedankenwelt, er nimmt uns mit auf seine Reise voller Resignation, voller Wut und Zorn, auch voller Traurigkeit: „Dafür sind Schulen schließlich da. Sie trainieren uns in der lebenswichtigen Disziplin, machtlos zu sein.“ ist einer dieser Sätze, in denen diese ohnmächtige Wut über die realen Zustände in der Welt herauskommt, aber bei weitem nicht der einzige. Und immer wieder kreisen seine Gedanken darum, was diese Fabrik aus den Menschen gemacht hat, wie sie ihren Körper und ihre Seelen im Lauf der Jahre vergiftet hat.

Das Buch enthält auch eine Menge religiöser Elemente, Lichter, Erscheinungen, Tore, durch die man in eine andere Welt hineingelangt. Es ist dies insbesondere der Apparat, den der Mottenmann in der Fabrik baut, und der, wie auch immer, eine Art Erlösung verspricht.

In weiten Teilen hat mich das Buch an Pinols „Im Rausch der Stille“ erinnert. Was dort das Meer war ist hier die Landschaft mit der Fabrik, der Ort nämlich, der Unbekanntes, Gefährliches aber auch Erlösendes beherbergt oder verbirgt. Und ebenso wie Pinol führt Burnside seine Leser durch eine aus Gedanken errichtete Landschaft, durch eine Imagination aus Vorstellungskraft und Phantasie, durch eine einsame Welt einsamer Menschen. Es beschreibt eine Gesellschaft, in der die Sünde wohnt: „.. die Sünde der Unterlassung, die Sünde, unseren Blick abzuwenden und nicht zu sehen, was direkt vor unserer Nase geschieht. Die Sünde, nicht wissen zu wollen; die Sünde, alles zu wissen und nichts dagegen zu tun. Die Sünde, etwas auf Papier zu wissen, es aber nicht ins Herz vorlassen zu wollen. Jeder kennt diese Sünde…“

Facit: Die Frage zu beantworten, ob mir das Buch gefallen hat, fällt schwer. Die Gedankenmonologe sind oft lang und schwierig zu lesen bzw. nachzuvollziehen. Andererseits ist es eine fesselnde Lektüre, ein beeindruckendes, düsteres Bild einer Gesellschaft, die einfach immer nur wegschaut. Und den Schluss, den habe ich, wie ich zugeben muss, auch nicht so richtig verstanden…. das Buch läßt viel Raum für Interpretationen….

Links: http://www.sepa.org.uk/land/contaminated_land.aspx
Außer einer kurzen Kritik gibt´s hier einen podcast/Leseprobe zum Buch

John Burnside
Glister
Knaus, September 2009, 288 S
ISBN-10: 3813503496
ISBN-13: 978-3813503494

Joey Goebel: Heartland

September 13, 2009

Der umfangreiche Roman Goebels spielt in Bashford, einer kleineren Stadt im „..Mittleren Westen… das Herz der Nation, jener Landstrich, der während der westlichen Ausdehnung der USA einmal Grenzland gewesen war, das ehemalige Ende der neuen Welt, wo sich die weniger vom Glück begünstigten Siedler niederließen, weil alle begehrenswerten Küstenländereien bereits vergeben waren.“ Dort, in dieser Stadt hat die Familie Mapother durch den Anbau von Tabak und nachher auch durch anderer Geschäfte ein riesiges Vermögen zusammengetragen, das jetzt in Person ihres Sohnes John in die Politit eintreten soll. Zumal Elizabeth, die Mutter, einen prophetischen Traum hatte, der ihren Sohn als Messias sieht…. und mittlerweile scheint John, der ehemalige Alkie und „bekennende“ Soziophob auch dazu bereit. Aber so reich und einflussreich die Mapothers auch sind, demokratische Wahlsysteme haben (in ihren Augen) einen entscheidenden Fehler: „one man, one vote“. Auch die von ihnen wenig geschätzte Unterschicht darf wählen und aufgrund der großen Zahl ist sie sogar wahlentscheidend.

bluegene

Da soll nun Eugene („Blue Gene“), das schwarze Schaf der Familie einspringen. Blue Gene hat sich aus Gründen, die erst im Lauf des Buches herauskommen, von der Familie abgewendet und sozusagen die Fronten gewechselt: Wie der einfache Mann von der Straße steht er auf Wrestling, Monstertrucks, er liebt Tattoos und trägt mit eiserner Entschlossenheit unter seiner Basecap eine Vokuhila. Nach mehreren Jahren als Arbeiter bei Wal-Mart hat er sich kurz bevor die Romanhandlung einsetzt als Flohmarkthändler, der seine alten Spielsachen vertickert, selbstständig gemacht. Mit anderen Worten, wer, wenn nicht Blue Gene, könnte John bei den einfachen Leuten anpreisen und ihn, den weitgehend verhassten Arbeitgeber der Tabakfabrik, dort anbiedern?

Aus diesen Zutaten entwickelt Goebel eine Politiksatire, die all das enthält, was man schon immer über die amerikanische Politik zu wissen glaubte. Skrupellose Machtmenschen wie der Vater von John und Blue Gene, der als Arbeitgeber seine Leute gnadenlos ausbeutet und kein Mitleid kennt, mit John der von der Realität völlig überforderte Strohmann, der vorgeschickt wird, um dann an den Strippen der Hintermänner zu tanzen, die religiöse Komponente der amerikanischen Politik, der Heils- und Erlösungsgedanke, den die Mutter ins Spiel mit einbringt, es gibt den radikalen Red-Neck in seinem dumpfen, bedingungslosen Hass auf alles, was unamerikanisch ist, der auch bereit ist, über Leichen zu gehen. Und natürlich die weitgehend ahnungslose Masse der Menschen, die mit den hehren Begriffen von Freiheit und von den amerikanischen Werten, die die Jungs, sprich die Soldaten, in der Welt verteidigen müssen, geködert und geblendet werden. Dabei sind sie beschissen dran: haben keine Krankenversicherung, können sich keinen Arzt, keine Medikament, keine Operation leisten. Sie erhalten Hungerlöhne, fahren miese Autos, wohnen in miesen Gegenden…..

Blue Gene, läßt sich als Wahlkampfhelfer für seinen Bruder John einspannen. Er kann gut mit Menschen, schafft John Kontakte und macht ihn beliebt. Und auch er verändert sich in den Monaten des Wahlkampfes, sieht, was man mit Geld alles Gutes ausrichten kann. In gewissem Sinn versöhnt er sich mit seiner Familie, obwoahl man von Herzlichkeit nicht direkt reden kann. Zumindest versöhnt er sich, bis… tja, durch eine der vielen Ungeschicklichkeiten von John kommt das bestgehütetste Familiengeheimnis zu Tage und ändert schlagartig alles. Aber das verrate ich jetzt hier nicht….. ;-)

Facit: ein kurzweiliger Roman, dem eine gewisse Straffung/Kürzung vllt ganz gut getan hätte. Dann wäre aus einem guten Buch vllt sogar ein verdammt gutes geworden.

Joey Goebel
Heartland
Gebundene Ausgabe: 720 Seiten
Diogenes, 2009, HC, 720 S.
ISBN-10: 3257066945
ISBN-13: 978-3257066944