Niels Arden Oplev: Verblendung
November 25, 2009

Das Buch war gut, wie wird der Film sein? Das war die Frage, denn mit seinen ca. 700 Seiten bietet das Buch eine solche Fülle an Material, daß der Film sich nur auf einiges konzentrieren kann. Das macht er auch und ich muss sagen: mir hat es gefallen, es ist gut gelungen.
Der Filmplot bricht die ausführliche und teilweise sehr ins Detail gehende Buchhandlung herunter auf einen einzigen Handlungsstrang: Blomquist wird nach seiner beruflichen Niederlage vom Industriellen Vanger beauftragt, das Verschwinden von Harriet Vanger zu untersuchen. Mangels Alternativen nimmt er den Auftrag an. Die Vergangenheit der Familienmitglieder „Vanger“ wird nur angedeutet, damit ist schon mal ein großer Teil des Buches aussen vor. Überhaupt bleiben die politischen Aspekte des Buches im Film weitgehend auf der Strecke und sind allenfalls als Hintergrundinformationen präsent: die nationalsozialistische Vergangenheit (und Gegenwart) oder die Wennerström-Affäre.
Die Zeitschiene ist mir etwas unklar geblieben, Blomquist fängt seinen Aufenthalt bei Vangers im Winter an (-22° C), aber schon bald blüht es und ein Frühsommer ist ins Land gezogen. Nun ja, vom Geschehen her findet Blomquist recht schnell den Aspekt, den bis dato noch jeder übersehen hat, die eigentliche Lösung des Falles kommt aber von Lisbeth, die aus der Ferne via Hacken alles mitverfolgt.
Wie im Buch, so im Film ein dramatischer Show-Down und dann ein zuckersüßes Happy-End für alle… Wer ein wenig mehr vom Inhalt wissen will, kann versuchen, das in meiner Buchvorstellung zu erreichen…
Was die Besetzung angeht: Blomquist ist mit Michael Nyqvist nett, aber nicht besonders eindrucksvoll besetzt, Lisbeth wird von Noomi Rapace gespielt, sie bringt den widersprüchlichen, gestörten, hin- und hergerissenen Charakter der Buch-Lisbeth gut rüber (obwohl ich sie mir etwas kachektischer ausgemalt hatte…). Gut gefallen hat mir ebenfalls Peter Haber als Martin Vanger, während die (im Film: Rand)Figur der Erika Berger von Lena Endre sehr blass dargestellt und ihrer Vorlage kaum gerecht wurde.
Haber zeigt als Martin, daß das Böse einfach seine Natur ist, er verhält sich im Keller genauso wie im Erdgeschoss, wenn er als Gastgeber fungiert. Einzig sein intellektuelles Wissen darüber, daß das, was er macht, verboten ist, veranlasst ihn, sein Tun im Geheimen auszuüben. Diese Rolle hat mich an Hopkins erinnert im Schweigen der Lämmer, auch wenn dieser natürlich unerreicht bleibt, aber ähnlich diesem verkörpert Martin einfach nur das Böse, den Hass, den menschlichen Abgrund schlechthin….
Lisbeth ist für mich die eigentliche Hauptperson des Films (ebenso wie der Bücher). In einem gewissen Sinn lebt sie ähnlich wie hier im Film Martin Vanger nach ihren eigenen Regeln. Sie lebt innerhalb der Gesellschaft, aber außerhalb ihrer Normen. Zufall nur, daß sie ihre Fähigkeiten der „guten“ Sache zur Verfügung stellt, wäre sie, die offensichtlich ein schlimmes Schicksal hinter sich hat, auf der anderen Seite, wer wollte sie, die so fähig beschrieben wird, stoppen?
Das Verhältnis, das Lisbeth und Michael eingehen… man kann sich Gedanken machen, ob es eine Zukunft hätte. Es scheint, als könnte Lisbeth diesem Mann gegenüber Gefühle zulassen, vielleicht auch, weil Michael bereit ist, Lisbeth so zu akzeptieren wie sie ist…. Eine Beziehungskiste, die das Drehbuch nicht auflöst, sondern offen hält, anders als die Buchvorlage.
Facit: ein intelligenter, spannender und gut gemachter Film.
Links: zur Buchvorstellung
Details zum Film
Die Film Homepage
Liza Marklund: Nobels Testament
November 22, 2009

Annika Bengtzon ist Journalistin und soll über die Feierlichkeiten zur Verleihung der Nobelpreise in Stockholm berichten. Doch erstens kommt es anders…. Als sie auf der Tanzfläche steht, wird sie von einem Gast angerempelt, kurz danach knickt einer der Tänzer neben ihr in die Knie und seine Partner schaut Annika an. Annika sieht, wie aus einer kleinen Öffnung in der Brust der Tänzerin Blut herausspritzt und danach bricht auf der Veranstaltung das Chaos aus.
Annika ist Augenzeugin des Mordes an Caroline von Behring, der Vorsitzenden des Preiskomitees geworden, deren Tanzpartner einer der Preisträger des Medizinnobelpreises war und dem die Attentäterin in das Bein geschossen hatte.
Wenig überraschend handelt die Geschichte nun davon, den Fall aufzuklären, d.h., den Täter zu finden und dessen Hintermänner, aber und gerade auch das Motiv für diesen Anschlag. Marklung reisst dabei eine ganze Menge von Themen an, die zum Teil nicht nur für Schweden spezifisch sind:
(i) übereilt werden Verbrechen zu einem terroristischen Anschlag erklärt
(ii) der Verdacht eines terroristischen Anschlags rechtfertigt rechtsstaatlich zweifelhafte Methoden bei der Suche nach Verdächtigen und erst recht bei der Behandlung (siehe z.B. hier)
(iii) terroristische Anschläge werden benutzt, um durch Gesetzesinitiativen demokratische Grundrechte auszuhöhlen („Lauschangriff“)
(iv) der Konkurrenzdruck im Wissenschaftsbetrieb
(v) (Ver)Fälschen von Forschungsergebnissen
(vi) Grenzen und Probleme im Familienleben, wenn beide Partner berufstätig und ehrgeizig sind
… um nur einige zu nennen.
Die Handlung der Geschichte wird im Wesentlichen aus der Sicht von Annika Bengtzon dargestellt, die gleich an mehreren Fronten herausgefordert wird: als wichtigste Zeugin hat ihr die Polizei Redeverbot auferlegt. Dadurch bekommt sie berufliche Schwierigkeiten und wird auf unbestimmte Zeit aus der Redaktion verbannt. Sie kann die Zeit zwar nutzen, um den Umzug in das neue Haus der Familie zu organisieren, aber in ihrer neuen Nachbarschaft sind sie nur bedingt willkommen. Die Dreifachbelastung Beruf/Kinder/Haushalt kostet sie viel Kraft und auch ihre Ehe mit Thomas kriselt heftig, während sie selbst vor einem Seitensprung zurückscheut. Kein einfaches Leben also und zu allem Überfluss quälen sie Albträume, in denen sie die sterbende Caroline vor Augen hat, die ihr, Annika, im Augenblick des Sterbens noch etwas zuruft…. So fängt sie an, auf eigene Faust zu recherchieren, und langsam, sehr langsam tastet sie sich an die Hintergründe dieses Tat (und weiterer, die im Zuge der Geschichte noch geschehen) heran.
Was kann man sonst noch sagen über diesen Krimi, ohne zu viel zu verraten? Nun, dieses Bild der Beatrice Cenci spielt eine gewissen Rolle, das Messer auf dem Cover des Buches täuscht und an manchen Stellen scheint mir Marklund etwas dick aufgetragen zu haben. Oder geht es im Nobelpreiskomitee wirklich so turbulent zu? Na ja, vielleicht doch… und dann die Nachbarn und die leidige Kindererziehung, bei der man offensichtlich nur noch alles falsch machen kann….
Geschrieben jedenfalls ist das Buch gut lesbar, über weite Passagen hin sogar spannend und kurzweilig. Die Darstellung des Kätzchens erscheint mir etwas schablonenhaft, und warum sie keine Kontaktlinsen trägt, ist mir ehrlich gesagt, schleierhaft… dagegen sind die Dialoge und Zusammentreffen mit Q an manchen Stellen direkt witzig und einer Art verdeckter Sympathie zwischen beiden angemessen…
Facit: gute Unterhaltung, die den angerissenen Themenkreis über die eigentliche Krimihandlung hinaus ausdehnt, in weiten Teilen läßt sich das Buch auch als Geschichte einer scheiternden Beziehung lesen.
Liza Marklund
Nobels Testament
Rowohlt TB-Verlag, September 2008, 444 S.
ISBN-10: 3499232995
ISBN-13: 978-3499232992
Simon Beckett: Kalte Asche
Oktober 19, 2009

Becketts Held, David Hunter, forensischer Pathologe, wird mit einer Bitte, die er wohl nicht ablehnen kann, nach Runa geschickt, um dort zu überprüfen, ob die dort in einem verfallenen Cottage gefundene und ziemlich verbrannte Leiche einem Unfall zum Opfer fiel oder einem Täter. Runa, Schauplatz des Romans, ist eine Insel, die zu den Hebriden vor der Nordküste Schottlands gehört, ein ziemlich einsamer Platz, die Menschen eine verschworene Gemeinschaft (zumindest nach außen) und die Landschaft karg und rau.
Wäre es ein Krimi, wenn der verbrannte Leichnam nicht vorher noch erschlagen worden wäre? Nein, sicher wäre die Handlung im Buch dann kürzer geworden… daher habe ich wohl auch noch nicht zuviel verraten mit diesem Detail. Jedenfalls, die Insel, die von den 4 Elementen (die alten Griechen hätten ihre Freude) Wasser (in Form von Regen) Luft (in Gestalt eines Sturms), Feuer (mehr als genug…) und Erde (na ja, irgendwo muss man ja drauf laufen…) ist Schauplatz sich immer weiter auschaukelnder Ereignisse, die Beckett dann in einem Reigen von gedanklichen Volten, die immer wieder alles schon sicher geglaubte über den Haufen werden, enden läßt. Mehr will ich garnicht sagen, um die Spannung nicht rauszunehmen.
Was hat mir an dem Buch gefallen?
Also, es ist in jedem Fall spannend, gut zu lesen, unterhaltsam und da ich mal davon ausgehe, daß Beckett sauber recherchiert hat, in gewissen Aspekten auch lehrreich. Zumindest habe ich nicht gewusst, daß bei Leichen, die in starkem Feuer liegen, der Schädel plötzlich explodiert (Im übrigen ist dieses Schädelloch dasjenige, durch das im tibetischen Lamaismus die Seele des Menschen entweichen muss, damit sie in ihrer weiteren Existenz kein Schaden leidet… so beschreibt es zumindest A. David-Neel in ihrem Buch „Heilige und Hexer„, Brockhaus 1984. Man sieht, ich habe quergelesen…natürlich weiß ich nicht, ob da ein sachlicher Zusammenhang besteht, den nach Landor wiederum sind Feuerbestattungen in Tibet eine seltene Sache (Holzmangel) und eher hochgestellten Persönlichkeiten vorbehalten. Aber denkbar wäre es schon, daß die Lamas diesen Schluss zogen, daß aus dem explodierenden Schädel die Seele entweicht…. egal, das nur am Rande vor mich hingesponnen….). Ferner: Beckett hält sich nicht mit soziologischen und kulturgeschichtlich interessanten Fragen auf, er treibt seine Handlung voran, es geschieht immer was (ich bewundere Hunters Nehmerqualitäten….) und Langeweile wird zum Fremdwort.
Andererseits:
Die Geschichte ist in höchstem Maße konstruiert und die Wahrscheinlichkeit, eine solche oder ähnliche Konstellation an Menschen und Ereignissen mal in freier Wildbahn anzutreffen, äußerst gering. Vom ersten Hunter, der Chemie des Todes, ist man als Leser ja ein wenig vorgewarnt: nichts ist so wie es scheint. Nun ja, hier treibt Beckett die Auflösung seines Buches noch ein wenig weiter, so überfallartig und vom Handlungstrang losgelöst, als hätte er unter dem Zwang gestanden, dem ganzen noch eins drauf zu setzen….
… das muss jetzt reichen, um neugierig zu machen oder abzuschrecken. Je nach dem.
Facit: spannend, gut zu lesen, aber zu konstruiert.
Simon Beckett
Kalte Asche
Rowohlt Tb.; August 2008, 432 S.
ISBN-10: 3499241951
ISBN-13: 978-3499241956
Christian von Ditfurth: Lüge eines Lebens
Oktober 13, 2009

Stachelmann, Historiker und endlich fertig mit seiner Habilitationsschrift, wird Ziel eines Attentäters, der ihn aber, so muss man vermuten, mehrfach absichtlich verfehlt. Zeitgleich wird eine Verleumdungs- und Mobbingkampagne gegen ihn gestartet. Unerklärlich, mehr als beunruhigend und vor allem: wo liegt das Motiv, wer also könnte dahinter stecken?
Das Motiv, das wird dann schnell klar, liegt in irgendeiner Weise in seiner Habil-Schrift verborgen, die aber (auch in seiner eigenen Einschätzung) nichts beinhaltet, was wirklich revolutionär wäre, was ein Motiv für einen Mordversuch darstellen könnte.
Die Polizei ist natürlich eingeschaltet, aber Stachelmann betreibt Selbstverständlich seine eigenen Recherchen. Dabei lernt er Brigitte, eine dem antifaschistischen Widerstand angehörige Studentin näher kennen, aber bevor dies noch näher wird und sie ihm zumindest in Teilen Ross und Reiter nennen kann, findet er sie mit aufgeschlitzter Kehle in seinem Arbeitszimmer vor.
Seine eigenen Recherchen: ein ziemlich durcheinander gehendes Sammelsurium möglicher Verdächtiger, das er (auch zusammen mit den etwas obskuren Freundeskreis von Brigitte) aufzudröseln versucht. Aber egal wie sicher er sich ist, den potentiellen Täter entlarvt zu haben, landet er doch meist in Sackgassen und muss frustriert von vorne anfangen. Und wie so häufig, hilft ihm zum guten Schluss Kommissar Zufall auf die Spur und Ditfurth präsentiert dem Leser nach über 400 Seiten zum Teil ermüdenden Lesens einen Täter ..
Ich habe das Buch nicht verschlungen, das kann man wahrlich nicht sagen. Die Lektüre war, ich schrieb es schon, zum Teil ermüdend und so zog sich das Lesen auch hin, immer wieder Pausen, in denen das Buch beiseite gelegt war. Die Auflösung, die der Autor liefert, wirkt so wie der ganze Fall: konstruiert und etwas arg an den Haaren herbeigezogen. Gelungen sind dagegen die Passagen, in denen Ditfurth die Angst von Stachelmann schildert, das plötzlich über ihn hereinbrechende Misstrauen gegen seine Umwelt, die Verlorenheit, die Unsicherheit, die Beklemmung, das Ausgeliefertsein einem Unbekannten, der auf einmal Macht über die eigene Person hat. Das ist stimmig und gut nachempfunden und hat mich beim Lesen auch bei der Stange gehalten. Der Rest… na ja….
Facit: ein Krimi, den man lesen kann, aber wenn nicht, versäumt man auch nicht viel.
Christian von Ditfurth
Lüge eines Lebens
Stachelmanns vierter Fall
Kiepenheuer & Witsch; September 2008, Tb, 432 S.
ISBN-10: 3462040235
ISBN-13: 978-3462040234
Gisa Klönne: nacht ohne schatten
Juli 12, 2009

Ich habe mich, da mir die beiden ersten Bücher von Klönne („Unter dem Eis“ und „Der Wald ist Schweigen“ so gut gefallen hatten, auf die TB-Ausgabe (man hat ja schließlich doch nur ein begrenzt großes Bücherbudget…) von „Nacht ohne Schatten“ gefreut. So, und was schreib ich jetzt? Bei den Leserkritiken bei amazon kommt das Buch ja sehr gut weg, aber ich muss bekennen, mir gelingt diese ungeteilte Zustimmung nicht.
Zuerst einmal grob die Handlung: ein S-Bahn-Zugführer wird ermordet, die Spuren sind mehr wie mager. Am nächsten Tag brennt eine Pizzeria in der Nähe des Tatorts ab, aus dem Keller kann ein junges Mädchen, die dort offensichtlich als Prostituierte gehalten wurde, gerade noch vor dem Verbrennen gerettet werden. Der einzige Zusammenhang mit dem Mord vom Vortrag sind erst einmal die zeitliche und die örtliche Nähe. Dann spielt noch ein Haus voller KünstlerInnen, aus dem man den Tatort auch hätte beobachten können, eine Rolle, weil nämlich auch von denen eine spurlos verschwindet. Am Schluss gibt es dann ein spannendes Ende und der Bösewicht bekommt eben das verdiente.
In der Hauptsache aber handelt das Buch von Judith Krieger, der Hauptkommissarin, die durch diesen Fall daran erinnert wird, das sie früher mal voller Idealismus feministische Ziele vertreten hat und für die Rechte der Frauen kämpfen wollte. Alles im Zusammenhang mit Prostitution ist für sie eine Erniedrigung der Frauen, insofern steht sie auch mit den geänderten liberalen Gesetzen zur Prostitution vom Dezember 2001 auf Kriegsfuss, da es ihrer Meinung nach weiterhin die Macht der Männer über die Frauen zementiert, weil es das Gewerbe praktisch legalisiert, ohne daß sich in der Praxis für die Frauen viel ändert. Damit exponiert und isoliert sie sich im Kreis der Kollegen sehr und so splitten sich auch schnell die Theorien über die aufzuklärenden Verbrechen auf. Dies führt soweit, daß Judith Krieger, die alte Kontakte aus ihrer Vergangenheit wieder aufleben läßt, sogar beurlaubt wird.
Auf der anderen Seite ist ihr Kollege Manni Korzilius. Dieser verfolgt eine andere Theorie, beide arbeiten mehr gegen- als miteinander und bekommen sich wieder in die Haare. Ein großer Teil von Manni K.s Gedankenwelt wird von Sonja beherrscht, der Frau, die er für sich erobern will. Und so hat er dann auch am Schluss im entscheidenden Moment mal wieder das Handy ausgestellt…..
Die dritte wichtige Person im Buch ist die Russin Ekaterina Petrowa, die von den Solowetzkij-Inseln stammt, samischer Abstammung ist und in Deutschland als Pathologin arbeitet und ein Modellprojekt „Häusliche Gewalt gegen Frauen“ betreut. Ihre Großmutter war Schamanin. Als Petrowa noch ein Kind war wurde diese von jungen Männern mit toten Augen geholt und aus einem Hubschrauber geschmissen („Wenn du Schamanin bist, flieg!“). Nun trägt sie dieses Trauma mit sich herum und spürt auch, daß sie das Erbe ihrer Großmutter nicht verleugnen kann. Als Pathologin sehr kompetent, hat sie große Schwierigkeiten, mit ihrer Vergangenheit umzugehen und sich auf die realen Verhältnisse, in denen sie in Deutschland lebt, einzustellen.
Soweit zu Handlung und Personen. Der Fall selbst, die Aufklärung, die verschiedenen Spuren, das ging mir alles zu wirr. Dann noch diese mystische Komponente durch die Petrowa, die psychologischen Probleme der Krieger, der sonjafixierte Manni, der unter einem Pseudonym Freierforen, Bordelle und Straßenstrich auf der Suche nach Anhaltspunkten zur Aufklärung des Falles durchforstet – irgendwie „ging“ das nicht an mich, hat mir nicht gefallen. Es wirke alles etwas zu überfrachtet, zu viel des Guten für einen einzigen Roman. Klönne hätte ihre „Botschaft“ wahrscheinlich (für mich zumindest) klarer vermitteln können, wenn sie vielen Nebenschauplätze vermieden hätte und auch der Krimihandlung hätte eine stringentere Handhabung gut getan.
Denn natürlich packt Klönne hier gesellschaftliche Entwicklungen an, die voller Probleme stecken: zum einen der „Menschenhandel“ mit jungen Frauen aus vorwiegend Osteuropa, die unter falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt, hier auf übelste Art und Weise als Ware „verheizt“ werden und zum anderen die immer größer werdende gesellschaftliche Akzeptanz von Erotik und Sex als Alltagsphänomen in z.B. der Werbung. Ein schönes Beispiel für das, was ich meine: in der Print-Ausgabe der ZEIT von dieser Woche ist unter einem Beitrag über Intimrasur (allein die Tatsache, daß die ZEIT sich dieses Themas – in ihrer „Wissen“-Seite…. annimmt) eine rasierte weibliche Scham in Großaufnahme zu sehen (im online-Beitrag übrigens nicht….). Dazu kann man sich natürlich fragen: a) warum weiblich, nicht männlich, b) warum überhaupt das Thema/ein Bild/dieses Bild (siehe online-Ausgabe), c) warum nicht auch in der online-Ausgabe das Schambild und d) hätte die ZEIT dieses Bild vor z.B. 10 Jahren ebenfalls schon gedruckt… Es sind einfach in den letzten Jahren Hemmschwellen in der Gesellschaft gesenkt worden, die auch und gerade die kriminellen Seiten des Geschäftes mit Sex begünstigen. Dies im Rahmen eines Krimis anzureißen und ggf Problembewusstsein zu wecken, ist jedenfalls positiv. Nur ist mir in diesem Roman leider nicht klar geworden, ob Klönne einen Krimi schreiben oder sich über diese gesellschaftlichen Tendenzen auslassen wollte.
Facit: weniger wäre mehr gewesen, vielleicht haben meine Erwartungen auch einfach nicht auf das Buch gepasst…. trotzdem: immer noch lohnenswertes als manch anderes Buch zu lesen.
Gisa Klönne
nacht ohne schatten
Ullstein TB-Verlag, Juli 2009, 366 S.
ISBN-10: 3548280579
ISBN-13: 978-3548280578
Simon Beckett: Die Chemie des Todes
Juni 8, 2009

Dick und fett, quer über den Einband: Bestseller. Na ja… ich habe das Buch von einer Bekannten bekommen und da ich gerade mit meinen Charitos fertig war, kam sie mir gerade recht, die Chemie des Todes.
Worum geht es? Ein offensichtlich sich in einer Lebenskrise befindlicher Arzt trifft im englischen Hinterland in einem kleinen Ort ein, wo er sich auf eine Stelle in einer Praxis bei einem durch einen Unfall behinderten Kollegen beworben hat. .. Schnitt .. Jahre später, Mr Hunter, der junge Arzt, ist immer noch in dem Kaff und arbeitet in der Praxis. Trotzdem ist er auch nach den 3 Jahren, die er im Ort lebt, für die Einheimischen ein Fremder geblieben.
Eines Tages wird eine schlimm zugerichtete Frauenleiche gefunden, ein paar Tage darauf noch eine. Beide Frauen wohnten bzw. stammten aus Manham und es breitet sich die schlimme Erkenntnis aus, daß der Täter aus den Reihen der Einheimischen stammen muss. Der untersuchende Kommissar recherchiert Hunters Vergangenheit und enthüllt, daß jener seinerzeit der führende forensische Anthropologe Englands war. CSI, Kathy Reichs und P. Cornwall (um nur die bekanntesten zu nennen…) lassen grüßen… Sehr widerwillig läßt sich Hunter in die Ermittlungen einspannen.
Jetzt gibt es die üblichen Versatzstücke: in seinen Träumen enthüllt sich die private Tragödie, vor der Hunter seinerzeit geflohen ist, er lernt eine junge Lehrerin im Ort kennen, die Polizei hört nicht auf ihn, ein weiterer Toter wird gefunden, er verliebt sich in die Lehrerin, die ihn von seinem Schuldgefühl heilt, aber gleichzeitig auch als weiteres Opfer prädestiniert ist, Verdächtige werden aufgebaut und z.T. auch wieder entlastet, der Ekelfaktor des Lesers wird durch eine moderat eingesetzte Beschreibung von Tatort und/oder Leiche befriedigt und.. und .. und… soweit alles ziemlich konventionell….
Beckett beschreibt, wie sich im Ort langsam eine vergiftete Atmosphäre des Misstrauens, der Gewalt und der Verdächtigungen aufbaut, die der örtliche Geistliche nutzt, um die Einwohner noch weiter aufzuwiegeln. So gerät auch Hunter in die Fänge der selbsternannten Wächter…. In diesem Ort bleiben Fremde ein Leben lang Fremde, Abschottung ist hier die Devise.
Insoweit ist eigentlich alles vorhersehrbar in diesem Roman. Selbst daß der penetrant zum Verdächtigen aufgebaute gerade ob dieser Penetranz sicher nicht der Täter ist, verwundert kaum. Zum Schluss hat mich Beckett aber dann doch mit einer Volte überrascht, mit der er den wirklich Bösen hinter dem sozusagen von jenem instrumentalisierten Bösen präsentiert. Aber mehr will ich nicht verraten, außer, daß der Autor sich dadurch natürlich gezwungen sah, eine irgendwie halbwegs plausible Story zu erfinden, die diese Volte erklärt. Und so müssen sich ob der langatmigen Erklärungen und Erläuterungen die im Hintergrund und im Vordergrund vor sich hinsterbenden mit ihrem endgültigen (oder auch nicht) Ableben gedulden und einen langen Atem bewahren, weil – man wird ja kaum fertig mit den Erklärungen…… nun ja, diese Aufklärung für die ganz Dummen, dieser offensichtlich immer gegen Ende einer Geschichte einsetzende Sprechzwang beim Bösewicht – der stört mich schon seit Jahren. Meine Güte, erklären die wirklich haarklein all ihre Motive und Beweggründe … na gut.
Facit: konventionell, aber keineswegs sensationell. Eine gut geschriebene, gut lesbare, zum Teil sogar spannende Unterhaltungslektüre
Simon Beckett
Die Chemie des Todes
Rowohlt TB, 2007, 432 S
ISBN-10: 3499241978
ISBN-13: 978-3499241970
Petros Markaris: Der Großaktionär
Juni 6, 2009

„Wir wollen keine Werbung mehr! Wir wollen keine Verarschung mehr! Wir wollen nicht länger von Lügnern und Betrügern an der Nase herum geführt werden!“
Das ist jetzt mal ein ganz neuer Plot: Es gibt jemanden in Griechenland, dem die (nervtötende) Werbung in TV-Sendungen nicht gefällt und der die Werbeindustrie in die Knie zwingen will, indem er Menschen aus der Branche umbringt.
Aber bevor Kostas Charitos, der Athener Kommissar, dahin kommt, hat er einen etwas weiter gespannten Umweg zu nehmen. Seine Tochter Katerina, frisch promoviert und ebenso verliebt will nach der Prüfung mit ihrem Freund Urlaub machen. Und genau diese Fähre, mit der sie auf die Insel übersetzen wollen, wird von Terroristen entführt. Natürlich hält Charitos nichts mehr in der Stadt, er fliegt nach Kreta und steht mehr oder weniger hilflos und tatenlos im Einsatzzentrum herum, bis er von seinem Chef zurückbeordert wird, weil eben ein mysteriöser Mord an einem „Werbe“star verübt worden ist.
Charitos findet kaum Verwertbares, dann geschieht ein zweiter Mord und die Vermutung, ein Serienmörder ginge um, verfestigt sich. Die einzig heiße Spur ist die Tatwaffe, eine uralte deutsche Pistole, die unter normalen Umständen kein Grieche besitzen kann. Nachdem noch weitere Morde geschehen, kommt Charitos mangels anderer auf die kühne Idee, der Mörder könnte in irgendeinem Zusammenhang stehen mit … nun gut, daß verrate ich jetzt nicht, sonst ist vielleicht die Spannung weg.
Soweit zur groben Inhaltsangabe des Romans. Was macht ihn nun lesenswert? Ich würde sagen, das griechische im Buch. Ob man nun in realiter einen hochrangigen Polizeibeamten unbedingt mit einem altertümlichen Mirafiori (Höchstgeschwindigkeit immerhin noch gute 60 km/h) durch das Land fahren lassen muss, sei dahingestellt, aber nach Lektüre des Buches hat man schon einen guten Überblick über das Athener Straßennetz. Wer selbst schon einmal in dieser Stadt war und sich unter Syntagma- und Omoniaplatz was vorstellen kann (und auch den Verkehr kennt), für den sind diese Passagen sehr anschaulich und von hohem Wiedererkennungswert. Mit der gleichen Liebe zum Detail schildert Markaris das Familienleben der Charitos´, ihre kulinarischen Vorlieben und ihr gegenseitiges Miteinanderumgehen. Und auch Kostas Ch. selbst wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert, an einer Stelle des Buches heißt es, daß jeder, der lange genug bei der Polizei ist, irgendwo Dreck am Stecken hat.
Durch die Tatwaffe hat Markaris einen Aufhänger gefunden, griechische Geschichte in all ihren Widersprüchen und Brüchen vom 2. Weltkrieg an bis in die Jetztzeit anzureißen. Ich erinnere mich noch, daß ich seinerzeit, am Ende der Junta, auf einer Fahrt in die Türkei durch Nordgriechenland gekommen bin. Bei der ersten Einreise war noch der Junta-Stempel im Pass, auf der Ausreise war das Junta-Symbol herausgebrochen und auf der Rückfahrt dann ein neuer Stempel…. Bewegte Zeiten, in denen Charitos seinerzeit bei der Polizei angefangen hatte……
Sehr anschaulich und auch glaubhaft schildert Markaris auch die polizeiinternen Grabenkämpfe und Eifersüchteleien, die Konflikte mit den publicitysüchtigen Ministern und die Konkurrenz einzelner Dienste bei der Entführung des Schiffes im ersten Teil des Buches.
Ein wenig gewöhnen musste ich mich anfänglich an die vielen Gedanken, die Markaris seine Hauptperson im Kopf wälzen läßt. Dadurch erschien mir der Schreibstil etwas holprig, weil man immer wieder die Ebenen wechselte. Aber nach einer gewissen Eingewöhnung war das kein Problem mehr.
Ach ja, einen gewissen unterschwelligen Humor an der Grenze zum Sarkasmus, mit dem kann das Buch auch aufwarten. Ein weiterer Pluspunkt, würde ich sagen….
Facit: ein kurzweiliger, interessanter und gut geschriebener Krimi, auch wenn der Plot mir an manchen Stellen etwas weit hergeholt scheint.
Petros Markaris
Der Großaktionär
Diogenes TB, Dezember 2008, 477 S
ISBN-10: 3257237871
ISBN-13: 978-3257237870
Stieg Larsson: Vergebung
Mai 26, 2009

Der dritte Teil der Trilogie von Larsson um den Journalisten Blomquist und Lisbeth Salander ist jetzt endlich auch als TB erschienen, wurde auch Zeit….
Inhaltlich knüpft das Buch an das Ende des mittleren Teils an: Salander, schwerstverletzt, wird in ein Krankenhaus eingeliefert, ebenso der von ihr mit einer Axt gekennzeichnete Zalatschenko. Diese beiden Todfeinde liegen nun beide auf der Intensivstation in benachbarten Zimmern. Unterdessen versucht „draußen“ Blomquist nach Möglichkeiten, seine Freundin Salander, die von der Staatsanwaltschaft wegen vieler Anklagepunkte vor Gericht gestellt werden soll, zu entlasten und das hinter allem stehende Komplott aufzudecken. Die Probleme, die der ehemalige russische Agent Zalatschenko dagegen seinen schwedischen Betreuern vom Geheimdienst durch seine wiederholten Eskapaden und der Drohung, auszupacken macht, führen diesen dazu, eine riesige Intrige in Gang zu setzen, die auch vor Morden nicht haltmacht.
In diesen (nur in gröbsten Zügen wiedergegebenen Plot) knüpft Larsson eine Vielzahl weiterer Handlungsstränge und Nebenschauplätze. Die Geschichte von Millenium und Erika Berger ist eine davon, die Liebesgeschichte Blomquists eine andere. Meisterhaft jedoch versteht es der Autor, die einzelnen Handlungsfäden gestrafft, das heißt, spannend zu halten und nie den Überblick zu verlieren.
Die Geschichte, die erzählt wird, ist eine voller Intrigen und Gegenintrigen. Sie spielt mit dem alten Manko jeglicher geheimdienstlicher Tätigkeit: sie macht sich irgendwann selbstständig und löst sich von der realen Welt, mit Tricks und Gewalt muss ein Bild aufrecht erhalten werden, ein Gegner konstruiert werden, der die eigene Existenzberechtigung aufrecht erhält. Es hört nie auf, eine Lüge, einmal in die Welt gesetzt, pflanzt sich fort, muss irgendwann umgelogen werden, schlägt auf ihre Erfinder zurück und potenziert das Unheil, das sie verhindern soll.
Seiner Vita nach war Larsson Experte für Rechtsextremismus und Neonazis. Daher gehe ich davon aus, daß die Schilderungen des Innenlebens der schwedischen (Geheimdienst)Politik nicht erfunden sind, sondern zumindest einen realen Kern haben. Das macht sie natürlich sehr interessant, selbst wenn man die Existenz einer solchen klandestinen Gruppe wie dem Zalatschenko-Club der Fantasie des Autoren zurechnet, möglich wäre es allemal, verwirklicht im einen oder anderen Geheimdienst sicher auch.
Was bleibt sonst noch zum Buch zu sagen? Natürlich, Salander ist wieder einmal (zwar zu treffen), aber unkaputtbar, Blomquist ist clever, intelligent, hat ein gutes Händchen und macht (fast) nichts falsch, es gibt Zufälle en masse und manches wirkt sehr konstruiert – aber trotzdem: für mich der beste Band der Trilogie, unheimlich spannend (auch wenn das Ende natürlich klar ist) und die über 850 Seiten sind ratzfatz aus.gelesen….
Facit: ein MUSS für Krimi/Thrillerfans, und nicht nur für diese
Links
1. Teil: Verblendung: Buchbesprechung
2. Teil: Verdammnis: Buchbesprechung
Stieg Larsson
Vergebung
Heyne Verlag, Mai 2009)
ISBN-10: 3453434064
ISBN-13: 978-3453434066
Qiu Xiaolong: Rote Ratten
Mai 3, 2009
Der vierte Fall von Oberinspektor Chen aus Shanghai, für mich das zweite Buch mit ihm. Im Grunde gilt für diesen Roman genau dasgleiche, was ich schon für den ersten von mir gelesenen (Schwarz auf Rot) schrieb, daß es sich bei diesen Krimis eher um Romane handelt, die sich mit den Strukturen der modernen chinesischen Gesellschaft auseinandersetzen denn um Geschichten, die Krimispannung vermitteln könnten.
Natürlich hat dieser Roman seine ihn zum Krimi adelnden Elemente: mehrere Tote, den handelnden Oberinspektor mit seinem Gehilfen und ein gehöriger Batzen Wirtschaftskriminalität. Letzterer ist das das gesamte Buch hindurch ziehende Motive Xiaolongs: die enorme Korruption, die in China herrscht und die bis in die höchsten politischen Kreise hineinreicht, weswegen sie auch nicht effektiv bekämpft wird, sondern nur mit einzelnen Aktionen, um das Volk zu beruhigen, während im Hintergrund alles so weiterläuft wie immer.
Oberinspektor Chen, ein aufstrebender, aber nicht blind linientreuer Parteikader, erhält den mit weitreichenden Vollmachten versehenen Auftrag, einen umfangreichen Korruptionsskandal aufzudecken, dessen Drahtzieher sich in die USA abgesetzt und dort politisches Asyl beantragt hat. Chen nimmt diesen Auftrag ernst und ist mit seinen Nachforschungen so erfolgreich, daß er gewissen Kreise nervös macht. Diese bewirken dann, daß er sehr kurzfristig als Leiter einer Schriftstellerdelegation in die USA reisen muss. Aber auch dort versucht er, vermeintlich im Sinne seiner Auftraggeber, weiter zu ermitteln. Erst ganz zum Schluss erkennt er, daß ihm nur die Hauptrolle in einer Show zugedacht war, die nie ernsthaft darauf ausgerichtet war, etwas aufzuklären.
Der Roman hat wenig Höhepunkte, die Handlung plätschert so vor sich hin. Einige Beschreibungen über die Korruption in China sind interessant Glaubt man dem Autor, ist ist wohl so, wie man es sich in seinem Vorurteil immer vorstellt: ohne Bestechung, kleinere oder größer Geschenke, ohne Insiderwissen läuft nichts. So leben Parteikader und Geschäftsleute in einer Art Symbiose: ohne den politschen Einfluss lassen sich keine Geschäfte durchziehen, ohne das Geld der Geschäftsleute können die Kader im Wildwuchs der kapitalistischen chinesischen Gesellschaft nicht ihren Ansprüchen gemäß überleben.
Der erste Teil des Buches, der in Shanghai spielt, hat noch einige kurzweilige Momente, die den geschilderten Lebensumständen in China zu verdanken sind, der zweite Teil, der in den USA spielt, ist langatmig, um nicht zu sagen, in weiten Bereichen langweilig….. so bleibt für mich als…
Facit: kein Muss, als Krimi allenfalls Mittelmaß, als Beschreibung eines Aspekts des chinesischen Alltags interessant.
Qiu Xiaolong
Rote Ratten
dtv, April 2009, 384 S
ISBN-10: 3423211288
ISBN-13: 978-3423211284
Jason Starr: Stalking
April 17, 2009

Dieser Krimi von Jason Starr hat zwei Hauptpersonen, Katie, das Opfer und Peter Wells, den Täter. Das perfide an der Situation ist, daß Katie nichts von ihrer Opferrolle ahnt, sich im Gegenteil bei Peter sicher wähnt und glaubt, in ihm einen guten Freund gefunden zu haben.
Die Geschichte, die Starr erzählt, spielt in NY. Katie ist erst vor kurzem in die Stadt gekommen, hat Eingewöhnungsschwierigkeiten und bei Männern auch nicht so das richtige Glück. Andy, mit dem sie momentan zusammen ist, bedrängt sie und sie weiß nicht, kann sich nicht entscheiden, ob sie ihn wirklich mag oder nicht. In dieser Situation trifft sie durch Zufall, so erscheint es ihr, in ihrem Sportstudie einen alten Bekannten aus Schulzeiten wieder, den gutaussehenden, charmanten, einfühlsamen Peter Wells. Sie verabreden sich, reden von alten Zeiten und verstehen sich offensichtlich sehr gut, auch wenn Katie ab und an von der Intensität, mit der sich Peter um sie kümmert, irritiert ist.
Soweit die Grundkonstellation der Geschichte, die Starr bis an ihr bitteres Ende ausbreitet. Starr, und das ist sehr spannend und interessant zu lesen, schreibt in der dritten Person, läßt also keine seiner Figuren erzählen. Der Stil ist neutral, beobachtend, fast reportagehaft, nicht wertend. In aufeinanderfolgenden Kapiteln schildert er die Vorgänge jeweils aus der Sicht einer der Personen und dabei wird deutlich, wie unterschiedlich die einzelnen Figuren das Geschehen einordnen.
Peter selbst überläßt nichts dem Zufall. Er befolgt einen ausgeklügelten Plan, um Katie für sich zu gewinnen. Durch die Lebensversicherung seiner Eltern zu Geld gekommen, braucht er bei der Umwerbung seines Opfers nicht zu sparen, er versucht ihr im Gegenteil zu imponieren. Es ist für ihn nur eine Frage der Zeit, bis sich Katie auch in ihn verliebt, denn es ist für ihn in seinem Wahn unvorstellbar, daß jemand, den er liebt, ihn nicht auch liebt. Schließlich ist es in den Filmen, die er fast auswendig kennt und die er sich immer wieder anschaut, genauso.. am Ende kriegen sie sich, auch wenn es bis dahin der einen oder anderen Widerstand aus dem Weg zu räumen gilt. Andy zum Beispiel.
Katie dagegen ist unsicher, entscheidungsschwach. Sie will niemanden vor den Kopf stoßen, auch mit Andy versöhnt sie sich z.B nach einer Fast-Vergewaltigung wieder, weil sie für sich immer wieder Entschuldigungen, Verharmlosungen und Erklärungen sucht. So erscheint ihr zwar das Verhalten von Peter teilweise übertrieben, aber sie rechtfertigt es vor sich selbst, deutet es in alles mögliche um und verschließt die Augen vor Offensichtlichem. Selbst als nach und nach über alte Schulfreundinnen konkrete Hinweise auf früher auftauchen, daß Peter ein seltsamer Typ sei und auch die Mutter sie zur Vorsicht mahnt, ignoriert sie das und führt es auf Eifersucht oder mütterliche Angst zurück.
In dieser Gegenüberstellung charakterisiert Starr seine Personen sehr prägnant, als Leser kann man die jeweiligen Gedankengänge nachvollziehen und fühlt sich fast wie in der Rolle der Beschriebenen. Die Männer übrigens kommen bei Starr nicht gut weg, Peter per def. nicht, Andy ist ein schleimender Aufreisser, der nur zum Schuss kommen will, der Detective Himoto (bekannt als unfähigster Detective des NYPD) ist zumindest bemüht, während seine Nachfolger bei der Fallbearbeitung einfach nur arrogant und eitel sind. Und der Rest der männlichen Figuren, die auftauchen, sind zumeist als vorwiegend triebgesteuert dargestellt……
Der sorgfältig ausgearbeitete Plan, nach dem Peter vorgeht, scheint zu funktionieren – zumindest in seine eigenen Einschätzung. Der große Moment, in der er sich Katie offenbaren will rückt näher und näher, kaum kann er es noch erwarten. Doch anstatt wie in seinen Filmen „Ja, ich will….“ zu hauchen, schreit Katie ihn nur an: „Was soll der Scheiss?“ Das ist im Buch der Moment, in dem der Roman eine Wendung erfährt: von nun an ist Katie nicht mehr das ahnungslose Opfer, sondern weiß, daß sie von Peter „gejagt“ wird. Sie erfährt immer mehr Details aus seiner Vergangenheit und ihre Angst steigert sich zur Panik. Die Polizei ist nicht in der Lage, ihr zu helfen, sie fühlt sich (und wird) verfolgt, ist ihrem Feind hilflos ausgeliefert…. mehr will ich jetzt aber nicht verraten….
Um es kurz zu machen: das letzte Drittel des Buches war so spannend geschrieben, daß ich es in einem Rutsch lesen musste, ich konnte einfach nicht aufhören…. (keine falschen Rückschlüsse aus diesem Satz ziehen: auch die ersten zwei Drittel sind spannend, aber auf andere Art und Weise…)
Facit: ein intelligenter, spannender Krimi, einfach Klasse. Einzig den „schwarzen Humor“, den der Klappentext verspricht, habe ich nicht gefunden….
Links:
Informationen der Polizei zum Thema „Stalking“
Website der Arbeitsgruppe „Stalking“ der Technischen Universität Darmstadt
Jason Starr
Stalking
Diogenes, 2009, 528 S.
ISBN-10: 3257239017
ISBN-13: 978-3257239010




