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Joel ben Izzy: Der Geschichtenerzähler oder das Geheimnis des Glücks

Veröffentlicht in (Kurz)geschichten, Biographie, Bücher by flattersatz am Juli 11th, 2008

Ein Mann ist auf der Suche nach der Wahrheit. Jahrelang durchstreift er alle Winkel dieser Erde, ohne sie zu finden. Dann kommt er in ein großes, fernes Land, in dem er bis dahin noch nicht war. Dort erzählt er von seiner Suche und man sagt ihm, die Wahrheit wohne weit im Norden, dort wo die hohen Berge sind, auf dem höchsten dieser Berge.

Wieder braucht er Wochen, bis er diesen Berg erreicht und Tage, bis er ihn bestiegen hat. Oben auf dem Gipfel ist nichts außer einer kleinen Höhle. Er geht hinein und ruft “hallo”. Und ganz schwach hört er eine Antwort, der er folgt. Am Ende der Höhle sitzt an einem Feuer eine alte, runzelige, mit Warzen bedeckte Frau: “Was willst du hier?” - “Ich suche die Wahrheit und man hat mir gesagt, hier wäre sie zu finden. Bist du die Wahrheit?” - “Ja, du hast sie gefunden, ich bin die Wahrheit!”.

Der Mann blieb viele Tage dort und lernte von der Wahrheit. Dann musste er wieder weiter ziehen und er verabschiedete sich. Kaum hatte er ein paar Schritte getan, rief ihm die Alte hinterher: “Um einen Gefallen bitt ich dich, wenn man dich dort unten fragt, sag, die Wahrheit wäre jung und schön!”

Joel ben Izzy ist Geschichtenerzähler und dieses Büchlein beschreibt seine eigene Geschichte. Er ist glücklich verheiratet, hat eine Familie, die er liebt, einen Beruf, der seine Berufung ist und dann wird eines Tages eher zufällig festgestellt, daß er Schilddrüsenkrebs hat. Durch die Operation verliert er, der Geschichtenerzähler, seine Stimme und damit verliert sein Leben seinen Inhalt.

Um diese Zeit trifft er Lenny wieder, seinen alten Lehrer, von dem er sich vor vielen Jahren im Streit getrennt hat. Lenny versucht ähnlich einem Zen-Meister Joel durch Paradoxa zu zwingen, seine Gedanken zu öffnen und dahinter zu schauen und den Fragen und Geschichten, die er in seinem bisherigen Leben ausgeblendet hat, nicht mehr auszuweichen. Es ist ein langer und schmerzhafter Weg für Joel, der mit aller Macht versucht, gegen sein Schicksal anzukämpfen.

Aber ähnlich wie ein Zen-Mönch Satori erreicht hat Joel in dem Moment, in dem sein Geist völlig frei war, er völlig losgelassen hatte, die Erkenntnis, daß er zwar seine Stimme verloren hat, er aber dafür die Stille gewonnen hat. Von nun an sieht er seine Stummheit nicht mehr als Behinderung, er kämpft nicht mehr dagegen an, sondern akzeptiert sie. Und dadurch, daß er seine jetziges Leben akzeptiert hat, sowohl, was seine Behinderung angeht, aber auch seine bislang verdrängte Familiengeschichte, fühlt der sich wieder glücklich.

Das Buch ist damit nicht zu Ende, die Geschichte von Joel geht weiter. Er erzählt sie in 14 kleinen Kapiteln, denen jeweils eine “richtige” Geschichte, in der Art, wie ich sie oben als Einleitung selbst (nach)erzählt habe, als Motto vorangestellt ist. Geschrieben sind alle diese Geschichten in einfachen Worten, die aber gerade dadurch ihre Wirkung entfalten. Die Schilderung seines Besuches bei seiner sterbenden Mutter, der er in ihren letzten Stunden hilft, alle Last der Vergangenheit abzuwerfen, damit sie unbeschwert in ihren Tod gehen kann, ist sehr ergreifend und auch Lenny, dieser alte, lebensweise Kauz, der Joel immer wieder in den Hintern tritt und aufrüttelt, ist ein äußerst bemerkenswerter Charakter.

Es kommt nicht drauf an, ob eine Geschichte wahr ist, sondern, daß sie eine Wahrheit enthält.

Ich würde Joel gerne einmal eine Geschichte erzählen hören, dieser Magie verfallen, die man als Kind kennengelernt hat, zu versinken in eine Geschichte, zu staunen, einfach für einen Augenblick in ihr zu leben, die einfachen Fragen zu stellen, die solche Geschichten stellen und die kompliziert-einfachen Antworten zu hören, die wir als Erwachsene kaum noch sehen können, weil wir für das Naheliegende oft so blind geworden sind.

Facit: Ein wunderschönes, ergreifendes Büchlein.

Joel ben Izzy
Der Geschichtenerzähler oder das Geheimnis des Glücks
Herder 2007
ISBN-10: 345105597X
ISBN-13: 978-3451055973

T.C.Boyle: Tod durch Ertrinken

Veröffentlicht in (Kurz)geschichten, Bücher by flattersatz am Juni 6th, 2008

An dieses dtv-Bändchen, schon 1997 erschienen, bin ich mehr oder weniger durch Zufall gekommen. Bei der Sichtung in der Buchhandlung meines Vertrauens (Buchstabe “B”) legte ich meinen Finger auf die Bücher von Boyle, von dem ich ja bis dato nur “Zähne und Klauen” kenne. “Ach, das ist gut, das hat mir gut gefallen” ruft mir meine Buchhändlerin zu - und warum nicht? Gehört, gekauft…

Insgesamt 17 Erzählungen, durch die das Buch ideal dafür geeignet ist, einfach auf dem Tisch zu legen und in einer kleinen Pause zur Hand genommen zu werden… Die Geschichten selbst haben mir unterschiedlich gefallen. Richtig nahegegangen ist mir die kurze “Geschichten vom Aussterben”, die damit beginnt, daß ein ornithologisch interessierter Leuchtturmwärter auf eine einsame Insel seine Katze mitnimmt, diese ihm einen ihm unbekannten Vogel bringt, er diesen Vogel zur Bestimmung weitergibt und dieser sich als eine bis dato unbekannte Vogelart entpuppt. Insgesamt bringt ihm die Katze 14 solcher Bälger, bevor sie damit aufhört. Einen lebenden Vogel der Art hat er nie gesehen. Derart lakonisch und beiläufig beschrieben wird die Ungeheuerlichkeit des Gelesenen erst langsam klar.

Die Erzählung von der Frau, die in einer Affenstation arbeitet und sich dort in einen Schimpansen verliebt - sie hat vom Grundgedanken her an die Hundefrau aus “Zähnen und Klauen” erinnert, was aber natürlich nicht zu kritisieren ist, schließlich liegt zwischen den Büchern ein ganzes Jahrzehnt.

Die Geschichten sind voller Skurrilitäten, voller Einfälle und Unmöglichkeiten. Ob nun die Sammelleidenschaft nach aztekischen Bierdosen den Sammler ins Unglück führt, der Fresschampion in der letzten Runde des Titelkampfes durch eine extreme Speisewahl doch noch gewinnt oder ein Blutregen eine Landschaft unter “Blut” setzt - der Einfallsreichtum von Boyle ist schon erstaunlich und in wenigen Worten führt er uns aus alltäglichken Situationen mitten hinein in eine surreal anmutende Szenerie, die einen entweder alptraumhaft verfolgt (z.B. “Die große Werkstatt”, “Grüne Hölle”, “Blutregen”) oder mit beissendem Spott zum Kopfschütteln bringt wie sein Weiterspinnen der Geschichte von Tim und Lassie (”Ein Herz und eine Seele”).

Es fasziniert mich an vielen dieser Erzählungen, daß Boyle dort mit der Schilderung einer ganz alltäglichen Alltagssituation anfängt und der letzte Satz im Beschreibung mit einem Schwung hinüberwechselt in eine skurrile, absurde, surreale Nebenwelt.

Facit: Natürlich gefallen nicht alles Geschichten des Buches gleich gut, wie könnten sie das. Aber ein kurzweiliges Lesevergnügen sind sie allemal.

T.C.Boyle
Tod durch Ertrinken
dtv, 1997
ISBN-10: 342312329X
ISBN-13: 978-3423123297

T.C. Boyle: Zähne und Klauen

Veröffentlicht in (Kurz)geschichten, Bücher by flattersatz am April 14th, 2008

Katastrophen hören nicht einfach auf. Sie haben ein unbewegtes, unerschütterliches Zentrum, das fortwährend neue Desaster gebiert.”

Dieser Satz steht quasi als Motto über den 15 Erzählungen von Boyle, die in diesem Buch zu finden sind. Sie handeln meist von Menschen, die auf der schattigen Seite des Lebens stehen und die, mal langsamer, mal schneller, wie auf einer schiefen Ebene immer weiter nach unten rutschen, beschleunigt von Schicksalsschlägen und dem eigenen Unvermögen.

Die einzelnen Geschichten, die Boyle erzählt, sind sehr unterschiedlich. Am besten hat mir die “Windsbraut” gefallen. Es ist eine traurige Geschichte, die auf den sturmumtosten Shetland-Inseln spielt. Dorthin reist eine Vogelforscherin, die direkt bei ihrer Ankunft vom starken Wind auf die Straße vor ein Auto geweht wird und gerade noch im letzten Augenblick gerettet werden kann. Aus den beiden, dem bis dahin in seinem Leben völlig unauffälligen Retter und der Forscherin wird ein Paar. Dann, eines Tages, zerstreiten sie sich, als Robbie ihr einen Antrag macht und sie diesen ablehnt.

Sie bleibt draußen, während Robbie zurück in den Ort fährt. Es ist dies die Nacht, in der ein Orkan über die Insel fegt. Junie, die Forscherin, sitzt in ihrem Steinhaus, irgendwo an den Klippen. Sie hört, wie der Sturm den Schornstein knickt, wie er ihr das Dach nimmt, die Steine, aus denen das Haus gebaut wurde, werden wie Sandkörner davongeweht und zum Schluss ist nichts mehr da, an dem sie sich festhalten kann….. und Robbie kommt zu spät, um sie zu retten, kann mit knapper Not und Mühe selbst überleben.

Schön auch die Erzählung von der Kynologin, die das Sozialleben einer Hundemeute in der Vorstadt einer typischen amerikanischen Siedlung erforscht. Stift und Papier hat sie beiseite gelegt, sie wird immer mehr zum Mitglied des Rudels, nimmt die hündischen Verhaltensweisen an, wechselt in ihren Vorlieben und Wünschen von der menschlichen Gesellschaft über in die hündische, die ihr interessanter, ehrlicher erscheint.

Nicht alle Geschichten haben mir gleich gut gefallen. Ausgerechnet die titelgebende Erzählung war für mich eine der schwächsten. Hier gewinnt ein Looser in einer Wette eine Serval, den er mit in seine Wohnung nimmt. Eine Bedienung aus seinem Stammlokal hilft ihm dabei, er verliebt sich in sie, aber sie ist schon vergeben.

Skurril auch die Geschichte vom Weltrekordversuch im “Wachbleiben”, den der Moderator einer Radioshow unternimmt, bedrückend dagegen die Schilderung der Gefühle eines Elternpaares, dem durch die Polizei der Tod ihrer Tochter gemeldet wird.

So unterschiedlich die Themen der Erzählungen sind, in allen zeigt Boyle die Ausgeliefertheit des Menschen gegenüber seinem Schicksal, den Naturgewalten, den Dingen, die einfach größer und mächtiger sind als Menschen. Klein sind wir, die Menschen, in den Erzählungen Boyles, hin- und hergeworfen, ohne Einfluss, egal, wie wir strampeln. Wir befinden uns immer auf dem absteigenden Ast.

Facit: Auch wenn mir nicht alle Geschichten gleich viel gesagt haben, die Erzählungen sind durchweg spannend geschrieben, ein einem lakonisch-resignierten Tonfall, sie sind gut zu lesen und bringen einen mehr als einmal zum Nachdenken.

Links: eine Rezension in der FAZ online:
http://www.faz.net/s/Rub79A33397BE834406A5D2BFA87FD13913/Doc~EB3362D8B26EB4A698C1BC6ACAE57C42F~ATpl~Ecommon~Scontent.html

T.C. Boyle
Zähne und Klauen
Hanser, 2008
ISBN-10: 3446209956
ISBN-13: 978-3446209954

Ian McEwan: Der Tagträumer

Veröffentlicht in (Kurz)geschichten, Bücher by flattersatz am März 21st, 2008

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Ian McEwan, ein mir bis dato unbekannter britischer Autor. Nun, diese Unkenntnis hat sich gelüftet, nachdem eine gute Freundin mir ein Buch von ihm lieh, nämlich den “Tagträumer”. Ein kleines Diogenes-Bändchen, knapp über 150 Seiten, das von Peter Glück handelt, einem 10 1/2 jährigen Jungen, der glücklich in seiner Familie mit Mutter, Vater und Schwester lebt, als Tagträumer.

McEwan schafft es, mit wenigen präzise gesetzten Worten die Gedankenwelt des Jungen aufzubauen und einen mitzunehmen, wenn Peter wieder in einen seiner Tagträume fällte, in eine andere Welt gleitet, eine Welt, die den meisten Menschen, den Erwachsenen sowieso, verschlossen ist und bleiben wird.

Das Büchlein enthält 8 solcher Träume, von denen mir die Geschichte von Willi, dem Kater am besten gefallen hat. Hier träumt sich Peter in einen Seelentausch mit seinem 17 Jahre alten Lieblingskater, er schlägt für ihn die letzte Schlacht im Garten, Willi seinerseits erlebt das Leben als Junge und dann tauschen sie wieder ihre Seelen aus und Peter wird wach und seine Familie steht vor ihm und traut ihm kaum zu sagen, daß Willi gerade gestorben ist. Eine fürwahr anrührende Geschichte, ohne übertriebene Sentimentalität erzählt, bewegend einfach…..

Auch einen alten, sehr selten, viel zu selten gesehen Gast brachte mir die Geschichte von Willi, nämlich das Wort “Glast”. Es wird kaum noch gebraucht, wer kennt es überhaupt noch? Ich verbinde mit ihm das Bild eines Weges, der sich durch Felder schlängelt, der Himmel ist blau und eine brennende, gelbe Scheibe verbreitet Hitze, glastende Hitze. Ein Wanderer auf dem Weg, zielstrebig oder auch sinnend.

Soweit ich mich erinnere, beschreibt Hesse häufiger solche Landschaften mit Wanderern, die nach ihrem Ziel suchen. Und eben dieser Ausdruck, die glastende Hitze über der Landschaft. Und andersherum funktioniert es auch: ist es im Sommer heiß, brütend heiß - dann fällt mir Hesse ein mit seiner Beschreibung, die aus “Unterm Rad” stammt. Genug abgeschweift. McEwan verwendet das Wort hier in einer etwas anderer Bedeutung als Synonym für Glanz oder Schimmer.

Ähnlich eindringlich war in der letzten Geschichte des Buches die Schilderung der Erkenntnis von Peter, daß er einmal der Erwachsenenwelt angehören wird, in der keine Zeit mehr sein wird für die wirklich wichtigen Sachen wie Spielen, weil man seinen Tag mit Telefonieren, Sprechen, Besorgungen machen, lesen, etc pp verbringen muss. Aber er zeigt ihm auch den Trost, daß auch die Erwachsenenwelt ihre Abenteuer bereit hält, und nicht das geringste davon ist dieses seltsame Gefühl, das man Liebe nennt, und dessen erste Ahnung sich Peter erträumt….. Einfache Worte, die McEwan hier findet, einfache Worte, eindringliche Worte eines Jungen, die auch den Erwachsenen berühren….

Facit: Ein einfach nur schönes Buch. Einen Dank an dich, A., für´s Aussuchen und Ausleihen….

Ian McEwan
Der Tagträumer
Diogenes 1995
ISBN-10: 3257060718
ISBN-13: 978-3257060713