“Muhme, ich habe…… mein Suppenhuhn ist defekt!”
“Ferkel, du altes Ferkel, kannst du denn noch nicht einmal das Suppenhuhn in Ruhe lassen!!!!”
Nina, die Tante schwägerlicherseits von Rudi, dem Studienfreund der beiden thailändischen Zwillinge Egon und Paul, die im weiteren Verlauf der Geschichte keine Rolle mehr spielen werden, saß mit 3 Dioptrien auf der Brille und säuerlich blickend, auf dem wacklingen Stuhl, den Rudi – richtig, jener, der gerade das Huhn mit dem Loch in der Mitte – von ihm so schwallig als “defekt” eingestuft – - gestern mit Hilfe einer langen Bambusrute hatte wieder reparieren wollte, war richtig gehend sauer. Auf Paul. Paul war nämlich alles andere als ein braver Enkel, so wie sie sich ihn wünschte, im Gegenteil. Und Nina, die sich außerdem auch noch über dieses “Muhme” ärgert (wobei man ergänzen sollte, daß Paul, wenn er mal so richtig gut drauf war oder Nina ihn wieder mal geärgert hatte, wozu es schon reichte, daß sie ihm den Zweiwegeschnuller wegnahm und ihn selbst in den Mund steckte: “Ätschi-bätschi hol dir doch den Nulli-Schnulli!” – eine muhmische Schandtat fürwahr, die aber seinerseits wiederum und fast ausnahmslos auf Paul und einen seiner Streiche zurückzuführen war, von denen mir jetzt vor allem der in den Sinn kommt, den Paul vor zwei Jahren kurz vor Weihnachten ausgeheckt hat, als Nina Weihnachtsplätzchen backen wollte und mangels einer ordentlichen Moulinette den Quirl nahm, um den Teig zu kneten. Konnte sie wissen, daß Paul den Quirl wie einen Tauchsieder geschaltet hatte, so daß ihr der Rührteil schon beim Kneten buk – ) dieser Paul also, in seiner durch sein erzwungenes Singeldasein noch durchaus geförderten Fantasie, nannte sie auch schon mal “Mumie”. Und dies ärgerte sie masslos. Schmierte sie sich doch des morgens die von altinkaschen Wunderkräuterhexen empfohlene Eidechsensalbe (“Eine wunderbar hydrophile Creme, die ihrer Haut die Spannkraft eines Trampolins verleiht!”), des abends dagegen als Kontrast (wer wollte schon immer erleben, wie der eigene Mann beim Küssen der Wange an die Wand zurückgeschleudert wird) die von einem altsibirischen Schamanen, der sich im wesentlichen noch von Fliegenpilzen ernährte, die ebenso fast schon zauberkräftige hydrophobe Elchflechten-Mosquito-Creme auf Wangen und Nasenflügel, hinter die Ohren und auf die Stirn, massierte den Hals damit ein und die ****, in weiten Bewegungen auch den Bauch bis hinunter zu den *****, die Beine ebenso wie die Arme. So sehr vertraute sie der Creme, die ihr die Spannkraft der Jugend zurückgeben sollte, daß sie solche Unmengen (wir wollen es nicht verschweigen) auf sich vereinte, daß unter der Dusche das Wasser in hohem Bogen an die Decke spritzte, so hydrophob war Muhmchen mittlerweile geworden.
Jene Nina also, schwerhörig von all diesen hydrophoben und hydrophilen Zeugs, jene Nina hatte ein Ohrenproblem. Und so war es nicht verwunderlich, daß sie Paul des öfteren falsch verstand. Jedenfalls – langer Rede kurzer Sinn – war das Suppenhuhn garnicht defekt, Paul hatte nur vergessen, Wasser in den Topf zu tun….. was aber auch keine große Rolle mehr spielte, denn durch den Lärm aufgeweckt, kam jetzt der Muhmerich in die Küche…..
[Fortsetzung folgt] *
———–
* oder auch nicht…..
———–
Die finger.übungen gehen auf eine schöne Idee von “wordsplitter” zurück und nachdem ich ihr 5 Begriffe vorgeworfen hatte, bot ich ihr an, mir ein gleiches zu tun… and this is the result. ;-)
Gib Gas, ich will Spaß!
14. Dezember 2005
Im Sommer des letzten Jahres wurden in das Krankenhaus der Stadt K. zwei Männer mit hoher Querschnittslähmung eingeliefert. Der ältere der beiden war ungefähr 50 Jahre alt, der jüngere circa 20 Jahre.
Dem Polizeibericht zufolge waren sie mit einem Kleinwagen auf einem Feldweg gefahren, infolge überhöhter Geschwindigkeit vom Weg abgekommen und eine Böschung hinuntergerollt. Der Wagen überschlug sich mehrfach und blieb ca. 80 m unterhalb des Weges am abfallenden Hang auf dem Kopf liegen.
Da die beiden Insassen nicht angeschnallt waren, trugen sie erhebliche Verletzungen davon. Spaziergänger, die den Unfall beobachtet hatten, riefen per Handy schnell Hilfe herbei.
Aus den Aussagen der Spaziergänger – die ca 100 m hangwärts auf einem Wiesenweg spazieren gingen – ergab sich folgender Hergang:
Der Kleinwagen kam links aus dem Wald und bog auf den Feldweg ein. Er beschleunigte immer weiter, nach den Aussagen der Zeugen musste der nach einigen Hundert Metern eine Geschwindigkeit von 100 oder noch mehr km/h gehabt haben. (Die nachfolgende Analyse des Unfallsachverständigen bestätigte diese Schätzung). Der Wagen erzeugte eine riesige Staubschleppe hinter sich, die wegen des fehlenden Windes lange in der Landschaft stand, bis sie in sich zusammenfiel.
Nach mehreren Hundert Metern, die gerade verlaufen, macht der Weg eine leichte Rechtskurve. In dieser verlor der Wagen offensichtlich die Spur und fing an, erst links, dann rechts in die Böschung zu fahren. Als der Wagen zum zweiten Mal nach rechts ausscherte, stürzte er die kleine Böschung hinab, überschlug sich mehrere Male und blieb dann auf dem Dach im Feld liegen.
Die Unfallanalyse bestätigte diese Schilderung im Wesentlichen. Als Ursache ist am wahrscheinlichsten, dass der Wagen so schnell war, dass er auf dem lockeren Schotteruntergrund in der leichten Rechtskurve keine Bodenhaftung mehr hatte und einfach gerade aus weitergefahren ist. Durch das zu heftige Gegenlenken verstärkte sich das Schleudern des Fahrzeuges, bis es auf der rechten Seite die ca. 60 cm hohe Böschung hinunterstürzte. (Wäre der Wagen 10 m eher auf die rechte Seite des Weges gekommen, wäre der Übergang zum Feld noch auf gleicher Höhe gewesen und es wäre nichts passiert.)
Als Grund für das zu schnelle Fahren konnte man von den Verletzten bis jetzt nur erfahren, dass es „einfach Blödsinn im Kopf war, es war so toll, die Staubfahne zu sehen und das Auto war eh schon schmutzig.“
(c) flattersatz(at)cool.ms
Es wird etwas geschehen
14. Dezember 2005
“Dieser Idiot! was denkt der sich denn eigentlich?”
Er dachte an seinen Sohn und trommelte ein paarmal wütend auf das Lenkrad. Gestern die Unterredung mit der Kursleiterin war wenig ergiebig. Er hatte sich extra freigemacht, schwierig genug, aber daß sein Sohn intelligent, aber faul und widerspenstig sei, war ihm nichts Neues. Das merkte er schließlich selbst, zumindest, wenn er ihn am Wochenende mal zu Gesicht bekam.
Und danach wieder dieser Streit mit seiner Frau. Er wurde jetzt noch wütend. Natürlich hatte sie recht, er arbeitete zu viel, zu lange, zu häufig ausserhalb… er vernachlässigte sie. Aber hatte er eine andere Chance? Er machte es ja nicht aus bösem Willen, er wusste doch, daß hinter ihm Dutzende junge Leute standen, die auf ihre Chance warteten. Einzig seine Erfahrung und sein Einsatz sicherten ihm noch – noch ! – seinen Arbeitsplatz.
Überhaupt seine Frau. Er hatte keinerlei Anhalt, aber sie war zu oft, zu lange allein. Gelegenheit macht Diebe… was konnte er dafür, daß er abends nur noch schlafen wollte, und zwar alleine? Es ging einfach nichts mehr, er brachte keinerlei Initiative mehr auf, so sehr sich auch anstrengte, ihn zu verführen. Aber auch das hatte sie mittlerweile aufgegeben…
“Dieser Idiot, verbaut sich sein ganzes Leben durch seine Scheiss-Faulheit jetzt…”
Das Schneetreiben nahm zu, ohne daß er es registrierte.
Seine Tochter, Julia, kam ihm in den Sinn. Mit 12 Jahren war sie auch kurz davor, das Nest immer mal wieder verlassen zu wollen, ohne daß sie schon fliegen konnte.
“Mein Gott, was soll das nur geben…?”
Noch mehr Widerworte, noch mehr Renitenz. Es war doch mit Markus schon so schwierig und dann am Ende zwei Halbwüchsige, die nicht mehr beherrschbar waren? Irgendwas, irgendwas muss geschehen.
Im Augenwinkel nahm er den LKW vor sich noch wahr. Er reagierte gut, die Bremsen zogen an, Airbag und Gurt funktionierten. Aber er bremste einfach zu spät, der Wagen rutschte unter den Auflieger und die Fahrgastzelle wurde nach hinten geschoben.
Die Beerdigung fand 3 Tage später statt. Man hatte den Verwandten davon abgeraten, den Toten noch einmal anzuschauen.
(c) flattersatz(at)cool.ms
Im Alter
14. Dezember 2005
Sie sitzen stumm auf ihren Plätzen, schweigen sich an. Es gibt keine Worte mehr, die nicht gesagt worden wären, keine Gedanken, die nicht schon ausgetauscht wurden. Überhaupt war der Kopf langsam geworden, was sie dachten, schien immer öfter einen falschen Weg zu nehmen und nicht mehr in diese Welt zu passen..
Suchen. Einen großen Teil des Tages verbrachten sie mit suchen. Die Brille, die Medikamente, das Telefon, die Fernsehzeitung. Wie von Geisterhand alles verschwunden und im Irgendwo wieder aufgetaucht. Geld, ja Geld suchten sie auch. Sie hatten Geld zu Hause, nur wo?
Die Welt verabschiedete sich von ihnen. Der Fernseher zeigte nur noch ein Programm, aufzeichnen konnten sie nichts mehr. Einfach zu viele Knöpfe und Menues, durch die sie hätten durchgemusst. Die Zeitung, doch, die Zeitung kam noch, regelmäßig, jeden Tag. Doch seltsamerweise schien die Schrift immer kleiner zu werden seit geraumer Zeit.
Besuche? Von wem? Ihre Freunde und Altersgenossen mussten mittlerweile alle selbst besucht werden, auf dem kleinen Friedhof, einen halben kilometer die Straße in Richtung Ortsausgang. Und sonst? Tochter und Sohn kamen regelmäßig vorbei, nach dem rechten sehen, helfen, auch einkaufen fahren und zum Arzt. Sonst verirrte sich niemand mehr in das kleien Haus. Aber was sollte man mit Besuch auch schon reden?
Die eigenen Gedanken wohnten schon lange in der Vergangenheit, kreisten um längst Erlebtes, trauerten verlorenen Gelegenheiten nach, beweinten erlittenes Unglück. Glück schien es keins gegeben zu haben, wenn sie mal sprachen, dann vom Unglück, vom Pech…
(c) flattersatz(at)cool.ms
Der Schattenmann
14. Dezember 2005

Er lief. Schneller, schneller, schneller… die Bäume flogen an ihm vorbei, Steine, Holz, Wegekreuzungen. Er stolperte, erhob sich wieder, lief weiter.. sein Herz schlug, kalter Schweiß…
Er hatte eine Grube ausgehoben, den Körper hineinfallen lassen, er hörte den dumpfen Aufprall, mit Erde wieder zugeschaufelt, festgetrampelt, moderige Blätter drüber und faulendes Holz, Spuren verwischt…. er hörte es mit zugehaltenen Ohren, poch, poch, poch… das tote Herz schlug, wollte nicht aufhören zu schlagen..
Er lief weiter, taghelle Sonne, aber um ihn herum Dunkelheit und das Herz pochte lautlos. Schatten, Schatten um ihn herum, ihn verfolgend…poch, poch, poch.. mehr Schatten, mehr kalter Schweiß, schnellerschnellerschneller noch am Laufen, keuchend, stolpernd, blind.
Der Schattenmann, er wurde ihn nicht los. Er blieb an seiner Seite, hetzte ihn, das Herz flog ihm zu den Ohren raus, das Herz pochte, die Herzen verschmolzen, kalt wurde ihm, kalt, so kalt….
Nach dem Duschen kochte er sich einen Kaffee wie jeden Tag. Doch er wollte heute morgen einfach nicht wach werden, wie erschlagen saß er am Tisch. Am Wochenende, so nahm er sich vor, wollte er in den Wald, einen schönen Spaziergang machen, nach dem rechten sehen.
(c) flattersatz(at)cool.ms





