Sophie Andresky: Mein Harem

September 7, 2009

Ich habe einen großen Vorteil: Ich bin eine Frau. Wenn Sie als Mann über harten Sex schreiben, können Sie auf den Index kommen. Bei Frauen ist es Emanzipation.

haremk

So hält es Andresky auf dem hinteren Einband fest. Da ist wohl was dran, und die Autorin umschreibt damit auch gleich den Inhalt ihres Buches, einer Sammlung ihrer bisher erschienenen Kurzgeschichten [1]. Obwohl – ganz so hart, als daß ein Mann damit auf den Index käme, sind sie auch nicht…

Damit es festgehalten ist: ich gebe es zu: das Einbandbild gefällt mir auch (?) nicht, ich finde es geradezu häßlich. Diese gelackte Frau im Kreis gestählter Jungmänner, da ist kein Witz dahinter (außer dem, daß es natürlich die ebenfalls oft einfallslose inverse Situation: „Mann umrahmt von seinen Gespielinnen“ auf die Schippe nimmt). Aber vielleicht ist das auch mein männlicher Blick, Frauen mögen das anders sehen, schließlich schreibt Andresky ja – wie sie sagt [2] – Frauen-P.*rno.graphie [3] und das drückt sich hier eben auch mal bildlich aus.

Das wäre jetzt mal ein Thema: was ist Frauen-, was ist Männer-P.*rno.graphie, was turnt Frauen, was Männer an? Ich habe ja in diesem Blog schon mehrere Bücher vorgestellt, die von Frauen geschrieben worden sind, aber noch keins (wie ich zugeben muss), bei dem ich beim Lesen ganz deutlich gemerkt habe, daß es tatsächlich für Frauen geschrieben worden ist. So ist es in Andreskys Geschichten eben vorwiegend der Mann, der der Frau ihre Wünsche erfüllt, sie zum Höhepunkt bringt, im Bett (oder wo auch immer) bläst es sozusagen weniger als daß es leckt… und die Männer in Andreskys Geschichtchen kommen durchaus nicht immer gut weg. Eingebildet, unfähig, egoistisch sind viele. Oft nur auf ihre eigenen Wünsche fixiert, werden diese von den Frauen entsprechend „vorgeführt“ und auf ihre wahre Größe zurecht gestutzt.

Der Ton und das Vokabular der Stories sind deutlich, verbrämende Umschrei- bungen sind nicht die Sache der Autorin. Trotzdem kommt nicht das Gefühl auf, eine plumpe, stupide Aneinanderreihung von Sex vor sich zu haben, die Geschichten weisen oft eine unerwartete, überraschende Wendung auf, haben Witz und Phantasie. Es ist sicherlich keine hohe Literatur, aber auf jeden Fall (auch wenn es jetzt ziemlich doppeldeutig klingt) gute Gebrauchsliteratur [4], die das erreicht, was sie erreichen soll: die Phantasie anregen (oder, wie Andresky es ausdrückt, „.. Ich will Lesen. … Man vögelt selber mit. ..“) und Spaß machen. Und vielleicht sogar Lust.

Facit: Schön isses.

[1] http://www.sophie-andresky.de/harem.php
[2] Andresky im Interview mit der Brigitte
[3] die seltsamen Punkte und der Stern sind nur wegen google, aber ich denke, jeder kennt das Wort….
[4] mit gemessenen gut 760 gr und fast tausend Seiten in manchen Situationen vielleicht doch etwas schwer zu gebrauchen…

Sophie Andresky
Mein Harem
Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, April 2009, 987 S.
ISBN-13: 978-9-86150-829-8

waberer

Na, ist doch klar, daß ich mir, wenn schon nicht alle, so doch ein paar der Bücher, aus denen am letzten Sonntag vorgelesen wurde, besorgt habe….. Zum Beispiel die „Klatschmohnfrau“ (wird noch besprochen werden) oder hier den „Feinkostladen“, aus dem die Geschichte der Frau Swoboda mit ihrem Pastetchen war.

Das Buch von Chimo, Lila sagt, ist nicht mehr im Buchhandel erhältlich. Was mich erstaunt hat, war der Preis, der für die vergriffene dtv-Ausgabe von 1998 im antiquarischen Buchhandel zu zahlen ist: 35 euronen für 190 Seiten. Andere Ausgaben sind billiger, aber auch nicht gerade billig.. dann frag ich mich natürlich, warum wird das Bändchen nicht noch mal aufgelegt? Na ja… umgerechnet 50 Mark für so ein schmales Buch sind mir dann aber doch zuviel und so wird da wohl doch eine virtuelle Lücke im Regal bleiben…..

Hier geht es aber um Keto von Waberers „Mysterien…“ Ein kleines Büchlein mit 11 kurzen Erzählungen von Frauen, die ihre Fantasien, die sich um die Liebe ranken, wahr werden lassen, es zumindest versuchen. Es ist nicht immer der gerade, direkte Weg, der zur Erfüllung führt, manchmal sind die notwendigen Umwege verschlungen, manchmal auch begnügen sich die Heldinnen Waberers auch damit, sich gleich ihrer Fantasie zu bedienen und den dort abgespeicherten Mann ihrer momentanen Lust abzurufen, den nimmermüden oder den einfühlsamen, den direkt zum Ziel kommenden Mann oder den, der den Gipfel langsam erklimmt … Mal ist es die Massage unter exotischer Sonne, die die Hitze anfacht, mal der Adamsapfel, der beim Schlucken sich hin- und herbewegt….

Leicht lesen sich die Geschichten, mit Ironie und Einfühlungsvermögen geschrieben, es finden sich wunderschöne Formulierungen, die das direkte Wort vermeiden ohne Unklarheiten zu hinterlassen….. Waberers Frauen sind Suchende, eine gewisse Resignation ist spürbar, weil ihre Suche keine Erfüllung findet. Die Männer scheinen mir beliebig, austauschbar, die Erzählungen handeln nicht von Liebe, sondern von der Lust (der Frauen zumeist) und ihrer Befriedigung.

Facit: erotische Geschichten aus einem etwas anderen Blickwinkel….

Keto von Waberer
Die Mysterien eines Feinkostladens
Bvt Berliner Taschenbuch Verlag; Juni 2005, 143 S.
ISBN-10: 3833301503
ISBN-13: 978-3833301506

maupink

Jetzt am Freitag kam in der Buchhandlung meines Vertrauens wieder einmal eine der Damen zu mir: „Herr F., ich hätte hier die Stadtgeschichten, das wäre bestimmt was für Sie!“. Nun, ich musste das gutgemeinte Angebot ausschlagen: „Ach, Maupin…“ (wie sag ich es ihr jetzt?), „.. das haben Sie jetzt aber gut geraten, den les ich nämlich im Moment.. Das nenn ich ein Zusammentreffen!“

Und in der Tat, auch Maupin ist mir vor einiger Zeit wieder unter die Finger gekommen, nachdem er ja lange Jahre unbeachtet sein Dasein gefristet hat. Und ich bin begeistert, herrliche Geschichten, wunderbar kurzweilig geschrieben, mit viel Humor…

Worum geht es in dem Buch (bzw. in den Büchern, denn insgesamt sind es ja 6 Bände)?

Das Buch ist 1978 erschienen. Die vergangenen Jahrzehnt brachten in den westlichen Teilen der Welt eine gesellschaftliche Revolution zustande: Woodstock, sexuelle Revolution, Flower Power sind nur einige Schlagworte, die die positiven Seiten ansprechen, für uns in Deutschland ist der Begriff Baader-Meinhof ein Symbol für die negativen Aspekte dieser gesellschaftlichen Umwälzung. Ab Mitte der 60er Jahre haben sich die jungen Leute nicht mehr widerspruchslos in ihre traditionelle gesellschaftliche Rolle gefügt, sie wurden selbstbewusst, rebellierten, versuchten, sich eine eigene Welt zu schaffen. Oft naiv und blauäugig, in viele verschiedene Richtungen, aber geeint in der Sicherheit, daß sie „so“ nicht weiterleben wollten. Und überall in der Welt war man sich im Protest gegen den Vietnam-Krieg der Amerikaner einig, ein Protest, der die Jugend vielleicht mehr zusammenschweisste als es ein positives Leitbild vermocht hätte. Und all diese Ideale einer jungen, unbeschwerten, friedlichen Gegenkultur fanden ihr Symbol in San Francisco, denn bekannterweise galt, „..it never rains in southern California..“ (helft mir mal, wie heißt denn dieser rattenscharfe Moderator noch mal? ich komm einfach nicht mehr auf den Namen…..).

Na ja, jedenfalls sammelte sich in San Francisco jeder, der irgendwie sein Glück suchte. Denn – so jedenfalls wird Oscar Wilde zitiert – : „Es ist merkwürdig, aber von jedem, der verschwindet, heißt es, er sei hinterher in San Francisco gesehen worden.“ Die Hippie-Bewegung war zwar Ende der 70er langsam abgeklungen, aber gerade die Gay/Lesbenszene hatte in dieser Stadt ein enormes Selbstbewusstsein entwickelt. Und genau in dieser Atmosphäre spielen die Geschichten von Maupin um eine Vielzahl von Personen, die mehr oder weniger locker miteinander verbunden sind.

Es sind kurze, fast ausschließlich in Dialogform geschriebene Skizzen, die von der Einsamkeit der Großstadt handeln, von den Schwierigkeiten, einen Partner für eine Nacht zu finden, geschweige denn, fürs Leben. Die Luft ist grasgeschwängert und Mrs Madrigal, so etwas wie ein Zentrum der Geschehnisse erscheint unerschütterlich für alles Menschliche offen. In dieser Welt versuchen sich Mary Ann aus Cleveland (die einzige (?) „normale“) ebenso zurecht zu finden wie der schwule Michael und seine Freunde, Brian, der auf der Suche nach Opfern ist ebenso wie Jon, der das Problem hat, daß man als schwuler Gynäkologe eher schlechte Karte hat…. Aber auch die Oberschicht lebt nicht problemfrei, denn vom gelben Botenjungen geschwängert zu werden, wo doch der eigene Mann (der beim Betrügen immerhin nicht die Hautfarbe wechselt) rein weiß ist….

Es ist ein oberflächliches Leben, daß Maupin uns vorführt, mit Menschen, getrieben von den eigenen Sehnsüchten, immer auf der Suche nach dem Glück, und wenn es auch nur einen Moment andauern sollte. Echte Freundschaften sind selten, Bekanntschaften ja, Lieben für eine Nacht, die dann am Morgen mit dem ersten Tageslicht erlöschen und einen schalen Geschmack hinterlassen. Nun ja, kein Wunder, wenn man merkt, daß die Frau letzten Monat die Tochter der Königin der heutigen Nacht war….. Amusant zu lesen, aber traurig zu verstehen, wie einsam diese Menschen im Grunde sein müssen….

So malt Maupin mit schnellen Strichen ein Sittengemälde einer Zeit im Umbruch, in der Umwertung der Werte, in der Neuorientierung einer punktuellen Gesellschaft, nämlich der in San Fransisco. Denn außerhalb dieser Stadt ist das Leben bei weiten noch nicht so weit. „… Keine Angst, Mama, der ist schwul. Du weißt, was das ist, Mama. Man zeigt sowas heute sogar schon im Fernsehen!“ so Mary Ann zu ihrer darob verstummenden Mutter in Cleveland, um zu erklären, mit wem sie im Zimmer gerade ihren Tee trinkt…. Nein, Cleveland ist noch nicht so weit, aber auf Dauer kann sich kein „Cleveland“ dieser Hemisphäre diesem Sog, der hier in San Francisco angefangen hat, entziehen….

Wenn ich es mir recht überlege, wieviel hat sich doch tatsächlich verändert die letzten 30 oder 40 Jahre…. schön. Gut so! (So ein Blick zurück in die (bundes)deutsche Vergangenheit nach dem Krieg ist übrigens sehr interessant, erst in diesem direkten Vergleich merkt man, wieviel sich verändert hat, obwohl einem alles so ewig gleich erscheint. Es gibt auf dem Büchermarkt mittlerweile einiges an gut lesbarer Erinnerungsliteratur zum Thema…)

Facit: ein sehr kurzweiliges Buch, ein interessanter Rückblick in eine Zeit des Umbruchs. Erster Band von insgesamt 6 Büchern.

Armistead Maupin
Stadtgeschichten 1
Rowohlt Tb, 2005, 352 S.
ISBN-10: 3499239698
ISBN-13: 978-3499239694

Von mir gelesene Ausgabe: Wunderlich TB, 1999, ISBN 3499261812

Band 2: Mehr Stadtgeschichten

Wunderlich TB, 1999, 3499262002

Der Einfachheit halber ergänze ich die nächsten Bände hier in diesem Beitrag, ohne jeweils einen neuen Post aufzumachen.

Was passiert?

Nun, Mona fährt nach Winnemucca und arbeitet dort als Empfangsdame in einem Puff, in dem sie mit der Puffmutter eine besondere Beziehung eingeht. Das Geheimnis von Mrs Madrigal wird gelöst, Michael wird schwer krank, aber auch wieder gesund und Mary Ann trifft jemanden für ihr Herz, der aber so seine Probleme mit Rosen hat. DeDe bekommt ihre Kinder während ihr Mann das Kentucky Fried Chicken gibt….

Na ja, so in etwa, die Kurzform… ;-)

Band 3: Noch mehr Stadtgeschichten

ca. 4 Jahre sind vergangen. DeDe ist nach der Geburt der Zwillinge mit D´Or nach Guayana in die Sekte von Jones gegangen, erfuhr aber rechtzeitig von dessen Massenselbstmordplänen und die vier konnten rechtzeitig fliehen. Für DeDe nimmt der Schrecken aber kein Ende, da sie sich in SF von einem Psychopathen verfolgt sieht, der ihrer Meinung nach….. Sie will mit einer Sensationsstory an die Presse und wendet sich an Mary Ann, die inzwischen für das Fernsehen arbeitet.

Mary Ann und Brian sind mittlerweile ein Paar und wollen heiraten, Michael ist immer noch auf der Suche, die Beziehung zu Jon hat nicht gehalten.

Die Barbary Lane 28 mit Mrs Madrigal existiert natürlich auch noch, mit der nach wie vor liebenswerten, etwas schrulligen Vermieterin.

Die Geschichten sind zum Teil weit hergeholt, insbesondere spielt der Zufall eine große Rolle, da immer wieder die gleichen Personen auftauchen, sich treffen, miteinander bekannt sind. Als ob SF ein kleines Dorf wäre, in dem es kaum noch andere Menschen gibt… Trotzdem, ein wunderbares Portraits sowohl einer Zeit als auch von Personen, mit denen man mittlerweile schon eine ganze Reihe von Jahren verbracht hat….

erdbeermund

Hervorgegangen aus einem von der Münchner Buchhandlung für erotische Literatur „Litera-Tour und Blütenlust“ [3] veranstalteten Schreibwettbewerb [1, 2] wird hier in diesem weißen Büchlein mit seinen über 300 Seiten ein breitgefächerter Reigen erotischer Geschichten, Szenarien und Gedichte ausgebreitet. Es sind „zarte“ Geschichten dabei, die nur andeuten, aber auch solche, die die Dinge bei dem Namen nennen, den sie nun in manchen Situationen nun einfach haben. Die Beiträge sind durchweg kurz, in der überwiegenden Zahl von Frauen geschrieben und sehr unterhaltsam, gut geeignet auch zum Vorlesen….

Natürlich, wie schon bei den Geschichten zu den Menantes-Preisen, merkt man ihnen an, daß keine „professionellen“ SchreiberInnen am Werk waren: ohne es im Einzelnen benennen zu können, die Erzählungen sind häufig nicht so „glatt“, manchmal wechselt das Tempo oder irdendetwas bremst den Fluss der Geschichte, leitet ihn um. Aber genau das macht natürlich auch den Reiz aus, ist das Authentische der Beiträge: private Phantasien, Vorstellungen, Bilder, die sonst den Bereich der eigenen Imagination vielleicht nie verlassen hätten, werden hier ausgebreitet und können beim Lesen miterlebt werden, es sind eben keine um des Verkaufserfolges wegen konstruierten Sexgeschichten, die am Ende sogar noch eine Botschaft verbreiten wollen….

Facit: Genau das richtige Büchlein für diejenigen, die sich gerne zwischendurch mal etwas pikanteres zu Gemüte führen wollen…..

Links:

[1] Artikel im Münchner Merkur
[2] Artikel in der Süddeutschen
[3] zur Homepage

Litera-Tour
Wild nach deinem Erdbeermund
München 2006
ISBN: 3000185534

menantes08k

Der „Menantes Preis für erotische Dichtung“ (verliehen vom Menantes-Förderkreis der evangelischen Kirchengemeinde Wandersleben) wurde 2008 zum zweiten Mal ausgeschrieben und vergeben. Nachdem das 2006er Büchlein mit ausgewählten Texten mir ja nur teils/teils gefallen hatte [1], sagt mir der vorliegende Band aus 2008 deutlich mehr zu.

Die Geschichten sind zum Teil frech(er), sinnlicher, zum Teil sogar recht deutlich. Sie verzichten (ebenso wie die Gedichte) auf die üblichen Szenarien, zeigen mehr Phantasie, aber auch Nachdenklichkeit. Jedenfalls eine lohnende Lektüre, mir hat sie Spaß gemacht, wie auch die sehr schönen Aktaufnahmen, die der diesjährige Preisträger, Hans van Ooyen [2], beigesteuert hat.

Als Beispiel habe ich ein kleines Gedicht als Podcast aufgenommen (Ingo Cesaro: Nachts)

Lesenswert ist auch das kleine Nachwort des Herausgebers, Jens-Fietje Dwars, der auf die Schwierigkeiten hinweist, „gute“ erotische Literatur zu schreiben, die Königsdisziplin der Schriftstellerei:

„Viele der eingesandten Texte beschworen nur die Lust, die sie selbst nicht mit Worten zu wecken wussten. Es fehlte ihnen die Form, die das Eigene und Eigentliche im Liebesspiel fühlbar macht. Wieder andere waren so formvollendet, daß die Erotik, das Prickelnde beim Lesen, nicht mehr aufkommen wollte….“

So ist es wohl….

Links:

[1] siehe Besprechung im Blog
[2] zur Homepage, hier eine Beispielgalerie von Fotos

Menantes-Preis 2008
wehre dich nicht…..
quartus-Verlag; September 2008, 119 S.
ISBN-10: 3936455651
ISBN-13: 978-3936455656

Richard Ford: Rock Springs

Dezember 2, 2008

rocks1

Ich schätze mal, das wird das letzte Buch von Richard Ford sein, das ich lese – zumindest jetzt in der Jahreszeit mit den langen Nächten, den kurzen Tagen und der Stimmung, die heiter man nicht nennen kann. Es gefällt mir schon gut, was Ford schreibt, aber die Hauptpersonen in seinen Stories sind die zu kurz gekommen, die Verlierer, die, die auf der Schattenseite stehen, denen die Frauen weggelaufen sind oder die Männer, sind die, die arbeitslos die Zeit totschlagen und denen das Leben nichts zu bieten hat.

Wie ich eben ein paar Absätze in dieser Sammlung von Kurzgeschichten las, saß ich in meinem Zimmer und sah durch das Fenster in den aufziehenden Abend. Draußen wurde es langsam dunkler und die Silhouette der Bäume, die am schon lange nicht mehr befahrenen Bahndamm stehen, verschmolz langsam mit dem Dunkel der Nacht. In Wahrheit wird der Bahndamm nicht nur nicht mehr befahren, sondern es sind schon lange die Gleise abgebaut, so lange, daß es kaum noch Menschen hier gibt, die sie gesehen haben.

Wäre dort oben am Damm ein Jäger gewesen, hätte er mich beobachten können durch das Fenster, in dem eine Kerze stand und ich am Tisch saß und las. Er könnte, so dachte ich, sein Gewehr nehmen und auf mich schießen. Mag sein, daß er geschickt worden wäre, weil ich früher mal, als ich noch ein junger Mann war, der noch nicht wusste, wie die Dinge liefen oder laufen sollten, einen Fehler gemacht habe und Fehler, die anderen Schmerzen zufügen, nicht vergessen werden und ich jetzt also für etwas zu büßen hatte, was ich machte, als ich noch ein anderer Mensch war, ein Junge, der sich ein bitteres Erbe anhäufte für die Zeit, in der er älter war, so alt wie ich es jetzt bin.

Die Kugel würde mir einen Schlag versetzen in der Brust, vielleicht würde ich noch nicht einmal Schmerz spüren, weil alles so schnell gehen würde. Das also, so könnten meine Gedanken sein, ist es, was das Leben für dich bereithält, eine Kugel, die dich aus der Bahn wirft, eine Kugel hält es bereit, aber das ist etwas, was nicht selten ist hier in der Gegend. Dann würde ich über die Menschen nachdenken, die ich noch hatte und wie lange es dauern würde, bis mit all dem Blut, das unter mich floß, auch das Leben wich und ich würde erkennen, daß das alles einen Sinn hat.

So in etwa liest sich Ford (er möge mir meine Respektlosigkeit verzeihen…), ob er in seinen neueren Werken anders schreibt, kann ich nicht beurteilen. Die Geschichten hier (ebenso wie Wildlife) spielen im Norden der USA, an der kanadischen Grenze, in Montana. Es muss ein hartes Leben dort oben sein, ein einsames, voll mit fliehenden Menschen, mit Menschen, die am Leben scheitern. Es sind Menschen, deren Leben gelebt wird, die es nicht selber aktiv in die Hand nehmen: „.…es waren die alten Tage, vor Heirat und Kindern und Scheidung, bevor wir auf das Leben stießen, das wir schließlich führen sollten und mit dem wir glücklich waren oder nicht.“ [1]. Das klingt schicksalsergeben, resigniert, als hätten sich die Menschen in Fords Geschichten aufgegeben und warteten nur noch ab, was geschieht. Diese Stimmung geht durchgängig durch alle Stories, ein düsteres Bild dieses Teils von Amerika vermittelnd.

Wovon handeln die Geschichten? Vom Alltag, könnte man sagen. Von kaputten Familien, Männern, die sich mit kleinen Gaunereien über Wasser halten wollen und auf die Schnauze fallen dabei. Sie handeln von jungen Menschen in der Zwischenzone von Erwachsenwerden und Erwachsensein, die keine Perspektive haben und in den Erwachsenen keinen Halt, die nicht mehr Kinder sein dürfen und noch nicht Erwachsene sein können….., es handelt von Frauen, die neue Männer suchen und nur Versager finden, von Männeren, deren Frauen es nicht mehr aushielten und ab sind nach Florida oder Kalifornien, ins Licht jedenfalls…. davon handelt dieses Buch.

Facit: Schwierig. Die Geschichten sind gut, lesen sich gut und auf jeden Fall kann ich die Lektüre empfehlen. Aber trotzdem bin ich froh, daß ich das Buch jetzt ausgelesen habe.

[1] Geschichte: Sweethearts, S. 83 im Buch
[2] ein neueres Interview in der ZEIT

Richard Ford
Rock Springs
S. Fischer, Ffm, 1989
ISBN 3100211227

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Menantes, als Christian Friedrich Hunold [1, 2] 1680 in Wandersleben geboren, war mir weder unter diesem noch unter seinen Künstlernamen bis dato bekannt. Ich weiß auch garnicht, wie ich auf dieses Büchlein gestoßen bin, irgendwo gab es wahrscheinlich im I-net einen Hinweis. Jedenfalls wurde 2006 zum ersten Mal der „Menantes Preis für erotische Dichtung“ vergeben und zwar unter kräftiger Mitwirkung des örtlichen Pfarrers B. Kramer in Wandersleben. Vielleicht war es diese Tatsache, die mir das ganze sympathisch machte…

Jedenfalls sind 25 von einer Jury aus ca. 700 eingereichten Werken ausgesuchten Beiträge in diesem kleinen Bändchen versammelt, zusammen mit stimmungsvollen s/w-Aktfotos von Sebastian Reuter.

Es sind zarte Geschichten darunter, voll von Andeutungen und Geheimnissen, die der Fantasie Raum lassen anstatt sie mit allzudeutlichem zu verschrecken. Einige der Gedichte haben mir gut, andere weniger gut gefallen. Wie man es mit Reimen á la „Musenbiss“ auf „Busenmiss“ halten will, muss halt jeder selbst entscheiden……

Gewonnen hat den Preis übrigens Ralph Grüneberger [3]

Facit: wie bei so vielen unterschiedlichen Beiträgen nicht anders zu erwarten, gefällt nicht alles, aber manches ist schon schön. Ein kleines Büchlein für die Minuten zwischendurch.

[1] Oh wundervolle Triebe, DIE ZEIT 16/2006
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Friedrich_Hunold
[3] http://www.poetenladen.de/news/092.html

Ich siebenhändiger Mann
25 Erotische Gedichte und Geschichten
quartus-Verlag, 2006;
104 S.
ISBN-10: 393645549X
ISBN-13: 978-3936455496

Güzin Kar: Ich dich auch

November 1, 2008

Kar bezeichnet ihr Büchlein als „Episodenroman“, was fälschlicherweise zu der Annahme verführt, es gäbe einen halbwegs logischen Ablauf in der Geschichte. Der Schwerpunkt des Buches liegt jedoch eindeutig auf dem Begriff „Episode“, denn im Grunde ist das Buch eine Zweitverwertung der Kolumne, die die Autorin in der Weltwoche schreibt. Das ist legitim, aber warum muss man es dann als „Roman“ vermarkten? Vielleicht sehe ich es aber auch nur zu eng.

Die Episoden, die Kar schreibt, bewegen sich in einem engen Kosmos von Personen, die man schnell kennengelernt hat. Fatma zum Beispiel, die etwas korpulente Nachbarin auf der ewigen Suche nach einem Mann, Heide, Riccardo, den Ex-Bauarbeiter und sein Annerösli.. Luis, Fritschi und wie sie alle heißen. Ein Großteil ihres Lebens dreht sich um die Liebe oder auch nur um Sex, und zwar um den, die fast alle nie haben. Irgendwas läuft immer schief und die Verlierer stehen schon vorher fest, es sind die liebenswerten, leicht verrückten Leute, denen Kar mit ihrem Schreiben zum Leben verhilft.

Frech und flott sind die Texte, nehmen kein Blatt vor den Mund, zielen mittens ins Leben und treffen es oft haargenau. Trotzdem – meiner Ansicht nach fehlt ihnen oft die zündende Schlusspointe, das Ende der Episoden scheint mir oft flach gegen die vorangegangene Story. Das nimmt den Geschichten ein wenig von ihrer Würze.

Und einen nicht zu verachtenden Vorteil hat der Episodencharakter des Buches zweifelsohne: man kocht Teewasser und kann die Wartezeit wunderbar überbrücken….

Facit: ein netter Zeitvertreib für Zwischendurch, der manches Mal zum Lachen zwingt.

Homepage der Autorin

Güzin Kar
Ich dich auch
Kein & Aber, 2006
ISBN-10: 3036951709
ISBN-13: 978-3036951706

Yo, ein Unikat. Ein kleines Büchlein, aber eines, das seinesgleichen nicht hat: eine Widmung des Autors (oder „Autoren“?) ziert seine Einbandseite…. nicht ganz aus Zufall, haben wir doch vor geraumer Zeit an anderer Stelle des www so manch lebhafte Diskussion und Frotzelei miteinander gehabt. Merci beaucoup, Prinz Rupi!

Frieling bezeichnet seine kurzen Skizzen bzw Erzählungen als im Stil des „New Journalism“ geschrieben, bissig, pointiert, hart am Leben orientiert, sozusagen. Er greift Alltagssituationen heraus, ob es nun die den Garten mit ihrer Kacke verätzende Nachbarskatze ist, die es zu verjagen gilt, den bei Männern so beliebten Kleidungskauf, die klaustrophobische Situation, wenn man im sowieso schon zu engen Fliegersitz Stunden neben einem Fleischberg verbringen muss…. Politisch nie korrekt überspitzt er die Lage sarkastisch mit überbordender Lust am Chaos.

Ähnlich wie die Malerei gegenüber der Fotografie das hervorheben kann, was ihr wesentlich und wichtig erscheint, während die Fotografie weitgehend an die Realität gebunden ist, fesselt der höchst subjektive und plakative Schreibstil dieser Erzählweise den Leser mehr als die nüchterne Aufzählung von Fakten. Wahrscheinlich wäre die Katzenjagd, beschränkte sich der Autor auf die Fakten, nach wenigen Absätzen beendet und würde leicht langweilig und überhaupt nur Mitleid mit der Katze hervorrufen, hier jedoch verfolgt man die Versuche des Raseneigners, sich gegen das Unvermeidliche zur Wehr zu setzen, mit Vergnügen.

Frieling pickt die Sonderlichkeiten der Menschen heraus und führt sie uns plastisch vor Augen. Ob es der Großstädter ist, der nur in perfekter Outdoorausrüstung den heimischen Park betritt und der Natur dort hilflos ausgeliefert ist oder wenn er der alles überrennenden schnäppchenjagenden Horde aufgewiegelter Hausfrauen seine Feder widmet, er karikiert die Eigenheiten seiner Mitmenschen (und wahrscheinlich von uns allen) trefflich.

In wenigen seiner Geschichten geht es etwas ruhiger zu, nahezu besinnlich wirken in der Gesellschaft der anderen seine Gedanken über die Renaissance des „Alten“, wie man es – mit dem nötigen Kleingeld ausgestattet – in den Katalogen einiger Edelkaufhäuser findet.

Facit: ein kurzweiliges Büchlein, ideal für Gelegenheiten wie Bahnfahren oder Fliegen, für das Lesen „zwischendurch“. Und bei allem Amusement bietet es doch auch Stoff genug zum Nachdenken über uns, unser Verhalten und das richtige Leben….

Link:

eine der Geschichten ist hier als Podcast zu hören, wer also mag…..

Wilhelm Ruprecht Frieling
Angriff der Killerkekse
Internet-Buchverlag, August 2008
ISBN-10: 3941286102
ISBN-13: 978-3941286108

Ein Mann ist auf der Suche nach der Wahrheit. Jahrelang durchstreift er alle Winkel dieser Erde, ohne sie zu finden. Dann kommt er in ein großes, fernes Land, in dem er bis dahin noch nicht war. Dort erzählt er von seiner Suche und man sagt ihm, die Wahrheit wohne weit im Norden, dort wo die hohen Berge sind, auf dem höchsten dieser Berge.

Wieder braucht er Wochen, bis er diesen Berg erreicht und Tage, bis er ihn bestiegen hat. Oben auf dem Gipfel ist nichts außer einer kleinen Höhle. Er geht hinein und ruft „hallo“. Und ganz schwach hört er eine Antwort, der er folgt. Am Ende der Höhle sitzt an einem Feuer eine alte, runzelige, mit Warzen bedeckte Frau: „Was willst du hier?“ – „Ich suche die Wahrheit und man hat mir gesagt, hier wäre sie zu finden. Bist du die Wahrheit?“ – „Ja, du hast sie gefunden, ich bin die Wahrheit!“.

Der Mann blieb viele Tage dort und lernte von der Wahrheit. Dann musste er wieder weiter ziehen und er verabschiedete sich. Kaum hatte er ein paar Schritte getan, rief ihm die Alte hinterher: „Um einen Gefallen bitt ich dich, wenn man dich dort unten fragt, sag, die Wahrheit wäre jung und schön!“

Joel ben Izzy ist Geschichtenerzähler und dieses Büchlein beschreibt seine eigene Geschichte. Er ist glücklich verheiratet, hat eine Familie, die er liebt, einen Beruf, der seine Berufung ist und dann wird eines Tages eher zufällig festgestellt, daß er Schilddrüsenkrebs hat. Durch die Operation verliert er, der Geschichtenerzähler, seine Stimme und damit verliert sein Leben seinen Inhalt.

Um diese Zeit trifft er Lenny wieder, seinen alten Lehrer, von dem er sich vor vielen Jahren im Streit getrennt hat. Lenny versucht ähnlich einem Zen-Meister Joel durch Paradoxa zu zwingen, seine Gedanken zu öffnen und dahinter zu schauen und den Fragen und Geschichten, die er in seinem bisherigen Leben ausgeblendet hat, nicht mehr auszuweichen. Es ist ein langer und schmerzhafter Weg für Joel, der mit aller Macht versucht, gegen sein Schicksal anzukämpfen.

Aber ähnlich wie ein Zen-Mönch Satori erreicht hat Joel in dem Moment, in dem sein Geist völlig frei war, er völlig losgelassen hatte, die Erkenntnis, daß er zwar seine Stimme verloren hat, er aber dafür die Stille gewonnen hat. Von nun an sieht er seine Stummheit nicht mehr als Behinderung, er kämpft nicht mehr dagegen an, sondern akzeptiert sie. Und dadurch, daß er seine jetziges Leben akzeptiert hat, sowohl, was seine Behinderung angeht, aber auch seine bislang verdrängte Familiengeschichte, fühlt der sich wieder glücklich.

Das Buch ist damit nicht zu Ende, die Geschichte von Joel geht weiter. Er erzählt sie in 14 kleinen Kapiteln, denen jeweils eine „richtige“ Geschichte, in der Art, wie ich sie oben als Einleitung selbst (nach)erzählt habe, als Motto vorangestellt ist. Geschrieben sind alle diese Geschichten in einfachen Worten, die aber gerade dadurch ihre Wirkung entfalten. Die Schilderung seines Besuches bei seiner sterbenden Mutter, der er in ihren letzten Stunden hilft, alle Last der Vergangenheit abzuwerfen, damit sie unbeschwert in ihren Tod gehen kann, ist sehr ergreifend und auch Lenny, dieser alte, lebensweise Kauz, der Joel immer wieder in den Hintern tritt und aufrüttelt, ist ein äußerst bemerkenswerter Charakter.

Es kommt nicht drauf an, ob eine Geschichte wahr ist, sondern, daß sie eine Wahrheit enthält.

Ich würde Joel gerne einmal eine Geschichte erzählen hören, dieser Magie verfallen, die man als Kind kennengelernt hat, zu versinken in eine Geschichte, zu staunen, einfach für einen Augenblick in ihr zu leben, die einfachen Fragen zu stellen, die solche Geschichten stellen und die kompliziert-einfachen Antworten zu hören, die wir als Erwachsene kaum noch sehen können, weil wir für das Naheliegende oft so blind geworden sind.

Facit: Ein wunderschönes, ergreifendes Büchlein.

Joel ben Izzy
Der Geschichtenerzähler oder das Geheimnis des Glücks
Herder 2007
ISBN-10: 345105597X
ISBN-13: 978-3451055973