Der britische Autor und Schriftsteller Ted Hughes war mir bis zu diesem Büchlein unbekannt – ich muss es bekennen. Was aber jedoch eindeutig bei mir liegt und nicht ihm angelastet werden kann; wie in seinem kurzen Lebenslauf nachzulesen ist [1], hätte er das Wissen um ihn verdient gehabt. Hughes verstarb 1998 im Alter von 68 Jahren. Sein eigenes Leben war selbst so voller Tragik, daß es Grundlage wurde für künstlerische Bearbeitungen.

Mit dem “Rüssel” liegt die Übersetzung eines seiner Kinderbücher (“Tales of the Early World“) vor, wie der aussagekräftigere Originaltitel sagt, ist es eine Sammlung von Geschichten darüber, wie die frühe Welt geschaffen bzw. geschöpft wurde. Es sind dies äußerst fantasievolle Geschichten, etwas skurril, etwas schräg, natürlich kommt Gott darin vor, aber auch dessen Mutter, die – sagen wir es ruhig – eher einer Hexe ähnelt als einem göttlichen Wesen. Überhaupt hat dieser Gott viele Ähnlichkeiten mit uns Menschen, was ja auch nicht verwunderlich ist, kann man doch nachlesen [2], daß er uns nach seinem Ebenbild geschaffen hat, er also so aussehen sollte wie wir…. und so sein. Und so ist es. In manchen Geschichten erinnert er fast an Dr. Emmett L. Brown [4], ein Bastler, ein Tüftler, ein Heim- nein, ein Weltwerker von ? Gnaden… allein die Stimmbox-Implantation, wie diffizil und empfindlich – und doch, wie schön im Ergebnis [3], wenngleich nur Abklatsch von etwas weit Größerem, das misslang….! Diese Nachtigall spielt ihre kleine, aber erfolglose Rolle bei der Erschaffung der Frau. Der Mann – ein Klacks. Ein bischen Ton geformt, drauf gehustet und schon sprang er ins Leben… aber die Frau… viel schöner als der Mann, aber sie blieb leblos… schließlich (wir können es ja jeden Tag sehen) konnte aber auch sie zum Leben erweckt werden, gleichzeitig mit ihr wurde die Pussy geschaffen (jetzt bitte keine falschen Assoziationen!). Touch me Tiger!

Wie kam der Löwe zu seinen Hunger auf Fleisch und was ist bei der Erschaffung des Papageis und des Pfaus nur schiefgegangen? Schließlich kann das doch so nicht beabsichtigt gewesen sein…. und dann diese kleine Malheurs, die Gott, dem Töpfer, hin und wieder unterkamen: ein wenig Ton in der Hand, ein lauter, unbeabsichtigter Atemzug und schon war – ja, was eigentlich? am Leben… und was fängt man damit an?

So erzählt uns Hughes in 10 kleinen Geschichten, warum zum Beispiel der Elefant zwar diesen ausufernden Haarschopf hat, aber ansonsten kein Fell am Körper, warum der Aal der lieblichste der Fische ist (ist er überhaupt ein Fisch oder doch eher eine Schlange?) und was es mit den kreisenden Bergen so auf sich hat. Und daß der Regenwurm eigentlich ein Betriebsunfall ist und wonach er sucht, so ewig wühlend in der Erde, auch darüber werden wir aufgeklärt…. Es ist ein Feuerwerk an teilweise irrwitzigen Ideen, mit denen der Autor aufwartet, egal, ob sich die Frauen einen Spielgefährten wünschen (nein, es handelt sich nicht um die Titelgeschichte) oder ob Gott alle seine Geschöpfe gegen einen schier übermächtigen Feind rüsten und ins Feld schicken muss….

“Der Rüssel” ist ein Kinderbuch und damit für uns Erwachsene auch schwierige Literatur. Müssen wir doch die uns mittlerweile eigenen Beschränkungen überwinden, die eingefahrenen Denkbahnen und -muster. Wir müssen offen sein für Assoziationen, für nie Gedachtes, für Überraschungen, für Fragen, die wir bis dato noch nie gestellt haben…

…so sind die Geschichten frech, ein wenig respektlos und doch voller Liebe zur Schöpfung, die einzelnen Episoden lesen sich gut und schnell, sie leben von den Dialogen, von den Gefühlen der Akteure. Mit hohem Tempo führt Hughes seine Fantasien aus, das Vorstellungsvermögen des Lesers wird hin und wieder ordentlich strapaziert. So ist das Büchlein mit seinen aberwitzigen Ideen und Szenen ein Heidenspaß mit durchaus nachdenkenswertem Hintergrund, denn ebenso wie Hughes´ Gott plant ja auch der Mensch und denkt, wie es sein sollte – allein, wie es dann wirklich wird, das ist noch lange nicht sicher…. und auch so manche Verhaltensweise kommt uns bekannt vor, finden wir sie doch sozusagen vor der Haustür unseres eigenen Ichs wieder.. aber wen wundert´s, sind wir doch nach seinem Ebenbild geschaffen, sprich: ihm ähnlich…..

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel über Ted Hughes
[2] siehe das 1. Buch Mose
[3] Beispiel für erfolgreiche Stimmbox-Implantation bei der Nachtigall
[4] Kennt den etwa jemand nicht?

Ted Hughes
Der Rüssel
und andere Geschichten vom Anfang der Welt
Originalausgabe: London, 1988
diese Ausgabe: Otto Maier Ravensburg, RTB Bibliothek, TB, ca. 160 S., 1991

Dagmar Fedderke: Couchette

14. November 2012

Angesichts der Hype, die sich um die “Shades of Grey” entwickelt hatte, habe ich mal wieder bei mir im Regal unter “F” nachgeschaut, “F” wie Fedderke: Die Geschichte mit A., auch eine Beziehung, die submissiv ist, welche, so wie ich denke, das neuere Werk qualitative weit übertreffen dürfte. Wie dem auch sei, ich habe mir bei dieser Gelegenheit ein anderes Büchlein der Autorin herausgesucht, daß ich schon lange nicht mehr in der Hand hatte, trotz des durchaus ansprechenden Covers….

In “Couchette” versammelt Fedderke 12 Geschichten, Episoden, bei denen es um die Liebe geht, um Momente, Augenblicke des großen oder auch kleinen Gefühls, das einen für eine zeitlang sprachlos mit Glück oder auch nur für einen Wimpernschlag mit Lust füllen kann. Es ist aber weniger der Sex, der hier im Vordergrund steht, es ist mehr die Erotik, das Knistern zwischen Mann und Frau, die Wechselwirkung und – last not least – sind es Reflexionen über das weibliche Selbstbewusstsein, das Frausein.

In ihrer Titelerzählung reist die erzählende Malerin im Nachtzug, sie sinniert über den Anblick der Aussenwelt in ihrer Unwirklichkeit, in der sie im vorbeihuschenden Zugfenster erscheint, lautlos, still, irgendwie irreal… Von den sechs Schlafplätzen sind nur drei belegt, sie geht nachts noch einmal auf den Gang, eine Zigarette rauchen, allein sein mit ihrem Gedanken. Sie ist nicht die einzige, die aufgewacht ist, ein junger Mann aus ihrem Abteil kommt ebenfalls auf den Gang, sucht die Toilette auf und bleibt dann im Abstand von ihr draußen. Sie flieht diese Gesellschaft, die sie stört und geht wieder in ihr Abteil, in ihre Nische, wartet, daß der Gang frei wird… dann hört sie, daß der junge Mann wieder in das Abteil kommt und sie spürt sich beobachtet, betrachtet, bestaunt, bewundert. Sie fühlt sich wie eine Frau auf einem Gemälde, hingestreckt auf einer Liege und von den Besuchern der Ausstellung ob ihrer Schönheit bewundert. Es wird zum körperlichen Gefühl, er erfüllt sie, streckt ihren Körper, sie streicht über ihn, über ihre Brüste, ihren Leib, ihre Beine… sie fühlt sich schön, begehrt von dem unbekannten Betrachter, den sie nicht sehen kann, der sie nicht sehen kann. Eine erregende Situation, der sie sich hingibt….

Am Ziel angekommen kommt sie mit dem jungen Mann aus ihrem Abteil ins Gespräch, gibt ihm ihre Karte und lädt ihn in ihr Atelier ein. Er kommt auch zu Besuch, eindeutig ist die Aufforderung der Frau, aber der Zauber dieses nächtlichen Moments im Couchette, den bringt er nicht mit… und so endet dieses Treffen mit einer Enttäuschung, der besondere Moment, der Zipfel des Glücks, der einen streift, wenn alles bereit ist, dieses Berührtwerden zu empfangen, ist nicht wiederholbar…

Gibt es diesen Blitzeinschlag, der durch einen einzigen Augenkontakt hergestellt wird, der einen Menschen stante pede aus seinem Universum herauskatapultiert und ihn die Verheißung, das Verlangen nachgehen läßt, ohne Reue, weil kein schlechtes Gewissen existiert? Unserer weiblichen Hauptperson, nicht mehr ganz jung, in glücklicher Ehe auf der -zigsten Honeymoon-Reise unterwegs, scheint dies zu passieren, im Eurostar, unter dem Wasser des Kanals entstehen auch andere Strömungen…

Das Fernsehen will ein Portraits mit ihr machen, Thema ist natürlich ihr Buch. Für diese Sendung, die sie in ihre eigene Vergangenheit zurückführt, soll sich die Autorin für eingestreute Clips noch einmal zurück verwandeln in die Frau von damals… sie sucht in ihren Schränken nach der  Wäsche, die sie damals trug, dem Corsett, den bestrapsten Strümpen, den Handschuhen.. und mit dieser Hülle kommt auch ein wenig das Gefühl wieder zurück… Beim Dreh kommt es mit dem Kameramann, der sie (es ist sein Beruf) sehr intensiv anschaut und wahrnimmt, zu einem sehr subtilen Spiel, sie wälzt sich, räkelt sich, geniesst das Gesehenwerden: “..Mir ist, als schmuse er, vereinige sich mit seiner Kamera über mir, meinen lasziven Leib….

Erotik, Sex ist das natürliche Bedürfnis des Körpers und damit auch des Menschen, es läßt sich nicht trennen. Es wird unterstützt durch Jahrtausende Kultur, die sich äußert in der Art sich zu kleiden, sich zu geben, sich zu benehmen. Gerade die Kleidung, die äußere Hülle ist ein wichtiges Requisit, das Sicherheit verleiht, Männer zu Bewunderung animiert: “.. Vous êtes ravissante, Madame….” , Sie sehen fabelhaft aus, sie sind hinreissend…. Natürlich sein bedeutet, sich wieder zurück zu bewegen in der Zeit, Tausende Jahre Kultur zu ignorieren… “Am liebsten habe ich dich, wenn du noch ungeschminkt und nicht zurecht gemacht bist!” Frau sollte dem nicht glauben….

Quel Malheur! Die zwei Kugeln, als Handschmeichler von der Freundin geschenkt bekommen, erinnern und rufen ins Gedächtnis zurück diese fernöstlichen Kugeln, nicht für die Hand gedacht…. eine nimmt ihr Körper in seine feuchte Höhlung auf, die zweite verweigert er genauso wie die erhoffte Wirkung der ersten… doch auch hergeben will er sie nicht mehr… Quel Malheur!, denn am nächsten Tag will sie doch mit ihrem Mann in Urlaub fahren, seit langem wieder mal Urlaub und – natürlich – die Blockade muss weg und der Mann, ihr Mann, soll davon auch nichts erfahren… ihrer Ärztin gelingt die Hilfe nicht, sie muss sie ins Krankenhaus, der Eile wegen in die Notaufnahme schicken, auch dort Probleme, eine richtige OP mit Narkose wird fällig, Komplikationen treten auf, starke Blutungen, ihr Körper, der nie Kinder auf die Welt brachte, will die Kugel nicht hergeben… und auch für sie, die nicht mehr ganz junge Frau, wird diese Kugel zu mehr, erinnert sie an ihre Abtreibung in frühen Jahren, gewinnt so Bedeutung für sie…

Fedderke beherrscht die Kunst, erotische Spannung aufzubauen, ohne daß sie dies verbal deutlich machen muss. Vergeblich wird man nach den üblichen Begriffen suchen, die normalerweise geschlechtliches und seine Werkzeuge bezeichnen, in diesen Geschichten sind Erotik und Sex integraler Bestandteil des Lebens. Fedderke reflektiert über diese Momente, über weibliches Selbstbewusstsein, über das Verhältnis der Geschlechter, über ihre eigene Rolle: “Wo bin ich zu Hause? In der Bügelfalte? Im Zug? Auf dem abgesoffenen Besenstiel im Katastrophenwasser?

Die Erzählungen dieses Büchleins sind in der Ich/Wir-Form geschrieben. Inwieweit sie autobiographische Elemente enthalten, wird die Autorin wissen.. jedenfalls ist die Erzählerin wie auch Fedderke Künstlerin, sie schreibt und malt wie diese…  ein häufiger Begleiter/Geliebter/”mon homme” der Hauptperson ist ein gewisser “Jack”, der ihr bei aller auch körperlichen Vertrautheit immer auch ein wenig fremd ist und bliebt, so wie auch sie, die Künstlerin, ihm.  Ihre Bilder z.b., die sie in ihrer Wohnung aufhängt, um ihm etwas von sich zu zeigen, nimmt er praktisch nicht zur Kenntnis… (was eine Freundin, bei der sie sich beklagt, in etwa so kommentiert: “Was ein kluger Mann! Er schweigt zu Dingen, von denen er nichts versteht…”). Ordnet sie sich ihm unter im täglichen Leben, nimmt sie bei aller Reflektiertheit auch die Rolle der Hausfrau an? Der Band enthält eine Geschichte, in der Fedderke die Vorbereitungen für eine Reise schildert. Ihr organisierter Jack widmet sich der seiner morgendlichen Hygiene und packt dann seinen Koffer mit den ausgewählten Sachen, während sie hetzt und eilt, um die Zutaten für das gemeinsame Frühstück zu besorgen, in einer genau ausgetüftelten Reihenfolge der Geschäfte, alles nach Hause schleppt, das Frühstück zurecht macht, versucht, die Sachen für den eigenen Koffer auszuwählen, zum Schluss noch Abräumen, Abwaschen, die Blumen in den Vasen entsorgen, während ihr Geliebter sich seinem Koffer widmet… Eine “verstörende” Szenerie (“Reisefieber”), die – obwohl sie keine sexuelle ist – in ihrem Rollenverständnis eher zu A. passen würde…

“.. fremd ist und bleibt” habe ich oben geschrieben. Es ist ein Element, das sich immer wieder findet in den Geschichten: trotz aller Nähe, trotz zusammen leben und – schlafen, es bleibt immer eine Restdistanz, eine Fremdheit bestehen… “…Wir sind uns sieben Jahre lang vertraut und fremd geblieben.” schreibt sie als letzten Satz einer ihrer Geschichten (“Schöner fremder Mann”)…. ist diese Fremde unvermeidlich zwischen Mann und Frau, wird immer irgendwo ein Bereich sein, den der andere nicht verstehen kann, in den er sich nicht einfühlen kann – und der vllt gerade deswegen einen immerwährenden Reiz, Anreiz bietet, an dem man sich reiben kann, um wieder zu entflammen? Wer weiß dies schon so genau….

Lassen wir an dieser Stelle, zum Schluss, der Autorin noch einmal das Wort oder die Antwort…..

Ich glaube, es ist das Element der Sehnsucht, die unerfüllt
bleiben muß. Vielleicht ist es das Rätsel, das Geheimnis, das
uns liebesfähig macht. Nicht der Erfolg. Nicht der Orgasmus.
Nicht das glühende Glück.

Dagmar Fedderke
Couchette
Konkursbuchverlag, HC, 192 S., 1998
Abbildungen im Text von Alexandre Dupoux und Berndt Milde

Dieses Bändchen aus dem Fischer-Verlag mit sieben Erzählungen Gordimers steht schon länger, nein, lange bei mir im Regal. Ich habe es jetzt wieder hervorgeholt, da die Südafrikanerin mit dem “gordimer lesen“-Projekt des Berlin-Verlages wieder in meinen Fokus geraten ist. Da die Erzählungen ausserdem noch aus der Zeit der Apartheid stammen, der aktuelle Roman dagegen eine Art Facit der nachrevolutionären Zeit darstellen soll, ist natürlich auch der Vergleich (soweit man diese kurzen Momentaufnahmen südafrikanischen Alltagslebens mit einem langen Roman vergleichen kann) von Interesse.

In “Sechs Fuß Erde” leistet sich ein weißes Ehepaar eine kleine Freizeitfarm ausserhalb der Stadt. Die schwarzen [1] Arbeiter wohnen in Hütten auf dem Farmgelände, so, wie es üblich ist. Eines Abends kommt einer der Arbeiter zum Hausherrn, um ihn um Hilfe zu holen, es gibt einen Kranken in den Unterkünften. Es ist ein Illegaler, ein aus Rhodesien [2] über die Grenze auf der Suche nach Arbeit Gekommener, ein entfernter Verwandte eines der Arbeiter. Er stirbt und es gibt eine Untersuchung. Die Angehörigen wollen ihren Verwandten, der schon von Amts wegen bestattet wurde, nach ihren eigenen Riten beerdigen…

Die Frau des indischen Ehepaares macht Vervielfältigungen für die Aufständischen, zu Hause, in der Wohnung, in der sie mit ihrem Mann und den vielen Kindern lebt. Aber eines Nachts steht die Polizei vor der Tür.. (“Ein Stück rubinrotes Glas”)

Der 11jährige Praise Besetse begleitet seine fast blinden Onkel beim Betteln auf der Straße. Dort trifft eine Miss Graham-Grigg auf die beiden, wird neugierig und hilft ihnen bei einigen Formalitäten. Besonders der Junge erweckt ihr Interesse, da er offensichtlich lesen kann, gelernt von den Werbeplakaten an den Straßenecken, an denen sie zum Betteln standen. Sie bringt ihn auf eine Schule. Paise erweist sich als sehr begabt und intelligent, im Gegensatz zur herrschenden Meinung, das Denken Schwarzer sei etwas Mechanistisches, eine Reihe bedingter Reflexe, zeigt er wirklichen Verstand. So wird er immer weiter gefördert und es gibt Hoffnungen, daß er der erster schwarze Rhodes-Stipendiat werden könnte… (“Nicht zur Veröffentlichung”)

In der Titelgeschichte erzählt eine Frau in mittleren Jahren die Geschichte ihrer Bekanntschaft mit einem geheimnisvollen Fremden, der eines Tages an der Tankstelle, bei der sie im Büro arbeitet, vorbei kommt. Langsam aber anscheinend unabänderbar dringt er in ihr Leben ein, er verabredet sich mit ihr, zieht schließlich zu ihr in die Wohnung, bleibt aber geheimnisvoll wie anfänglich. Immer stärker steigt Angst in ihr auf, ohne daß sie gegen diesen Mann ankommt. Seltsamerweise ist der einzige der ihre Situation anscheinend durchschaut Jake, einer der Schwarzen, die vorne an den Tanksäulen arbeiten. Und seltsamerweise erzählt sie auch ihm, dem Schwarzen, von ihren Ängsten…

In zwei Beziehungsgeschichten (“Liebende in Stadt und Land I und II”) widmet sich Gordimer den Auswirkungen des “Immorality Act” [2]. Der für eine große Firma arbeitende österreichische Geologe lernt eine hellhäutige (so hell, daß sie sogar lange im normalen Fahrstuhl “Nur für Weiße” fahren kann)  junge Frau kennen, die (es ist seit neuestem erlaubt) im Supermarkt an der Kasse sitzt. Die beiden unterschiedlichen Menschen kommen sich näher, dann eines Abends, pocht die Polizei an die Tür. Die Frau kann sich nur notdürftig verstecken, die Polizei durchwühlt Betten und Wäsche nach Spermaspuren, beide werden mit auf die Wache genommen und eingesperrt…

Der Farmersohn wächst inmitten der Kinder der Arbeiter auf, bis er sie dann aus den Augen verliert, als er zur Schule geschickt wird. Bei seinen Besuchen zu Hause trifft er aber wieder auf  Thebedi und es tut ihm gut, sie zu sehen. Sie machen viel zusammen, heimlich. Dann wird Thebedi von ihrem Vater verheiratet, nur wenige Wochen nach der Hochzeit bringt sie ein sehr helles Kind zur Welt…

Die Eingeborenendörfer leiden unter zwei Bedrohungen. Regelmäßig werden sie von weißen Soldaten und Polizisten kontrolliert und durchsucht, und genauso regelmäßig tauchen Fremde auf, Männer, die von der anderen Seite der Grenze kommen und die Bewohner bedrohen, wenn diese ihnen nicht helfen. Der Häuptling will seine Leute schützen vor den Fremden und geht zur Polizei.. (“Mündliche Nachrichten”)

Gordimer erzählt diese Geschichten bei aller menschlichen Dramatik, die sie enthalten, sehr unaufgeregt, lakonisch. Mir sind die Erzählungen von Ford und auch Carver in den Sinn gekommen, denen sie im Stil ähneln. Es sind Momentaufnahmen, Skizzen eines Systems, in dem Menschen als minderwertig definiert werden, in dem Menschen grundlegender Rechte beraubt worden sind. Hausdurchsuchungen, bei denen es vorwiegend auf verschmutzte Unterhosen ankommt, Fahrstühle, die nach Hautfarbe differenziert sind, eine Schulbildung, die das Wort nicht wert ist, Menschen, aufgerieben zwischen Ordnungsmacht und Aufständischen.

Gordimer bricht in ihren Erzählungen das politische System Apartheid auf konkrete Situationen im zwischenmenschlichen Alltag herunter. Es macht die Absurdität des Systems auf besonders drastische Weise deutlich, wenn z.B. die farbige Frau aus dem Bett des weißen Mannes in den Schrank springen muss, wenn es an der Tür pocht und die Polizei Minuten später die Bettwäsche durchschnüffelt…. Oft stehen Frauen im Mittelpunkt ihrer Geschichten, als klandestine Kämpferinnen an der Vervielfältigungsmaschine ebenso wie als heimliche Geliebte eines Weißen. Bis auf die letzte Episode enthalten die Texte kaum ein kämpferisches, protestlerisches Element, es ist so, wie es ist, man muss sich arrangieren bzw. die Konsequenzen tragen…. aber letztlich ist es doch der Kampf der Aufständischen, der das System zermürben und zu Fall bringen wird…

Links und Anmerkungen:

[1] Schwarz und Weiß: natürlich sind diese Begriffe politisch nicht korrekt. Aber welche soll man nehmen? Wenn etwas oder jemand als minderwertig klassifiziert wird, wird jeder Begriff, der ihn kennzeichnet, diese negative Konnotation übernehmen. Ich verwende die Kategorien Schwarz/Weiß, weil letztlich Gordimer es auch macht und weil es in Südafrika genau das Kriterium war, aufgrund dessen….
[2] Wiki-Artikel zum Immorality Act
[3] Wiki-Artikel zu Nadine Gordimer

Nadine Gordimer
Gutes Klima, nette Nachbarn
diese Ausgabe: o.J. (vor 1991), S. Fischer Verlag (Fischer Bibliothek), HC, 144 S.,

Lothar Schöne, der schriftstellerisch dem Journalismus entstammt, beherrscht neben der Romanform aus dieser Profession heraus natürlich auch die Form der Glosse, der Kurzgeschichte, der kleinen Erzählung, die auf ein überaschendes Ende hinausläuft und die die Widrigkeiten, Skurrilitäten oder einfach nur die Alltäglichkeiten des normalen Lebens aufgreift, zu- und überspitzt, mit einem Spritzer oft schwarzen Humors würzt und Kopfschütteln, Schmunzeln, Heiterkeit oder auch Nachdenklichkeit beim Leser erzeugt – ja nachdem…

Mit “Schall und Rauch” legt er erneut eine Sammlung solcher Kurzgeschichten vor. Ob es sich nun darum handelt, dass der Sammler wertvoller Chronometer mit dem seltsamen und ungebetenen Besucher ein sekundengenaues Spiel spielt, ob es die beiden jungen Männer sind, die sich auf  Beerdigungskaffees mit Essen und Trinken versorgen, aber dann das Heft doch lieber selbst in die Hand nehmen wollen, um das Geschäft anzukurbeln, oder ob es darum geht, endlich ganz frank und frei die Todsünde unserer modernen Zeit zu benennen und nebenbei noch dem untreuen Ehemann einen Denkzettel zu verpassen: Schöne fasst dies in kleine, feine Geschichten, die ihre Protagonisten mit ihren Schwächen und Unzulänglichkeiten nie blosstellen, sondern in denen er uns einen Spiegel unserer selbst vorhält.

Welcher Mann wäre noch nie angesichts eines ihn überraschend erhaschten Anblick einer schönen Frau mit seiner Fantasie auf eine prickelnde Reise gegangen …. um eine Reise ganz anderer, frostiger Art geht es dagegen in der Titelgeschichte “Schall und Rauch”, in der der Autor sich dem Menschheitswunsch annimmt, das Leben immer weiter zu verlängern… oder kommt es ganz anders und die Menschheit, zumindest die biogene, gerät ins Hintertreffen gegen die künstliche, deren Aufsichtsorgane streng darüber wachen, daß die Sterilität der Verhältnisse gewahrt bleibt und nicht durch Gelüste der biologischen Art zerstört wird?

Fünfzehn solcher kleinen Geschichten umfasst das Büchlein, in dessen letzter Schöne dann seiner Heimat, dem scheenen Meenz, noch Referenz erweist, in dem er Mark Twain, der seinerzeit ja durch Europa reiste, auch hier Station machen läßt. Mark Twain, als wahrheitsliebender Reporter, dem jedoch keine große Zeitungszukunft beschieden ist…

Wie auch immer, Schönes Geschichten sind mit leichter Hand geschrieben, sie kommen nicht mit dem gefürchteten teutonischen Ernst daher, ohne sich jedoch dabei ins Seichte zu verlieren. Sie reißen an, stellen in Frage, überspitzen ohne aber dabei zu verletzen, sie erzeugen einen “Aha!”-Effekt beim Lesen, sie sind – da meist in Dialogform geschrieben – kurzweilig und unterhaltsam, selbst da, wo die Geschichte so ausgeht, “als ob” man das Ende schon erahnen würde, immer versucht der Autor, seinem Text mit einer unvermuteten Wendung ein überraschendes Ende zu geben. Oft finden wir uns als Leser in den Texten wieder und haben die Gelegenheit, so wir uns nicht einfach dem Spaß am Lesen hingeben wollen, auch hie und da nachdenklich zu werden, ob der Autor nicht Recht hat mit der Wunde, auf die er seinen Finger legt. So ist ein vergnügliches Büchlein entstanden, wie geschaffen zum Lesen auf langen Fahrten, zum Verschenken oder auch zum Vorlesen in gemütlicher Runde….

Links und Anmerkungen:

Von Lothar Schöne finden sich folgende Buchvorstellungen bei aus.gelesen:
- Das Labyrinth des Schattens
- Das jüdische Begräbnis
- Die unsichtbare Bruderschaft

Lothar Schöne
Schall und Rauch
Klöpfer und Meyer, HC, 192 S., 2012

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.

Wieder mal so ein Buch, dessen ich durch Zufall habhaft wurde und das mich mit seinem archaischen Zauber gefangen nahm. Archaisch, vllt führt dieser Begriff etwas zu weit zurück in die Zeit, die Novellensammlung, die Pirandello auf 365 Stück angelegt hatte, spielen doch erst vor ca Hundert Jahren auf Sizilien. Sizilien, 1861 mit dem Königreich Italien vereinigt, fiel in dieser Zeit gegen den prosperierenden Norden des Landes zurück, das – eben – “archaische” Erbe scheint wie ein Anker gewirkt zu haben, der die Insel Sizilien zurückgehalten hat in alten Verhältnissen. Nur die Menschen nicht, Sizilianer hatten an der Auswanderungsbewegung, besonders in die USA, einen großen Anteil.

In dieser Spannung zwischen Althergekommenen und Neuen sind die Novellen Pirandellos angesiedelt. Ob es nun um den Begriff der Ehre geht, der den Ehemann traditionell zum Duell mit demjenigen zwingt, der seiner Ehefrau “zu nahe” getreten ist (was dieser in der entsprechenden Novelle “Wenn man das Spiel verstanden hat” aber schlicht verweigert) oder um die Aneignung technischer Entwicklungen, immer ist die Spannung zu spüren, in der die Menschen dieser Zeit stecken. So kommt der Erzähler (“Die Überraschungen der Wissenschaft”) auf Einladung eines lange nicht mehr gesehenen Freundes in das Dorf (oh, welch mühselige Anreise, erst mit der Bahn, dann mit der Droschke, ein schönes Bild: Bahn und Droschke, modernes und altes Vehikel…), das ohne Licht und ohne Wasser ist. Er wird eingeladen zur Gemeinderatssitzung, in der dies beraten wird und muss miterleben, wie der Gemeinderat unfähig ist, eine Entscheidung zu treffen, auf welche Art man zu Licht im Dorfe kommen könne, denn würde man sich entscheiden, so gäbe es sicher schon am nächsten Tag eine bessere Lösung für das Problem, die man nun nicht mehr wählen könne, denn habe man sich ja schon festgelegt… und so bleibt dunkel im Ort und das Wasser kommt weiterhin aus den Brunnen….

In der “Leibrente” wird der alte Bauer, dem seine Scholle Heimat ist, von seinem Hof gekauft. Gegen eine Leibrente wird ihm eine Unterkunft in der Stadt besorgt, für den neuen Besitzer, der sich um die Ratschläge des Alten nicht kümmert und alle geliebten Bäume fällt, sollte dies ein gutes Geschäft sein, die Erdentage des Alten scheinen überschaubar und das wertvolle Gut damit für ein paar Monate Leibrente fast geschenkt. Doch manchmal wird die Rechnung ohne den Tod gemacht, den der Alte selbst zu sich einlädt, schließlich plagt ihn das schlechte Gewissen, daß er ja doch die Rente kassiert und damit quasi die Verpflichtung übernommen hat, bald abzutreten, damit er nicht zu teuer käme….

Es sind auch Schelmengeschichten dabei, tragisches erzählt Pirandello. Celesia etwa (“Der Lebensretter”) ist verbittert, von seiner Frau verlassen, die jedoch bei weitem nicht geächtet, sondern geachtet, mit ihrem Liebhaber, dem sie drei Kinder schenkte (und ihm selbst keins!), zusammen lebt, ist er der Welt gram, deuchen ihm die Menschen Tiger, Hyäenen oder Schlangen. Wie dem auch sei, am Tag, an dem die Tapferen des Ortes mit einer Medaille geehrt werden, erklingen Hilferufe vom Meer herüber.. keiner der Geehrten macht sich jedoch auf, seine Tapferkeit unter Beweis zu stellen, bis es unseren Misanthropen zuviel wird und er sich ein Boot schnappt und und im tobenden Unwetter hinausrudert…

Natürlich kann ich hier nicht alle Novellen erwähnen, nur ein paar noch: in “Seine Majestät” rivalisieren zwei Männer, die dem König Vittorio Emanueles II bis aufs Barthaar gleiche, um die Vorherrschaft, in der Geschichte vom “Glück” prallt der alte Standesdünkel der (jetzt verarmten) Adligen auf die neuen Zeiten….

“Novellen für ein Jahr” ist eine Sammlung im besten Sinne unmoderner Geschichten, die von Menschen erzählen, sich Zeit nehmen, sie in der Kürze einer Novelle mit Leben zu füllen, ihnen Charakter zu geben, sie in ihren Eigenarten liebenswert zu machen. Es ist gemächlich in diesen Zeiten so wie auch in den Zeilen, der Umbruch, der politisch, technisch, gesellschaftlich vor der Tür steht, man spürt ihn, doch man traut ihm nicht…

Ein wunderschönes Büchlein also mit Geschichten für zwischendurch über Menschen und menschliches…

Luigi Pirandello
Novellen für ein Jahr II
übersetzt aus dem Italienischen von Lisa Rüdiger
Diogenes, TB, 1991

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