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Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden

Veröffentlicht in Bücher, Roman by flattersatz am Juli 22nd, 2008

Der 15jährige Kevin Khatchadourian (KK) gehört zu der kleinen, aber aufsehenerregenden Gruppe von Jünglingen, die eines Tages beschließen, mit ihrer Handfeuerwaffe in ihre Schule zu gehen, um dort Leben zu vernichten. Mal sind es mehr, mal weniger Tote, durch Kevin starben 11 Menschen. Im Verlauf des Buches erfährt man wieviele solcher, mehr oder weniger blutiger Massaker von Schülern in den USA verübt worden sind (ich gehe einfach davon aus, daß diese Angaben im Buch Fakten sind und keine Fiktion der Autorin)

Diese jungen Menschen vernichten das Leben derjenigen, die sie töten, sie zerstören auch das Leben der Verwandten der Ermordeten, der überlebenden Schüler, ihr eigenes Leben und auch das ihrer Eltern, ihrer eigenen Familie.

KK (Amerikaner tun sich schwer mit komplizierten fremdländischen Namen und lieben Abkürzungen) ist einziger Sohn von Franklin Pratchett und Eva Khatchadourian, die Familie ist gebildet, wohlhabend, Kevin war ein Wunschkind und die Eltern tun alles, um ihrem Kind eine gute Elternhaus zu geben.

In Briefen an ihren Ehemann analysiert Eva ihr eigenes Leben und das ihrer Familie. Sie versucht, Ursachen zu finden, Erklärungen, sie sucht nach einem Grund für die Ereignisse, sie fühlt sich schuldig und verzweifelt daran, daß sie nicht weiß, wieso.

Der Kinderwunsch bei Eva, einer erfolgreichen Unternehmerin (Reisebücher für Globetrotter) ist wenig ausgeprägt, die Schwangerschaft verläuft zwar komplikationslos, aber nicht harmonisch, da sich bei ihr keine Freude auf ihr Kind einstellt und sie es schon vor der Geburt als Beschränkung ihres eigenen Lebens spürt. Und auch ihr Sohn scheint nicht wirklich auf die Welt zu wollen (so reizt es einen, seine 14tägige Verspätung zu interpretieren), die Geburt ist langwierig und schmerzhaft und von der ersten Sekunde an sind Sohn und Mutter verfeindet: Eva empfindet keine Muttergefühle und Kevin weigert sich, an ihr zu trinken.

Es ist nicht so, als ob Eva sich keine Mühe gegeben hätte, eine gute Mutter zu sein, im Gegenteil, aber Kevin verweigert im Grunde alles. Ein völlig apathisches Kind, das weder spielen noch essen will, das boshaft ist (kein Kindermädchen kann auf Dauer gehalten werden, die meisten verlassen die Familie schon am nächsten Tag), das nicht sprechen lernen will und mit 6 Jahren noch in die Hosen macht. Dabei ist Kevin hochintelligent, nach tagelangem Bemühen von Eva, ihm das Zählen beizubringen (”eins, zwei…Kevin?” - “acht”) wird es ihrem Sohn langsam langweilig und er zählt ihr von 1 bis 100 in einem gleichförmigen Geleier alle Zahlen vor.

Für Kevin ist die Welt die materialisierte Sinnlosigkeit. Seine Existenz ist sinnlos, die Existenz der Welt hat keinen Sinn und daraus folgt für ihn, daß keine Handlung einen Sinn hat, kein Mensch - es existiert kein Sinn. Und wenn es keinen Sinn gibt, gibt es auch keine Grenzen, dann ist alles möglich, weil alles in der Sinnlosigkeit gleich ist. Dies ist in etwa Kevins Ansicht. Kevin kann z.B. nicht “bestraft” werden: ein Kind, das stundenlang das weiße Rauschen im TV anschaut (weil es für ihn genauso sinnvoll ist wie irgendein anderes Programm) ist gegen TV-Entzug resistent, das Wort “Lieblings-” (buch, essen, kleidung, freund, fernsehsendung, getränk etc pp) existiert für Kevin nicht, seine Welt wird durch das Wort “egal” definiert.

Je älter Kevin wird, desto schwerwiegender die Folgen des Destruktiven und Bösen in ihm. Derart steuert die Entwicklung von Kevin scheinbar unaufhaltsam auf eine Katastrophe hin. Hätte man diese Entwicklung erkennen können, stoppen können? Dies ist eine der Grundfragen, die sich Eva immer wieder stellt.

Eva Khatchadourians Einstellung zu Amerika ist infolge ihrer armenischen Abstammung kritischer als die ihres Mannes Franklin, der im realen Amerika immer die dahinter stehende Idee von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sieht. In gleicher Weise entschuldigt, verdrängt und rationalisiert er auch jede der Taten seines Sohnes, der ihn - auf seine ganz eigene Art und Weise - sein Leben lang zum Narren hält. Im Gegensatz zu seiner Mutter, die ihn durchschaut, täuscht er seinen Vater perfekt. Indem Shriver diese gegensätzliche Einstellung von Eva und Franklin an vielen Stellen herausarbeitet, weist sie deutlich die Bruchstellen der amerikanischen Realität hin. Dabei ist Evas Einstellung zu Amerika, die sie immer wieder durch ihre Erfahrungen in anderen Ländern überprüfen konnte, keineswegs durch Hass oder Abneigung geprägt, einzig dort wo ihr Mann einen naiven Idealismus zeigt, sitzt bei ihr ein kritischer Realismus.

KK sitzt zum Zeitpunkt des Briefeschreibens im Jugendgefängnis, Eva besucht ihr regelmäßig. Eine Annäherung der beiden bei diesen 14tägigen Terminen ist nicht zu sehen, im Gegenteil, Kevin scheint seine Berühmtheit zu geniessen, er nimmt in der Hierarchie unter all den gefangenen Jugendlichen eine hohe Rang ein. So enden die Gespräche zwischen ihm und seiner Mutter regelmäßig mit großer Frustration von Eva.

Das Buch ist kein einfaches, so fesselnd es zum Lesen ist, braucht man viele Pausen, um das Gelesene zu verarbeiten, zu verdauen. Es ist spannend geschrieben, wird keine Sekunde langweilig, dabei zeigt Shriver an manchen Stellen einen Sarkasmus, der einem das Lachen im Hals steckenbleiben läßt. Die Geschichte steuert für den Lesen unabänderlich auf ihr schreckliches Ende hin und auf den letzten Seiten, wenn Eva ihrem Mann in ihren Briefen dieses Ende schildert, ahnt man nicht, daß das Schlimmste für Eva noch aussteht - sofern das Grauen eines systematischen, planvollen Ermordens von Mitschülern noch zu “übertreffen” ist.

Wenn ich eine Kritik an dem Buch hätte, dann die, daß ich einfach nicht in der Lage bin, zu glauben, daß es ein Kind wie Kevin, das von der ersten Sekunde an sein Leben und seine Umwelt aktiv bekämpft, geben kann. So extrem ist Kevin, das personifizierte Böse, ich mußte an mehr als einer Stelle des Buches unwillkürlich an das von Linda Blair dargestellte Kind denken… es ist im Buch nicht erkennbar, ob die Figur des Kevin auf einer realen Gestalt beruht oder ob sie einfach Charakteristika solcher Attentäter unter einer Figur subsummiert, was ich abe eher vermute.

Facit: Ich wüsste nicht, wann mich das letzte Buch, das ich gelesen habe, so gepackt hätte wie dieses. Absolut empfehlenswert.

Lionel Shriver
Wir müssen über Kevin reden
List, Juli 2007
ISBN-10: 354860742X
ISBN-13: 978-3548607429

Andrea Maria Schenkel: Kalteis

Veröffentlicht in Bücher, Roman by flattersatz am Juli 14th, 2008

Die Handlung des “Romans” (mit ca. 150 Seiten scheint mir diese Bezeichnung etwas hoch gegriffen) spielt in München in den späten 30er Jahren. Ein Serienmörder bringt junge Frauen um, bestialisch, roh und grausam.

Das München dieser Zeit ist ein Sammelbecken junger Frauen vom Land, die dort der Enge und Armut des dörflichen Lebens entkommen wollen. Oft ohne Arbeit, Geld und Schlafplatz rutschen sie gegen eine Suppe, eine Brotzeit und ein Bett unmerklich in die Prostitution ab. Dies zeigt Schenkel am Beispiel der jungen Kathie Hertl symptomatisch auf.

Das Buch ist eher eine Dokumentation sozialer Umstände und der kriminellen Entwicklung eines Mörders denn ein Krimi. Der Schreibstil ist kurz und nüchtern, Wertungen werden unterlassen. Schilderungen von Vorgängen werden aus verschiedenen Gesichtspunkten wiedergegeben, zum Teil auch aus (fiktiven?) Polizeiprotokollen zitiert (Im Anhang ist ein kurzes Qellenverzeichnis zu finden). Die Sprache bemüht sich um Lokalkolorit, der Satzbau von Schenkel ist einfach, die Sätze durchweg sehr kurz und knapp, dadurch liest sich der Text manchmal etwas unrund. Ein Beispiel:

Kathie richtes sich auf in ihrem Bett. Sie sieht die Kleider über dem Stuhl. Den grünen Mantel und darüber das blaue Kleid, die Strümpfe. Alles, wie sie es am Vortag hingelegt hat, ehe sie in das klamme Bett schlüpfte. Reibt sich die Augen, gähnt. Weiß wieder, wo sie ist und wie sie herkam, am gestrigen Tag.

Das Buch läßt zwar keine Spannung aufkommen, der als Mörder verurteilte wird schon im einleitenden Kapitel hingerichtet. Daß es der titelgebende Josef Kalteisen ist, legt Schenkel in ihrem Buch nahe, gleichzeitig läßt sie aber auch einige andere Männer auftreten, die auch verdächtig sein könnten. Auch daß das (Haupt)Opfer Kathie Hertl ist, ist früh klar, unklar ist nur, wann und wie die Tat geschehen wird. Durch den neutralen, distanzierten und nicht wertenden Schreibstil der Autorin bleibt man als Leser immer in der Rolle des Beobachters, der nicht mitfühlt, sondern nur registriert.

Trotz dieser fehlenden Spannung ist das Buch aber nicht langweilig, aus der Distanz, in die Schenkel den Leser setzt, sieht man an vielen Stellen die Unausweichlichkeit von Entwicklungen und wie wenig Einfluss die Personen im Grunde auf ihr Schicksal haben, sofern sie erst mal - meist ohen groß zu überlegen - eine Entscheidung gefällt haben.

Facit: Mir hat die Art und Weise, wie Schenkel den Stoff aufgearbeitet hat, gut gefallen. Man darf halt nur keinen spannenden Krimi erwarten. Dafür ist es Schenkel aber m.E. gelungen, ein bischen von der Atmosphäre des Milieus, in dem die Handlung spielt, einzufangen.

Andrea Maria Schenkel
Kalteis
Edition Nautilus 2007
ISBN-10: 3894015497
ISBN-13: 978-3894015497

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T.C. Boyle: Talk Talk

Veröffentlicht in Bücher, Krimi, Roman by flattersatz am Juli 9th, 2008

Bislang kannte ich von Boyle ja nur zwei Bände mit Kurzgeschichten, die mir zum Teil sehr gut, zum Teil auch etwas weniger sehr gut gefallen hatten. Immer jedoch waren die Stories ausgefallen, skurril und fielen aus dem Rahmen des Üblichen (was mir immer gefällt), so daß ich auf diesen Roman von ihm doch gespannt war.

Die Handlung ist recht einfach: Dana Halter, eine gehörlose junge Frau, wird nach dem Überfahren eines Stopschildes von der Polizei angehalten und nach der Personenkontrolle ins Gefängnis gebracht. Dort kommt heraus, daß unter ihrem Namen eine Vielzahl von Vergehen und Verbrechen begangen worden sind. Der polizeiliche Irrtum klärt sich auf, aber die in ihrem Stolz und Selbstbewusstsein tief gekränkte Dana begibt sich zusammen mit ihrem Freund Bridger, einem Spieleentwickler, auf die Suche nach dem “Dieb” ihrer Identität. Nach den ersten zwei Teilen läuft der Rest des Buches auf das Zusammentreffen der Gegner hinaus. Mehr will ich vom Inhalt jetzt aber nicht verraten.

Gottseidank widersteht Boyle der Versuchung, die Aufklärung der Personenverwechselung im Gefängnis länger hinauszuschieben. So sitzt Dana von Freitag bis Montag ein, unter Alkoholikerinnen und Prostituierten, die sie nicht versteht und gegen die sie sich nicht wehren kann. Diese wenigen Tage reichen aber völlig, um sie zutiefst zu demütigen, ihr ihre Würde zu nehmen und sie hasserfüllt in die Welt zurück zu schicken.

Boyle läßt des öfteren den Zufall spielen, wenn er seine Geschichte fortsetzen will, einiges ist für mich schlicht und einfach etwas arg weit hergeholt: der notorische Identitätsräuber will ausgerechnet an den Ort zurück, an dem er vor seiner Karriere lebte (und wo er im Grunde sicher damit rechnen muss, früher oder später erkannt zu werden). Auch das Dana und Bridger nie ernsthaft erwägen, die Polizei einzuschalten, obwohl sie wissen, wie gefährlich ihr Feind ist, ist meiner Meinung nach nicht besonders glaubhaft. Stattdessen verfolgen sie ihn über mehrere Wochen durch die gesamte USA.

Von den dargestellten Personen zeichnet Boyle den “Dieb” William Peck am plastischsten, seine beiden Verfolger sind deutlich weniger strukturiert. Warum Boyle mit Dana eine Gehörlose schildert, ist mir nicht klar, zum Gang der Handlung trägt die Taubheit Danas nichts bei und die Darstellung der Schwierigkeiten Gehörloser in der Öffentlichkeit beschränken sich im Grunde auf die Schilderung der zurückschreckenden Reaktion der Mitmenschen: “Huch, was ist denn mit der los, die ist ja komisch”. Vielleicht war es sogar eher sein Anliegen, zu zeigen, daß Dana selbst ihr Leben als Gehörlose annimmt und diese Taubheit nicht als Behinderung oder Verlust sieht.

So plätschert der Roman dahin, unterbrochen von einzelnen Episoden, an denen sich die beiden Parteien mal (räumlich) nahe kommen, bis dann gegen Schluss der lang erwartete Show-Down stattfindet, der nur Verlierer zurückläßt. Am stärksten, um das auch zu sagen, fand ich persönlich den ersten Teil, der die Verhaftung Danas und ihre Zeit im Gefängnis schildert. Aber das ist ja nun auch bezeichnenderweise eine Konstellation, die gut in einer seiner Kurzgeschichten gepasst hätte…

Facit: Diesem Buch Boyles fehlen die skurrilen Einfälle, die seine Kurzgeschichten so lesenwert machen. So ist es ein “normaler” Roman (Krimi), nicht besser oder schlechter als viele andere, die zwischen Buchdeckel gepresst sind. Ein schnell zu lesendes Sommerbuch…..

T.C. Boyle
Talk Talk
dtv 2008
ISBN-10: 3423210605
ISBN-13: 978-3423210607

Zur Information über das Rechtsproblem “Identitätsdiebstahl” in Deutschland ist hier ein interessanter Link:

http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/091/1609160.pdf

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Henning Mankell: Der Chinese

Veröffentlicht in Bücher, Krimi, Roman by flattersatz am Juni 22nd, 2008

Anfang 2006 ereignet sich in der schwedischen Provinz ein furchtbarer Massenmord, die Bewohner eines kleinen Dorfes werden bis auf zwei Ausnahmen brutal und grausam massakriert. Die örtliche Polizei steht vor einem Rätsel und tut sich mit der Aufklärung schwer, das Verbrechen geht natürlich auch durch alles Medien. Dadurch erfährt auch Richterin Brigitta Roslin davon und erinnert sich daran, daß ihre Mutter als Pflegekind bei einer Familie aus diesem Ort gelebt hat. So fährt sie zum einen nach Hesjövallen, um sich vor Ort zu informieren und gleichzeitig vertieft sie sich in ihre Familiengeschichte.

Da sie mit ihrem persönlichen Wissen (etwas klischeehaft) mehr “sieht” als die ermittelnde Polizei, gerät sie, ohne es zu wissen, auf die richtige Spur des Verbrechens, während die Ermittler selbst einen Tatverdächtigen präsentieren, der sich nach seinem Geständnis aber erhängt.

Soweit der kriminale Beginn dieses Romans, der dann im Grunde genommen erst in der Buchmitte und gegen Ende des Werkes weitergeführt wird. Im Buch selbst wird ein geographischer und zeitlicher Sprung vollzogen in das China des 19. Jahrhunderts, in dem das Schicksal dreier Brüder auf der Flucht beschrieben wird. Diese verschlägt es nach einer Entführung unter grausamen Umständen nach Amerika, wo sie sklavenähnlich beim Bau der Eisenbahnlinie eingesetzt werden. Und hier knüpft Mankell dann den Zusammenhang mit den aktuellen Massenmord, denn Richterin Roslin entdeckte irgendwo in den alten Unterlagen eine Art Tagebuch des Vorarbeiters des Bautrupps, in dem die Chinesen tätig waren.

Die Geschichte des letzten der Brüder wird ausführlich erzählt, er arbeitet in Amerika, bis er alle Schulden abgegolten hat und fährt dann in einer langen Reise wieder zurück nach China. Unterwegs trifft er Missionare, in deren Mission er lange arbeitet, bis er völlig von ihnen enttäuscht wird und sich gegen sie stellt.

Das Tagebuch dieses alten Chinesen ist erhalten geblieben und nun in den Händen eines der reichsten und mächtigsten Männer des neuen Chinas der Jetztzeit, der es zu seinem Vermächtnis gemacht hat. Wie der erzählerische Zufall Mankells es will, hat Richterin Roslin die Gelegenheit, mit einer Bekannten für ein paar Tage nach China zu fliegen, wo sie auch dann auch prompt weiter ihren persönlichen Spuren nachgeht und recht schnell und ohne daß sie es weiß, den für das Verbrechen verantwortlichen aufschreckt.

In China, so erzählt Mankell, sind verschiedene Einflussgruppen hinter den Kulissen miteinander am Ringen, welchen Weg China in Zukunft einschlagen soll, ob nicht vieles von dem, was in China gemacht wird, Verrat an den Idealen der jüngeren Vergangenheit ist. Und so widmet sich der Autor in Ausführlichkeit dieser Fragestellung, welche Rolle China für sich selbst in der globalisierten Welt sieht. Durch ein konkretes Projekt, mit der einer der miteinander ringenden politischen Flügen die Unruhen unter der Landbevölkerung bekämpfen will, nämlich durch die Umsiedlung von Millionen Bauern nach Afrika, gelingt Mankell dann auch noch der nahtlose Übergang auf das Thema “Afrika”, wo China ja in der Tat in den letzten Jahren beständig an Einfluss gewinnt. Bei diesem Exkurs auf den Dunklen Kontinent scheint mir die Beschreibung der Verhältnisse an manchen Stellen recht verklärend, die Darstellung von Mugabe als quasi Opfer einer Verleumdungskampagne der alten Kolonisatoren erscheint mir doch etwas verharmlosend, auch wenn man natürlich im Hinterkopf behalten muss, daß man ohne die Möglichkeit, persönlich Fakten zu überprüfen, leicht auf manipulierte Berichte hereinfällt. Aber im Fall von Mugabe scheinen ja doch auch genügend abgesicherte Fakten bekannt zu sein.

“Der Chinese”, im Klappentext als “atemberaubender Thriller” angepriesen, liest sich über weite Teile gut, aber als Thriller taugt er wenig. Der Massenmord in Hesjövallen und die Rolle, die Richterin Roslin darin spielt, ist spannend beschrieben, bis hin zum abschließenden Show-Down in London. Die Erlebnisse des alten Chinesen auf seiner Flucht, in Amerika und dann später zurück in China ähneln mehr einer Reisebeschreibung, die Reminiszenzen von Richterin Roslin und ihrer Bekannten an beider maoistische Vergangenheit habe ich schlicht und einfach zum großen Teil überblättert. Welche Rolle das moderne China in der globaliserten Welt spielt, nach eigenem Verständnis spielen könnte, dies darzustellen, scheint mir fast ein Hauptanliegen von Mankell zu sein, wobei seine Sympathien wohl eher bei den Gruppierungen zu liegen scheint, die sich auf die Wurzeln besinnen und nicht um jeden Preis der Globalisierung nachlaufen wollen.

So ist mein persönlicher Eindruck von dem Buch nicht eindeutig. Bereut habe ich das Lesen nicht, immerhin ist die Rahmenhandlung, der Krimi also, so spannend geschrieben, daß ich das Buch doch nicht aus der Hand legen wollte. Und die anderen Passagen? Verwässern den Krimi, aber waren für Mankell wahrscheinlich wichtiger als der Rest.

Facit: Fällt mir ein wenig schwer, aber daß ich in dem Buch einiges nur quergelesen habe, ist natürlich auch schon eine Art persönliches Urteil… im übrigen ist dies tatsächlich mein erster Mankell gewesen, ich kann ihn daher nicht mit den “Wallander”-Romanen vergleichen….

Henning Mankell
Der Chinese
Zsolnay, Mai 2008
ISBN-10: 3552054367
ISBN-13: 978-3552054363

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Karen Duve: Taxi

Veröffentlicht in Bücher, Roman by flattersatz am Juni 11th, 2008

husch.. gekauft und praktisch in einem Rutsch durchgelesen. Was einerseits heißt, daß das Buch gut geschrieben ist, der Inhalt kurzweilig und unterhaltsam. Andererseits bedeutet es aber auch, daß tiefere Erkenntnisse aus dem Buch nicht zu schöpfen waren (für mich), aber das muss ja auch nicht sein, der Alltag, das Leben, gut erzählt - hat ja auch was.

Die Ich-Erzählerin Alex Herwig bewirbt sich, nachdem sie die Arbeit bei einer Versicherung geschmissen hat, um die Stelle als Taxifahrer, mit wenig Illusionen, denn es war klar, daß dies eine Stelle war, bei der man jeden nimmt. Trotz ihrer Gedächtnisschwäche erhält sie einen Taxischein und die Stelle. Fortan schrumpft ihr Leben zusammen auf den Kosmos, den die Nachtschicht ihr bieten kann: ein Sammelsurium von mehr oder weniger gestrandeten Existenzen im Kreise ihrer Kollegen und eben die Passagiere, die sie zu befördern hat und die in ihrer Wertschätzung (wenn überhaupt) nur knapp über der von Schweinen liegen.
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Sie fährt bis zur Erschöpfung, schläft, fängt mangels anderer Gelegenheiten mit einem Kollegen ein Verhältnis an. Ihr soziales Leben verkümmert, im Winter sieht sie über Monate die Sonne nicht. Sie verloddert, läßt sich gehen in jeder Beziehung. Ihr Leben besteht nur noch aus Taxifahren und Schlafen, schon Einkaufen wird ein Problem. Die Wäsche wird noch zu Mutti gebracht und bei ihrem Freund bleibt sie nur, weil sie keinen Schwung hat, zu gehen.

Im Grunde ist im gesamen Roman Duves kein einziger sympathischer Charakter. Selbst Alex, die Fahrerin von “Zwodoppelvier” zeigt mehr negative als positive Eigenschaften. Ob es nun Dietrich ist, mit dem sie zusammenlebt, der sie aber nach seiner Vorstellung formen will oder Rüdiger, der bei jeder Gelegenheit über die natürlich Unterlegenheit der Frau gegenüber dem Mann schwadroniert, Sympathieträger treten in dem Buch nicht auf. Am ehesten kann man noch Marco nennen, den Kleinwüchsigen, mit dem Alex sich einläßt, ohne sich aber entschließen zu können, es ernst zu meinen. Oder Nusske, der am Ende des Romans noch eine kleine Rolle spielt und sich für den Taxiladen aufreibt.

Die Passagiere sind kaum anders. Betrunkene, Geizhälse, Schläger, Grabscher - die ganze Facette von Underdogs, die Duve hier in das Taxi von Alex einsteigen und dann von ihr durch Hamburg kutschieren läßt. Da Duve selbst lange Jahre Taxi gefahren ist, ist zu befürchten, daß hier auch ein gewaltiger, eigener Erfahrungsschatz mit eingeflossen ist (auch Alex versucht sich, allerdings mangels Selbstbewusstsein, erfolglos, im Schreiben). Im ganzen gesehen eine düstere Welt, die Duve schildert, so düster wie das Zimmer von Alex, in das durch die mit Vorhängen verschlossenen Fenster keine Sonne dringt. Die Bilanz ihres Lebens nach Jahren des Fahrens liegt bei einigen -zig Mark im Portemannaie, die kaputten sozialen Kontakte und ihre Lebensuntüchtigkeit nicht gerechnet.

Das Buch endet mit einer skurrilen Entführungsgeschichte, bei der Nusske endlich den ersehnten Totalschaden erhält und man hoffen kann, daß auch Alex (in gewisser Weise) jetzt die Kurve kriegt. Nicht verstanden? Dann müßt ihr doch das Buch lesen, ich verrat ja nicht alles.

Facit: Auf jeden Fall lohnt es sich, das Buch zur Hand zu nehmen. Wie beschrieben, es ist schnell durchgelesen. Und das ist positiv gemeint.

Karen Duve
Taxi
Eichborn Mai 2008
ISBN-10: 3821809531
ISBN-13: 978-3821809533

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Feridun Zaimoglu: Liebesbrand

Veröffentlicht in Bücher, Roman by flattersatz am Juni 9th, 2008

Der türkischstämmige Ich-Erzähler des Romans, David, überlebt einen Busunfall in der Türkei. Eingeprägt hat sich ihm eine Deutsche, die zufällig am Unfallort vorbeikam, anhielt und ihn versorgte. Der Ring an ihrer Hand blieb ihm im Gedächtnis, und das “NI” des Autokennzeichens. Dies ist die Ausgangskonstellation und der Roman selbst beschreibt, wie David sich nach dieser unbekannten Frau zu sehnen beginnt, sie zu lieben beginnt und sie besitzen will. Die Suche nach ihr ist eine Reise durch Seelenlandschaften, durch Gefühle, Fantasien, Erinnerungen, Vergleiche, durch Sehnsuchten und Verzweifelungen, durch Wünsche und Begehren. Nicht nur bei David, sondern auch bei den Personen, die im diesem Roman noch auftreten, bei Tyra zum Beispiel, auf die er seine Liebe projeziert, oder bei Jarmilia, die er in Prag kennenlernt (und die mir am sympathischsten von allen Figuren ist, und ich kann mir auch nicht vorstellen, daß Zaimoglu dieser Frau nur durch Zufall diesen Namen gegeben hat…).

David macht seine unbekannte Liebe ausfindig und es gelingt ihm (an dieser Stelle setzt Zaimoglu ganz kompromisslos auf den Zufall, der dem Suchenden zu Hilfe kommt…) auch, sie zu finden. Sie, Tyra, will jedoch von seiner Liebe nichts wissen, weist ihn ab - und auch wieder nicht. Sie geht auf Reisen, David reist ihr hinterher, an allen Stationen dient er sich ihr als Liebhaber an, und sie verweigert sich.

Der Ich-Erzähler breitet seine Gedankengänge, seine Eindrücke vor dem Leser aus, monologartig, sprunghaft und voller Zerrissenheit und Zweifel (aber wer schon einmal unglücklich geliebt hat, wird dies nachfühlen können..), er läßt sich von seiner Illusion, einen Mann, der so liebt wie er könne man nicht nicht erhören, treiben, erlebt Abenteuer, lernt dabei Menschen kennen, die mit ihren eigenen Problemen beladen seinen Kosmos kreuzen und aufrühren. Es gibt keine Lösungen, alles dreht sich immer im Kreis um dieselben Fragen und Probleme, dies alles geschrieben in einer eindringlichen, fesselnden Sprache voller schöner Bilder und Vergleiche. Ein Kreisel, so könnte man es beschreiben, Davids Gedanken bewegen sich im Kreis nur um dieses eine Ziel, Tyra zu umwerben, sie zum Lieben zu bringen. Er ist, in einer milden Form von dem Gedanken an sie “besessen” (es hat mich ein wenig an Ernaux erinnert, auch wenn es natürlich dann doch ganz anders ist…), nimmt alles, was nicht direkt zu Tyra gehört, nur am Rande wahr, es interessiert ihn kaum. Seine Liebe ist der Filter, durch den er alles wahrnimmt, beurteilt und bewertet. Sehr schön kommt dies hervor, wenn er auf entsprechende Kommentare seiner Freunde darauf besteht, Tyra (der er immer nachreist) nicht zu verfolgen, sondern ihr nur zu folgen.

Erwähnenswert sind auch die schönen Beschreibungen der Städte, in denen der Roman spielt, und hier besonders Prag, in der David (die Schauspielerin) Jarmilia als Fremdenführerin gebucht hat und mit ihr die Stadt durchstreift und erlebt. Aber auch Wien oder das kleinstädtische Nienburg nimmt in den Schilderungen Zaimoglus unverwechselbare Konturen an.

Facit: ein schönes Buch, das nachdenklich macht und einen in seinen Bann zieht

Feridun Zaimoglu
Liebesbrand
Kiepenheuer & Witsch 2008
ISBN-10: 3462039695
ISBN-13: 978-3462039696

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Sarah: Ich bin gekommen

Veröffentlicht in Bücher, Erotik, Roman by flattersatz am Mai 26th, 2008

Die 20 jährige Sarah, Philosphiestudentin, ist auf der Suche nach ihrem “la petite mort”, auf den sie in ihrem bisherigen Leben noch nicht gestoßen ist. Man kann nicht behaupten, sie gäbe sich keine Mühe, im Gegenteil stürzt sie sich voller Entdeckerfreue in das Abenteuer (körperlicher) Liebe hinein. Und den Leser läßt sie daran teilhaben, ohne die Derbheit und Deftigkeit mancher Situationen durch ihre Wortwahl abzuschwächen.

Ihre Suche ist lange vergebens, nun ja, sonst wäre das Buch ja auch schnell zu Ende. Die Gleichaltrigen oder nur wenig älteren Jungs und Männer können ihr (und man kann ihnen mangelnden Einsatz nicht vorwerfen) nicht helfen, die letzte Stufe bleibt für sie, nicht für ihrer Begleiter, unerklommen. Schon fast verzweifelt lernt sie aber irgendwann André kennen, einen älteren Mann, ihren “Alten Lover”, der sie an die Hand nimmt und mit dem sie dann nach vielen Stationen an das Ziel ihrer Wünsche gelangt. Eine Geschichte mit Happy End also, ich denke, soviel darf ich hier schon verraten…

So in etwa der Inhalt des Romans, der mich im Stil unwillkürlich an die alten erotischen Romane wie “Therese philosphique” oder auch “Gamiani” erinnert: die offengelegten Selbstzweifel, die geschilderten Gedankengänge der (fiktiven?) Ich-Erzählerin werden immer wieder unterbrochen von den handfesten Beschreibungen der praktischen Ansätze Sarahs, ihr Problem zu lösen….. Der Verlag findet dafür im Klappentext eine etwas seriöser klingende Formulierungsvariante: “…ein faszinierender Einblick in die zerrissene Seele einer jungen Frau, die sich den Weg freikämpft in ein Leben in ein Leben ohne Konventionen und Tabus.” Nun ja, so kann man es natürlich auch betrachten, aber ganz so tiefgründig wie hier angedroht ist das Werk dann doch nicht….

Natürlich habe ich auch in die Kundenkritiken bei amazon geschaut, die im wesentlichen negativ sind. Das Buch sei ein Fake (nun ja, auf welchen Roman träfe dieser Vorwurf nicht zu…), er bediene im wesentlichen Männerphantasien in der auch Art, in der Sex beschrieben wird (das ist wohl nicht zu leugnen, aber auch ein Allgemeinplatz, denn im Endeffekt richtet sich jedes Buch an ein bestimmtes Publikum, einen bestimmten Personenkreis), “Zielgruppe sind pädophile 60-jährige Männer mit Tochter-Komplex, und nicht Teens oder Twens die etwas über die spannende Entdeckung ihres eingenen und fremder Körper und den manchmal ratlos machenden Weg zum Orgasmus erfahren wollen.” Na hoppla, man kann dem Büchlein ja viel vorwerfen, aber nicht, daß es daher kommt und behauptet, es sei eine soziologische Studie… aber in dieser zitierten Aussage tritt natürlich ein anderes Phänomen zu Tage: der Leser erotischer Literatur ist automatisch jemand, der es nötig hat, der abartig ist oder es sonst sowieso nicht bringt. Ein Vorwurf, den ich übrigens noch kaum einem Krimiliebhaber (zur Erinnerung: in Krimis geht es um Mord, Schlechtigkeit, das “Böse” im Menschen) gegenüber geäußert gehört habe…. aber letztlich muss das jeder mit sich selbst ausmachen, ob er solche Bücher einfach nur “Bähh..” findet oder ob er sie als das nimmt, was sie sind: in Schrift gebrachte Phantasien wie viele andere Geschichten auch.

Facit: leichte Literatur, schnell zu lesen, kurzweilig. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Gewarnt sei nur der, der eine sexualwissenschaftliche Studie über das Gefühlsleben einer 20jährigen erwartet.

Sarah
Ich bin gekommen
Goldmann 2002
ISBN-10: 3442309980
ISBN-13: 978-3442309986

Stieg Larsson: Verblendung

Veröffentlicht in Bücher, Roman by flattersatz am Mai 7th, 2008


So, die knapp 700 Seiten sind geschafft, das Buch hat sich gut und leicht lesen lassen, in wenigen Tagen war es “durch”. Also auch keine Besorgnis mehr vor demnächst den nächsten beiden Bänden der Trilogie um die Zeitschrift “Millenium”.

Andererseits: als ich ca. in der Mitte des Buches war, also umfangsmäßig dort, wo andere Bücher schon dem Ende zugehen, fragte ich mich: was ist eigentlich bisher geschehen? Viel war es jedenfalls nicht, außer einleitendem Geplänkel, aber immerhin gut lesbar.

Worum geht es in dem Buch? Der integere Wirtschaftsjournalist Mikael Blomquist wird mit einer getürkten Geschichte über einen schwedischen Industriellen hereingelegt und muss nach seiner Verurteilung wegen Verleumdung die Redaktion seiner Zeitschrift verlassen. Arbeitslos geworden wird er von dem Patriarchen einer anderen, auf dem absteigenden Ast sitzenden Industriellenfamilie mit Enthüllungen über seinen Widersacher geködert und nimmt den Auftrag an, vordergründig eine Familienchronik der Vangers zu schreiben, in Wahrheit aber das rätselhafte Verschwinden von Harriet Vanger, daß mittlerweile 40 Jahre zurück liegt, noch einmal, ein letztes Mal zu untersuchen. Aufgrund der besonderen Umstände liegt sogar die Vermutung nahe, daß Harriet seinerzeit von einem Familienmitglied ermordet wurde.

Die Familie Vanger ist eine alteingesessene Familie mit einer Unzahl von Angehörigen, die Larsson uns zum großen Teil vorstellt, auch wenn sie mit der Handlung oder dem Fortgang der Geschichte nichts zu tun haben. Verstrickt in Nazi-Ideologien sind insbesondere die älteren Familienmitglieder keineswegs Sympathieträger, im Grunde ist kaum einer der Vangers als netter Zeitgenosse anzusehen. In diesem Umfeld sichtet Blomquist also die alten Unterlagen.

In einem zweiten Erzählstrang führt Larsson Lisbeth Salander in die Geschichte ein. Salander ist ein anorektisches, sozial inkompetentes Wesen mit erheblichen Defiziten, die unter Betreuung steht und stets unterschätzt wird. Sie arbeitet als freie Mitarbeiterin bei einer Sicherheitsfirma an Ermittlungen, die sie im wesentlichen durch Hacken von Computern, aber eben dadurch sehr erfolgreich, durchführt. Einschränkungen ihrer Arbeit durch Moral, Ethik oder gar das Strafgesetzbuch läßt sie nicht gelten, sie hat nicht nur ein fotographisches Gedächtnis und die Fähigkeit, Strukturen intuitiv zu erfassen, sondern eben auch ihre eigenen Regeln. So autistisch angehaucht Salander auch scheint, und so übertrieben eventuell ihre Fähigkeiten geschildert werden, ist sie für mich jedoch die interessantere der beiden Hauptpersonen.

In der zweiten Hälfte des Buches dann führt Larsson Blomquist und Salander zusammen und beide arbeiten jetzt als Team weiter. Natürlich (wie sollte es anders sein….) entwickelt sich nicht nur eine sexuelle Beziehung, sondern auch eine gegenseitige Sympathie, sogar Salander fängt an, Vertrauen zu Blomquist zu fassen.

Irgendwann findet Blomquist dann tatsächlich ein Detail auf einem alten Foto dieses Tages, das bis dato übersehen worden ist. Er verfolgt diese (und eine weitere) Spur und nach vielen Wirrungen kommt er der Lösung des Rätsels immer näher, bis er es schließlich in einer Art Show-down lüftet.

Und wie endet das Buch? Nun, die Bösen sind böse und verlieren, die Guten dürfen ein wenig böse sein, weil sie sonst die wirklich Bösen nicht fangen könnten, sind aber ansonsten gut und am Ende ist Lisbeth die Verliererin, weil der Larsson für sie kein Happy End vorgesehen hat, sondern sie mit einer Enttäuschung in den zweiten Band seiner Trilogie schickt. Irgendwie schade…

Facit: Sehr gut lesbar, kurzweilig und offensichtlich gab es auch Schweden Nazis. Warum das Buch Verblendung heißt, tja.. wer weiß das schon?

Stieg Larsson
Verblendung
Heyne, 2007
ISBN-10: 3453432452
ISBN-13: 978-3453432451

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Mikael Niemi: Der Mann, der starb wie ein Lachs

Veröffentlicht in Bücher, Roman by flattersatz am April 29th, 2008

Dieses Buch ist von allem etwas, ein Art Kriminalroman, eine kleine Liebesgeschichte, ein verbales Bilderbuch und - und das vor allem - ein Buch über die Sprache, mit der ein Mensch aufwächst.

Die Handlung ist einfach. Sie spielt im schwedischen Norden, im Tornedal (der Heimat des Autors), einer Region, die oftmals Zankapfel war zwischen Schweden, Finnland und Russland. Dort wird Martin Udde in seinem Haus auf recht brutale Weise ermordet, nämlich aufgeschlitzt wie ein Lachs. Die Stockholmer Polizistin Therese Forsness soll das Verbrechen aufklären. In den Hauptverdächtigen dieses Mordes, Esaias, verliebt sie sich, langsam und zögerlich wächst dieses Gefühl der Verbundenheit in den beiden sich so fremden Menschen.

Im Verlauf der Ermittlungen musste Esaias wieder freigelassen werden, man kommt aber nicht so recht voran. Über den Toten dagegen kommen langsam aber sicher immer mehr schlimme Details ans Licht und viele davon sind mit der Sprache der Menschen da oben verknüpft. Insofern ist Niemis Buch ein Buch über die Sprache der Menschen.

In seiner Heimatregion sprechen die Menschen ursprünglich ihre eigene Sprache, einen finnischen Dialekt, das “Meänkieli”, mit dem sie aufwachsen, in dem sie sich ausdrücken können. In Schweden wird jedoch schwedisch gesprochen und so wachsen viele Familien in absurden Konstellationen wie bei Eisaia auf: die Eltern reden untereinander Meänkieli, mit dem Sohn dagegen wird nur schwedisch gesprochen:

Er sollte ein echter Schwede werden, etwas, was ihr nie gelungen war. Schließlich war das Torndedalfinnisch ja ihre Muttersprache. In ihm hatte sich die Wärme befunden. Die Gefühle, die Intensität, die Nähe im Leben.

So tobt quer durch die Region ein zum Teil mit Verbitterung geführter Sprachenstreit. Die einen wollten normale Schweden werden, die anderen die Tradition bewahren, um ihre Identität nicht zu verlieren.

Aber auch als politische Waffe wurde die Sprache in der Vergangenheit genutzt. So unterstützte Russland im 19. Jhdt. die Ausbreitung der finnischen Sprache nach Westen und Süden, um in Schweden agitieren zu können und so: “..zu gegebener Zeit das Feuer in dem gesammelten Brennstoff zu entfachen.

Niemi malt wunderschöne Bilder mit seinen Worten. Wenn er die Landschaften beschreibt, die Menschen, ihre Gefühle, ihre Träume.. Bei ihm sind Kartoffeln bleiche Glühbirnen, die in sandbrauner Erde Kraft und Saft gesammelt haben, um sich auf dem Teller in eine dampfende Sonnenfrucht zu verwandeln, mit einer Schale, dünn wie Seide, einer frischen Süße, die Seligkeit hervorruft, einen Geschmacksrausch, die einen die Augen verdrehen läßt und mit geblähten Nasenflügeln schnauben…..

Liest man dies, meint man förmlich Geschmack dieser Kartoffeln auf der Zunge zu fühlen. Und mit ebenso schönen Bildern nimmt Niemi den Leser mit in seine Heimat, zeigt ihm die Seen, die Flüsse, die Wälder, die Tiere und die Menschen.

Ein Buch, in dem die Menschen im Mittelpunkt stehen, nicht die Handlung, obwohl es auch das eine oder andere Mal turbulent zu geht. Die Menschen sind Niemi wichtig, wie sie verwurzelt sind in ihrer Heimat durch ihre Sprache, wie sie unsicher werden, schwankend, wenn ihnen die Sprache genommen wird. Landschaft, Kultur, Sprache, Heimat und Mensch bedingen, formen sich bei Niemi gegenseitig. Wer das ignoriert oder verkennt, findet seine Mitte nicht.

Facit: Ein Lesespaß, der nachdenklich macht und Lust auf weitere Niemis

Mikael Niemi
Der Mann, der starb wie ein Lachs
btb Verlag, 2008
ISBN-10: 3442751985
ISBN-13: 978-3442751983

Tom Rob Smith: Kind 44

Veröffentlicht in Bücher, Roman by flattersatz am April 20th, 2008

Smith greift in seinem Buch “Kind 44″ den Fall des russischen Massenmörders Andrei Romanowitsch Tschikatilo auf, der von 1978 an bis zu seiner Verhaftung 1990 mindestens 53 Morde begangen hat. Im Mittelpunkt des Buches - und damit ist das Buch keine Rekonstruktion des Falles oder der Verbrechensaufklärung, sondern wird zu einer fiktiven Geschichte - steht jedoch nicht der Mörder oder seine Taten, sondern die Geschichte des Geheimdienstoffiziers Leo Demidows. Smith schildert die Wandlung Demidows vom linientreuen Offizier zum vom Staat mit allen Mittel gejagten Dissidenten, dies alles ausgelöst durch seine, der offiziellen Doktrin widersprechenden Überzeugung, daß es sich bei vielen offiziell aufgeklärten Morden, die bestimmte gemeinsame Tatmerkmale aufweisen, um die Taten eines einzelnen Täters handeln muss.

Die Handlung verlegt der Autor zeitlich zurück in die Endphase der Herrschaft Stalins mit dem Übergang zur Aera Chruschtschow (diesen Kunstgriff braucht er wohl, um halbwegs plausibel ein Happy End konstruieren zu können, das unter dem Regime Stalins mitnichten möglich gewesen wäre). Ferner fügt er der Geschichte auch noch eine persönliche Komponente hinzu, die aber erst auf den letzten Seiten deutlich wird.

Viel Mühe verwendet Smith darauf, die absurde Logik des Staates unter Stalin zu beschreiben. Es ist ein Staat, in dem Grausamkeit eine Tugend ist, in dem jeder erst einmal schuldig ist (schon ein unruhiger Schlaf kann darauf hindeuten, daß man Geheimnisse verbirgt und damit eine Denunziation nach sich ziehen). Es ist ein Staat, in dem man (wie Brodsky im Lauf des Romans sagt), vor der Polizei nicht wegläuft, weil man schuldig ist, sondern man wird schuldig, weil man wegläuft. Und weglaufen muss man, denn jede Festnahme ist gleichzusetzen mit Verurteilung und eine Freilassung aufgrund erwiesener Unschuld unmöglich, wäre es doch das Eingeständnis, daß der Staat sich bei der Festnahme geirrt hat. Und der Staat irrt sich per definitionem nie.

Da es in der sowjetischen Gesellschaft der Stalinzeit offiziell keine Verbrechen gibt, erst recht keine Massenmörder, wird der Verdacht Demidows als direkter Angriff auf den Staat gewertet. Er soll seine Loyalität beweisen, indem er seine Frau, deren Namen auf einer erpressten Geständnis auftaucht, denunziert. Dies verweigert er, mit den entsprechenden Konsequenzen: Degradierung und Verbannung in die Provinz. Aber auch dort stößt er auf “aufgeklärte” Morde nach bekanntem Muster und beginnt, so gut es geht, mit seinen Ermittlungen, was wiederum dem Geheimdienst und insbesondere seinem persönlichen Feind dort willkommenen Anlass gibt, ihn zu jagen. Und so flieht Demidow (einem Mr Kimble ähnlich) von einem Ort zum anderen, findet aber immer wieder Menschen, die ihm helfen und letztlich findet er den Täter. Und da mittlerweile Chruschtschow an der Macht ist und sich vieles geändert hat und die alten Kader alle ausgetauscht sind, darf Demidow am Ende sogar überleben und wird rehabilitiert.

Facit: Das Buch ist ein gut lesbarer Thriller, der sich bemüht, die innere Logik eines totalitären Unterdrückungsappartes zu beschreiben. Gegen Ende überstürzt sich alles ein wenig, auch das Happy End erscheint etwas konstruiert. Nichtsdesttrotz lohnt sich das Buch, spannend ist es allemal.

Tom Rob Smith
Kind 44
DuMont 2008
ISBN-10: 3832180567
ISBN-13: 978-3832180560

Links:

http://de.wikipedia.org/wiki/Andrei_Romanowitsch_Tschikatilo

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